Erzählungen

Von Therese Huber

This Text was Prepared and Edited by Mareena Smith and Kurt Buhanan, Brigham Young University

 

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I.

Der Stekbrief.

"Ein Gesez zu befolgen, das anerkannt wird, seitdem die Verfassung des deutschen Reichs und aller Reiche der Welt dauert, kann nie Unrecht seyn, und es ist ein grosser Vorwiz von dir, meine liebe Schwester, daß du deine sentimentale Weichherzigkeit höher in Ehren gehalten wissen möchtest, als die Abstraktionen reifer Erfahrungen, die sich geläufig zu machen, mancher junge Mann von Talenten seine besten Jugendjahre aufwendet"—So sprach Friz Hofmüller, und hielt dabei eine grosser Butterschnitte in der Hand, auf welcher gegen das Ende des Perioden seine Augen unbewegt ruhten; seine rechtsgelahrte Würde gerieth aus Mangel an Athem, und aus Rüksichten auf das Butterbrod, allmählich

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dergestalt in Eile, daß er bei'm letzen Wort tief ächzte, und schnell zubiß. Miekchen stand, eine leichte zornige Röthe auf ihrem lieben runden Gesicht, neben einem kleinen Stuhl, auf welchem Bruder Tönchen saß, dem sie eben seine Suppe eingebrokt hatte. Sie stopfte ihm, so lange der ernsthafte Friz sprach, aus Ungeduld Löffel auf Löffel zu, und wie Friz in sein Butterbrod biß, mußte Tönchen wohl satt haben; sie wischte ihm also eilig das Mündchen, nahm ihn auf den Arm, und drehte sich nach der Thür. Ihre hellen Augen waren naß, sie sah so ergrimmt aus, wie es ihr nur immer möglich war—Höre einmal, Friz, sagte sie; ich verstehe kaum ein Zehntheil von deinem Gewäsch; aber ich glaube, es hat sentimentale Weichherzigkeit, wie du es nennst, gegeben, ehe dein deutsches Reich zusammengeflikt war; und also hoffe ich zu Gott, daß es auch eher Leute gab, die sich, so gut wie ich, nicht mit Diebsfangen einlassen wollten! Komm in dem Garten, Tönchen—Und den Buden herzend, gieng sie zur Thüre hinaus.

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Herr Papa, fieng nun Friz wieder an, und stopfte sich eine Pfeife, das Mädchen wird bei ihrem Siegwart, ihren Tragödien und andern [ ], zur wahren Romanenheidin; wenn ich unmaßgeblich rathen dürfte, so wäre ein Jahr Pensionsgeld in der Stadt, um etwas solidere Kenntnisse, und besonders mehr Achtung gegen ernsthafte Wissenschaften— —Lieber Herr Sohn, unterbrach ihn die Stiefmutter, welche bis dahin das Frühstük besorgt hatte, und etwas unruhig dem Gespräch zuhörte; lieber Herr Sohn, Ihr Rath würde unserm guten Miekchen ihr sanftes Herz nicht zu der Strenge abstählen, die Sie predigen, ohne selbst ihrer fähig zu seyn—Der junge Mensch wollte antworten; die Mutter legte ihm, indem sie an ihm vorbeigieng, die Hand auf den Mund: gehen Sie, gehen Sie, Kaiser Justinian! Wenn Sie auch Recht hätten, so würden Sie doch Ihrer Mama nicht vordociren wollen, wie dem armen Dinge dort—Sie verließ mit diesen Worten das Zimmer, und der junge Herr blieb, etwas aus seiner Fassung gebracht, zurück.

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Der Amtmann Hofmüller hätte der theuer erkauften Weisheit seines Sohnes—denn es kam ihm doch immer hart vor, daß es mehr Geld kosten sollte, seinem Friz in fernen Landen den Doktorhut zu erringen, als ihm selbst sein ganzes Studieren von der Fiebel an bis zur Amtmannswürde gekostet hatte—gern noch länger zugehört; allein es mußte Frucht gemessen werden: er füllte also frischen Kanaster in die bleierne Büchse, schob sie dem verduzten Kandidaten hin—Gegen die kömmst du nicht auf, lieber Friz, die stehen alle für eine und eine für alle; sagte er, und gieng halb murrend halb lächelnd an sein Geschäft.

Miekchen hatte das Brüderchen gewaschen, die Milchkammer besorgt, die junge Brut in die Sonne geführt, und trat nun mit leisen Schritten in die Familienstube, indem sie mit recht ernstlichem Unwillen, und doch furchtsam—denn wirklich war der Unwille in ihrem Herzen sehr fremd—nach der Ecke hinblikte, wo ihr gelehrter Bruder des Morgens zu schmauchen pflegte. Ihr ward ganz leicht zu Muthe, wie sie ihn nicht mehr da fand;

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sie sezte sich an ihre Arbeit, und dachte ihrem Streit nun wieder nach, und da sie niemand mehr erbitterte, fühlte sie sich's ganz weich um das Herz werden, daß sie ihrem Bruder so unartig geantwortet hatte—er war so lange vom Hause weg gewesen, und sollte die nächsten Tage wieder fort—und sie konnte so heftig gegen ihn seyn! Das betrübte Zeitungslesen!—bald ließ der Papa die Suppe darüber stehen, bald verbot er ihr darum das Schwazen, Tönchen war schon einmal hart angefahren worden, weil es ihm in seiner Seelenfreude eingefallen war, ein solches einfältiges Blatt zu zerzausen—und nun ist es nicht genug an dem Unglük, das die Staatshändel stiften: nun müssen gar die zufälligen Stekbriefe die Familie entzweien!—Sie ergriff bei diesem Gedanken mit zornigem Eifer die vor ihr liegenden Blätter, und suchte den Ursprung des Streites, den Stekbrief, über welchen ihres Bruders richterliche Strenge so in Harnisch gerathen war, mit nassen Augen auf, um zu entdecken, wie denn so ein furchtbarer Freibrief, an seinem Nächsten zum Schurken

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zu werden, eigentlich aussähe. Sie fand ihn, und las wie folgt:

Signalement.

"N. N. von * * circa 22 Jahr alt, ist ungefähr 5 Schuh 9 Zoll hoch, schlanker, hagerer Statur, glatten Angesichts, röthlicher Farbe, hat hellbraune, rund abgeschnittene, über die Stirne hangende Haare, dunkelbraune feurige Augen, und ist in seinem Gebehrden sehr lebhaft. Er trug bei seiner Entweichung einen dunkelbraunen Frak, mit paillefarbenen Unterkleiden u. s. w."

Sie las noch einmal, und blieb nachdenkend sizen: der Mensch sollte ein Verbrecher seyn? Nimmermehr—was hat er aber gethan?— —Sie hatte nie eine Zeitung gelesen, und man muß es der herzlichen Einfalt des armen Mädchens zu gut halten, wenn sie sich einbildete, so ein Stekbrief wäre das Resultat von allen den wichtigen Dingen, die sich in Petersburg, Berlin, Konstantinopel, u. s . w. ereigneten. Sie las also die Zeitung von einem Ende zum andern, und fand nichts, daraus sie abnehmen konnte, warum N. N. mit einem

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solchen Gesicht, und solch einem Wesen, landesflüchtig war, warum man seinetwegen so manchen armen Schelm mit tausend Thalern in Versuchung führte, einen schändlichen Streich zu begehen. Sie wunderte sich, daß ihm mit Titeln und sonst gar keine Ehre erwiesen war; denn tausend Thaler schienen ihr eine so ansehnliche Summe, daß sie sich vorstellte, es müßte doch ein vornehmer Herr seyn, dessen Kopf so hoch angeschlagen wäre. Endlich legte sie die Zeitung wieder hin; ihre Einbildungskraft malte sich den armen Flüchtling mit feurigen Augen und lebhafter Gebehrde, wie er überall einem Bruder Friz, der eben das Kriminalrecht lernte, aufstossen könnte, wie er nun ergriffen und ausgeliefert würde—ach, und er hat wohl gar Schwestern, die ihn umherirren wissen, und hoffen und zittern; und wenn sie nun Lärm hören, und den Bruder von Häschern umringt, gebunden— —Miekchen mußte laut weinen; wäre Friz jetzt im Zimmer gewesen, sie wäre ihm um den Hals gefallen: denn durch die Vorstellung, was einem Bruder alles für Unheil begegnen könnte,

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war der Flüchtling mit den schwarzen Augen und den lebhaften Bewegungen, und der wohlbedächtige Friz, dessen Augen, blaulich wie ein Teich auf platter Ebene, vorhin so starr auf dem Butterbrod ruhten, in ihrem verwirrten Köpfchen zu einer und derselben Person geworden. Die Mutter trat herein, und fand Miekchen in Thränen—es war eine Stiefmutter, aber eine solche, daß ihr Miekchen nur um so eher ihr Leid klagen konnte; denn sie war nicht über zehn Jahre älter, und Miekchens süsseste Freude auf Erden war das Stiefbrüderchen, das die Mutter, seit es abgewöhnt war, Miekchens Pflege fast ausschließlich überließ. Madame Hofmüller lächelte, wie ihr die Tochter schluchzend und verworren alle das Elend erzählte, das sie sich bei dem Stekbrief gedacht hätte: es ist freilich um so trauriger, sagte sie, weil der arme junge Mensch vielleicht sehr unschuldig dazu gekommen ist; denn so viel ich verstehe, haben die guten Leute mehr in der Art wie in der Sache gefehlt, und so entehrt und flüchtig auf immer Vaterland und Familie verlassen, ist doch etwas

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Schrekliches!— —Madame Hofmüller hatte selbst in D. eine sehr gute Erziehung genossen wie sie den Amtmann geheirathet hatte, war Miekchen vierzehn Jahre alt gewesen, eine gesunde Pflanze, ohne Pflege auf gutem Boden aufgeschossen—ihre neue Mutter, weit entfernt, sie zu verpflanzen oder zu verstümmeln, hatte blos alles Unkraut von ihr abgehalten, sie gegen den heissen Mittagstrahl geschüzt, und ihr unverkümmert Thau und Morgensonne angedeihen lassen. So war dieses Kind der Natur nun siebzehn Jahre alt geworden: ihre Erfahrung schränkte sich auf die Menschen ein, denen sie täglich wohlthat, und von denen sie Wohlthun genoß. Sie gab Tönchen eine schöne Birne, und Tönchen lächelte sie an; also existirten Tönchen, die Birne, und sie: übrigens war alles, wovon sie nicht auf eine ähnliche Weise überzeugt ward, Feenmährchen für sie, es mochte in tausend und einer Nacht, Rollin, Hübner, Siegwart, oder den * * Zeitung stehen. Aber bei einer Seele der Art kann auch jeder Eindruck entscheidend seyn; er haftet desto tiefer, je weniger

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Vorbereitung er findet, je einzelner so zu sagen er trifft. Rein und einfach hatte sich nach und nach der schöne Ausdruck kindlicher Liebe, sanfter Weiblichkeit, weichen Mitleids, auf dem spiegelhellen Bilde entwickelt: wie sonderbar aber, daß seit dem Morgen, da Miekchen das erste Zeitungsblatt gelesen hatte, ein Zug um die freie Stirne schwebte, ein Blik in dem offenen Auge lauschte, der—so hätte jeder Sachkundige gewettet—Liebe heissen, oder Liebe werden mußte!

Miekchen hatte sich alles von der Mutter erzählen lassen, was dieser von dem Aufruhr in S * * bekannt war, sie hatte dazu genommen, was sie von Märtirern und Helden jeder Art wußte, und alles in die Form gegossen, welche der Stekbrief so gefällig entwarf. Der unvorsichtige Stekbrief! Wenn die * * Regierung einmal unglüklich genug war, einen Menschen, dem die Gottheit ihren Stempel so sichtbar aufgedrükt hatte, als vogelfreien Missethäter verfolgen zu müssen, so hätte sie, scheint es, die List jenes Irländers gebrauchen sollen, welcher den Inhalt seines abhanden

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gekommenen Felleisens in den öffentlichen Blättern ganz anders und weit unbedeutender angab wie er war, weil man es ihm, wie er sagte, eher zurükgeben würde, als wenn man wüßte, welche Kostbarkeiten es enthielte.—N. N. war der herrschende Gegenstand von Miekchens Mitleid und Neugier geworden. Sie war nicht von der Thüre, daß sie nicht jeden Bettler aufmerksam angesehen, sie war nicht im Felde, daß sie nicht den Kopf nach jedem vorbeiziehenden Wanderer herumgedreht hätte; sie zitterte, er möchte es seyn! Das Zeitungsblatt hatte sie längst verbrannt, damit niemand lesen sollte, wie er aussähe; aber Friz war noch da, und diesem suchte sie auf alle mögliche Weise den Streit, und dessen Veranlassung, aus dem Gedächtniß zu bringen. Würdigte er die Familie beim Nußabschlagen seiner Gegenwart, und sah etwa einem vorüberschleichenden Armen nach, so rief ihm Miekchen liebreich, brachte ihm eine aufgeknakte Nuß, oder schikte Tönchen ab, ihn zu zerstreuen; denn so herzlich sie noch immer ihre Heftigkeit bereute, so traute sie doch seiner

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unerbittlichen Rechtspflege nicht, und schmeichelte ihm um so herzlicher, weil er ihr bei jedem geneigten Lächeln für N. N. entwafnet schien, wenn ihm dieser je in den Wurf kommen sollte. Ihre Aufmerksamkeit war so anhaltend, daß sich Friz versucht fand, einige Hoffnung zu fassen, als könnte diese leichtsinnige Dirne mit der Zeit doch richtigere Begriffe über manche Dinge bekommen, da eine blosse Ermahnung ihres Bruders so gut angeschlagen hätte.

Eines Abends kamen die Leute von der Arbeit: sie hatten Aepfel gebrochen, und brachten eine reiche Ernte nach Haus. Miekchen lobte die alte Köchin, so brav gearbeitet zu haben—O Mamsellchen, wir haben Hülfe gehabt! da kam ein armer Schelm her, ein Taubstummer—Gott erbarm sich doch, was das für ein Elend ist!—erst bettelte er, nachher hat er mit geholfen—der klettert wie eine Katze in den Aesten herum, keinen Apfel ließ er fallen, und pflükt in einer Viertelstunde so viel wie Jochen und Heinrich in einer ganzen Stunde.— —Der Amtmann schmunzelte

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über die günstige Aussicht für seine Obstkammer; und nahm eine schöne Reinette nach der andern in die Hand.—Der arme Mensch! sagte Miekchen ganz betrübt; habt Ihr ihn nicht wenigstens mit euch essen lassen?—Ei wohl, Mamsellchen! Es ist jammerschade, er hört nicht besser wie der Korb da, und ist zerlumpt!—und sieht recht ehrlich aus.— —

Den folgenden Abend hatten die Knechte Heidekorn geschnitten, und der Taubstumme hatte sein bischen Speise eben so wacker wie beim Aepfelsammeln verdient. Wie es am dritten eben so gieng, wobei der Amtmann zusah, leuchtete diesem der Vortheil, einen solchen geschikten Knecht zu haben, so deutlich ein, daß er sich, als seine Leute Feierabend machten, bei dem Bettler hinstellte, und ihn mit Zeichen und Gesichtern, die er für sehr ausdrucksvoll hielt, fragte, woher und wohin? Der Bettler wies auf Mund und Ohren, nach Norden und Süden, machte Büklinge, und—beide waren so klug wie zuvor. Herr Hofmüller winkte ihm indessen, mit den Knechten nach Haus zu gehen, ließ ihn an ihrem

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Abendbrod theilnehmen, und wies ihm eine Streue im Stall an. Den andern Morgen gieng der neue Hausgenosse mit auf das Feld, arbeitete für drei, und Herr Hofmüller kleidete ihn bei seiner Zurükkunft in einen abgetragenen Kittel mit Zubehör, und führte ihn feierlichst bei seiner Familie ein. Miekchen hatte sich über des Vaters Entschluß gefreut, aber zu Gesicht war ihr der Taubstumme noch nicht gekommen; wie ihn also der Vater jetzt in die Küche brachte, wo Frau und Tochter eben geschäftig waren, blikte sie ihn, so gut es die Küchenlampe zuließ, mit scheuer, mitleidiger Neugierde an: denn sie hatte noch keinen Taubstummen so nahe gesehen, und von dem Augenblik, da er hereingetreten war, sprach und trieb sie alles leise, aus Furcht ihn zu erschrecken. Sie erblikte einen schlanken Burschen, der sich verlegen neigte, und nach der Art der Taubstummen mit der Hand auf Mund und Ohr zeigte.

Den Tag darauf schied Friz von dannen, und eilte, in den Hörsälen von N. die übrigen Schubfächer seines Hirnkasten zu füllen.

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Miekchen hatte ihm schöne Cravatten genäht, ein prächtiges Nachtmützenband gestrikt, und eine Schachtel voll köstlicher geräucherter Magenwürste gepakt, welches alles sie ihm beim Abschied mit Thränen überreichte, und er huldreich annahm. Nachdem er mit dem Papa in das [Karridlchen] gestiegen war, das ihn bis zur nächsten Post transportirte, gieng sie in den Baumgarten, wo sie zu thun hatte, und alle Hausgenossen schon versammelt waren. Der Taubstumme saß mit Tönchen im Gras, und spielte mit ihm; der Kleine schien, so fremd ihm der Mensch noch seyn mußte, ganz vertraut sein kleines Geschwäz mit ihm zu treiben, und es war, als ob sich beide Theile recht gut verstünden. Miekchen empfand anfangs eine Art Widerwillen, denn der arme Mensch kam ihr fast wie ein Gespenst vor. Wie aber Tönchen sie rief, und ihr eine schöne Grenadiermütze von Binsen zeigte, die ihm sein neuer Bekannter gemacht hatte, trat sie näher, und entdekte ein paar feurige Augen, von herabhangenden hellbraunen Haaren fast bedekt, die liebend auf dem rothbäckigen

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Knaben ruhten. Der Taubstumme sprang eilig auf, strich die schönen Haare von einer kühnen glatten Stirne, und verbeugte sich schnell genug, um ziemlich ungeschikt zu scheinen. Miekchen zerbrach sich den Kopf, wo sie wohl das Gesicht schon gesehen hätte?—Sie sann umsonst, sie blikte dem neuen Knecht nach, der, sobald sie das Kind auf den Arm genommen hatte, leicht wie ein Windspiel zu den übrigen Arbeitern lief; sie las mit nachdenklichem Wesen ihre Aepfel auf; im Vorbeigehen sagte ihr die Mutter einmal: so ein Gesicht habe ich noch an keinem Taubstummen gesehen—und in Miekchens Kopfe gieng es wunderlich herum, gleich als wenn man sich eines Traumes erinnern will, von welchem man erst halb erwacht ist. Man machte sich auf den Weg nach Hause; in einer kleinen Schlucht, durch welche man dahin gieng, wurde das Häuflein von ein paar Pferden ereilt, die mit ihrem Karren ausgerissen waren; der Führer rief, alle sprangen die Höhe hinauf und sezten sich ausser Gefahr: nur der Taubstumme, der mit einem grossen Korbe voll Obst auf dem

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Kopf einige Schritte voraus war, blieb unbesorgt im Wege, und Miekchen sah den Augenblik, wo die schnaubenden Pferde ihn umrennen würden. Alles schrie; schon berührte das eine Pferd den Obstkorb, als ein Knecht in den Weg sprang, den Taubstummen bey'm Arm heraufriß, un so ihn rettete. Der arme Mensch erblikte jezt den Karren und die Pferde, schüttelte dankend dem Knecht die Hand, und gieng mit dem Zug weiter. Man sprach von dem Elend eines solchen Zustandes; der Vater meynte, er habe sich übereilt, den Menschen in Dienst zu nehmen, denn wenn er Hals oder Bein bräche, so hatte man nachher nur die Last und die Sorge; die Mutter wandte ihm sanft ein, er pflege ja doch manchem fremden Kranken, warum nicht diesen armen Burschen, der durch seinen Fleiß seinen Unterhalt im Haus reichlich abverdiente? Miekchen sah dem Taubstummen zu, der das Obst auslud, und glaubte Thränen in seinen Augen wahrzunehmen—wie schreklich ist so ein Unglük! rief sie äussert bewegt. Was ist, Miekchen? fragte die Mutter, und reichte ihr die

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Hand.—Liebe Mutter, der Mensch macht mich gar betrübt!—Die Amtmännin redete ihr freundlich und fromm zu, und bemerkte nicht, daß die zunehmende, ganz befremdende Weichheit im Miekchens Wesen sich von dem Tage herschrieb, da Friz ihr einen so strengen Text gelesen hatte.

Der Winter nahte sich, man arbeitete mehr daheim; man mochte vornehmen was man wollte, der Taubstumme blieb bey nichts zurück. So viel fieng man an aus seinen Zeichen und Gebehrden herauszudeuten, daß er von der französischen Grenze seyn mochte, daß er auf dem Lande erzogen wäre, daß man ihm seinen Bündel, und einige Papiere, wahrscheinlich Attestate, gestohlen hätte. Versuchte man, ihn zu fragen, ob er Vater und Mutter hätte, so zeigte er auf die Erde, als wollte er sagen, sie wären längst begraben; wollte man von ihm erfahren, ob er Geschwister oder sonst Familie hätte, so stellte er sich mitten in's Zimmer, bewegte seine ausgestreckten Arme, als wollte er einen grossen leeren Raum bezeichnen, drükte beyde Hände an den Mund, dann

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an das Herz, und schüttelte traurig den Kopf, gleichsam um zu sagen, daß er auf der weiten Erde niemand zu lieben hätte: Miekchen konnte bey dem stummen Auftritt ihre Thränen nicht zurückhalten. Indessen zählte der arme Bursche bald so viele Freunde und Beschützer, als Leute im Haus waren; ein jeder wollte sein Wächter seyn, und er lohnte es einem jeden mit Diensteifer und Bereitwilligkeit. Wie das neue Jahr herankam, suchte der Amtmann unter seines Sohnes abgelegter Garderobe einen braunen Rok und gelbe Unterkleider aus, um sie dem ehrlichen Burschen zu schenken; der Taubstumme schien bey'm Anblik dieser Kleidungstücke betroffen, und nahm sie erst nach vielen Pantomimen, mit denen er sein Weigern ausdrücken wollte, an: ein Beweis von Bescheidenheit, welcher die gute Meinung noch erhöhte, die man von ihm hatte. Am Neujahrstag, vor dem Gottesdienst, trat er, wohl gekämmt, mit weisser Wäsche angethan, und in dem ganzen übrigen Staate, den er am heiligen Abend erhalten hatte, mit dem andern Gesinde in die Familienstube, wo

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nach alter Vätersitte der Herrschaft Heil und Segen gewünscht wurde. Miekchen zog eben dem kleinen Brüderchen sein zu Weihnachten beschertes Flügelkleidchen an: so wie sie den Taubstummen erblikte, fuhr sie auf, und eine glühende Röthe bedekte ihr Gesicht. Im ersten Schrecken wollte sie zur Mutter stürzen, allein der Taubstumme näherte sich ihr mit einem sonderbar höflichen Krazfuß, und in seinen Augen war etwas, das sie auf ihrem Stuhl zurückhielt.

Miekchen gieng in die Kirche; aber der Pastor mochte immer über Schluß und Anfang des Jahrs die gottseligsten Dinge sagen, sie hatte nur N. N. und den Taubstummen im Sinne—denn wahrlich, wahrlich er war es, der Taubstumme war kein andrer als der unglükliche verfolgte N. N.; was ihr schon lange dunkel und unbewußt vorgeschwebt hatte, stand jezt, da der Taubstumme in diesem Anzug erschienen war, deutlich vor ihren Augen. Deswegen war ihr von dem Augenblik, wo er Tönchen die Mütze von Binsen geflochten hatte, sein Gesicht so bekannt gewesen; deswegen

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hatte sie seine Bewegungen und sein ganzes Wesen immer so wunderbar abstechend gegen sein mancherley Gewerbe im Haus gefunden—wie konnte aber ein Taubstummer zum Verschworenen werden? denn so undeutlich ihre Begriffe von Verschwörungen waren, so glaubte sie doch treuherziger Weise, daß es wenigstens der fünf Sinne dazu bedürfte, und überdem hatte sie in jenem Stekbrief, der ihr ein so unauslöschliches Bild zurükgelassen hatte, diese traurigen Kennzeichen gewiß nicht angeführt gefunden. Ihr armes Köpfchen fieng an, ganz wüst zu werden: aber die Furcht, daß aller Augen, so gut wie die ihrigen, in dem Taubstummen den geächteten N. N. des Stekbriefes erkennen möchten, behielt die Oberhand, und die Aussicht, daß er den ganzen übrigen Tag in seiner neuen Tracht auftreten würde, drükte sie zentnerschwer. Ihr stand eine weit ausgesuchtere Angst bevor. Man hatte am Taubstummen eine besondere Gewandtheit im Aufwarten bemerkt, und der Amtmann war daher bey seinem grosmüthigen Geschenk aus Frizens Nachlaß nicht bloß darauf bedacht gewesen,

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ein gutes Werk zu thun und einen braven Knecht zu belohnen, sondern er hatte auch in Anschlag gebracht, daß er durch diese Ausstaffirung des Taubstummen an Gallatagen einen zierlichen Bedienten erzielen würde: ja der Hoffartsteufel mochte ihn verleiten, mit seinem Monstrum so gut Ehre einlegen zu wollen, wie manche hohe Herrschaft mit ihren Zwergen oder Schwarzen thut. Bisher hatte der arme Tropf seiner schlechten Jacke wegen nicht in das Zimmer gedurft, wenn Gäste da waren; heute aber, da eine Menge Nachbarn und Bekannte sich zum Mittagessen eingefunden hatten, trug er die grosse Suppenterrine, in Gestalt einer violetten Schildkröte, mit einem Anstand auf, als hätte er Jahre lang nichts anders getrieben. Der Herr Amtschreiber, der bey der Frau Pastorin stand, und eben mit der Frau Amtmännin sprach, gerieth in lautes Entzücken über die Eleganz des berühmten Taubstummen; denn seit er hier diente, war in der ganzen Gegend wenigstens acht Tage lang fast nur von ihm die Rede gewesen. Wie er nun vollends, die Serviette über die Schulter

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geworfen, mit einer ehrerbietigen Verbeugung zur Frau Amtmännin trat, und auf die prangende Suppenschale deutete, entstand ein Gemurmel der Bewunderung, das unsern guten Amtmann in der Seele erfreute.—Ey, mein Gott, der Mensch muß in guten Häusern gedient haben; sieh doch, mein Schaz, ob wie bey dem Minister je einen geschikteren Lakaien hatten! so rief die Frau Pastorin ihrem Gemahl zu, und sah dem Taubstummen nach. Ihre Urgrosmutter war eine vertriebene französische Reformirte gewesen, sie selbst hatte als Gouvernante bey einer vornehmen Familie gelebt, und war jezt des Herrn Pfarrers, ehemaligen Präceptors der männlichen Jugend in eben dem Hause, wohlweise Gattin. Dem ehrlichen Pastor leuchtete es ein, daß etwas ausserordentliches in dem Verhängniß läge, von deutschen Eltern auf deutschem Boden gebohren, doch eine französische Mamsell mit französischem Namen gewesen zu seyn: er räumte ihr daher ohne Widerstand eine Stufe über sich ein, und befand sich im Grunde recht wohl dabey, denn sie war eine fleißige, gutherzige

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Frau, und hatte man Freude daran, sich von dem Leben, Thun und Treiben in des Ministers Haus erzählen zu lassen, so war auch niemand unterhaltender wie sie. Man sezte sich zu Tisch; der Taubstumme war lange der Gegendstand des allgemeinen Gesprächs. Die vollkommene Unbefangenheit, mit welcher er sich loben, von sich erzählen, die geringsten Umstände herausstreichen—hörte, oder vielmehr nicht hörte, hätte ein sehr nachahmungswürdiges Beyspiel für manchen Sterblichen abgeben können, der, je unverschämter man das Rauchfaß vor ihm schwingt, desto wegwerfender und übermüthiger aussieht. Er stand wie angezaubert hinter Miekchens Stuhl, während daß diese mit der furchtsamen Höflichkeit eines jungen Mädchens, mit der behenden Geschiklichkeit eines braven Hausweibchens, die Gesellschaft bediente, und ihre Mutter aller Sorge für die Gäste enthob. Tönchen saß bey ihr: wie der Taubstumme die Suppe herumgegeben hatte, wollte sie sich zu dem Kleinen wenden, und ihn füttern; sie fand ihn aber schon in voller Arbeit, der Taubstumme hatte sie in seiner

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stillen Geschäftigkeit der ganzen Mühe überhoben. Eine neue Röthe übergoß jezt ihr liebes Gesicht, das seit dem, von ihr wohlbemerkten, Ausruf der Pastorin seine sanften Farben noch nicht wieder gefunden hatte. Während dessen fiengen aber die Herren an, sich unter einander zu erzählen, was merkwürdiges in der Welt vorfiel, und bald kam man auf einen Brief, den der gegenwärtige Herr Oberförster aus T. erhalten hatte, worin ihm ein guter Freund gar gräßliche Beschreibungen von den Hinrichtungen machte, die im . . . . zu S ** stattgehabt hätten: ein anderer guter Freund, der zehn Stunden weit gereist war, um Zuschauer davon zu seyn, hatte ihm alles auf das Umständlichste berichtet. Bey dem Namen S ** war Miekchen zusammengefahren, und hatte unwillkührlich auf den Taubstummen geblikt, der ihrer Mutter eben Fische präsentirte. Seine Augen begegneten den ihrigen, und mit einer schnell vorübergehenden Veränderung des Gesichts trat er eilig zu ihr, gleichsam um sie zu fragen, was sie wollte? Sie schickte ihn mit der Schüssel weiter, und machte sich, ängstlich

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horchend, mit Tönchen zu schaffen. Bald wurde ihr auch dieser Trost entrissen: Tönchen war satt, und streckte die Arme nach dem Taubstummen aus, der ihn mit Herzen und Drücken aus der Thüre trug. Nun mußte Miekchen wohl aufschauen. Die Herren erzählten haarklein, wie es hergegangen war mit Köpfen und Hängen; und es schien dem treflichen Sauerkraut, dem leckern Rehrücken, dem stattlichen Truthahnsbraten, neue Würze zu verleihen. Endlich wischte sich der Pastor den Mund, und fragte mit sanfter Stimme: Ob sie sie denn aber auch alle gekriegt haben . . . . . die armen verirrten Menschen? denn ich erinnere mich, zu seiner Zeit in den Zeitungen gelesen zu haben, wie sich deren etliche aus dem Staube gemacht hatten. Ich hatte selbigesmal noch mein Bedenken, wie es sich vielleicht wohl fügen möchte, daß die tausend Thaler, welche die * * Regierung auf sie zum Preis sezte, irgend eine arme Familie beglücken könnten, von deren Mitgliedern einem die Vorsehung etwa so einen Elenden in den Weg führen dürfte.— —Miekchen klapperte fast mit den Zähnen; der

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Taubstumme, der hinausgegangen war, um den Nachtisch zu holen, kam jezt wieder herein, und zupfte sie am Ermel, indem er auf die Thüre zeigte. Es war Zeit, daß sie abgerufen wurde; denn schon zweymal hatte sich die Frau Oberfösterin erkundigt, wie sie es in aller Welt doch anfienge, daß die Fülle im Truthahn so locker bliebe, ohne daß sich das arme Kind auf eine Antwort besinnen konnte. Dennoch war es ihr leid, jezt aus dem Zimmer zu müssen, weil sie vor Ungeduld brannte, zu erfahren, ob N. N. eingebracht worden wäre, oder nicht. Der Taubstumme hielt sie aber mit einigen Kleinigkeiten, die Anordnung des Nachtisches betreffend, so lange auf, daß wie sie zurükkam, das Gespräch auf andre Gegenstände gefallen war. Da er nun nichts mehr im Zimmer zu thun hatte, war sie freilich einigermaßen von ihrer Unruhe befreyt, aber nur einigermaßen, denn in ihrem unerfahrnen Herzen hatte ein Gefühl, bey dem ihr nicht wohl seyn konnte, schon tiefe Wurzeln gefaßt.

Es läßt sich indessen leicht denken, daß sie bey der augenscheinlichen Unmöglichkeit, einen

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Knecht, einen von der Natur so grausam behandelten Unglüklichen zu lieben, dieses Gefühl sich selbst für nichts anders als für Mitleid ausgeben konnte; und auch ihrer rechtschaffnen Mutter konnte ihr öfteres Sorgen für ihn, ihre besondere Fähigkeit, seine Zeichen zu verstehen, ihre immer wiederkehrende Weichheit, mit welcher sie sich seinen verwahrlosten Zustand zu Herzen nahm, weiter keine Besorgniß machen. Fiel es der Amtmännin in gewissen Augenblicken, zum Beyspiel an diesem Neujahrstage, auch auf, daß der Taubstumme dem Mädchen wie ihr Schatten folgte, und jedem ihrer Winke zuvorkam, so sah sie ihn zugleich eben so aufmerksam gegen ihr Söhnchen; und wenn er für Miekchen ein Bouquet aus dem Wintergarten zusammengelesen hatte, so hatte er Tönchen ebenfalls einen Tannenbaum mit goldenen Nüssen aufgepuzt. In allem diesen konnte sie also nur sein dankbares Herz erkennen, das er, durch seine natürlichen Gebrechen einem Kinde gleich, vorzüglich gegen Kinder, auf seine Art, an den Tag legte. Miekchen selbst hatte nicht mehr Arges daraus, und

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wie sie sich am Abend in ihrer Kammer allein befand, sezte sie sich neben dem Bettchen ihres kleinen Schlafkameraden—denn seit die Mutter Tönchen nicht mehr stillte, pflegte ihn Nachts die grosse Schwester—und machte sich die bittersten Vorwürfe über ihre kindische Furcht, daß man den Taubstummen mit N. N. hätte verwechseln können. Doch heiterer ward sie darum nicht: sie wußte N. N. darum nicht mehr in Sicherheit, der Taubstumme konnte darum nicht sprechen und hören, und die Unglüklichen, deren schrekliches Ende der Herr Oberförster, das Bratenmesser in der Hand, mit der ausdrukvollsten Pantomime erzählt hatte, waren nicht weniger durch einen schimpflichen Tod ihrer trostlosen Familie entrissen. Bey diesem lezten Schmerz blieb sie endlich stehen, denn er war ihr der klarste, und so weidete sich ihr gutes unverständliches Herz daran. Alles, was sie umgab, mischte sich in ihre traurigen Bilder: wie sie Tönchen leise zur guten Nacht küßte, brachen ihre Thränen aus; sie dachte an die Verzweiflung der Gattin des einen Gerichteten, der, wie der Bericht

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gelautet hatte, ein Weib mit einem Säugling hinterließ—Gewiß, gutes Miekchen, das Gefühl, das du nicht verstandest, war eben so rein wie jenes, das du deinem lieben Herzen unterschobst! Wer euch so neben einander schlummern gesehen hätte, dich mit nassen Wangen, das schneeweisse Halstuch, das auch Nachts den jungen Busen sittsam bedekte, von Thränen benezt, und das unbefangne Tönchen, mit seinem rothen Vollmondsgesicht, der mußte Einen Geist der Unschuld, der aus euch beyden athmete, erkennen.

Die betrübte Neujahrsfeyer war endlich vorüber, der braune Rok und die gelben Unterkleider kamen vor der Hand auf die Seite, und bis zum nächsten Sonntag wenigstens konnte Miekchen hoffen, Ruhe zu haben. Aber der Taubstumme schien traurig seit einiger Zeit, die Knechte sagten: es wären schon ein paar Wochen her, daß er keine Sprünge mehr bey der Arbeit machte; die alte Köchin bemerkte, daß er anfienge, blaß zu werden, und sie hatte Recht. Eines Morgens stand er im Hofe, und hakte Holz, während daß diese

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seine ursprüngliche Gönnerin am Brunnen Gemüse wusch, und das Vieh zur Tränke gieng. In diesem Augenblik riß sich der Hofhund, der wachsamste und furchbarste in der ganzen Gegend, von der Kette, sprengte unter die Kühe, die sich verscheucht hin- und herstürzten, und durch ihren Schrecken den unbändigen Cerberus—so hatte ihn Herr Friz genannt, zur Plage aller Knechte, die mit dem us nie fertig zu werden wußten—vollends zum Gefühl seiner Kraft aufwekten, so daß er jezt würklich wüthend alles umrannte, was ihm im Wege stand. Die Jungemagd war in den Stall geflüchtet, die Köchin rettete sich hinter den Holzschober; nur der arme Taubstumme, der dem stürmischen Auftritte den Rücken zukehrte, arbeitete sorglos fort. Die Köchin stekte den Kopf hinter dem Holze hervor, und schrie wie ein Adler, um ihn von der Stelle zu bringen, als ihn jezt der Hund an der Wade faßte, und ihm sehr gewaltsam ein Bein unterschlug, daß er mit der Stirne auf die Holzklötze niederschmetterte. Der Amtmann war nun herbeygeeilt, erwischte den muthwilligen Ausreisser,

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mit dem mächtigen Bewußtseyn der Herrschaft, bey der abgebrochenen Kette, und Cerberus—der kindische Sklav, sprang, lekte des Meisters Hände, und ließ sich spielend wieder an seinen Pfosten ketten. Sogleich versammelte sich alles um den armen Burschen, der blutend auf dem Holze lag, alles klagte und barmte; nur die Köchin, die so nahe bey ihm gestanden hatte, daß sie ihn bey'm Ermel hätte wegreissen können, keifte, eifrigst um seine zerschellerte Stirne beschäftigt: Er ist aber auch wie ein Kloz! Ich hätte mir die Seele ausschreyen können, er wäre nicht gewichen—daß es doch Gott verzeihe, so taub zu seyn!— —Die Amtmännin war dazu gekommen, und ließ den Verwundeten in das Haus tragen, wo Miekchen zitternd der Mutter Befehle erwartete: sie flog jezt, Wein zu wärmen, und wie der warme Umschlag die Stirne des Kranken berührte, öffnete er die Augen, und sein erster Blik fiel auf Miekchens banges Gesicht. Er that einen unverständlichen Schrey, fuhr auf, und blikte, todtenblaß, mit der äussersten Unruhe, unter allen Anwesenden

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umher. Die Amtmännin drükte ihn sanft an den Schultern zurük, die Knechte riefen gutmüthig: bleib doch nur, du armer Schelm! die Knochen sind heil—Die Köchin winkte mit beyden Händen: St! st! Ihr macht ihn ja ganz wüst im Kopfe— —Miekchens Thränen fielen auf den Verband, den sie in Bereitschaft hielt, und der Taubstumme schloß seine Augen wieder, als hätte er nun genug gesehen, und ließ sich verbinden.

Am Dreykönigstag war die Familie vom Amthof bey dem Herrn Oberförster, und der Unfall des armen Taubstummen, (der jedoch nach einer Aderlaß gleich den zweiten Tag allen seinen Arbeiten wieder nachgegangen war) ward nicht mit Stillschweigen übergangen. Einige aus der Gesellschaft bemerkten, dieses Ereigniß widerlege augenscheinlich den Verdacht, den der Herr Pastor gehabt habe, als sey das Unvermögen dieses Menschen vielleicht gar eine bloße Maske, indem er wohl irgend eine Ursache haben möge, verstekt zu seyn. Alles lehnte sich sogleich gegen den frechen Zweifel auf, der das eigenthümliche Wunder des Amthofes, von

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welchem auf die ganze Gegend ein gewisser Glanz zurükstrahlte, mit einemmale vernichtet hätte. Ein jeder bestürmte den ebenfalls anwesenden Pfarrer mit Beweisen des Gegentheils; ja seine französische Ehehälfte, die sich des Augenbliks lebhaft erinnerte, wo ihr die Erscheinung des Taubstummen mit der Serviette über der Schulter, das imposante Vous étes servis so angenehm zurükgerufen hatte, drükte allen diesen Zeugnissen ein für den geistlichen Gatten fast beschämendes Siegel auf, indem sie ihn fragte: ob er nicht meyne, Gott könne diesen armen Menschen als ein Beyspiel aufstellen wollen, was er ohne Beyhülfe menschlichen Unterrichts in seinem Geschöpf wirken könne? Auf ein solches argumentum ad pastorem war nichts einzuwenden, und der Pastor spiegelte sich schweigend in dem blanken zinnernen Teller.

Aber Miekchens Einbildungskraft hatte es damit nicht abgethan: dieser hatten die eben vorgefallnen Debatten ein ganz neues und sehr weites Feld eröffnet. Dem guten Mädchen war bis zu diesem Augenblik nicht einmal die

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Möglichkeit in den Sinn gekommen, daß der Taubstumme etwa nicht taub und stumm wäre. Allein von nun an schien jeder ihrer Blicke ihm sein Geheimniß abfragen zu wollen, und von jedem fremden Blik, der ihn traf, fürchtete sie, daß er es entdecken möchte. Die Gefahren, in denen der Unglükliche durch seinen Zustand beynahe stündlich schwebte, und die auch bey ihr jeden Zweifel hätten heben sollen, da der letzte Auftritt, dessen Opfer er fast geworden war, einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht hatte—diese Gefahren, diese siegreichen Beweise gegen den bey'm Oberförster geäusserten Verdacht, waren gleichsam aus ihrem Gedächtnisse vertilgt; alle Sinne waren für sie im Sinn des Gesichts vereinigt, und fürwahr, wenn es nur auf die Augen des Taubstummen ankam, so sprach niemand so deutlich, so verstand sie niemand so gut als er. Miekchen hätte gern mit der Mutter geredet, um ihre Meynung recht zu ergründen; aber ach, seit der Anblik des braunen Fraks und der gelben Unterkleider in ihrem Kopfe den Taubstummen und N. N. so unauslöslich

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einen mit dem andern verwirrt hatte, seitdem war die Zeit vorbey, wo sie unbefangen mit dieser lieben Mutter von dem Taubstummen reden konnte. Ein Leidwesen ward ihr indessen erspart, indem die gefährliche Kleidung fast nie mehr zum Vorschein kam: der Taubstumme, der jezt ordentlichen Lohn zu erhalten anfieng, hatte sich nach der neuen Mode der zierlicheren Bauerburschen eine Art von Schifferkleidung machen lassen, in welcher seine schlanke Gestalt sich sehr vortheilhaft ausnahm.

Das Frühjahr kam heran, und man sah nun wieder dem Bruder Friz entgegen, der nach wohl erlangtem Doktorhute sich anschikte, hinter seines Vaters gutbeseztem Tisch die Stelle zu erwarten, mit welcher eine hohe Landesregierung, zu Ruhm und Ehre seiner Mitbürger, seine Verdienste zu belohnen nicht ermangeln würde. Alles war in Bewegung, seinen Empfang zu bereiten, und unter andern ward an einem sanften Frühlingsabend der Taubstumme ausgeschikt, im Fluß unfern vom Amthause Aale zu fischen. Miekchen hatte ihr Tagewerk vollbracht, und gieng, in sich

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gekehrt, mit ihrem Pflegkind in nahen Hölzchen spazieren, als der kleine Wildfang den Taubstummen, der sein grosser Liebling war, am Ufer erblikte, und wie ein Reh zu ihm hinrannte. Miekchen mußte ihm nach; der Taubstumme gab dem Kanben ein paar Gründlinge, die sich eben in seinem Netze gefangen hatten; und dieser trieb nun sein Wesen, sezte sie in eine kleine Pfütze am flachen Ufer, und war glüklich wie ein Gott. Umsonst rief ihn Miekchen, die wieder nach Hause wollte; endlich sezte sie sich, um ihn nicht in seiner Freude zu stören, am Abhang des Ufers nieder, und—sah dem Taubstummen bey seinem Fischen zu. Plözlich aber hörte sie Tönchen schreyen, im nämlichen Augenblick schoß der Taubstumme wie ein Pfeil in den Fluß, und wie sie noch erstarrt nach der Stelle im Wasser blikte, wo das Kind geschrien hatte, tauchte der brave Schwimmer empor, und sprang, den Knaben im Arm, zu ihr an das Ufer—Er lebt, mein Miekchen! er lebt! rief der Taubstumme und legte das Kind auf den Rasen. Ohne Bewußtsein, athemlos, schluchzend, hieng

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sie über dem geretteten Brüderchen, das ohnmächtig da lag, und konnte nur unzusammenhängende Töne vorbringen—Binden Sie Ihre Schürze los, wir müssen ihn ausziehen und troknen; hob der Taubstumme von neuem an—und jezt erst bekam Miekchen selbst ihre Sinne wieder, und floh mit lautem Geschrey, das triefende Tönchen vergessend, dem Gehölze zu—Um aller Heiligen willen, Miekchen! Sie bringen mich auf das Blutgerüst—rief der Taubstumme, ihr nacheilend, und sie bey'm Kleide ergreifend—aber Tönchen kommt zu sich!— —Er drükte ihre Hand an sein Herz, und legte die seine auf den Mund. Miekchen hatte sich vor dem Taubstummen nicht gefürchtet—jezt sprach er: sollte sie ihm nun denn nicht folgen? Er führte sie zu dem Knaben zurük, der zu wimmern anfieng, zog ihn aus, bat sie durch Zeichen um ihren Shawl, wickelte das von Schrekken und Frost zitternde Kind hinein, winkte ihr, es noch in ihrem Schooß zu verhüllen, und sitzen zu bleiben, und sprang in größter Eile davon. Miekchen war fast ohnmächtig,

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alle ihre Begriffe schwanden; Entsetzen, Schaam, Dank, Furcht, kämpften in ihrem Herzen, und sie wußte kaum was sie that, indem sie den Knaben herzte, und bange Thränen auf sein kaltes Gesichtchen vergoß. Doch schon stand der Taubstumme wieder vor ihr, einen trocknen Anzug für Tönchen unter dem Arm; das Kind war gekleidet und beschwichtigt, jezt wollte man nach Haus gehen; noch kniete der Taubstumme, der dem Kinde das Rökchen zugestekt hatte, denn Miekchen war noch nicht zu sich gekommen; nunmehr aber ergriff er ihre Hand, drükte sie, das Kind abwärts führend, an seinen Mund, und sah sie mit einem so bittenden Blicke an, daß der Feuerstrom, der von ihrem Herzen auf ihr liebes Gesicht stieg, sie endlich belehrte, was fortan zu thun wäre.

Das ganze Haus drängte sich um Tönchen und seinen Retter; Miekchen erzählte stotternd, wie das Kind aus dem Wasser gezogen worden wäre; wie es hineingerathen war, wußte sie nicht: und hätten Schrecken und Freude die gute Mutter nicht betäubt, so müßte sie dieser Umstand bedenklich vorgekommen

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seyn. So aber dankte sie blos dem braven Taubstummen, der mit glühendem Gesicht, und Augen, die unwillkührlich nur auf Miekchen blikten, unter dem Wirrwarr dastand. Am späten Abend kam der Vater mit Friz, den er wieder im [Karriölchen] von der nächsten Post geholt hatte; und wie die ersten Bewillkommungen und Erzählungen vorüber waren, schikte der Amtmann nach dem Taubstummen, um ihm aus seinem Beutel für den Dienst, den er seinem kleinen Liebling geleistet hatte, zu danken, und zugleich wegen eines Briefes, der ihm auf der Post zugestellt worden war, Aufklärung zu haben. Der Postmeister hatte ihn nämlich gefragt, ob er den Taubstummen nicht mehr im Dienst hätte, der zuweilen seine Briefe abholte; es läge seit ein paar Wochen ein Brief mit fremder Addresse da, den man nirgends abzuliefern wüßte; man erinnerte sich aber, daß der Taubstumme sich schon einmal einen mit gleicher Ueberschrift, auf einen dargereichten Zettel, hätte aushändigen lassen. Der Mann hatte darauf Herrn Hofmüller, der nichts von der Sache begriff, den Brief anvertraut,

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und man war neugierig zu erfahren, was es damit für eine Bewandniß hätte. Ein Glük für Miekchen war es, daß man ihre Betäubung, ihre sichtbare Bewegung, ihre erstaunliche Zerstreuung auf Rechnung von Tönchens Unfall und ihres Bruders Ankunft schreiben konnte; sonst hätte ihr plözliches Erblassen, als der Brief erwähnt wurde, sie verrathen müssen. Der Taubstumme war so gleich nicht zu finden gewesen; da es unterdessen sehr spät geworden war, und da Herr Friz als müder und gelehrter Reisender Erholung brauchte, ließ man diese Erörterung bis zum andern Tag anstehen. Der andre Morgen kam, die Kühe blökten im Stall, die Köchin rief nach Holz, Tönchen trollte im Hof umher, und wollte seinen Rollwagen geflikt haben—der Taubstumme war verschwunden! Miekchen gieng wie im Traume umher, und fieng an zu glauben, der Vorgang an Fluß wäre ein Blendwerk gewesen; ganz mit Frizens Ankunft und Weisheit beschäftigt, merkte man nicht auf ihren Zustand; nur die Mutter warf zuweilen einen mitleidigen Blik auf sie, und

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forschte unter der Hand auf das sorgfältigste nach dem Taubstummen. Seine Arbeiten blieben indessen ungethan; der Amtmann schimpfte auf sich selbst, so einen dummen Handel eingegangen zu haben, und nun, da es in der Wirthschaft am meisten Noth thäte, sich ohne Knecht zu finden. Friz sammelte sehr geschikt alle Umstände, und da man im Hause auch nicht das mindeste vermißte, im Gegentheil der Entflohene alle seine Habseligkeiten im Stich gelassen hatte, sprach ihn der Herr Doktor ganz entschieden vom Diebstahl los, fand ihn aber mit der größten Wahrscheinlichkeit eines Selbstmords, oder vielleicht eines zufälligen Verunglückens, gravirt; auf alle Fälle sah er ihn als bürgerlich todt an, und rieth ernstlich an, sofort zur Oeffnung des räthselhaften Briefes zu schreiten. Die Amtmännin hatte sich eine Zeitlang dagegen gesezt; wie man aber dem armen Menschen gar nicht auf die Spur kommen konnte, billigte sie es endlich selbst. Friz präsidirte bey dem feyerlichen Actus: er fand ein Blatt, ohne Datum und Ort, das folgende Zeilen enthielt:

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"Der letzte Brief von tausend Louisd'or ist jezt auch in den Händen Deines Freundes; eile nun, wohin Freyheit und Liebe Dich rufen: Laß Deine Schwäche Dich nicht länger fesseln. Sey glüklich in dem fernen Lande, wohin unsere Seufzer Dir nicht nachhallen—vielleicht rachen Deine Enkel einst unsre Schmach!"

