Die Heimarbeiterin (Poem)

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Die Heimarbeiterin
 
Nur schnell die Augen ausgewischt,
Herr Gott, da hat´s schon fünf geschlagen;
Wie kurz die Nacht, wie müd ich bin,
An allen Gliedern wie zerschlagen.
Schnell Feuer in den kalten Raum,
Das Frühstücksbrot noch schnell besorgen,
Damit man nur zum Nähen kommt,
Denn liefern, liefern muß ich morgen.
 
Dann eilt der Mann zur Arbeit hin,
Die Kinder nach der Schule gehen,
Und jedes braucht die Mutterhand,
Da heißt´s jetzt doppelt fleißig nähen.
Bald kommt das Jüngste angekräht;
Bald heißt´s den Mittagtisch besorgen,
Drum fleißig, fleißig nur genäht,
Denn liefern, liefern muß ich morgen.
 
So geht es weiter jeden Tag
In überstürztem, tollen Hasten,
Bis abends spät das brenn´de Aug´
Gebieterisch verlangt ein Rasten;
So werden Blut und Nerven schlecht
In der Gewohnheit dumpfer Schwere,
Und manchmal nur, bin ich allein,
Erkenn´ ich bang des Herzens Leere.
 
Und dennoch ist nicht tot mein Sinn,
Und Stolz läßt hoch das Herz mir schlagen:
Daß mich die Kunst noch so ergreift,
Wie einst in meinen Jungendtagen.
 
Sie neigt sich liebevoll zu mir:
"Zu dir, zu dir bin ich gekommen!
Laß alles andre hinter dir,
Ich hab´ dich jetzt ans Herz genommen.
Und gehst du von mir, will ich dir
Den Schatz noch der Erinnrung geben,
Aus deines Alltags Einerlei
Will ich dir Herz und Sinn erheben,
Damit du Mann und Kindern kannst
Ein mutig, frohes Auge zeigen.
Drum hoch den Kopf!  Vergiß es nicht:
Wer mich empfindet, bleibt mein eigen."

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