Über weibliche Erziehung
von
Betty Paoli:

Neue Freie Presse, 4. Juni 1869

 

This text was graciously donated by
Dr. Karin S. Wozonig
Projektzentrum Genderforschung der Universität Wien
www.univie.ac.at/gender


 

This Feuilleton by Betty Paoli was edited by Eva Geber for insertion in
Eva Geber (ed.) Betty Paoli: Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht.
Wien: Mandelbaum-Verlag 2001.
This is copyrighted material. Fair usage laws apply. Used by permission of Mandelbaum-Verlag.

 

Betty Paoli:
Über weibliche Erziehung
Neue Freie Presse, 4. Juni 1869

Vor Jahren kannte ich einen gar wackeren alten Mann, der, in den bescheidensten Verhältnissen geboren, sich aus Armut und Niedrigkeit zu Ansehen und Wohlhabenheit emporgearbeitet hatte. Alle seine Erfolge hatte er nur seinem Fleiße, seiner kaufmännischen Tüchtigkeit zu verdanken. Seine Erziehung war eine höchst mangelhafte gewesen; die Sorgen und Mühen des Geschäftslebens hatten ihm nicht Zeit gelassen, das in der Jugend Versäumte später nachzuholen. Nie konnte er sich über seinen Mangel an geistiger Bildung trösten; noch in seinen späten Jahren blickte er wehmütig hinüber in das sonnig helle Reich, von dem sein Geschick ihn ausgeschlossen hatte. Für mich lag etwas Rührendes in dieser tief empfundenen Sehnsucht, mochte sie sich auch mitunter in wunderlicher Weise äußern. Wie die meisten Menschen von großer Intelligenz, denen der angemessene Unterricht versagt blieb, legte er einen ungemein hohen Wert auf den Besitz von Kenntnissen, ohne jedoch im Stande zu sein, das wirklich Wissenswerte von dem bloßen Wissenskram zu unterscheiden. In seinen Augen waren Kenntnisse nicht bloß das Material, das der Geist erst verarbeiten muss, nicht bloß Mittel zum Zwecke, sondern der Zweck selbst. Infolgedessen war sein eifrigstes Bestreben, das Gehirn seiner Söhne zu einem wahren Speicher von Gelehrsamkeit zu machen. In allen übrigen Stücken der zärtlichste Vater, verstand er in diesem einen Punkte keinen Spaß, ja gerade seine Zärtlichkeit war es, die ihn hier zu unnachsichtlicher Strenge trieb. Ermahnte ihn hie und da ein wohlmeinender Freund, den armen Jungen doch etwas mehr Muße zu gönnen, dann schüttelte er den Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe und erwiderte, im Gefühle, eine unumstößliche Wahrheit auszusprechen: „Nein, sage ich Ihnen. Man muss seine Kinder etwas lernen lassen, wenn es auch nichts ist.“

Leider scheint man bei dem Unterrichte, den man den Mädchen angedeihen lässt, in den meisten Fällen von demselben Grundsatze auszugehen. Oberflächlichkeit und Ostentation verleiten die Mehrzahl der Eltern zu nicht geringeren Fehlgriffen, als meinen guten alten Freund seine Unwissenheit begehen ließ. Die Hauptsache, ihrer Meinung nach, ist, dass so und so viele Lehrer gehalten, so und so viele Stunden genommen werden müssen. Die Frage, ob aus den Gegenständen, auf deren Erlernung man bedeutende Zeit- und Geldopfer verwendet, den Lernenden eine wirkliche Förderung erwächst, kommt nicht in Betracht. Der ganze Unterricht, den die Mädchen, mit seltenen Ausnahmen, erhalten, ist ein leeres Scheinwesen und ungleich mehr geeignet, ihre guten Anlagen zu ersticken, als sie zu entwickeln. Unwesentliches wird in den Vordergrund gestellt, das Wichtigste hingegen achtlos beiseite liegen gelassen. Unwesentlich nenne ich die Kenntnisse, die den inneren Menschen unberührt lassen, wichtig jene, deren Erwerbung das Denk- und Urteilsvermögen stärkt und steigert. Diese Letzteren werden bei der Erziehung von Mädchen so gut wie gar nicht berücksichtigt. Und dann klagt man über die Oberflächlichkeit der Frauen, über ihren Mangel an Logik und Konsequenz!