Friz sah sehr dumm aus; der Amtmann hoffte noch lange, das Verständliche würde erst nachkommen; die Mutter flog auf Miekchen zu, die bey'm Anfang des Briefes zusammengefahren war, und nun halb ohnmächtig mit dem Kopf auf dem Tische lag.—Dem Mädchen liegt der neuliche Schrek noch in den Gliedern, sagte der Amtmann; bringe sie auf ihre Kammer, mein Kind; man muß morgen zum Doktor schicken— —Miekchen wankte an der Mutter Arm aus der Thüre: stillschweigend kleidete sie sich aus, erwartete weinend und zitternd das erste Wort aus dem Mund ihrer Mutter; denn sie hielt diese für unwillig, und küßte beständig ihre Hände. So wie sie aber auf ihrem Bette lag, streichelte ihr die

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gute Frau sanft die Wangen, und sagte: Weißt Du etwas von ihm, mein gutes Kind?— —Nun schmolz ihr Herz; was Angst und Liebe nicht vermocht hatten, that jezt die Eifersucht—sie erzählte der Mutter die Geschichte von Tönchens Errettung, sie klagte über den Ungetreuen, der ihr Herz gefesselt hatte, und nun "eilte, wohin die Liebe ihn rief." Die Mutter blieb erstaunt und nachdenkend sitzen — Miekchen, sprach sie endlich, jezt brauchst Du Trost, und ich schweige also von Deinem Unrecht, mir aus einem solchen Vorfall so lange ein Geheimniß gemacht zu haben. Du erräthst, wer dieser Mensch war: ich gestehe Dir, daß ich mich jezt erinnere, am Neujahrstag, wie er bey Tisch aufwartete, einen Augenblik Verdacht gehabt zu haben, und um Deinetwillen werfe ich mir meinen Leichtsinn vor, nicht weiter darauf geachtet zu haben. Er hat vielleicht erfahren, daß jener Brief in unsre Hände gefallen ist, vielleicht fürchtete er auch, Dein Schrecken möchte ihn verrathen; auf alle Fälle ist es mir lieb daß er gieng, Friz hätte mich besorgt gemacht. Verschweige alles, was

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Du weißt, versprich es mir heilig; denn es macht Dir keine Ehre, und deswegen hoffe ich, Dich bald geheilt zu sehen— —Miekchen zerfloß in Thränen, und die gute Amtmännin, die lange nicht so ruhig war, als man aus ihrem Tone hätte schliessen können, gieng in das Familienzimmer, wo Vater und Sohn ihre klugen Köpfe zusammenstekten, um herauszubringen, was der Brief zu bedeuten haben möchte. Der Name auf der Addresse war ihnen gänzlich unbekannt; er schien indessen deutsch; allein Friz entdekte, daß das Papier erstlich Drukpapier wäre, ferner daß es aus einem Buche gerissen worden, endlich daß es ein ausländisches, und zwar weder holländisches noch schweizerisches Zeichen hätte. Was der Brief also alles nicht seyn mochte, fieng an, klar zu werden; und nun hatte sich zum größten Glük für unsere Hypothesenmacher seit einigen Monaten ein Fremder in dieser Gegend neidergelassen, von dem man nicht wußte, woher noch wohin? Er hatte eine artige Wohnung auf einem Jägerhaus gemiethet, schien viel Geld zu haben, sprach ein Deutsch, das

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eher wie ausländisch klang, und gieng mit niemandem um. Der Papa hatte im [Karriölchen] einen Augenblik, wo Frizen der Mund gar zu trocken geworden war, ergriffen, um auch seinerseits ganz bescheidentlich von den Begebenheiten, die unterdessen daheim vorgefallen waren, und unter andern auch von den fremden Offizier zu erzählen, denn so pflegte man ihn zu nennen, weil er etwas militairisches zu haben schien. Dem jungen Doktor fiel das nun wieder ein, und er kombinirte daraus einen Aufschluß des Räthsels, zur völligen Befriedigung des Amtmanns, der seines Sohnes Inquisitorstalente staunend bewunderte. Der Taubstumme mochte nämlich dem fremden Offizier auf den Feldern begegnet seyn, wo dieser oft spazieren gieng, und, da er sehr dienstfertig war, die Kommission übernommen haben, seine Briefe von der Post zu holen. Daß der Fremde einen ganz andern Namen hatte, als die Addresse des Briefs besagte, verdiente keineswegs in Anschlag zu kommen, denn unser verschlagner Friz wußte sehr wohl, daß man auch falscher Addressen sich bediente. Und daß

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der Einfall etwas gewesen wäre, Briefe, bey denen die Vorsicht einer falschen Addresse gebraucht wurde, durch den taubstummen Knecht des Amtmanns looi, mit welchem man nicht den mindesten Verkehr hatte, abholen zu lassen—ja nun, das fiel (denn wer kann auch an alles denken?) weder dem hoffnungsvollen Jüngling mit dem lateinischen D. noch seinem devoten Vater eben in den Sinn. Friz sezte demnach fördersamst einen Artikel auf, der den nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst abgelesen, und ausserdem in die benachtbarten Dorfschaften verschikt werden sollte, um sich des unzweifelhaften Endes des armen Taubstummen, wo möglich, durch sinnliche Spuren zu vergewissern; sodann grübelte er auf Mittel, jenem verdächtigen Menschen auf die Spur zu kommen, denn der lezte Wechsel, die Enkel, die Schmach, qualifizirten ihn so unausbleiblich zum Staatsverbrecher, daß dieser Punkt für ganz abgethan anzusehen war, zumal da das ausländische, und doch weder schweizerische noch holländische Papier des Brifes (obschon, wie Friz selbst herausgebracht hatte,

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jezt aber bey seinen Folgerungen einigermassen dahin gestellt ließ, aus einem gebrukten Buche gerissen, über dessen zeitliches Domicilium weiter kein Präjudiz vorhanden war)—zum hinlänglichen Beweis diente, daß der Mensch gefährliche Konnexionen hätte. Die Mutter suchte ihm mit aller Sanftheit begreiflich zu machen, daß die Sache nicht nur keineswegs klar wäre, sondern daß sogar mehrere Umstände einander widersprächen; allein Friz behauptete, gerade diese Dunkelheit trüge das Gepräge der Schuld.—Nun dann, fuhr die Amtmännin fort, so müßte man doch auf die Gastfreyheit Rücksicht nehmen, die man jedem ruhigen Fremden schuldig ist—Diese Rücksicht, docirte Friz, könne von seiner Bedeutung seyn, wo es auf die Sicherheit des Staates ankomme, und ex officio verfahren werde—Aber, lieber Herr Sohn, wandte die Amtmännin ferner ein, die den obigen Grund, wie es scheint, nicht recht gefaßt hatte: wo kein Kläger ist, da ist ja sonst auch kein Richter—Ey, Frau Mama, wer spricht denn hier von einem casu civili? Man giebt, indem man seinem Eid als Unterthan

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Folge leistet, der öffentlichen Stelle die Anregung, vermöge deren sie—Ich kann Ihnen nicht beistimmen, unterbrach ihn die Amtmännin; und ich hoffe, der arme Fremde wird sich zu rechtfertigen wissen. Wenn es nur alsdann nicht gegen die ausschlägt, die sich so ungebeten um ihn bekümmern!— —Diese Betrachtung schien einen Augenblik unsern rüstigen Streiter zu rühren; allein er rekolligirte sich bald, und äusserte das feste Zutrauen, daß ein solcher Dienst, selbst wenn er überflüssig befunden würde, doch allermindestens durch eine so zu sagen schuldige Diskretion erkannt zu werden nie ermangelte, inmaßen sich sonst ein jeder bedanken würde— —[Spion] und Angeber zu seyn, dachte die Amtmännin in ihrem Sinn hinzu; denn anstatt seinen etwas langen Perioden zu endigen, hatte sich Friz jezt geräuspert, und sah roth und geschwollen aus. Unterdessen war aber etwas vorgefallen, das die Umstände ein wenig veränderte: der Fremde hatte nämlich an demselben Tag sienen Wirth sehr reichlich bezahlt, ein dürftiges Kind aus dem Dorfe neu gekleidet, für einen armen

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Knaben das Lehrgeld bey einem Zimmermann niedergelegt, dem Pfarrer funfzig Gulden für die Armen aushändigen lassen, (alles in holländischen Dukaten,) und war, begleitet von dem Segen seiner Hausleute, die ihn sehr lieb gewonnen hatten, davon gegangen. Friz sah zwar wieder dumm aus, als diese Nachrichten einliefen; da ihn aber nichts mehr in seinen Vermuthungen widerlegen konnte, glaubte er, wenigstens Recht zu behalten, und das war immer das beruhigendste.

Miekchen fieng an, ihren Kopf wieder aufrecht zu tragen, sie that alles, um den räthselhaften Treulosen zu vergessen, und die sanfte Klugheit ihrer braven Mutter, die ihr Geheimniß unverbrüchlich verwahrte, und sie durch Geschäfte zerstreute, trug sehr dazu bey, ihren Kummer zu mildern. Eines Tages, da man die Rükkunft des Vaters von einer kleinen Reise erwartete, die er zu einem berühmten Viehmarkt nach P. gemacht hatte, gieng ihm Miekchen mit der Mutter und Tönchen entgegen. Sie waren keine halbe Stunde unterwegs, so sahen sie den Amtmann geritten

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kommen; aber er war nicht allein, ein sehr schlanker Reiter trottirte auf einem feurigen Rappen neben ihm—Der Vater bringt einen Gast mit, sagte die Amtmännin—Nein, nein! er ist es selbst! rief Miekchen, und warf sich in der Mutter Arme—Fasse Dich, schweig! Uebereile nichts! war alles, was die Mutter dem zitternden Mädchen sagen konnte; denn die Reiter hatten sie von weitem erblikt, hatten ihren Pferden die Sporen gegeben, und stiegen schon neben ihnen ab. Miekchen war gar nicht aus ihres Vaters Armen zu bringen; der Fremde begrüßte die Amtmännin mit einer ungezwungenen einfachen Höflichkeit, und entschuldigte sich in einem harten fremden Deutsch wegen seines Besuchs. Der Amtmann hob endlich Miekchens glühendes Gesicht mit der Hand von seiner Schulter auf: Nun du gute Seele, laß mich auch meinen Buben küssen—ey ja, und unser Gast! Da, mein Schaz, fuhr er fort, indem er sich gegen seine Frau wandte, der Herr ist ein geborner Niederländer, hat sein Vaterland wegen der lezten Unruhen verlassen, und schöne Güter im ***schen

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angekauft; er ist ein wakrer Oekonom, hat Lust, seinen Viehstand zu verbessern, hat mir meine zwey Gespann blaue Ochsen abgekauft, und will meine Düngeranstalt in Augenschein nehmen— —Miekchen hielt sich neben der Mutter, und getraute sich nicht, die Augen aufzuschlagen; der Kleine zog den Vater nach dem Hause hin, und schien besser als dieser sich des alten Bekannten zu erinnern, denn er machte sich viel um den Fremden zu schaffen, und beantwortete seine Liebkosungen mit einem drolligen Wesen, das Reminiscenzen auszudrüken schien. So trat die Gesellschaft den Rükweg an, indessen des Fremden Reitknecht, der nachgekommen war, die Pferde führte. Es war spät, als man zu Hause anlangte; man sezte sich sogleich zum Abendessen; die Mutter ließ Miekchen neben ihr sitzen, und suchte ihre Unruhe, ihre Verlegenheit, so viel möglich, allen Augen zu entziehen. Der Fremde drängte sich auch eben nicht zu ihr, beobachtete aber Mutter und Tochter scharf, und schien bey Frizens neugierigen Fragen und unzeitigem Auskramen seiner unmaasgeblichen Meynung

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über das Land, woher er kam, und in welchem er seine Wohnung aufgeschlagen hatte, etwas zerstreut zu antworten. Am folgenden Morgen traf er Mutter und Tochter allein im Familienzimmer; er besann sich keinen Augenblik, sondern ergriff Miekchens Hand, führte sie näher zur Mutter, und sagte, ehrerbietig gegen diese gewandt: Ich habe mich nicht geirrt, Sie wissen mein Geheimniß; Sie haben es geehrt, Sie haben mich geschont—Ja, allein—(und hier nahm die Amtmännin Miekchens Hand aus der seinen, und zog das Mädchen zu sich)—allein, wie können Sie Ihr Betragen erklären, rechtfertigen?—Gewähren Sie mir ferner Verschwiegenheit, fuhr er fort; glauben Sie in diesem Augenblik der Freimüthigkeit, mit welcher ich die Hand Ihrer Tochter ergreifen durfte, und verschaffen Sie mir Zeit, mich Ihnen ganz zu erklären— —

Der Amtmann trat jezt herein, um ihn in seiner Wirtschaft umherzuführen; von da gieng es auf die Wiese, von da in den Wald, vom Walde in's Feld: der Femde hatte so viel

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Kenntnisse, und so viel Achtung für des Alten Erfahrung, zog ihn wegen der Veränderungen, die er auf seinen eignen Gütern vornehmen wollte, so geschikt zu Rathe, machte eine so lachende Beschreibung von seiner Gegend, seiner Wohnung u. s. w., daß der Amtmann aus Liebe für ihn beynahe seinen Friz vernachläßigte. Und mußte er einen Augenblik von ihm, um Befehle zu geben, seinem Hauswesen vorzustehen, so bekam Friz den Fremden zu packen, und bewies ihm, daß in dem Lande, wo er sich häuslich niedergelassen hätte, nach den Grundsätzen aller Rechtsgelehrten, von allem, was geschehen wäre, nichts hätte geschehen dürfen; der Fremde ließ es gut seyn, und in der That waren es des Doktors Argumente nicht werth, daß er sich mit Miekchens Bruder darum überworfen hätte. So giengen die Tage hin, ohne daß zu der von allen Theilen so sehnlich gewünschten Erklärung eine Gelegenheit erscheinen wollte. Miekchen litt augenscheinlich, immer begegnete sie den Blicken des—Fremden, seine Stimme beantwortete des Vaters ökonomische Fragen oft

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mit einem so schmelzenden Ton, daß ihr Herz stillstand.— —Endlich fand sich der günstige Augenblik. Ein Nachbar hatte die Familie zum Mittagsessen geladen, und der Amtmann war ganz stolz, seinen Gast dahin mitzubringen. Bey dem schönen Wetter fand man kein Bedenken, den kleinen Weg zu Fuß zu machen; der Fremde bot bey'm Eingang in das Gehölz der Amtmännin den Arm, er richtete es so ein, daß sie einen Augenblik der übrigen Gesellschaft aus den Gesicht kamen, und sogleich schlug er einen Nebenpfad ein, wo er sicher war, daß ihnen die andern, denen am kürzesten Weg gelegen war, nicht nachfolgen würden. Es ist wohl schon wahrzunehmen gewesen, daß die gute Amtmännin immer eine schwache Seite für den armen N. N. aus dem Stekbrief, für den ehrlichen Taubstummen, und nun wieder für den schmucken Fremden hatte; man wird sich also nicht verwundern, wenn es ihm bey seiner guten Sache nicht schwer wurde, sich vollkommen gegen sie zu rechtfertigen. Er erzählte ihr weitläufig, wie er anfangs, blos um sein Leben in Sicherheit zu bringen,

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als Bettler und Taubstummer in diese Gegend gelangt war, wo ihn die Requisitionen seiner Verfolger nicht leicht erreichen konnten; wie er, durch den Ausdruk von Güte angezogen, der ihm über ihre ganze Familie verbreitet geschienen, sich entschlossen hatte, einige Tage bey ihnen zu verweilen; wie ihn die Liebe bald gefesselt hatte—Die gute Frau konnte sich der Thränen nicht enthalten, als ihr der unglükliche junge Mensch den Zustand seines Herzens schilderte, das, von nagendem Kummer gefoltert, in ihrem Wohlthun Trost, in seiner Liebe Muth gefunden hatte. Er erzählte ferner, wie er bey dem mehrerwähnten Mittagsessen am Neujahrstag den Augenblik nahe gewesen war, sich durch seine Bewegung bey der schreklichen Erzählung von seiner Freunde Hinrichtung zu verrathen, wie ihn nur Miekchens Zustand zurükgehalten, wie er an dem Tage ihren Verdacht bemerkt, und sich der Gefahr mit dem Hunde ausgesetzt hatte, um sie davon abzubringen, weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, durch eine vorzeitige Entdeckung auf immer von dem geliebten Mädchen

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getrennt zu werden. Endlich hatte er Nachrichten erhalten, die ihm eine Aussicht, nicht allein zu einer sichern Zuflucht in einem andern Lande, sondern selbst zu einem Schicksal eröffneten, das zu theilen er ihrer Tochter würde anbieten dürfen; entschlossen, sich heimlich zu entfernen, und unerkannt zu bleiben, bis er einst unter günstigeren Umständen wieder erscheinen würde, hatte ihn sein Eifer bey des Kindes Unfall, und der Schwester heftigem Erschrecken darüber, hingerissen sich zu verrathen; dadurch, und durch den Umstand mit dem Briefe, den der Kutscher gleich bey der Zurükkunft des Amtmanns den übrigen Hausgenossen in seiner Gegenwart erzählt hatte, war er zur Beschleunigung seines Vorhabens, zu einer schnellen Flucht, als dem einzigen Mittel, seine Geschichte wenigstens in einem unerklärlichen Dunkel zu lassen, bewogen worden.—Ich bin nun, sagte er, im Stande, mich Ihrer holden Tochter anzutragen; mein durch fehlgeschlagene Hoffnungen, durch das schrekliche Schiksal meiner Gefährten zermalmtes Herz bedarf des nie erschütterten Glaubens

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an Glük und Liebe, durch welchen Miekchen so rührend ist. Bewahren Sie ewig mein Geheimniß, und erlauben Sie mir, als ausgewanderter, und in ** ansäßig gewordener Niederländer, Ihren Gemahl um seiner Tochter Hand zu bitten; nur als solchen kennt er mich, und ausser Ihnen, und dem Freund in **, der den Ankauf meines jezigen Eigenthums besorgt hat, weiß kein Mensch auf Erden, was aus dem unglüklichen N. N. geworden ist; die einzige Vertraute, die ich in meinem Vaterlande hatte, meine theure unvergeßliche Schwester, dieselbe, die jenen Brief geschrieben, der in Ihre Hände fiel, hat mir vor kurzem der Tod entrissen: und [selbst im] schlimmsten Fall giebt mir mein neues Vaterland auch hier Rechte, die mich bey meinem ersten Aufenthalt nicht schützen konnten.—Ich wage viel, antwortete lächelnd die Amtmännin; denn eine feine Anlage zum Roman ist in diesem allen: allein Versprechen gegen Versprechen — ich verwahre Ihr Geheimniß, und Sie begnügen sich auf immer, Ihre unglüklichen Freunde — nur zu beweinen — —

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Und der Vorsehung die Rache zu überlassen! sagte der Fremde mit tiefem Ernst, und einer männlichen Thräne im dunkeln Auge, indem er zum Versprechen seine Rechte darbot—Sie schlug gerührt ein: Wohlan, machen Sie mein gutes Mädchen glüklich!

Der Fremde mit dem holländischen Namen, alias N. N., alias der Taubstumme, kannte von Alters her alle Schliche im Holz so gut, daß sie fast zu gleicher Zeit mit der übrigen Gesellschaft auf dem freien Felde wieder zusammentrafen. Man lachte die Amtmännin aus, die einen so unkundigen Führer gehabt, und ihm nicht besser nachgeholfen hatte. Sie ließ sich [ ] [ ] gefallen, und fand einen Augenblik, wo sie Miekchens und des Fremden Hände zusammen in die ihrigen drükte, indem sie dem Amtmann und dem jungen Doktor ein schönes Weizenfeld wies.

Der Amtmann war von des Fremden blanken Goldstücken, die er für die zwey Gespann blauer Ochsen zahlte, von der Geduld, mit welcher er seine ökonomischen Diskussionen anhörte, von den Beweisen, wie ansehnlich seine

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Besitzungen in ** waren, viel zu erbaut, um seine Tochter nicht mit Freuden dem braven jungen Mann zu geben; die Reise zu dem Schwiegersohn war wohl etwas weit, allein er behielt sich doch ausdrüklich vor, die neue Dünggrube selbst anzulegen; Friz fand, daß ein Schwager, der ihm seine Wissenschaft weiter nicht streitig machte, so gut wie jeder anderer wäre; und der Taubstumme ergänzte noch manche Lücke, die Miekchen in seiner Geschichte fand.

So hatte der allzugetreue Stekbrief dem armen N. N., den er verfolgte, ein liebes gutes Weibchen angeworben! Die Hand auf's Herz, liebe Leserin: würdest Du bey [einem] [solchen] Konterfey <> — o pfui! an die tausend Thaler würdest Du gewiß nicht denken—aber würdest Du die mitleidige Sehnsucht nicht empfinden, daß der unglükliche junge Mensch Obdach und Schuz bey Dir fände?  

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II.

Der Mann aus Kairo.

Von D. aus kamen wir gegen ellf Uhr Vormittags, auf einer Höhe neben dem Fluß hin, an einige Häuser, von denen links ab auf einem felsigen Hügel ein altes Schloß lag. Die Hitze war sehr groß, und drohte in den nächsten Stunden noch unleidlicher zu werden. Mir [ ] [ziemlich] [einerley] vor, ob wir vor unserm endlichen Verschmachten hier in dem Wirthshaus dieses Dörfchens ein mäßiges Mittagsmahl einnähmen, oder in dem berühmtesten Gasthofe P. .'s, vielleicht schon erstikt, an die table d'hôte gehen müßten. Ich theilte Herrn ** meine Betrachtungen mit; er war dem Zustande, dem ich doch erst bey meiner Ankunft in der Stadt entgegen sah, bereits sehr nahe; bey dem Gedanken, noch eine Rettung

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aus der dringenden Gefahr zu finden, erwachten seine Lebensgeister, sein Blik erkannte das Zeichen am Wirthshaus, er rief mit vernehmlichem Ton dem Kutscher, zu halten, und hob mich mit neuem Muthe und frischen Kräften aus dem Wagen. Die Lage des Wirthshauses hatte aber auch etwas belebendes: ein niedliches Haus mit wohlverwahrten grünen Läden, vor der Thüre ein freyer Plaz, von grossen Nußbäumen beschattet, unter welchen ein Springbrunnen, so verlechzt er war, doch noch einen kleinen Strahl des lieblichsten Wassers hervorgoß. Die Wirthin gestand uns freymüthig, daß sie eben keine Fremden erwartet hätte; wir müßten also unser Mittagsessen um eine gute Stunde verschieben. Mir ward bey dem bloßen Gedanken, eine Stunde zu warten, schon wieder so heiß wie im Wagen, ich sah mich nach allen Seiten um, was in der Stunde etwas vorzunehmen seyn möchte, und entdeckte eine mit Kirschbäumen bepflanzte Allee, die steil den Berg hinan auf das Schloß führte, hinter welchem sich ganz nahe ein dichter Wald zog — nun hatte

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ich meine Bestimmung gefunden; aber um sie zu erreichen, brauchte es doch noch einiger List. Ich holte meinem guten Mann jedes Glas Wasser, das er mit Wein vermischt trank, frisch von der Brunnenröhre, und unterhielt ihn dabey von der Anzahl Minuten, die in der Stunde einer Wirthin, welche ihr Mittagsessen machte, begriffen wären. Er sah mich endlich sehr mißtrauisch an, als merkte er eine verdekte Absicht, und folgte meinen Blicken, die denn freilich sehr unbefangen auf der Allee von Kirschbäumen ruhten, weil ich von einem Augenblik zum andern das Tempo zu meinem Vorschlag zu finden hoffte. Ganz gleichgültig stand er auf, trat an den halb offenen Laden, und sagte mit läßigem Ton: wenn der Verkehr zwischen dem Schloßherrn und seinen Unterthanen im Gange ist, da muß die ganze Herrschaft den Sonnenstich haben. — Warum? fragte ich sehr bereitwillig, und glaubte meinem Ziele nun bald näher zu kommen — Sieh nur den Weg hier nach dem Schloß, ob der bloße Anblik nicht das Gehirn versengt? Huhuhu — sezte er schaudernd hinzu, und schlich wieder

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auf seinen Plaz. Da war mir schön geholfen! Meine List war gescheitert, aber mein Wunsch, die Stunde zu irgend etwas anzuwenden, ward nun zum heldenmüthigen Eigensinn. Da es indeß, sagte ich, der einzige Weg zu seyn scheint, der nach dem Schlosse führt, und mir Warten das Gehirn mehr angreift als Sonne, so will ich ihn gehen — adieu! — — Fort war ich, und aus dem Hause hinaus am Eingang des Wegs. Es war mit der Hitze kein Spaß, aber ich mußte doch stillstehen, wie ich seine freundliche Stimme hinter mir hörte, die mich zu warten bat, und wie ich ihn, seinen schweren Stok in der einen Hand, meinen großen Sonnenschirm in der andern, behende und wankend über den Weg stolpern sah, gleich einem der Geheilten, der von Ufer des heiliTeiches seine Krücken zurükträgt — Liebe, wenn du durchaus so thörig seyn willst, so werde ich dich doch nicht allein lassen — Eine artige Zärtlichkeit! Es ist ja hier Schatten, es ist ja Lust — Ja Cirocco! — Nun, wer kann doch mit so übler Art so gut, so lieb seyn? Sieh nur dort den Wald — Ey ja! Im Fall wir

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lebendig hinkommen, wird es da gar nicht schlimm seyn!

Der sehr steile Weg gieng durch eine mit einzelnen Obstbäumen bepflanzte Wiese, die erst vor wenig Tagen abgemacht, wie ein verbranntes Gefilde zu unsern Füssen lag. Die Bäume, dünn belaubt, warfen, da die Sonne im Zenith stand, einen ärmlichen Schatten nahe an ihren eignen Stamm—die gepriesene Allee, auf welche ich alle meine Hoffnungen gebaut hatte, bestand aus jungen Bäumen, die bey der vor kurzem gesammelten Kirschernte jämmerlich mishandelt worden waren: ganze Aeste hiengen verdorrt, und keiner war ohne Büschel von dürren Blättern. Rechts stand das Schloß, welches von der Seite, wo wir hergekommen waren, sich mit seinen schwarzen Mauern, seinen Zinnen und Thürmen äusserst malerisch gezeigt hatte, aber aus dem jeztgen Gesichtspunkt, gegen das Dorf hin, ein grosses modernes Corps de Logis offenbarte, von dessen weiter weisser Fläche die Sonne zurükprallte, so daß das bischen von daher wehende Luft gleichsam glühend war. Ich hütete mich, diese Bemerkung

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zu machen, und kletterte schwer athmend den Weg hinan, bis mein armer Mann, sich die Stirne troknend, sagte, daß die Hitze wirklich viel erträglicher wäre, wenn man sich dabey bewegte, als so unthätig sie blos litte — das war so gut von ihm, so Er selbst, so ohne Galle und Groll, daß es meinem Herzen wohl that, wie das kühlende Lüftchen, welches uns jezt, da wir die Höhe erreicht hatten, von einem Bouquet Bäume entgegenkam, unter denen ein reichlicher Brunnen floß. Er stand vor einem schönen eisernen Gitterthor, das auf den Schloßhof führte; eine große Platteforme, hohe steinerne Treppe, Altan u. s. w. — Das alte Gebäude, von dem glänzenden Corps de Logis fast ganz maskirt, stand recht herrschaftlich da. Ich blikte zu meinen Füssen auf das Wirthshäuschen, auf die Hütten, vor denen der verlechzte Brunnen floß — dienen ihnen denn auch die Elemente? fragte ich meinen Mann mit kindischem Verdruß, indem ich auf die drey kristallnen Ströme zeigte, die sich aus den Röhren ergossen. Er verstand mich wohl, beehrte mich mit einem Spottnamen,

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und sezte hinzu: wenn ihnen die Elemente auch nicht dienen, so tritt die Natur wenigstens ihnen zum Possen nicht aus ihrem Geleis, und wenn ein Herr von und zu die Wasserquelle senkrecht leitet, so folgt sie der Richtung geduldig in sein Schloß, gerade wie den freien Bürgern Roms in ein öffentliches Bad, oder wohin sie sonst wollten — — Ich hatte nicht Zeit, bey dieser Zurechtweisung albern auszusehen, denn wir waren an dem Thor vorbey, längs der Mauern, auf den Wald zugegangen, und plözlich fiel uns ein solches höllisches Hundgeheul an, daß ich erstarrt stehen blieb. Herr ** erblikte bey seinem schärfern Gesicht eine Art Scheune, mit Latten verschlagen, in welcher ein Duzend Jagdhunde eingesperrt waren, die bey unsrer Annäherung alle herbey eilten, an den Latten rissen, und winselten. Wir giengen schnell vorüber; sobald wir fern genug waren, um unser eignes Wort zu hören, sagte ich mürrisch: Nein, die Natur tritt für sie nicht aus ihrem Geleis; denn was sie einkerkern, heult und schüttelt die Ketten — es leben die Jagdhunde, das Symbol der

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Freyheit! — — Aber bald fieng ich an, mich meiner Kinderey zu schämen; denn die Scene um uns ward so malerisch, daß sie einen bitteren Gemüth, wie dem meinigen, sanfte Stille hätte gebieten müssen. Wir giengen auf einem dicht beschatteten Weg, neben welchem links der bewachsene Abhang plötzlich emporstieg, und in bemoosten Felsen unter dem Gebüsch hervorblikte; rechts war ein tiefer Absturz, aber mit Sträuchen und Büschen aller Art so bedekt, daß er nichts fürchterliches hatte; er endigte sich in ein enges Thal, das kaum zwanzig Schritte breit, und mit Bäumen beschattet war, unter welchen bald das steinige Bett eines Waldstroms, bald Grasplätze sichtbar wurden. Allein das schönste war die gegenüberstehende Seite des Absturzes, senkrecht nakte Felsen, aus deren Ritzen einzelnes Gesträuch herabhieng, unten von den Erlen, Tannen, und Ahornbäumen im Thale bedekt, oder auf einem moosigen Boden ruhend, theils vom Wasser ausgespült, theils über schwarze Höhlen hängend, aus denen Mergel fortgeführt war. Sie haben oft über meine kindische Freude bey

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solchen Anblicken gelacht—ich hüpfte, jauchzte, beschrieb Herrn ** alles haarklein, als könnte er selbst nichts davon sehen; er stand still betrachtend, und indem er sich umwandte, sagte er mit seinem lieben Ton: sieh doch erst dort, du Kind!— —Nun schwieg ich auch; es war alles, wie ich es eben beschrieben habe, nur rechts am Ende des Weges, den wir gekommen waren, das alte schwarze Schloß, mit drey hohen Thürmen; mit Wetterfahnen, Spitzen, Mauern, aus dem Walde sich erhebend, links zwischen den steilen Felsen die Aussicht auf das blaue Gewässer, und auf die Berge jenseits, von denen die Mittagssonne ihre blendendsten Strahlen zurükwarf—nun schwieg ich auch, mit Freudenthränen. O Menschheit, Menschheit—wie selten entlokten mir Menschen diese Thränen! Bey Kinderen weinte ich wohl so, und bey Felsen, Büschen, und Sonnenschein; unter Menschen troknet Unwillen diese Thränen auf, oder Mitleiden und Angst verbittern sie. Und so oft sie so schön ist, diese von euch entstellte Natur, so oft ich Kinder so schuldlos reizend sehe wie sie, umfaßt

70 mein Herz euch doch alle mit glühenderer, innigerer Liebe! — —

Jetzt stiegen wir auf einem beschwerlichen Pfade in den Schlund hinab, klimmten unsern Weg zurük über das meist trockene Bett des Baches, der, wie die abgespülten Felsstücke beweisen, mit welchen er angefüllt ist, zu Zeiten grausam wüthen mag, und so gelangten wir, schweigend und uns freuend, durch dieses Gebüsch an einen Plaz, wo von einer Mergelgrube aus der Schlund weiter wurde, und eine Art von Weg hatte. Eine schlecht gemauerte, neue Brücke gieng über den Waldstrom, der sich auf die Schloßseite hinbog, und prangte mit einem adelichen Wappen. Ich zeigte es lächelnd Herrn **; Menschenspuren! sagte ich, und gieng weiter. Wir wanderten nun über die kleine enge Wiese im Grunde des Schlundes; die glühende Sonne lag darauf ohne zu sengen, denn sie blikte erst seit kurzem über die Felsen; auf der Schattenseite der Büsche duftete noch der Thau, in ihren Strahlen flatterten Schmetterlinge, schlüpften Würmchen an den weichen Halmen hinauf,

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zirpten die Grillen ihren lieben unmelodischen Gesang; hin und her hüpfte ein kleiner Frosch dem Bache zu, oder ein Vogel raschelte leise im Laub — das Ganze war ein Bild geniessender Mittagsruhe; ich mochte nicht mehr laut sprechen, als fürchtete ich, die Siesta der Natur zu stören. Da erblikten wir neben einem Haselbusch im heissesten Sonnenschein einen wohlgekleideten Mann, der ausgestrekt auf dem Gras lag, und sich mit den Blumen etwas zu schaffen machte. Er hatte eine kleine Bucht zu seinem Aufenthalt gewählt, aus welcher die Hitze uns entgegen qualmte — Das ist der Herr Baron! zischelte mir, nachdem wir vorüber waren Herr ** leise zu; der hat sich sonnenstichfest gemacht — — Ich nahm mich seiner an, mit meiner alten Behauptung daß Hitze die allergeistigste Empfindung des Körpers sey. Herr ** zeigte mir ein schattiges Pläzchen, und lud mich ein, da im Kühlen meine Dissertation zu enden. Das Spiel der vielen Thierchen im Gras, das leichte Schwanken der hohen Blumen, die romantische Form der Felsen und der Schloßmauern, beschäftigten

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uns so angenehm, daß wir erst durch den Anblik des Mannes, welcher vorhin im Sonnenschein geruht hatte, und jezt an uns vorbeygehend, uns höflich grüßte, erinnert wurden, die Stunde der Wirthin möchte wohl mehr als verflossen seyn. Ich fürchtete mich vor dem Rükweg über die arabische Strecke der Kirschbaumalle, und gab Herrn ** zu bedenken, daß dort, wo das Kind der Sonne wandelte, wohl auch ein Ausgang seyn müßte. Wir eilten ihm nach — Führt hier nicht ein Weg nach dem Withshaus zurük? — Wenn diese Dame sich nicht scheut, eine kleine Mauer zu erklettern, er ist kurz und bequem, antwortete der Fremde mit einer sanften weichen Stimme, die bis in das Herz drang. Ich war albern genug, um leise in deutscher Sprache zu flüstern: das ist kein Baron! — — Herr ** sah verdrüßlich aus, und sprach, vor mir hergehend, mit dem Fremden. Wir kamen bald an die Mauer, das Sonnenkind sprang leicht hinauf, und half sie mir ersteigen; nach wenigen Schritten empfiengen uns die Schatten der Nußbäume vor dem Wirthshaus. Der

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Fremde gieng mit hinein, und sah zerstreut aus; die Wirthin trat uns mit gutherzigem Geschrey entgegen, sie sey längst fertig, und fragte hierauf den Fremden halb leise, ob er mit uns oder allein speise? Sie kennen meines Mannes Art von Höflichkeit, man weiß nie, ob mehr Güte oder mehr Weltton darin ist, für jene zu fein, für diesen zu herzlich—kurz, er bat das Sonnenkind, nach einem so einsamen Spaziergang unter Menschen zu bleiben, und das Sonnenkind widerstand nicht.

Der Mensch ist wohl sechs und zwanzig Jahr alt, groß, schlank, eher mager, eher braun, zu schwermüthig für einen Franzosen, zu sanft für einen Provencalen, zu still heiter für einen Italiäner, zu schnell auffassend für einen Schweizer, zu gefühlvoll für einen Asiaten—Deutscher ist er nun einmal nicht, das mußte ich Deutsche gleich wissen; Russe?—Sonnenkind, verzeih, das dachte ich keinen Augenblik—und überhaupt ein Nordländer kann das schwärzliche Sonnenkind nicht seyn. Was er ist, weiß ich nicht. Da meine ersten Worte in seiner Gegenwart eine Albernheit gewesen

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waren, befliß ich mich fortan des Schweigens; die beyden Männer sprachen von Gebäuden und Alterthümern, der Fremde war eine lebendige Archäologie, er stellte dar, gab den Trümmern Seele—nämlich die Herren waren von dem alten Schlosse vor uns, bald nach Italien und dann nach Griechenland gelangt. Wir hatten beschlossen, erst um fünf Uhr fortzufahren, wir saßen also nach dem Essen an dem offenen Fenster, und während daß die Wirthin abdekte, sah ich vier Menschen vor dem Wirthshaus stehen, die höchst alltäglich herumgafften. Da es keine Landleute waren, und sie doch unmöglich alle vier der Herr Baron seyn konnten, fragte ich die Wirthin, ob hier Emigrirte wären? — Ja, die Herren wären bey einem reichen Gutsbesitzer unten im Dorfe in Pension. — Diese Episode führte das erste Wort über Politik herbey. Herr ** verläugnete, wie gewöhnlich, seine feste, kühne, immer billige Denkart nicht; ich vergaß meine vorige Albernheit, und überließ mich dem Gefühl, das mich bey diesem Gegenstand fast immer ergreift, dem Gefühl von

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peinlicher Sehnsucht nach Rettung und Auskunft für ein hülflos elendes Geschlecht; der Fremde sprach mit tiefer sanfter Traurigkeit, aber seine Aeusserungen, die von den gewöhnlichen Emigrantenfloskeln himmelweit verschieden waren, kontrastirten unbegreiflich mit seiner warmen Theilnahme an Frankreichs Schiksal. Herr ** sagte endlich nach einem traurigen Stillschweigen: jezt ist kein Lichtstrahl für sie, vielleicht giebt es eine hellere Zukunft — — Der Fremde hatte in tiefen Gedanken mit einem Kaffeelöffel gespielt, er schlug jezt seine geistvollen Augen finster auf, und sagte leise: Zukunft? Für die Unglüklichen giebt es keine mehr, die Zeit steht still für sie! — — Mir tönte Dante's fürchterliches Ewigkeit! Ewigkeit! bey diesen schwermüthigen Worten in's Ohr; ich blieb betroffen, und konnte

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ein Paar Thränen nicht zurükhalten, die ich mir nicht abzuwischen getraute. Der Kutscher unterbrach die Pause, welche jezt erfolgt war, mit der Frage, wann wir fort wollten? und dies veranlaßte von Seiten meines Mannes, der schon mit ganzer Seele dein Fremden zugethan war, eine höfliche Erkundigung, ob er noch lange in dieser Gegend bliebe? Er antwortete, daß er erst seit gestern da wäre, daß er auch nach P. wollte, wo er Bekannte hätte; da ihn aber nichts triebe, so hätte er sich von dieser reizenden Wildniß aufhalten lassen. Herr ** bat ihn, in unserm Kabriolet mitzufahren, der Fremde nahm den Vorschlag an — die Fahrt, der Abend waren durch seine Gesellschaft äusserst angenehm, wir stiegen in dem nämlichen Gasthof ab — der kleine Bündel, den er bey sich hat, scheint doch völlig den Emigrirten zu verrathen, er ist auch nie hier gewesen, sondern seine P. . .er Bekanntschaften schreiben sich von einem dritten Orte her. Aber Herr ** hat Briefe gefunden, die ihn nöthigen, morgen nach B. zu reisen, und so haben wir denn von unserm Unbekannten

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Abschied nehmen müssen — einen sonderbar wehmüthigen Abschied! Die beyden Männer schienen unwillig, daß eine so kurze und unvollkommne Bekannschaft ihnen nicht mehr Herzlichkeit erlaubte; und ich albernes Geschöpf — machte eine steife Reverenz, weil mir das Herz in die Kehle stieg. So jung, so sanft und gut, und keine Zukunft mehr!

Wie ich Ihnen vorigen Sommer unser Abentheuer mit dem Sonnenkind im Bergschlunde schrieb, spotteten Sie so kek, und beschuldigten mich einer so romanhaften Vorliebe für unsern Unbekannten, daß ich das Gelübde that, Ihnen kein Wort mehr von meinen Begebenheiten zu erzählen, und wenn sie noch so wundervoll und rührend wären. Meine kindische Gutherzigkeit überwiegt aber durchaus meinen Groll — Wenn ich als kleines Mädchen eine Puppe bekam, war ich nicht eher froh, als bis alle meine kleinen Kameradinnen damit spielten; und heute macht mir ein interessanter Vorfall, ein angenehmes Buch, ein schöner

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Tag nur erst Freude, wenn sich irgend ein Geschöpf mit mir freut. Habe ich keinen Menschen bey der Hand, so gebe ich der Hauskatze eine Schaale Milch, so wenig ich sie leiden kann; während daß sie sich lezt, schmekt mir mein Vergnügen besser. — Da fieng ich an, in P. die schreklichste Langeweile zu haben. Reisen ist einer der lästigsten Dinge für mich, aber als Fremde einige Monate an demselben Ort zu leben, ist eine Amphibienexistenz, die mir tödtlich zuwider ist; ich kann das Pilgrimseyn auf Erden nicht leiden — ein eigner Borstwisch, ein Kohlpfännchen zum Räuchern giebt mir da eine Ahndung von Heimath, und macht mir mehr Freude als das bequemste appartement garni. Ich hatte also Langeweile; mein Mann mochte es wohl an dem erschreklichen Vorrath Garn merken, den ich kaufte, an der Behaarlichkeit, mit welcher ich strikte, an der Aufmerksamkeit, mit welcher ich jedes schadhafte Flekchen in der Wäsche ausspähte, und noch mehr an meinem Widerwillen aus dem Haus zu gehen. Das Spazierenlaufen fieng an, skandalös zu werden; da man in

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dieser protestantischen Stadt an kein Bußgelübde glaubt, begriff kein Mensch, warum ich täglich bis über die halben Knöchel im Schmuz umherstieg. Mein Mann that mir den Vorschlag, mit ihm nach O. zu reisen; wohin ihn seine Geschäfte riefen. Im November war das freylich keine Lustpartei, ich nahm es aber an, und unsre Reise ward sehr unterhaltend, indem wir den jungen Cramer zum Begleiter hatten, der nach Italien geschikt wird, und uns einige Tage vorher überrascht hatte. Sie wissen, daß er ganz umsonst in Kairo gebohren und erzogen ist; denn nie sah ich etwas weniger ausländisches als den guten Menschen, und ihn könnte man mit vollem Rechte fragen: Comment puet-on être du Caire? Nun hat er dabey das ungeheure Gedächtniß über alle Kuriositäten seines Geburtsorts, so daß man auf jede mögliche Frage Bescheid von ihm erhält, als schlüge man Niebuhr auf, Kapitel XI. pagina dreyhundert und . . . , eben so trocken, gründlich, und anmaßungslos. Wie sein Vater mit ihm vom Konsulsposten zurükkehrte, sah ich ihn nur wenig; ich ließ mir

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also jezt recht viele Antworten von ihm geben—denn Erzählen kann man das nicht nennen, was er thut; er erzählt nur von H. wo ich geboren und verheirathet bin: da scheint ihm aber alles so merkwürdig, daß er unerschöpflich ist, wenn er darauf zu reden [kömmt]. Herr ** machte sich zuweilen den Spaß, zwischen meinen Fragen ein Wort von H. fallen zu lassen, und dann glich unsre Unterredung dem abwechselnden Vorlesen von zwey Reisebeschreibungen, die eine von Aegypten, die andre von H. So wie ich mich nach etwas erkundigte, das jenes Land betraf, gab er mir pünktlich Bescheid, und gieng an einem Athem von dem Umfang der Pyramiden u. dgl. zu der Reinlichkeit des H.schen Gemüsemarkts über; ich schritt zu den Mumien, er belehrte mich, und erzählte gleich darauf von den Gasthöfen in H.—So kamen wir, wie vom babylonischen Thurmbau aufgerafft, nach R., wo Herr ** mit dem Eigenthümer eines kleinen Buchhandels zu sprechen hatte. Cramer wollte, da er Kairo, Aleppo, und das Delta bereist hatte, doch auch den Mole von N. besehen, und nahm den Stok

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fest in die Hand, um dahin zu gehen. Ich fand den Einfall so abgeschmakt, daß ich sehr ernsthaft bat, Herrn Lepperts Druckerey bey der Gelegenheit mit in Augenschein nehmen zu dürfen. Cramer hatte kein Arg daraus, sondern wanderte gegen den See zu, den er vor Augen hatte; indem er sich an allen Ecken nach dem Wege dahin erkundigte. Ich begleitete meinen Mann wirklich zu Herrn Leppert: man führte uns in einen kleinen saubern Laden, wo ein Mensch am Pulte saß, der bey unsrer Annäherung sehr höflich aufstand—Ach unser Sonnenkind! rief ich wie eine Närrin. Welch eine angenehme Ueberraschung! rief mein Mann, und schüttelte dem Unbekannten die Hand. Er war es wirklich, eben so schwermüthig, so sanft, so liebenswürdig, wie in dem Bergschlund. Er hatte, wie er uns sagte, durch das Fürwort eines alten Bekannten Herrn Lepperts Zutrauen hinlänglich erworben, um von ihm zum Kompagnon angenommen zu werden, und—sezte er mit einem Blik hinzu, der mich schmeichelhaft an meine Thränen bey seinen traurigen Worten:

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für sie steht die Zeit still! erinnerte—und da Sie meiner bey unserm ersten Zusammentreffen unverläugbaren Heimlosigkeit ein so gütiges Mitleiden schenkten, so darf ich mir jezt schmeicheln, daß Sie an meiner weit erträglicheren Lage einigen Theil nehmen werden.— —Wahrlich das thaten wir, wir freuten uns wie Kinder, oder wie gute Menschen—denn es konnte kein einfacheres, klareres Bild von guten Menschen gegeben werden, als dieses Bild, das uns Christus aufstellte, und von welchem seine Ausleger so empörend abgewichen sind. Wir hatten das Vergnügen, als Herr Leppert dazu kam, unsern Fremden, der sich Calano nennt, mit einer Sachkenntniß, mit einem Eifer für den Gegenstand, von seinem Handel sprechen zu hören, wobey es schwer gehalten hätte, zu errathen, ob er je eine andre Beschäftigung gekannt. Herr Leppert rühmte, daß sein Handel durch den Beystand seines Kompagnons eine ganz neue Gestalt bekäme, indem er vorher, troz seines guten Willens und seiner Ordnungsliebe, wohl gefühlt hätte, daß es ihm an

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Geschmak und Unternehmungsgeist fehlte. Calano verließ uns, um einige Aufträge zu besorgen, und nun konnte ich meine Neugierde nicht länger bezähmen, sondern fragte Herrn Leppert, was sein junger Freund für ein Landsmann sey. Er antwortete uns sehr unbefangen, er sey aus Kairo, und möge bis vor kurzem sein Leben im Morgenlande zugebracht haben, wahrscheinlich aber sey er dort in französischen Seediensten gewesen, wenigstens scheine er mit allen dahin gehörigen Dingen sehr bekannt. Warum aber, fragte ich übereilt, warum hüllt er sich, bey seinem augenscheinlich offenen Karakter, in eine solche Dunkelheit?—Wirklich, antwortete mir der brave Mensch, ich habe niemals in ihn gedrungen; er scheint Unglüksfälle, aber keine Geheimnisse zu verhehlen. Die Antwort hatte etwas beschämendes für meine Neugier—ich erröthete und schwieg. Wir mußten, da es Zeit zum Mittagsessen war, nach unserm Wirthshaus zurük, vernahmen aber vorher zu unsrer großen Zufriedenheit, daß uns Calano in wenigen Tagen in P. treffen würde, wo er einige Angelegenheiten

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zu besorgen hätte. Wir fänden an der Wirthstafel einige Reisende aus P., die wahrscheinlich oft hier durchfahren, wie denn überhaupt zwischen allen diesen Städtchen so viel Verkehr und Kommerage ist, wie zwischen Strassen und Häusern einer deutschen Reichsstadt. Bey Tisch kam das Gespräch sogleich auf die französischen Angelgenheiten, aber ohne allen Streit, denn die Herren waren alle ein Herz und eine Seele über die Ansicht der Sache. Ich hatte anfangs Mühe herauszubringen, wer in ihrem Gespräch unter der allgemeinen Benennung Sie gemeint würde; ich entdekte aber bald an der fast konvulsivischen Bewegung des Gesichts, mit welcher dieses Sie gewöhnlich begleitet wurde, und an einigen andern Umständen, daß man damit dem Namen Franzosen auszuweichen gewohnt war, und das possierlichste war, daß wenn irgend ein Konventsdeputirter, oder ein Petitionnair, oder wer es auch nur seyn mochte, von dem man gerade nicht wußte, daß er eben an der Kontre-Revolution arbeitete, laut der französischen öffentlichen Blätter etwas gesagt oder

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gethan oder geschrieben hatte, das entweder heftig oder mäßig oder gleichgültig war, so referirten sich's die Herren untereinander immer nur unter der Rubrik Sie, und mit dem nämlichen Naserümpfen: z. B. Sie möchten jezt gar zu gern Frieden haben, oder Sie sprechen, daß sie in ihrem Leben keinen Frieden machen wollen, oder Sie geben's kleiner zu, oder Sie wollen alle gekrönten Häupter in Europa guillotiniren, u. s. w., je nachdem ein Tollkopf, oder ein Poltron, oder ein vernünftiger Mensch, im Konvent oder sonst, einmal den Mund aufgethan hatte, und es sich in ihren wechselseitigen Ergiessungen kreuzte. An eine Art von vernünftigem Zusammenhang zwischen ihren Aeusserungen von Haß und Verachtung, und den wirklichen Albernheiten und Abscheulichkeiten, von denen die französischen Blätter leider so voll sind, war gar nicht zu denken, und man hätte sich ihnen mehr als verdächtig gemacht, wenn man einen solchen Zusammenhang auch nur vorauszusetzen geschienen hätte. Hingegen von jeder Albernheit und Abscheulichkeit, die ohne dreyfärbige Kokarde

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verübt wurde, sprachen sie mit einer Ehrerbietung, einer Salbung, daß man zuweilen versucht war, sie für schlimme Spottvögel zu halten; denn sie gaben sich meistens gar nicht die Mühe, etwa auf der einen Seite zu übertreiben, und auf der andern zu vertuschen, sondern sie sagten geradezu und oft in einem Athem Phrasen von folgender Art: "Die Schurken, die Bösewichter haben hier oder dort eine Amnestie verkündigt," und: "wissen Sie schon die vortrefliche Nachricht? Der Herr Graf von . . . oder der Herr Marquis von . . . hat einen kompleten Sieg in der Vendee erhalten, wobey sechstausend Patrioten die Waffen gestrekt haben, aber ohne Gnade alle in Stücke gehauen worden sind."—Ausserdem hatten sie schon einige Anspielungen auf heimliche Jakobiner, Spione, u. dgl. fallen lassen, und ich gab meinem Mann, der kein Arg daraus hatte, einen verstohlnen Wink wegen seiner abgeschnittenen Haare. Der Wirth kam in das Zimmer, und die Herren zogen ihn durch verschiedne, fast amtsmäßige Fragen in ihr politisches Gespräch; endlich rükte einer

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mit der Erkundigung heraus, ob der Türke noch in der Leppertschen Handlung stünde? Man fand die Wendung sehr artig, und stichelte nun auf diesen Türken, den man, wie ich wohl merkte, des Demokratismus verdächtig hielt. Es hieß, er möchte wohl allerley andre Wissenschaften neben dem Handel verstehen, wenigstens wäre das wohl der erste Einwohner von Kairo, der wie ein in Versailles erzogener Marquis spräche—Unser ehrlicher Cramer, der erst wie wir uns schon zu Tische gesezt hatten, wieder zu uns gekommen war, und von unsrer Zusammenkunft mit Calano, und daß wir in ihm einen seiner Landsleute entdeckt hatten, noch nichts wußte, war schon bey dem Spötteln über den Türken aufmerksam geworden; wie man aber jezt gar Kairo nannte, ergrimmte seine derbe Herzhaftigkeit, er fühlte sich zur Vertheidigung seiner Vaterstadt—wohl zum erstenmal in Europa mochte er sich einfallen lassen, daß sie es war—aufgerufen, und sagte den Herren sehr trocken, daß sie über die Erziehung, die man in Kairo erhalten könnte, richtigere Begriffe bekommen

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würden, wenn er sich die Ehre verschaffen könnte, sie, so wie sie da wären, nach seinem Handelshaus in dieser Stadt zu versetzen. Die Leute sahen alle auf verschiedne Art einfältig aus; keiner wußte, ob er über die Einladung geschmeichelt, oder durch Zurechtweisung beleidigt seyn sollte. Zwey von ihnen, welche wohl Kaufleute seyn mußten, fanden zuerst die Sprache wieder, und fragten, ob den Herrn sein Handel schon so weit weg geführt hätte? Cramer antwortete bescheiden, daß er dort geboren und erzogen wäre, und jezt für das *** sche Haus eine Reise nach Livorno mache. Bey dem Namen des *** schen Hauses war es gerade, als wenn Freymaurer zusammen kämen, und der eine in dem andern unversehens seinen Oberen erkennte. Der älteste von den beyden Herren langte mit seiner petschierten Bouteille Wein über den ganzen Tisch nach Cramers Glas, und rühmte sich, das *** sche Haus durch seine deutschen Kopmtoirs kennen gelernt zu haben, fragte auch, ob er nicht im Vorbeygehen bey den Herren Z . . . in P. ansprechen würde, die zwar nicht in

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Kairo, aber doch in . . . . nun nannte er drey bis vier levantische Hafen—Konnexion hätten. Jezt war Cramer versöhnt, und in seinem Element. Die drey Menschen fiengen ein Gespräch an, das für mich durchaus zum Todtlachen war, denn es war ein ununterbrochner Zusammenhang von kaufmännischen Redensarten. Cramer legte die größte Ehre ein; sprach er auch nicht als ein in Versailles erzogner Marquis, so verrieth er doch einen Schaz von Handelskenntnissen, und schien den andern Kaufleuten ein wahrer Hexenmeister, weil er auf ein Haar wußte, wo die Z . . . schen Fabriken Baumwolle, Farben, und Pinsel hernähmen. Mein Mann katte sogleich nach seinem Gesichtspunkt warmen Antheil an dem Gespräch genommen, ich hatte im Herzen meinen größten Spaß an dem Wettstreit von Höflichkeit und Wissenschaft; aber den andern Herren schien die Unterredung desto weniger Zeitvertrieb zu machen, denn sie thaten immer zwischen ein die abgeschmaktesten Fragen über Kairo, und alles in Rüksicht auf den armen Türken. Endlich konnten sie ihren sehnlichen

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Wunsch nicht bergen, daß der Herr seine Bekanntschaft machen möchte; denn sie wollten das Leben verwetten, der Mensch wäre ein Betrüger—"sehen Sie, wir haben mit ihm in der Krone gegessen; da nahm ihm Clairaut auf's Korn, denn seines Vaters Bruderssohn ist doch in der Levante gewesen; der saubre Herr wollte niemals Rede stehen! Ein Engländer war aber mit am Tisch, mit dem sprach er von Indien und Griechenland, als wäre er Zeitlebens da gewesen, und Herr von N., der auch mitspeiste, versicherte, das wären alles Windbeuteleyen, Auswendiggelerntes aus einem grossen Buch, das ein französischer Gesandter in Konstantinopel geschrieben hätte; wenn er nur ein besseres Gedächtniß hätte, wollte er ihn wohl aus dem Sattel heben. Wir haben ihn geplagt, er sollte doch machen, daß er das Buch noch einmal läse, damit er das nächstemal, wenn der gewisse Mann wieder bey Tisch wäre, ihn recht schrauben könnte."— —Cramer ließ sich auf die menschenfreundliche Absicht der edeln Herren weiter gar nicht ein; aber sein

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Gespräch mit den beyden andern dauerte bis zu dem Augenblik fort, wo wir in den Wagen stiegen, und endigte sich von ihrer Seite mit einer sehr kordialen, auch auf uns ausgedehnten Einladung, sie in P., wohin sie in zwey Tagen zurükkehren würden, zu besuchen.

