Die Bekehrung der Buhlerin Thais

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Die Bekehrung der Buhlerin Thais.
(Paphnutius.)

 
Personen.
            Paphnutius, Einsiedler.
            Seine Schüler.
            Thais.
            Ihre Liebhaber.
            Antonius,Einsiedler.
            Paulus, sein Schüler.
            Eine Äbstissin.
 
Erster Akt.<<Es empfiehlt sich, vor der Lektüre dieses Stückes die im Anhang gegebenen Erläuterungen über die scholastische Philosophie durchzulesen.>>
 
Vor der Klause des Paphnutius.
Paphnutius.  Schüler.
 
            Schüler.  Warum, o Vater, dieses düstere Gesicht?  Du bist doch sonst so heiter, o Paphnutius.
            Paphnutius.  Wessen Herz voll Leid, dessen Miene voller Traurigkeit!
            Schüler.  Was schmerzt dich?
            Paphnutius.  Daß immerfort der Herr beleidigt wird.
            Schüler.  Welche Beleidigung meinst du?

            Paphnutius.  Die seine eigne Kreatur ihm anthut, das Wesen, welches er nach seinem Bilde schuf.
 

 
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            Schüler.  Du erschreckst uns, Vater, mit deinen Worten.
            Paphnutius.  Wohl reicht an unsres Schöpfers unnahbare Majestät, was wir Beleidigung benennen, nicht hinan; doch darf ich bildlich dieses Wort, das unsrer Schwachheit angehört, auf Gott beziehen, welch schwerere Beleidigung läßt sich erdenken, als daß die kleine Welt dem widerstrebt, des Winke voller Demut die große Welt gehorcht?
            Schüler.  Was aber ist die kleine Welt?
            Paphnutius.  Der Mensch.
            Schüler.  Der Mensch?
            Paphnutius.  Gewiß!
            Schüler.  Der Mensch!  Doch welcher?
            Paphnutius.  Ein jeder.
            Schüler.   Wie ist das möglich?
            Paphnutius.  Es hat dem Schöpfer so gefallen.
            Schüler.  Das fassen wir nicht.
            Paphnutius.  Den meisten freilich sind diese Dinge viel zu hoch.
            Schüler.  O bitte, kläre uns darüber auf.
            Paphnutius.  So gebt wohl acht.
            Schüler.  Wir sind ganz Ohr.
            Paphnutius.  Vier ist der Elemente Zahl, aus denen Gott die große Welt gefügt.  Wohl sind sie feindlich zu einander, allein des Schöpfers Wort hat ihren Widerstand besiegt und sie gemäß den Satzungen der Harmonie verbunden.  Nun ist aus diesen Elementen nicht allein der Mensch gemacht, nein, aus zwei Teilen, die einander weit mehr noch feindlich sind.
            Schüler.  Was könnte feindlicher noch als die Elemente zu einander sein?
            Paphnutius.  Leib und Seele.  Die Elemente widerstreben wohl einander, doch sind sie alle körperlich; die Seele aber ist nicht sterblich wie der Leib, der Leib nicht geistig wie die Seele.

            Schüler.  Wohl wahr!
 

 
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            Paphnutius. Und doch, wenn wir den Dialektikern nur folgen, erhellt es klar, daß auch nicht jene zwei im letzten Grund verschieden sind.
            Schüler.  Du spaßest, Herr.  Wer könnte so etwas behaupten?
            Paphnutius.  Ein jeglicher, der in der Dialektik wohl bewandert; denn nichts ist gegensätzlich der Substanz.  In ihr fließt aller Gegensatz zusammen.
            Schüler.  Was sollte es wohl heißen, wenn du vorhin sagtest „gemäß den Satzungen der Harmonie?“
            Paphnutius.  Ich will es euch erklären.  Gleich wie die hohen und die tiefen Töne, wenn sie harmonisch nur verbunden sind, gar köstliche Musik erzeugen, so auch erzeugt der Elemente Widerstreit, wenn anders sie mit Kunst vereinigt werden, die eine Welt.
            Schüler.  Doch wunderbar, wie aus dem Widerstreit Vereinigung entstehen kann, und wunderbar, Vereinigung dann Widerstreit zu nennen.
            Paphnutius.  Das kommt daher, daß sich aus Ähnlichem kein Seiendes zusammensetzt, doch auch aus solchem nicht, was durch kein einfaches Verhältnis verbunden ist und gänzlich an Substanz, wie an Natur verschieden.
            Schüler.  Was, Vater, ist wohl die Musik?
            Paphnutius.  Ein Zweig des philosophischen Quadruviums.
            Schüler.  Quadruvium?  Was nennst du so?
            Paphnutius.  Die Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.
            Schüler.  Doch warum Quadruvium?<<Quadruvium bedeutet im eigentlichen Sinne den Kreuzungspunkt zweier Straßen.>>
            Paphnutius.  Weil diese Wissenschaften gradenwegs von einem Grundprinzip der Weltweisheit ausgehen, wie vom Quadruvium die Stege.

            Schüler.  Wir tragen Scheu dich irgend etwas über jene
 

 
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drei zu fragen, denn unser schwacher Geist vermag mit Mühe nur der Feinheit deiner Darlegung zu folgen.
            Paphnutius.  Gewiß, es ist kein Kinderspiel, diese Dinge zu studieren.
            Schüler.  Doch wolle von der Wissenschaft ein Wörtlein uns noch hören lassen, mit der wir gegenwärtig uns befassen.
            Paphnutius.  Von ihr weiß ich nur Weniges zu sagen, wir Eremiten pflegen nicht nach ihr zu fragen.
            Schüler.  Worüber handelt sie?
            Paphnutius.  Die Musik?
            Schüler.  Jawohl.
            Paphnutius.  Sie beschäftigt sich mit Tönen.
            Schüler.  Giebt es nur eine oder viele?
            Paphnutius.  Drei Arten macht man von ihr namhaft, doch eine jegliche von ihnen ist mit der andern durch ein einfaches Verhältnis so verbunden, daß, was der einen eigen, auch die andern zeigen.
            Schüler.  Und wodurch unterscheiden sich die drei?
            Paphnutius.  Die eine heißt die himmlische Musik, die andre die Musik des Menschen, die dritte endlich wird von den Instrumenten ausgeführt.
            Schüler.  Worin besteht die himmlische Musik?
            Paphnutius.  In den sieben Wandelsternen und in dem Chor der Sphären.
            Schüler.  Was meinst du damit?
            Paphnutius.  Sie entsteht auf gleiche Weise, wie die Musik der Instrumente.  Denn soviel Intervalle, wie in den Saiten sind, finden wir auch an jenen Himmelskörpern, dazu die gleichen Stufen und dieselben Konsonanzen.
            Schüler.  Was versteht man unter Intervallen?
            Paphnutius.  Die Masse, welche zwischen den Planeten und auch den Saiten auszuzählen ist.
            Schüler.  Und was ist eine Stufe?

