Geständnis

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Geständnis
 
            II.
 
Und weil ich schwieg und weil in keuscher Scheue
Ich nimmer auf dem offnen Markt gesungen,
Von meiner Seele ew´ger Liebestreue,
Von meines Herzens süßen Huldigungen:
 
Meint Ihr, ich sei kein fühlend Weib geblieben,
Indes der Freiheit Fahne ich getragen?
Ich hab´ verlernt zu dulden und zu lieben,
Weil meine Lieder keine Liebesklagen?
 
O arme Thoren, die Ihr noch könnt wähnen,
Daß stille Lieb´ und lautes Wort sich einen,
Daß wir heiligsten von unsern Thränen
Vor aller Welt vermögen auszuweinen.
 
Hört Ihr die Nachtigall am Tage schlagen
In lauter Menschen emsigem Gewimmel?
Sie wird zur Nacht im stillen Haine klagen,
Den Menschen nicht, sie singt ihr Lied dem Himmel.
 
Die Lerche aber singt im Sonnenscheine,
Sie ruft die Menschen wach zu neuen Thaten.
Wo sie der Arbeit pflegen im Vereine,
Schwebt sie am liebsten ob den grünen Saaten.
 
So hab´ ich Euch als Lerche aufgeweckt,
Das Morgenlied der Freiheit vorgesungen,
Als Nachtigall hab´ ich mich tief verstecket —:
Das Lied der Liebe ist in Nacht verklungen!
 
 

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