Ich sezte mich ziemlich verstimmt in den Wagen; die feindselige Wirkung des Zeitpunkts auf alle Gemüther hatte mir in den geringfügigen Auftritten des eben verflossenen Augenbliks sehr wehgethan. Es war eine so niedrige Gehässigkeit, eine so unmännlich-klatschige Verfolgungssucht, eine solche moralische Banditenart in den Aeusserungen dieser Menschen über alles, was die Revolution betraf, und über unsern armen Calano insbesondere! Da wurde ein armer unschädlicher Fremder verunglimpft, verläumdet, verspottet—nicht wegen dessen was er war, denn das wußte keiner, sondern wegen dessen, was er ihrer Meynung nach nicht war. Das leuchtete deutlich aus der Zuversichtlichkeit vor, mit welcher sie ihm die Ehre absprachen, ein Emigrirter, in ihrem Sinne, zu seyn: erstlich kenne ihn keiner von

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den Herren aus dieser Klasse in P., und von Stand könne er in keinem Falle seyn, sonst würde er nie den Einfall gehabt haben, diese Beschäftigung zu ergreifen, und so hartnäckig allen Umgang mit seinen Landsleuten zu vermeiden.—Und doch war übrigens in allem, was die Menschen sonst sprachen oder thaten, eine einfache, diesem glüklichen Lande noch eigne Häuslichkeit, ja eine wirklich etablirte Gleichheit, zwischen ihnen und dem Wirth zum Beyspiel, und einigen zufällig eintretenden Landleuten, die gegen unsre deutschen Rangkonvenienzen sehr schön, aber gegen ihren eignen Geifer über die Gleichheit, in Beziehung auf Frankreich, ihre vernünftigsten wie ihre tollsten, ihre wohlthätigsten wie ihre fürchterlichsten Bedeutungen mit eingeschlossen und durch einander geworfen, sehr sonderbar abstach. Die beyden Kaufleute gefielen mir noch besser; sie verbanden wirklich einen herrschenden Begriff von Nüzlichkeit mit ihrem Gewerbe, und sprachen mit schätzenswerther Menschenliebe von dem Einfluß ihrer Fabriken auf das Volk. Sobald aber eine ihrer Ideen an die leidige Tagesordnung

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streifte, war jede Spur von Gutherzigkeit und von gesunder Vernunft verschwunden; und es fehlte wenig, so wären sie und Cramer an einander gerathen, weil er, mit jedem parteysüchtigen Interesse unbekannt, blos als Kaufmann einmal ein Wort von den Vortheilen fallen ließ, die der ganze europäische Handel durch ich weiß nicht welche Folge erhalten müßte, die der Frieden und die Anerkennung der Republik nach sich ziehen würden.—Anfangs hatte ich mich darauf gefreut, meinen Unbekannten mit Cramer zusammenzubringen; ich stellte es mir fast rührend vor, wenn der gute Calano von den Wegen, den Bäumen, den Feldern seines Geburtslandes sprechen könnte. Aber wider meinen Willen hatte mir der alberne Verdacht der Leute am Wirthstisch eine gewisse Scheu gegen diese Zusammenkunft eingeflößt; ich ahndete das Peinliche seiner Lage, wenn seine ägyptische Abkunft eine Erdichtung wäre, und fürchtete mich vor Cramers Steifigkeit, die ihm keine Verlegenheit ersparen würde. Herr ** lachte mich gar sehr aus, fand es höchst kindisch, daß ich einen

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solchen Werth auf das leere Geschwäz dieser Menschen legte—ist Calano aus Kairo, sagte er, so fällt jede Sorge weg; hat er gute Ursachen, diesen Geburtsort vorzugeben, so ist der Spott unsrer P. . . er Herren sehr gleichgültig; und ist er blos ein Windbeutel, so hat er ja nur was er verdient— —Das war nun so ein dürres Raisonnement, wie ich sie gar nicht leiden kann!

Den folgenden Tag hatte Herr ** einen Brief von unserm Freund Renner an einen Herrn Lambert abzugeben, der hier einen ansehnlichen Dienst verwaltet. Dieser war so höflich, selbst zu uns in unsern Gasthof zu kommen, und lud uns ein, den Abend in seinem Hause zuzubringen—nicht in Gesellschaft, sezte er hinzu, aber ich erwarte einen sehr lieben Freund, den ich Menschen, die Renner mir so wie Sie empfiehlt, gern vorsetzen möchte. Der Mann gefiel mir sehr, er hatte etwas weit herzlicheres, theilnehmenderes in seinem Wesen, als man hier zu Lande insgemein findet. Wir wanderten hierauf den ganzen Nachmittag mit Cramer bey verschiednen Handelsherren

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umher, und in allen Häusern sprach mich etwas an, das meine vortheilhafte Meinung von den einfachen, züchtigen Sitten dieser Leute bestätigte. Nach fünf Uhr fanden wir uns bey Herrn Lambert [ein; er] stellte uns seine Frau, ein sehr gleichgültiges Geschöpf, und dann seinen Freund vor, auf den ich nicht gleich Acht gab, bis ein freudiger Ausruf meines Mannes mir abermals unsern Unbekannten, unser Sonnenkind, unsern Mann aus Kairo in ihm entdeckte. Sie können denken, daß es die erste Viertelstunde mit Erzählen unsrer vorigen Zusammenkünfte, mit Freuen und Lachen über das Abentheuerliche des Zufalls, der bey unsrer Bekanntschaft waltete, ziemlich durch einander gieng. Herr ** stellte den jungen Cramer sehr behutsam als einen Landsmann des Herrn Calano vor; aber Cramer gieng nun sehr arglos zutäppisch zum Ziel, und legte dem armen Calano Fragen vor, gerade wie beym Pfänderspiel, wenn einem das Handwerk abgefragt wird. Ich stand wie auf Kohlen; Herr Lambert sah verdrüßlich aus, was mir gar nicht lieb war; mein Herr Gemahl blikte

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so ruhig drein, als schlösse er einen Handel, wo er, wenn bey der Untersuchung die Waare schlecht ausfiele, weiter keinen Nachtheil hätte, als das Geld im Säkel zu behalten. Indessen zeigte Calano nicht die mindeste Verlegenheit, machte ein gar artiges Kompliment über das Vergnügen, einen Landsmann zu finden, und erklärte ganz unbefangen, sein Vater habe, wie er noch in der ersten Kindheit gewesen, Kairo verlassen, und sey nach Smyrna gezogen, von wo aus er häufige Reisen im [Archipelagus] und nach Griechenland gemacht habe. Cramer, wie eine Pendeluhr, deren Gewicht man abhebt, war nun aus dem Gange, und blieb stumm, aber ohne weiteren Argwohn oder Mistrauen: Smyrna hatte mit seiner geographischen Kenntniß nichts zu schaffen, die schränkt sich auf das Delta ein. Calano sezte jedoch das Gespräch sehr ungezwungen fort, fragte ihn nun seinerseits nach verschiednen Schiffsherren in den ägyptischen Hafen, nach einigen Naturwerkwürdigkeiten der Küste, und alle seine Reden schienen zu beweisen, daß er dort zu Hause wäre. Ich blikte triumphirend

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auf meinen Mann, der eher muthwillig aussah; Herr Lambert fieng an, unsern ehrlichen Cramer besänftigter zu betrachten; der Abend war allerliebst—so viel sanfte Heiterkeit, Kenntnisse, Talente, vereinigten sich selten in einem so kleinen Zirkel. Calano hat eine äusserst melodische Stimme, und er hat sich die Art der italiänischen Musik ganz zu eigen gemacht; mein Mann verlor sich ganz in Genuß, er war ein lebendiger Katalog italiänischer Arien, und Calano eine lebendige Musterkarte. Wenn gleich Musik nicht mein größtes Fest ist, so hatte ich doch meine Freude daran, erstlich als Originalität in den beyden Menschen, und dann interessirt mich die Musik in ihren Wirkungen doch immer. So war es mir jezt von neuem auffallend, ob ich schon oft ähnliche Bemerkungen gemacht hatte, daß Cramer, der doch gewiß nicht der am feinsten Fühlende unter uns war, mit einem Enthusiasmus zuhörte, einen Sinn für die Verschiedenheit des Ausdrucks in der Musik zeigte, wobey man einen Grad Empfänglichkeit oder Illusion in ihm hätte voraussetzen sollen, mit welchem sein

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ganzes übriges Wesen nicht im mindesten zusammenstimmt. Zu offenherzig, um da Gefühl zu zeigen, wo mein Verstand sich allein beschäftigt, fand ich meine Rolle eben nicht sehr glänzend, unter allen diesen entzükten Menschen so ruhig zu stehen, und nur bey einigen Stücken, deren Text mir bekannt und seit langer Zeit schon lieb war, die Uebereinstimmung der Musik zu empfinden. Wenn die Leute bey dem schaalsten Unsinn italiänischer Arien, blos um der Komposition willen, schaudern und schmelzen, kömmt mir die Wirkung der Musik immer nur vor, wie das Kratzen eines Schachteldeckels an einer gekalkten Wand, wovon manche Menchen Zuckungen bekommen, oder wie das eintönige Geplätscher eines Wasserbeckens, welches Kranke nach den hartnäckigsten Insomnien endlich in Schlaf zu wiegen vermag. Der Geist hat mit seinem Bewußtseyn gar nichts dabey zu thun, und deswegen liebe ich die Musik nicht, wenn ich mir dabey nicht etwas bestimmtes denken kann. Ich bin übrigens albern genug, daß ich mich hier auf diese Erörterung einlasse, da Sie doch wohl fast

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der einzige meiner Bekannten wären, mit dem ich mich nicht über diesen Gegenstand gestritten*) hätte. Es ist mir auch manchmal übel genug bekommen! Ich erinnre mich eines solchen Zwistes, wo mich endlich alle die musikalischen Seelen allein liessen, und sich zum Klavier drängten, um recht zu schweigen; aber gestört hatte ich sie doch, und da sie sich nicht wieder in's Erhabne versteigen konnten, sang

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eine Weiberstimme für diesmal blos Göthe's drolliges "Als ich noch ein Knabe war." Ich hatte es so oft gehört, unter so verschiednen Umständen, aus einem Munde, der nun auf ewig verstummt ist; mein Herz schwoll höher und höher, und wie das Mädchen mit dem klagendsten Ton schloß: "Ach wo ist das Land, wo der Weg zu ihr?" brachen meine Thränen unaufhaltsam hervor. Das war nun ein Jauchzen, ein Schnattern, ein Spotten—ich hätte die musikalischen Gänse alle schlagen mögen, und zog es tausendmal vor, sie glauben zu lassen, ihr Hackebret habe mich überwältigt, als ihnen zu erklären, welcher unendlich reiche Sinn für mich in diesem Texte lag, als ihnen zu sagen, wie mir bey jenen Worten war, wie ich ihr hätte nachdringen mögen in das ferne Land, wo sie nun schon seit Jahren der Freundin harrt— —

Den folgenden Mittag wurden wir sehr angenehm überrascht, indem Calano sich bey uns einstellte, unsertwegen mit an der Wirthstafel zu speisen. Wir waren kaum in das Zimmer getreten, als mir zwey von den Herren

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in die Augen fielen, mit welchen wir an der Wirthstafel in R. zusammengekommen waren, und deren Aeusserungen über unsern Freund Calano mir vorzüglich misfallen hatten. Der eine trat sogleich zu Cramern, und suchte augenscheinlich, sich an Calano zu machen, welcher denn auch in die Falle gieng, und an dem Gespräch Theil nahm. Der P. . . er Herr rükte nun seinem Ziel näher, wünschte Herrn Calano, den er als alten Bekannten begrüßt hatte, Glük, einen Landsmann gefunden zu haben, und meynte, es müsse ein rechtes Vergnügen seyn, in einer solchen Entfernung sich von seiner Heimath unterreden zu können; da sie ohnedem fast von gleichem Alter wären, dürsten sie sich wohl gar schon ehemals gekannt haben. Ich weiß nicht, ob Cramer gerade den Menschen ansah, und mehr Physiognomist ist, als ich's ihm zutraute; denn in diesem Falle mußte er in dem platten, von Schadenfreude und Feigheit verzognen Gesicht die Absicht deutlich lesen; oder ob er das unmäßig plumpe in dem Betragen fühlte—er antwortete sehr abschneidend, daß er sich allerdings

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mit dem Herrn von manchem ihnen bekannten Gegenstande unterhalten hätte, daß er ihn aber selbst, da seine Familie schon vor langen Jahren von Kairo weggezogen, jezt zum erstenmal gesehen hätte. Der andre lachte hämisch, als hätte er nun seinen Zweck erreicht, und bemerkte, Kairo müsse wohl sehr weit von der Küste entlegen seyn, denn er erinnre sich noch, wie der Fremde Herr, bey einem Gespräch mit einem Engländer, ihn durch seine mannichfaltigen Kenntnisse aller Orte am mittelländischen Meere auf das angenehmste unterrichtet hätte—je frecher der Mensch ward, je widriger freundlich und furchtsam ward sein Gesicht. Calano machte bey diesem Kompliment eine leichte Verbeugung, und sagte sehr kaltblütig, wenn der Herr an den wenigen Gegenständen, die in dem damaligen Gespräch vorgekommen wären, so viel Gefallen gefunden hätte, so müsse er das Voyage pittoresque des Herrn von Choiseul Gouffier lesen, welches weit detaillirtere und glüklichere Beschreibungen enthielte—Hätten Sie die jezt ausbrechende Lache des fatalen Menschen gehört, Ihnen

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wäre wie mir vor Schrecken und Indignation das Herz stillgestanden; ich dachte, es müßte Händel geben! Den Sprechenden hatte sich unterdessen ein junger Emigrirter genaht, dessen braves Gesicht und blühende Gesundheit zu seinem Vortheil einnahmen; er hörte theilnehmend zu, und sah jezt den P. . . er Herrn bey seiner Lache befremdet an; der redliche Cramer ward roth, er wollte gutherzig einlenken, und sagte sehr fest: Diese Kenntniß der Seestädte ist unter uns Handelsleuten sehr gemein, und bey diesem Herrn um so natürlicher, da er von Smyrna aus Gelegenheit gehabt hat, sie viel zu besuchen—Von Smyrna aus? wiederholte nun der verdammte Lacher; ey, Herr von ** —indem er sich zu dem jungen Emigrirten wandte—war es nicht dort, wo Sie sich so lange aufgehalten haben? Da finden Sie ja einen Herrn, der sich freuen wird, mit Ihnen zu schwatzen.— —Er zeigte dem Emigrirten unsern guten Calano, der seit der abscheulichen Lache ernsthaft aussah. Der junge Franzos machte eine sehr artige Verbeugung, und sagte ich weiß nicht was allgemein verbindliches.

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Calano wandte sich gegen den frechen Lacher, und sprach mit einem männlichen Ton: Ihre Obrigkeit, mein Herr, hat bis jezt blos meine Pässe von mir gefordert, und mir dagegen ihren Schuz zugesagte; ich bin Ihnen Dank schuldig, daß Sie mir in Ihrem Eifer ihr nachzuhelfen, eine so angenehme Bekanntschaft verschaffen. Ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen, noch auf sein rothes, nun völlig stupides Gesicht zu achten, knüpfte er ein Gespräch mit dem liebenswürdigen Emigrirten an, wo er freylich—das muß wahr seyn!—sehr schnell von Smyrna fortsegelte; übrigens aber, da der andre den Archipelagus eben so wie er aus Liebe zu den Alterthümern bereist hatte, fanden beyde Theile, und auch die Zuhörer, viel Vergnügen an der Unterredung. Der Lacher allein konnte seine Galle nicht so geschwind verdauen, und machte darüber einen so lustig dummen Streich, daß mich das Mitleid über seine Beschämung beynahe mit versöhnt hätte. Unter andern interessanten Gegenständen ward auch der Höhle von Antiparos gedacht; der witzige Persifleur,

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der den Emigrirten, seit er kein Werkzeug gegen Calano hatte abgeben wollen, mit in sein Verdammungsurtheil zog, sagte mit seinem grinsenden Lächeln zu ihm: solcher Höhlen mag es wohl jezt in Ihrem freyen Vaterlande eine Menge geben?— —Der junge Mensch hielt einen Augenblik inne, wahrscheinlich um ihn zu verstehen, und antwortete dann höflich auf Gerathewohl, daß, wie er sich zu erinnern glaubte, es in der Grafschaft Avignon ähnliche Stellen gäbe. Ich verstand den feinen Sinn des Einfalls schon völlig, und frohlokte über die Demüthigung, die dem Frager bevorstand. Dieser rannte auch blindlings in sein Verderben, und sagte: Nun ja, Jourdan und seine Gesellen sind wenigstens eben so würdig, einer Räuberhöhle ihren Namen zu geben, wie es der griechische Spizbube, von dem sie da reden, nur immer seyn konnte—Der Emigrirte brach in ein lautes Gelächter aus, welches jener noch für sehr statthaft zu halten schien; ich konnte es aber nicht lassen, sehr ernsthaft zu sagen: ja, Jourdan wird aber durch seinen Tod unter der Guillotine nie so merkwürdig

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seyn, wie der Erzschelm Antiparos, der mit seiner ganzen Rotte in der Höhle versteinerte, wo man noch bis heutigen Tages eine ganze Reihe menschlicher Gestalten erblicken will— — Mein Mann hatte anfangs mitgelacht, aber jezt sah er bey meiner Inkartade verdrüßlich aus; der Emigrirte, Cramer, ja Calano selbst—(ob er schon mich nachher sehr freymüthig tadelte, und mir merken ließ, ich hätte unweiblich gehandelt)—lachten wie die Thoren. Calano machte indessen das Gespräch gleich wieder so allgemein, daß der witzige Herr, welcher wahrscheinlich anfieng zu merken, daß er etwas dummes gesagt hätte, vielleicht auch aus einer dunklen Erinnerung errieth, woran es lag, sich fassen konnte; aber zum Schweigen war er gebracht:

"Sprach keine Sylbe mehr!"

Der Emigrirte hatte meinem Mann so gefallen, daß er ihn nach Tisch zum Kaffee auf unser Zimmer mitnahm, wo sich bald auch Herr Lambert einstellte, der seinen Freund Calano aufgesucht hatte, um ihm einen Brief zu überbringen. Ich sah an des braven Mannes

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Gesicht, daß er sich keinen günstigen Inhalt seiner Botschaft für unsern armen Calano versprach, und war weniger erschrocken als ängstlich gespannt, wie der gute junge Mann von dem Fenster, wo er den Brief gelesen hatte, mit der Mine des gewaltsam verhaltnen Schmerzens zu seinem Freund trat, und indem er seine Hand schüttelte, mit einer Stimme, die fest und ruhig zu seyn strebte, zu ihm sagte: Es soll so seyn! Sie thaten alles—aber unstät und flüchtig ist unser Loos! Und—rief er, und starre Thränen füllten seine dunkeln Augen, indem er beyde Hände emporhob, und dann gegen seine Brust drükte—diese Hände sind doch rein von Brudermord, dieses Herz frey von Verrath!— —Wir blieben verstummt; der junge Emigrirte war sehr bewegt, stand aber auf, und sagte mir halb leise: Ihr Freund könnte mich in diesem Augenblik überflüssig finden— —Er gieng nach der Thüre; Calano blikte auf, und hielt ihn zurük: Nein, mein Gefährte im Elend! dasselbe Land müßt uns nicht geboren haben, wenn ich Sie nicht in dem grossen Haufen

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von Unglüklichen unterschiede, von denen ich mich absondern zu müssen glaubte. Nein, verlassen Sie uns nicht—unser Schiksal ist sich jezt gleich—vielleicht ganz gleich! Oder liessen Ihnen die Unmenschen den fürchterlichen Schmerz, über das Leben der Ihrigen zu weinen?— — Der Mann war ausser sich; aber wie traurig ist auch sein Schiksal, obgleich nur wenig unterschieden von der Geschichte vieler Tausende unsrer Zeitgenossen!

Er ist nämlich aus dem südlichen Frankreich, ein Ex-Adelicher; von früher Jugend auf war er im Seedienst, und da er im mittelländischen Meere gebraucht wurde, hatte er Gelegenheit, die Küsten der Levante, besonders aber den griechischen Archipelagus zu besuchen, dem er einen langen Urlaub widmete. Die damalige Verfassung der königlichen Marine und seine grosse Vorliebe für die Wissenschaften brachten seine Grundsätze und seine Amtsgeschäfte so sehr in Widerspruch, daß er kurz vor der Revolution seinen Abschied nahm, und sich in Paris seinem Geschmak am Studium des Alterthums überließ. Seine ganze Verwandtschaft

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trat zu der Hofpartey, deren schlimmste Intriguen einige davon theilten. Sein Vater, sein älterer Bruder, und mehrere seiner nächsten Freunde mußten auf dem Blutgerüste ihre Treue für den unglüklichen König büßen, indeß er, mit der reinsten und glühendsten Freyheitsliebe im Herzen, gleich einem Verbrecher verborgen, sein trauriges Leben von Tag zu Tag wie einen Raub hinschleppte. Er hätte es nicht der Erhaltung werth geachtet, und würde es schwerlich haben retten können, ohne die innigste Liebe eines Weibes, für welches und durch welches er es aufbewahrte. Sie war die junge blühende Gemahlin eines Buchhandlers gewesen, eines bekannten Parteygängers des Hofs, mit welchem seine litterarischen Verhältnisse ihn ehemals in Verbindung gebracht hatten. Dieser Mann, welcher den Jahren nach ihr Grosvater hätte seyn können, war in keiner Rüksicht einer so liebenswürdigen Gattin werth, aber sie erfüllte ihre Pflichten gegen ihn mit einer Gewissenhaftigkeit, die bey den schreklichen Auftritten des 2ten Septembers bis zum Heldenmuth gieng; denn sie rettete ihm damals

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das Leben durch die sanfte Entschlossenheit, mit welcher sie einigen Rasenden, die ihn verfolgten, auf die Gefahr, selbst das Opfer ihrer betrogenen Wuth zu werden, seinen Schlupfwinkel zu entdecken versagte. Der alte Mann nahm hierauf die Flucht, und Calano hatte das Glük, ihm und seiner reizenden Frau ein sichres Asyl zu verschaffen, und so das Leben seines Nebenbuhlers zu erhalten; denn schon damals liebte er, wenn gleich ohne Hoffnung, das vortrefliche Weib. Des Mannes Gesundheit erlag bald der ausgestandnen Angst und dem Sturz seines Glückes; sein Tod gab Calano den ersten Strahl von Hoffnung, als die Verfolgung gegen seine Familie ausbrach, und er auf die zärtlichen Bitten der schönen Wittwe endlich den Entschluß faßte, im Ausland Sicherheit zu suchen. Wir sahen ihn vorigen Sommer bey seinem ersten Eintritt in dieses Land, noch betäubt von den Schlägen, die ihn getroffen, noch erschüttert von den lezten Schritten, die ihn von seiner Heimath, seiner Geliebten getrennt hatten. Er traf hier viele Ausgewanderte an: er that heimlich für einzelne

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Unglükliche untern ihnen was seine eigne, in jeder Rüksicht sehr beschränkte Lage ihm nur immer gestattete; aber er mußte unaufhörlich vor Verfolgungen von ihrer Seite, sobald sie in ihm nur einen Landsmann andrer Meynung wittern konnten, auf seiner Hut seyn. Um die Berührungen mit ihnen zu vermeiden, kam er auf den Gedanken, einen Zufall zu benutzen, der ihm Pässe als ehemaliger Handlungsdiener aus Kairo verschaffte; er hielt diese Erfindung für das sicherste Mittel, inkognito zu bleiben, und mußte versucht seyn, sich von unsichtbaren Kundschaften verfolgt zu glauben, wie er, dessen Person hier zu Lande völlig unbekannt war, von seinem ersten Schritt über die Gränze fast überall Menschen antraf, die in Kairo gewesen waren. Bis zu seiner Zusammenkunft mit Cramer hatte er sich einigemal in ähnlichen Fällen mehr durch seinen finstern Schmerz, als durch Gegenwart des Geistes herauszuhelfen gewußt; man hielt ihn für zerstreut, vielleicht für unklug—als ihm Cramer die Daumenschrauben anlegte, rettete er sich in der Geschwindigkeit nach

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Smyrna, und urplözlich führte das Geschik den jungen Emigrirten her, wahrscheinlich den einzigen Menschen auf viele Meilen im Umkreis, der ihn Lügen strafen konnte. Wir haben über diesen Zustand späterhin oft gelacht, und sind überzeugt geblieben, daß wenn er sich für den Sohn irgend einer menschenfressenden Völkerschlacht in Amerika ausgegeben hätte, sein Stern ihn unausbleiblich an jeder Wirthstafel im Herzen von Europa, mit Landsleuten aus den Algonquinen oder Missouris zusammengebracht haben würde. Auch ist uns eingefallen, daß es kein sicherers Besserungsmittel für manche unsrer Reisebeschreiber geben könnte, als wenn sie recht oft auf solche lebendige Revisoren ihrer Berichte stiessen. Aber bey der ersten Erzählung seiner Geschichte lachten wir wirklich nicht; damals konnte er in diesen Zufällen nur die Verfolgung seines harten Geschiks bitter empfinden. Von Ort zu Ort bald als überflüssiger Fremder, bald als muthmaßlicher Jakobiner, bald als Emigrirter zurükgewiesen, von dem Andenken seiner geschlachteten Verwandten umgeben, deren Namen er noch von Zeit zu

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Zeit auf den blutigen Listen in den öffentlichen Blättern erblikte, von der Sehnsucht nach seiner verlassenen Geliebten gefoltert, war er mehr als einmal im Begriff, nach seinem schuldbedekten Vaterland zurükzukehren, und dort seinen Plaz in der bürgerlichen Gesellschaft wieder zu gewinnen, oder durch seinen Tod die Verdammniß der Tirannen Frankreichs zu vermehren. Der Gedanke an den Schmerz seiner Geliebten hielt ihn ab. Vor zwey Monaten gelang es ihm endlich durch die Vermittelung des braven Lambert, durch die uneigennützige Menschenliebe einiger Personen vom Magistrat in R., der Leppertschen Handlung beygesellt zu werden—ich habe Ihnen seine rührende Zufriedenheit darüber zu Anfang dieses Briefes geschildert, aber die Hoffnung, die von der Zeit an in ihm aufgekeimt war, sein bescheidnes Glük, den mühseligen Erwerb seines Fleisses mit seiner Freundin zu theilen, hatte er uns verschweigen müssen. Auch war diese Hoffnung von den quälendsten Sorgen getrübt: zu Anfang seines Aufenthalts hier zu Lande hatte er öfters Nachricht von ihr gehabt, sie war

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nach Paris zurükgekehrt, und ihr Muth hatte den seinigen aufrecht gehalten; allein seit er eine Aussicht vor sich hatte, sie in einem fremden Lande als sein Weib zu ernähren, blieben ihre Briefe aus, und an dem Tage, wo wir ihn in seinem Komptoir getroffen hatten , erhielt er von einem Freunde, dem er nach langem, vergeblichen Harren den Auftrag gegeben hatte, sich nach ihr umzusehen, die Nachricht, daß sie seit einigen Wochen verschwunden sey. Er eilte voll Unruhe nach P., wo er erwarten durfte, mehr Verkehr mit Paris zu finden, und eher Aufschluß über das Schiksal seiner Freundin zu bekommen. Diesen schweren Kummer hatte er also schon auf dem Herzen, wie wir ihn hier wieder trafen; ihm drohte aber ein neuer Schlag, der endlich seine Fassung brach. Der Brief, den ihm Herr Lampert gebracht hatte, war von seinem ehrlichen Kompagnon in R.; Leppert benachrichtigte ihn, daß der Magistrat des Städtchens gemessene Befehle ertheilt hätte, vermöge deren er, Calano, sich von dort entfernen müßte, daß alle Gegenvorstellungen vergeblich gewesen wären,

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indem er von höherem Ort aus verdächtig gemacht worden wäre, daß er sich also, um des Fortgangs seiner Geschäfte willen, genöthigt sähe, ihm den Kontrakt aufzukündigen.

Mein Mann hatte bey allem was vorfiel und gesagt wurde, die abwechselndste Bewegung geäussert, und war endlich in ein Nachdenken gerathen, während dessen er mehr beschäftigt als gerührt schien. Ich bemerkte, daß er endlich sogar Papier, und wie ich zu erkennen glaubte, Geldscheine in seinem Taschenbuch durchsah; so gewöhnt ich aber an seine Art bin, so machte er mich, die ich vor Unruhe und Verlangen zu helfen glühte, doch so ungeduldig, daß ich dem Gespräch der andern Männer nicht mehr folgen konnte. Nach einiger Zeit wandte er sich indeß wieder zu uns, und that Calano auf die feinste schonendste Art, und doch mit seiner ganzen unendlichen Herzlichkeit, den Vorschlag, ihn als Handelsdiener mit nach H. zu nehmen. Er sagte ihm auf das freymüthigste die Ursachen, warum er seinen Associé annehmen könnte, und unterrichtete ihn, wie weit es in seinen Kräften

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stehen würde, ihm seine Lage dort angenehm zu machen. Calano war überrascht und gerührt, Lambert sah sehr ungewiß und zweifelhaft aus; der junge Emigrirte fieng zuerst an zu sprechen: Sie haben mir durch Ihr unerwartetes Zutrauen das Recht eingeräumt, an Ihrem Schiksal theilzunehmen. Sie sind unendlich zu beklagen; aber Sie sind gegen mich, nur wie der Schiffbrüchige, der sich auf dem Boot rettete, und noch hoffen darf, seine Heimath zu begrüßen, gegen den Elenden, der nakt und fühllos auf eine wüste Insel geworfen, kein Ende seines Jammers sieht, als den Tod. Sie sagen selbst, Ihr Name stehe nicht auf der Liste der Ausgewanderten, Ihr Leben sey nur durch das Schiksal der übrigen Mitglieder Ihrer Familie verwirkt gewesen. Sie sind nicht für emigrirt erklärt, Sie betraten nie Feindes Land, Sie trugen nie die Waffen gegen Frankreich—und jezt wollten Sie einen Schritt thun, der Sie wahrscheinlich auf immer von Ihrem Vaterland ausschlösse?— —Der junge Mann sprach mit der größten Wärme von dem Gefühl, das ihn ergriffen hätte, wie

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er das erstemal über die Gränzen Frankreichs geschritten wäre; und damals wäre es doch nur freywillige Trennung, und wie man wähnte, auf kurze Zeit gewesen; als er nach dem unglüklichen Feldzug von 1792 die Armee verlassen hätte, und nach und nach seine Vernunft und seine Beobachtung ihn überzeugt hätten, daß er wirklich seine Rükkehr verwirkt habe, da wäre das Gefühl, heimlos, ohne Vaterland zu seyn, peinigend in ihm erwacht—Ich will es nicht verschweigen, sezte er nach kurzem Zögern hinzu; ich bin neulich an die Stelle gewallfahrtet, wo ich halb springend halb wütend über das seichte Flüßchen an der Gränze gesezt war. Ich stand dort, wie an dem Ende meines Glückes — nein, wie an der Pforte des verschlossenen Himmelsgartens! das fürchterliche Land schien mir mehr Eden wie je—das Verbrechen herrscht dort, rief ich mir zu; und mir schien der Strom zu murmeln: Ihr habt ihm die Zügel entnommen—deine Mutter schmachtet dort in Fesseln, seufzete mein Herz; und lauter rufte mein Verstand: deine Thorheit schmiedete ihre

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Fesseln! Vielleicht sollte ich erröthen, aber ich kletterte auf die Steine im Fluß, und trank aus meiner hohlen Hand—das Wasser hatte jene Ufer bespült!— —

Er beschwor Calano, dieses benachbarte Land nicht zu verlassen, lieber den Spaten in der Hand das neue Verbot zu umgehen, als einen feindlichen Boden zu betreten. Wir waren äusserst gerührt von dem Schmerz, dem Feuer, mit welchem der Jüngling sprach; es war um so erschütternder, als man ihm nach seinem ganzen Wesen ansah, diese Sprache sey ihm selbst neu, und überrasche ihn, als redete er auf einmal in fremden Zungen. Er schien sich nicht mehr anzugehören, und in seiner Trauer selbst erst das Geheimniß seines Herzens zu entdecken. Diese armen Menschen, die sich durch Vorurtheile gegen die besten Gefühle waffnen! Ich konnte mich nicht erwehren, einen Augenblik zu denken, daß alles Glük, dessen dieser junge Mann beraubt wäre, das schöne Selbstgefühl in seinem Schmerz nicht aufgewogen haben könnte. Herr Lambert stimmte ihm völlig bey; Cramer, der mit

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seiner träumrigen Miene die ganze Zeit zugehört hatte, redete nun endlich seinen weiland Landsmann an, und erklärte auf das allerkaltblütigste, gerade als läse er einen Speditionsbrief ab, sein Haus habe ihm neuerdings einen Auftrag gegeben, der ihn nöthige, seine Reise nach Italien noch um sechs Wochen zu verschieben; diese habe er zwar anwenden wollen, um in *** die ** Fabriken zu besuchen, aber eine Reise nach Frankreich werde eben so unterrichtend für ihn seyn; da er, Calano, keinen treueren Kommissionär finden könne als ihn, Cramern, und die Neutralität seiner Vaterstadt ihm alle erforderliche Sicherheit in Frankreich verspreche, so bitte er ihn nur um vollständige Anweisung, wie und wo er über die Lage seiner Angelegenheiten genaue Erkundigung einziehen könne. Wir standen alle, wie vor einer Erscheinung—der ehrliche Bursche! das Ganze sah gar nicht anders wie ein Handel aus, denn Cramer kam keinen Augenblik aus seiner Kaufmannssprache und troknen Kälte, und bestritt Calano's bescheidne Einwendungen fast nach der Regel de Tri. Kurz, unser

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wakrer Freund gieng drey Tage darauf, mit allen nöthigen Instruktionen versehen, und von unsern besten Wünschen begleitet, wirklich nach Paris ab. Wir hatten nun eine Weile unsre Noth mit dem armen Calano. Ob ihm schon sein Vaterland sagte, daß die Zeit des Blutvergießens und der grausamsten Tiranney seit dem vorigen Sommer in Frankreich vorüber sey, so schwebten doch Blutgerüst und Gefängniß noch immer seiner Fantasie vor; und wenn wir ihm Vorstellungen machten, gab er uns Recht, rief aber hoffnungslos: Ach, Ihr erfuhrt nie, welchen Eindruk das Unglük zurükläßt!—Wenn in jener Zeit, sagte er uns, wo die Herrschaft des Todes so allgemein war, daß einem jeden sein eignes Leben wie ein Traum schien, an dessen Wirklichkeit er zweifelte—wenn mir damals auf meinem verstohlnen Umherschleichen ein Freund oder Bekannter begegnete, und mir seine Hand bot, so schauderten wir oft gegenseitig zurük, weil wir kalte Todtenhände zu fassen wähnten.— —Zuweilen saß er und blikte starr in einen Winkel, sein Auge füllte sich mit Thränen, er fieng

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an, bang zu athmen, sein Gesicht glühte—plözlich stand er auf, sein Blik irrte geschäftig nach einem Gegenstand umher, und er drängte sich in irgend ein Gespräch. Ich fürchtete oft für seinen Kopf, denn in solchen Augenblicken sah er, glaube ich, im Geist die blutigen Greuel vollziehen, von denen er seine Geliebte bedroht glaubte. Es gehörte alle liebenswürdige Biegsamkeit seines Karakters, alle Mannichfaltigkeit seiner Kenntnisse dazu, um in der Lage nicht ganz untüchtig für die Gesellschaft zu werden. Er war in einer fortdauernden Spannung zwischen Resignation und Hoffnung, wo bald seine natürliche Melancholie, bald seine feurige Einbildungskraft die Oberhand behielt. Oft bekamen wir ihn tagelang nicht zu sehen, denn er schweifte ungeachtet des strengen Wetters auf dem Lande umher, oder studierte zu Haus. Wenn er ja einmal kam, war er ganz in sich gekehrt oder zerstreut, so daß wir ihn in dieser Stimmung für sehr traurig hielten, bis er uns entdekte, dies sey seine Hoffnungszeit, und da sey es ihm fast unmöglich, Menschen zu sehen, weil jeder fremde Gegenstand

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ein neues Bild von Hinderniß zwischen ihm und seiner Hoffnung bringe—dann, sagte er, kann ich nur arbeiten und schwärmen.— —In andern Augenblicken war er unerschöpflich an Laune, Musik, Erzählen, und wie ich ihm da einmal meine Freude über seine Heiterkeit bezeugte, sagte er mit nassen Augen: so entfliehe ich wenigstens mir selbst!—Wirklich, ein sonderbarer Karakter! Wenn er nicht so viel Unglük ertrüge, so wäre fast etwas weibliches darin; und doch ist sein ganzes Wesen nur jugendlich, nicht weiblich.

Cramer war schon eine Zeitlang fort, als Herr ** sich genöthigt fand, eine kleine Reise nach S. zu machen, eine Meile von der französischen Gränze. Theils um unsern jungen Freund zu zerstreuen, theils um ihn nicht aus den Augen zu lassen, luden wir ihn ein, uns zu begleiten. Da wir uns einen ganzen Tag dort aufhalten mußten, benuzte er die Gelegenheit, eine berühmte Gegend ein paar Stunden von da zu besehen, und verließ uns gleich nach dem Frühstük, um zum Mittagsessen zurükzukehren. Herr ** gieng seinen Geschäften

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nach; ich machte mir mit den Kindern im Haus etwas zu schaffen, und schwazte mit den Wirthsleuten. Aber ich ward der lebendigen Gegenstände um mich herum bald satt; hier herrschte ein höchst widriger Jakobinismus, und so breit man sich mit den Worten machte, so war doch im Grunde eben so wenig Freyheits- und Gleichheitsliebe bey den Menschen zu finden, als unter den Herren an der Wirthstafel zu R. Ich erhielt hier die mir noch mangelnden Belege zu dem, was ich meinen Mann oft sagen hörte, und womit er meinen einseitigen Eifer manchmal zurechtgewiesen hat. Diese, um widernatürliche, ungesezliche Votheile zu behalten und zu erweitern, jene, um ähnliche an sich zu reissen, die unter dem Dekmantel der Religion und der Ordnung, jene mit dem Feldgeschrey der Frehheit und der Gleichheit, handeln fast ganz nach einerley Instinkt, und stürzen in ihrer Verblendung ihre Mitbürger und sich selbst unbedenklich in denselben Abgrund des Verderbens; die Stärkeren von beyden sind immer die ungerechtesten, verfolgungssüchtigsten, nur finden die einen in dem vorhanden

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Schlendrian Waffen, die sie besser und gemessener handhaben können, dahingegen die andern mit dem Donnerkeil der Volksgewalt ungleich mehr Schlimmes thun, als sie selbst, und für ihren eignen Nutzen, je wollen konnten.—Ich nahm das jüngste Kind auf den Arm, und machte mich aus dem Staube, auf mein Zimmer hinauf, wo wir uns zusammen amüsirten. Gegen Mittag hörte ich auf einmal ziemlich laut vor dem Hause sprechen, und wie ich an das Fenster trat, sah ich ein Frauenzimmer, die nach ihrer großen Kappe, und nach einem Päkchen, das sie unter dem Arm trug, zu urtheilen, eben im Ort angekommen war. Die Leute aus dem Haus waren um sie versammelt, man sprach sehr lebhaft unter einander, und that viele Fragen an sie, aus denen ich nur abnehmen konnte, daß sie so eben die französische Gränze passirt seyn mußte; sie fiel aber immer mit den dringendsten Bitten an die Wirthsleute ein, daß sie ihr ein Fuhrwerk schaffen möchten, um noch heute nach P. zu kommen. Sie schien ängstlich, eilig, und drang sich endlich durch den

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ungestümen Haufen in das Wirthshaus. Der größte theil folgte ihr, und ich hörte bald unter mir das Gespräch mit gleicher Lebhaftigkeit fortdauern. Die Stimme der Fremden hatte etwas sehr angenehmes gehabt, und versprach, so wie ihre Bewegungen, Jugend und Liebenswürdigkeit: ihr Gesicht hatte ich nicht sehen können. Da sie eben aus Frankreich kam, und auf diesem Weg, der von der großen Heerstrasse abliegt, so hatte ich sie gleich für eine ganz frisch Ausgewanderte gehalten, und ward nun, da es unten noch immer so laut blieb, sehr bange, daß die platten Freyheitsmänner des Orts sie mishandeln möchten. Ich nahm von der Kleinen, die ich noch bey mir hatte, Gelegenheit her, in die Wirthsstube zu gehen, wo ich die Fremde unter einem Haufen von widrigen Burschen sitzend fand, die sich Wein hatten geben lassen, und sie geflissentlich in ein höchst albernes Gespräch über die öffentlichen Angelegenheiten zu ziehen suchten. Sie antwortete sehr gescheut, aber mit einer unsichern Stimme, daß ich mich, wie ich sie in's Gesicht fassen konnte, gar nicht wunderte, ihre Augen

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mit verhaltnen Thränen angefüllt, und in ihrem ganzen Wesen eine zitternde Angst zu entdecken. Mein Anblik schien sie zu erfreuen, wahrscheinlich weil ich wenigstens ein Weib war; ich rükte mir, da ich in der Gechwingigkeit nichts besseres für sie zu thun wußte, einen Stuhl neben den ihrigen, als die Wirthin ihr eine Milchsuppe brachte. Nein, rief die Fremde hastig, ich bitte Sie, es auf mein Zimmer zu bringen—Ihr Zimmer! erwiderte das garstige Weib; Sie werden doch in einem kalten Zimmer nicht bleiben wollen, und eh' Ihnen eins geheizt wird, geht noch Zeit hin— —die Männer sagten etwas dummes, das eine Anspielung auf Stolz und Vornehmthun war, und ihr Aristokratismus vorwerfen sollte. Dem armen Geschöpf rollten jezt ein Paar perlenreine Thränen über die glühenden Wangen, und sie wollte eben aus Angst den Löffel ergreifen, als ich ihre Hand sanft zurükhielt, und sie bat, bis ihr Zimmer gewärmt wäre, mit mir auf das meinige zu gehen, wo sie sich nach Wohlgefallen ausruhen könnte. Sie warf einen Blik auf mich, der wirklich

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von Dankbarkeit überströmte, ihre Miene gieng in die einnehmendste Sanftheit über, und ich sah jezt, was ich vorher nicht wahrgenommen hatte, daß sie zwar nicht in der ersten Jugendblüte, aber durch einen Ausdruck überstandner Leiden desto rührender war. Sie stand auf, um mir mit ihrer Suppenschaale in der Hand zu folgen. Es war etwas so kindliches, vertrauliches in dieser Art, und dabey ganz die Aisance, die Ungezwungenheit der feinsten Welt. Wie wir auf mein Zimmer kamen, stellte sie ihre Schaale, den Rücken gegen mich gekehrt, nieder; ich hielt mich noch mit etwas auf, als ich sie schluchzen hörte, und wie ich zu ihr eilte, fand ich sie bitterlich weinend—ich schlug meine Arme um sie, sie erwiderte meine Liebkosung mit der sanftesten Bescheidenheit, und sobald sie sprechen konnte, rief sie: Ach, wenn der bloße Verdacht diese Menschen so hart macht, was müssen meine unglüklichen Landsleute nicht in der Fremde leiden!— —Ich suchte sie zu trösten, versicherte ihr, man sey nicht überall so ungerecht gegen sie—jezt ward sie meinen Irrthum gewahr, legte ihre

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eine Hand mit einer liebenswürdigen Heftigkeit auf die Brust, wie zu einer recht heiligen Betheurung: Ich theile ihr Unglük nicht—Gott sey Dank! Nein, so nahe mir der Tod in meinem Vaterland drohte, ich entgieng diesem Unglük! Mich führt ein Geschäft hieher—ein heiliges Geschäft, von welchem das Glük meines Lebens abhängt.— —Sie ward so bewegt, daß sie nicht fortreden konnte. Ich drükte schweigend ihre Hände—Wenn ich nur ein Fuhrwerk hätte! fieng sie endlich wieder an—ich kann nicht mehr fort! Ich gehe seit Tages Anbruch zu Fuß, aus ungeduldiger Eile—nun muß ich mich hier aufhalten—ach, vielleicht komme ich dann zu spät!— —Liebes Kind, rief ich; ich führe Sie hin, wir fahren nach Tisch fort, Sie sollen vor Nachts in P. seyn—beruhigen Sie sich!— —Die Freude des lieben Weibes war unbeschreiblich, sie küßte meine Hände: Wenn ich glüklich bin, sollen Sie erfahren was Sie für mich thaten—ist es zu spät, dann—ja, dann sollen Sie allein wissen, wie elend ich bin!— —Ich betrachtete das räthselhafte Geschöpf genauer, und

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wußte mir nicht zu erklären, wie sie so gekleidet, und mit diesem Anstand, darauf käme, zu Fuß zu reisen. Ich fragte sie behutsam, warum sie sich auf die Weise aussezte—In Frankreich, sagte sie, bin ich mit den Posten gereist, es ist die sicherste Art, und ich fühlte mich immer am ruhigsten unter der Klasse, die man Volk nennt; aber von ** wendet sich der öffentliche Wagen nach ***; ich fand keine Pferde, mußte fort, und gieng zu Fuß—ich dachte, unter Ihren Landsleuten müßte ich Gastfreyheit, Gutmüthigkeit finden; ich konnte mir nicht denken, daß in Ihrem ruhigen, glüklichen Lande die Meynungen, wie bey uns, über Menschlichkeit siegten— — Wir sprachen noch über diesen Gegenstand, nachdem ich ihr erklärt hatte, daß ich hier, so gut wie sie, Fremde wäre; was sie sagte, war voll menschenfreundlicher Güte und sanften Enthusiasmus, und sie nahm meinen Mann, der unterdessen von seinen Geschäften zurükgekehrt war, in kurzer Zeit so sehr ein, daß er mir verstohlen zuflüsterte: nun, wenn die nicht auch in ihrer Art ein Sonnenkind ist, troz Calano— —!

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Bald darauf trat dieser herein; ich rief ihm freundlich entgegen, er mochte in seiner finstern Hoffnungslaune seyn, und sah mich kaum an. Ich stand auf, um ihm von meiner neuen Bekanntschaft zu erzählen, als ich meinen Mann mit einem Ausruf des Schreckens auf diese zuspringen hörte; ich sah mich um, und er hielt sie, die umzusinken schien, in seinen Armen, während sie die ihrigen nach Calano ausstrekte, und wie in einer himmlischen Entzükkung rief: Das ist er!— —

Lange eh' diese fürchterliche Revolution fast alle Menschen abentheurlicher Begebenheiten erschöpt hatte, machte ich schon die Bemerkung, daß die Romanenschreiber ihre Erfindungskraft kaum anzuspannen brauchen, und nur umherschauen dürfen, wie es im wirklichen Leben zugeht, um Stoff zu ihren Legionen von rührenden Geschichten zu finden. Ich war die Vertraute manches "lieben affenjungen Blutes," aus dessen Leidens- und Liebesgeschichte, mit weniger Verdrehung, Verwässerung, und Verbrämung gar leicht ein Burgheim, eine Cäcilia, oder des etwas hätte gemacht werden

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können. Ich fand nur immer einen oft sehr drolligen Kontrast, bald zwischen der Abentheuerlichkeit der Begebenheiten, und der großen Plattheit der Helden, bald zwischen dem einfach schönen Gefühl mancher Menschen, und der Alltäglichkeit ihrer Lage, bald zwischen dem hochtrabenden Stelzengang, den andre genommen hatten, und ihren höchstgemeinen äussern Umständen. Ich könnte von diesen dreyerley Verschiedenheiten hundert Beyspiele für eines anführen; nun weiß ich nicht, ob die französische Nation einen romantischeren Geistesschwung hat, und ich lasse mich nicht gern auf Vergleichungen ein, die mich zu ungerechten Aussprüchen verleiten könnten—wirklich könnte auch die Revolution sie romantischer gestimmt haben, aber ich habe mehrere Individuen aus dieser Nation gesehen, in welchen Schiksal und Charakter zu harmoniren, eines aus dem andern zu entstehen, oder wenigstens beyde mit einander fortzuschreiten schienen. So sind Calano und seine Geliebte durch die Innigkeit, die Zartheit ihrer Liebe, durch den Schwung ihrer Fantasie, eben so romanhaft wie durch

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ihre Abentheuer, und ihr Anstrich von altfranzösische, [Atticismus] giebt ihnen in diesen Verhältnissen noch etwas Idealisches mehr— —Sie mögen mich wohl nicht wenig abgeschmakt finden, daß ich meine Erzählung im Augenblik der Katastrophe abbreche, um Ihnen meine eignen weisen Betrachtungen mitzutheilen. Das hat aber doch wirklich den Grund, daß der nächstfolgende Augenblik—sich nicht erzählen läßt. Oder läßt es sich denn erzählen, wie Calano von dieser lallenden, und doch alle Harmonie der Liebe vereinigenden Stimme, die das ist er! rief, elektrisirt—nein, wie er vom Tod auferwekt ward, wie er auf sie zustüzte, wie die albernen Menschen sich nun erkannt hatten, wie wir beyde ältere, noch weit albernere, uns umfaßten, weinten, und mit einem feyerlich zärtlichen Gefühl, als begiengen wir schon unsre Jubelhochzeit, der Seligkeit der beyden jüngeren Leute zusahen? Es war, als wenn man vor seiner Hütte am festen Land stehend, Schiffbrüchige glücklich an das Ufer steigen sieht — es war auch, als wenn der müde Pilger in der Wüste einen Augenblik

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unter dem Schatten eines einzelnen Baumes sich erquikt; der sengende Sonnenstrahl erwartet ihn wieder, aber er denkt: geniesse, auf daß dir weiterhin die Kraft nicht fehle! Denn so that es meinem unter dem Sehen und Hören von Abscheulichkeiten und Elend so oft ermattenden Herzen, einmal edle, beglükte Menschen vor mir zu erblicken. Und sie sind ganz glüklich!—Die junge Wittwe hatte für Calano's Leben gezittert, das ihr von dem finstern Gram, den alle seine Briefe ausdrükten, bedroht schien; endlich hatte er ihr gar die Möglichkeit blicken lassen, daß die Umstände ihn nöthigen könnten, nach Deutschland zu gehen. Sie sah in diesem Entschluß das Grab aller ihrer Hoffnungen, die Liebe gab ihr Muth; sie reiste nach Calano's Departement, um zu erforschen, wie es mit seinem Vermögen, und mit der öffentlichen Meynung von ihm stünde. Dort fand sie sein Eigenthum unangetastet; Verwalter, Nachbarn, und ehemalige Unterthanen hatten sich durch ein stillschweigendes Einverständniß bemüht, Calano's Flucht zu verhehlen, die Konfiskation seiner Güter

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war vermieden worden, und die thätige muthige Frau versicherte sich, daß sein Name nicht auf die Emigrantenliste gekommen war. Kaum war sie ihrer Sache gewiß, als sie, durch Calano's Stillschweigen—einige seiner, während ihrer Abwesenheit von Paris geschriebenen Briefe waren verloren gegangen, wie die ihrigen an ihn—von den schreklichsten Sorgen gepeinigt, unter dem Vorwand einer Reise in Handelsgeschäften, von dem Departement aus, wo Calano's Güter liegen, Pässe nahm, um ihn in P. . , wo er nach seinen lezten Briefen war, selbst aufzusuchen, und ihn seinem Vaterland wieder zu schenken. Wirklich, wenn es ein Mittel giebt, daß ein Mann so viel Liebe wettmache, so ist es die Art, wie dieser den ihm geleisteten Dienst von der Geliebten annimmt: man sieht, daß sie Leben um Leben, und Glük gegen Glük tauschen; der Zufall begünstigte nur das Weib, der Mann hat das Kapital zur Rükzahlung zehnfach in Händen.