            Paphnutius.  Dasselbe, was mit dem Namen Sekunde oft bezeichnet wird.
 

 
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            Schüler.  Auch über diese ist uns nichts bekannt.
            Paphnutius.  Eine Sekunde ist das Ergebnis zweier Töne, die sich verhalten wie es die Zahl epogdous bestimmt, d. h. wie 9:8.
            Schüler.  Je eifriger wir uns bemühen, deiner Weisheit Lehren zu erfassen, um so Schwierigeres bringst du ohne Aufhör uns entgegen.
            Paphnutius.  Bei Darlegungen dieser Art läßt sich das nicht vermeiden.
            Schüler.  Zuguterletzt woll’ uns noch kurz erklären, was es wohl mit den Konsonanzen auf sich hat, damit wir wenigstens den Sinn des Wortes kennen.
            Paphnutius.  Konsonanz nennt man der Töne lieblichen Zusammenklang.
            Schüler.  Wie meinst du das?
            Paphnutius.  Erfahret, daß bald 4, bald 5, bald 8 der Töne eine Konsonanz umspannt.
            Schüler.  So giebt es Konsonanzen drei?  Willst du von jeglicher den Namen uns nicht nennen?
            Paphnutius.  Die erste nennt sich Quarte, gleichsam „aus vieren“, und das Verhältnis bestimmt die Zahl epitrita gleich 4:3.  Die zweite nennt man Quinte, weil sie der Töne 5 umspannt und ihr Verhältnis gleicht der Zahl hemiolus, gleich 3:2.  Die dritte endlich heißt Oktave, ihr Verhältnis ist wie 2:1, acht Töne liegen zwischen ihr.
            Schüler.  Erklingen denn die Sphären und die Planeten im Weltgesang, daß du mit Saiten sie vergleichen darfst?
            Paphnutius.  Der stärkste unter allen ist ihr Klang.
            Schüler.  Und warum wird er nicht gehört?

            Paphnutius.  Auf manche Art wird das erklärt.  Die einen sagen, weil er unablässig tönt, sie unser Ohr des Klanges so gewöhnt, daβ er uns gar nicht zum Bewußtsein komme; die andern legen es der allzudichten Luft zur Last; noch andre bringen vor, daß unser Ohr zu klein sei, den gewalt’gen Klang zu fassen; auch giebt es welche, die da
 

 
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meinen, so süß und herrlich sei der Sphären Klang, daß alle Menschen, wenn er ihnen hörbar würde, so Haus wie Hof und ihr Geschäft verließen, um nur dem süßen Klange nachzufolgen vom Aufgang bis zum Niedergang.
            Schüler.  Dann freilich ist es besser, daß wir nichts davon hören.
            Paphnutius.  Und unser Schöpfer hat das wohl vorausgesehn.
            Schüler.  Doch laß es jetzt genug sein über diese, wir hörten gerne noch von der Musik des Menschen.
            Paphnutius.  Und was am liebsten?
            Schüler.  Worinnen sie sich offenbart.
            Paphnutius.  Nicht allein in dem Zusammenklang von Leib und Seele, davon ich euch bereits gesprochen, noch in den Tönen unsrer Kehle, den hohen und den tiefen, nein, auch im Pulsschlag unsrer Adern und in dem Ebenmaß der Glieder erscheint das einfache Verhältnis wieder, das ich an den Akkorden euch gezeigt.  Harmonisch sind die Finger uns gegliedert, das ist Musik, denn diesen Namen führt nicht allein der Töne, sondern aller ungleicher Dinge Harmonie.
            Schüler.  Fürwahr, wenn wir geahnet hätten, daß Knoten dieser Art zu lösen, so schwierig sei für Ungelehrte – wir hätten lieber auf die kleine Welt verzichtet.
            Paphnutius.  Wenn ihr den Kopf euch auch ein wenig angestrengt, das schadet bicht.  Bedenkt, daß früher Unbekanntes euch nunmehr klar vor Augen liegt.
            Schüler.  Schon wahr, doch haben wir des philosophischen Gespräches jetzt genug, auch sind wir wirklich nicht so klug, um deines Denkens Feinheit völlig zu ermessen.
            Paphnutius.  Ihr spottet meiner.  Unwissend bin ich ganz und gar, vom Philosophen hab’ ich nichts in mir.
            Schüler.  Doch woher ward dir, was du eben uns gelehrt?  Was unsern Geist so angestrengt?

            Paphnutius.  Das ist ja nur ein armer Tropfen, der dem
 

 
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vollen Becher der Gelehrsamkeit entfloß.  Ich find ihn auf, da ich aus Zufall just vorüberging und such’ ihn nun mit euch zu teilen.
            Schüler.  Wie freuen wir uns deiner Güte!  Wenn nur nicht des Apostels Wort uns schreckte, das da verkündet: Der Herr erkürt, was Thorheit vor der Welt, daß ihre Weisen er zu schanden mache.  <<Erster Brief St. Pauli an die Korinther, Kap. 1, Vers 27.>>
            Paphnutius.  Ob Thor, ob Weiser – wer Zweifel und Verwirrung schafft, verdient von Gott verwirrt zu werden.
            Schüler.  Gewiß.
            Paphnutius.  Wenn alle Weisheit sich ein Mensch erwürbe, so würde Gott doch nicht beleidigt sein; die Überhebung nur des Wissenden erzürnt ihn.
            Schüler.  Wohl wahr!
            Paphnutius.  Wozu kann würdiger so Wissenschaft als Kunst verwendet werden, als zu dem Lobe dessen, der das Wissenswerte schuf und das Wissen gab?
            Schüler.  Kein besserer Gebrauch!
            Paphnutius.  Je deutlicher der Mensch erkennt, wie wunderbar des Herrn Gesetze in Zahl, Gewicht und Maß das All regieren, je größre Liebe wird er zu Gott verspüren.
            Schüler.  Das ziemet sich.
            Paphnutius.  Jedoch, warum verweile ich bei diesen Dingen, die euch nur weniges Ergötzen bringen?
            Schüler.  Berichte doch, was dich so traurig stimmt.  Du glaubst es nicht, wie schwer die Neugier auf uns lastet.
            Paphnutius.  Wenn ihr es erst erfahrt, so wird es euch nicht sonderlich ergötzen.
            Schüler.  Nur allzuoft ist es der Fall, daß Leiden einheimst, wer der Neugier fröhnt, und dennoch werden wir nicht ihrer Herr, so fest ist unsrer Schwachheit sie verwachsen.
            Paphnutius.  Ein schamlos Weib verweilt in unserm Lande.

