Miscellaneous Letters

This letters were prepared and contributed by Dr. Cindy Brewer's German students, Brigham Young University.

Letter #1

[97]                                                                                                                                                                        
Bonn d. 8. Dec. 1835.

            Sie haben Recht, Vielgetreuester aller Getreuen, es ist night möglich und wird nie möglich sein, daß ich einen so albernen, abgeschmackten Entschluß fasse.  Aber daß Sie so fest im Glauben an mir halten und nicht meiner ewig wiederkehrenden Unart überdrüssig werden so, daß Sie am Ende sich gar nicht mehr um mich bekümmern möchten!  Das, guter, treuer Freund, lohne Ihnen Gott!  Es ist meine große Freude, eine Art von Triumph, der mich tröftet, wenn ich wieder einmal mit meinem Vertrauen in Menschen recht derb angerannt bin, was mir unerachtet meines “höchst verständigen” Alters, und mancher sehr harten Erfahrung zu oft widerfährt und gelegentlich alle Tage widerfahren könnte.  Recht ehrlich sage ich es Ihnen jetzt gerade heraus: Sie waren, seit ich Sie kenne, mir immer von Herzen lieb, wurden mir immer lieber, seit Ihrem Briefe aber, der eben vor mir liegt, wüßte ich, Adelen ausgenommen, Niemand über und Einem, höchstens Zweien den Blaß neben Ihnen einzuräumen.  Sie find eine seltene Erscheinung, lieber Freund, und ich weiß diese anzuerkennen.  Damit Punctum!
            Warum ich aber in so langer Zeit sein Lebenszeichen Ihnen gegeben?  Ja, wüßte ich das!  Wie oft denke ich Ihrer; wie oft erzählte ich Adelen von der kurzen Zeit
 
[98] unseres Beisammenseins . . . und doch! -- Die Hauptsache ist wohl, ich liege nicht auf Rosen.  Hätt’ ich nur etwas Fröhliches, Glückliches Ihnen mitzutheiten, da würde ich schon schreiben.  Aber klagen mag ich nicht, und leider scheint der Abend meines Lebens sich nicht heiter gestalten zu wollen.  Ach ich möchte (und gewiß mit besserem Rechte als Sie) ebenfalls mit dem alten Falstaffrufen: Ich wollte es wäre Schlafenszeit, und Alles vorüber!
            Lange wird es wohl ohnehin nicht mehr dauern.  Gefund bin ich übrigens, so wie Sie mich immer gekannt haben, aber im siebzigsten Jahre.
            Ihre “Deutschen Lieber” habe ich und freue mich an manchen.  Gubitz hat mir nichts geschickt.  “Adlershorst”  kenne ich nur aus einer sehr kümmerlichen Darstellung auf hiesigem Theater, von der Köln-Aachener Truppe gegeben.  Uebrigens sehe ich fleißig in der Zeitung nach was sie (aus Wien) über Sie Beide enthält.  Bis jetzt, fand ich noch immer Erfreuliches.  Daß aber Ihre Frau (Julie heißt sie, nicht wahr?), daß Sie ein solcher hübscher Vogel Phönix ist, der Ihnen das Leben erleichtert und verschönt, das freut mich und macht sie mir lieb.  Sagen Sie ihr das; und daß ich sie bitte mich auch lieb zu haben; so weit die Eifersucht es zuläßt, die ich mir ebenfalls recht gern gefallen lasse.
            Dieser Brief ist eigentlich kein Brief, sondern nur die Ankündigung eines Briefes, der nach Neujahr eintreffen
 
[99] soll, wenn ich aus einem Wust trauriger, mühseliger, höchst unangenehmer Geschäftspapiere mich gearbeitet habe.  Auch hab’ ich noch einem Roman den Schwanz anzusetzen, von dem ich aber nicht weiß, ob er bis zu Ihnen gelangen wird?  Er könnte leicht verboten werden, wiewohl ich gewiß nicht zum “jungen Deutschland” gehöre, welches jetzt schon ich den letzten Zügen zappelt.
            Bettina hat ein Lügengewebe, mit Gold und Silber und glänzenden Farben ausstaffirt, zu Tage gebracht.  Sie verlieren nicht viel an der Bekanntschaft.
            Schreiben Sie mir, ehe ich wieder schreibe, und erzähle Sie mir - - - - - - - - - - - - - - Was ist wahr? was nicht?  Ist ein kleiner Zeuge da?  Warb dieser in’s Findelhaus geschickt, wie man in . . . erzählt?
            Im Hauptpunkte bin ich, gegen die Gewohnheit alter Frauen, tolerant und möcht um keinen Preis den ersten Stein werfen.  Aber die zweite Beschuldigung kann ich nicht verwinden.  Da wäre ja schlecter als schlecht!  Armer - - - wohl Dir im Grabe!
                                                                                    Immer die Alte
                                                                                                            J.S.      

Letter #2

[100]                                                                  
Godesberg bei Bonn d. 17. Aug. 1837.
            Mit meinen Gedanken bin ich bei Ihnen, mein Freund, nur wissen diese nicht recht, wo Sie zu suchen find und haben es lange nicht gewußt; sonst hätte ich Ihnen schon längst geschrieben.  Ich weiß, welche Entscheidung Ihre Zukunkt genommen und freue und ängstige mich darüber.  Ich bitte Sie recht inständigst, lieber Hottei; lassen Sie mich Alles wissen; Alles erfahren, von sich, von Ihrer Frau, von Ihren Kindern, sobald Sie an Ort und Stelle und einigermaßen eingerichtet find.
            Auch mein Leben nimmt eine andre Wendung, hoffentlich die letzte vor der großen, die uns Allen bevorsteht, und der ich in meinem 72. Jahre wohl sehre nahe bin, obgleich ich mich, ein wenig Lahmheitabgerechnet, so wohl als jemals befinde.
            In vierzehn Tagen gehe ich nach Jena <<city in east central Germany>>, um dort auszuleben.  Ich bin vom Großherzoge auf eine Weise dazu aufgefordert, der zu widerstehen Thorheit wäre.
            Alles dieses und noch viel mehr schreibe ich Ihnen, sobald ich nur gewiß bin, daß mein Brief wirklich in Ihre Hände kommt.  Erlaubt Ihnen Ihre Zeit mir so zu schreiben, daß Ihr Brief den 31. etwa mich noch in Bonn trifft, so adressirenSie dorthin.  Sonst nach Jena, abzugeben bei Buchhändler Frommann.  Melden Sie mir,
 
[101 nur Ihre Adresse, daß Sie wohl, heiter und muthig find und dazu mein Vielgetreuer, das Uebrige findet sich.
            Ach, lieber Holtei, ist es denn wirklich wahr, daß wir uns nie wiedersehen sollen?
            Ich mag in dieser dummen Ungewißheit, ob diese Zeilen wirklich in Ihre Hände kommen werden, nicht weiter schreiben.
            Leben Sie wohl, mein lieber, guter Freund, immer ohne Wanken auf die alte Weise.
                                                                                                Ihre
                                                                                    Johanna Schopenhauer    

Bibliographic Information
Publication Date
1835
Publication Place
Bonn
Number of Pages
1 page(s)