Farbenwechsel

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

Warum doch gehst du immer grau gekleidet?
So sprach der Freund zu einer ernsten Frau.
Mein Aug' sich gern an bunten Farben weidet, 
Du aber gehst so lange schon in Grau.

Mein treuer Freund, dir will ich es wohl sagen, 
Die graue Stimmung herrscht mir im Gemüth, 
Und keine Schillerfarben kann ich tragen, 
Seit mir des Lebens Baum hat abgeblüht.

Das Kind trug Weiß – der Unschuld Engelfarbe
Umhüllte es so duftig, hell und klar, 
Und aus der Ähren aufgehäufter Garbe
Zog es sich Blumen für sein Lockenhaar.

Dann kam die Zeit der aufgewachten Triebe 
Die in dem Lenz des Lebens feurig glüh'n;
Ich ging im Kleid der rosenrothen Liebe
Und in der Hoffnung heilig-schönem Grün.

Dann kam ein Tag, der brachte die Gewänder 
Der wilden feuerfarbnen Leidenschaft,
Die mich umschloß mit ihren Glutenbänder, 
Mir aufgezehrt des Geistes rege Kraft.

Die Gattin ging einher im blauen Kleide 
Der ewig duldenden Ergebenheit, 
Und später trug ich violette Seide,
Die Farbe die dem edeln Zorn geweiht.

Getragen hab' ich wohl auch Purpurgluten 
Die tief empfundner Schmerz auf mich vererbt, 
Denn ach! der Stoff, er war ja in den Fluten
Aus meines Herzens bestem Blut gefärbt.

Dann sah ich Jahre auf mich nieder schweben 
Wie Rabenzüge mit dem Unglücks-Flug,
In welchen ich um ein verfehltes Leben, 
Das dunkle Schwarz der tiefen Trauer trug.

Allmählich trug ich Braun – denn die Bestrebung 
Des Selbstbewußtseins lichtete den Sinn.
Die braune Farbe deutet auf Ergebung 
In ein Geschick an dem ich schuldlos bin.

Jetzt ist das Grau die Farbe meiner Tage,
Das Sinnbild einer blassen Dämmerzeit, 
In der gestorben ist so Freud als Klage. 
Die graue Farbe zeigt Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit! – Hab' alles ich vergessen?
Begraben jedes Hochgefühl. – O nein! 
Für's Vaterland, für große Zeitintressen
Wird nimmermehr mein Herz gleichgültig sein.

Bibliographic Information
Editor
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date
1991
Publication Place
Frankfurt am Main