            Schüler.  Das ist verderblich für die Bürgerschaft.
 

 
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            Paphnutius.  Sie strahlt in wunderbarer Schönheit, doch macht ihr Wandel tiefen Abscheu rege.
            Schüler.  Welch’ Elend!  Wie nennt sie sich?
            Paphnutius.  Thais.
            Schüler.  Ah, die Buhlerin?
            Paphnutius.  Sie selbst.
            Schüler.  Deren Verderbtheit freilich ist keinem ein Geheimnis.
            Paphnutius.  Und das ist auch kein Wunder!  Denn nicht mit wenigen zieht sie den breiten Weg zur Hölle, ach! ihrer Schönheit Zauberbann scheint alle Welt in des Verderbens Schlund zu locken.
            Schüler.  Welch’ Unglück!
            Paphnutius.  Leichtsinnige Jugend nicht allein verschwendet Hab und Gut in ihrem Dienste, auch angesehne Bürger berauben sich um ihretwillen.  Was Kostbares sie nur besitzen, das wandert in das Haus der Dirne, sie schenken sich fast arm, um jene zu bereichern.
            Schüler.  Vom bloßen Hören sind wir tief erschrocken.
            Paphnutius.  Ganze Buhlerscharen strömen zu ihr hin.
            Schüler.  Sie richten sich zu Grunde.
            Paphnutius.  Und blind vor Brunst erregen diese Menschen Hader, Zank und Streit, wer sie zuerst besuchen soll.
            Schüler.  Ein Laster hat doch allezeit ein andres im Gefolge!
            Paphnutius.  Das ist ein förmlich Kämpfen vor dem Hause!  Bald schlagen sie sich mit den Fäusten die Gesichter wund, bald gehen sie mit Waffen aufeinander los.  Schier wird des Hurenhauses Schwelle von Strömen Blutes überschwemmt.
            Schüler.  Sünd und Schande!
            Paphnutius.  Und biese thränenwerte, dem Schöpfer angethane Schmach, sie zeugte meine Traurigkeit.

            Schüler.  Fürwahr, da hast du Grund zum Trauern!  Wir zweifeln nicht, daß selbst die Bürger unsres Vaterlands im Himmel sich mitbetrüben.
 

 
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            Paphnutius.  Was meint ihr wohl?  Wenn ich als Liebhaber verkleidet zu jenem Weib mich hinbegebe, ob es noch möglich ist, sie von dem Sündenpfad zurückzurufen?
            Schüler.  Der diesen Plan dir eingab, o glaube, wird dir auch Kraft, ihn auszuführen, leihen.
            Paphnutius.  O wollet durch beständiges Gebet mir beistehn, damit mich nicht die Sündenschlange durch ihre Hinterlist besiege!
            Schüler.  Der den Fürsten der Finsternis darniederwarf, mög’ dir Triumph vergönnen über deinen Feind!
 
Zweiter Akt.
 
Erster Auftritt.
Marktplatz von Alexandrien.
Paphnutius.  Jünglinge.
 
            Paphnutius.  Dort auf dem Marktplatz seh ich junges Volk.  Will doch zuerst an sie herangehn und fragen, wo ich die Gesuchte finde.
            Jünglinge.  Da, ein Fremdling kommt zu uns her, laßt sehn, was sein Begehr.
            Paphnutius (noch von weitem).  Ihr Jünglinge dort, wer seid ihr?
            Jünglinge.  Einwohner dieser Stadt.
            Paphnutius.  Seid mir gegrüßt.
            Jünglinge.  Auch wir entbieten dir unsern Gruß, seist du nun Bürger dieses Landes oder Fremdling.
            Paphnutius.  Ein Fremdling bin ich und soeben angekommen.
            Jünglinge.  Was führt dich her?  Was suchst du bei uns?
            Paphnutius.  Das läßt sich nicht wohl sagen.

            Jünglinge.  Warum denn nicht?
 

 
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            Paphnutius.  Ich möcht es gern für mich behalten.
            Jünglinge.  Es wäre besser, wenn du sprächest.  Da du kein Landsmann von uns bist, so dürfte es nur schwierig dir gelingen ohne Rat der Bürger irgend ein Geschäft hier zu vollbringen.
            Paphnutius.  Allein wenn ich nun grade durch meine Offenheit ein Hemmnis meines’ Plans erzeugte?  Was dann?
            Jünglinge.  Das hast du nicht zu fürchten.
            Paphnutius.  Wenn ihr mir das versprecht, so geb ich gerne nach und will, auf euer Wort vertrauend, das Geheimnis euch enthüllen.
            Jünglinge.  Wortbrüchigkeit sollst du in uns nicht finden, so wenig als wir Feindschaft dir entgegenbringen.
            Paphnutius.  Ich hab von dem und jenem Wanderer vernommen, daß unter euch ein Mädchen weilt, die alle Welt zum Lieben reizt und nicht mit ihrer Liebe geizt.
            Jünglinge.  Kennst du denn ihren Namen?
            Paphnutius.  Gewiß.
            Jünglinge.  Wie heißt sie denn?
            Paphnutius.  Thais.
            Jünglinge.  Ah!  Die allerdings setzt unsre ganze Stadt in Flammen.
            Paphnutius.  Man sagt, sie sei die liebenswürdigste der Frauen und gar holdselig anzuschauen.
            Jünglinge.  Wer dir das berichtet, hat wahrlich nicht gelogen.
            Paphnutius.  Um ihretwillen hab ich der langen Reise Müh’ auf mich genommen, um sie zu sehen, bin ich hergekommen.
            Jünglinge.  Da ist nichts, was dich hindern könnte.
            Paphnutius.  Wo wohnt sie?
            Jünglinge.  Ihr Haus ist nahebei; dort, sieh!
            Paphnutius.  Jenes, wonach ihr mit dem Finger zeigt?
            Jünglinge.  Jawohl.

            Paphnutius.  So will ich vollends zu ihr hin.
 