Worauf richtet man bei dem Unterrichte eines jungen Mädchens das Hauptaugenmerk? Dass es mehrere fremde Sprachen geläufig sprechen lerne und sich so viele literarische Kenntnisse aneigne als nötig, um an dem Teetische eine nicht gar zu missliche Rolle zu spielen. Hat man es so weit gebracht, so meint man, seine Pflicht in ihrem vollsten Umfange erfüllt zu haben, und lässt das Übrige auf sich beruhen. An die fördernde Macht anderer Studien, z.B. der Naturwissenschaften, des im rechten Sinne betriebenen Studiums der Geschichte, denkt man so wenig, dass man sich nicht einmal fragt, ob in ihnen nicht vielleicht wirksamere Bildungselemente enthalten seien als in allen französischen und englischen Grammatiken und sämtlichen ad usum höherer Töchterschulen zusammengestoppelten Literatur-Geschichten.

Man beargwohne mich nicht etwa jener abgeschmackten Deutschtümelei, die das Erlernen einer fremden Sprache als Verrat am Vaterlande betrachtet. Die dies tun, haben gewöhnlich ihre Gründe dafür: Sie können nämlich nur Deutsch. Ich betrachte im Gegenteile die Fähigkeit, Fremdes in sich aufzunehmen und es mit dem eigenen Leben zu durchdringen, als eine der wertvollsten Eigenschaften des deutschen Geistes, als eine von der Natur selbst gestellte Bürgschaft seiner welthistorischen Mission. Wenn andere Völker, Engländer, Franzosen, Italiener, sich auf die Kenntnis des eigenen Idioms beschränken, so ist das ihre Sache, für uns aber wahrlich kein Grund, uns des Vorzuges zu schämen, den wir vor ihnen voraus haben. Unsere Mädchen mögen immerhin fremde Sprachen lernen, nur glaube man nicht, dass dieses eine Bildungsmittel alle übrigen ersetzen könne, und mache nicht aus einer so ernsten Sache, wie der Unterricht ist, eine Frage der Eitelkeit. Denn nicht um die geistigen Zwecke, die mittelst des Sprachstudiums erreicht werden können, ist es den meisten Eltern zu tun, sondern nur um den Triumph, dass man die englische oder französische Aussprache ihrer Töchter, ihre korrekte Diktion preise. Ein schönes Resultat, wenn es den ganzen Ertrag der Jugendjahre in sich begreift! Diese alberne Eitelkeit hat aber noch andere schlimme Folgen. Müssen die Mädchen nicht frivol werden, wenn man sie auf rein Äußerliches das entscheidende Gewicht legen lehrt? Wie sollen sie Höheres anstreben, wenn man sie glauben macht, mit der Aneignung einer gedankenlosen Fertigkeit sei schon das Höchste erreicht?
Nicht minder ist das jetzt so beliebte Studium der Literatur-Geschichte für junge Mädchen weiter nichts als eine Anleitung zur Flachheit, zur Anmaßung, zu hohem Scheinwesen. Was sollen sie, denen die Meisterwerke der Literatur noch unbekannt, ja größtenteils noch unzugänglich sind, mit einer Literatur-Geschichte anfangen? Statt die guten Kinder mit den Dichterwerken selbst, so weit ihr Verständnis ausreicht, bekannt zu machen, drängt man ihnen fertige Urteile darüber auf und erzieht sie förmlich zur leidigen Nachbeterei und Unselbstständigkeit. Absichtlich impft man ihnen die kaum wieder abzuschüttelnde geistige Trägheit ein, die sich mit einigen flüchtigen Andeutungen über einen Gegenstand willig begnügt und darauf verzichtet, ihm mit Mühe und Arbeit seinen inneren Gehalt abzuringen. Die armen Getäuschten glauben die gewaltigen Schöpfungen unserer älteren und neueren Literatur wirklich zu kennen, weil sie davon gelesen haben; eben deshalb scheint es ihnen vollkommen überflüssig, die Werke selbst zur Hand zu nehmen. Seltsam! Niemand wird behaupten, dass, wer den Catalogue raisonné einer Bildergalerie durchstudiert, davon denselben Gewinn habe, wie einer, der ihre Meisterwerke mit eigenen Augen betrachtet. Von Dichterwerken hingegen hält man es für möglich, dass man sie vom bloßen Hörensagen kennen lerne. Ebenso wohl könnte man sich am Duft getrockneter Blumen laben! Die Literatur-Geschichte ist nur für den literarisch Gebildeten da; für ihn ist sie von wahrhaftem Nutzen, indem sie ihm den organischen Zusammenhang, die Filiation der geistigen Erscheinungen klar macht und ihn das auch in ihnen waltende Gesetz ahnen lässt. Den literarisch Unerfahrenen hingegen kann jenes Studium – wenn man nämlich bloßes Gedächtniswerk mit diesem Namen bezeichnen will – nur positiven Schaden bringen. Es verwirrt seine Begriffe, stumpft seine Urteilskraft ab und raubt seinem Geist jegliche Selbsttätigkeit. Im Wahne, den Schatz bereits gehoben zu haben, hält er jede weitere Anstrengung für überflüssig und gewöhnt sich daran, dieselbe bequeme, nur leider nicht ebenso fördernde Methode auch auf alle übrigen Gegenstände anzuwenden.