Es kam nun darauf an, daß sich Calano sobald wie möglich über die Gränze schliche,

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um, ohne daß er da aufgehalten wurde, wieder im Innern Frankreichs zu erscheinen; zugleich ward verabredet, daß die liebenswürdige Wittwe auf der gewöhnlichen Strasse nach Paris zurükkehren sollte, wo die Gesetze Calano bald das Recht ertheilen würden, sein neugeschenktes Leben ganz der geliebten Geberin zu weihen. Wir jagten ihn mit einer unter Muthwillen verstekten Aengstlichkeit von uns, und versprachen ihm unter Lachen und Thränen, sobald sein Konvent uns erklärt haben würde, daß wir nicht mehr Todfeinde wären, ihn auf seinen Gütern zu besuchen; denn daß sie dort leben wollen, ist eine ausdrükliche Bedingung des lieben Weibes. Mein Abschied von dieser war schmerzlicher; Calano drohte ja höchstens nur der Tod—aber was dann ihr? Sie weinte an meinem Hals, und dankte mir, als ob sie mir ihren Freund zu verdanken hätte: ihr liebendes Herz schien ihr, seit dem Augenblik unsers zufälligen Zusammentreffens, diese Täuschung eingeflößt zu haben. Sie reiste endlich ab, wieder in ihrem kleinen Sanscülotten Kostüme, auf der Post, mit ihrem sanften

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Gleichheitsglauben, mit welchem sie bis an die Gränze gekommen war; wir begleiteten sie bis an das Wachthaus, welches die Länder scheidet; die Nationalgarden halfen der schönen Reisenden mit drolliggalantem Wesen ihr durchsuchtes Gepäk wieder ordnen, oder schienen ihr dadurch Zeit lassen zu wollen, mit uns noch zu weinen und sich zu erfreuen; denn wie sie sich gegen sie entschuldigte, ihnen diese Mühe zu geben, sagte ein ältlicher Mensch mit herzlicher Theilnahme: bleib bey deinen Freunden, gute Bürgerin; wir besorgen das gern!— —Ach, flüsterte sie, unter ihren Thränen lächelnd; wie viel süsser ist es, Mitbürger als Weltbürger um sich zu haben!— —

Da!—ich wollte Ihnen eben noch von meiner Unruhe vorschwatzen, ob sie wohl beyde glüklich angelangt seyn möchten, ob sie sicher und gewiß glüklich wären—da tritt der ehrliche Cramer herein! Er war mit ihnen auf der Municipalität, wo man ihre Heirath eintrug, und sah sie nach dem Departement abreisen—so viel zu Ihrer gänzlichen

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Beruhigung! Denn nun muß mir Cramer erzählen, und kann sicher seyn, daß kein Kapitel aus Niebuhr aufgeschlagen wird.

Sobald mir die lieben Leutchen schreiben, erfahren Sie es.

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III.

Geschichte
einer Reise auf die Freite
.

_____

1.

Z **, den 20. Julius, 178. .

Nicht wahr, Sie geben mir's auf den Kopf Schuld, daß ich den Don Quichotte spiele, und verzweifelnden Liebhabern ihre Schönen erkämpfen helfe? Ey nun, ist es nicht genug, daß ich mich der immer zweydeutigen Last unterwerfe, einen Prozeß zu verfolgen um ein Vermögen, das ich von meinem ehrlichen Onkel nie begehrt hatte, das ich endlich, so unklug dies scheinen mag, recht gut entbehren könnte? ist es nicht genug, daß mich dieser Prozeß nun schon Monate lang bey den plattesten Geschäften unter die miserabelsten Menschen bannt? soll er mir denn auch, in einem

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Zeitpunkt wo er keinen Schritt fortrücken kann, die Laune verderben? Mag sich der ganze *** sche Gerichtshof die langen Ferien durch mästen und erholen, ich bin den Herren für's erste entwischt, und fühle mich frey wie ein Vogel und reich wie ein Krösus, nun ich seit acht Tagen nichts mehr von Terminhalten und Erbschaftannehmen sprechen höre.

Ich fand des guten Maibergs Liebschaft und Bedrängnis wirklich interessant genug, um mit ihm nach *dorf zu reisen, um dem Dinge zuzusehen—wohlgemerkt, zuzusehen, und das entkräftet nun wohl den Vorwurf der irrenden Ritterschaft. Troz meiner geringen Meynung von den Vorzügen unsrer sogenannten cultivirten Welt, kann ich freylich einer artigen, zierlichen ***erin nicht mit gutem Gewissen rathen, bloß um der Liebe willen an den Ohio zu ziehen, mit den Miamis um Pelzwerk zu handeln, und aus ein Paar armen Negern oder gebrandmarkten Europäern moralische Menschen drechseln zu helfen. Warum indessen ein braves Mädchen nicht eben so gut darin seine Bestimmung finden sollte, sehe ich nicht

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recht ein, und das Entsezliche eines solchen Schiksals fällt mir eben nicht in den Sinn. Maiberg führt seine Frau einige tausend Meilen weg in ein schönes, jugendliches reiches Land, an einen Wohnort, wo sie alle Schätze der Natur zum Gewinst, und die einfache Treue unverdorbner Menschen zum Schuz haben; dort wird sie Königin eines kleinen Staates; ihr Mann beherrscht, und sie beglükt nur gerade so viel Menschen, als beyde übersehen können, Menschen, die von manchem Bedürfnisse frey, um so leichter zu beglücken sind. Haben sie einen weiten Weg um Nachbarn zu finden, so haben Müßiggänger und Ruhestörer auch einen weiten Weg zu ihnen. Haben ihre heidnischen Besuche manchmal Beweise von unmenschlicher Rache gegeben, so zeigt die Geschichte aller mit ihnen gepflogenen Unterhandlungen, daß ein gutes Wort, freundlich gesprochen und redlich gemeynt, immer eine gute Stelle bey ihnen findet. Und ist es denn für gar nichts zu rechnen, daß sie einem freyen Lande freye Söhne gebähren wird? Ist es für nichts zu rechnen, daß ihren Söhnen ein Plaz in der

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Gesellschaft angewiesen seyn wird, den keines Großen Uebermuth, kein Ohngefähr, den nur eigne Schandthaten ihnen nehmen können?

Aber ich weiß wohl, was Ihr mir alles dagegen in Anschlag bringen könnt: so manche Herrlichkeiten, die einer Frau Hofräthin oder Geheimderäthin beschieden sind, Equipage, Kammerjungfer, Theegesellschaft, Kränzchen, Assemblee, Konzert, Fraubaasenbesuche bey den Kindbetten, kostbare Tausseste, das zierliche Jokeyshabitchen für den jungen Herrn, dann die Schulprämien, dann die Universitätsreputation—wie ihn nach vollbrachtem Cursus die Ministers antichambriren lassen, wie er nach zweyjährigem Courmachen und Tagdieben zur Auditorschaft gelangt, nach zehnjähriger Auditorschaft als Geheimer Secretär, als Archivarius—zieh hin, du armer Maiberg, leg dir eine sammethäutige kühle Eingeborne des heissen Senegals zu, zeuge Mestizen, und ruhe dich unter deinem breitlaubigen Zukerahorn allein aus, du Frecher, der du einem weiblichen Geschöpf, statt so vieler Glorie, Natur und Freyheit zu bieten kamst!

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Lebte mein braver Onkel noch, und er hörte mich so sprechen, sicherlich würde er mich seiner Erbschaft, und mithin auch des Erbscahftsprozesses überheben. Meine Thorheit, alle die glänzenden Aussichten, die er mir durch seinen Credit eröffnen wollte, zu verschmähen, und das Landleben auf meinem Gütchen vorzuziehen, bewog ihn ja, wie Sie wissen, mich wegen seines Testaments in beständiger Ungewißheit zu lassen. Es that mir wahrlich damals weh, mit dem alten Mann, der es so gut meynte, über Gegenstände zu streiten, die ihm immer gleich lebhaft am Herzen lagen, und über die wir niemals einig werden konnten. Wie bitter er es beklagte, daß ich so ganz umsonst studirt, um nichts und wieder nichts so schöne Kenntnisse erworben hätte! Und meine Reisen! Er konnte nie begreifen, wie gerade die weite Welt, die ich zur Genüge gesehen hatte, mir den engen Zirkel, auf den ich mich beschränkte, so lieb, so über alles theuer machte. Nie konnte er begreifen, wie ich meinen Ehrgeiz, vor dem ihm sonst bange gewesen war, nun in dem kleine Kreise meines Dorfes befriedigen

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mochte. Es war im Grunde ein trefflicher Mann, mein Onkel! Wenn ich es recht bedenke, so hätte ich nie suchen sollen, ihm deutlich zu werden. Was hätten wir denn auch beyde davon gehabt, wenn es mir gelungen wäre? Welcher Triumph wäre es wohl für mich gewesen, wenn ich ihm mit meiner Ueberzeugung den Beweis beygebracht hätte, daß seine sieben und sechzig Lebensjahre für ein Hirngespinst darauf gegangen wären? Am Rande des Grabes eine so fürchterliche Entdeckung! Ein armer Wanderer, der bey einbrechender Nacht einzukehren hoffte, und dem man zuriefe: du giengst vom Morgen an falsch, auf diesem Weg konntest du deine Herberge nicht finden! Man sollte doch seine Meynungen immer für sich behalten— —

Mein Vernünfteln gefällt mir heute nicht. Es taugt auf keine Weise, ist weder wahr noch tröstlich—wie es zusammenhängt, sehen Sie vielleicht am besten, wenn ich Ihnen unsre kleinen Abentheuer erzähle, und Erzählen ist immer besser als so zu vernünfteln.

Unter mancherley Gesprächen, die freylich

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größtentheils die mehr oder weniger günstigen Aspekten unsrer Reise betrafen, kamen wir in * dorf an. Von Charlottens Liebe war unser junger Freund überzeugt, wie vom Lichte der Sonne; aber wegen der Personen, die sie umgeben, und von denen sie abhängt, gab es eine Menge Zweifel zu debattiren. Sie hat eine Mutter, von der sie angebetet wird, und die nicht ohne sie leben kann, einen Großvater, den sie beerben soll, einen Onkel, der am Hofe zu *** eine Art Rolle spielt, oder gespielt hat; denn ich glaube, er macht jezt den Philosophen—wie ich, werden Sie sagen, aber dem ist nicht ganz so: ich fange da an, wo er aufhört—kurz, man hat diesen Onkel sehr lieb, und thut nichts ohne seinen Rath. Wir ließen alle diese Verhältnisse die Revüe passiren; damit fertig zu werden, schien ihm bald kinderleicht, bald eine herkulische Arbeit: ich hatte meine Noth, ihn bald mit seinen Hoffnungen, bald mit seinen Besorgnissen, auf eine fein gemeine Wirklichkeit zurükzuführen, wie ich erwartete daß wir sie finden würden. Nun waren wir abgestiegen, und in die Wirthsstube

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eingetreten; Maiberg wollte auf gut Westindisch der Frau Amtmännin von L. sogleich auf den Hals rücken; zum Glük meldete sich bey mir das reichsstädtische Geblüt, ich verwarf den kecken Plan, und nöthigte den jungen Herrn, vor der Hand nur seine Empfehlungsschreiben nach dem Amthause zu schicken. Die rothbäckige Aufwärterin, der ich diese wichtige Bothschaft, nebst der ganzen Komplimentenformel, die der Fall erheischte, aufgetragen hatte, brachte die höflichste Antwort zurük: die Herren möchten sich doch sogleich hinauf bemühen, es thäte der gnädigen Frau sehr leid, daß sie ihre Ankunft nicht voraus gewußt hätte, um ihnen das Absteigen in einem so elenden Wirthshaus zu ersparen. Ich hatte meinen Verdruß an einer Artigkeit, die unsern armen Wirth demüthigen mußte; denn dieser stand eben, mit seinem Müzchen unter dem Arm, und einer großen zinnernen Kanne voll schäumenden Biers, die er uns brachte, neben uns. Auch Maiberg, so verliebt er war, hatte ein ähnliches Gefühl. Indem er vor Eilfertigkeit, fortzukommen, den Bierkrug im Hinsetzen umwarf,

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sagte er: das ist verflucht deutsch! Nun kehrte sich mein Aerger gegen den Laffen von Ausländer, der den Namen deutsch gleichsam als den Inbegriff aller Verkehrtheiten aussprach. Ich fuhr ihn weiblich an, gewann aber nichts dabey; denn je näher wir dem Hofe kamen, je tauber ward er. Er schien in Wolken zu schweben; man hätte denken sollen, statt des ersten Schrittes auf Freiersfüssen, gienge er schon hin, seiner Braut die Myrthe vom Haar zu reissen. Mir vergieng alle Geduld; nun, sagte ich bey'm Eintritt in den Hof, zu so einer Präsumtion muß man freylich Engländer geworden seyn.—Der gute Junge ward nun doch hochroth vor Verdruß; es dauerte indessen nur einen Augenblik, und mit der rührendsten Treuherzigkeit, indem er seinen Arm in den meinigen legte, sagte er: wie können Sie mit einem so glüklichen Menschen rechten wollen?— —Ich mußte mich fast schämen, und jezt waren wir bey'm Hause.

Nach der langen Entfernung vom Vaterland kam mir das deutsche Wesen, das mich hier herum ansprach, lustig genug vor. Ein

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ungeheurer Hof, von lauter Ställen und Scheuern umgeben; unermeßliche Mistgruben in den Winkeln, woraus die Hoffnung der nächsten Erndte auf zwanzig Schritte entgegen duftete; im Hintergrunde das Amthaus, welches die eine Fronte des Hofes ausmacht, vorn von einer Reihe hoher, dünn gehaltener, in Fächer gezogener Linden maskirt, in deren Gipfeln Oeffnungen angebracht sind, um den oberen Fenstern einige Aussicht zu lassen—unter einer hohen Treppe, die wir hinaufsteigen mußten, stand ein Gewölbe offen, dessen Bestimmung durch einen reinlichen Geruch von saurer Milch angekündigt wurde. Das Ende unsers kleinen Zwistes hatte mich schon sanft gestimmt; mit jenem Geruch, dem ganzen Anblik, dem Gebelle des Hofhunds, der aus seiner Hütte an der Ecke des Wohnhauses gefahren war, erwachten in mir Erinnerungen meiner Kindheit und ersten Jugend, so daß es mir fast weich um das Herz war, als wir zwey Frauenzimmer erblikten, die auf der breiten Treppe auf Bänken sassen. Die älteste empfieng uns als Dame vom Haus mit vieler Höflichkeit,

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und weit weniger steif und feyerlich, als ich es sonst unter diesem Landadel gewohnt gewesen war. Die jüngere war, wie es sich fand, selbst nur Besuch: ein sehr bescheiden und einfach gekleidetes Weib, deren Wesen im Ganzen jedoch eher Eleganz anzeigt; die Jugendjahre hat sie schon um eine kleine Strecke zurükgelegt; sie ist nicht schön, oft auch nicht hübsch; nicht konservirt, oft noch glänzend; nicht heiter, bisweilen kindischlustig; nicht empfindsam, manchmal wehmüthig weich; nicht kalt, und zu Augenblicken sieht sie fühllos hart aus. Sie ist die Frau des ** schen Residenten in ***, und wird hier, unter dem drolligen Namen Frau Clemence, von allen Mitgliedern der Familie geliebt.

Frau von L. schien anfangs einigermassen in Verlegenheit, was sie aus mir machen sollte, und ich bewunderte die Geistesgegenwart und den guten Ton, womit Frau Clemence einige Fragen an mich that, deren Beantwortung der Frau vom Hause auf die Spur helfen konnte. Es entstand daraus ein recht leidliches Gespräch über mein jetziges Vaterland, das die Amtmännin

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in ihrer Jugend bereist hat. Maiberg wurde aber mit jedem Augenblik unruhiger; es gieng keine Stallthüre auf oder zu, ohne daß nicht eine fliegende Röthe, eine auffahrende Bewegung, seine Erwartung Charlotten zu sehen verrathen hätte. Endlich mischte er sich, ziemlich linkisch, in das Gespräch, und brachte, ganz vom Zaune abgebrochen, die Ehre, und die Bekanntschaft, und die Fräulein Tochter hinein. Ich mußte mir in die Lippen beissen, als ich die Augen der Frau Clemence mit einem scharfen Blik, der sich in ein kaum merkliches spöttisches Lächeln verlor, auf dem armen Liebhaber ruhen sah. Sie lenkte nunmehr die Unterredung auf verschiedne Luftpartien des vorigen Carnavals, bey denen Maiberg, wie ich mich recht gut erinnerte, seine Charlotte zur Partnerin gehabt hatte. Von ihrem geliebten Kinde sprach die gute Mutter kaum anders als mit Thränen im Auge, und Maiberg äusserte seine Theilnahme dabey auf eine nichts weniger als gehiemnißvolle Art. Auf einmal erklärte Frau Clemence, sie wolle Lottchen helfen, die heute gar nicht fertig zu werden schiene, und

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fort sprang sie die Treppe herab in das offene Gewölbe.

Frau von L. führte uns jezt in ein unteres Zimmer, das gewaltig schwül, und ohngeachtet des frühen Morgens von Fliegen gar sehr bevölkert war. Hier erinnerte ich mich wieder lebhaft meiner Jugendzeit, wo ich bey gelegentlichen Besuchen auf dem Lande eben solche reinliche Wirthschaftszimmer, solch altfränkisches Silberzeug, feine Kaffeeservietten mit türkenblauseidenen Männern, kleine braunjapanische Tassen, gesehen hatte. Ich ließ mit den guten Rahmkaffee wohl schmecken, indeß der unselige Westindier auf die höfliche Anfrage, womit man ihm dienen könnte, in seinem kauderwelschen Deutsch einen Schnitt kalten Bratens forderte. Frau von L. schien zwar ihren vortrefflichen Kaffee mit einigem Bedauern, und den jungen Wilden mit Verwunderung anzusehn; indessen gab sie dem Bedienten, der fast Heiduckenlänge hatte, und alle Farben des Regenbogens auf seinen Rokborden trug, einen an Charlotten gerichteten Befehl zu Herbeyschaffung des unerhörten Frühstüks. Maiberg

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wollte schon fortfliegen, um Charlotten die Mühe zu ersparen, als diese, hinter Frau Clemencen halb verstekt, selbst in das Zimmer trat. Madame sah muthwillig, lebhaft, kaltherzig aus; das junge Mädchen glühte, ihre grossen Augen waren niedergeschlagen, mir schienen sogar die Wimpern naß. In einem reinlichen Morgenwämschen, eine grosse weisse Schürze vor, hielt sie einen Teller mit so eben gestossener Butter in der Hand; sie machte eine schnelle Verbeugung, stellte den Teller auf den Tisch, und sezte sich mit sichtbarer Verlegenheit neben Frau von L. Diese gute Mutter scheint nur in dem Anblik ihres Kindes zu leben; es war auffallend, wie die Theilnahme an uns, das Bemühen um uns, ja wie ihre Eßlust, bey dem Eintritt der geliebten Tochter, sich verdoppelte. Sie pries uns die Butter an: das ist Charlottens Departement, die ganze Milchkammer—aber auch solche Butter, solchen Rahm!—

Wie von einer unsichtbaren Macht fortgerissen, war Maiberg Charlotten entgegen geeilt, als sie hereintrat. Jezt saß er wie verzükt,

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verschlang sie mit den Augen, wollte jeder ihrer Bewegungen zuvorkommen, reichte ihr seinen Braten, das Salzfaß, das Weinglas. Das liebe Mädchen warf mit unter einen lächelnd bittenden Blik auf Frau Clemencen, und ward zusehends wohlgemuther, so wie der junge Mensch verworrner wurde.

So viel hatte ich nun wohl weg, daß besagte Frau Clemence die Hexe spielte, und entweder eine Vertraute war, die in dem Besiz ihres Geheimnisses triumphirte, oder das Spiel errathen und verrathen hatte. Die Feinheit, mit welcher sie die Aufmerksamkeit der Mutter von Maibergs unvorsichtigem Betragen ablenkte, der wechselnde Ausdruk, mit dem sie die jungen Leute beobachtete, Charlottens verschämte Zutraulichkeit, sich gleichsam hinter sie zu flüchten, so oft ihr der Irokese gar zu barbarisch zusezte: alles dieses überzeugte mich, daß sie gut unterrichtet wäre. Es währte nicht lange, bis ich die Beschäftigung aus ihrem eignen Munde erhielt. Die Mutter wurde durch Hausgeschäfte abgerufen, und sie war gutherzig genug, uns übrige unterdessen spazieren zu schicken. Von

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meinem jungen Freund hatte ich durchaus verlangt, er sollte, wenn der Empfang nach gewöhnlicher Sitte mit einer Einladung zum Mittagsessen verbunden wäre, bis zum Nachmittag warten, um von Geschäften zu sprechen. Die Einladung war in bester Form erfolgt, und Maiberg ließ sich die Entfernung der Mutter sehr gut gefallen. Wir waren noch nicht durch den glühendheissen Gemüsgarten, der am Eingang eine noch ganz schattenlose Kürbislaube, und längs der Kohlreihen, ein mit Buchsbaum zierlich eingefaßtes Blumenbeet hatte, als die beyden jungen Leute, gegen einen grossen Teich hin, sich unter die Erlen verloren. Frau Clemence biß sich in die Lippen, ließ das Gespräch fallen, und gieng stillschweigend neben mir fort, bis zu einer dichten Laube am Ende des Gemüsgartens, die an den Teich stößt. Das Pärchen lustwandelte vor uns; Maiberg in voller Aktion bald neben bald hinter Charlotten; einmal kniete er, und küßte ihre Schürze; sie sah nicht zornig, er nicht verzweifeld aus—Gut, sagte Frau Clemence; da wir nun sicher sind, daß sich die nicht ersäufen, so können wir

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unsre Vertrautenszene gleich auch anfangen. Also mein Herr, Ihre gehorsame Dienerin—Sie meynen hier eine Heirath zu stiften?

Ihr Ton überraschte mich etwas; sie hatte etwas kaltes, und doch familiaires. Ich wünsche und hoffe, versezte ich, es soll sich damit enden; stiften will ich nichts, ich bin so gut Fremder als Maiberg, ja ich bin Maibergen selbst fast Fremder, denn um so eines Naturkindes Vertrauter zu seyn, braucht es wenig Präliminarien: ich habe ihn, nicht er mich, ausgesucht.—Glauben Sie aber, daß Ihre Freundin sich in die Lage, die er ihr anbieten kann, finden würde?

Finden müssen wir Weiber uns in alles.

Das verstehe ich, sagte ich lächelnd, und bükte mich; mit dem Gefühl der Herrschaft, sprechen Sie gewöhnlich von Ihrer Unterdrükkung. Allein glauben Sie nicht, daß Charlotte neben diesem: sich finden, auch glüklich seyn würde?

Sie ist davon überzeugt.

Ihre Antwort darf mir nicht genügen. Charlotte muß davon überzeugt seyn, weil sie

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liebt. Doch Sie, die Sie Charlotten kennen, meynen Sie, daß diese Ueberzeugung in ihrem ganzen Charakter so viel Grund hat, wie in ihrem jetzigen Gefühl?

In unserm Charakter gründet sich's, am festesten zu hängen an dem, was uns am meisten kostete, am reinsten zu geniessen, wo wir am sauersten arbeiteten, am treuesten zu sorgen, wo wir am unentbehrlichsten sind.

Das ist eine rührend schöne Skizze von dem Ideal des Weibes, und schon Ihrem Geschlecht zu Ehren, sollte'es Charlotte bey den amerikanischen Wilden realisiren— —Sie sah mich mit einem forschenden Blik an, aus dem ich indessen nicht recht klug werden konnte, ob er Verachtung oder Zerstreuung ausdrükte, und der mich verlegen machte. Nach einer Pause fieng ich etwas kleinlaut wieder an: Maiberg verdient die Opfer, die ihm die Liebe bringen würde, und indem sie ihn, und alles was ihn umgiebt, beglükte, hätte sie den schönsten Lohn. Wenn Sie aber von den Verwandten befragt würden, wenn Sie das junge Mädchen

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zu bestimmen hätten: würden Sie für oder wider Maibergs Wünsche seyn?

Das ist eine schlichte Frage, die ich ganz schlicht beantworten kann. In Beziehung auf Charlotten würde ich für die Sache seyn; Meiberg ist mir noch zu fremd, ich muß ihn näher sehen, ehe ich in Rüksicht auf ihn auch ja sage.

Sie werden ihn bald ausgesehen haben. Es ist die einfachste Seele, die ich je kannte: Güte, Kraft, Genuß—das in jeder Mischung macht den Menschen. In Europa, unter euch, käme wahrscheinlich Geschmak und Geistesbildung dazu; was ihm dort in seinen Wäldern zu Theil geworden war, hat sich unter ihren rohen Bewohnern, oder den verdorbnen Städtern seines Vaterlandes, nur mit kindlicher Begeisterung für das Gute und Schöne, das er begreift, verbinden können—

Es wird sich zeigen—aber mein Herr, der junge Mensch mag immerhin aus Wäldern kommen: das Fräulein—(sie ahmte seiner Aussprache sehr komisch nach)—lebte nie in Wäldern; sie hat eine Mutter, Verwandte u. s. w.,

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die er freylich nicht mit heirathen soll, mit denen er aber doch ein Wörtchen von der Sache zu reden haben wird. Nun besteht das eben nicht alles aus lauter Weltweisen, wie Sie und ich. Es sind Leute darunter, die das Abnetheuerliche, Unerhörte eines solchen Heirathsantrags gar sehr erwägen werden—

Mich dünkt aber, wenn Charlotte dazu gemacht ist, dort ihr Glük zu finden—

So hatten die guten Leute desto gegründetere Hoffnung, daß sie es hier finden würde, und es muß ihnen weh thun, sie so weit darnach zu schicken. Und nach gewissen Erfahrungen, in gewissen Jahren, hält man auch seine Begriffe von Glük und Pflicht für hinlänglich berichtigt, und fühlt eben keinen Beruf, solche Salto mortale's, wie eine amerikanische Wildniß und ein Dutzend schwarzer Heidensklaven, mit hineinzuziehen.

Vielleicht ist man in den gewissen Jahren nur stumpfer zu jeglicher Berechnung von Glük und Pflicht—

Mein Herr, da diese ehrlichen Leute mit einem guten Theil ihrer Pflichten und ihrer

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Rechte und ihrer Glükseligkeit in Charlottens Schiksal verflochten sind, so müssen wir das etwas behutsamer behandeln—

Aber doch Charlotten nicht zwingen, Maiberg nicht in Verzweiflung stürzen?

Man zwingt nicht so leicht, und man verzweifelt nicht so geschwind. Den Kothurn müssen Vertraute den Hauptpersonen überlassen: ihre Bestimmung ist eigentlich nur, mit niederschlagenden Pülverchen bey der Hand zu seyn, keinesweges mit zu faseln. Erwarten Sie ja keine hohen Mitempfindungen von mir: sich ein Ehegespann aussuchen, und sich ein paar Schuhe machen lassen, geht im Grunde blos die nächsten Interessenten an; nun ist es so gewöhnlich, und so platt, sich darum Raths zu erholen, daß ich mich bey solchen Dingen nicht so leicht in grosse Unkosten von Gefühl setzen mag—Aber dort stehen Gärtnerburschen, die unsre jungen Leutchen beobachten könnten: man muß dem Dinge ein Ende machen—

Einen Arm um sein Liebchen geschlungen, spazierte Maiberg eben in hoher Wonne auf die Laube zu. Wie er uns gewahr ward, flog

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er in eine gehörige Entfernung zurük; Charlotte aber eilte, so unbefangen als sittsam, in Frau Clemencens Arme. Ach meine Clemence, rief sie lächelnd und mit Thränen, wie wird das enden?

Gut, mein Kind, immer gut; denn Sie werden das Beste thun wollen: Sie werden glüklich und brav, oder brav und ergeben seyn. Nur keine zu frühe Verzweiflung, und keinen unzeitigen Heldenmuth—

Maiberg horchte hoch auf. Nicht wahr, rief er, Sie unterstützen mich? Sie wollen uns helfen, die Vorurtheile der Verwandten zu bestreiten, und Charlottens gute Mutter zu überzeugen, daß ihr Glük nur in ihres Kindes Glük besteht, daß keines andern Liebe so feurig, so dauernd—

Ich bitte Sie, mein Herr, alles dessen versehen Sie sich ja nicht zu mir. Ich werde weder Charlotten, noch Sie, noch irgend jemanden sonst unterstützen. Von Ihrem Plan bin ich bey weitem noch nicht entzükt genug. Ich finde, daß Charlotte, um glüklich zu seyn, nicht nöthig hat, so weit zu suchen. Ich finde

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Sie sehr kühn, sehr selbstvertrauend, eine so ungeheure Verantwortung, wie die ganze Existenz eines so edeln Geschöpfes, auf sich laden zu wollen. Ich finde, daß, um dieß zu wollen, viel brausender Leichtsinn gehört, der zur Ausführung gerade nicht taugen möchte. Ich finde, daß es sehr viel sagen will, einer zärtlichen Mutter ein einsames Sterbebett zu bereiten; und ein Mann, der seinem Jägerburschen mit Wohlgefallen zusähe, wenn er einen sorgfältig aufgezogenen Hund nicht ohne Thränen den Händen eines andern, wenn auch besseren Herrn übergäbe, sollte mit mehr Schonung, mit mehr Theilnahme, von den treuen Schmerzen redlicher Seelen sprechen—

Charlotte schluchzte laut. Maiberg stand betroffen und abgekühlt neben ihr. Halb blizte Zorn aus seinen Blicken, halb schlug ihn die unläugbare Wahrheit dieser Vorwürfe, von Charlottens Thränen unterstüzt, sichtbar nieder. Ich hatte meinen Aerger an dem Kamäleon, der in dieser kleinen Stunde alle Empfindungen und Nichtempfindungen durchgegangen war, die ich Ihnen vorhin als den Ausdruk ihres

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Gesichts schilderte. Sie war auch noch nicht fertig. Nachdem sie mit so schneidender Härte gesprochen hatte, drükte sie jezt Charlottens Kopf an ihren Busen, streichelte sanft ihre Wangen, und nach einem Stillschweigen sprach sie: Liebes—liebes Kind, seyn Sie ruhig. Ich sage Ihnen nichts Neues, ich hatte Ihnen voraus versprochen, daß Sie von mir nichts als Wahrheit hören würden. Diese ist die härteste, aber diesen wilden Schmerz soll sie nicht erregen. Der Mann, dem Sie solche Opfer bringen würden, müßte vieler Liebe werth seyn; und wenn Sie je ihre Mutter den Schmerzen einer so schreklichen Trennung preis geben, so wird das Gefühl, welcher schönen Bestimmung Sie folgten, Ihre Mutter aufrecht halten wie Sie—und wenn Sie in jenem fernen Lande eine neue moralische Schöpfung um sich hervorbringen, wenn Sie auch nur hie und da ein Stükchen von dem Ideal erreichen, das Ihre jugendliche Fantasie sich bildete, so wird die gute Mutter getröstet seyn, sie wird ihr Glük im Geiste mitgeniessen, sie wird mit der Vorstellung, daß Sie glüklich sind, sanft zur

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Ruhe gehen können— —Reine Thränen schossen aus Clemencens glänzenden Augen hervor; sie küßte Charlottens Stirne, zog ihr Haupt empor, und führte sie sanft durch einen bedekten Geländergang auf das Haus zurük.

Maiberg gieng unruhig und zweifelhaft neben mir her. Ehe wir aus dem Gange heraustraten, wandte sich Clemence gegen ihn: Enden Sie dieses Verhältniß bald, und sprechen Sie gleich nach dem Mittagsessen mit der Mutter. Ich wünschte, die Sache würde entschieden, so lange ich hier bin; ich kann diesem lieben Mädchen nützen, und ich bleibe nicht lange. Sie müssen wissen, daß der Oberamtmann und der Geheimderath morgen erwartet werden. Es wäre mir lieb, wenn Sie allen Widerspruch auf einmal zu bekämpfen hätten; auf Ueberredung und Ueberraschung halte ich nichts—Charlotte sah Maiberg zärtlich an; sein Gesicht hatte einen sehr heftigen Ausdruk. Sie reichte ihm die Hand: o mein Freund, sprach sie sanft, wenn wir unglüklich sind, erwarte ich, von Ihnen Stärke und Muth zu lernen—Er ruhte mit seinem Kopf auf der

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lieben Hand. Sie fuhr fort: zu lieben wird mir ja niemand verbieten, und das . . . . so lange dein Herz mein ist—Sie hatte sich über ihn gebeugt, und in ihrer Rührung der Zeugen vergessen—Höchst beschämt fuhr sie jezt in die Höhe, und eilte in einen Seitenweg hinein, wo wir sie aus dem Gesicht verloren. Wir sezten stillschweigend, und eben nicht darauf gefaßt, jemanden zu begegnen, unsern Weg nach dem Hause fort.

Frau von L. war mit ihrer Wirthschaft noch nicht fertig. Das Zimmer war Maiberg zu enge: er lief, troz der brennenden Mittagssonne, in das Feld, und ich fand mich wieder mit Clemencen allein. Die Frau hat ein sonderbar unabhängiges Wesen, das mir ihren Umgang sehr bequem macht, woran aber wohlgezogene Weltleute oft irre werden mögen: ein kleines Unglük, das sie sehr übel zu nehmen pflegen. Sie zog einen grossen Korb mit Nähzeug unter dem Kanapee hervor, und arbeitete sehr emsig, wie es sich bald zeigte, an einem Kinderrok. Nachdem sie eine Weile genäht hatte, rief sie ein kleines Mädchen vom Hofe

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herein, zog ihm sein sehr zerrissenes Wämschen aus, und wollte ihm das eben gefertigte überwerfen. Da bemerkte sie aber, daß die Kleine äusserst schmutzig war; sie schalt sie wacker aus, sprang mit ihr die Treppe hinunter an den Brunnen im Hofe, wusch ihr Gesicht und Hände, war in einem Hui wieder im Zimmer, und nachdem sie dem Kinde die neue Kleidung anprobiert hatte, schickte sie es mit einem Stük Zucker fort, rieb sich die Hände mit wohlriechendem Wasser aus ihrem Fläschchen, und nähte weiter. Das alles geschah während unsers Gesprächs; mitten in meinen wichtigsten Phrasen unterbrach sie mich, um irgend eine Lumperey zu treiben, und bey allem wechselnden Spiele ihrer Physionomie ließ sie doch die Arbeit nie aus den Augen.

Ich sagte ihr, sie hätte die Zuversicht, mit der ich daher gekommen wäre, sehr gestört; freylich hätte ich vorausgesehen, daß Maiberg verschiedne Einwürfe zu bestreiten haben würde, allein es hätte mir geschienen, als müßte seine Sache siegreich dagegen bestehen. Und jezt, fuhr ich fort, dünkt es mich fast, Maiberg

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habe das Recht nicht, seine Gewalt über Charlottens Herz so nach Gutdünken zu benutzen. Legen die Verwandten, die hier erwartet werden, auch noch persönliches Verdienst in die Schaale, so möchte ich das Versprechen, meinem jungen Freund mit meiner Beredsamkeit beyzustehen, lieber zurüknehmen.

Sie thäten auf alle Fälle wohl, diesem Plan zu entsagen: er ist nicht ehrlich. Einen Menschen überreden; heißt alle Verantwortlichkeit für das, was er thun wird, auf sich nehmen, und das ist doch hier Ihre Meynung nicht, da Sie selbst durchaus noch nicht wissen, was das Beste ist. Im Ganzen thut man, denke ich, den Leuten immer den größten Dienst, wenn man ihnen gerade das Gegentheil ihrer Begriffe recht anschaulich zu machen sucht. Meynen sie es nur etwas aufrichtig, so bringt sie das auf den vernünftigen Mittelweg zurük, und sie urtheilen ohne Leidenschaft, oder lernen den Entschluß der Leidenschaft mit der Kraft und der Dauerhaftigkeit eines redlichen Gemüths, eines gesunden Verstandes ausstatten. Freylich gelingt das nicht mit allen Karakteren.

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Mancher will sich blos auf ein paar Augenblicke mit Täuschungen verhätscheln, die er schon halb und halb als solche anerkennt: für die Inkonvenienzen, die daraus erwachsen können, hat man die untrügliche Ressource, ein wenig erbärmlich zu seyn, im Hinterhalt. Oder wenn die Menschen mehr Empfänglichkeit als Urtheilskraft haben, so werden sie leicht blos aus dem Weissen in das Schwarze geführt, ohne daß sie je zu einem Entschluß gelangen, oder ihr Entschluß wird immer übereilt seyn. Was ist aber am Ende auch daran gelegen, ob solches Volk sich wundert, oder bereut? Da es nie Handlungen abwägt, so muß es sich mit Empfindungen umherschleppen!—Da ist zum Exempel Charlottens Onkel, der wird Sie am meisten aufhalten. Ich habe ihn schon vor Augen, wie er ganz entzükt von Maibergs Liebenswürdigkeit ist, den Plan, in Virginien zu leben, mit Thränen im Auge bewundert, und vor einer Heirath schaudert, die seine Absichten mit Charlotten zerstört—Die Nichte des Herrn von L. einem Tabakspflanzer nach Virginien! eine blosse Liebesheirath! So spricht,

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so denkt, so thut er: alles schier in einem Athem—

Ich war bey dieser Beschreibung wie von Wolken gefallen. Nach allem, was ich bis dahin gehört hatte, rechnete ich am sichersten auf dieses Mannes Beystand. Ich mußte mir ihn, nach den Zügen, die mir von ihm erzählt worden waren, als einen sehr kühndenkenden, ganz seinen eignen Weg gehenden Mann vorstellen, der blos durch den Nutzen den er stiftete, durch seine Unentbehrlichkeit, sich erhielt, der in seinen früheren Jahren geliebt, unglüklich geliebt, seine Leidenschaft aus Großmuth aufgeopfert, und nachher in einer blos konventionellen Ehe mit musterhafter Gefälligkeit gelebt hatte. Ich verhehlte Clemencen mein Erstaunen nicht, so wenig als die Gründe, auf welche ich eine ganz andre Meynung von dem Geheimderath gebaut hatte. Sie hatte gerade das oben erwähnte Kind vor sich; sie ließ ihre beyden Hände auf dessen Schultern ruhen, ihr ernster Blik drükte Unwillen und Verachtung aus—Ja, sagte sie, ein Theil der seinen Welt stuzt ein solches Subjekt heraus,

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und preist seine hohe Tugend, während ein andrer Theil, der ein verschiednes Genre von Armseligkeit erwählt hat, Ihnen eben so zuversichtlich gefaßt haben würde, der Mann sey von jeher ein verworrner Kopf gewesen, zum Geschäftsmann verderbe ihn seine Eitelkeit, mit der er weit mehr unternehme, als seine Kräfte tragen können, als Gesellschafter empöre er alles durch seine Paradoxen, unter den Weibern habe er bis in ein spätes Junggesellenalter den Gecken gespielt, und nachdem er sein Lebenlang den Philosophen affektirt, habe ihn ein geringer Stoß, den seine Finanzen durch die Geschichte der ** schen Bank erlitten, endlich bewogen, eine häßliche, kranke Kousine zu heirathen, die unter dem ganzen Hausen von unphilosophischen, weltlichgesinnten, eigennützigen Junggesellen wohl nie einen gefunden hätte, um ihr vieles Geld anzubringen. Ich kann es nicht läugnen, wenn ich mich eine Weile von allem dem Gerede entwöhnt habe, womit man sich in den Gesellschaften schleppt, so kann es mich auf einen Augenblik so ärgerlich machen, daß ich versucht bin, Meister Hannikeln dort—

169 (das Fenster vor uns hatte die Aussicht auf einen fernen Galgen)—den sie vor vierzehn Tagen hiengen, für den ehrlichsten Mann von der Welt zu halten!

Sie hatte bisher, mich ansehend, fortgesprochen, ohne die Hände von des kleinen Mädchens Schultern aufzuheben; bey dem Kompliment, das sie Meister Hannikeln machte, ward das Kind in aller Geschwindigkeit hin und her geschoben, und ich mußte lange warten, ehe ich auf die Frage, die ich lachend that: Nun und der Mittelweg, was lehrt uns der von diesem Onkel?—endlich die summarische Antwort erhielt: daß er ein armer Teufel ist!—Aber, sagte ich mit einigem Zögern, . . . . als Fremder kann ich indiskret scheinen . . . . Vorigen Winter starb ein Frauenzimmer in der Gegend von **; ihr Tod wurde allgemein beklagt; was man von ihr sagte, machte sie sehr interessant . . . . Herr von L. soll sie geliebt, und aus Großmuth seinem Nebenbuhler überlassen haben— —

Sie sah mich starr und aufmerksam an; in ihren Augen sammelten sich nach und nach

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Thränen, die überzufliessen drohten. Sie arbeitete stillschweigend, und ließ die Thränen auf ihr Nähzeug fallen.

Das ist ganz wahr, sagte sie endlich mit gelassenem Tone, uns ist doch ganz anders. Einfluß beschränkter Begriffe von der ersten Erziehung her, eine von Natur empfängliche Fantasie, die vieles aufgefaßt hat, was mit jenen Begriffen nicht harmonirt, zufällige persönliche Wichtigkeit—das bringt endlich eine so traurige Ungleichheit zwischen wollen und Handeln hervor, und aus dem demüthigenden Gefühl dieser Ungleichheit bildet sich so viel böses Gewissen, eine so stete Unaufrichtigkeit gegen sich selbst.—Der Mann ist redlich, und hat von jeher in allem nur das Beste gewollt. Sein Vater überließ ihm die Sorge für eine zahlreiche Familie, gegen die er seine Pflichten beständig mit der uneigennützigsten Großmuth erfüllt hat. L. hat den einfachsten Geschmak, kein Bedürfniß, das ihn fesselt. Ueber die konventionellen Erfordernisse seines Ranges würde er schon aus Neigung, und um irgend eines höheren Gutes willen auch aus

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Grundsätzen, leicht hingehen—wenn er es nur anzufangen wüßte, wenn sich in seinem Kopfe die Pflichten nicht von einem Augenblicke zum andern unter einander verwirrten. So oft nur Feigheit, Menschenscheue, Eigennuz, ihn stumm machen könnten, so oft haben seine Mitbürger den unerschütterlichsten Fürsprecher gegen Willkühr und Unterdrückung an ihm; allein die Menschen, unter denen er lebt, haben es jeden Augenblik in ihrer Gewalt, seinen Gesichtspunkt so zu verrücken, daß er ihnen in den ungerechtesten Dingen aus allen seinen Kräften beysteht. Er liebte ein unbemitteltes Mädchen, sie waren von Jugend auf gewissermassen an einander gefesselt: sie zu seinem Weibe zu machen, einen Theil der peinlichen Alfanzereyen des eleganten Lebens aufzugeben, einem Dutzend Laffen und Närrinnen, die wöchentlich ein oder zweymal in sein Haus gerükt kamen, auf eine höfliche Manier die Thüre zu weisen, zu einer eingeschränkten, häuslichen Lebensweise zu schreiten, unter seinen Angehörigen, lauter recht erträglichen, mit unter sogar sehr braven Menschen, das Ansehen

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auszuüben, das sie ihm froh und willig eingeräumt hätten, sich die Freyheit zu verschaffen, die sie gar nicht Lust hatten, ihm streitig zu machen—kurz und gut, recht zu wissen, was er wollte, und was er mußte, ganz einfach, ohne besondere Heldenstreiche, darnach zu thun: das war er nun und nimmermehr im Stande. Treu war die gute Haut; zugleich aber hegte er die redliche Absicht, das Mädchen, das er zu seinem Weibe zu machen noch nicht den ganzen Willen hatte, auch nicht ganz an sich zu binden. Da hatte er manchmal etwas nebenher vonnöthen, ließ sich von seiner Fantasie zum Gecken machen, liebelte bald hier bald dort: die Niederlage, das Hauptquartier seiner süssen Triebe blieb indessen bey jenem Mädchen. Diese, von Liebe, Eifersucht, Unsicherheit gequält, fand einen Vertrauten, der durch Umstände veranlaßt wurde, als Freier aufzutreten. Nun hatte L. auf einmal weg, daß man zu einer glüklichen Ehe keine zehntausend Gulden Einkünfte brauche. Ein romanhafter Entschluß nach dem andern stieg in seiner Seele auf. Er drang in das Mädchen,

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entwarf Bilder von arkadischer Glükseligkeit—wie weit indessen verliebter Verdruß, das schmerzliche Gefühl, unter Hoffnung verblüht zu seyn, vielleicht mit etwas noch Menschlicherem verbunden, das Mädchen mit dem Nebenbuhler gebracht haben mochte, weiß ich nicht bestimmt genug: kurz, sie hatte Ursache, sich in Ansehung seiner nicht für ganz frey zu halten. Jezt gab es hohe Leidenschaft: je mehr L.'s Liebe durch Gewohnheit erkaltet war, je kälter sie von Natur gewesen seyn mußte, um ihn so viele Jahre lang in einer solchen Unentschossenheit zu lassen, desto heftiger sezten ihm jezt Reue, gekränkte Eitelkeit, und vorzüglich die Kenntniß von den Mädchens und des Mitwerbers Karakter zu. Es war einige wochen zwischen allen Theilen von Aufopferung, Verzweifeln, und Sterben die Rede. Er that alles, und gewiß mit dem aufrichtigsten Herzen, um zu erreichen, was er für das Ziel seiner Wünsche, oder wenigstens seiner Pflichten hielt—er that alles, nur nicht die einzigen Schritte, die durch einfachen, männlichen, auffallenden Ernst jede Art von Schwierigkeit beseitigen

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konnten; er fühlte, er glaubte, er sagte sich zu allem fähig: nur in seiner Liebe sowohl, als in seinem Karakter, blieben Lücken, die der ganze Aufwand von tragischen Empfindungen nicht auszufüllen vermochte. So behielt der unwürdige Nebenbuhler, der doch so schlecht nicht war, daß er nicht seine Romanenrolle wohl oder übel mitgespielt hätte, endlich den Sieg: L. hielt sich ein Weilchen an ein lockeres Bret von Großmuth, von edeln Leiden, von Ueberzeugung, daß sie des größten Heroismus bedürfte, um ihre Lage zu ertragen, und daß er nie ein anders Weib lieben würde.—So weit war alles, was L. gethan hatte, zwar nicht idealisch, aber doch recht verzeihlich menschlich; denn eine durch mehrere Jahre geschleppte Liebschaft im gewöhnlichen Lebensgange muß, sobald es endlich durch irgend einen Umstand jener Art darüber zur Sprache kommt, eines sehr natürlichen Todes sterben: ganz gewöhnliche Menschen bringen sie ohne Gang und Klang zu Grabe; bey etwas Exzentrizität giebt es Konvulsionen, ein prächtiges Castrum doloris; aber wenn dem einen oder dem andern

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Theile eben etwas unterhaltenderes aufstößt, als an den Trauerkreppen zu zerren, so findet sich das Herz ziemlich heil. Zum ausdauernden Ernst der Liebe gehören Hindernisse in ihrem Fortgang: es ist mit dieser Leidenschaft wie mit manches Menschen Gesundheit; Arbeit und Mühseligkeit macht sie eifern, im Schooß der Ruhe erhielte sie nur ein schmachtendes Daseyn, oder verschiede. Hören Sie also unsre jungen Leute dort mit der Sturmglocke läuten, und es kommt Ihnen auf ordentliche Liebe an, so seyn Sie nur guten Muths: es sieht damit wie es soll—doch auf unsern Onkel zurük. Fräulein Karoline hatte also geheirathet; ihre Freunde verwunderten sich doch über die gute Ehe, die es gab; bloße Bekannte waren überzeugt, der Herr Gemahl tyrannisire sie, aber sie habe Klugheit genug, ihre Wahl zu ehren, und was sie selbst sich auflud, in Geduld zu ertragen. Immer mehr und mehr schied sich die Frau von ihren Freunden, doch so, daß diese eben kein Arg daraus haben konnten. Sie blieb vereinzelt und verschlossen. Diesen Winter starb sie, und ehe ihr Mund

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sich auf ewig schloß, gestand er der Schwester, ihre Ehe sey eine Hölle gewesen, ein Hölle, weil der schwachmüthige Tyrann, der jede ihrer Empfindungen beschränkte, von ihr gewählt und tief verachtet, ihr auch alle Achtung für sich selbst geraubt hatte: sie starb, mit bitterer Reue, gelebt, mit noch bitterer, einst geliebt zu haben— —Bey ihrer Heirath war ihre einzige Schwester bey der Mutter zurükgeblieben, ein sanftes und lebhaftes Geschöpf, voll leichten Sinnes, aber von Leichtsinn sehr entfernt. Auch sie hatte in dem Manne, von dem sie viele Jahre lang glaubte, er gehöre der Schwester an, den vorzüglichsten seines Geschlechts zu sehen sich gewöhnt. Karoline schien ihr durch ihre Heirath viel Wankelmuth zu beweisen, sein Betragen fand sie sehr edel, und lernte ihn in dieser Angelegenheit noch herzlicher bewundern. Ueberhaupt ist es wohl in unserer Art, bey zweifelhaften Fällen für die Männer zu entscheiden—die Natur will es so, wir hören sie noch: bey euch hat Sinnlichkeit, Schwäche, Zerstreuung sie erstikt— —Amalie tröstete den großmüthigen,

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zurükgesezten Liebhaber. Seine Lage machte das Mitleiden so natürlich, und das Mitleiden beseitigte jeden Verdacht von Liebe. So gieng es lange fort; man hoffte nicht: dazu fühlte Amalie die Würde ihres Geschlechts zu zart; es entstand etwas Schlimmeres, man verhüllte sich die Zukunft; aber aus dem Betragen des Mannes, aus einem inneren Gefühl, konnte man nicht umhin eine Zukunft zu ahnden, die sich allmählich zu einem sicheren Bilde ausmahlte. So war es bey dem Mädchen, so bey der guten Mutter, so bey allen Freunden: keines hielt sich gewiß, jedes schwieg, und dachte nur so, oder dachte auch nicht, aber glaubte doch. Der Onkel ließ sich trösten, schäzte die liebenswürdige Trösterin, wie sie es verdiente; weil es aber nur Trost war, was er suchte, schien ihm der Verkehr auch nicht Liebe, und er glaubte es nicht viel anders zu treiben, als wenn er einen Abend in Gesellschaft irgend ein Weib hübsch fand, und ein paar Stunden lang ihrer Eitelkeit huldigte. Er kam unterdessen durch Familiengeschäfte in nähere Verhältnisse mit einer Verwandtin, einem

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sehr gemeinen, sehr reichen, sehr kränklichen und ziemlich häßlichen Fräulein. Selbst in diesem Verhältniß blieb zu viel und zu wenig die Loosung seines Betragens; aber dießmal sollte er bey'm Worte genommen werden: die Angehörigen, die sich bis dahin neutral gehalten hatten, fanden auf einmal, daß ein solcher Mann, ein solcher Bürger, ein solcher Verwandter, durchaus Hausvater und Gatte seyn müßte. Ihm leuchtete das auch ein: mit der Liebe war es bey ihm vorbey, er wollte nur Pflichten erfüllen, nur Ruhe geniessen, und das konnte er ja recht gut durch diese Verbindung. Weil andre hier ersezten, was an der Vollständigkeit seines Willens fehlen mochte, so war die Sache bald richtig. Er benachrichtigte, mit ziemlicher Unbefangenheit, Amalien von seinem Entschluß—sie erschrak nicht, denn sie hatte auf nichts gerechnet: sie glaubte nur traurig zu seyn, daß seine Wahl ihm kein Glük versprechen zu können schiene; sie betete für ihn, und hielt ihre Thränen für Zeugen ihrer Sorge um sein Wohl. Die Mutter ward nun freylich gewahr, daß sie gehofft hatte, denn

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sie fühlte tief getäuschte Hoffnung. Alle Freunde sahen Amalien als verrathen an. L. ist ein redlicher Mann, und hat ein fühlendes Herz: in seinem Innersten hat sicherlich mancher bittere Vorwurf gegährt; sicherlich hat ihn sein Gewissen insgeheim einer unverzeihlichen, wenn gleich unwissentlichen Selbstsucht angeklagt. Den Contrast zwischen seiner Braut und Amalien hätte ihm diese aus Rache nie so auffallend machen können, als sie es in ihrer edeln und anspruchlosen Einfalt that. Was konnte aber bey dem allen weiter herauskommen? Er hat die Cousine geheirathet, hat an ihr just keine Gans, und ein recht gutherziges Geschöpf, hält ein zierliches Haus, schikt die Frau in die Bäder, bezahlt den Arzt reichlich, und wenn er sich einmal mit seinem Herzen beschäftigt, findet er es gar rührend, ein krankes Weib zu haben, weidet sich an seiner Resignation, keine Kinder zu haben—Ich will ihn morgen auf das Kapitel bringen: er meynt es vom Grunde der Seele, das können Sie glauben— —

Sie arbeitete nun mit anscheinender Gleichgültigkeit fort, aber ihre Wangen glühten. Ich

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schwieg lange; die Erzählung hatte mich lebhaft interessirt, und ich suchte die Farben ihrer Bizarrerie und ihrer Bitterkeit von dem Gemählde selbst, in meiner Vorstellung zu trennen. Aber bey dem Bilde der zweyten Schwester blieben meine Gedanken stehen. Und Amalie? fragte ich, was ist aus Amalien geworden?