 
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            Jünglinge.  Wenn du es wünschest, wollen wir dich gern begleiten.
            Paphnutius.  Ich ziehe vor, allein zu gehn.
            Jünglinge.  Ganz, wie es dir gefällt.
 
Zweiter Auftritt.
Haus der Thais.
Paphnutius.  Thais.
 
            Paphnutuis (von außen).  Bist du daheim, o Thais?  Ich suche dich.
            Thais.  Wer ist da?  Wer spricht?  Ein Fremder!
            Paphnutius.  Doch dir in Liebe zugethan.
            Thais (nachdem sie Paphnutius eingelassen).  Wer mir sein Herz entgegenbringt, dem winkt auch meiner Liebe Gunst.
            Paphnutius.  O Thais, Thais!  Welch weiten Weges Mühsal habe ich durchwandert, um mich an deiner Stimme holdem Klang zu letzen, an deiner Wangen Schönheit zu ergötzen!
            Thais.  So will ich dir mein Antlitz nicht verhüllen, und wenn du mit mir plaudern willst – ich thu’ dir gern den Willen.
            Paphnutius.  Doch unsre Unterhaltung sei geheim, und das erheischt geheimren Ort als diesen.
(Sie gehen in Thais’ Gemach.)
            Thais.  Da sieh, mein traulich Kämmerlein, hier ist es angenehm zu weilen.
            Paphnutius.  Hast du ein andres nicht, das noch verborgner?  In dem wir uns ganz unbelauscht besprechen können?
            Thais.  Gewiß; und so versteckt, so heimlich ist der Ort, daß außer mir ihn niemand kennt als Gott.
            Paphnutius.  Als Gott?  Von welchem sprichst du?
            Thais.  Nun, von dem wahren Gott.

            Paphnutius.  So glaubst du auch, er sei allwissend?
 

 
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            Thais.  Gewiß; ihm ist kein Ding verborgen.
            Paphnutius.  Hältst du dafür, daß er der Sünder Thaten übersehe?  Oder meinst du, daß er Gerechtigkeit wird walten lassen?
            Thais.  Mein Glaube ist, daß mit gerechter Wage er die Verdienste jedes von uns wägt und jeglichen nach seinen Thaten mit Strafe oder Lohn bedenkt.
            Paphnutius.  O Christe!  Wie wunderbar ist deiner Gnade unendliche Geduld!  Langmütig zögerst du, selbst jene zu verderben, deren Wandel Sünd und Schuld, obwohl sie dich erkannten.
            Thais.  Was ist mit dir?  Du zitterst und erbleichst!  Weshalb die Thränen?
            Paphnutius.  Ich schaudre, weil ich deines Schicksals denke, und ich beweine dein Verderben.  Du kennst den Herrn und sein Gebot und führtest doch zum Sündentod, ach, wie viel Seelen!
            Thais.  Weh über mich Unselige!
            Paphnutius.  Dein Schicksal ahnend hast du wissentlich des Höchsten Majestät beleidigt.  Wie hart und wie gerecht wird dein Strafe sein!
            Thais.  O großer Gott!  Was sprichts du da?  Ich Unglückselige, was droht mir?
            Paphnutius.  Der Hölle Qualen sind dein Teil, wenn im Verbrechen du beharrst.
            Thais.  O gräßlich, mir dringt durch Mark und Bein dein Mahnen.
            Paphnutius.  Mag Furcht und Schrecken jede Faser deines Herzens schütteln, daß nimmer du der Wollust wieder dienstbar werdest.
            Thais.  Wie könnte fürderhin in meiner Brust Raum bleiben für die Pest der Sinnenlust, da einzig bittre Traurigkeit in ihr regiert und Furcht und das Bewußtsein tiefer Schuld?

            Paphnutius.  O möchte es so bleiben!  Und wenn des
 

 
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Lasters Unkraut völlig ausgerodet, so lasse deine Reuethränen fließen.
            Thais.  Hegst du denn Hoffnung, glaubest du, ich Elende, die tausendmal und abertausend, im Schmutz, im Kote sich gewälzt, ich könnte noch gereinigt werden und mir, durch welche Buße es auch sei, die Gnade Gottes neu verdienen?
            Paphnutius.  Keine Sünde ist so schwer und so entsetzlich kein Verbrechen, daß sie nicht Reuethränen sühnen könnten, wenn anders nur die That der Buße folgt.
            Thais.  So flehe ich dich an, mein Vater, zeige mir das Werk, durch das ich Gott mit mir versöhnen könnte!
            Paphnutius.  Verachte alles Zeitliche, und fliehe deiner Buhlen sündige Gemeinschaft.
            Thais.  Und dann?  Was hätt’ ich weiter noch zu thun?
            Paphnutius.  Begieb dich in die Einsamkeit.  Such eine Stätte, wo du dein Selbst betrachten kannst und klagen über deiner Sünden ungeheure Last.
            Thais.  Wenn du glaubst, dies könne mich erretten, so will ich keinen Augenblick mehr zögern.
            Paphnutius.  Es schafft dir Nutzen, ohne Zweifel.
            Thais.  Vergönne mir noch eine kurze Spanne Zeit, daß ich den Mammon schnell zusammenraffe, ihn, dem so lange ich gedient und auf so sündigem Wege nachgejagt.
            Paphnutius.  Bekümmre dich doch um die Schätze nicht!  Sie werden ihren Herrn schon finden.
            Thais.  Ich trage keine Sorge, sie mir zu sparen, auch denen nicht, die ehmals meine Freunde waren, ich will sie nicht einmal den Armen schenken, denn Sündenlohn dünkt mich zum Wohlthun wahrlich nicht geeignet.
            Paphnutius.  Du urteilst recht.  Doch was gedenkst du dann mit deinen Schätzen zu beginnen?
            Thais.  Dem Feuer werde ich sie überliefern.  Sie mögen Staub und Asche werden!

            Paphnutius.  Warum das?
 

 
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            Thais.  Damit auf Erden nichts verbleibe, das die Sünde mir erwarb und die Verhöhnung meines Schöpfers.
            Paphnutius.  Wie hast du deinen Sinn geändert!  Du bist die Thais nicht mehr, die du früher warst, da dich nach sünd’ger Lieb gelüstete, und Habsucht nur in deinem Herzen hauste.
            Thais.  Vielleicht, daß es dem Herrn gefällt in eine bessere mich zu verwandeln.
            Paphnutius.  Unwandelbar ist die Substanz des Höchsten, doch ist es ihm ein kleines, die unsere zu wandeln.
            Thais.  So will ich gehn und meinen Plan vollenden.
            Paphnutius.  In Frieden scheide und kehre bald zurück.
 