Das Maß dessen, was Mädchen lernen sollen, kann selbstverständlich nur von den individuellen Fähigkeiten und persönlichen Verhältnissen bestimmt werden. Eine Forderung jedoch bleibt unter allen Umständen dieselbe, die Forderung, dass die Wissenschaften, welche den Gedanken- und Anschauungskreis eines jugendlichen Geistes zu erweitern vermögen, vor allen anderen, ja geht es nicht anders, auf Kosten aller anderen betrieben werden sollen. Hieher gehören in erster Reihe die Naturwissenschaften. Beruhige dich, lieber Leser! Ich habe es nicht auf eine gelehrte, sondern nur auf eine vernünftige Erziehung abgesehen. Nun ist es aber geradezu unvernünftig, dass man die Mädchen in der krassesten Unwissenheit über die Gesetze erhält, welche die physische Welt regieren und so tief in das praktische Leben eingreifen, dass, wer sie nicht kennt, täglich dafür büßen muss. Es geht über alle Beschreibung, wie unklar, unrichtig, ja absurd die Begriffe der meisten, selbst sehr geistvoller Frauen in diesem Punkte sind, und unberechenbar ist der Nachteil der daraus entsteht. Diese Ignoranz ist es, die in Haus und Küche – niemand wird mir einwenden, dass diese außerhalb des weiblichen Wirkungskreises liegen – keine rationelle Lebensordnung aufkommen lässt. Sie ist es, die, um nur ein paar Beispiele anzuführen, manche Frauen verleitet, die engsten, dumpfigsten Stuben ihrer Wohnung zu Schlafzimmern zu bestimmen, und sie ihren Hausgenossen Speisen vorsetzen lässt, die, wenn auch vielleicht wohlschmeckend, der ersten Bedingung, den Körper wirklich zu nähren, nur sehr unvollkommen entsprechen. Sie trägt die Schuld, wenn oft die zärtlichsten, aufopferndsten Mütter am Krankenbette ihres Kindes heimlich Mittel von absoluter Schädlichkeit oder widersinniges Regime in Anwendung bringen. Jedem Kinderarzt werden zahlreiche Fälle bekannt sein, in denen das Einschreiten einer wohlmeinenden, aber unwissenden Mutter dem kleinen Patienten Gefahr, wenn nicht gar den Tod brachte. Um solche verderbliche Irrtümer zu vermeiden, brauchen die Frauen nicht etwa Medizin zu studieren, sondern nur etwas Chemie und Physik zu lernen, nicht mehr, als die Gymnasialschüler, von denen sehr viele ja auch keine gelehrte Laufbahn einschlagen, lernen müssen. Das ist nicht sehr viel, aber es würde vollkommen hinreichen, den Mädchen zu einer richtigen Erkenntnis der Naturgesetze zu verhelfen und sie aus den Banden des Aber- und Wunderglaubens zu erlösen. Statt zu den verrücktesten Praktiken ihre Zuflucht zu nehmen, statt auf vom Himmel herabgeschneite Wunder zu hoffen, würden sie einsehen, dass die Wandellosigkeit der Naturgesetze das erhabenste aller Wunder ist. Aus der knechtischen Abhängigkeit von einem überkommenen Wahn würde ihr Geist sich zu der Freiheit erheben, die nur die Erkenntnis zu gewähren im Stande ist.