Sie lebt fort, wie sie immer that: die Wohlthäterin der Armen, die Mutter der Waisen, die Wärterin der Kranken in ihrer ganzen Gegend. Daß ein so schäzbarer Mann, an den Freunde und Publikum sie ein Jahrlang verheirathet hatten, endlich von ihr abgesprungen war, mußte andre Männer entfernen. Sie ist ledig—sitzen geblieben, wie man zu sagen pflegt. Ihr Herz hat sich seine unbelohnte Liebe zur unsichtbaren Gottheit gemacht, und durch Wohlthun ewig verjüngt, schlägt es heute so treu, edel und warm wie damals—sie veraltet einsam und verkannt.

Mit niedergeschlagenen Augen, sanft, und ohne Accent sprach sie diese lezten Worte; ihre Stimme hatte etwas von einer Todtenfeyer.

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Sie kennen Amalien persönlich? fragte ich nach einer Pause.

Genau, seit ihrer Schwester Heirath.

Und den Onkel?

Er ist schon funfzehn Jahre mein Freund.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen bey dieser Entdeckung, die sogleich auf jene Erzählung folgte. Ich war noch damit beschäftigt, mich zu sammeln, als die gute Amtmännin in das Zimmer trat. Nach einer herzlichen Entschuldigung, daß sie uns Fremde so ungezwungen behandelte, rief sie Clemencen ab, um sie wegen eines Briefes, der zu beantworten wäre, um Rath zu fragen—der Bothe wartet, sagte sie; sonst raubte ich mir gewiß das Vergnügen nicht, meine Gäste zu unterhalten.— —Ich verließ die Damen um meinen jungen Freund, der abhanden gekommen war, aufzusuchen. Ich erkundigte mich bey einigen Knechten, die im Hofe arbeiteten, nach ihm: man hatte ihn, schon vor geraumer Zeit, auf das Dorf zugehen sehen. Ich schlug einen schattigen Fußpfad ein, den man mir am Bache hin anzeigte, und der nach dem Dorfe führte.

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Ich freute mich im Gehen der reichen Obstgärten, des hohen Grases, und mußte über das unverbesserliche Herkommen der hiesigen Landleute lachen, die sich's gar nicht einfallen lassen, ihre Stege mit einem Damme zu erhöhen, so daß sie bey dem häufigen Regenwetter hart, oder beym Uebertreten der Bäche gangbar erhalten würden: sie legen lieber große Steine längs hin, auf denen man den größten Theil des Jahres von Pfütze zu Pfütze springt, und bey trockenem Wetter, wie es gestern gab, mit hoch aufgehobenen Beinen herüber schreitet. Im Hintergrund meines Kopfes hatten freylich Charlotte, Amalie, Clemence, und der Onkel, dergestalt Posto gefaßt, daß ich in voller Zerstreuung um das ganze Dorf herumgegangen wäre, wenn mich ein gewaltiges Jauchzen, das aus einem benachbarten Baumgarten erschallte, nicht aufgewekt hätte. Ich blikte dahin, und ward Maiberg gewahr, der auf einem mächtigen Kirschbaum saß, und der ganzen, im Grase um ihn versammelten Jugend des Dorfes, Kirschen herumwarf. Um des Himmels willen, rief ich

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ihm zu, Sie bringen sich ja um Ehre und Reputation! Wann werden Sie endlich bedenken lernen, daß Sie nicht in Virginien sind?—Aber es half nichts; ich mußte ihn da oben lassen, bis er fertig war, und mit einem großen Korb voll Kirschen herabstieg. Die Sache hieng gar natürlich zusammen. Der junge Herr war von seiner Liebespein bis vor das Schulhaus getrieben worden, wo die liebe Jugend nach geendigtem Unterricht sich herumtummelte. Die Knaben schossen mit der Armbrust: Maiberg, dem diese Leibesübung unbekannt ist, sieht ihnen aufmerksam zu, mischt sich in ihr Spiel, sucht die Kunst zu lernen, erreicht aber die Scheibe nie; er wird immer eifriger, und bietet eine Wette an—die Buben fragten was es gelten sollte; ihm fällt ein Kirschbaum in die Augen, er wettet alle Kirschen auf dem Baum, schießt, und verliert. Man denke sich das Gelächter, das Gekreische! Der Eigenthümer vom Baum saß bey seinem Spek und seinen gelben Rüben, und ließ sich auf keine Weise bewegen, jezt Kirschen zu pflücken; der Amerikaner, nicht faul, bietet ihm an, den

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ganzen Baum zu kaufen. An dergleichen Narrenstreiche war man von jungen Engländern her gewöhnt; man behandelte ihn auch auf diesen Fuß, das heißt, man ließ ihn ungeheuer bezahlen, und Maiberg ärndtete seine Kirschen. Die heruntergeworfenen waren für jedermann, der volle Korb war der Preis des Siegers, der sich auch sogleich mit tölpischverschämtem Eifer darüber hermachte. Maiberg gab ihm noch einiges Geld dazu, mit der Weisung, seine Portion Kirschen mit seinen Kameraden zu theilen. Das hätt' ich ohnehin gethan! sagte der Bursche trotzig in seiner bäurischen Sprache; und die andern riefen im Echo: das braucht der Herre nicht erst zu sagen.—Meinem großen Jungen gefiel dieß zu guter lezt gar wohl, und nun kam er zu mir, sich schüttelnd, und die Beinkleider in die Höhe ziehend. Er sah sauber aus—die Wäsche zerknittert, die Strümpfe zerrissen, die Haare zerzaußt! Ich wußte kaum, ob ich es über das Herz bringen konnte, ihn wieder im Amthause zu produziren; er aber, nachdem er seinen edeln Kameraden höflichst guten Tag gesagt

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hatte, machte sich, mir nichts dir nichts, neben mir auf den Weg, wobey er zwey Sträusse von Kirschen, die reichsten, glänzendsten Aestchen vom ganzen Baum, in der Hand trug, und sorgfältig vor der Sonne hütete. Im Gehen sprang er unaufhörlich seitwärts in die Wiesen, um die schönsten Feldblumen zu pflükken, die er mit vieler Geschiklichkeit unter die hochrothen Kirschen verschlang, so, daß der ganze Straus einem Sinnbilde Florens und Pomonens glich. Während dieser wichtigen Beschäftigung gab ich mir alle Mühe, ihn zum vernünftigen Gespräch, zur ernsthaften Ueberlegung seiner Aussichten zu bringen; ich fand aber wenig Gehör: sein froher Muth hatte in der kurzen Zwischenzeit die lebendigste Hoffnung wieder hervorgezaubert, und die schwermüthige Szene, die sich vor ein paar Stunden ereignet hatte, war durch die kindische Zerstreuung des Augenbliks verwischt. Nahe am Amthof kam uns ein Knecht keuchend entgegen, mit der Nachricht, daß man uns zur Tafel erwarte; und so sehr ich mich schämte, mußte ich doch mit meinem Strauchdieb, gerade

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wie er war, in das Speisezimmer eintreten.

Die ganze Gesellschaft war schon versammelt, und seit meinem Spaziergang hatte sie sich um ein paar Personen vermehrt. Oben im Saal, auf einem Sofa, saß die Amtmännin neben einem, noch ziemlich jungen, zierlich gekleideten, etwas eckigen Mann, den sie sehr höflich zu unterhalten schien. Charlotte stand am Fenster bey einem Mann von gewissen Jahren, dessen schlichter Anzug, dessen redliches, etwas pedantisches Wesen ganz den Zuschnitt eines braven Geschäftsmannes hatte. Das Gespräch schien einen Gegenstand zu betreffen, auf welchen Charlotte vom Fenster aus zeigte; Clemence nahm daran Theil: bey unsrer Ankunft gieng sie aber auf uns zu, und führte mich zur Frau von L., wo mir denn der eckige Herr als ein Herr Hofrath von Buscher, der ältere Mann als ein Rentmeister Falk bekannt gemacht wurde. Mit Maiberg hatte Frau Clemence eben so menschenfreundliche Absichten gehabt; er war aber mit seinen Sträussern zu Charlotten gewandert, die er bereits sehr

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lebhaft unterhielt. Die Mama schien etwas in Verlegenheit; Frau Clemence sagte ungezwungen zu dem alten Herrn: da sehen Sie einmal, wie galant die Amerikaner sind; ich will sie aber doch lehren, auch höflich zu seyn.—Sie holte Maiberg bey'm Arme her: hier, Herr Ausländer, sagte sie, bey uns macht man hübsch Bekanntschaft mit den Leuten, wenn man in ein Zimmer tritt. Sehen Sie, dieser Herr—(sie machte dem Eckigen eine sehr artige Verbeugung) — ist was man hier zu Lande einen Hofrath nennt, Hofrath von Buscher—Der Mann sah bey dieser Etourderie nicht wenig linkisch aus, Clemence fühlte sie, ward roth, warf einen flüchtigen Blik auf die Amtmännin, die den Mund in Falten legte, und mit einem unruhigen Wesen ihre Tochter fast beobachtete, so wenig der Ausdruk sonst auf den Karakter ihres offenen, guten Gesichtes paßt. Frau Clemence ließ sich indessen durch diese Episode nicht weiter stören, sondern wandte sich gegen den Alten: Herr Rentmeister Falk—bey Ihnen, in Ihrem freyen Lande, mögen stille Bürgertugenden zu glänzenderem Lohne

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gelangen; lebten Sie aber unter uns, Sie würden freudig zu dem Zolle von Achtung und Liebe beytragen, den ein solcher Mann, nach vierzigjährigem, kaum bemerktem und allgemeinem Wohlthun, von seinen Mitbürgern erhält— —Maiberg war sehr liebenswürdig in diesem Augenblik; das Alter des Mannes, dem er gegen über stand, und wahrscheinlich auch Clemencens Worte, die sie mit desto mehr Empfindung sprach, als sie wegen ihres tollen Streiches mit dem eckigen Herrn noch in einiger Spannung war, verbreiteten den Ausdruk der reinsten Bescheidenheit und Ehrerbietung über ihn. Er antwortete verlegen und gebrochen etwas, das diesen Sinn hatte: den Lohn solcher Tugend ärnte ein jeder von seinem eigenen Herzen, und darum blühe sie auch in jedem Lande, unter jeder Regierungsform. Charlottens Augen ruhten geniessend auf dem angenehmen Bilde dieser beyden Menschen, die ein Gespräch zusammen anknüpften; Frau von L. suchte den Hofrath wieder in die Fugen zu bringen, und Clemence, die einen nach dem andern flüchtig und scharf betrachtete, sah ein klein wenig satanisch aus.

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Man war zu Tische gegangen: alles saß schon, als die Saalthüre aufgieng, und zwey junge Leute hereintraten, in neues Tuch gekleidet, glatt gekämmt, die Haare von den Ohren geschnitten. Sie verbeugten sich tief, [defilirten], die Hände reibend, längs der Wand vorbey, und pflanzten sich nach einem kurzen Tischgebet ganz unten am Tische hin; sodann falteten sie, mit nahe an den Leib gedrükten Ellbogen, die Servietten bis auf den lezten Einschlag auseinander, zogen dieselben durch das oberste Knopfloch, und assen die Suppe ganz von der Oberfläche ab, aus Furcht, mit dem Löffel auf dem Teller zu klappern. Alle Welt war sitzen geblieben; nur Maiberg stand bey ihren Verbeugungen auf, und machte sein höfliches Kompliment, das die Frau vom Hause mit einem nachlässigen: Ich bitte, es sind die Schreiber! unterbrach. Was mich anbelangt, so hatte ich gleich gewußt, was ich aus den Gestalten machen sollte, die mich immer sehr belustigen, wenn sie stumm wie die Tische da sitzen, tapfer essen, so wie der Braten kommt ihre Servietten zusammen legen,

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und nach leisem Gebet stiller Verbeugung wieder abziehen.

Bey der Tafel merkte ich, daß zwischen Clemencen und der Frau von L. etwas vorgefallen seyn mußte. Jene war zwar unbefangen; allein man sah ihr an, sie hatte sich ein Betragen vorgenommen, das ihr nicht zum Besten gelang, weil es gegen ihr Gefühl war. Sie schien dem Hofrath, durch ihre Art das Gespräch handzuhaben, Gelegenheit zum Auftreten geben zu wollen. Der Mensch ist auch weit entfernt, dumm zu seyn, aber für Geschmak, Gefühl, Gesichtspunkt, in die allerkonventionellsten Grenzen gebannt, dabey so viel Steifheit und deutsche Gelehrtennücken, als nöthig ist, um dem überfeinen, fantastische Geiste einer Frau Clemence leicht Blösse zu geben. Sie wollte ihn gewiß nicht mißbrauchen, sie wollte ihren Kapriccio fein im Zaum halten; aber ganz ungesucht, ja indem sie es zu vermeiden suchte, entstanden Contraste zwischen der mehrerwähnten Eckigkeit, und Maibergs Empfänglichkeit, seinem ungefesselten Geist und geraden, kunstlosen Verstande, und

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dann konnte freylich die boshafte Frau ihrem Gelüste nicht widerstehen, und der arme Hofrath spielte eine alberne Rolle.

Es wurde von Reisen gesprochen. Der Hofrath war seiner Zeit auch in Italien gewesen; mit schönen archäolischen Studien ausgerüstet, seinen Heyne, seinen Winkelmann in der Hand, hatte er die Cicerone's ermüdet, wußte genau, von welcher Marmorart jede Bildsäule, in welcher Zeit, durch welchen Feldherrn jede dahin gekommen war; allein in einer todten Masse hatte sich hier todter Buchstabe abgedrukt. Unser Freund war voriges Jahr in denselben Gegenden herumgestreift. Wie ein Zauberer die Schatten der Vorzeit hervorruft, hatte er Rom, Neapel, Mailand, Sizilien, mit den Geistern der alten Welt bevölkert; seine in der Schule gelesenen Klassiker waren in sein Fleisch und Blut übergegangen. Die Unterhaltung fiel zuweilen originell genug aus. Herr von Buscher richtete seine schönsten Bemerkungen—und er spricht wirklich gut—an Charlotten, die ihn mit grossen Augen und bescheidner Höflichkeit anhörte. Maiberg sprach

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begeistert von den Empfindungen, mit denen er unter jenen Ruinen wandelte, wie er die Stätte zu sehen geglaubt, wo Pompejus Bildsäule stand, wo Brutus den Dolch zükte, wie ihm der Athem gefehlt, bis er gedacht hätte: dein Vaterland ist frey, der Name Sohn darf dir ewig heilig seyn—Clemence glühte; Charlotte machte mit ihrer Hand, die auf dem Tische lag, eine kleine Bewegung, als wollte sie den Schwärmer im Fluge erhaschen, ihr Busen hob sich, ihr Auge ruhte mit Verwunderung und Liebe auf dem jungen Freunde. Des Hofraths Gesicht ward etwas lang, er rükte auf dem Stuhl, und blikte mit einiger Verlegenheit hinunter nach den Schreibern: ich weiß nicht, ob ihm für ihre guten Grundsätze, oder wegen ihres Urtheils von Maibergs gesundem Verstand bange war. Die armen Leute sahen aber gerade aus, als wenn sie in der Kirche geschlafen hätten, und nur eben bey der strengen Exkommunikation aufwachten; ich glaube wirklich, sie falteten die Hände.

Der Augenblik war von mehr als einer Seite bedenklich, denn Frau von L. fieng an,

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Unrath zu merken. Sie schien, den Sohn der Wildniß und den Zögling der Gesellschaft gegen einander abzuwägen, und den Ausschlag freylich—in ihrer Tochter Blicken zu finden. Die beyden Leute machten es ihr auch sehr leicht, denn sie verstellten sich nicht im mindesten. Niemand gefiel mir besser dabey, als der alte Rentmeister: er hatte kein Arg aus der Sache, er bewunderte seines Landsmanns Gelehrsamkeit, und horchte mit einem Ausdruk von väterlicher Freude auf den feurigen Jüngling. Gelegentlich fielen ihm Stellen aus alten Dichtern ein, die er hersagte; Maiberg war, in Verfolg der englischen Schulerziehung, gleich zu Hause, half nach, und sie ergözten sich zusammen, jedes Flekchen des klassischen Bodens mit einem Fetzen alter Poesie zu etickettiren. Warum aber, während dieß alles vorgieng, der guten Mutter Stirne sich nach und nach umwöklte, warum sie, so oft Clemence des Hofraths Förmlichkeit mit Maibergs Genialität in's Gedränge brachte, die erste halb bänglich halb vorwurfsvoll ansah, erfuhr ich erst etwas später: es gab vorher noch eine Episode,

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die des Hofraths böser Genius herbeyführte.

Gegen das Ende der Mahlzeit rief ein Bedienter den einen Schreiber ab. Charlotte schien die Ursache gehört zu haben, und sagte zu ihm, wie er hinter ihr vorbeygieng: Ach lieber Herr Schmidt, suchen Sie wenigstens der Frau und den Kindern zu helfen—Man sah ihr an, daß sie seine Zurükkunft ängstlich erwartete, denn sie blikte oft nach der Thüre, und fragte ihn, wie er hereintrat: die Amtsboten sind doch sanft mit ihm verfahren?—Gewiß, gnädiges Fräulein,aber die Frau verzweifelt fast. Wenn Ihre Gnaden doch gegen Abend die Jungfer hinschikten—sie ist ohnmächtig fortgebracht.

Hinaus sprang Charlotte mit zitternder Eile. Maibergs Augen folgten ihr, alles wünschte von dem Schreiber Auskunft zu erhalten. Die Amtmännin sagte sanft zu ihm: Er hätte jezt nicht davon sprechen sollen, Monsieur Schmidt—ehe sich aber der ehrliche Mensch beschämt entschuldigen konnte, hatte sein jüngerer Kollege schon angefangen, uns zu unterrichten. Es

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betraf einen armen Schuster, der nach der Landessitte nicht Meister werden konnte, weil er sein von ihm geschwängertes Mädchen*) zu seinem Weibe gemacht hatte. Er half sich manches Jahr mit Flickarbeit hin, doch reichte das endlich bey vier Kindern nicht zu; so wagte er es denn, in einem benachbarten Flecken neu zu arbeiten: der dort ansäßige Meister nahm ihm zweymal Leder und Handwerkzeug weg. Durch so viele Unfälle sehr zurükgesezt, war er in dieses Amt gezogen. Das Elend verfolgte ihn, die Kinder lagen alle an den Blattern krank; vom Hunger angetrieben, bettelte er, und ward dem Verbot gemäß aufgefangen. Nun stahl er Rüben und Salat: man sah ihm einmal, zweymal durch die Finger; jezt hatte er den Pfarrgarten bestohlen: er mußte auf sechs Monate in's Gefängniß, das man hier recht gräßlich Loch, auch wohl Hundeloch nennt. Maiberg verstand von dem allen

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anfangs nicht viel mehr, als wenn man ihm chinesisch vorgesprochen hätte. Nur daß von elend die Rede war, begriff er wohl. Wie das Loch erwähnt wurde, wiederholte er das Wort ungewiß und frageweise, versuchte es damit auf englisch, und nannte es ein unmenschliches Wort. Dann wollte er von mir wissen, was der Mann seiner Frau zu Leide gethan hätte, daß er nicht Meister werden dürfte. Der Hofrath lächelte etwas einfältig; ich gab meinem Neuling Aufschluß über alles, und seine Theilnahme ward immer lebhafter.

Unterdessen war Charlotte mit rothen Augen wiedergekommen. Die Geschichte wurde weiter besprochen; Maiberg richtete sich mit seinen Fragen an den Rentmeister, und je deutlicher er die Sache begriff, desto mehr nahm seine Hitze und sein Abscheu gegen diese alten Gebräuche und die daraus entstehenden Misverhältnisse zu. Der Rentmeister vertheidigte die alten Gebräuche und die harten Gesetze mit den besten Gründen, die ein bedächtiger Kopf und ein wohlwollendes Herz aufzufinden wußten. Zugleich schrieb er den Namen

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und den Geburtsort der Frau auf, und sagte Charlotten freundlich, er wolle suchen, bey der ***schen Armenanstalt etwas für sie zu thun. Sie hatte sehr gerührt und sehr rührend die völlige Unmöglichkeit auseinander gesezt, in der sich jener Mensch befände, sein Brod fortan ehrlich zu verdienen. Der Hofrath, welcher in der Diskussion mit Maiberg den Alten unterstüzte, mischte galant empfindsame Floskeln über Charlottens Mitleiden hinein, und wie Maiberg sehr lebhaft wurde, sprach er endlich von herrschaftlichen Begnadigungen u.d. gl., und fragte die Amtmännin, ob sie nicht geneigt wäre, durch ihr Fürwort und durch Verabredung mit ihren Freunden, dem armen Teufel die Gefängnißstrafe zu schenken. Die brave Frau war unentschlossen, hatte gute Ursachen streng zu seyn, und doch blutete ihr das Herz bey dem Elend dieser Leute. Maiberg hatte sich eine Weile still verhalten, zugehört, und nachgedacht. Jezt fuhr er den Hofrath an: Nein mein Herr, von Gnade darf hier nicht die Rede seyn. Eure Gesetze sind abscheulich, aber Ihr müßt sie ehren, bis Ihr bessere habt.

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Hundert Unglückliche fordern es, die in gleichem Falle ihre Strafe leiden, weil sie keine Protektion haben, weil keine gute Seelen sich um sie bekümmern. Gnade? wer Macht und Recht hat, bessere Gesetze einzuführen, und es nicht thut, der bitte bey dem elenden Gefangenen im Loch um Gnade vor Gottes Thron! Ist sechsmonatliches Gefängniß die Strafe, welche auf dem Vergehen steht, so werde sie ihm zugefügt—aber—verzeihen Sie, mein Herr—(er wandte sich gegen den Rentmeister)—ich bin jung—ich bin fremd—darf ich mir Ihren Rath erbitten?

Er stand auf, und zog den alten Mann in einen Winkel, wo er lebhaft, aber leise, mit ihm sprach. Ich bemerkte, daß er ein paarmal, meinen Namen nennend, auf mich zeigte. Nachher erfuhr ich, daß er den Rentmeister gefragt hatte, ob er der Meynung sey, daß ein solcher Mensch in der neuen Welt untergebracht werden, und dort gedeihen könne: in diesem Falle wünschte er zu wissen, wie er sich die gültigen Zeugnisse von seiner Geschiklichkeit, seinem Elende, und seinem ehrlichen Karakter

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zu verschaffen haben würde; denn er wäre es, sagte er, seinem Vaterlande schuldig, nicht unvorsichtiger Weise schlechte Menschen hinzubringen. Inwiefern er sich übrigens anheischig machen könnte, den Mann dort zu verfolgen, deshalb berief er sich auf mich: ich sey mit seinen Angelegenheiten bekannt, und wisse, daß er hier zu Lande Konnexionen habe, die für ihn gut sagen würden. Dem alten gefiel der Plan ganz wohl, er nahm es auf sich, die nöthigen Erkundigungen einzuziehen, und führte unsern Freund zur Tafel zurük, wo das Gespräch wieder allgemein wurde, bis man bald nachher aufstand.

Meinem guten Maiberg sah ich an, daß er nachdenkend, fast möchte ich sagen, kleinlaut wurde. Während man den Kaffee herumgab, suchte er öfters meinen Blicken zu begegnen. Ich wußte recht gut, woher seine Unruhe kam: es näherte sich der Augenblik, mit der Mutter anzubinden, und mir war selbst ein wenig bange um das Herz. Endlich sagte er ihr einige Worte, bey denen die arme Frau mit einem schnellen Blik auf den Hofrath, welcher Charlotten

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unterhielt, wirklich zusammenfuhr. Mir gieng in dem Moment ein Licht auf. Die Amtmännin stand indessen mit sehr verbindlicher Art auf, um mit Maiberg in ein anstossendes Zimmer zu gehen; Charlotte wurde roth und blaß, sie mag eine artige Konversaion geführt haben. Aber Clemence stellte sich ungezwungen neben sie, um ihr zu helfen, und wie mich Maiberg im Vorbeygehen bat, ihn zu begleiten, weil die Mühe, die er hätte deutsch zu sprechen, ihm einen Freund nöthig mache, gab mir Frau Clemence verstohlen einen äusserst komischen Wink auf den Hofrath, so daß mich die Entdeckung, die nun bald erfolgte, eben nicht überraschte.

Maiberg machte seine Sache recht gut, mit aller Beredsamkeit der Liebe, gerade mit so viel Selbstvertrauen sowohl als Bescheidenheit, wie einem jungen Manne ziemt. Frau von L. hörte ihm äusserst gerührt zu, und nahm sich ebenfalls sehr brav. Sie bat ihn, sie zu entschuldigen, wenn sie für's erste gar keine Antwort gebe; ihr lebhaftes Gefühl sey die Unmöglichkeit, ihr Kind so weit von sich, so auf

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ewig wegzugeben—und das noch dazu, sagte sie, in eben dem Augenblicke, wo mir die süsse Hoffnung vorschwebte, es ganz nach meinem Wunsche etablirt zu sehen, es in meiner Nähe, in meiner Armen zu behalten; denn es wäre nicht ehrlich, wenn ich Ihnen verschwiege, daß der Hofrath von Buscher heute als Freier hier ist.

Maibergs Gesicht war jezt der helle Spiegel seiner Empfindungen. Anfangs mochte der Gedanke: Nebenbuhler, der lebhafteste seyn, denn er färbte sich hoch, und seine Augen blizten. Gleich darauf mochte sich das Bild des Menschen, mit dem er zu wetteifern hatte, vor ihn stellen, und er warf etwas die Lippen auf. Wie sich aber die Gefahr, Charlotten zu verlieren, bey ihm entwickelte, gieng er einigemal, seiner kaum mächtig, auf und ab; er blieb endlich vor der Amtmännin stehen—Aber Charlotte, sagte er, liebt mich, liebt nur mich—

Das weiß ich jezt, erwiederte die Amtmännin, die ihm mit stillen Thränen mit den Augen gefolgt war; das hätte ich seit ihrer

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Zurükkunft aus der Stadt , aber besonders seit heute früh wissen sollen!

Gerührt näherte er sich ihr: Und wollen Sie die theuerste, die erste Neigung Ihres Kindes bezwingen? Hoffen Sie einen zärtlicheren Gatten für Ihre Tochter, hoffen Sie selbst einen ehrerbietigeren Sohn zu finden?—Er hielt ihre Hände, und sank vor ihr auf die Knie; ist Charlottens Glük, dem Sie Ihr Leben weihten, wie sie mir so oft sagte, ist das nicht auch dieses Opfers werth?

Charlotte kann ihr Glük nicht auf mein gebrochenes Herz bauen wollen—ach, und brechen wird es auch, wenn ich sie unglüklich sehe—es wird bluten, wenn ich Sie leiden sehe, denn ohne dieses unüberwindliche Hinderniß Ihrer Heimath wählte ich keinen andern Sohn!

Er küßte ihre Hände, drükte sie an seine Brust, und stand gefaßt auf. Genug, sagte er: genug für diesen Augenblik! Jezt lassen Sie meinen Freund sprechen; er beweise Ihnen wenigstens, daß die Lage, die ich Charlotten anbiete—diese einzige grausame Nothwendigkeit

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abgerechnet—die mir selbst sehr schmerzlich wird, seit ich mit Ihnen darüber kämpfe— aber er beweise Ihnen, daß ich ihr eine Lage anbieten kann, die ihrer würdig ist—

Ich nahm nun wirklich das Wort, und sagte alles, was sich sagen ließ; ja, ohne Clemencens Grundsaz zu achten, suchte ich sogar zu überreden. Aber ich ward gewahr, daß ich die gute Frau nur quälte, die keine Einwendung hatte, als ihr Herz. Maiberg hörte uns, mit großen Schritten umhergehend, und stillschweigend zu. Wenn der Amtmännin Stimme von Thränen erstikt war, blieb er mit untergeschlagenen Augen stehen, und sah sie mit männlichem Mitleid an. Unsre Unterredung schloß sich mit der gerechten Bitte, die Maiberg that, daß sein Antrag den Verwandten vorgelegt werden möchte. Auf Charlotten rechnete er, fast mit zuviel Selbstvertrauen. Aber wie sich die Mutter, wahrscheinlich mehr ehrenhalber als im vollen Ernst, darüber betrüben wollte, daß ihreTochter hinter dem Berg gehalten hätte, besänftigte er sie mit einer Wahrheit, einer Feinheit, bey welcher ich die Allmacht

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der Liebe bewundern mußte, die auf ihn wirkte, wie der heilige Geist auf die Apostel; denn er war um keinen Ausdruck verlegen, und seine bisweilige Armuth an Worten, nebst seinem Du, das ihm sehr oft statt Sie entfuhr, gab seiner Rede eine besonders rührende Kraft.

Zulezt erklärte er, daß er den nämlichen Abend abreisen wolle: er fühle sich nicht geschikt, mit dem fremden Herrn—(daß er den Hofrath so betitelte, kam mir lustig genug vor)—gesellschaftlich beysammen zu seyn. Und bis meine Wünsche gewährt sind, fuhr er fort, habe ich kein Recht, meine Vortheile zu benutzen, und ich weiß, daß ich es nicht unterlassen könnte. Aber ich lasse einen Fürsprecher in Ihrem Herzen zurük; bey Ihren Freunden wird die Wahrheit meine Sache führen. Ich weiß, daß Sie morgen diese Freunde erwarten; ich zittre nicht, in drey oder vier Tagen zu erfahren, ob ich ihren Beystand zu erhalten, oder ihr Vorurtheil zu bekämpfen habe. Leben Sie wohl—Charlottens Mutter—meine Mutter—sehr geehrte, geliebte Frau!

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Der närrische Junge brachte mich fast um meine Fassung, indem er die seinige so sonderbar—entdekte, möchte ich sagen, denn es war ihm gewiß nicht vorher eingefallen, wie sehr ihn die Liebe jezt zum Mann machen würde. Er hatte sich bey dieser Rede auf der Amtmännin Hände gebükt, und bey jeder Pause mit ehrerbietiger Zärtlichkeit zu ihr hinauf geblikt. Die arme Frau war auf dem Punkt, sich überraschen zu lassen. Misbrauchen Sie Ihren Einfluß nicht, sagte sie endlich, nicht Ihre Gewalt über das Herz meines armen Mädchens, indem Sie mich zu einer Einwilligung hinrissen, die mir dann das Leben kostete—

Nein, ich will nicht—ich gehe—Sagen Sie kein Wort mehr. Leben Sie wohl!

Wir wollten in das Zimmer zurük, wo die Gesellschaft versammelt war, aber die Amtmännin zeigte uns einen andern Ausgang, und bat uns, einige Augenblicke verstreichen zu lassen, bis wir uns genug gesammelt hätten, um bey'm Abschied so unbefangen als möglich zu erscheinen. Ich glaube wahrhaftig, die Vorsicht

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war bey mir nöthiger, als bey meinem jungen Freund. Mir war alles dunkel; ich sah wohl, daß die Sache gar nicht verzweifelt stand, aber wie sie sich ohne Katastrophe entwickeln könnte, nahm ich nicht ab. Je weicher die Mutter gegen Maiberg wurde, desto fester schien mir ihr Widerwillen, die Tochter wegzugeben. Der Hofrath macht mir am wenigsten bang; wenn er vom Großvater und Onkel nicht unterstüzt wird, muß er gewiß ohne Gang und Klang abziehen. Seit ich aber den Karakter der Amtmännin, seit ich das Verhältniß zwischen der Mutter und der Tochter kenne, begreife ich kaum, wie selbst diese sich zu der Trennung entschliessen, und sie ertragen würde.

Wir giengen in den Garten. Maiberg sprach mit vieler Fassung davon, wie wir bis zu unserm zweyten Besuch im Amthause unsre Zeit zubringen wollten. Da er schon eher Lust bezeugt hatte, eine Universität zu sehen, so beschlossen wir die Reise nach Z**. So wie er sein Gesicht abgekühlt fühlte, verlangte er in das Gesellschaftszimmer zurük. Hatte ich je an seiner Festigkeit gezweifelt, so mußte ich jezt

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mich bekehren. Es war, als hätte die vergangne Stunde ihn um Jahre gereift; sein Schritt war fester, ja er kam mir vor als wäre er gewachsen. Er blikte seinen Nebenbuhler mit gleichgültiger Ruhe an, und ließ sich sogleich mit dem Rentmeister in ein landwirthschaftliches Gespräch ein. Frau von L. und Charlotte waren nicht da; jene kam erst eine Weile nach uns, man sah ihr eben nichts an. Es wurden Spielparthien arrangirt; Maiberg kam zu Clemencen und dem Rentmeister, und diese Probe bestand er freylich nicht ohne manche Zerstreuungen. Der Frau von L. und mir gieng es eben nicht besser, so daß der Rentmeister und der fremde Herr, jeder auf seine Art, ihre liebe Noth hatten. Der gute Alte brummte unaufhörlich; der Hofrath sezte die Galanterie gegen die Dame nicht aus den Augen, und mich geruhte er, mit unermüdlicher Geduld über Dinge zu belehren, die ich zu jeder andern Zeit so gut als er wußte.

Charlottens Abwesenheit war mir empfindlich; es schien mir von der Mutter nicht unparteyisch genug, daß sie Maiberg nicht gönnte,

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Abschied zu nehmen, vollends da der Nebenbuhler, wie ich aus dem Gespräch gemerkt hatte, Quartier hier aufschlug. Mir war auch für Maibergs Gewalt über sich selbst bange, wenn er Charlotten vor seiner Abreise nicht zu sehen bekäme. Aber der wackere Junge hätte sich wohl in alles geschikt, und der Amtmännin that ich auch Unrecht. Vollkommen zur geziemenden Zeit machte Maiberg Anstalt zum Aufbruch; Frau von L. zog sogleich die Schelle, und ließ ihre Tochter fragen, ob ihr Paket fertig wäre. Hierauf bat sie mich, eine kleine Bothschaft an ihre Nichte in Z** zu bestellen: Sie werden, sagte sie, das Haus meiner Schwägerin gewiß besuchen; ich biete Ihnen keinen Empfehlungsbrief an, es wird ihr genug seyn, zu wissen, daß uns Ihr beyderseitiger Besuch sehr angenehm war, und daß Sie vor Ihrer Rükreise nach **heim noch einmal bey uns zusprechen wollen.—War das nicht hübsch?

Nach einer kleinen Weile erschien Charlotte. Ich sah ihr an, daß sie sich zwang; sie übergab mir die Päkchen, und sezte sich neben Clemencen, die mich errathen, und mir Gelegenheit

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gegeben hatte, Maibergs Bitte um Nachricht von dem, was hier vorfallen würde, bey ihr anzubringen.—Erlaubt es die Mutter?—Ja.—Gern. Ihr Freund beträgt sich wacker, er soll so fortfahren. Schonen Sie bey'm Abschied das arme Kind— —Wir wurden unterbrochen, und es gieng bald nachher fort. Charlotte war in ängstlicher Besorgniß, sich zu verrathen; es lief aber doch erträglich ab, bis Maiberg zu ihr trat. Er hatte stillschweigend und ehrerbietig die Mutter gegrüßt, Clemencen fast kalt—das Feuer dieser beyden Seelen muß ganz ungleichartig seyn; man erkennt es wohl für dasselbe Element, aber die Flammen lodern getrennt auf, oder zischen gar gegen einander. Nunmehr nahte er sich Charlotten, und—vergaß sich nicht, nur hielt er ihre Hand einen Augenblik an seinem Mund: sie fieng an zu zittern—er richtete sich auf, sein Blik fiel erst ruhig und kalt auf den Hofrath; hierauf schüttelte er dem Alten die Hand, und nach einer steifen Verbeugung gegen seinen verwunderungsvollen Nebenbuhler, gieng er aus dem Zimmer. Indem ich ihm folgte, sah

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ich noch Clemencen sehr lebhaft auf Charlotten zugehen, sie mit einem Arm umschlingen, und lachend den Saal hinaufziehen; ich konnte nicht erkennen, ob dem lieben Mädchen schlimm war, oder ob Clemence blos eine Wendung nahm, um die überhaupt der Beobachtung zu entrücken.

Maiberg hatte nichts wahrgenommen: er hatte nun seine Rolle geendigt, und es war Zeit; denn er hatte sich entsezlich gespannt. Wie wir in das Dorf zurükgiengen, konnte ich kein Wort von ihm erlangen; er eilte durch das Gras, schauderte zusammen, kreuzte seine Arme, und als ich ihm über sein Betragen meinen herzlichen Beyfall bezuegte, bat er: nur heute nichts mehr davon! Nur heute nicht!

Er ließ den Rutscher rufen, und wollte ihn bereden, statt nach *** zurük, die ganze Nacht auf Z** zu fahren. Der Mensch war lange unbiegsam, bis ihm Maiberg endlich so viel Geld anbot, dass er sogleich anspannte. Mir war bey der Hast, mit welcher der arme Liebhaber alles trieb, zwar nicht wohl zu Muthe; aber seinen ernsten Bitten, daß ich ihn nur

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heute gewähren lassen möchte, mußte ich doch nachgeben. Kaum waren wir unterwegs, so leiss er seinen Bedienten in die Chaise einsitzen, bestieg das Handpferd, und wie wir um Mitternacht fütterten, sah ich an dem Zustande des armen Thieres, dass der Reiter nicht neben dem Wagen geblieben war. Er gab ihm Brod und Bier, streichelte es, bedekte es mit seinem Mantel, führte es an der Hand umher, als sey se sein Lieblingspferd—die arme Mähre hatte gewiß so etwas lange nicht erlebt! Wie wir heute morgen in Z** ankamen, waren Roß und Reiter von Müdigkeit ganz erschöpft. Maiberg drükte mir mit mattem Lächeln die Hand, bat mich um Verzeihung, meine Ruhe und Gesundheit so wenig geschont zu haben, und schloß sich in sein Schlafzimmer ein.

So weit sind wir. Ich höre noch nichts von ihm, und es ist schon sieben Uhr Abends. Hoffentlich hat sein gesunder Körper den Geist beschwichtigt, und er schläft sanft. Sobald ich Nachricht von Clemencen habe, schreibe ich wieder.

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2. Von Clemencen

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Sie—das heißt Ihr junger Herr und Sie—müssen die Mutter nicht recht behandelt haben, oder es ist ein Rückhalt bey der Frau, hinter den ich nicht kommen kann. Sie ist durchaus tiefer gerührt und inniger beschäftigt, als ich es nach dem ersten Eindruk, den Maibergs Antrag auf sie zu machen schien, vermuthet hätte. Ich kenne sie erst seit den vier Jahren, daß ich hier im Lande bin; aber sie schien mir so leicht auszukennen, daß ich mich wundre, jezt den Grund ihres schmerzlichen Stillschweigens nicht zu verstehen. Uebrigens, wenn ich sage, daß sie mir leicht auszukennen schien, so dürfen Sie keineswegs glauben, es sey eine gemeine Frau. Nein! Sie zeichnte sich in ihrem täglichen Wandel durch eine seltene Güte und Stetigkeit, durch das richtigste Abwägen ihrer Pflichten aus. Sie ist sehr fromm, und sehr tolerant: es ist ihr manchmal deutlich anzusehen, daß sie mich Andersdenkende bedauert;

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aber ihr Mitleiden hat offenbar nur Liebe und herzliches Gefühl zum Grunde. Zuweilen hat es sich getroffen, daß ich mit dem Onkel in diesen Text gerathen bin; er ist für seine Person ganz ohne Vorurtheile, und hat bey einer wirklich vernünftigen Achtung für Andrer Begriffe, nie eine Meynung geheuchelt: sie gab nun bey deisen Gesprächen nie ein Wort dazu; wenn wir uns aber zum Abschied gute Nacht sagten, umarmte sie mich mit besonderer Wehmuth, und sprach auch wohl ein so inniges: Gott sey mit Ihnen! über mich aus, daß ich überzeugt bin, die liebe Frau betete an einem solchen Abend für meine Bekehrung. Wenn sie mich dann mit einem tiefen Gefühl, das mich gelegentlich hinreissen kann, von Tugend, von Pflicht, von gewisser Vervollkommung in einem fortrückenden Daseyn sprechen hörte, so belauschte ich sie öfters, daß sie mit gefalteten Händen einen denkenden Blik gen Himmel richtete, indem sie ohne Zweifel bey diesen Begriffen mir ihren Sinn unterschob. Dabey hat sie nie gesucht, mich zu bessern. Sie hatte mich einmal auf einer Probe gesehen, wo ich

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vieler Fassung bedurfte, um die Nothwendigkeit so anständig, als es mir ziemte, zu ertragen; sie hatte herzlichen Theil an meinem Kummer genommen, hatte mich mit einer Menschenkenntniß behandelt, die den größten Philosophen Ehre gemacht hätte—lange darauf sagte sie mir: Ihnen habe ich die entsezlichste Stunde meines Lebens zu danken!—Sie erschrekte mich ordentlich.—An dem Tage, fuhr sie fort, wo ich Sie Ihre beyden Kinder in den Sarg legen sah, hätte ich einen Augenblik fast gezweifelt, ob es mit Ihrer Art zu denken nicht genug, also mit allem meinem Streben nicht ein Unding wäre—Dafür schütze Sie Gott, meine liebe Freundin! rief ich ernstlich; dahin sollen sie nie kommen — Es hatte auch nichts zu sagen, antwortete sie; ich fand den Beweis, dessen ich bedurfte, sehr nahe—Sie wollte sich erst nicht deutlicher erklären; als ich ihr aber im Verfolg des Gesprächs meine Art, Muth zu fassen, auseinander sezte, sagte sie: Nun ja, so haben Sie auch Ihren Trost! den meinigen fand ich damals, indem ich für Sie betete, und mit der lebendigsten Ueberzeugung,

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daß jener Verlust ihr Bestes wäre, wieder aufstand. Solch ein Uebergang von hoffnungslosem Suchen zu heiterer Gewißheit kann nur durch Gottes Allmacht bewirkt werden, und da wußte ich wohl, meine Ruhe stehe fester als die Ihrige—Ich hätte ihr auf diesen lezten kleinen Triumph gern etwas gesagt, aber ich war eben recht gut, und ließ sie im Frieden.

Charlotten hat sie in deisem Punkte die ganz gewöhnliche Erziehung gegeben. Sie ist auch gar nicht ängstlich, wenn in Gegenwart ihrer Tochter von ohngefähr Reden fallen, die sich nicht mit ihren Begriffen reimen. Das erstemal, da durch Beranlassung des Onkels dieser Fall eintrat, war ich sehr scheu, sehr zurückhaltend, und nachher fragte ich die Mutter gerade heraus, ob sie für ihre Tochter nichts fürchtete. Sie antwortete mir aber mit Zuversicht: sie fürchte nichts; der lebendige Glauben an die Wahrheit könne durch Raisonnement nicht getödtet werden, sonst würde sie dieses so gut, und mehr noch als Charlotte zu fürchten haben—mir, sagte sie, bleibt ja nichts mehr,

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als diese Wahrheit: in Charlottens Jahren liegt noch die ganze Welt lachend und blühend zwischen uns und diesem Schaz. Aber eure Gespräche berühren den reinen Winkel ihres Herzens nicht, wo die Wahrheit ruht; kommt einmal die Zeit der Prüfung..... Doch Sie verstehen mich nicht; es mag also hinreichen, daß ich Sie wegen jener Besorgniß zufrieden stelle. Redet nur immer was Ihr wollt: Ihr sagt ohnehin nichts, das mir sie für das Gute im wirklichen Leben verderben könnte, und sonst schadet es meinem Lottchen gewiß nicht.

Wirklich war auch das kleine Mädchen von jeher ein so reines, unverdorbenes Geschöpf, daß sie immer nur Gutes, und für das Gute schwärmte. Sie wäre im Stande, alles Heiligen im Kalender, alle Helden der Geschichte, und wenn ihr die gerade im rechten Lichte erschiene, eine Schaale saurer Milch, die ihr besonders gelegen käme, anzubeten. Ein solches Herz, jugendlich und warm, verheilt gleichsam die Gottheit durch die ganze Natur, saugt wie die Biene aus allen Blumen Honig. So fand ich sie bey allen Gelegenheiten: vom Schlechten

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entfernt sie ein natürlicher Abscheu; in Büchern, an Menschen, bey Kunstwerken faßte sie jederzeit nur das Schöne auf, oder was sie mit ihrem Gefühl für das Schöne reimen konnte. Ich lernte sie gerade in dem Zeitpunkt kennen, wo ein junges Mädchen, weil es in die Wekt kommt, auf manche schlechte Seite der Menschen stößt, von der es sich nicht träumen leiß. Ich glaube ihr viel genuzt zu haben, indem ich ihren Erfahrungen vieles von dem Bitteren zu benehmen suchte, das sie in dem Alter so leicht haben. Ich machte ihr beyzeiten begreiflich, wie das Böse an den Menschen fast nur Schwäche, und immer Irrthum zur Ursache habe, wie das Gute nie ganz bey ihnen vertilgt werde. Das waren Entdeckungen für das liebe Herz! Der Augenblik, wo sie diese Gedanken ergriff, wird mir immer gegenwärtig bleiben, Nur eben hatte sie so einen bittern Kummer durch menschliche Falschheit und Tücke gehabt; ich weiß nicht, was Fräulein Julchen, oder Kätchen, oder Fiekchen gerade geträscht und geklatscht hatten--genug aber, der Vorfall führte uns zu einem sehr

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ernsthaften Gespräch, und nie vergesse ich die Engelsfreude, mit der sie mich, lächelnd unter Thränen, ansah: also glauben Sie wirklich, wenn man es die Menschen nur recht lehrte, sie könnten alle gut seyn?--Und so oft sie nur etwas Böses von jemanden erfuhr, suchte sie etwas Gutes an ihm auf, oder dachte sich ihn in dem Fall, etwas Gutes thun zu können, und wenn seine böse That nur dieser Möglichkeit Gutes zu thun nicht widersprach, so war sie beruhigt. Habe ich sie nun damit auch nicht im Sinne ihrer Mutter erzogen, so habe ich sie doch gewiß für den Sinn ihrer Mutter, wenn er ja der ihrige werden sollte, dadurch nicht verdorben, und den Frieden deiser Brust wird wohl nie ein Kampf zerstören, bey welchem das Gefühl zu oft sich nur auf Kosten des Verstandes, oder der Verstand auf Kosten des Gefühs, beschwichtigen läßt. Wie sich ihre Gedanken in der Zukunft auch entwickeln mögen, ihr reines Gefühl für das Gute wird Gebräuche und Handlungen, welche die Menschen näher aneinander knüpfen, in ihren Augen immer heiligen.

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Ehe ich Ihnen sage, was wir seit Ihrer Abreise machen, müssen Sie doch einiges erfahren, das an dem Tage, da Sie hier waren, hinter Ihrem Rücken vorgieng. Von des Hofraths Antrag hatte sie gute Amtmännin, bis zu dem Augenblik, wo sie mich von Ihnen abrief, kein Wort gewußt. Dr Rentmeister, ein alter Freund der Familie, und Charlottens Vormund, schloß den Herrn Hofrath von jeher an sein Herz, weil er der Sohn eines feiner Universitätsfreunde ist, eines Duzbruders, wie man hierzulande so emphatisch sagt. Nun, da der junge Mensch von seinem Vater ein artiges Vermögen, und einen vor ein Jahrer zehen gebaknen Adel ererbt hat, ist in des ehrlichen Rentmeisters Kopf ein Plänchen zu einer Heirath zwischen den beyden jungen Lueten leicht fertig geworden. Die Umstände begünstigen freylich den Einfall: man weiß eben nicht, daß die Ahnherrn der seligen Amtnanns von L. das heilige Grab mit vertheidigt hätten; der nüchterne Herrr Hofrath lebt so in der Nähe, hat ein hübschen Haus, u. s. w. Also der Rentmeister nahm den Freier auf eine Geschäftsreise

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nach ** mit sich, von wo er der Amtmännin an jenem Morgen ein Billet schikte, das sie auf den Antrag vorbereitete. Der gute alte Mann schloß gar zierlich mit den Worten: ich bringe ihn mit, und Amor thue das Uebrige--Wie sie mir den Brief zeigte, ahndete es der armen Amtmännin nicht, daß Amor das Seinige schon gethan hätte. Ich sah die Vortheile der Heirath ein, hatte gegen den Menschen, wie ich ihn unter ein paar Schok von Seinesgleichen in der Welt gekannt hatte, nichts besonders einzuwenden: meinetwegen mochten also der alte Herr und der junge Herr ihr Heil versuchen. Daß es indessen an meinem guten Willen nicht genügte, werden selbst der Herr Philosoph, troz Ihrer Berachtung gegen lästige Konvenienz, gemerkt haben-- ob ich schon, darauf wette ich, noch nicht so einfältig aussah, wie ich dem Amerikaner einen Hofrath vorgestellt hatte, gleich als wäre das eine Art Ourangoutang, als ein gewisser sehr freydenkender Mann, der mit einem zerfezten, verworrnen Burschen in das Eßzimmer trat. Gestehen Sie es nur, Sie

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schämen sich seiner, und hätten ihn fast verläugnen mögen: die Sorgfalt, mit welcher Sie Ihren Kragen herauf, und die Weste herunter gezogen, schien Ihnen noch Ihr einziges Kreditiv, daß Sie nicht von gleichem Gelichter mit dem Menschen wären.

Es glükte mir also nicht, so gut ich es auch meynte, und für die arme Amtmännin ward endlich Maibergs Kirschenstrauß die Frucht vom Baum der Erkenntniß--und sie sahe, daß der Hofrath blos, und ein blosser Hofrath war. Denn glauben Sie mir, die Frau hat seltenen Sinn für männlichen Werth, der im Jünglingsalter noch dazu so liebenswürdig erscheint! Bey Tisch hätte ich fast laut über sie lachen müssen, wie sie mir mit ihren Blicken jede Albernheit der Hofraths anrechnete. So wie aber die Entdeckung der Liebeshandels zwischen jenen beyden in ihr zu dämmern anfieng, that mir die sorgenvolle Falte auf ihrer Stirne weh.--Guter Gott! was mag ein Mutterherz fühlen, wenn der entscheidendste Zeitpunkt in eines Kindes Leben anrükt? Ich sah nur die Knospe sich bilden, und wie bewachte ich

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die vor jeder rauben Luft! wie segnete ich jeden wohlthätigen Sonnenstrahl!

