This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Panik
 
Tief war das Schweigen
Im Eichenhain,
Der Mond um die Blätter spann,
Und ich fühlte so eigen,
Als müßt´ es sein,
Den Zauber der da begann.
Deutlicher war mir die Welt geworden,
Als trät´ ich in einen höheren Orden.
In mir fühlt´ ich von Haupt zu Sohlen
Der Dinge heimliches Atemholen,
Fühlte des Baumes leibliches Leben
Oder fühlte mich selbst als Baum,
All sein mächtiges Aufwärtsstreben
Und das selige Blätterweben
Und das wohlige Dehnen im Raum.
Seiner Säfte geheimes Rinnen
Spürt´ ich tief innen,
Wie sie in Zweigen
Quellen und steigen,
Tief von der Wurzel zur Krone ziehn
Bis zum feinsten Geäder des Laubes hin.
Und ich dachte: Was will das werden,
Gleicht mir denn jegliches Ding auf Erden?
Der Baum und der Strauch
Hat ein Antlitz wie meines,
Die tauigen Gräser der Wiese auch,
Alle seh´ ich als eines.
Näher wuchs es und näher heran,
Und die tausend Blättergesichter
Blickten mich an,
Nah mich an wie leiblich verwandte,
Vor Zeiten gekannte
Züge und winkende Augenlichter.
Und so lag ich mir selbst entrückt,
Wohlig und halb beklommen,
Bis mir ein Schreck durch die Glieder zückt,
Als hätt´ ich die Stimme Pans vernommen.
Fort, nur fort!
Daß Gott sich erbarme!
Daß er die langen, laubigen Arme
Nicht nach mir strecke,
Der Baumestrecke.
Der stand ruhig am alten Ort.
Unverwandt
Sah er inst Land,
Tat als hätt´ er mich nie gekannt.

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