Wenn ein solches Ziel zu allen Zeiten schon um seiner selbst willen angestrebt werden soll, so tragen jetzt noch besondere Umstände dazu bei, das Streben danach zu einem doppelt unerlässlichen zu machen. Wer kann sich darüber täuschen, dass sich in unseren Tagen auf dem religiösen Gebiete eine Umwandlung von unermesslicher Tragweite vollzieht? Wie vielfach, wie heftig man sie auch bekämpfe, sie ist durch das Studium der Naturwissenschaften, durch die wachsende Einsicht in das Wesen der Erscheinungen unvermeidlich geworden. Keine Macht auf Erden ist stark genug, sie aufzuhalten. Die Frauen von dieser geistigen Bewegung auszuschließen, heißt zugleich ihre Stellung als Gattinnen und Mütter untergraben; denn welchen heilsamen Einfluss können sie als solche noch ausüben, wenn eine so breite Kluft wie die, welche den blinden Glauben vom Forschen und Wissen trennt, sie von ihrem Gatten, ihren Söhnen scheidet? Entzieht der Frau die Möglichkeit, sich an dem geistigen Leben der Ihren zu beteiligen, und ihr stellt sie auf eine Stufe mit den Bewohnerinnen eines Harems. Ist das eine echte, eine wahrhafte Ehe, wenn der Mann, nicht länger von Dogmen beeinflusst, dem Sittengesetz allein die bestimmende Macht über sich zugesteht, während die Frau, durch ihre Unwissenheit in den engen Kreis der theologischen Idee gebannt, ihr Tun und Lassen von Hoffnungen und Befürchtungen abhängig macht, die der Tugend ihre edelste Krone, die Uneigennützigkeit, rauben? Und wie wird das Verhältnis einer solchen Frau zu ihren Söhnen sich gestalten, deren Studien und Anschauungen ihr notwendigerweise ein Gräuel sein müssen? Hier sind nur zwei Fälle möglich: Entweder der mächtige Herzenstrieb behält die Oberhand über das geistige Bedürfnis, und die Söhne lassen sich von der Mutter in das Reich mystischen Dunkels zurückleiten, oder sie verfolgen, trotz aller Bitten und Tränen, ihren Weg und gewöhnen sich daran, ihre Mutter als ein unzurechnungsfähiges Geschöpf zu betrachten, auf dessen Rat in irgendeiner ernsten Angelegenheit zu hören Torheit wäre. In dem ersten Falle werden Menschen erzogen, die, mit Hass gegen ihre Zeit genährt, sich ihren Forderungen widersetzen, bis ihr Siegesschritt über ihre Häupter hingeht. Im zweiten Falle schleicht sich in die Familie ein Zwiespalt ein, der, mag ihn eine angebliche Gemütlichkeit noch so sorglich verkleistern, ihren Bau von innen heraus zerstört. Die Familie beruht vor allem auf dem Ansehen, dessen das Weib als Gattin und Mutter genießt; sie löst sich auf, wenn jenes zerfällt. Jetzt fragt noch, warum den Frauen gründliches Wissen, echte Bildung Not tun!