Als sie fortgiengen, zitterte ich für Lottchen: ich hatte sie nicht mehr gesehen, seit die Mutter nach Maibergs Freywerberey sie in ihr Zimmer gerufen hatte. Das arme Kind war im Begriff hinzusinken; ich machte ihr eine Fratze vor, über deren Inkonvenienz sich der Hofrath genugsam zu wundern hatte, um für mein Lottchen keine Aufmerksamkeit übrig zu behalten. Der Rest des Abends gieng recht orderntlich hin. Ich machte den Hofrath fast in mich verliebt; ich ließ ihn so viel von Italien, und Wein, und seiner Residenz erzählen, daß er meinen Verstand, der dem seinigen so hübsch zum Spiegel diente, sehr in Ehren halten mußte. Der brave Rentmeister sieht mich so schon als eine gescheute Frau an, weil ich nicht bin wie manche andre, und doch niemanden in den Weg trete; nun machte ich ihn noch besonders zufreiden mit mir, weil ich seinen Klienten in ein so günstiges Licht stellte. Nach dem Essen war ich um ihn selbst geschäftig, schenkte ihm einen Kräuterthee ein,

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den er vor Schlafengehen zu trinken pflegt, und trieb so mein Wesen, das ich mit alten Leuten gar gern treibe. Da sagte er mir, hinter des Andern Rücken, mit seiner Galanterie aus Gottscheds Zeiten: Schöne Frau, wenn Sie auch noch eins so freundlich thäten, Sie sind doch in der feindlichen Allianz--Nein, weiß Gott nicht, lieber Papa, antwortete ich lachend; ich bin völlig neutral, ich werde mich an die Politik der kleinen Mächte halten, und treu der seigenden Partey anhängen.

Hieraus sehen Sie, daß der Mann nicht blind gewesen ist-- und dabey so gutherzig! Sie erinnern sich seiner Freude bey Tisch, über des Amerikaners republikanischen Parorismus! Diese Empfänglichkeit für starke Empfingungen, in diesem Alter, hat etwas Grosses. Bedenken Sie nur der Mannes Lage: es ist gewiß schon funfzig Jahre her, daß er sich gewönen mußte, alles was die Vorwelt edel und schön nannte, unter die Lappalien der Poeten zu werfen-- der Mensch ist doch ein unverderbliches Geschöpf!

Nachdem die Herren in ihr Schlafzimmer gegangen waren, ward die Konferenz zwischen

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uns Weibern durch eine enrstliche feyerliche Anrede eröffnet, mit welcher sich die Mutter gegen mich wandte. Frau von **, sagte sie, meine Tochter hat mir versichert, daß Sie nie die Vertraute ihrer Liebe waren, und erst heute morgen davon unterrichtet worden sind. Ehe ich aber mit vollem Vertrauen vor Ihnen spreche, erklären Sie mir Ihre Gründe warum Sie mir deisen Morgen, wie ich mich Ihnen so freundschaftlich mittheilte, kein Wort von Maibergs Gesinnungen gesagt haben-- Herzensfrau, rief ich, sie bey der Hand nehmend, machen Sie mir nur mit Ihrem lieben strengen Gesicht nicht bang, denn sonst habe ich ein recht gutes Gewissen. Charlotte hat Ihnen die reine Wahrheit gesagt. Als ich vor acht Tagen herkam, wußte ich kein Wort von ihrer Liebschaft, und sie hat mir in der ganzen Zeit nicht das Mindeste anvertraut. Aber ich war noch nicht vier und zwanzig Stunden um sie gewesen, so bemerkte ich etwas Fremdes an ihr. Dabey war sie noch immer so gut, so thätig, so theilnehmend, als sonst; deisen lezten Winter hatte sie Gelegenheit gehabt, sich ein

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wenig zu verplempern: es brauchte also keiner Hererey um das Geheimniß zu errathen. Wissen Sie noch, Lottchen, wie Sie in der Waldwiese die wilden Nelken alle aufsuchten, und mir so weitläufig erzählten, daß Sie vorigen Winter einen Krepprok, mit Guirlanden von solchen Blumen aufgeschürzt, zu einem Balle getragen hätten? Wenn ein so wenig eitles Mädchen wie das Fräulein allda, gegen eine solche Atheistin in der Mode so angelegentlich von einem Kreppschlumper spricht, und das mit einer Stimme, mit einem so nachdenkenden, oder vielmehr erinnerungsvollen Blik, als deklamiere sie eine zartliche Ballade, so heißt es nicht: ich hatte einen hübschen Rok, sondern: er fand mich so hübsch in dem Rok-- Charlotte hätte mich gern geschlagen, und die Amtmännin mußte troz ihrer Würde lachen-- Und dann, Lottchen, wie Sie bey Michel Schleemann versprachen, Gevatterin zu stehen-- hilf Himmel, welch ein Drukfehler! es zur Bedingung zu machen, das Werk müßte, wenn's ein Junge wäre, Virginius, und wär's ein Mädchen, Virginia heissen--

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O Vogel Strauß! Daß der Seladon in der That einen so heidnischen Namen führen könnte, fiel mir freylich nicht ein. Was wußte ich aber, welche rührende Liebesgeschichte ihr die Mamsellen in *** etwa zu lesen gegeben hatten, deren Helden sie mit dem Bewunderer der Schlepproks verwechseln mochte! Dann hatte sie alle Augenblicke so viel uninteressante Dinge von vergangenem Winter mit so viel Interesse zu erzählen-- das war alles nicht geheuer. Nun kommt deisen Morgen das wilde Ungethüm in das ehrbare Amthaus gefallen, und wird roth wie eine Klatschrose, wie er von Ehre und Winter und Fräulein Tochter und Schneefahrt, etwas her kauderwälscht-- Oho, ich machte mich aus dem Staube, und lief zu ihr hinunter, wie sie eben die Butter auswog-- Lottchen, er hießt Virginius Maiberg-- Ach! that sie einen Schrey, und die alte AnnEve kam gerannt: Herr Jemine, Fröhlen Lottchen, was gibt's?-- Ich hatte geschwind den Butterzuber umgestossen: die Butter fällt uns vom Brode, AnnEvchen; da liegt das liebe Gut im Staube;-- und

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die arme Fröhlen wußte nicht aus noch ein--

Aber liebe Clemence, unterbrach mich endlich die Amtmännin, das alles beantwortet meine Frage nicht.

Ja so, die ist bald beantwortet, liebe Mama! Meine Entdeckung war mein; ich war mir bewußt, nicht partheyisch zu seyn, und ich fühlte sogleich, daß mein Stillschweigen das einzige Mittel seyn würde, Sie so unbefangen als möglich, folglich Ihre Empfindung, wenn Sie Maiberg antworten würden, so unbestochen als möglich zu erhalten. Wenn Sie bey Tische auch kein gutes Gewissen gehabt hätten, würden wir ja alle ausgesehen haben, wie die falschen Spieler-- so hielt ich Bank, und Ihr andern armen Sterblichen betetet glaubensvoll euren Schuzgott an--

Ich wollte, Sie wären jezt ernsthafter, Clemence; Lottchen hat Ernst und Ruhe des Geisten vonnöthen-- Mein Kind, es zeigt sich für dich der Augenblik, wo ein junges Mädchen mit Wohlgefallen den Lohn ihrer Liebenswürdigkeit fühlen darf. Zwey Männer, die

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Achtung verdienen, bewerben sich um deine Hand: welche Einwürfe gegen Herrn Maiberg vorhanden sind, weißt du; Herr von Buscher hatte so viel Vortheilhaftes von dir gehört, daß er schon für dich entschieden war, ehe er dich hier persönlich kennen zu lernen suchte. Gegen ihn läßt sich nichts einwenden; wenn deine Wahl auf ihn fällt, werden dien Onkel und dein Großvater dir morgen ihren Beyfall nicht versagen.

Charlotte sah nicht sehr verwundert, und recht ordentlich aus, ein bischen verschämt, ein bischen schnippisch, ein bischen einfältig, und am Ende gar ein bischen heroisch. Liebe Mutter, sagte sie, wenn Herr von Buscher so viel Achtung verdient, als Sie sagen, so danke ich ihm gewiß für den Beweis, den er mir von seiner guten Meynung giebt. Aber in einer anderen Rüksicht, als um diesen Dank von mir zu empfangen, brauche er keinen Augenblik länger hier zu verweilen-- um meinetwillen, heißt das, denn insofern er Ihr Gast und meines lieben Vormunds Freund ist, weiß ich, daß ich mich jezt nicht anständig ausdrükte.

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Sie küßte der Mutter die Hände, die sehr förmlich aussehen wollte-- Deine Antwort, sprach die Amtmännin, ist entschiedner als ich erwartet hätte, Du hast doch über unser Gespräch nachgedacht?

Das habe ich, meine liebste, meine beste Mutter, und ich muß dabey bleiben: gegen Ihren Willen will ich nichts wünschen, nicht einmal..... aber legt Ihr Wille meinem Herzen Stillschweigen auf, so ist es mir nicht möglich, an ein anderes Glük in diesem Leben zu denken..... geschweige denn an den Hofrath!-- Die Kleine erstikte fast vor Thränen, hatte aber doch ohne Schluchzen ausgesprochen; Frau von L. sah weinend zum Himmel, als suche sie dort Rath; Lottchen fiel ihr mit ausbrechendem Schmerz um der Hals: Ach Mama, nur diesen Blik nicht! Ich will ja bey Ihnen bleiben..... ach ich kann ja von Ihnen nicht lassen! Wenn er ohne mich leben könnte.....

Jetzt gab es dann eine herzbrechende Szene. Die beyden Leutchen verloren vor mütterlicher, kindlicher, mägdiglicher, und gar göttlicher Liebe, nach gerade allen Menschenverstand. Ich

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sah es im Stillen mit an: dawider konnte ich nichts haben, aber es schlug eben nicht in mein Fach. Wie es indessen kein Ende nehmen wollte, unterbrach ich sie: Aber Lieben, Lieben, wie treibt Ihr das Ding! Wenn Ihr einen Gegenstand, der an sich schon etwas romanenmäßig ist, auch noch so romanenmäßig behändeln wollt, was kann denn da Kluges herauskommen? Unser Lottchen da ist verliebt.... wohl denn, wenn sie dabey nicht ein wenig verzweifelte, Mamachen, so hätte es ja gar keine Art. Aber Sie, liebe Amtmännin, müssen siche beyleibe nicht mit dergleichen abgeben. Und vollends so im ersten Hauptstük der Geschichte..... Mein Gott, man kennt ja den Urian noch gar nicht! Er kommt aus Virginien, und hat ein Gesicht so voll guten Gewissens, wie der erste Mensch vor dem Sündenfall: das ist auch sein ganzer Kreditbrief.... ja, wohlthätig ist er, und männlich--nicht wahr, Lottchen?-- und.... nun, Geld haben andre Leute auch, und ein Querkopf ist er dabey, mit seiner Verlieberey, und seinem Plänchen, in Amerika zu leben..... So viel ist

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also gewiß: wie die Sachen stehen, braucht es ein ruhiges Herz, um richtig zu handeln. Sie, liebe Frau, haben schon manche Prüfung überstanden. Wo Sie immer Rath fanden, ist er Ihnen auch heute: nicht versagt -- und meine junge Freundin hier muß weniger bedenken, was ihr in diesem Augenblik das einzige Glük scheint; als ihre ernste Bestimmung als Tochter und Weib: wo Sie Ihren Beruf am vollkommensten erfüllen können, mein Lottchen, da wies Ihnen das Schiksal Ihren Plaz an-- wenn Ihr Herz Sie hinreissen möchte, so stellen Sie neben jeden Zug des braven jungen Mannes, einen der zahllosen Züge von Liebe, von Treue, von unermüdeter Sorge, die Ihre Mutter zur besten aller Mütter machen, und Sie werden unparteyisch bleiben..... Kommt jezt: wir sind alle zum Raisonniren zu leidenschaftlich-- morgen ein Mehreres. Der Onkel kann so gar früh nicht hier seyn, da wollen wir noch genug schwatzen.

So brachte ich sie beyde zur Ruhe, indem ich Charlottens Anschlag, mich noch allein zu sprechen, geflissentlich vereitelte. Das war ein

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schwerer Tag, meine gute Clemence, sagte mir die Amtmännin noch, wie ich die lezte zur Thüre herausgieng; Sie haben wohl Recht, ich habe Einsamkeit nöthig--

Mir that sie auch noth; denn so wacker ich mich den ganzen Tag hielt, so hatte mich das alles doch angegriffen. Man hat die Leidenschaften schon so oft mit einem stürmischen Meere verglichen, und die bescheidnen Philosophen stellen sich dabey ans trokne Ufer, wohl gar in Sonnenschein, und reichen gerade zur rechten Zeit dem mit den Wellen Kämpfenden großmüthig die Hand. Daß sie alsdann Strandrecht gebrauchen, den armen Geretteten aller Trümmer berauben, die er noch aus der See herauszog, gehört gar mit zu ihrem Verdienst: haben sie doch dem kecken Abentheurer das treulose Element auf immer verleidet! Wenn er nun längs des dürren Ufers nackend hinan kriecht, und der Wind ihn zaust, und der Regen ihn wäscht, zeigen sie ihm oben der Weisheit Tempel-- ach wie schön es da ist! So langt er abgemattet, kraft- und willenlos vor den Stufen an-- und ihn empfängt das allumfassende

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Grab, das er dort, im Bewußtseyn seiner Kraft mit den Wellen kämpfend, auch gefunden hätte. Dort erwacht er, dort erwacht auch jener, der in den schäumenden Fluthen blieb-- und der schöne Tempel mag wieder hoch erhaben vor ihren Blicken stehen-- mag sich aber anders ausnehmen, als das morsche Gebäude, das die trockenen Herren am Ufer ihnen zeigten-- Oder meynen Sie nicht? Meynen Sie vielleicht, der Tempel sey auf der Erde, so gut wie über oder unter der Erde?-- Je nun, wie man's nimmt! Am Ende war ich auch wohl schon drinnen, und fand es recht schön drinnen.

Aber wenn ich so die jungen Leute es mit der Leidenschaft treiben sehe, so kommen sie mir vor, wie Kinder, die einen alltäglichen und recht erträglichen Pfad neben einem Abgrund, oder besser zu sagen, neben einer Pfütze hergehen sollen; quer über der Pfütze liegt aber ein wakliges, schmales Bret, und nun wäre es ihnen für ihr Leben nicht möglich, den gebahnten Weg zu verfolgen. Mit Furcht und Zittern betreten sie das Bret-- Mama ruft:

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du kommst doch dorthin, bleib neben mir; du kannst in den Koth fallen, du machst einen Umweg-- alles umsonst! Hänschen wird roth bis an die Ohren, stekt beyde Hände in die Taschen-- bey'm zweyten, dritten Schritt steht er auf, tritt endlich kühner, und kommt er glüklich an das andre Ende, so thut er einen stolzen Sprung auf den festen Boden, und läuft um so muthiger fort. Mancher fällt denn auch hinein: aber da weißt sich eben der Unterschied zwischen den Hänschens aus. Einer schreyt jämmnerlich, und bleibt liegen, bis ihn Mama gerauszieht, und sauber macht. Ein andrer keift wohl gar mit ihr, daß sie ihn nicht mit Gewalt zurükgehalten hat. Dieser kriecht wimmernd im Schlamme umher, und kann das Trokne nicht mihr finden. Endlich giebt es welche, die sich stillschweigend heraus arbeiten, sich abschütteln, wieder auf das Bret klettern, und rasch weiter laufen-- Machen Sie dem jungen Amerikaner mein Kompliment: ich riethe ihm auf alle Fälle, ein Hänschen lezterer Art zu seyn.--

Heute früh erschien das arme Lottchen, so

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rührend blaß, so sanft und ruhig, daß ich sie in meinem Leben nicht niedlicher gesehen hatte. Der Hofrath hatte Verstand genug gehabt, um den Rentmeister zu begleiten, der in der Nachbarschaft Geschäfte hatte. Wir frühstükten zusammen; es gieng, wie ich es mir vorgestellt und gewünscht hatte; weder von dem einen noch dem andern Freier wurde mehr gesprochen. Die Mutter war sehr niedergeschlagen und nachdenkend, Lottchen heiterte sich auf: ich erzählte ihr von mir, von meiner Jugend, und Theilnahme an meinem Schiksal, das einem jungen Mädchen mit unter recht hart vorkommen kam, zog sie von der Wichtigkeit des ihrigen etwas ab. Gegen Mittag mußte man daran denken, sich anzuziehen: es war mir fatal, daß die Kleine so verwacht und verweint aussah; Anlaß zum Aerger mag der Hofrath haben so viel er will, aber zu Randglossen soll er durchaus keinen erhalten. Zudem konnte der gute Rentmeister in der Unschuld seines Herzens albernen Spaß machen, und den Onkel, so wie ich ihn kenne, hätte die Blässe seiner Nichte ganz verkehrt in die Geschichte einleiten

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können. Ich übernahm also die Direktion von Lottchens Toilette: die jungen Mädchen wissen sich heutzutage gerade gar nicht anzukleiden-- sie hatte einen Kram blaßblauer Bänder, und ein ungeheures Halstuch; ich stöberte so viel Aurorfarbe aus ihrem Bandvorrath heraus, als ich nur konnte; damit schmükte ich Hut und Haar, in das Haar etwas Puder, ein sehr krauser Halskragen-- Aber liebe Clemence, ich sehe aus wie eine Leiche, mit Sammetblumen geschmükt-- Ey, ja doch! warte du nur, mein Kind-- Und ich holte mein Roth bervor. Stellte sich doch das Mädchen an, wie Schulmeisters Gretchen, als ich ihr Glük zum Bräutigam wünschte! Was für drollige Vorurtheile den Kindern in den Kopf gesezt werden!-- Und eben so gern im Grunde, wie Gretchen das Kompliment anhörte, ließ sie sich eine blosse Ahndung von Roth auflegen, gerade was ihr an natürlicher Farbe fehlte, um bey einem fast brillanten Anzug allerliebst zu seyn. Wie sie vor der Mama erschien, fand diese Töchterchen zu hüsch: wenn man einen Mann nicht erhören wollte, müßte man ihm nicht zu

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gefallen suchen-- Die gute Mama, die das Mädchen mit seiner Blässe nicht für gefährlicher hielt, als in dem Flitterstaat! Ich legte ihr meine Gründe vor, entdekte ihr, was sie nicht wahrgenommen hatte: die kleine Nachhülfe von Farbe, und stellte sie damit zufrieden. Da übrigens auf den Abend eine Menge Putenjunker und andere Honoratiores aus der umliegenden Gegend, mit ihren Familien, erwartet wurden, die sämtlich auf den fremden Besuch eingeladen waren, so hatte der Anzug gar nichts Unstatthaftes.

Eine Stunde vor dem Mittagsessen kam der Onkel mit dem Rentmeister und dem Hofrath angestiegen. Es war eine unschuldige Lift von dem armen Hofrath gewesen, den Onkel zuförderst mit seinem Antrag bekannt zu machen, ehe die Sache in Pleno vorkäme: wenn er nicht ohnehin so schlecht seegelte, ich würde ihm dafür gern einen Streich spielen. Herr von L. der seine Nichte so glänzend fand, und sie von Buschers Antrag unterrichtet glaubte, mußte sie natürlich für halb gewonnen halten. Ich hatte Ernst und Trockenheit in die Sache

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bringen wollen, und nun hob sie mit der alltäglichen Plattheit an, die dem ehrlichen Onkel, müde und heiß von der Reise wie er war, gerade recht gelegen kam. Er debütirte mit den artigsten Fleuretten über Charlottens Aussehen, der armselige Freier zupfte dabey ganz wohlgemuth seinen Busenstreif heraus: nun zischelte ihr der Onkel einige Anspielungen zu, die sie recht gut verstand. Was in ihr vorgieng, war sehr mädchenhaft; Unwille über den selbstgefälligen Hofrath brachte ihre Geister in solchen Aufruhr, daß dem einfachen Lämmchen weiter keine Schminke nöthig gewesen wäre. Sie ward wirklich kokett, behandelte den Hofrath de haut en bas, war voll Leben gegen den Rentmeister, voll Zärtlichkeit gegen die Mutter, voll Schmollerey gegen den Onkel. O Natur, Natur! Welches Geschöpf aus der verkehrtesten großen Welt hätte wohl verkehrter handeln können?-- Mir riß die Geduld fast aus, Mama war wie verrathen und verkauft; der Onkel, dem der Wirrwarr das Denken ersparte, fand, daß wir alle allerliebst wären.

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Wie aber das Essen vorbey war, nahm ich ihn bey'm Ermel, und führte ihn in der Mutter Zimmer-- wo ich mich denn freylich nicht rühmen kann, mit der größten Weisheit an das Werk gegangen zu seyn. Anstatt alles Vorgefallene wie nicht geschehen hingehen zu zu lassen, fieng ich damit an, den Onkel wegen seines unüberlegten Neckereyen zur Rede zu stellen, und da ich ihn solchergestalt eines dummen Streiches überwies, machte ich ihn störrisch, und er ward, ohne es zu wollen, des Hofraths Sachwalter. Ich suchte indessen besser in den Text zu kommen; ich machte ihn mit Lottchens Herzen, mit Maibergs Ansprüchen, mit den Einwendungen der Mutter bekannt. Diese hatte es mit mir abgeredet, daß ich das Wort führen sollte; zum Theil fühlte sie sich nicht gefaßt genug, um auseinander zu setzen, was für sie selbst noch so verwickelt war, und zum Theil konnte sie auch ihre Gäste nicht so lange verlassen.

Je tiefer ich jezt in die Materie gerieth, desto mehr fand ich mein Gleichgewicht wieder, so daß ich ziemlich im Stande war, den Eindruck,

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den das Ganze auf den Onkel machte, zu beurtheilen-- Verzeih mir's seine Geheimderathswürde, aber er war wirklich im Falle des ehrsamen Thieres, das einst zwischen zwey Bündeln Heu stand! Was ich ihm von Maiberg sagte, rührte ihn, und riß ihn zu dem jungen Menschen hin; daegen aber die Entfernung, das Abentheuerliche an dem Casus, das vom Himmel Gefallenseyn des Rittersmannes, und der Mutter Schmerz, und die immer wieder audgedroschenen Vortheile bey des Hofraths Vorschlägen-- ich ließ ihn alles hin und her erwägen, bereden, bewundern, ja beweinen; die Amtmännin kam auf eine Viertelstunde zu uns, und gieng das Kapitel noch einmal mit ihm über: daß weiter nichts herauskommen würde, wußte ich vorher, und es war mir eben recht; hätte ich auf eine Entscheidung gedrungen, so wäre sie in dieser Session nothwendig gegen Maiberg ausgefallen.

So hielt es sich, bis nach der Ankunft manches Gastes, gegen fünf Uhr, der alte Oberamtmann von R. in den Hof fuhr. Nun überleiß ich sie samt und sonders ihrem

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Schiksal. Der Oberamtmann lag seiner Tochter ob; ich sezte mich in mein Zimmer zum Schreiben hin-- nicht sehr vergnügt, denn ausser der langen Weile, die von einem Liebeshandel unzertrennlich ist, will dieser in der Hauptsache um keinen Schritt weiter rücken, und die spielenden Personen machen doch Bewegungen. Es ist wie im Krieg, wenn im entscheidendsten Augenblik ganze Monate mit Märschen und Gegenmärschen hingehen.

Ich weiß nicht, war es Mangel an Zeit, Diskretion, oder Unwissenheit, daß Sie mit mir von dem Oberamtmann kein Wort sprachen, da Sie mich doch wegen des Onkels recht tief in's Gespräch gebracht hatten. Bey mir ist auf allen Fall keine der drey Ursachen vorhanden; ich habe obendrein kein Buch zur Hand, und keine Lust zu denken: also will ich einmal mit Ihnen ausmachen, was es mit dem Oberamtmann für eine Bewandniß haben mag.

Ich habe in Boston einen englischen Kaufmann gekannt, der in früher Jugend eine sehr geliebte Frau geheirathet hatte. Er lebte in

242 Montreal, und handelte den Fluß hinauf mit den Wilden. Nachdem ihm seine Frau im ersten Kindbette gestorben war, witdmete er sich ganz dem zurükgebliebenen Knaben, ihrem einzigen Vermächtniß. Er ließ das Kind keinen Tag aus den Augen. Die ersten Jahre vernachlässigte er seinen Handel, um es unter der Amme Händen zu bewachen. Vom dritten Jahre an nahm er es auf allen seinen Reisen mit sich. Es war im fünften Jahre, als er mit einem neuen Handelskompagnon sich tiefer wie gowöhnlich in das Land hineinbegab, um einen Sammelplaz von Wilden zu besuchen. Die Indianer behandelten den einfach redlichen Mann als einen Freund; aber sein Kompagnon war ein harter, gewinnsüchtiger Jude, und überdem ein Neuling in diesem Handelsverkehr: er brachte die Wilden durch sein Betragen auf, machte sie mistrauisch-- kurz, aus den Misverständnissen entstand ein Gefecht; der Kaufmann fiel von einem Schlage auf den Kopf betäubt nieder, die Wilden siegten, und als er wieder zu sich kam, fand er sich unter den Todten auf dem Wahlplaz. Die Feinde hatten

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sich entfernt: er schleppte sich nach dem Zelte, wo er sein Kind schlafend zurükgelassen hatte-- das Zelt war ausgeplündert, halb umgerissen, das Kind fort. Mehrere seiner Landsleute mußten entflohen seyn, wenigstens hatte er sie nicht unter den Todten erkannt, und das Boot war nicht mehr am Ufer zu sehen: sie konnten, ja sie mußten, da sie den Vater erschlagen glaubten, den Knaben mit sich genommen haben. Drey lange Tage watete er durch die Moräste am Ufer, brach durch das Dickigt im Walde, hörte im Rauschen jedes Blattes die Seufzer seines Sohnes, im Geschrey jedes Vogels seinen Grabgesang-- doch hielt er sich immer fester und fester an die Ueberzeugung, er würde ihn im nächsten Fort gerettet finden: er hätte sonst in diesen drey Tagen den Verstand verloren, und als er bey seinen Landsleuten ankam, hielt man ihn dennoch für wahnwitzig. Die vermißten Gefährten waren gerettet, aber sie gestanden ihm, daß sie den Knaben im Zelt vergessen hätten. Unter den Todten war er nicht gewesen; in der Gegend des Kampfes hatte er sich nicht verstekt, denn er

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wäre nicht geflohen, wenn er seinen Vater streiten oder fallen gesehen hätte; auch hätten ihn seine schwachen Füsse nicht weit getragen-- die Wilden mußten ihn also weggeführt haben, hatten ihn vielleicht mit Muße geschlachtet, oder unter sich aufgenommen, und bey'm Leben erhalten. In dieser Ungewißheit suchte der Unglükliche manches Jahr seinen Sohn unter allen Stämmen der Wilden; die Hoffnung, und wie sie erstarb, die Gewohnheit der Angst hielt sein Herz zusammen, und verhinderte es zu brechen. Als ich den Mann sah, war er achtzehn Jahre bei den Wilden umher geschweift; wo sein Vaterherz ihn hinzog, hätte die unersättlichste Habsucht ihn nicht hintreiben können: immer dünkte er sich von den Räubern, den Mördern seines Kindes umgeben, bey deren Annäherung er schon schauderte, und dennoch spähte er immer in jeder Miene, in jeder rohen Larve, ob nicht ein Zug von europäischem Ursprung ihm den Verlornen verriethe. So war er einsam unter den Eingebohrnen der ganzen Erde: die Menschen seines Stammes hatten sein Kind verlassen, die fremde Gattung hatte

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es ihm entrissen. Hätte er nur den Leichnam seines Knaben entdekt, er würde den Tod gesucht haben; jezt war er fest geheftet an das qualvollste Daseyn, weil er den Sohn lebendig zurükzulassen zitterte-- --

Der Oberamtmann war das einzige Kind von pietistischen Eltern; sein Vater war ein Handelsmann in ***. Man erzog ihn mit alter Strenge jener Sekte, deren schwärmerische Begriffe das Einzige waren was er kannte, das Einzige, was ihn erfreute, bändigte, spornte, was er mit allem Feuer seines Karakters auffaßte: er opferte sich wirklich seinem Gott. Wie es zugieng, daß der junge Mensch unschuldig blieb, weiß ich nicht, auch nicht was sein Vater, ein verworfener Heuchler, eigentlich mit ihm vorhatte. Nachdem er aber eine Weile das Spiel dieses Menschen, und seiner Brüderschaft gewesen war, fieng er an, heller zu sehen; die Redlichkeit seines Vaters wurde ihm verdächtig, und mit dieser die Wahrheit der ihm so theuern Begriffe. Bey dem Scharfsinn und der Beharrlichkeit, die ihm natürlich waren, konnte er nicht ermangeln, den ganzen

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schändlichen Zusammenhang zu ergründen. Mit Härte, mit prunkvoller Strenge auferzogen, vom Genuß jeder unschuldigen Freude zurükgeschrekt, hatte er sich zur Besiegung seiner Begierden, zur Uebung der Geduld, zur Aufopferung seiner Wünsche gewöhnt, während ihn die Komödie von Schwämerey, die man ihm vormachte, an ein Ideal von Schönheit gefesselt hatte, das er tief in dem konzentrirten Feuer seines Herzens bewarhte, Der innere Lohn des Guten war ihm unter diesen Umständen bekannt worden. und er konnte das Daseyn der Tugen nicht abläugnen, wenn er gleich unter den Betrügern, die ihn umgaben, daran verzweifeln mochte. So wären vielleicht, wenn sich damals andre Verhältnisse für ihn entsponnen hätten, seine tugendhaften Gewohnheiten noch zu Grundsätzen geworden; aber sein Schiksal wollte es anders. Seine Erziehung schnitt ihn durch unweltliche Sitten von der grösseren Gesellschaft ab. Eine Heirath, die sein Vater aus Spekulation zwischen ihm und der Tochter eines Bruders in Christo gestiftet hatte, sein Antheil am Handel, alles

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bannte ihn in einen Zirkel von Menschen, wo er nur Spuren der niedrigsten Laster, des Geizes, der Betrügerey, der groben Sinnlichkeit, oder eine Heucheley, die ihn nicht mehr täuschte, vor Augen hatte. Zu Anfang des siebenjährigen Krieges wurde er Lieferant. Hier gerieth er auf einen Schauplaz, wo er zwar eine entgegengesezte, aber keine vortheilhaftere Seite der Menschheit kennen lernte: eine scheußliche Kette von Gewinnsucht, von dem Kabinete an, das die Bürger aus den Armen ihrer Familien auf die Schlachtbank trieb, bis zu dem Marodeur, von dem er sie einem Halbtodten abgerissene Montur erhandelte, um sie, vom Blute gesäubert, an die Regimenter als neu wieder zu verkaufen; Zerstörung fremden Wohls, mit der Blindheit die eigenes nie erkennt; überall die Worte: Ehre, Pflicht, Schonung, Menschlichkeit, um alle Schandthaten, um Grausamkeit, Plünderung, Unterdrückung, dahinter zu verstecken. Nach dem Kriege ward er Oberamtmann in **, wo der Landmann es weit schlimmer hat, als hier, ja fast Leibeigener ist. Wie stach auch da die Wirklichkeit gegen die höheren

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Vorstellungen ab, denen er seine erste Tugend gewieht hatte, die ihm so oft Trost gewesen waren, deren Andenken, selbst nachdem die bittre Erfahrung sie bey ihm zerstört hatte, ihm immer vorschwebte, ihm gehindert hatte, den Menschen gleich zu werden, von denen er so schändlich getäuscht worden war! In einem verwüsteten Lande, von sklavischen Unterthanen, von einem tyrannischen, durch den Krieg verwilderten Adel umgeben, schleppte er sich mit seinen unsichern Begriffen so fort. Ruhe und das herannahende Alter riefen die Erinnerung seines frommen Glückes lebhafter in ihm zurük. Der milde Segen der Friedens, die Fortschritte der Bildung haben seine Nachbarn menschlicher gemacht, seine Verwaltung hat den Landmann etwas veredelt-- und die Amtmännin sagte mir jezt, nach Empfang eines Briefes von ihrem Vater: lebte ich jezt mit ihm, wie sanft sollte sein Alter werden!

Und mein Unglüklicher in Amerika?-- Ich schreibe, um mich zu zerstreuen, was mir in den Sinn kommt. Ich erzähle Ihnen, was mir in der Gesellschaft des Oberamtmanns oft

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eingefallen ist; denn vor einigen Jahren, als er einmal seine Tochter besuchte, sah ich ihn viel. Die Umstände seines Lebens weiß ich von seiner Tochter: freylich trug sie das alles mit jeder Schonung vor, deren ihr zartes Gefühl von kindlicher Ehrfurcht fähig war. Das Gemählde ist treu, nur mögen die Farben gemildert seyn, Denn das öffentliche Gerücht schildert den Mann als hart, als eingenützig, durch die Art, wie er sein Vermögen erwarb, manchem Verdacht gegen seine Rechtschaffenheit ausgesezt, und jezt, heißt es weiter, auf dem Wege ein bußfertiger Sünder zu werden. Was mich anbelangt, ich sah ihn, wie den armen Kaufmann, der unter den gefärbten, tättoiwirten, grimassirenden Wilden unablässig seinen Soch suchte, in den verzerrten Menschen-Karakteren um ihn her die Spur des Guten suchen, woran sein Herz ehemals hieng. Bey einer schönen Handlung, einem edeln Zug verwandelte sich oft die finstre Aufmerksamkeit seines Gesichtes in erröthende Heiterkeit; doch immer wieder gewann siene Erfahrung des Bösen die Oberhand, er spähte das mögliche

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Schlechte aus, und von diesem ließ er nicht ab. Am wehesten that er mir, wenn er mit Kindern zusammenkam; er lauschte auf sie, stellte sie auf die Probe, wurde tiefsinnig, und endigte meistens mit gehässigen Ausfällen über menschliche Laster und Verkehrtheiten.

Einmal besonders vergiftete mir sein Betragen das Herz. Da leben im **er Walde einige zerstreute Familien, die sich von niederländischen Minoriten herschreiben mögen. Es sind fleissige, stille Leute: ihre Nahrung ist hauptsächlich Viehzucht. Eine von diesen Familien, die hier in die Pfarre gehört, veranlaßte vor drey Jahren jenen Auftritt. Das Haupt derselben, ein alter Mann, hatte mit seiner Frau mehrere Kinder gehabt, sie gut erzogen, die Töchter ausgestattet, immer glüklich und einig mit allen gelebt; der älteste Sohn war schon neun und zwanzig Jahre, als sich die Mutter noch einmal schwanger fand. Der Vater grämte sich sehr; er sah, daß er sich nach dem natürlichen Lauf der dinge nicht schmeicheln konnte, dieses Kind aufzuziehen, Auch der Mutter nagte es das Herz, es den

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großen Jungen in den Weg zu stellen. Doch kaum entdekten diese der Mutter Zustand, so bestrebten sie sich um die Wette, ihr denselben zu erleichtern. Sie kam von Zeit zu Zeit hieher auf das Amt, wo eine Tochter von ihr diente, und sie erzählte gerührt: ihre Söhne ließen sie keine Ruh mehr melken, (ein Geschäft, mit dem sich die Männer hier zu Lande sonst nie abgeben,) sie brächten ihr bey kalter Witterung des Morgens die Biersuppe vor das Bett, u. s. w. Mit gefalteten Händen endigte sie: Gott wisse wohl, warum er Noth schicke; da lerne man erst das Gute recht kennen-- nicht zwar, sezte sie hinzu um ja zu keinem Mißverständniß Anlaß zu geben, als ob sie's nicht immer gewußt hätte, daß ihre Söhne brav wären.

Endlich kam sie mit einem Knaben nieder der von dem alten sorgenvollen Vater nichts weniger als froh empfangen wurde. Armer Wurm! hatte er gesagt, du wirst's erst an meinem Grabe erfahren, daß du einen Vater hattest. Die großen Burschen hatten das mit angehört, und traten nun hinzu: Vater, sagten

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sie, Ihr habt unrecht; nimmt euch Gott so früh, was er verhüte!-- so sind Gürge und ich statt eurer da. Das haben wir uns einander versprochen, und da nehmt mit der Mutter unsre Hand darauf, und laßt uns bey dem Bruder Taufzeugen seyn, daß wir es Gott und unsern Mitschriften auch angeloben, öffentlich und laut-- Dieses geschah; der Fall war so sonderbar, daß die Herrschaften im Amthaus, als Standespersonen, eine Art Theil an dem Feste nahmen. Die beyden Söhne hatten ihre Liebchen zu Gevatterinnen. Der alte graue Vater gab am Taufstein seinen Spätgebohrnen weinend in der Söhne Hände, und die braven juingen Leute antworteten auf die gewöhnlichen Fragen in der Taufformel, mit einer Innigkeit, wie Märtyrer vor dem Gericht. Nach der Handlung schüttelten sie dem Alten die Hand, herzten den Buben, und sagten vor der ganzen Gemeinde: so uns Gott helfe, Vater, Ihr könnt ruhig sterben!-- Frau von L. wollte den Leuten ein Vesperbrod geben; sie schlugen es aber verlegen aus: die Mutter wäre allein zu Haus, und wartete auf sie-- Man schikte

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also Wein, Bier, und Kuchen hinauf in den Wald, und die Jungfer vom Amthof hatte Erlaubniß, das Fest ihrer Gegenwart zu beehren.

Charlotte, damals noch sehr jung, war mit ihrem ganzen kindlichen Herzen bey deisen Vorgängen. Am Morgen des Tauftages erzählte sie uns die Geschichte mit solcher Theilnehmung, daß die Thränen öfters ihre Sprache erstikten. Wir waren alle gerührt. Sie stand mit glänzenden Augen, mit glühenden Wangen vor uns; sie hatte wirklich den Ausdruk der Engeslköpfchen, die ich einmal auf einem Gemählde den Hirten die Geburt des Heilandes verkünden sah. Der Oberamtmann schien sich mit hinreissen zu lassen; in seinem Gesicht stritt die Rührung mit jener Falte, deren ich vorhin erwähnte-- er hatte etwas von einem Taubgewordenen, der aufhorchen möchte, weil er eine Lerche wirbeln sieht. Wir schwiegen, die Mutter und ich. Lottchen war zu voll von ihrem Gegenstand gewesen, um alle Data der Geschichte so bestimmt anzugeben-- da wandte 254
sich der Oberamtmann mit einem boshaften Lächeln zu mir, und sagte: es ist wohl eine hübsche junge Stiefmutter?--

Ich konnte vor Unwillen nichts erwiedern; seine Tochter seufzte, und senkte den Blik; Lottchen hatte ihn nicht verstanden: sie bat gleich, man möchte doch früh essen, um in die Kirche zu gehen. Der Oberamtmann behielt eine gewisse Unbehaglichkeit, und ich hatte eine fatale Idee, wie ich nachher die beyden Alten, den Vater des Täuflings, und den Oberamtmann, in der Kirche neben einander sah. Ich dachte mir sie, nach den Begriffen die der Ort erwelkte, am Tage des Gerichts: des alten Bauern ruhig betendes, gläubiges Gesicht, durch das Schauen verklärt, seine braven Kinder um ihn her, die Geschichte seines einfachen mühsamen Lebens zum Einlaßzettel in die bessere Welt-- und nun den andern Greis, mit dieser finstern, kalten, lauernden Miene, noch verzert durch die Ansicht seines Irrthums, und zum Geleit die Seufzer der Taufende, deren Glük geopfert werden mochte, um

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seinen Reichthum zu gründen-- Hu! die grausenden Vorstellungen-- sie tödten alles schöne Gefühl!-- -- --

 Da haben wir's nun -- babylonischen Thurmbau! Gestern Abends unterbrach mich Charlotte. Die Gäste waren fort, und sie kam mit schwerem Herzen zu mir. Der Großvater war so finster und hart gewesen; es hatte zwischen ihm und dem Rentmeister, die sich sehr wenig kennen, bey Gelegenheit des armen Schusters, den Maiberg nach Amerika verpflanzen will, unangenehme Augenblicke gegeben. Der Rentmeister sprach mit einigen Anwesenden, die unterrichtet seyn konnten, von des Mannes Angelegenheiten. Der Oberamtmann mischte sich in die Unterredung; der Rentmeister nahm sich mit einer sonderbaren Herzensergiessung, die gewiß von dem günstigen Eindruk zeugte, den Maiberg auf ihn gemacht hat, und er legte Herrn von R. den mit Maiberg für den armen Menschen entworfenen Plan mit vieler Wärme vor. Dieser

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behandelte aber die Sache so gehässig als möglich, und der gute Maiberg wurde als Romanenritter, als Rekrutlerer von Lumpengesindel, sehr übel mitgenommen. Arm Lottchen saß dabey auf Kohlen; sie wußte nicht, sollte sie sich mehr über des Großvaters Vorurtheil gegen ihr Herzgespann grämen, oder über des Vormunds günstige Meynung von demselben freuen. Der Hofrath spielte mittlerweile den Politischen; er stimmte dem Oberamtmann in seiner herabwürdigenden Meynung von den unteren Volksklassen bey, sprach aber mit überlegener Toleranz von Maibergs Planen und Drukungsart.

Ich fand jezt Lottchens siegreiche Miene und Muthwillen rein vershwunden; auch hatte sie keine Schminke mehr nöthig: die Bangigkeit färbte ihre Wangen hoch genug, zumal da sie voraussetzen mußte, daß es über den doppelten Heirathsantrag nun nächstens zwischen den drey Männern zur Sprache komen würde. Ich suchte sie muthiger zu stimmen, als man uns zum Essen rief. Da gieng es denn bunt genug her. Der Oberamtmann hatte das Gespräch vom armen Schuster wieder angeknüpft;

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der Onkel bezeugte eine große Theilnahme, und besonders Entzücken über den jungen Amerikaner-- dann gieng er von diesem einzelnen Falle ab, und sprach überhaupt von der Fähigkeit der niedrigen Volksklassen, gebildeter zu werden, von den Mitteln, diese Fähigkeit hervorzubringen, oder zu bearbeiten. Die Nüancen waren interessant: der Onkel raisonnirte mit Feurer, mit Kühnheit, mit wahrem Glauben an Menschenwerth; der Rentmeister überlegte Schritt vor Schritt die näschsten Möglichkeiten von Verbesserungen, ohne hohe Ideale, ohne lachende Hoffnungen-- und der Oberamtmann stand wie Satan dabey, und widerlegte die Hirngespinste, die der Onkel entwarf, mit Thatsachen, die er als Beweise von der unabänderlichen Verworfenheit dieser Menschen anfuhrte. Ich stellte, gegen jede Thatsache zu ihrem Nachtheil, eine auf, die ihnen ein gutes Zeugniß sprach, oder suchte die Ursache ihrer Verworfenheit in einer verhältnißmäßig noch grösseren Schlechtigkeit der höheren Klassen. Der Hofrath wollte immer die Waffen der Gesetze und der Gebräuche des Landes handhaben;

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der Geheimderath sagte dann trocken: das Gesez ist da, von dem ist nicht die Rede, sondern von dessen gesezmäßiger Abstellung-- der Hofrath machte eine Verbeugung, gleichsam zur Entschuldigung, und lächelte mitleidig-- ich weiß nicht, ob über das Gesez, oder über den Gesezstürmer.

Das alles leitete die Familienkonferenz nicht zum Besten ein. Indessen war es Zeit: ich hatte den Nachmittag schon Unbäßlichkeit vorgeschuzt, und gieng, um die Leute in Freyheit zu lassen, noch während des Nachtisches auf mein Zimmer. Der Hofrath entfernte sich unter irgend einem Vorwande ebenfalls, und nun flüchtete sich Lottchen zu mir. Das liebe Mädchen war in einer unbeschreiblichen Unruhe: sie fand bey mir ihren einzigen Trost; sie liebte, glaube ich, in diesem Augenblik Liebhaber, Mutter, Großvater und Onkel in mir. In einer solchen Stunde vertraut ein gutes Kind dann manches an, was ihm sonst nicht so leicht über die Lippen käme. Sie erzählte mir verschiedenes von ihrer redlichen Mutter, wie sie zur Heirath mit ihrem Vatter gezwungen worden, wie dieser

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Vater ein sehr harter Mann gewesen sey -- Nach vielem Schaudern und Zögern flüsterte sie mir leise zu, ihr armer Vater möge wohl ein sehr trauriges Ende genommen haben. Er hatte ein Bauerweib mit ihrem Kinde in dem härtesten Winter einstecken lassen: sie waren, durch eine Folge einer abscheulichen Polizeyordnung, auf deren Beobachtung er zufälliger Weise, troz einiger Vorstellungen, hier mit Strenge bestanden war, im Gefängniß erfroren-- Er war seitdem immer schwermüthig, und man mußte vermuthen, da ßer sich gewaltsam von dieser schreklichen Erinnerung befreyt hatte.

Diese Umstände geben mir neues Licht über der Amtmännin heisse Frömmigkeit: gewiß fand sie, bey ihrem Karakter, nur diesen Zauber, um entsezliche Fantome zu bannen. Und was gemeine Menschen despotische macht, Unterdrückung, hat diese Seele gelehrt, Andern den Zwang zu ersparen, den sie selbst litt. Doch das gehört nicht hieher. Der Brief muß fort, und ich eile.

Mir selbst fieng die Länge der Konferenz

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an verdächtig zu werden: endlich, gegen Mitternacht, erschien die Amtmännin. Sie schien sehr angegriffen, sie befahl Charlotten, zur Ruhe zu gehen-- Ich weiß, sagte sie, daß deine jetzige Lage peinlich ist; es steht aber nicht bey mer, sie zu enden. Die Meynungen so verschiedener Menschen lassen sich sehr schwer auf einen und denselben Punkt vereinigen: gönne mir die Hoffning daß du dein Glük weniger in den Wünschen deines unerfahrnen Herzens finden wirst, als in der Ergebung, mit welcher du den Fügungen der Vorsehung folgst-- Charlotte erblaßte: o meine Mutter, rief sie, nur keinen Zwang!-- Davor schüzt dich das Beyspiel meines eigenen Unglüks; dir könnte nur Entsagung bevorstehen-

Mit diesem ängstlichen Fingerzeig wurde das gute Kind entlasen, und wanderte in ihr Kämmerchen, aber wohl schwerlich zur Ruhe. Mit dem Ausdruk der tiefsten Sorge entdekte mir nun die Mutter, daß die Verschiedenheit der Karaktere zwischen den beyden nächsten Verwandten, viel Verwirrung gestiftet hätte. Der Großvater verhielt sich bey Buschers Vorschlag

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ganz neutral; er war überzeugt, so ein rechtlicher Mann, wie ir ihm immer mit boshaftem Nachdruk nannte, wollte seine Enkelin nur um des Geldes willen heirathen. Erfährt der Hofrath morgen, sagte er, daß ich bankerott bin, so läßt er sie sitzen: sagt ihm die Mutter selbst, daß sie ein Hurkind hat, und ich gebe ihm so schwer an harten Gulden, als es wiegt, so wird er verliebter als je. Gebt sie ihm also, oder laßt es bleiben: so lange ich der reiche Oberamtmann bin, wird er ihr nicht an Freiern fehlen, und der eine ist so gut wie der andre.-- Aber gegen Maiberg wurde er desto heftiger, je unparteyischer und umständlicher die Mutter ihm dessen Anträge auseinander sezte. Das wären Bastarde, sagte er, von schlechtem Volke, das im Vaterlande ehemals gebrandmarkt, in der neuen Welt sich vom Schweiß der Negersklaven gemästet hätte; imerhin möchte so ein Abentheurer die Spizbuben in der Runde anwerben, aber seine Enkelin sollte er in Ruhe lassen. Noch schlimmer wurde es, als von der jungen Leute gegenseitiger Neigung die Rede war. Er wollte einen

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Augenblik das Mädchen zur Heirath mit Buschern zwingen, um ihr die verfluchten Romanengrillen aus dem Kopfe zu treiben; er machte der Mutter heftige Vorwürfe über ihre Erziehungsweise, durch welche sich nun ihr Ansehen so schändlich auf die Spitze gesezt fände-- das schnitt der guten Frau tief in die Seele. Sie erwiederte zitternd , daß sie durch langes Leiden gelernt hätte, welcher fürchterlichen Gefahr Eltern sich blosstellten, die in solchen Fällen ihr Ansehen geltend machten; sie könnte über ihres Kindes Schiksal nicht gebieten, sie könnte sich nur von der Verantwortung freyhalten, ihr ein Schiksal aufgedrungen zu haben. Der verstekte Vorwurf in diesen Worten brachte den alten Mann ausser sich, er faßte seiner Tochter Hände, und indem er sie mit zusammengebissenen Zähnen schüttelte, sagte er: Tochter, Tochter, ist es nicht genug, daß ich zehn Jahre deine Leiden sah, daß ich dich noch heute deines Mannes Seele beweinen sehe? Muß ich noch aus deinem Munde hören, was täglich in meinem Gewissen schallt?-- Zu einer so deutlichen Erklärung war es zwischen dem Vater

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und der Tochter noch nie gekommen: die Amtmänin war fast ohnmächtig, der Onkel, der Rentmeister erstarrten.

Des Oberamtmanns Wuth gegen Maiberg hatte die Wirkung auf den Onkel, daß er mit immer grösserer Wärme dem jungen Menschen das Wort redete. Er war endlich ganz für ihn entschieden, gerieth in Heroismus, nahm es auf, der Welt zu trotzen, wenn sie das Abentheuerliche der Heirath nicht verdauen wollte-- Die Welt? rief der Oberamtmann; um der zu zeigen, was ich auf ihre Meynung halte, gäbe ich das Mädchen noch heute dem Schinder, kaufte ihm einen Adelsbrief, und wenn mir daran läge, machte ich ihn noch bey meinen Lebzeiten mit meinem Gelde zum Geheimderath-- Alles schwieg vor Schrecken.-- Nichts für ungut, Herr von L., sezte der Alte trotzig hinzu; glaubte ich sonst an Ehrlichkeit, so hielte ich Sie für einen der ehrlichsten Männer von der Welt, und es kann mir nicht einfallen, Sie zu beleidigen.

Endlich hatte sich doch der brave Rentmeister Gehör zu verschaffen gewußt. Ob Charlotte

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eine entschiedene Abneigung gegen des Hofraths Antrag hätte, war der erste Punkt, den er durch eine unumwundne Antwort von der Mutter, völlig zu berichtigen suchte. Sodann erlkärte er, es sey sein Beruf als Vormund, die beyden Angehörigen des Fräuleins wo möglich auf einerley Gedanken zu bringen; er für seinen Theil finde gegen Maibergs Bewerbung keinen andern Einwurf, als die Entfernung seiner Heimath; von jeder andern Seite schiene der Vorshlag sehr annehmlich; der junge Mann müsse nicht als europäischer Ausgewanderter betrachtet werden, sondern als Bürger eines Staates, der mit den meisten Staaten der alten Welt in Verhältnissen stehe, und wo er wohl auf seine Art einen eben so ehrenvollen Plaz behaupte, als Charlottens Angehörige in ihrem Vaterlande. Diese ruhige, mäßige Ansicht verdrängte freylich die schneidenden Uebertreibungen, an welche der üble Willen des Oberamtmanns sich zuerst gehalten hatte. Dafür nahm er aber eine andre Wendung: ohne Glauben an Treue, Liebe, Wahrheit; mahlte er der armen Mutter ihr Kind in einem fernen

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Lande, unter fremden Menschen, abhängig von der Willkühr eines jungen Strudelkopfes, dessen romanenhaftes Feuer, wie alle dergleichen überspannte Empfindungen, früh verrauchen würde; er mahlte sie selbst, und Sich dazu, einsam veralternd, ohne Stütze, ohne Trost auf der lezten mühseligsten Strecke ihres Erdenwegs. Es mochte nun reine Bosheit seyn, oder es mochten die natürlichen Gefühle, die er schilderte, in sienem eigenen Herzen erwachen: genug, der alte Mann hatte mit Wärme und Rührung gesprochen, und die Amtmännin sehr erschüttert, Sie versicherte mich indessen, daß sie sich nicht hätte hinreissen lassen, ihrer Tochter Sache zu verrathen, sondern daß sie fortgefahren hätte, Charlottens Neigung zu rechtfertigen. Der Onkel war ihr treulich beygestanden, und der Alte hatte endlich störrisch eine unnachläßliche Bedingung gesezt: Maiberg soll sich nach Europa verpflanzen; hier zu Lande will er ihm seine Enkelin geben, wenn er auch keinen Heller hätte; für jeden Vortheil, den er aufopfern mag, will er ihn durch sein Geld schadlos halten. Das, meynte er, müßte einem

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so feurigen Liebhaber nicht schwer ankommen, und wenn er kein Windbeutel wäre, so müßte die Veränderung in Rüksicht auf seine Glüksumstände sehr gleichgültig seyn.-- Der Onkel sagte schneidend: Und glauben Sie denn, es sey weniger abentheurlich, einem rechschaffenen Manne zuzumuthen, daß er seinem Vaterlande entsage, als zärtlichen Verwandten die Trennung von ihrer Tochter vorzuschlagen?-- Aber das gab dem Oberamtmann nur Anlaß zu kalten, bittern Spöttereyen über Vaterlandsliebe u. dergl.: übrigens bestand er auf seinem Kopf.

