Jeanne Manon Philipon-Roland

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.

Jeanne Manon Philipon-Roland[1]
Die heil'ge Lieb' zum Vaterlande, 
Sie ist kein Hirngespinnst, kein Wahn, 
Sie lebt und fachet ihre Flammen 
Auch in dem Herz der Frauen an.
Das Rechte lehrt sie sie errathen,
Führt sie auf der Begeistrung Bahn, 
Und zu der Höhe großer Thaten 
Trägt sie ihr Schwindelflug hinan.

Dich, reich an Schönheit, Seelenadel, 
Die hoch saß auf des Geistes Thron, 
Dich riß in ihren wilden Strudel 
Das Ungethüm Revolution. 
Doch wolltest du nicht glänzen, blitzen, 
Dich trieb nicht an die Eitelkeit, 
Du wolltest deinem Volke nützen
In der Parteien wildem Streit.

Mit deinem Worte, mit der Feder, 
Verfochtest du des Volkes Recht;
Hoch wie die Schwalbe in den Äther,
Hobst du dich über dein Geschlecht. 
Du warst ein Mann in Frauenröcken, 
Ein edler, kühner, freier Mann, 
Und schloßest zu den besten Zwecken, 
Dich an die Girondisten an.

Wie glänzte dein begeistert Auge,
Aus dem ein Heer von Funken schoß, 
Wenn deinem feingeschnittnen Munde, 
Der kühne Redestrom entfloß.
Die Massen hast du oft beweget 
Mit deines Worts gewalt'ger Macht,
Und auch, wie wenn der Sturm sich leget, 
Zur Ruhe wieder sie gebracht.

Doch als die Bergpartei jetzt siegte 
Im Lauf der Dinge, die sich dreh'n, 
Da war es um die Girondisten,
Da war es auch um dich gescheh'n.
In Banden wurdest du geschlagen 
Und mußtest schon nach kurzer Frist,
Aus deinem dumpfen Kerker tragen 
Dein schönes Haupt auf's Blutgerüst.

Du gingest stolz – dein Auge strahlte 
Und deine Wangen waren roth,
Du hattest wie ein Mann gehandelt, 
Und wie ein Mann gingst du zum Tod. 
Um deines Volkes Heil zu stählen 
Hast du geopfert Gut und Blut – 
Du konntest in den Mitteln fehlen, 
Allein dein edler Zweck war gut.

Der Gatte, dir in Lieb' ergeben, 
Der treu dich hielt in seiner Brust, 
Er konnte dich nicht überleben, 
Zu schmerzlich war ihm dein Verlust. 
Mit dir war all sein Glück entschwunden 
Jetzt war er einsam und allein,
Da gab er sich die Todeswunden,
Um so mit dir vereint zu sein.



[1] Marie-Jeanne Roland (1754-1793), Girondistin, Gattin des frz. Innenministers Jean Roland del la Platiére
Bibliographic Information
Editor
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date
1991
Publication Place
Frankfurt am Main