Dritter Auftritt.
Marktplatz.
Thais.  Ihre Liebhaber.
 
            Thais(beschäftigt, ihr Gold und Geschmeide auf einen Scheiterhaufen niederzulegen).  Kommt her zu mir!  Versammelt euch, ihr alle, die ihr in Sünden mich geliebt!
            Liebhaber.  Ist das nicht Thais’ Stimme?  Schnell, hin zu ihr!  Wir möchten sie durch langes Zögern kränken.
            Thais.  Kommt, eilt herbei!  Ich hab euch Wichtiges zu sagen.
            Liebhaber.  Was thust du da, o Thais?  Wozu der Scheiterhaufen, den du aufgeführt?  Und diese Menge köstlichen Geschmeides auf ihm, was soll’s damit?
            Thais.  Wollt ihr es wissen?
            Liebhaber.  Wahrhaftig!  Neugierig sind wir grad genug.
            Thais.  So will ich es euch ohne Zögern kund thun.
            Liebhaber.  Das wäre uns sehr lieb.
            Thais.  Gebt acht.  (Sie zündet den Scheiterhaufen an.)

            Liebhaber.  Halt ein!  Halt ein!  Thais, was thust du?  Bist du wahnsinning?
 

 
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            Thais.  Wahnsinnig wahrlich nicht, ich fühle vielmehr meinen Sinn gesunden.
            Liebhaber.  Was soll denn das bedeuten, daß du 400 Pfund an Gold und Edelstein vernichtest und soviel andre Schätze obendrein?
            Thais.  Was meine Sünden mir erworben haben, all eure Gaben, das mag das Feuer jetzt verzehren.  Auch nicht ein einz’ger Hoffnungstrahl soll euch verbleiben, ihr könntet mich in Zukunft wieder eurem Liebesflehn willfährig sehn.  (Sie schickt sich an, fortzugehn.)
            Liebhaber.  Verweile doch noch einen Augenblick!  Entdecke uns, was dir den Sinn verwirrte.
            Thais.  Ich bleibe nicht und mag auch nicht mit euch mich länger unterhalten.
            Liebhaber (halten Thais fest.)  Warum verachtest und verschmähst du uns?  Sind wir nicht allezeit dir treu gewesen?  Noch immer haben jeden deiner Wünsche wir erfüllt.  Willst du etwa mit diesem unverdienten Haß uns dafür danken?
            Thais.  Laßt mich!  Geht, haltet mich nicht länger fest!  Ihr werdet das Gewand  mir noch zerreißen!  Es möge euch genügen, daß euren Lüsten ich bisher gedient.  Ich will und muß mich unverzüglich von euch trennen!  Mein Sündenleben soll ein Ende nehmen.
(Sie reißt sich los und eilt fort.)
            Liebhaber (zu einander).  Wo geht sie hin?
            Thais (von weitem).  Da mich von euch nie einer sehen wird.

            Liebhaber.  Zum Teufel!  Das heißt ein unbequemes Wunder!  Unser Schätzchen, unsre Thais, die keine andre Sorge hatte, als Geld und Reichtum einzuheimsen, die immerfort auf Lust und Fröhlichkeit erpicht war und in Wollust förmlich schwamm, die giebt auf Nimmerwiedersehn ihr Gold und Silber dem Verderben preis!  Verscheucht uns, ihre treuen Buhlen, beleidigt uns noch obendrein und läßt uns dann allein!
 

 
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Vierter Auftritt.
Haus der Thais.
Thais undPaphnutius.
 
            Thais.  Da bin ich wieder, o Paphnutius, mein Vater.  Nun will ich blindlings dir in allem folgen.
            Paphnutius.  Du hast ein wenig lange geweilt.  Schon wurde ich von Furcht gepeinigt, daß dich von neuem ein irdisch-sündliches Geschäft gefesselt habe.
            Thais.  Das fürchte nicht.  Ganz anderes liegt mir im Sinn! – Mit meinem Golde bin ich nun verfahren, wie ich es wollte, und öffentlich hab ich mich auch von meinen Buhlen losgesagt.
            Paphnutius.  Hast du von diesen dich getrennt, dann darfst du deinem Bräutigam im Himmel dich verbinden.
            Thais.  An dir nun ist es, lieber Vater, mir mein Thun und Handeln vorzuschreiben.
            Paphnutius.  So folge mir.
            Thais.  In deinen Schritten folg’ ich dir; o ließe sich der Herr erbitten, daß ich es auch in deinen Thaten könnte!
 
Dritter Akt.
 
Erster Auftritt.
Vor einem Kloster.
Thais.  Paphnutius.  Später die Äbtissindes Klosters.
 
            Paphnutius.  Sieh da ein Kloster, in welchem heil’ger Jungfrauen gar viele wohnen, eine fromme Schar.  Hier sollst du künstig weilen, hier bring’ dem Schöpfer deine Bußgebete dar.

            Thais.  Ich widerstrebe nicht.
 

 
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            Paphnutius.  Ich will hineingehen und die Äbtissin, der Jungfraun weise Führerin, recht herzlich bitten, dich aufzunehmen.
            Thais.  Und was soll ich inzwischen thun?
            Paphnutius.  Am besten ist es, du begleitest mich.
            Thais.  Wie du befiehlst.
            Paphnutius.  Doch sieh, dort kommt die Äbtissin.  Wer mag ihr nur so schnell berichtet haben, daß wir uns nahen?  Unbegreiflich!
            Thais.  O, ohne Zweifel das Gerücht.  Das kennt nicht Zögern noch Verweilen.
            Paphnutius (zur Äbtissin).  Du kommst zur guten Stunde mir entgegen, Hochwürdigste, dich eben suche ich.
            Äbtissin.  Von Herzen heiß ich dich willkommen, ehrwürdiger Vater Paphnutius.  Deine Ankunft sei gesegnet, du Geliebter des Herrn!
            Paphnutius.  Die Gnade des Allmächtigen bereite dir seines ewigen Segens Glückseligkeit.
            Äbtissin.  Und was bewegt dich Heiligen, meine niedere Behausung der Ehre eines Besuchs zu würdigen?
            Paphnutius.  Deine Hilfe ist zum allerdringlichsten der Werke mir von nöten.
            Äbtissin.  Was soll ich thun?  Laß nur ein einzig Wort von deinem Wunsche fallen, und ich will alsogleich nach Kräften mich bemühn, deine Befehle sämtlich auszuführen und deine Wünsche zu erfüllen.
            Paphnutius.  Ich führe dir ein Geißlein zu, das ich den Wölfen jüngst entrissen habe.  O möchtest du dein Mitleid ihm vergönnen und seiner Heilung deine Sorgfalt widmen, damit es bald die rauhe Geißenhaut abwerfe und mit dem weichen Fell des Lammes sich bekleide.
            Äbtissin.  Willst du nicht deutlicher dich mir erklären?
            Paphnutius.  Die du hier siehst, als Buhlerin verbrachte sie ihr Leben.