Frau von L. hat mir den Auftrag gegeben, Ihnen dieses zu schreiben. Als ich sie bat, mir nun doch auch ihre eigne Meynung über die Sache zu sagen, ward sie sehr bewegt. Nach einigem Stillschweigen antwortete sie: Ehe mein Vater seinen Vorschlag that, glaubte ich entschlossen zu seyn; es schimmerte mir hell in der Seele, ich sah in dem ganzen Streit blos unsern Vortheil gegen die Liebe und das Glük der beyden jungen Leute anstreben; mein einziger Zweifel war, ob ich gegen meines Vaters Willen handeln sollte, oder nicht; doch da es

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debey im Grunde auf nichts als auf Geld ankommt, und Maiberg genug hat, um Frau und Kinder zu versorgen, so würde ich vielleicht den Muth gehabt haben, mich über diesen Zweifel zu erheben. Nun ist aber mein inniges, mühsames Bestreben, mein Herz zu beruhigen wieder vereitelt, und meine Wünsche sind nun unsicher. Gott leite den guten jungen Mann bey seiner Entscheidung! Mir ist es, als könnte nichts Erfreuliches mehr herauskommen. Die Männer sind auch alle drey stumm auseinander gegangen. An der Thüre sagte blos mein Schwager, ohne zu glauben, daß ich ihn hörte, zum Rentmeister: dagegen soll der junge Mensch beten: führe uns nicht in Versuchung!

Ich habe nichts weit hinzuzusetzen. Der alte Mann wird und will Unglük stiften. Die finstere Laune der drey Herren währt fort: er sah bey'm Früstük aus, wie einer der Feuer angelegt hatte, und nun das Sturmläuten erwartete. Der Onkel war sehr herzlich gegen Charlotten, und in seiner natürlichen, das heißt braven, geraden Stimmung. Es ist zu befürchten,

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daß wir unsern theuren Hofrath heute Abends verlieren werden. Schon ließ er erwas einfliessen von Geschäften, und Amtspflicht, und von seinen innigen Wünschen für das Glük der liebenswürdigen Familie.... Der Oberamtmann klopfte ihm mit einem persiflirenden Lächeln auf die Schulter: Ja ja, junger Mann! Sie haben Recht: wer sich einmal dem Staate widmet, darf auch keine andre Stimme mehr hören.

Ob sich in eine so auffallende Art, diesen Freier aus dem Wege zu schaffen, nicht eine leise Vorliebe für Maibergs Anträge mischen mochte? Denn wenn wir auch aus dem sonderbaren Greis nicht recht klug werden, so ist das noch lange kein Beweis, daß er aus sich selbst ganz klug wird.

3.

 

Zum Glük war Maiberg nicht zu Haus, als Clemencens Brief ankam, den ich Ihnen zuförderst zu lesen rathe. Er hat mit seinen Bekannten einen Spazierritt unternommen, von

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dem ich mich ausgeschlossen habe, um einigen Lehrstunden beyzuwohnen, und Ihnen schreiben zu können . Er wäre bey dem ewig langen Geschwäz der sonderbaren Frau verzweifelt; nun erwarte ich ihn jeden Augenblik, und versetze mich unterdessen ganz in die Lage der guten Menschen in **dorf. Läßt sich der Oberamtmann von seinem Willen nicht abbringen, so muß mein armer Maiberg entweder..... Aber ich mag nicht überlegen, was er etwa beschliessen möchte; leiber erzähle ich Ihnen, wie es uns hier in Z** gegangen ist.

Ich hatte meinen vorigen Brief kaum geendigt, so sah ich Maiberg, völlig angekleidet, auf das Haus zukommen. Ich traute meinen Augen nicht. Er war schon seit einer Stunde in der Stadt herumgegangen. Nun, lieber Freund, sagte er heiter, indem er mir die Hand schüttelte, bin ich wieder in einer vernünftigen Stimmung. Ich weiß, daß Ihre Freundschaft die unangenehmen Augenblicke entschuldigte, die ich Ihnen gestern gegeben habe; jezt geben Sie an, was wir hier treiben sollen. Die Stadt ist ziemlich lustig. Ich bin da unter

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Bäumen umhergegangen, die zwischen ein paar Reihen recht artiger Häuschen stehen; ich aß dabey Kirschen, die ich von einem entsezlich häßlichen Mädchen gekauft hatte; sie saß in einer Art von kattunenem Mantel, von einer Form wie unsre Schildwachen im Regen tragen, bey einigen ziemlich unsaubern Körben voll Obst, und kokettirte so frech und zuversichtlich, als wäre sie ihres Sieges gewiß. Sie nannte mich Herr Engländer-- das mag hier zu Lande wohl so viel bedeuten, als das Monsieur le Baron, das sie Pariser einem jeden Fremden geben, der ihnen ein wenig wie ein Bär aussieht. Ich mußte es ihr mit dem Teufel danken, daß sie mich eben einen Engländer nannte-- -- Nun nun, antwortete ich, hätten Sie die Anrede von eienem hübschen Mädchen gehört, Sie hätten es wohl so genau nicht genommen-- Doch! Und wenn es-- Gott verzeih mir die Zusammenstelung-- und wenn es Charlotte gewesen wäre, ich hätt's nicht gern gehört!-- Und war diese Dame mit den Kirschen das einzige weibliche Geschöpf das Sie sahen?-- O nein! Es giengen recht

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artige, zierliche Frauenzimmer längs der platten Steine, als eine Glocke schlug, und sie sogleich ihre Schritte verdoppelten, wie die Kaufleute, wenn es zur Börse läutet. Nun schlüpften sie alle in die benachbarten Häuser: einen Augenblik darauf entstand ein großes Getrampel in einem zierlichen Hause, vor dem ich stehen geblieben war, und es stürzten einige hundert gesunde, hübsche, junge Burschen, die ich an den Büchern unter ihren Armen für Schüler erkannte, aus der Thüre. So wie mich einer einmal in's Auge gefaßt hatte, sahen sie mich alle nach der Reihe recht gutherzig und freymüthig an. Nur ein kleines Bübchen, das einen Stern auf dem Rocke hatte, und sich an den Arm eines alten Herrn in einer Perücke hieng, machte ein ganz ängstliches Gesicht, und sagte zu dem alten Herrn auf franzöisch, ohngefähr wie ich herumziehend Komödianten in Chevaliersrollen sprechen gehört habe: Voilà sûrement cet Américain rebelle? Der Herr in der Perücke wurde braun im Gesichte, und sagete: Pst, pst!-- worauf er mir drey tiefe Reverenzen machte, was keiner von

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den Andern gethan hatte; der Knabe hingegen zog auf der andern Seite weiter. Oben an den Fenstern sah ich verschiedene von den artigen Frauenzimmern, die vorher so schnell in die Häuser geshlüpft waren, nebst noch mehreren hübschen Gesichtchen hinter den Vorhängen hervorgucken. Die jungen Burschen mußten darauf gar nicht Acht geben, sonst hätten sie gewiß ihre Bekanntschaften gegrüßt. Die meisten kauften sich Kirschen bey der garstigen Here, die jezt zehnmal garstiger aussah, und sie verzehrten ihren Kauf unter den Bäumen. Ein schöner junger Mensch, ohngefähr von meinem Alter, stand neben mir; den fragte ich, ob das Haus, aus welchem sie herauskämen, das Colleguim wäre. Er antwortete sehr höflich: ja; sie hätten Jus publicum gehört. Ich sagte ihm: Ihre Absicht ist wohl, Parlamentsglied zu werden? -- Er belehrte mich aber, daß er ein Schweizer wäre, und eine Stelle im französischen Kriegsdienst hätte. Die jungen Leute sind sehr artig: es sammelten sich noch verschiedene um uns herum, fast lauter Schweizer, die mit vieler Theilnehmung

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über mein Vaterland befragten, und alles wußten, was bey uns vorgegangen war, auch unsre Verfassung gut kannten. Ich mußte mich schämen, daß ich so wenig von andern Ländern weiß. Die Franzosen lachten mich schon manchmal aus, wenn ich bey ihnen so fremd war; aber daß hier kein Parlament wäre, hätte ich doch gewußt, wenn mir eingefallen wäre, daß die Schule noch zu meiner Charlotte Vaterland gehörte..... Nun, Sie müssen heute Abend mit mir zu den jungen Leuten kommen. Mein neuer guter Freund holt mich um acht Uhr ab; Ihr werdet eine Menge mit einander schwatzen können, von **, und Ihren dortigen Freunden.

Um die bestimmte Zeit kam der junge Schweizer wirklich, und lud uns ein, mit ihm und sienen Landsleuten einen Punsch zu trinken. Er ist der Sohn des ** von **, und ich fand mich in der Gesellschaft bald zu Hause. Anfangs schämte ich mich, als alter vernünftiger Mann unter dem leichtsinnigen Völkchen zu sitzen. Aber die Bonhommie der Jugend besiegte bald dieses Gefühl-- das mir ohnehin

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von Frau Clemencen treffenden Spott zugezogen haben würde. Angenehm war es, verschiedne Menschen hier vereinigt zu sehen, die in ihrem Vaterlande sich vielleicht immer fremd geblieben wären, und nun, ein hundert Meilen weit weg, so brüderlich zusammen lebten. Auch beschäftigte mich an ihnen ein gewisser Instinkt des Guten, der zwar schwankend, und dadurch der Verkehrtheit oder der Misleitung sehr ausgesezt ist, der aber den ehrlichen Knaben so viel frische Luft zu einem nüzlichen und schönen Leben gibt. In der akademischen Wirthschaft genießt man so zu sagen die reine Blüthe eines gemeinen Wesens -- dann kommen die Dornen, und ohne gemeines Wesen! Was in einzelnen Subjekten anfangs davon zurükbleibt, heißt dann jugendliche Ueberspannung, ja endlich, wenn es sich im täglichen Leben nicht völlig abreibt, gar Schwärmerey, oder gefährliche Tollheit. Und ohne eine sehr seltene, kostbare Individualität, verdient es wirklich diesen Namen, weil dadurch alle Augenblicke zwischen den Kräften und dem Willen, zwischen den Handlungen und ihrem Zwek, zwischen Fantasie,

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Vernunft, und Karakter, Misverhältnisse enstehen. So ist das Gute und Schöne der Jugend, statt sich mit dem männlichen Alter verschmelzen zu dürfen, meistens verurtheilt, in demselben unterzugehen -- und die Gesellschaft muß zu ihrer Erhaltung über die Vollziehung eines Gesetzes wachen, das nur Vorbote ihres Unterganges ist, weil nur ihre Kränklichkeit es nothwendig gemacht hat.

Es war ein dunkles Gefühl von Brüderschaft oder Mitbürgerschaft, womit die jungen Helvetier den ersten freyen Amerikaner, der ihnen vorgekommen war, aufgenommen hatten. Sie kamen selbst erst während des kleinen Gelages dahinter, warum die Bekanntschaft so schnelle Fortschritte machte. Maiberg fand glühende Zuhörer für seine feurigen Worte: er focht seine Freyheitsschlachten noch einmal durch, ließ die blutigen Szenen der Rache wieder vor seinen Augen vorübergehen, jauchzte dann über das erreichte Ziel gesezlicher Freyheit, und verweilte endlich bey seinem stillen Wohnsiz, erzählte von seinen dichten Wäldern, seinen heroischen Jagden, seinen fetten Reisfeldern, auch

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von seinem alten, im Krieg verstümmelten Vater, der seiner wartete -- Jezt mochte sich Charlotte in das Bild verweben: das schöne männliche Gesicht, das von Heldenfeuer glühte, bekam einen neuen Ausdruk; er schwieg, die guten Jungens schwiegen auch-- endlich schwang er sein Glas in die Höhe: eine glükliche Zukunft! rief er, als wohnte eine magische Kraft in dem Glase. Alles schallte die Worte nach; die froheste, oft kindische, Stimmung kehrte zurük, und es war wahrhaftig zwey Uhr in der Nacht, als wir uns wieder in unserm Gasthof fanden.

Wir hatten bey den Leutchen Erkundigungen eingezogen, auf was Art und Weise eine Visite bey seinen Damen hier behandelt würde. Von der Frau Räthin B., der Verwandtin vom Amthause, an welche wir unsern Auftrag hatten, wußten sie eben nicht viel zu sagen: sie sey eine sehr pretiöse Dame, aus einer vornehmen Familie, wie man sage, und ihre Tochter sey-- wie sie's aussprachen-- gar wüescht. Meinem jungen Herrn war das ganz gleichgültig: wußte er doch, daß andre Leute in der

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Familie gar nicht wüescht wären! Den folgenden Morgen schikten wir unser mitgebrachtes Päkchen in das Haus der Madame B., und nachdem wir uns zierlich angethan hatten, bagaben wir uns um elf Uhr dahin, unsre persönliche Aufwartung zu machen. Wir wurden mit steifer Höflichkeit empfangen. Man sprach sehr manierlich von ** dorf: der Mademoiselle B. war es aber anzusehen, daß sie einen Zahn auf ihre hübsche Kousine hatte. Sie fragte viel nach ihr, und mit einem fatalen Ausdruk. Das lezte Karnaval kam auch an die Reihe; da fand denn Maiberg sein Wort anzubringen, und erzählte so viel, und so unverhohlen, daß die beyden Damen verschlagne Blicke miteinander wechselten, und die Tochter zusehends giftiger -- und nicht hübscher wurde. Mir war dabey etwas schwül: ich suchte der Frau Räthin so viel Schönes zu sagen, als mir nur einfallen wollte; recht bey den Haaren herbeygezogen, sprach ich von dem guten Ton ihres Hauses, von em Einfluß, den es auf die Bildung junger Leute haben müßte, wenn Damen wie sie ihnen einigen Zugang

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gestatteten. Das half; wir wurden nun gebeten, dem Herrn Rath die Ehre zu erweisen. Man leiß uns in ein artiges Zimmer führen, wo dieser Herr in einem Zirkel sehr gepuzter Schüler, wie Maiberg sie nennt, mitten inne saß. Mit Haarfbeutel und Degen, die Füsse über einander geschlagen, nahmen die jungen Leute Armsessel ein, und trieben eine sehr einsylbige, gemessene Konversation mit dem Herrn Rath. Nach Verlauf von einigen Minuten standen zwey oder drey von ihnen auf, scharrfüßten, und zogen ab. Der Herr Rath scharrfüßte seinerseits, machte die Bewegung, sie zur Thüre herauszubegleiten, und wandte sich denn mit einer Protektionsmiene zu den Zurükgebliebenen. Bald darauf öffnete sich die Thüre, es trat eine neue Verstärkung von gepuzten jungen Herren herein, und so wurde das Spiel einigemal wieder durchgespielt, mit den nöthigen Gradationen in der Bewegung des Hinausbegleitens, verhältnißmäßig nach Rang und Stand der Abgehenden. Ich mußte freylich meinen Amerikaner vertreten; denn da der Herr Rath nicht nach dem Karnival fragte, so wußte

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er hier gar nichts zu sagen, und war wie verrathen und verkauft. Indeß erschien in dem wechselnden Zirkel bald einer von unsern gestrigen Gesellschaftern, der zwar eben so sonntäglich einhertrat, wie die Andern, aber durch Maibergs herzlichen Empfang und Händeschütteln gleich aufthaute. Unziemlich genug, zischelten nun die beyden jungen Leute zusammen; aber die gutherzige Nachsicht, mit welcher Herr B. dabey ein für mich sehr unterrrichtendes Gespräch fortsezte, in das wir zusammen gerathen waren, bewies mir, daß der steife, antichambrirende Ton, den er der studierenden Jugend angab, blosse Aushülfe bey allerseitiger Verlegenheit und Ungeschiklichkeit war. Er bot uns an, uns den Nachmittag in eine Art öffentliche Gesellschaft einzuführen, die hier in einigen angesehenen Häusern Reihe herum gehalten wird, und er trug dem jungen Schweizer auf, uns mit den Merkwürdigkeiten der Stadt bekannt zu machen. Wie wir den braven Mann verliessen, begegneten wir auf allen Strassen ganzen Haufen von jungen Leuten in festlichem Staat, die ihren Lehrern aufgewartet hatten.

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Nun muß ich leider einen traurigen Umstand erzählen, der meinen armen Maiberg sehr blosstellt, und noch schrekliche Folgen für ihn haben kann. Es scheint, als wäre die Schuhmacherzunft hierzulande nun einmal in sein Schiksal verwebt! Er hatte am Abend unsrer Ankunft einen Schuster kommen lassen, der ihm dann, während wir im Wirthshaus speisten, und es uns mit unsern jungen Bekannten recht wohl seyn liessen, die bestellte Arbeit brachte. Maiberg gieng mit ihm auf sein Zimmer; aber ein paar Augenblicke daruaf kam er lärmig wie ein Schulbube wieder herein, führte den Schuster, der vor Verlegenheit seinem Leben keinen Roth wußte, bey der Hand an den Tisch, und rief mir indem er dem armen Teufel ein volles Glas Wein einschenkte, auf englichsh zu: Hören Sie doch, ich habe einen Vetter gefunden! Stellen Sie sich vor, Herr Maiberg da ist meines Urgroßvaters Urenkel so gut als ich. Er stammt aus ***; aber sein Großvater war nicht so klug als meiner, er nahm ein Weib in seinem Vaterlande, und vertauschte nur Knecthschaft dort gegen Knechtschaft

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hier, während der meinge glüklicher Weise heiß genug vor der Stirne war, um nach Virginien zu ziehen. Nun wohl -- es lebe der Urgroßvater, Vetter Deutscher! Geht es sonst gut hier? Haben Sie ein Weib.

Das war ein Auftritt! Der Schuster holte all siene Worte unter dem Tische hervor, denn er hob vor Büklingen den Kopf fast nicht vom Boden auf. Der Wirth, der mit uns speiste, hielt das Ganze für einen gar artigen Scherz von dem Herrn Engländer, und wartete auf eine recht spaßhafte Entwickelung. Die jungen Schweizer waren anfangs betroffen; es währte aber nicht lange, so tranken sie theilnehmend mit auf des Vetters Gesundheit. Verschiedne, mehr oder weniger gleichgültige Gesichter an der Tafel wurden spannenlang, oder grieflachten auf das dümmste. Einige Engländer, die, weit von uns, zusammen einen Staat im Staate bildeten, bekümmerten sich gar nicht um den Vorgang: Maiberg und sie hielten sich gegen einander in einem Zustand von stummer Feindseligkeit, sie warfen zuweilen einen raschen Seitenblik auf einander,

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und kein Theil reichte je eine Schüssel auf die Seite des Tisches, wo der andere saß.

Maiberg erkundigte sich nach allen Hünern und Gänsen des Vetter Schusters, und wie sich dieser unter der Devotion hindurch hatte verlauten lassen, daß seine Frau, mit Respekt zu sagen, im Kindbett läge, und daß er morgen den, ich weiß nicht wievielten, Buben taufen liesse, da schrie unser Tollhäusler: Topp, ich bin Gevatter! Suchen Sie mir eine hübsche Gevatterin aus; wir sehen uns wohl in dieser Welt nicht wieder: will aber der Knabe einmal nach Virginien wandern, so soll er seinem Pathen willkommen seyn -- Die Abgeschmaktheit wurde wirklich verabredet; die Schuster kroch endlich, von der Ehre und dem Erstaunen ganz wirblich, zur Thüre hinaus, und nun sezte sich Maiberg unbefangen wieder hin. Er äusserte seinen Verdruß, daß diese Klasse Menschen hierzulande so gar nicht im Stande wäre, sich aus eigenem Gefühle an einen unabhängigen Plaz in der Welt zu stellen-- doch, sagte er lächelnd zu mir, der Vetter wenigstens ist

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hübsch fromm gewesen, weil er Meister, und seine Frau Liebste Meisterin ist.

Hier gab er dann sienen Nachbarn die traurige Geschichte des Schuhflickers in **dorf zum Besten, und die jungen Herren warfen sich nun sämtlich zu wahren Staatsverbesserern auf, raisonirten in's Zeug hinein, belegten alle ihre Behauptungen mit untrüglichen Beweisen, die ihre achtzehn- oder zwanzigjährige Lebenserfahrung ihnen an die Hand gab. Sonderbar war es, daß einige von den albernen Knaben, deren dummspöttische Gesichter mir vorhin aufgefallen waren, bey diesem Gespräche erst eine Weile aufmerksam zuhörten, sodann halb linkisch, halb scheu sich hinein mischten, und eben so freymüthig wie die andern, aber mit ungleich grösserer Gründlichkeit und Sachkenntniß, mit sprachen. Es waren, wie ich bald erfuhr, lauter Landeskinder. Wie verwickelt sind doch in der Welt die Banden der Irrthums und des Unrechts! Da, in **dorf, die mit Aemtern bekleideten Männer, hier die jungen Leute, die darauf studieren, im Lande angestellt zu werden: sie wissen es

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alle besser – und doch bleibt alles bey'm Alten!

Abends begaben wir uns unter der Aegide des Herrn Raths, mit seiner Frau Gamahlin und der Demoiselle Tochter, in die vorerwähnte Gesellschaft. Der Anblik war für das Auge erfreulich, und interessant für den Physiognomiker: ein Haufen von funfzig bis sechzig, mehr oder weniger blühenden Jünglingen von achtzehn bis zwey und zwanzig Jahren -- sie bieten nicht die steife Einförmigkeit eines schönen Bataillons dar, wo ich nach ein paar Minuten immer vergesse, daß ich belebte Geschöpfe vor mir habe, wo die Bewegungen der Füsse mir eine Täuschung machen, als sähe ich die Fäden eines Weberstuhls auf und nieder schlagen -- Nein! Was hin und wieder erwas lächerlich seyn mag, bringt in das Ganze nur Züge von Eigenthümlichkeit, und diese Figuren, mit jugendlicher Zierlichkeit, und ohne modische Pedanterie gekleidet, blos anständig ruhig, keinesweges steif aufwartend, gleichen einem jungen Anflug von Bäumen: jeder verschieden, alle mit frischer Kraft emporstrebend, keiner

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noch der feste Stamm, der er einst werden kann, wenn seine Wurzel der Art, seine Krone dem Wetterstrahl-- und ach, sein Mark dem tödtenden Wurme entgeht! Ich fand eine Menge braver Gesichter, mit einem Ausdruk von stiller Gutmüthigkeit, von aufmerksamer Besonnenheit, besonders unter den nördlichen Deutschen; mehr Leben, und einen forschenden Blik, aber auch etwas, das aus fröhlicher Schlauheit, wenn die Jugendjahre vorbey seyn werden, leicht in Falschheit und lächelnde Tücke übergehen kann, bey den Reichsländern. Die meisten Verschiedenheiten, und tiefere Wurzeln von Selbstständigkeit zeichnen die ziemlich zahlreiche schweizerische Landsmannschaft aus; die schönsten Gestalten, aber leider zu oft in der Blüthe zerknikt, sind unter der Engländern: Rohheit, und Spuren verwüsteter Gesundheit entstellen meistens ihren Ausdruk; der Karakter von Unabhängigkeit ist hier nicht, wie bey den Schweizern, zugleich thielnehmend, denkend, menschlich, und an dem Körperbau, den die wohlthätige Natur so dauerhaft bildete, dem glükliche Umstände des Gespräge der Offenheit,

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der Kühnheit ausdrükten, der die Haltung noch hat, welche auf den ersten Blik es verkündet, daß so manches gesellschaftliches Joch diesem Nacken erspart war -- an einem solchen Bau thut die Erschlaffung durch Sittenlosigkeit, doppelt weh!

An jungen Samen war bey weitem kein Ueberfluß da, aber die Qualität ersetzte wirklich die Quantität, und Chaarlottens arme Cousine schien gleichsam das Monopol der Häßlichkeit zu haben. Es herrscht hier ein sonderbarer Ton, der von Fremden, welche and die große Welt gewöhnt sind, leicht lächerlich gemacht werden kann. Man muß aber die Verhältnisse der Lehrer, und besonders des weiblichen Theils ihrer Familien, gegen die große Anzahl von jungen Männern, die bis auf die gebräuchlichen Empfehlungen ihnen ganz fremd und unbekannt sind, in Anschlag bringen, und man wird das steife Wesen an den Müttern, und das drollige Gemisch bey den jungen Mädchen nicht sehr auffallend finden. Diese, von lebhaften Jünglingen umschwärmt, und da beyde Theile so neu sind, so leicht bewundert, wollen freylich

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gefallen, und sie üben da nur ein Recht der Natur aus. Nun würde natürliche Sittsamkeit ihnen einen Reiz mehr geben; aber die Scheue vor Männern, die nicht leicht etwas mehr als bloße Bewunderer, die nicht liecht Freier werden können, verwandelt die Sittsamkeit in Ziererey, und den liebenswürdigen Wunsch, angenehm zu seyn, der mit der Ziererey kämpft, in Koketterie. Das alles drükt sich, je nachdem die Anlagen dieses oder jenes Mädchens beschaffen sind, bald mehr bald weniger graziös aus; um aber aus den kleinen Verkehrtheiten gleich Verderbniß herausbuchstabiren zu wollen, muß man durch die Brille einzelner trauriger Erfahrungen sehen: im Ganzen erfreuten mich Frische und Unschuld an diesen Mädchensphysionomien.

Mein junger Freund -- ich konnte mich nicht enthalten, es mit einigem Stolz zu bemerken -- war der festeste, schlankste Stamm in dem Anflug, und alle Augen schienen ihm dieses Zeugniß zu sprechen. Die jungen Köpfe um ihn her standen noch unter dem Meisel des Schiksals, der seine war schon vollendet;

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einen andern Sinn können diese Züge nicht mehr bekommen: die Farbe des Marmors kann sich verändern, die Zeit kann ihm mitspielen, aber die Meisterhand des Künstlers wird nie mehr zu verkennen seyn. Dieser Blik, den nie die Reue senkte, dieser Mund, der nie eine Lüge aussprach, diese Stirne, die ein ruhiges Bewußtseyn so glatt erhält -- Ach, daß dieser Stempel natürlichen Adels, dieses Diplom, ausgefertigt von der Kanzley des Himmels, wo es nie ein Zwischenreich und Vikariate giebt, in unsern Zeiten nicht hinreicht!

Doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen. Herr B. stellte uns der Frau und dem Herrn vom Hause, wie auch verschiedenen hier anwesenden Lehrern der Universität vor. Es haben sich in den zehn Jahren, seit ich diese Art Menschen ganz aus dem Geschichte verlor, mit ihnen -- und wohl auch mit meinem Urtheil über sie, große Veränderungen zugetragen. Eine auschliessende Beschäftigung, sie sey bloß mechanisch, oder betreffe selbst den Geist, muß immer eigene Falten hervorbringen; sey es aber, daß dieser Falten weniger geworden

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sind, oder daß ich jezt den Stoff besser zu unterscheiden weiß, den sie mir sonst verbargen -- genug, ich fand hier keine jener grotesken Gestalten wieder, denen die feine Welt so ausdruksvoll den Namen deutscher Gelehrten beylegt. Eine große Universalität von Kenntnissen, noch mehr Achtung gegen jeden Zweig von Wissenschaft, so wenig er auch mit dem besondern Fache jedes Einzelnen, den ich sprach, gemein haben mochte, die billigste Anerkennung alles ausländischen Verdienstes, eine sehr angenehme Bereitwilligkeit, das Joch der Geschäfte im Gespräche zu lüften, also gerade das Gegentheil von pedantscher Selbstsucht: diese Züge, nur verschieden gemischt, fielen mir an den meisten dieser Männer auf, und stachen durch die erwas fremdartige äussere Form hervor, so bald ich nur einen Augenblik bey ihnen verweilte. Auch gab die Gegenwart meines jungen Freundes verschiedenen von ihnen Veranlassung, durch ihre warme, unverstellte Theilnahme an seinem Vaterlande und dessen Angelegenheiten, mir von neuem die Wahrheit au bestätigen, daß Bildung und

290 Freyheit des Geistes gleichen Schritt mit einander halten.

So hätte mir Z** sehr lieb werden können, wenn wir nicht bestimmt gewesen wären, noch aufzuessen, was die Unglüksvogel von Amerikaner eingebrokt hatte. Eine Weile nach uns war ein Bürschchen in den Saal getreten, das sich von der übrigen Jugend durchaus unterschied: steif frisirt, die Locken hoch über den Ohren, weiß gepudert, ein bleiches, mageres, leeres Gesichtchen, einen reichen Rok, mit einem großen Stern auf der Brust; hinter ihm drein kamen zwey ältliche Männer, der eine trug Uniform, der andere hatte eine Perücke auf -- Ha, bey'm Himmel --- dachte ich -- das ist meines Maibergs Ankläger! -- Der kleine Mensch gieng mit einer Behutsamkeit, als genirten ihn seine Beinkleider, bis zu der Frau vom Hause, machte da ein Mittelding von Kopfnicken und Bükling; dasselbe wurde von der Nachbarin wiederholt, dann weiter bis an das Ende des Zirkels, wo Maiberg, ich weiß nicht wie, mit einem recht artigen Weibchen in ein Gespräch gerathen war. Gebükt,

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wie er neben seiner Dame stand, hatte er für den Kleinen gerade die rechte Höhe; dieser blieb mitten in seinem Reverenz stecken, und sah ihn mit offenem Munde an; Maiberg, der sich nun aufgerichtet hatte, schien mit seinem belebten und doch stillen Gesicht einen Augenblik gleichsam zu warten, ob er ihm etwa für den Rest des abgebrochenen Revernezes nachhelfen sollte. Wie er ihn erkannte, machte er ihm halb lächelnd eine Verbeugung. Der Knabe befand sich in der lächerlichsten Verlegenheit, Furcht und Hochmuth waren so lebhaft als möglich auf seinem Gesichte ausgedrükt. Aber das war nur ein Vorspiel der Bedrängniß, die ihn erwartete. Man ordnete die Spielpartien, und Maiberg wurde aus besonderer Höflichkeit angewiesen, mit diesem kleinen Herrn und zwey ältlichen Damen an Einem Tische zu sitzen. So wie der Kleine das merkte, sah er sich, wie mir schien fast weinend, nach seinem Führer in der Perücke um, der sich auch schon in seiner Nähe hielt. Er stellte sich auf die Zehen, und indem er mit einer Art von Verzweiflung auf den Spieltisch

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zeigte, sagte er dem Mentor einige Worte in's Ohr. Der alte Herr sah ganz niedergeschlagen und bedrükt aus, und schien selbst nicht zu wissen, wie zu helfen wäre. Mais alles donc demander au Major! sagte der Kleine mit verdrüßlichem Tone. Dieser Major stand nahe bey mir; der Herr in der Perücke nahm einige geshickte Wendungen, um sich, ohne Assehen zu machen, neben ihn zu stellen; er gab seinem Kollegen einen bedeutenden Wink, sie traten ein paar Schritte seitwärts, und -- ich hörte es deutlich -- in der Relation des Herrn mit der Perücke kam -- ja wahrlich, zweymal kam das Wort Schuster darin vor. Der in der Uniform fluchte ein kleines Donnerwetter, und gab übrigens, so viel ich abnehmen konnte, da ich die Worte nicht verstand, einen ganz trockenen Bescheid, worauf der arme Abgeordnete sich wieder zu seinem kummervollen Zögling begab, und ihm, die Achseln zuckend, zuzischelte: Il faut faire bonne mine á mauvais jen.

Und übles Spiel war es für ihn in jedem möglichen Sinne. Die Damen saßen, es

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war an keinen Rükzug mehr zu denken; der arme Junge mußte daran. Ich merkte wohl, worauf es ankam, und wünschte Maibergs Vetterschaft in den untersten Abgrund der Hölle; aber so lange ich den Kleinen da sitzen sah, konnte doch der Verdruß nicht die Oberhand bey mir gewinnen. Maiberg, der durch nichts zerstreut war, erschien sehr zu seinem Vortheil; er betrug sich mit der liebenswürdigsten, kunstlosesten Galanterie gegen die Damen, und hatte, auf Kosten des armen Kindes, unglaubliches Glük im Spiele. Der kleine Mensch zog seinen Degen dicht an sich, drükte die Ellbogen an den Leib, stellte das Licht, das neben ihm stand, zwischen sich und Maiberg, und wenn es auf Kartengeben oder Zahlen ankam, sah man, daß Maiberg gerade den Eindruk eines feurigen Mannes auf ihn machte. Traf es sich einmal, daß Maibergs Aufmerksamkeit eine Weile mit etwas anderm beschäftigt war, so gewann der Hochmuth nach und nach das Uebergewicht, und der Kamm schwoll dem Knaben so hoch, daß er sich räusperte, und einen Arm in die Seite stemmte. So wie

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aber der Andre von Ohngefähr seine großen kühnen Augen wieder auf ihn richtete, fuhr er zusammen, und wurde kompendids wie vorher.

Als wir nach Hause giengen, theilte ich Maiberg meine Beobachtungen mit, und suchte ihm begreiflich zu machen, in weliches Gerede er durch seine unvorsichtige Verachtung der Verhältnisse noch kommen könnte. Er lachte wie ein Thor: Wie? sagte er, so hätte ihre Philosophie Sie noch nicht einmal so weit gebracht, als in Virginien die kleinen Buben in den Schulen sind? -- Nun nun, antwortete ich, ich kann mir's wohl gefallen lassen, wenn nur Charlottens Großvater und Onkel und andere werthe Angehörige so weise sind, wie die kleinen Buben in Virginien -- Das machte ihn ernsthaft: Lieber Freund, wenn mich Charlotte darum weniger leibte, so müßten wir uns beyde sehr schlecht verstanden haben, und das fürchte ich keinen Augenblik. Sollte aber ihre Familie mich handeln, daß ich der natürlichen Empfindung Gehör gab, die in mir entstand, als ich den einzigen Verwandten erkannte, den ich in diesem Welttheile haben

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mag -- so ist ihr Widerwille, Charlotten mit mir nich Amerika ziehen zu lassen, ein so unwichtiges Hinderniß, daß ich mir kein Gewissen daruas machen würde, meine Geleibte zu entführen, wo ich sie fände -- -- O weh! dachte ich, eine so artige Erfindung, den Knoten zu lösen, wolle der Himmel verhüten -- lieber schweige du vom Vetter Schuster!

Die jungen Schweizer, mit denen wir wieder zu Abend speisten, machten sich ganz erbärmlich über den kleinen Menschen lustig, und wir erfuhren von ihnen den Ursprung des ganzen Geschwätzes. Der Schuster hatte ihm unglüklicher Weise eben heute auch Schuhe gebracht, und in seinem Wonnetaumel die wundervolle Begebenheit, die ihm widerfahren war, erzählt; die Herren, die unserm Wirthshause gegenüber wohneten, und auf diese Weise gleich bey unsrer Ankunft Maibergs Qualität als Rebell, wie sie es nannten, ausgegattert hatten, entdekten so zu ihrer nicht geringen Ergözlichkeit den Vetter ihres Schusters in ihm -- liessen sich aber freylich die schrekliche Kollision nicht träumen, zu welcher es noch den nämlichen

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Tag in der Assemblee kommen sollte, Unsere Freunde berichteten uns ferner, daß der kleine Herr, sobald er vom Spielen erlöst gewesen war, gegen einige seiner Bekannten über deisen Gräuel, diese Entweihung der Gesellschaft, die bittersten Klagen geführt hatte. Seine Aussagen wurden durch mehrere Augenzeugen der Erkennungsszene an der Writhstafel bestätigt, und es war in wenigen Minuten bey der ganzen Gesellschaft ausgemacht, der schöne Fremde sey -- nichts mehr und nichts weniger als ein Schustersohn, denn diese kleine Verbesserung der Wahrheit hatte sich in dem kurzen Augenblik gleichsam von selbst gemacht.

Maiberg sah in der Erörterung nichts als ein langweiliges Mährchen, und gab sich nicht einmal die Mühe, bis zu Ende darauf zu hören; auch brachte er den Rest des Abends sehr heiter mit seinen neuen Bekannten zu. Der andere Morgen gieng mit verschiedenen Besuchen, mit Besehen einiger Merkwürdigkeiten, einiger Fabriken hin; Machmittags mußte ich Maibergs Bitte erfüllen, und bey dem abgeschmakten Gevatterstehen gegenwärtig seyn.

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In diesen Sitzen der Wissenschaften spielt Fama eine wengstens eben so thätige Rolle, wie in dem kleinsten Reichsstädtchen, oder in einem Nonnenkloster. Es war kein Gottesdienst, die Kirche war ausdrüklich wegen der Taufhandlung geöfnet -- und ich glaube kaum, daß die seit Menschengedenken je so voll gewesen war. Es standen Gaffer da, in zahlloser Menge; die studierende Jugend umgab den Taufstein; oben in den Privatsitzen erblikte ich, troz der zugezogenen Vorhänge, mehr denn ein weiblich Gesichtchen, und diese Neugierde machte mich in dem Augenblik zum entschiednen Weiberfeind; des Trosses von Buben, Mägden, und dergleichen Gesindel, war kein Ende. Ich hätte über die alberne Rolle, die wir spielten, vor Verdruß vergehen mögen, zumal da bey unserm Eintritt auf den Gesichtern der meisten Anwesenden sich ziemlich deutliche Spuren von Lachen zeigten. Doch Maiberg nahm den ihm angewiesenen Plaz mit Anstand und Würde ein; seine Mitgevatterin, ein artiges, sittsames Mädchen, war zwischen Verschämtheit und Andacht recht angehehm getheilt; der Geistliche

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hatte eine wohlwollende, einfache Physionomie -- mit einem männlichstarken Ton hielt er eine kurze Rede über die Worte der Einsetzung, erwähnte auf eine rührende Weise der Verbrüderung des Menschengeschlechts, und des engeren Bandes, welches durch das Bekenntniß eines und desselbven Glaubens gestiftet würde. Der Gevatter Amerikaner, neben der Gevatterin, die er von Kindesbeinen kannte, erhob ihn zu einem etwas dichterischen Schwung; er schilderte diese beyden Menschen, wie sie vereint ein junges Mitgeschöpf als Theilnehmer der Wohlthaten verträten, deren sie, obwohl so fern von einander wohnend, daß "die Strahlen der Sonne sie nie zugleich erleuchteten, " dennoch sich beyde gleich zu erfreuen hätten. Dem guten Maiberg war es gerade recht, daß man ihn so unter die Antipoden versetze; er faßte den Gegenstand von der poetischen Seite, und seine Ruhrung war sichtbar. Mit feuchten Augen dankte er nach der Handlung dem Geistlichten; aber die ungezwungene ernste Feyerlichkeit seines Betragens, die dem ganzen Auftritt Anstand mittheilte,

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hatte auch auf die anfängliche spöttische Stimmung der junges Zuschauer Einfluß gehabt. Ich las auf vielen Gesichtern vergnügten Beyfall; dem Geistlichen sah man an, daß er sich durch Maibergs Benehmen geschmeichelt fand; der Küster, und eine Frau, die das Kind getragen hatte, bükten sich bey dem wahrscheinlich sehr reichlichen Geschenke, das ihnen Maiberg zufolge der von ihm eingezonen Erkundigungen machte, bis zur Erde, und wir zogen, von einem schmeichelhaften Geflüster begleitet, allerdings sehr viel glorreicher haraus, als wir hineingatreten waren. Im Taufhause hielt sich Maiberg nur so lange auf, als er brauchte, um in der Geschwindigkeit einen goldenen Regen da fallen zu lassen, und seiner jungen Gevatterin ein sehr schönes Bouquet von künstlichen Blumen zu überreichen, das er, mit den artigsten Bandschleifen geziert, ohne mein Wissen bey einer Putzhändlerin aufgetrieben hatte.

Das Ding war so gut abgelaufen, daß sich die unangenehmen Eindrücke bey mir fast verwischt hatten, als ich bey'm Eintritt in eine

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Abendgesellschaft, zu welcher uns die Frau Räthin B. gestern eingeladen hatte, auf das widrigste daran erinnert wurde. Die Weiber eimpfiengen uns mit offenbarer -- Verlegenheit, wo nicht Unart; einige junge Leute, die zugegen waren, wurden ausschließlich von ihnen in's Gespräch gezogen; man suchte etwas Leben in den Ton zu bringen, aber es war umsonst. Maiberg schien die Ursache nicht zu errathen, und, mit seinen Ideen beschäftigt, nicht einmal Langeweile zu haben. Endlich erschien der Herr vom Hause, mit einem andern hiesigen Lehrer, dessen Fach die Naturgeschichte ist. Hatte ich gestern zu der Bemerkung einigen Anlaß gefunden, daß man hier, wo doch eine wirkliche Gleichheit aller Stände herrschen sollte, dennoch die Betitelten unter der studierenden Jugend sehr vorzuziehen schiene, so bewies mir das Betragen dieser beyden Männer, daß diese Schwäche, oder dieser Misbrauch, weingstens nicht in Fleisch und Blut übergegangen, und wohl nur insbesondere den Damen Schuld zu geben ist. So wie sich die Herrn eingestellt hatten, war mir geholfen; es entspann sich sogleich

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eine sehr angenehme Unterredung, an welcher Maiberg, der bey den Damen nicht ankommen konnte, bald mit Vergnügen theilnahm. Ohngeachtet es ihm an regalmäßigen Studien felht, so hat er doch viel Beobachtungsgeist; auch hat er vieles gesehen, und ist besonders in allem, was den Boden, das Klima, die Produkte, die Verfassung seines Vaterlandes betrifft, sehr gut bewandert. Er fand neugierige Frager an den beyden braven Männern, und nahm sie durch seine bescheidne, lebhafte, gründliche Auffassung und Darstellung so ein, daß der Rath B., wie wir zu Tische giengen, die durch Karten bezeichnete Anordnung seiner Frau Gemahlin recht hausväterlich durch einander warf, und uns vier Männer zusammen sezte, um ganz nach Herzenslust zu plaudern, wie er gutherzig sagte. Während unsers Gesprächs hatte sich die Demoiselle Tochter ziemlich unschiklich durch Kickern und Zischeln mit den jungen Herren die Zeit vertrieben; die Mama war unterdessen würdevoll gewesen, und hatte eine Spielpartie gemacht. Bey Tisch wurde die Unterhaltung der übrigen

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Gesellschaft weder anständiger noch geistreicher; unsre Existenz schien man ganz vergessen zu haben, als Herr B. sich nach einer kleinen Pause zu Maiberg wandte, und ihn mit besonderer Freundlichkeit anredete: Sie haben ja einen Verwandten bey uns gefunden, lieber Herr Maiberg? -- Die ganze Gesellschaft schwieg auf einmal mit der auffallendsten Unbescheidenheit, und die wüeschte Jungfer rekte mit einem neugierig schadenfrohen Lächeln den Kopf vor. Maiberg gab den unbefangensten, einfachsten Bescheid; der Rath, der seine Absichten zu haben schien, gieng vorsichtig, und mit der gütigen Theilnahme eines älteren Mannes weiter: ob er von der Auswanderungsgeschichte seiner Vorfahren unterrichtet wäre?-- Volkommen, erwiederte der junge Mann; sein Ahnherr sey ein wohlhabender Pachter in ** gewesen; seine Tochter sey von dem Gutsherrn verführt worden, und habe sich in's Wasser gestürzt; der älteste Bruder dieser Unglüklichen, sein Urgroßvater, habe den Schimpf nicht ertragen können; er habe den Baron, der von ein paar Jägern und mehreren

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Bauern umgeben gewesen sey, ohne daß irgend einer von seinen Begleitern ihn vertheidigt habe, auf freyem Felde derb druchgeprügelt, und sich hierauf aus dem Staube gemacht; er sey nach Holland, und von da nach Amerika gewandert, wo er sich durch gute Sitten und Fleiß bald den Besiz eines Gütchens erworben habe; durch eben diese Mittel sey jezt sein Vater, der noch obendrein eine sehr vortheilhafte Heirath gethan habe, Eigenthümer von ansehnlichen, blühenden Ländereyen.-- Nun wurde er befragt, ob denn in seiner Heimathe der Unterschied der Stände so verwischt sey, daß er dort in einem gemeinen Handwerksmann einen Vetter und Gesellschafter erkannt haben würde? -- Vetter immer, und hätte er mehr Fähigkeiten als ich, zögen ihn unsre Mitbürger vor, so könnte er morgen in einem öffentlichen Amte mein Vorgesetzter werden. Zu Gesellschaftern wählten wir einander nur, wenn unsre Sitten, unser Geschmak, unser Ton uns zusammenführten; das muß in der Regel bey uns die Stände unterscheiden und trennen, wie hier, aber das knechtische

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Wesen kennen wir selbst in den untersten Klassen nicht.

Der gute Herr B. hörte mit einem Ausdruk von freundlichem Beyfall zu, und wenn sich etwas Unzufriedenheit einzumischen schien, so galt sie wenigstens nicht dem Sprecher. Dieß wurde mir besonders deutlich, as er seine Tochter, die mit einem leeren spottenden Gesichte da saß, gleichsam zur Nutzanwendung fragte: Was meynst du, Josephe? wenn sich eine solche Reise einmal in den Ferien machen liesse, so eine Demoiselle Schusterstochter, die vor Dir das Menuett tanzte, möchte ich wohl sehen -- nicht? -- -- Das Töchterchen war zu dumm, um einfältig auszusehen: sie warf schnippisch den Mund auf, und kickerte mit einem Barönchen, das neben ihr saß. Doch bey unserm Geschlecht siegt die Vernunft leichter über das Vorurtheil, weil unsre Imagination viel ruhiger ist: der junge Nachbar, und alle die andern ehrlichen Knaben schienen sich des Gänschens zu schämen; anstatt die vorige geheime Unterredung fortzusetzen, nahmen sie nach und nach an der unsrigen Theil, und sagten recht

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ordentliche Dinge. Aber in dem Maße, wie Maibergs Verdienst sich mächtiger erwies, als sein böser Stern, wuchs die Ungnade der Demoiselle und ihrer Mama; ja sie entliessen uns mit sichtbaren Zeichen ihrer Ungeneigtheit, und ich fürchte sehr, auf unsern Abschied wird ein verdrüßliches Nachspiel erfolgt seyn -- was mir für den braven Rath leid thut.

Nun mag ich mich rüsten; Mein Ritter kommt nach Haus, und kaum wird er abgestiegen seyn, so ruft er mir gewiß schon zu: sind Briefe da?

4.
 

Pferde waren es, aber nicht Maiberg. Es war ein Kourier, von einem stattlichen englischen Bedienten begleitet, der einen Brief in der Hand zu mir heraufgestiegen kam, und wie er einen rechtlichen Mann mit zierlichem Haarpuz und gefalteten Manschetten sah, mit einem impertinenten Zurüktreten und desappointirter Miene sagte: Exkusiren Sie, ich suchte

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einen jungen Herrn -- der Pinsel! Also, wenn man einen jungen Herrn sucht, erschrikt man sich, mich zu finden -- Welchen jungen Herrn? fragte ich. -- Herrn Virginius Maiberg, dem er höchst eilig diesen Brief zu übergeben hätte -- Da sind wir ganz im gleichen Falle, guter Freund, und müssen beyde warten -- Der Mensch war sehr verdrüßlich: er habe schon alle Mühe gehabt, um bis nach Z** zu kommen; kein Mensch verstehe ihn -- (komisch genug, daß es die gemeinen Leute aller Klassen und aller Völker für eine Art Unhöflichkeit halten, wenn man im Auslande nicht ihre Sprache spricht) -- und sein Herr habe ihm alle mögliche Eile anempfohlen -- Wer ist euer Herr? -- Sir Henry Benson. -- Wie? der Obrist Benson, der in Virginien gefangen war? -- Aha, Sie kennen meinen Herrn?

Das Intermezzo war mir äusserst angenehm. Dieser Obrist Benson ist ein sehr werhter Freund von Maiberg; die unerwartete Zusammenkunft schien mir, gerade in einem solchen Augenblik, eine sehr nüzliche Diversion machen zu können, und der Mann war

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auch im Stande, meinem jungen Freunde in seinem Liebeshandel guten Rath zu geben. Er machte eine Reise in Geschäften nach ***, und da er sich um der nämlichen Geschäfte willen einige Tage in der Residenz aufhalten mußte, hatte er Maiberg einen Expressen nach *** geschikt, von wo derselbe bis nach Z** gewiesen worden war. Sein Anliegen war, daß Maiberg sogleich nach der Residenz kommen möchte, um die wenigen Tage seines dortigen Aufenthalts mit ihm zuzubringen.

Ich bin sonst eben nicht geneigt, mich zu Engländern zu drängen; dieser war mir aber, ob ich ihn gleich nicht persönlich kannte, doch sehr interessant. Maiberg hatte mir oft mit vieler Wärme von ihm erzählt. Durch sein Alter steht er eigentlich mit seinem Vater in engeren Verhältnissen, als mit ihm: ihre Verbindung ist durch Schreknisse und Gefahren geknüpft worden; sie schreibt sich von dein grausamen Kriege her, dem Amerika seine Unabhänginkeit verdankt.

Sir Henry Benson war seiner Dienstpflicht, die ihn gleich zu Anfang des Krieges

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nach Amerika berief, mit der Uberzeugung gefolgt, daß England die Empörung seiner Kolonien erst strafen müßte, ehe es die falschen und eigenmächtigen Maasregeln, zu denen die Regierung gegriffen hatte, gegen eine billige Anerkennung der ihnen so gut wie dem Mutterlande gebührenden Rechte vertauschen dürfte. Doch bald nach seiner Ueberkunft lernte er den abscheulichen Kunstgriff des Despotismus kennen, Empörung vorauszusetzen, herauszudeuten, anzufachen, und endlich zu erzwingen, um einen Vorwand zur Verweigerung des Rechtes, ja sogar zum Aufdringen von neuem Unrecht, zu erhalten. Der erste Anblik des zertretenen, von übermüthigen Söldnern vorwüsteten Landes belehrte ihn, daß blinder tyrannischer Geiz hier den Henker spielte, wo er gewähnt hatte, zu einer väterlichen Zurechtweisung beytragen zu sollen. Er hätte gleich seinen Abschied genommen, wenn er den Kampf zwischen seinem Gefühl, und der Pflicht seiner persönlichen Lage, so viel Unheil als möglich zu verhüten, früher hätte beenden können. Er war in Erfüllung dieser Pflicht öfters glüklich; denn seine Untergebenen

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liebten ihn, viele waren mit ihm unter den Waffen alt geworden, und sein Regiment ließ sich keine von den Abscheulichkeiten, die den englichsen Namen dort entehrten, zu Schulden kommen.

Maibergs Vater und er kamen zuerst in einem sehr heftigen Gefecht als Feinde zusammen. Dem alten Maiberg zerschmetterte eine Kugel den Arm, in eben dem Augenblik, wo er mit seinen Leuten den von Sir Henry angeführten Haufen umringte, und sich zu ergeben zwang. Fast zugleich mit ihm war auch Sir Henry verwundet worden, und sie wurden zusammen vom Schlachtfeld weggeführt. Ungeachtet seines eigenen Zustandes war der alte Maiberg vor allen Dingen auf die Sicherheit seiner Gefangenen bedacht; er besänftigte die rachgierige Wuth der Sieger, hielt sie von aller harten oder verächtlichen Behandlung der Engländer zurük, und von dem edeln Wesen des feindlichen Anführers eingenommen, bat er sich diesen zum Stubenkameraden in dem Bürgerhause aus, das zu seiner Aufnahme bestimmt war. Die beyden braven Leute

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hatten nicht viel Vorurtheil zu überwinden, um sich in der schmerzlichen Krankheit, die sie aushalten mußten, einander sehr innig anzuschliessen. Sir Henry fand nun zum erstenmal Muße und Gelegenheit, die Sache der Amerikaner gründlicher zu untersuchen, und er freute sich, daß ihn seine ehrenvolle Gefangenschaft eines Kreigsdienstes überhob, den er immer mehr verabscheuen lernte. Der alte Maiberg mußte sein Leben mit dem Verlust seines Armes erkaufen; sobald er sich stark genug fühlte, um die Reise zu ertragen, gieng er nach seinem Wohnplaz am Ohio zurük, und Benson, der früher als er hergestellt, dem Augenblik, wo er sich von seinem edeln Ueberwinder trennen sollte, mit Schmerz entgegen gesehen hatte, nahm seinen Vorschlag, bis zu einer Auswechslung sein Gast auf seinen Gütern zu seyn, (wozu ihm Maiberg durch seine Bürgschaft die Erlaubniß auswirkte,) freudig an. Maiberg sah nun seinen Heerd, seine treuen Neger, seine schattigen Bäume wieder. Die Gegend hatte bis dahin von den Schrecken des Krieges noch nichts erfahren;

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doch dachten sich die ehrlichen, einfältigen Afrikaner diesen Krieg als etwas fürchterliches, weil die Feinde Engländer wären, -- denn Engländer hatten sie ihrem Vaterlande entführt, Engländer allein hatten sie die Leiden der Sclaverey fühlen lassen: gleich bey ihrer Ausschiffung von Maiberg gekauft, waren sie bey'm Eintritt in sein Haus wieder zu freyen Menschen geworden, denn er kaufte nie Schwarze, die schon gedient hatten -- aus Wilden, pflegte er zu sagen, kann man wohl Menschen machen; sind die aber schon Sclaven gewesen, so ist die Menschheit fast unwiderbringlich in ihnen zerstört.