Fast scheint es mir lächerlich, nach der Feststellung so unermesslich wichtiger Tatsachen auch noch die Frage zu erörtern, ob die Frauen nicht Gefahr liefen, in eben dem Maße, in dem sie an Kenntnissen zunähmen, an Liebenswürdigkeit zu verlieren; doch mag es der Vollständigkeit wegen geschehen. Die Liebenswürdigkeit ist eine glückliche Gabe des Naturells, die nicht im geringsten Zusammenhange mit dem Wissen steht. Wer sie besitzt, dem wird sie bleiben, wie viel oder wie wenig er gelernt haben mag; wem sie versagt ward, der wird ihren Mangel immer zu beklagen haben, mag er nun ein Abgrund von Gelehrsamkeit oder der größte Ignorant sein. Eine andere müßige Frage ist diese: Können Frauen, die ihrem häuslichen Berufe genügen wollen, wohl auch Zeit zu geistiger Beschäftigung finden? Darauf erwidere ich: Auf dem sicheren Grunde eines geordneten Wissens, der freilich in den Mädchenjahren gelegt werden muss, lässt sich leicht weiterbauen. Ferner: Eine im wahren Sinne des Wortes wohlerzogene Frau wird die Disziplin, an die ihr Geist sich gewöhnt hat, auch auf die Führung ihrer häuslichen Geschäfte übertragen und dadurch sehr viel Zeit gewinnen. Ihr logisches Denken wird sie vor der Planlosigkeit bewahren, die alles Schaffen und Sichabmühen unergiebig macht. Wie? Die Frauen hätten nicht Zeit, sich geistig zu beschäftigen? Ich werde an die Richtigkeit dieses Einwandes erst dann glauben, wenn man mir beweist, dass es ihnen auch an Zeit fehlt, die Angelegenheiten des lieben Nächsten zu vertiefen, geistlose Romane zu lesen, Teppiche zu sticken, die vielleicht schon im nächsten Jahre dem Mottenfraß zum Opfer fallen, und allerhand niedliche Sachen anzufertigen, die schöner und billiger in dem nächsten besten Laden feilgeboten werden. Bis man mir nicht diesen Beweis liefert, werde ich nun und nimmermehr glauben, dass die Sorge für ihr Hauswesen und ihre Familie wirklich alle ihre Stunden in Anspruch nimmt. Es handelt sich für sie nur darum, Edles an die Stelle des Frivolen zu setzen, Nichtiges aufzugeben, um Wesentliches zu gewinnen.

In Frankreich beginnt man sich mit der Verwirklichung der Ideen zu beschäftigen, die ich hier zu entwickeln versuchte. Der französische Unterrichtsminister Duruy hat vor einiger Zeit die Errichtung von Gymnasien für die weibliche Jugend in Vorschlag gebracht. Wie begreiflich stieß dieses Projekt auf den erbittertsten Widerstand seitens der klerikalen Partei. Ich weiß nicht anzugeben, ob es dennoch zur Ausführung gelangt ist, zweifle aber keinen Augenblick, dass es schließlich durchdringen wird. Einer im Wesen der Verhältnisse liegenden Notwendigkeit kann sich niemand auf die Dauer entziehen. Wir ahmen den Franzosen in vielen durchaus nicht löblichen Dingen nach; sollten wir es nur dann unterlassen, wenn sie uns mit gutem Beispiele vorangehen? Die Gründung eines Gymnasiums für Mädchen, die nach wissenschaftlicher Bildung verlangen, wäre eine sehr heilsame Sache. Die Lehrgegenstände dürften ungefähr dieselben sein wie an den Knaben-Gymnasien, nur müsste auf den Unterricht in den Naturwissenschaften und der Welt-, vor allem der Kulturgeschichte das Hauptgewicht gelegt und die Mathematik vornehmlich als geistiges Kräftigungsmittel betrieben werden. Die klassischen Sprachen sollten kein obligater Gegenstand sein, sondern nur die sich eigens zu diesem Cursus Meldenden Unterricht in ihnen erhalten, wie denn überhaupt jeder Zwang, jede Pedanterie sorgfältig zu vermeiden wären. Auf diese Weise könnten die jungen Mädchen sich gerade in den Jahren, die am gedankenlosesten verzettelt werden, eine Waffe nutzbringender Kenntnisse erwerben, und jenen, die geistig begabt, aber unbemittelt ihre Existenz auf Arbeit gründen müssen, wäre die Möglichkeit geboten, sich zu tüchtigen Lehrerinnen auszubilden, während das Gouvernantenwesen, wie es jetzt besteht, ein wahrer Krebsschaden der modernen Erziehung ist.

In Österreich freilich steht der Ausführung eines ähnlichen Programmes vorläufig noch das missliche Faktum im Wege, dass bei uns das Ministerium des Unterrichts kärglicher dotiert ist als alle übrigen.

Bibliographic Information
Author
Publication Date
4 June 1869
Publication Place
Vienna, Austria
Number of Pages
1 page(s)
Press
Neue Freie Presse