            Äbtissin.  Welch’ Unglück!
 

 
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            Paphnutius.  Der Lust und dem Vergnügen hatte sie sich völlig hingegeben.
            Äbtissin.  So hat sie dem Verderben sich selber überliefert.
            Paphnutius.  Doch auf mein Mahnen und mit der Hilfe Jesu Christi, ist sie voll Haß dem ehemals so heißgeliebten Erdentand entflohen und will nunmehr der Keuschheit leben.
            Äbtissin.  Dank ihm, der so ihr Herz gewendet!
            Paphnutius.  Da nun am besten eine Seelenkrankheit, gleichwie ein andres Übel unsres Körpers, durch Gegengift sich heilen läßt, so ist es nötig, daß die Sünderin sich völlig trenne von dem gewohnten irdischen Getriebe.  In eine enge Zelle muß sie eingeschlossen werden, wo ihr Verbrechen sie ungestört betrachten kann.
            Äbtissin.  Das wird ihr sehr von Nutzen sein.
            Paphnutius.  Verordne denn, daß eine Zelle schnell bereitet werde.
            Äbtissin.  Dazu bedarf es wenig Zeit.
            Paphnutius.  Kein Eingang sei in ihr und auch kein Ausgang, einzig ein kleines Fensterlein, durch welches sie ihr Mahl empfange.  Das wolle an bestimmten Tagen ihr und Stunden, doch kärglich, bieten.
            Äbtissin.  Ich fürchte nur, das Mädchen ist zu zart, und sie wird solche Mühsal nicht ertragen.
            Paphnutius.  Das lasse dich nicht kümmern!  Denn schwere Krankheit fordert bittre Arzenei.
            Äbtissin.  Du sprichst die Wahrheit.
 
Zweiter Auftritt.
Vor Thais’ Büßerzelle.
Die Vorigen.
 
            Paphnutius (zur Äbtissin).  Es macht mir Sorge, länger noch zu zögern.  Wenn irgend wer Thais besuchen kommt, so läßt sich am Ende doch verführen.

            Äbtissin.  Weshalb die Sorge?  Warum schließest du in
 

 
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ihre Zelle sie nicht ein?  Da siehe, die du gefordert hast, ist schon bereit.
            Paphnutius.  Vortrefflich!  O Thais, wolle dich hineinbegeben.  Gar wohl geeignet ist der Ort, daß deine Sünden du in ihm beweinst.
            Thais.  Wie eng, wie dunkel diese Zelle!  Nein, nein, das ist kein Ort zum Aufenthalt für mich, ein zartes Mädchen.
            Paphnutius.  Wie darfst du diese Wohnung tadeln?  Und warum schauderst du vor ihr zurück?  Du hast dich zügellos bislang umhergetrieben, drum ziemt es sich, daß endlich du durch dieser Zelle Einsamkeit gefesselt werdest.
            Thais.  Der Geist, an Wohlleben gewöhnt, sehnt sich zu oft nur nach dem frühren Leben.
            Paphnutius.  Und eben darum ist es nötig, daß er durch strenge Zucht gefesselt werde, bis seinen Widerstand er endlich aufgiebt.
            Thais.  Was dein väterliches Sorgen mir anbefiehlt, das will ich voller Demut auf mich nehmen; allein ein Übel dieser Klause wird meine Schwachheit schwer ertragen können.
            Paphnutius.  Was wäre das?
            Thais.  Ich schäm’ mich, es zu sagen.
            Paphnutius.  Warum denn schämen?  Entdecke dich mir frei.
            Thais.  Was wäre unerträglicher, was läßt sich Häßlicheres denken, als aller Notdurft dieses Leibes an einem und demselben Ort genug zu thun?  Gar bald wird, ohne Zweifel, des häßlichen Geruches wegen die Zelle unbewohnbar werden.
            Paphnutius.  Schaudre alleine vor der ewigen Höllenqual und laß die Furcht vor allem, was da zeitlich.
            Thais.  Ach meine Schwachheit ist es, die zur Furcht mich zwingt.
            Paphnutius.  Daß deiner Laster süße Schmeicheleien durch unerträglichen Geruch du büßest, ist nur gerecht.

            Thais.  Ich weigre mich ja länger nicht und will es gern bekennen, daß ich, beschmutzt von Sünde, an einem
 

 
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schmutzigen, unreinen Orte die rechte Strafe finde.  Allein noch größre Schmerzen schafft es mir, daß ich kein Plätzchen habe, um rein und züchtig zu meines Gottes Zorn und seiner Majestät zu flehen.
            Paphnutius.  Wer giebt dir solche Zuversicht, daß du es wagst, mit deinen argbeschmutzten Lippen den Namen unsres reinen Gottes auszusprechen.
            Thais. Von wem soll ich denn sonst Verzeihung hoffen, durch wessen Mitleid wohl soll ich gerettet werden, wenn mir verboten ist, ihn anzuflehn, den ich allein beleidigt habe, und dem allein mein demutvoll Gebet ich bringen darf?
            Paphnutius.  Du mußt mit Worten nicht und offen zu ihm beten, sondern mit Thränen; nicht mit den Klagelauten deiner Stimme, nein, durch das stille Seufzen deines Büßerherzens.
            Thais.  Doch wenn du mir verbietest, daß ich in Worten mich an den Schöpfer wende, wie kann ich hoffen, daß er mir je Verzeihung spende?
            Paphnutius.  Sie wird dir um so schneller werden, je tiefer und vollkommner deine Demut.  Sprich einzig: O der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner!
            Thais.  Fürwahr, soll ich in solchem zweifelhaften Kampf nicht unterliegen, ist sein Erbarmen mir gar sehr vonnöten.
            Paphnutius.  Ermüde nicht im Streiten, dann wird der Herr dir köstlichen Triumph bereiten.
            Thais.  Auch du, mein Vater, wolle für mich bitten, daß ich die Siegespalme mir verdiene.
            Paphnutius.  Unnötig, mich daran zu mahnen!
            Thais.  Das hoffe ich.  (Sie begiebt sich in die Zelle.)

            Paphnutius.  Nun ist es Zeit, daß ich den Fuß zu meiner Einsamkeit geliebten Stätte wende, um meine teuren Schüler aufzusuchen.  Ich übermache die Gefangne darum deiner Frömmigkeit und deiner Sorgfalt, hochwürdigste Äbtissin.  Woll’ ihrem zarten Körper des Lebens Notdurft mäßig
 

 
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bieten, doch nie ermüden, durch heilsam Mahnen ihren Geist zu stärken.
            Äbtissin.  Entschlage dich, o frommer Vater, aller Sorgen, ich will in mütterlicher Sorgfalt ihrer warten.
            Paphnutius.  So will ich gehn.
            Äbtissin.  Wandle in Frieden.
 
Dritter Auftritt.
Klause des Paphnutius.
Paphnutius.  Schüler.
 
            Schüler.  Wer klopft da an die Thür?
            Paphnutius.  Macht auf, macht auf!
            Schüler.  Das ist die Stimme unsres Vaters Paphnutius.
            Paphnutius.  So schiebt den Riegel doch zurück.
            Schüler (die Thüre öffnend).  Willkommen, lieber Vater!
            Paphnutius.  Seid mir gegrüßt.
            Schüler.  Wie lange bist du fortgewesen!  Wir haben uns recht sehr nach dir gesehnt.
            Paphnutius.  Doch hab’ ich während meines Fernseins gar viel geschafft und Nützliches!
            Schüler.  Was ist aus Thais denn geworden?
            Paphnutius.  Sie hat sich meinem Wunsch gefügt?
            Schüler.  Wo weilet sie?
            Paphnutius.  In einer Zelle beklagt sie weinend ihre Sünden.
            Schüler.  Lob sei der heiligen Dreieinigkeit.
            Paphnutius.  Gesegnet sei ihr Name, vor dem das Jetzt erzittert und die Ewigkeit.

            Schüler.  Amen.
 

 
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Vierter Akt.
 
Erster Auftritt.
Vor der Klause des heiligen Antonius.
Paphnutius.  Antonius.
 
            Paphnutius.  Drei Jahre sind verstrichen, seit Thais sich der Buße hingegeben.  Doch blieb bisher mir unbekannt, ob Gott an ihrer Reue Wohlgefallen finde.  Darum begeb ich mich zum heiligen Antonius, meinem Bruder, vielleicht, daß mir durch seine Hilfe Erleuchtung wird.
            Antonius (welcher den Paphnutius von weitem kommen sieht).  Welch’ unverhofftes Glück wird mir zu teil?  Welch’ neue Freude naht sich meiner Klause?  Ich glaube, dort kommt mein lieber Brudereremit Paphnutius.  Er ist es!
            Paphnutius.  Du irrest nicht, ich bin’s!
            Antonius.  Willkommen, lieber Bruder!  Wie freut mich dein Besuch!
            Paphnutius.  Und ich bin, dich zu sehen, nicht weniger erfreut, als du durch meine Ankunft.
            Antonius.  Doch sprich, welch’ glückliches Ereignis, für beide so erfreulich, führt dich hieher aus deiner stillen Klause?
            Paphnutius.  Ich will es dir erklären.
            Antonius.  Das wird mich freuen.
            Paphnutius.  Drei Jahre sind es her, da weilte bei uns eine Buhlerin mit Namen Thais.  Nicht sich alleine schuf sie das Verderben, wie viele, ach, zog sie mit sich zum Untergang!
            Antonius.  Welch’ Unglück, welch’ beklagenswerter Wandel!

            Paphnutius.  Ich bin als Liebhaber verkleidet zu ihr hingegangen und habe ihren Sündenhang durch sanftes, schmeichlerisches Mahnen zerstört, nicht minder durch der Drohung fürchterliche Schrecken.
 

 
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            Antonius.  Wohl war es nötig, deine Worte klug zu mischen, um solche Sünde zu bekämpfen.
            Paphnutius.  Endlich gab sie nach.  Und als der alte Lastersinn verflogen, hat sie auf meinen Rat in eine enge Zelle sich zurückgezogen, um ganz der Keuschheit sich zu weihn.
            Antonius.  Wie freut mich diese Botschaft!  Fürwahr, es zittern alle Fasern meines Herzens vor Lust und Fröhlichkeit.
            Paphnutius.  So ziemt es deiner Heiligkeit; doch ich, obschon auch hoch erfreut, daß sich die Sünderin bekehrte, bin dennoch nicht von Sorge frei.  Ich fürchte immer, das verwöhnte Mädchen wird kaum so langer Buße Last ertragen.
            Antonius.  In welchem Herzen wahre Liebe wohnt, allzeit auch frommes Mitleid thront.
            Paphnutius.  Ich bitte dich daher um deiner Liebe willen, daß du und deine Schüler mit mir im eifrigen Gebet verharren, bis wir von Gott erleuchtet werden, ob nicht die Thränen unsrer Sünderin zum Mitleid, zur Vergebung ihn erweichten.
            Antonius.  Die Bitte wollen wir dir gern erfüllen.
            Paphnutius.  Und unser Gott – ich zweifle nicht – wird gnädig unsre Sehnsucht stillen.
 
Zweiter Auftritt.
Dieselben.  SpäterPaul.
 
            Antonius.  O siehe da, die evangelische Verheißung hat sich an uns erfüllt.
            Paphnutius.  Welche Verheißung meinst du wohl?
            Antonius.  Die uns verspricht, daß Gläubige, im Gebet vereint, all’ Ding von Gott erreichen können.
            Paphnutius.  Was hat sich zugetragen?
            Antonius.  Dem Paulus, meinem Schüler, ist ein Gesicht erschienen.
            Paphnutius.  O rufe ihn.

            Antonius.  Paulus, komm her zu uns!  Berichte dem Paphnutius, was du gesehen.
 

 
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            Paulus.  Ich sah im Traum ein Bett, das war im Himmel mit weißen Decken herrlich hergerichtet.  Zu Seiten standen ihm, Schildwachen gleich, vier Jungfrauen, in überirdschem Lichte strahlend.  Als ich die herrlich, wunderbare Pracht erblickte, da sprach es in mir, dieser Glanz ist keinem andern zubereitet, und niemand ist sonst seiner würdig, als mein Vater und mein Herr Antonius.
            Antonius.  Wie hätt’ ich solche Seligkeit verdient!
            Paulus.  Doch als ich das so vor mich hingesprochen, erscholl wie Donner Gottes Stimme; die rief: Nicht, wie du hoffest, dem Antonius ist dieser Glanz bereitet, Thais, die Buhlerin, soll ihn empfangen.
            Paphnutius.  Lob sei der Süße deines Mitleids, o Christus, Einziger des Herrn!  Wie hast du dich so liebreich mir erwiesen und meine Traurigkeit so bald getröstet.
            Antonius.  Fürwahr, er ist des Preisens wert!
            Paphnutius.  Schnell will ich gehn und mein gefangnes Lamm besuchen.
            Antonius.  Wohl ist es Zeit, der Gnade Hoffnung und den Trost der ewigen Glückseligkeit ihr darzubieten.
 
Dritter Auftritt.
Vor der Büßerklause der Thais.
Paphnutius.  Thais.
 
            Paphnutius.  Thais, mein liebes Pflegekind, öffne das Fenster mir geschwind, daß ich dich sehe.
            Thais.  Wer spricht?
            Paphnutius.  Paphnutius, dein Vater.
            Thais.  O wie verdien’ ich solch ein fröhliches Geschick, daß du die Sünderin besuchen kommst?  Woher mir dieses hohe Glück?

            Paphnutius.  War auch mein Leib drei Jahre von dir fern, hab ich doch immerfort voll tiefer Angst an dich und an dein Seelenheil gedacht.
 

 
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            Thais.  Des bin ich wohl versichert.
            Paphnutius.  Nun wolle mir berichten, Tochter, was du gethan, wie du gelebt und welches deine Buße.
            Thais.  Nichts unserm Gotte Würdiges hab’ ich gethan.  Das weiß ich nur zu wohl und kann nichts andres dir berichten.
            Paphnutius.  Wollte Gott allein auf unsre Sünden sehen, wer könnte dann vor ihm bestehen?
            Thais.  Doch wenn du wissen willst, was ich gethan, so höre.  Ich habe mir die Unzahl meiner Sünden bewußt gemacht, sie wie ein Bündel im Gewissen mein vereinigt und immerfort von neuem dann betrachtet.  So wohnte allezeit in meinem Herzen die Furcht der Hölle, gleichwie in meiner Nase der Geruch der Zelle.
            Paphnutius.  Du hast mit schweren Qualen dich geplagt und darum tagt dir auch der Gnade Morgen.
            Thais.  O möchte er!
            Paphnutius.  Reiche mir deine Hand, damit ich dich aus deiner Zelle führe.
            Thais.  Wolle nicht, ehrwürdiger Vater, die Schmutzbesudelte dem Kot entreißen, erlaube mir, an diesem Orte zu verbleiben, der meinem Erdentreiben würdig ist.
            Paphnutius.  Die Stunde ist gekommen, Tochter, daß du die Furcht weit von dir werfest.  Deine Buße hat dem Herrn gefallen, und du darfst auf das ew’ge Leben hoffen.
            Thais.  O möchten alle Engel seine Vaterliebe preisen, die mein demütiges, zerknirschtes Herz nicht wollte von sich weisen!
            Paphnutius.  Sei standhaft in der Furcht des Herrn und harre aus in seiner Liebe.  Wenn fünfzehn Tage noch verstrichen sind, wirst du den Leib verlassen.  Dann endlich hast du glücklich deinen Erdenlauf vollendet, des Höchsten Gnade wird dein Teil und zu den Sternen schwingst du dich empor.

            Thais.  O daß ich doch gewürdigt wäre, den Höllenqualen
 

 
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zu entgehn, und sollte dies nicht möglich sein, wenn dann doch wenigstens ein mildes Feuer meiner wartete.  Denn mein Verdienst ist nicht so groß, als daß die ewige Seligkeit mir könnte werden.
            Paphnutius.  Was unser Gott in seiner Gnade uns gewährt, das mißt er nicht nach menschlichem Verdienst.  Wollt’ er es dem Verdienste nur gewähren, wie könnte man von Gnade sprechen?
            Thais.  Daher preist ihn der Himmel Wettgesang und jedes Reis auf dieser Erde.  Was alles einst erschuf sein mächtig Werde, die Tiere selbst und selbst der Wasser Strudel lobsingen ihm mit ihrem wirren Klang.  Denn nicht allein, daß er die Sünder duldet – der reichste Lohn wird dem zuteil, der da bereut, was er verschuldet.
            Paphnutius.  Das war von aller Ewigkeit sein Brauch.  Er liebt Erbarmen, aber nicht Verdammen.
 
Vierter Auftritt.
Zelle der Thais.
Thais.  Paphnutius.
 
            Thais.  Verlasse mich nicht, ehrwürdiger Vater!  O bleibe als Trost bei mir in meiner Sterbestunde.
            Paphnutius.  Ich laß dich nicht, ich geh nicht fort, bis deine Seele jauchzend sich zum Himmel aufgeschwungen und deinen Körper ich dem Grabe überliefert.
            Thais.  O...der Tod...er tritt an mich heran.
            Paphnutius.  Wohlan, so ist es Zeit zu beten.
            Thais.  O der du mich geschaffen hast, erbarme dich meiner!  Die Seele, welche du mir eingehaucht, gieb, daß sie glücklich wieder heimgelange.  (Sie stirbt).

            Paphnutius.  Der du von keinem je geschaffen wurdest, du Wesen ohne Körper und Gestalt, des einfach Sein den Menschen schuf, den Menschen, der nicht ist, was ist und doch aus ebendiesem und durch dasselbe geschaffen ward,
 

 
153 
o gieb, daß die verschiednen Teile dieses Menschen, der jetzt zerfällt, in ihre Heimat alle zwei gelangen.  Der Seele, vom Himmel einst herabgekommen, gieb wieder Anteil an den Himmelsfreuden, der Leib mög’ friedlich ruhn im weichen Schoß der Erde, seiner Mutter, bis zu dem Tage, da Staub und Asche sich zusammenfügen, und du aufs neue Lebensodem den auferstandnen Gliedern einhauchst.  Dann wird auch Thais aus dem Grabe sich erheben, vollkommen, wie sie war, ein ganzer Mensch, und zu [der] weißen Schäflein wirst du sie gesellen, die Pforte [ihr] der ewigen Seligkeit erschließend – du, Gott, der einzig ist, was ist, der in der Einheit der Dreieinigkeit regiert, dem Lob und Preis gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit!  Amen.

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