Ein freudiges Gejauchze dieser treuen Diener empfieng ihn, worauf ein lauter Ausbruch des Schmerzens folgte, als sie, seine Knie umfassend, die Arme nach uhm ausstreckend, mit der übrig gebliebenen Linken von ihm aufgehoben wurden, und er ihnen die todte Rechte verweigerte. Nun benezten sie diese mit ihren Thränen, gleich als hätte der ausgestopte Ermel Sinn für ihre Trauer; sie fluchten dabey den Waffen des Feindes, und wie sie von

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Maibergs Begleitern vernahmen, der Gefährte ihres geliebten Herrn sey ein Engländer, sey ein Anführer jener Krieger, die ihn verstümmelten, stellten sie sich mit einem mißmuthigen Zischeln zusammen, und suchten ihren Herrn von diesem Manne, den die als einen Feind betrachteten, fortzuziehen. Maiberg verstand sie, ergriff Bensons Hand, und sagte ihnen: hier, meine Kinder, führe ich meinen Ferund, meinen treuen Gesellschafter, Verpfleger und Wärter in den Tagen meiner Krankheit, in mein Haus ein; an der Spitze seiner Krieger war er ein eben so edler als muthiger Feind, er brauchte seine Waffen nie gegen Werhrlose, und ehrte stets das Eigenthum; von der Gerechtigkeit unsrer Sache überzeugt, gedenkt er jezt unter uns zu leben, bis er in sein Vaterland zurükkehren kann; ehrt und liebt ihn wie mich, wie ich ihn liebe, und wie mein Sohn ihn lieben würde, wenn er hier wäre.

Es ward Sir Henry nicht schwer, ihr Zutrauen zu gewinnen; er lebte in dieser Kolonie als ein Mitglied der Familie, er sah mit Bewunderung, wie reichlich die Natur hier die

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Arbeit ihrer Kinder belohnte, wie werth dieser schöne Boden der Freyheit war -- und mit desto grösserem Entsetzen vernahm er die ersten Nachrichten von der Ankunft eines englischen Generals in Virginien, der seinen Instruktionen getreu, allenhalben Brandstätten und blutige Spuren auf seinem Zuge zruükließ. Täglich rükte die Gefahr näher; Maiberg gieng mit Sir Henry zu Rathe, wie sie abgewendet, wie sie wenigstens gemildert werden könnte: alle junge Mannschaft war zu den Truppen gestossen, und fern von der Provinz beschäftigt; auch Maibergs Sohn, obgleich kaum dem Knabenalter entwachsen, war mit ausgezogen. Das vortreflich bebaute Land bot den Zerstörern einen willkommnen Schauplaz für ihre unmenschlichen kalten Grausamkeiten dar. Sir Henry rieth, alle Nachbarn und die ganze Familie zu bewaffnen, damit sie, im Falle die Anzahl der Feinde es erlaubtem ihr mordbrennerisches Vorhaben vereiteln, wo aber nicht, doch wenigstens durch Verabredung und gemeinsachaftliche Wachsamkeit sich selbst; und was sonst noch zu retten wäre, bey Zeiten retten

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könnten. Die Abscheulichkeit des feindlichen Unternehmens vereinigte den ganzen Kanton; niemand wollte von Flucht hören, selbst die Weiber behielten sich Waffen vor, und als ein Trupp von jenen Räubern nächtlich herbeyzog, loderten schnell allenthalben Allarmfeuer auf: die Horde, die sich blos darauf gefaß gemacht hatte, einige Pflanzer in den Armen des Schlafes zu ermorden, sah plözlich eine dichte Reihe wohl bewaffneter, für die Erhaltung ihres Eigenthums zum Kampf entschlossener Männer auf sich anrücken. In der ersten Bestürzung und bey'm Dunkel der Nacht konnte der englische Offizier die Zahl seiner Gegner nicht übersehen; er ließ also Halt machen, und der Verabredung gemäß benuzte Sir Henry diesen Augenblik, um ohne Waffen, als Friedensbote, sich seinen Landsleuten zu nähern, und zu versuchen, ob es nicht möglich seyn würde, ein Gefühl von Ehre und Menschlichkeit bey ihnen zu erwecken.

Das Unternehmen kostete ihm fast das Leben. Ob seine Worte gleich seine Absicht und seine Rechte als Landsmann, als Kriegskamerad,

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verkündigten, so fielen die Elenden doch über ihn her, und hätten ihn unausbleiblich ermordet, wäre nicht Maiberg, den Degen in seiner Linken, an der Spitze seines Haufens sogleich herbeygeeilt. Sir Henry ward auf die Weise ihren Händen entrissen; so wie aber jezt die Sachen standen, mußte er es als seine Pflicht erkennen, das gastfreye Dach und das Leben seines Freundes vertheidigen zu helfen. Er entriß einem der vom heftigen Angriff bestürzten Soldaten die Flinte, uind nach einem fürchterlichen Handgemenge, in welchem von Seiten der Pflanzer kein Schuß fiel, sondern jeder die Feinde, die er erlegte, einzeln zählen konnte, ergab sich der kleine Ueberrest dieses ohnehin unansehnlichen Trupps auf Gnade und Ungnade an grausam gereizte Menschen, die an jedem von ihnen die Jammer ihrer Landsleute, die zerstörten Früchte manches fleißigen Lebens zu rächen hatten.

Der anbrechende Morgen erhellte einen Anblik, wo noch keiner diese friedlichen Fluren verunstaltet hatte -- gewaltsam vergossenes Blut! verstümmelte Leichname! So mußte der Anblik

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des ersten Todten die junge Schöpfung erschrecken! Mancher graue Alte stand hier mit gefalteten Händen: schon viele, die mit ihm diese Felder bauten, diese Bäume pflanzten, hatte der Tod von ihm weg, dorthin wo sie seiner warteten, geführt; aber wie verschieden von jenem Hinscheiden war dieses wilde gebrüll, dieses grauenvolle Verröcheln des Lebens!

Bensons Rath und muthiger Beystand hatte indessen diese Strecke gerettet, die in dem großen Verwüstungsplan der Engländer einen zu unbeträchtlichen Punkt ausmachte, als daß sie es der Mühe werth geachtet hätten, hier einen zweyten Angriff zu wagen, zumal da sie jezt ohnehin auf ihrem Rükzug begriffen waren. Allein die Elenden, welche von den geschlagenen Korps übrig geblieben, und durch die Großmuth Maibergs, der auch bey den Nachbarn die Rüksicht auf ihren edeln Landsmann geltend gemacht hatte, als Kriegsgefangne behandelt worden waren, liessen es nach ihrer Rükkehr zu den Ihrigen ihr erstes Geschäft seyn, die Obristen Benson als einen Ueberläufer, als einen Bundsgenossen der Rebellen

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anzugeben. Vor ein Kreigsgericht gefordert, wurde er seiner Stelle entsezt. Aber der Achtung aller Männer von warhrer Ehre unter seinen Kreigsfährten gewiß, und mit den unwidersprechlichsten Zeugnissen versehen, begab er sich nach England, wo er seine Sache dem Kreigsminister selbst vorlegte. Auch in den Seiten der grösten Ungerechtigkeit finden es ihre Handlanger rathsam, dem allgemeinem Hang der Menshen zum Guten hie und da Opfer zu bringen, und sich in einzelnen Beyspielen als Beschützer eben der Tugenden zu zeigen, die sie im Ganzen zu zerstören bemüht sind. Sir Henry erhielt Recht. Freylich war der mordbrennerische Zug, wie so mancher andre, under Autorität des Ministeriums vorgenommen worden; es existirten leider königliche Kommissionen, welche in er falschen Zuversicht, daß es gegen die Rebellen nicht fehlen könne, ausgefertigt worden waren, und Aufträge dieser Art, die man bey besserer Ueberlegung sich begnügt hätte unter den Fuß zu geben, gar zu deutlich besagten. So laut also auch der brave Obriste gegen diese ganze schändliche Taktik

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sprach, so konnte er doch weiter nichts zuwege bringen, als daß die Anführer des Haufens, dessen Angriff die Veranlassung zu diesem Handel gegeben hatte, alle Schuld aufgeladen wurde: dieser faulte nämlich schon eine ganze Weile am Ufer des Ohio, wo er unter den Kolbenschlägen der Pflanzer gefallen war, und seine Freysprechung oder Verdammung konnte also niemanden in Verlegenheit setzen.

Sir Henry fand sich nunmehr auf eine ehrenvolle Art wieder in seinen vorigen Posten eingesezt. Damit diese Anerkennung seiner Unschuld nicht wie eine Komödie aussähe, blieb er im Dienst; er übernahm sogar Aufträge der Regierung nach Deutschland, die sich auf die in Amerika gebrauchten Miethstruppen bezogen, und auf dieser Reise war er jezt begriffen.

Während ich mich mit dem Bedienten unterhielt, der sich nicht wenig freute, seinen Herrn, auf den er große Stücke zu halten schien, so gut bey mir angeschrieben zu finden, und mir, (nicht ohne sichtbare Zeichen von Haß gegen die neuen Republikaner,) allerley Umstände von dem Aufenthalt in Virginien,

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den er, wie alle Gefahren des Krieges, mit seinem Herrn getheilt hatte, erzählte, -- kam mein junger Ritter wirklich an. Sein erstes Wort war gleich bey'm Absteigen, gegen das Fenster herauf, an welchem ich stand: sind Briefe da? -- Mehr wie Ihr denkt, guter Freund! rief ich etwas mürrisch und verlegen, denn ich sah einem verworrenen Augenblik entgegen. Sir Henry's Bedienter war indessen aus dem Zimmer gerannt, und ich sah ihn unten vor der Türe Maiberg ertgegentreten, der ihn mit einem erstaunensvollen: Gott schüz mich! Jack, woher kommt Ihr? -- empfieng, ihm den Brief aus der Hand nahm, herauf stürzte , den empfangnenen Brief vor hastiger Eile in Stücke riß, und -- das alles in Einem Athem -- mich nach dem meinegen fragte.

Lieber Freund, sagte ich, und hielt Clementinens Heft fest in Händen, während er alle Papiere vom Tische warf -- hier sind meine Briefe. Lassen Sie doch aber das Resultat erst mündlich sagen, Sie vergehen sonst vor Ungeduld -- Er sah sehr unsicher aus; ich

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blätterte im Hefte; Jack rükte näher: Lieber Herr, Sie werden doch gleich abreisen?-- Abreisen? Ja-- wohin? zu Charlotten-- darf ich denn sogleich, lieber K.?-- Aber nein, mein Freund! Sir Henry Benson bittet Sie-- Ach mein theurer Sir Henry Benson!

Der arme Mensch! Sein Kopf war von Liebe und Freundschaft so abentheuerlich verworren, daß ihn der ehrliche Jack für nicht recht klug halten mochte, aber durch sein verschlagnes Lächeln zu erkennen gab, daß er in dem vorhin ausgesprochenen Frauenzimmernamen die mitwirkende Ursache von des jungen Herrn Tollheit wohl errieth.

Endlich hatte Maiberg den übel zugerichteten Brief seines alten Freundes zusammen buchstabirt -- Ja, da müssen wir sogleich fort, lieber Jack..... Und was schreibt sie? Sollen wir kommen? -- -- Ich war des Durcheinanders müde, befahl in Maibergs Namen seinem Bedienten, Pferde zu bestellen, Mantelsjäcke zu packen, u. s. w., schikte Jack fort, und fieng nun an, den jungen Menschen um

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gesammelte Aufmerksamkeit zu bitten. Nach einem kurzen Eingang legte ich ihm die Erklärung des Oberamtmanns vor.

Er sah mich sehr ernst an: Ist das auch der Mutter Entscheidung?

Das ist nicht klar; sie scheint sich leidend zu verhalten.

Er gieng tiefsinnig im Zimmer herum. Mir gefiel das nicht, ich hätte ihn lieber ausbrausen gesehen. Sir Henry's Dazwischenkunft, sagte ich endlich, dünkt mir ein günstiger Zufall; Sie gewinnen Zeit, und der Alte besinnt sich vielleicht. Denn sein Vorschlag -- --

-- -- Verdient keine Ueberlegung.

Und Charlottens Besiz? fragte ich, freyer athmend.

-- Hängt mich von diesem Manne ab.

Doch von der Mutter, und wie leicht wird die sich stimmen lassen!

Er stand still, und sah mich an, als störte ich den Gang seiner Ideen. Nach langem Schweigen sagte er: Ja, Sir Herny's Ankunft wird mir gut thun! Ich hatte mir wohl Hindernisse gedacht, allein die sich durch Gründe,

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durch Empfindung bekämpfen liessen; dieser alte Mann aber handelt aus Eigensinn, und kennt keine Empfindung. Gegen ihn müßte ich ..... andre Waffen brauchen.

Er wars zufrieden, daß ich hier blieb, Denn ich fragte nichts nach der Residenz; ausserdem war ich hier auf dem halben Wege nach *dorf, und konnte die Briefe von daher so zeitig erhalten, als es nach Beschaffenheit der Umstände dienlich seyn möchte. Maiberg reiste eine Stunde darauf sehr übel gestimmt ab, und ließ mich nicht heiterer zurük. Ich treibe mich seitdem in den Kollegien, bey den gelehreten Herren, auf den Bibliotheken herum. Beyliegender Brief aus dem Amthof, den ich nach einigen Tagen erhielt, machte, wie sie sehen werden, nichts besser.

5.Von Clemencen

 

Das arme Lottchen! Der Großvater geht seinen Weg in seiner Satanität fort, und sieht

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dabey recht gut, wie sich das arme Kind quält, wie sie, sich unbewußt, durch ihre furchtsamen Liebkosungen, durch Theilnahme an seinen Beschäfigungen, durch Eingehen in seine Ideen, ihn zu gewinnen sucht. Der alte Herr, der kein Zeichen einer vernünftigen Existenz kennt, als rastlose Thätigkeit, dem Geniessen und Langeweile haben ganz einerley ist, der, nicht zufrieden, als Oberamtmann den König Salomo unter einigen tausend Bauren zu spielen, auch noch Fabriken dirigiet, Haiden urbar macht, Kanäle gräbt, hat unter andern eine große Liebhaberey für die Erdbeschreibung. Da lagen heute einige unermeßliche Karten, die er mitgebracht hat, auf dem Tische; Charlotte hatte sie aufgeschlagen, und war auf Nordamerika gefallen-- Plözlich trat der Alte mit einem eben herausgekommenen Werke über die amerikanischen Kolonien herein, in welchem er gelesen hatte, und nun kam er, mit seiner gewöhnlichen Versessenheit auf einen Gegenstand, um in der Karte nachzusehen. Komm, Lottchen! rief er, ohne sich bey dem Zufall aufzuhalten, daß sie sich eben mit der nämlichen

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Karte, um die es ihm zu thun war, beschäftigte -- hilf mir einmal mit dienen Augen-- Er blikte in sein Buch, und hielt den Finger auf einen Flek der Karte. Lottchen sah aus wie ein ertappter Dieb; doch stellte sie sich nach besten Kräften an, als erwartete sie aufmerksam des Großvaters Unterricht. Hier, sagte er, ist der lezte europäische Posten -- hui, welch eine Strecke! -- Nun doziete er, wie ehemals gar keine Verbindung mit diesen Nationen gewesen wäre, und nun der Handel so große Vortheile durch sie erhalten hätte, die noch so sehr vermehrt werden könnten; er unterließ nicht zu bemerken, wie endlich die Gewinnsucht, die in Europa so oft der Unwissenheit und den Vorurtheilen zur Hand gienge, jenem ungeheuern Lande Kultur und Kenntnisse zuwege brächte. Ich meines Theils hörte dem klugen Alten mit Vergnügen zu, folgte seinen Träumereyen, worin er mit den rothen wollenen Decken, durch welche die Engländer jezt die armen Amerikaner um ihr Pelzwerk betrügen, die Wege für Newtons und Locke's Weisheit gebahnt sah, und da angebaute Felder

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erblikte, wo die schmutzigen Wilden vom Nootka-Sund mit stumpfen Messern am Strande sitzen, und halb faule Wallfische zerstückeln -- doch auf einmal hielt er inne, und siehe, er folgte Charlottens Augen -- nach Virginien. Das gute Kind war über das Großpapa's ferne Aussichten von Vervollkommnung in tiefe Gedanken gerathen, und vom See des Velasco immer südlicher, südlicher bis zum Ohio gelangt, wo ihr Auge festgeheftet blieb. Dem Alten gieng ein Licht auf; er sah das Mädchen mit einem grimmigen Blicke an, diese erwachte plözlich; da ihr seine lezten Worte, von Patenten zu eiener Niederlassung, die der König von Spanien ich weiß nicht mehr wem geben sollte, noch in die Ohren tönten, wollte sie mit der lächerlichsten Verwirrung in das Gespräch eingehen, und fragte: Ertheilte denn die Regierung dies Erlaubniß?-- der Oberamtmann schlug die Karte um, Charlotte wich vor Schrecken einige Schritte zurük -- Nein, Fräulein, nein, sie ertheilte die Erlaubniß nicht, und sie wußte es so einzurichten, daß der ganze Plan zu Wasser wurde. -- -- Er

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sprach diese Donnerworte, als hätte er alle Macht von Spaniens Veherrscher in Händen, und gieng mit seinen papiernen Welttheilen unter dem Arm, zum Zimmer hinaus.

Armes Lottchen! Und das sind doch die schönsten, theuersten Erinnerungen, die uns aus unsrer Jugend übrig bleiben! Wie oft schon dachte ich dieses, wenn ich das liebe Mädchen tröstete, wie oft, wenn ich mein eigenes, an Schiksalen so reiches Leben durchgieng! Dieser Schmerz, diese Thränen der Liebe sind uns in der Erinnerung so viel theurer, als ihre Freuden -- Und was ist, von früher Kindheit an, die Erinnerung an Freude? Ich hörte von so vielen Menschen die Freuden der Kindheit rühmen, und wenn ich mir dann erzählen ließ, so war es ein Irrthum: sie dachten nicht an ihre Freuden, sondern an ihre Thatigkeit, kurz an die Epochen lebhafter Empfindungen zurük. Guter Gott! Freuden eines Kindes! -- Ich kann ein Kind nicht froh sehen, ohne dem Weinen nahe zu seyn. Ein frohes Kind ist für mich ein rührenderes Bild der Blindheit gegen das Schiksal,

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als das Lamm, das an seines Würgers Hand spielt; ein Kind, das seine zürnende Mutter liebkosend umarmt, beweist nach meinem Sinne mehr Ergebug, als der Christ, der die Hand anbetet, die ihn züchtigt -- das Kindes Glauben muß für wahr annehmen, daß es fehlte, da jener nur zu glauben hat, da ß die Strafe ihm frommen soll. Wie oft verstehen wir denn ein Kind, wenn wir es strafen? Wie oft hätte ich nicht meine Kleinen um Verzeihung bitten mögen, wenn ich sie nach bestem Wissen, gewiß mit kaltem Blut, um einer Unart willen bestraft hatte, die armen Seelchen nach langem Kampfe sich gefügt hatten, und ich dann zufällig auf die Spur gebracht wurde, daß sie sich selbst unbewust, nach einem durch Instinkt oder Nachahmung entstandenen Plan handelten, aber eben darum, weil der Plan etwas Vereinzeltes hatte, weil sie sich den Zusammenhang ihres Thuns mit ihren Ideen nicht erklären konnten, nur desto unvernünftiger scheinen mußten! Ihnen blieb das alles dunkel; die konnten blos fühlen, daß die einen nach ihren Begriffen unschuldigen

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Willen gehabt hatten, in welchem ich sie eigenmächtig störte. Und mit welcher rührenden Selbstüberwindung giebt solch ein gutes Geschöpf sich zufrieden, mit welcher Trostlosigkeit nimmt es anfangs das Spielwerk, durch das es zerstreut werden soll, lächelt dann bald durch seine Thränen, und baut aufs neue an seinem kleinen Glüksgebäude! Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es denn nicht möglich seyn sollte, ein Kind ohne diese blinde Aufopferung seiner liebsten Freuden bis zu dem Alter aufzuziehen, wo die Vernunft die Gründe eines Verbots schnell genug einsieht, um der Leidenschaft nicht Zeit zum Erwachen zu lassen. Aber ich finde es unmöglich. Für Pflanzen und Thiere, und alles, was keine Vernunft hat, wacht die Natur, giebt ihnen Jahreszeiten, Futter, dürres Laub um das Lager -- leichte Flocken, um das Nest zu bereiten. Die Mutter des Menschen muß selbst alle Vorkehrungen treffen; sie erhielt zu dem Ende nur Herz und Vernunft, keine äusseren Materialen, und so wie sie für die physische Sorgfalt die Stelle der Natur fast ganz vertreten muß, eben so

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vertritt sie auch in moralishcer Rüksicht die Stelle des Schiksals. Sie waltet über die Handlungen des Kindes; widerstrebend und ohnmächtig muß sich das kleine Wesen unter ihren dunkeln hohen Willen beugen. Und es ist recht gut so -- denn wird es späterhin wohl besser? Hat die Jugend mehr Glük, mehr Freyheit? Unser Begehren bleibt immer gleich heftig, unser Entsagen gleich erzwungen. Dort glaubten wir der Mutter, die uns liebte, uns lohnte; bald drängt man unserm Geist, zu gleichem Endzwek, andre Gründe auf. Wir glauben wieder, glauben -- was unserm Gefühl widerspricht, unsrer Vernunft unzugänglich bleibt. So tritt die Zeit ein, wo die erwachenden Sinne uns diese Knechtschaft des Geistes mit den Gafahren des Herzens vertauschen lassen. Dunkles Sehnen nach gewaltigeren Gefühlen ergreift uns: Liebe ist das natürlichtse, das am leichtesten thätige, und so machen wir uns denn einen irdischen oder himlischen Götzen, leiben mit allem Genuß, allen thörigen Schmerzen dieses Alters, legen diesem Augenblik eine Wichtigkeit bey, als sey er die Grundlage

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unsers ganzen künftigen Lebens -- ja unersättlich schreiten wir gar, von ihm aus, zur Ewigkeit über. Denn sagen Sie selbst, spricht das liebe, liebe, und doch immer etwas erbärmliche Völkchen bey seinen hohen Leidenschaften nicht immer vom Tode? buhlt nicht die blühende Jugend um ihn, der von ihr allein seine alles ergreifende Hand fern zu halten scheint, wie um einen spröden Geleibten? Sehnt sich nicht so ein gutes Kind, eins um das andere, und recht im vollen Ernst, in das kalte Grab, und in des Herzgeliebten Arme? Es ist ja auch natürlich: die Kräfte entwickeln sich, sie streben nach Anwendung, und der Wirkungskreis fehlt, die Bande an das Leben fehlen. Endlich kommen diese: die Leere schwindet, man baut für die Zukunft; der Baum faßt Wurzel, strekt seine Zweige aus -- doch kaum erntfaltet sich seine schöne Blüthe, so werden schon alle, die seine Schönheit anzog, vom heissen Sonnenstrahl verscheucht: nun bilden sich auch die Früchte; manche fallen vor der Reise, vom rauhen Nordwind zerstört, manche, muthwillig, abgeschlagen, sieht der

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trauernde Stamm zu seinen Füssen vermodern -- -- Und jezt, jezt erst entspinnt sich, fester und fester, des Menschen traurige Abhängigkeit vom Leben. Er hat so manches begonnen, das er ausführen möchte, auch wohl müßte; die Kräfte sinken, der Genuß erstirbt, und mit der Dürstigkeit des Lebens nimmt zugleich der Abscheu vor dem Tode überhand.

So mag sie denn weinen, und ihre Thränen geniessen, und ihren Schmerz. Wenn sie einst, fern von diesen Szenen ihrer Jugend, sich allein fühlt, wenn Maiberg das Verhängniß erfüllt, das über euer Geschlecht gesprochen ist, und die fantastischen Gefühle der Liebe gegen schlichte treue Häusleichkeit vertauscht, wenn sie an ihrer Kinder Grabe weint, oder ihre blühende Tochter, die mütterlichen Pflege entwachsen, mit dem Mann ihrer Wahl dahin zieht, -- kurz in jedem Weh, das ihr Herz tief erschüttert, und das sie allein -- allein bekämpft, wird das Andenken jener Thränen, jenes Schmerens ihr füß seyn. Nichts aus meinem ganzen Leben möchte ich wiederholen; müßte ich aber einem Zauber nachgeben, der

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mich den langen Weg noch einmal zu gehen zwänge, so freute ich micht doch, den Sturm jener Gefühle wieder zu empfinden.

Wenn meine Betrachtungen das menschliche Glük nicht sehr heruasstrichen, so wird das, was ich Ihnen noch zu erzählen habe, eben auch nicht zum Lobe des Menschensinnes gereichen -- der, wie weise Leute sagen, in Glükseligkeits Berechnungen nicht so ganz auszulassen ist. Bis Ihr euch rüstet, euren *dorfer Richtern unter die Augen zu treten, lassen Sie sich die merkwürdigsten von den Erscheinungen, die hier an uns vorüberschwinden, von mir aufführen.

Mit dem guten Rentmeister, der an seine Rechnungen und Einkassierungen zurükkehren mußte, hat sich auch die platteste aller Erschienungen, der ehrsame, landeswohlfahrtbedachte Herr Hofrath von Buscher verloren, und recht erschienungsmäßig keine Spur zurükgelassen. Fiele es mir nicht zuweilen ein, eine oder die andere von seinen gelehrt eleganten Redensarten anzubringen, so würde wahrscheinlich niemand mehr an ihn denken, und

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der Geheimderath am wenigsten, ob er ihn gleich, als er uns mit seiner Gegenwart beglükte, für einen der hoffnungsvollsten jungen Männer Deutschlands anzusehen keinen Anstand nahm. Diese moralische Sternschnuppe ist in unsern Zirkel von einem ganz andern Meteor verdrängt worden, von einem Kometen, dessen ungewöhnliches Flammen unsre kleine Welt zu verzehren drohte, wiewohl er hoffentlich, der Meynung unsrer weltallskundigen Landsleute von dieser Schreckengestalt gemäß, in bloßen Dünsten bestehen soll -- --

(Notabene, bitte ich mir aber doch aus, daß Herr Maiberg das Wort Komet nicht durch Irrstern übersetze; Lottchen könnte mir sonst die ganze poetische Allegorie sehr übel nehmen.)

Leben wir also da, gar behutsam, um einander nicht anzustossen, dieweil wir gröstentheils sehr reizbar und gebrechlich sind, neben einander; die gute Mama arbeitet, und mag im Herzen eines dazwischen beten, der Oberamtmann sucht die nördliche Durchfahrt, Lotte weint inkognito, der Geheimderath und ich empfinden

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und disputiren zusammen -- als man ersterem, c'est à dire dem Geheimderath, einen dicken Pack Briefe überbringt. Ich hatte auch einen erhalten, der mich genug beschaftigte, um mich in der ersten halben Stunde auf den Ton der Unterhaltung wenig achten zu lassen. Die Amtmännin, die an dem, was mich interessirte, auch theilnehmen konnte, ließ sich mit ihrer gewöhnlichen Herzensgüte von meinem Manne, meiner nahen Hoffnung, ihn bald an seinen Posten zurükkehren zu sehen, und allen meinen dermaligen Freuden und Leiden erzählen. Der Oberamtmann machte einige Spässe über die Liebe, die durch Abwesenheit frisch erhalten würde, Spässe, denen nur das feindselige Wesen, mit welchem er sie vorträgt, ihre Plattheit benimmt. Daß Herr von L. ausserst zerstreut war, und in mein Interesse so wenig eingieng, als wäre ich eben zum erstenmal vor seine Augen getreten, nahm mich just nicht Wunder: ich bin die beständige Ebbe und Fluth an ihm gewohnt. Aber Lottchen, der die Liebe jede Kleinigkeit zu einer guten oder bösen Vorbedeutund macht, sagte mir liese, der Onkel

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habe gewiß unangenehme Dinge erfahren -- ach Clemence, mir steht gewiß neuer Kummer bevor!

Ich schalt ihren Kleinmuth, und hieß sie aus dem Zimmer gehen, mit dem Versprechen, dem Onkel seine Neuigkeiten abzufragen. Nun beobachtete ich meinen Mann, und merkte wirklich einen überaus tiefsinnigen, halb schläfrigen Zug um die Augenbraunen an ihm. Er fieng mit dem Oberamtmann, den er sonst keinesweges aufzusuchen pflegt, ein sehr verworrenes, jedoch von seiner Seite, wie sich bald ergab, beziehungsvolles Gespräch an, über einen Prozeß, der sich hier in der Gegend zwischen einem Herrn Baron und einem Schulmeister entsponnen hat; lezterer hat jenen einmal, aus guten Ursachen, zu seiner Thüre heraus -- ich weiß nicht ob geführt oder geworfen, und ihn doch nachher zum Schwiegersohn haben wollen. Zu dieser Würde wollte der Oberamtmann den Baron in alle Wege verurtheilt wissen: so hätten, behauptete er, beyde Theile, was sie verdienten; der Baron hätte eine Frau, die dumm genug gewesen wäre, sich von ihm anführen zu

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lassen, und also dumm genug zu manchem andern seyn würde, und das Mädchen hätte zur gerechten Strafe einen Baron zum Manne. Diesem desperaten Gutachten, das der Alte mit aller ihm eigenen Härte verfoch, stellte der Geheimderath einige vernünftige Dinge, die Unsittlichkeit einer unausbleiblich schlechten Ehe betreffend, besonders aber eine Menge sehr weit hergeholter Sätze, von bürgerlicher Ordnung, von Anmassungen der niederen Stände u.s.w. entgegen.

Es gieng wie immer: die beyden Herren geriethen bald so lebheft in Streit, daß ich mit einigen Narrenspossen dazwischen zu kommen für gut fand. Da ich überhaupt Unrath zu merken glaubte, dachete ich: du willst leiber gleich mit der Thüre ins Haus fallen -- und bat Herrn von L., uns statt dessen zu erzählen, ob ihm seine Frau Schwester nichts neues von unserm verliebten Huronen zu wissen thäte.

Darauf hatte er blos gewartet. Er las uns, nicht ohne einige herzbrechende Präliminarien, eine lange, schön aufgestuzte Geschichtsklitterung von Ihres theuern Freundes Geniestreich

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mit dem Vetter Schuster vor. Diese schien mir in der Hauptsache nicht unwahrscheinlich, aber die Darstellung war von Madame's Erfindung. Es erhellte aus dem saubern Schreiben, daß ihr Seherauge Maibergs Herzensgeheimniß auf den ersten Blik errathen hatte: die Frau scheint allen Leibhabern der Welt Feindschaft geschworen zu haben, bis ihr Töchterchen untergebracht seyn wird, und so hatte sie, mit der feinsten Kenntniß von ihres Bruders Schwächen, Euer Abentheuer in dem nachtheiligsten Lichte geschildert. Wie sie das Ding dreht, habt Ihr einen öffentlichen Skandal gegeben, mit dem Vetter Schuster, glaube ich, gar Brüderschaft getrunken, und eben so öffentlich ist die Schande gewesen, die Ihr davon gehabt habt, indem in der Assemblee niemand mit Euch hat spielen wollen; der guten Frau ist das Liedwesen widerfahren, über Euch einen Streit mit ihrem gleiebten Manne zu haben, weil er Euch wider ihren Willen zum Abendessen geladen hatte, u.s.w.

Unsre arme Mama, die sehr wohl sah, wo alles hinausgieng, dabey aber nicht Selbstständigkeit

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genug hat, die Frau und alles was von ihr kommt, gleich nach Würden zu schätzen, war sehr betroffen und unruhig. Ich nahm sehr entscheidend das Wort: Sie wissen, lieber L, wie sich die Dinge erzählen; zum Theil kann die Sache wahr seyn; ganz so, wie Ihre Frau Schwester sich sie hat berichten lassen, ist sie zuverläßig nicht, und so denke ich, wir müssen uns dadurch zu keinem Vorurtheil gegen den jungen Mann hinreissen lassen. Nehmen wir die Hauptzüge an: Maiberg hat in einem Schuster zu Z.. einen Vetter erkannt, hat bey seinem Kinde Gevatter gestanden; die feine Welt, die Z..er Assemblee hat Gesichter darüber geschnitten; Ihre Frau Schwester hat an einem Gast der so niedrige Verwandten hat, Aergerniß genommen -- --

Nun, ist das nicht genug? fiel der Geheimderath ein, erröthend vor Zorn über meine Gabe, den schwesterlichen Text auszulegen.

Genug zu eienm sehr albernen, ungeschikten Zufall, aber nicht um dem Karakter des jungen Maiberg den mindesten Flecken anzuhängen.

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Davon ist nicht die Rede. Auf alle Fälle legt das einer Verbindung mit ihm grosse Hindernisse in den Weg. Die Meynung der Welt bleibt dieselbe, und so gleichgültig diese Meynung für das Glük eines aufgeklärten Menschen auch ist, so nothwendig ist doch zu unserm Fortkommen im bürgerlichen Leben, und selbst zur Erfüllung unsrer Pflichten, die Achtung für gewisse .... Vorurtheile, wenn Sie wollen; aber ein jeder von uns braucht einmal in seinem Amte ein gewisses Ansehen, bedarf gewisser Konnexionen, zu denen es nicht paßt..... so rühmlich es auch, in andern Rüksichten, nach Beschaffenheit der Fälle ist..... sich mit jener Klasse von ..... in ihrer Art gewiß sehr achtungswürdigen Menschen auf gleichen Fuß zu stellen. Ich würde allerdings, für meinen Theil, mir's nicht zur Schande rechnen, der entfernte Vetter eines Z..er Schusters zu seyn; allein mancher Kollege, dessen Mitwirkung ich mir morgen verschaffen muß, um irgend etwas Gutes ins Werk zu richten, würde anders davon denken, und ich darf, um dieses Guten willen, gegen seine Denkungsart

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nicht anstossen -- -- -- Und dann -- giebt es heut zu Tage noch andre Rüksichten. Die unteren Volksklassen scheinen wirklich auf dem Wege, einen Schwung zu nehmen, der ihrem eigenen Glücke, welches nur in stiller Mittelmäßigheit blühen kann, ungemein schädlich, und der bürgerlichen Ordnung im Ganzen sehr nachtheilig zu werden droht. Diese Leute lesen, schwatzen, ja reisinniren, fangen an, sich einzubilden daß sie es an unsrer Stelle auch so gut wie wir machen würden, daß wir also gewissermaaßen einen Raub begehen, indem wir an unsern Stellen, und sie an den ihrigen bleiben. Sie beobachten uns, werfen sich zu unsern allzeit fertigen Tadlern auf -- und das einzige Mittel, diese höchst schädlich Tendenz abzuleiten, ist gewiß, sie so entfernt als möglich von uns zu halten, so daß sie den Unterschied, den Erziehung und Kenntnisse zwischen uns und ihnen stiften, wieder recht kräftig empfinden lernen, und dadurch an ihren Plaz zurükgewiesen werden --

Ich bin dem Menschen gut, wie er es auch is so vielen Stücken verdient -- troz meines

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bösen Geistes getraute ich mir nicht, ihn bey diesem seichten Gewäsche ins Auge zu fassen: ich fürchtete, ihn zu sehr zu beschämen, da er erst gestern im Gespräch mit mir auf solche erzpopulaire -- und wohlgemerkt recht praktische Einfälle gerathen war, daß ich ihm im ganzen Ernst seine Unvorsichtigkeit und seine gefährliche Schwärmerey hatte vorhalten müssen. Er wäre aber blos von den Wolken gefallen, wenn ich ihn daran erinnert hätte, und sein Kopf ist einmal viel zu verworren, als daß ein solches Ereigniß ihm zu dem Gefühl seiner eigenen Inkonsequenz verhelfen könnte.

Er fuhr fort: das sind lauter Rüksichten, welche jenen Vorfall wichtig machen. Meine Nichte weiß, wie innig mir ihr Glük am Herzen liegt, und ich hoffe, sie wird es meiner Erfahrung glauben, daß ein exaltirtes Gefühl gegen täglich wiederkehrende Störungen nicht aushält --

Ja ja wissen wir, Herr Geheimderath -- unterbrach ihn jezt der Oberamtmann, der ihm bisher sitzend, das Kinn auf sein spanisches Rohr, mit dessen Schnur er lebhaft

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spielte, gelehnt, und mit einem stillen Ausdruk von innerem giftigem Spott zugehört hatte -- aber an Ihren Gründen kann ich den Zusammenhang nicht absehen. Sie sagen, um das allgemeine Beste zu befördern -- was denn freylich ein hübsches Stük Arbeit ist -- müßten Sie Ihren Kollegen nach der Pfeife tanzen. Lieber Mann, da wollen Sie aber viel unternehmen -- wenn Sie es denn auch den Herren von A. und von B. und von C. recht machten, indem Sie so einer ärgerlichen Vetterschaft aus dem Wege giengen, wissen Sie denn, ob die Herren von D. und von F. nicht die Nase darüber rümpfen, daß ich -- hier stand er auf, den Kopf zurükwerfend, und sich auf den Bauch schlagend -- ich, Ihres Bruders Schwiegervater, zu meiner Zeit ein kleiner Krämer in ** war? Es ist im Grunde mit den Herren, durch das ganze Alphabet hindurch, besser auszukommen, als Sie meynen: eine Hand wäscht die andre; Sie tragen kein Bedenken, der Frau Gemahlin der Herrn **,*** Exzellenz täglich die Cour zu machen, so sicher das hanze ländchen weiß, daß

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sie des Prinzen .... ist, und der Herr**,*** läßt Sie seit zwölf Jahren das allgemeine Beste befördern, ob ich gleich die Ehre habe, in Ihre Familie zu gehören. Ihre zweyte Ansicht mein lieber Herr von L., verstehe ich nicht ganz; sie gehört aber auch nicht hieher -- Mich dünkt, wenn Sie sich den armen Teufeln nähern, sie ein wenig unterrichten, Ihnen merken lassen, wie viel dazu gehört, das allgemeine Beste in Händen zu haben: sie werden grosse Augen machen, und sich gern bescheiden, davon zu bleiben. Ich höre -- und von Ihnen ganz besonders, Herr Geheimderath -- viel von einer neuen Entdeckung sprechen: daß diese Leute auch Menschen sind. Mein Lebtage habe ich nicht gezweifelt, daß sie Menschen sind, wie wir, und grundschlecht -- gerade wie wir. Darum habe ich immer gefunden, je beser sie's hätten, desto besser führe man mit ihnen, desto weniger Böses fänden sie nöthig zu thun. Als ich zu meinen Bauern kam, konnte keiner lesen noch schreiben, und sie bestahlen mich wie die Raben, fluchten und schimpften wie die Heiden. Seit sie eine Schule

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haben, sich ein Hemd und eine Jacke kaufen, ihren eigenen Kohl pflanzen können, lassen sie mir meine Leinwand auf der Bleiche, mein Kraut im Garten stehen; und es hat mir noch keiner merken lassen, daß er Oberamtmann werden will. Wenn sie des Sonntags in der Schenke sitzen, mögen sie meinetwegen raisonniren und Zeitungen lesen, so viel sie wollen: das ist nicht mein Departement. Will aber so ein Gauch ein Zaunpfählchen einreissen, oder den Schulzen nicht aufs erste Wort hören, so lasse ich ihn krumm wie ein Eichhorn zusammenschliessen. Auf unsern eigentlichen Wirkungskreis -- (alle die Lieblingsausdrücke des armen Geheimderaths wiederholte er immer mit spöttischem Nachdruk) -- kann der Meister Vetter gar keinen Einfluß haben; will also Herr Maiberg sonst miene Bedingung erfüllen, so mögen alle Handwerker der civilisirten Welt von seiner Sippschaft seyn -- mir gilt es gleich.

Mit diesen Worten schritt der Alte langsam zur Thüre hinaus, und ließ den Geheimderath, der während seiner Rede viel Mühe gehabt

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hatte, sich zu fassen, äusserst zornig zurük. Doch L. ist ein Ehrenmann: er erlaubte sich keinen unanständigen Ausdruk über den sonderbaren Greis, und überdem liebt er die Amtmännin zu herzlich, um ihrem Vater nicht alles nachzusehen, was sein Alter nur immer entschuldigen kann. So viel hat aber der Oberamtmann, durch seine schonungslose Behandlung der Schwäche meines armen Freundes, immer geschadet, daß der Geheimderath in seine ganze Unsicherheit, in alle seine Bedenklichkeiten wegen des Maibergischen Antrags zurükgefallen ist, und nun Charlotten durch weichliche Ueberredung die er gegen ihre Liebe anwendet, nicht weniger quält, als der Großvater durch seine strengen Machtsprüche.

Sehr schmerzlich fühlt die Mutter diesen Streit, diese Wechsel. Ach, sagte sie mir, wie viel leichter ist es, sich in Gottes Willen zu fügen, als sein Schiksal in den Händen der Menschen, auch der besten, zu haben! Hätte die Vorsehung ein Unglük geschikt, so hätte sie mich zugleich mit Ergebung gewaffnet; hier soll ich handeln, und noch bete

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ich umsonst um die Möglichkeit eines Entschlusses!

6.  Von Clemencen.

 

Bitten Sie doch ja Ihren jungen Freund wegen des Kometenvergleichs um Verzeihung. Er gebührt ihm in keinem Falle, und ich gäbe mich auch mit einem solchen erhabnen Meteor nicht mehr ab. Statt dessen begnügt sich mein ganzer Ehrgeiz, Irrlichter zu studieren, und diese -- ach diese tanzen im Gehirn meines treuen Freundes, der Geheimderaths! Aus der Heirath kann nichts werden -- Eher würde er sich, sein Glük, das Glük seiner Nichte aufopfern, als die Ordnung der Gesellschaft also umkehren --

Ja ja! Sehen Sie noch so erstaunt, noch so verdrüßlich über meinen vermeynten Scherz aus; es ist nicht anders! der Amerikaner Maiberg -- das behaupte ich, und das werde ich Herrn von L. noch begreiflich machen -- ist

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für Fräulein Charlitte von L. eine zu glänzende Parthie. Bey solchen Verbindungen, solchen Aussichten, wie er hat, würde ihm so ein schlichtes Landmädchen nur im Wege stehen --

Schon ein Paarmal haben Sie -- was denn wirklich nicht Ihre leibenswürdigsten Augenblicke waren -- bey meiner Lustigkeit ausgesehen, als hätte dieselbe das Unglük, Sie ungeduldig zu machen. So wie ich aber, troz meines heissen Verlangens, die Leute gerade alsdann durch verdoppelte Unvernunft in Verzweiflung zu bringen -- dennoch in solchen Fällen die Gutherzigkeit habe, gleich enrsthaft zu werden, so will ich auch jezt recht ordentlich referiren.

Davon wußte ich kein Wort, daß der Komet -- (nun, noch einmal soll mir's Maiberg erlauben, ihn so zu nennen; diesmal geschieht's ja in allen Ehren!) am Horizont der Residenz erschienen wäre. Sie hätten mir das berichten, und überhaupt mich nicht wie einen blossen Geheimschreiber ansehen sollen, der dem Minister nur immerfort Bericht erstatten muß,

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ohne je mit einer freundlichen Antwort beehrt zu werden.

Da ist nun vor ein Paar Tagen Frau Geheimderäthin von L., troz einiger Krämpfe, Vapeurs und Brustschmerzen, blos um nach dem Rath des Arztes sich Zerstreuung zu verschaffen, im Zirkel bey der alten Oberhofmeisterin von P. erschienen, wo Sr. Durchlaucht und Höchstdero Frau Gemahlin unerwarteter Weise gleichfalls eintrafen. Frau von G. und Gräfin D., und Fräulein von H., und einige andre eben so seine Kennerinnin versammelten sich um die Fürstin, und erzählten ihr Wunderdinge von der unerhörten Liebenswürdigkeit eines jungen Amerikaners, der heute von dem englischen Obristen-- (wahrscheinlich haben sie immer nur Einen auf Einmal, denn er wird mit keinem besonderen Namen bezeichnet)-- bey der Baronin von F. aufgeführt worden war. Ein Langes und ein Breites war es was sie von seiner Schönheit, seiner Unbefangenheit, seinen Repartien erzählten. Ein Ingenü und ein Grandison in Einer Person! Und sein Betragen gegen jenen Obristen,

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den er wie einen Vater zu lieben schien! Und die zärtliche Achtung, die ihm derselbe-- wie sich bey eienem Britten schon von selbst versteht etwas sonderbare und krittliche Obrister bezeugte! Kurz, es kam alles zusammen, um aus diesem Amerikaner ein wahres Mirakel zu machen.

Und siehe, man war mit dem Kapital noch nicht fertig, so öfnete sich die Thüre, und der englische Obriste trat herein, mit einem jungen Fremden, bey dessen Anblik die Weiber sogleich flüsterten: das ist er, das ist er! -- Der Obriste präsentiete Ihren Durchlauchten den Fremden. Man sprach mit ihm: er gefiel, und gefiel dermaaßen, daß der Fürst die Karte abwies, mit diesem Fremden, dem Engländer, und dem **schen Gesandten sich den ganzen Abend am Kamin unterhielt. (Den **schen Gesandten hält man dort für einen Dämon an Verstand, weil er frech genug ist, die Weiber so schlecht zu behandeln, wie er von ihnen denkt, und es ihm dennoch gelingt, welcher er will etwas weiß zu machen.) Die Oberhofmeisterin verließ ein Paarmal ihr Spiel, und sezte sich zu den

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Herren: auf ihre Bekräftigung,daß man nie einen liebenswürdigeren jungen Mann gesehen hätte, war der ganze Hof in Anbetung versunken.

Noch nicht genug: während sich die Fürstin sehr gnädig mit der Frau von L. unterhält, und sich nach ihrem achtungswürdigen Gatten erkundigt, nähern sich Sr. Durchlaucht, und fragen Dero Gemahlin, ob es Ihnen recht sey, morgen mit den beyden Fremden en partie carrie in *** lust zu speisen, um den Herren die Anpflanzungen von amerikanischem Gehölz im Bosquett zu zeigen. Dir Fürstin ist entzükt von diesem Vorschlag -- Frau von L. traute bey allen den Ereignissen ihren Augen und Ohren nicht; sie wußte nicht, sollte sie sich begnügen, durch eine schnelle Flucht sich wenigstens aus der Atmosphäre dieses Menschen, gegen welchen bereits ein wohlverdienter Stekbrief aus Z.. bey ihr eingelaufen war, zu entfernen, oder erforderte es die Lehnspflicht, Sr. Durchlaucht zu unterrichten, oder hätte die besondre Gunstbezeugung des Fürsten die mehr als göttliche Macht, Geschehenes ungeschehen,

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und den Vetter zum Nicht-Vetter zu machen, ja vielleicht gar einen so kräftig retroaktiven Einfluß, um die Voreltern dieses Pilzes -- denn so schnell wie ein solcher im Glanz der Sonne, war der Amerikaner im Zirkel der vornehmen Gesellschaft aufgeschossen -- bis ins sechzehnte Glied hinauf zu adeln.

Unter allen diesen quälenden Zweifeln blieb sie, sah, staunte, und blieb. Aber gerechter Himmel -- welch eine Ueberraschung stand ihr noch bevor! Spät nach dem Souper war ihr Kousin, der Generalmajor, zu ihr gekommen, fluchte über die Verderbniß der Zeit, über den unseligen Geschmak des Fürsten für Gelehrte, Dichter, Reisende -- da hätte er die Ehre gehabt, bey der Frau **,*** in zu speisen; unvermuthen kamen Sr. Durchlucht dahin, erzählten von nichts, als dem jungen Amerikaner, und erzählten -- schon zehnmal hatte Frau von L. ihn unterbrechen wollen, zur Erleichterung ihres Herzens ihm alles anvertrauen wollen, was sie von dem Hochverräther wußte: umsonst, er fuhr unaufhaltsam fort -- erzählten ..... nichts mehr und nichts weniger, als

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die ganze Schustergeschichte! -- Diese mußte Frau von L. jezt von ihrem Kousin anhörin, der sie aus Sr. Durchlaucht höchst eignem Munde hatte: das Wort erstarb ihr in dem ihrigen; er genoß eine Weile ihr Erstaunen -- Und diesen Menschen, sezte er hinzu, bewundert der Fürst, nennt so eine Niederträchtigkeit Edelmuth, Unabhängigkeit -- spricht, Gott verzeih mir's, von Republikanismus! Und der **sche Gesandte, der mit einstimmt, von dem Adel spricht, als sey das nur so ein Pappenstiel! Und die verdammten schönen Geister, mit denen die kluge Frau, die **,*** in umgeht -- ob man sich's am Ende nicht gar zur Ehre wird anrechnen müssen, mit ihnen zur Tafel geladen zu werden!-- mischen sich auch hinein, daß es dann eine Unterhaltung giebt, wo einem die Haaare zu Berg stehen -- Wahrlich, ich möchte wohl Sr. Durchlaucht fragen, wenn dieser amerikanische Freystaat so etwas vortreffliches ist, warum Dieselben Ihre Soldaten hinschikten, um den Engländern die Rebellen zu Paaren treiben zu helfen?--

Es will verlauten, daß der Kammerherr

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von K., ein feiner, aufgeklärter, und halb empfindsamer Hofmann, einen Expressen nach Z.. geschikt hat; und man vermuthet, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, er gehe damit um, Sr. Durchlaucht mit einem Paar Schuhe, oder Stiefeln, von der Mache des Meisters N. N., Vetters des Herrn von Maiberg, zu überraschen--

Ich bin fertig! Jezt lasse ich Ihnen alle Freyheit, sich zu verwundern, zu fragen, zu exklamiren. Ob ich in der Residenz war, wollen Sie wissen? Ganz und gar nicht. Ob ich das alles geträumt habe? Keinesweges. Zu träumen ist zwar ein recht gutes Mittel gegen das Langweilige vom Schlaf; allein mit so abgeschmakten, und leider so unwunderbaren Träumen gebe ich mich nicht ab.

Gelesen habe ich's, gelesen schwarz auf weiß, von der Frau von L. eigner Hand, in einem ellenlangen Brief, den sie an ihren Mann geschrieben hat, der alle obigen Fakta enthält, bis auf einege Pinselstriche, zur Ausmahlung des Kostüme's, die ich hinzugefügt habe. Lieber Himmel! Ich kenne die Leute; ich sehe den

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armen, von Langeweile geplagten Fürsten, wie froh er ist, einmal Leute zu sehen, die so etwas wie neue Gedanken oder Empfindungen bey ihm erwecken -- wie er in dem angenehmen Bewußtseyn, diesmal nicht ganz leer zu seyn, nun seinen armen Kammerjunkern darum das Leben schwer macht, weil sie ihm durch ihre Albernheit seine Leere so oft fühlbar machen -- wie er Maiberg herausstreicht, und sich recht gutherzig freut, daß es sie ärgert. Und der alte Generalmajor, der noch so leicht daran erinnert wird, daß sein Herr Vater hochgebornen Andenkens der erste war, der für sein baares Geld das wundersame Abrakadabra an sich brachte, vermöge dessen ein Federzug aus Sr. Römisch-Kaiserlichen Majestät Kanzley den gestrigen Hans Michel heute zu einem ganz andern Hans Michel gemacht hat-- wie sorgsam muß der nicht den zarten Sprößling seines Stammbaums vor jeder rauhen plebejischen Luft hüten!

Nun aber -- merken Sie wohl auf -- das Resultat! der Geheimderath -- Notabene, mit seiner Frau Gemahlin steht er auf dem Fuß

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schützender, männlicher Ueberlegenheit, so daß ihre Albernheiten ihn immer zehnfach weise machen -- vergießt Freudentränen über den herrlichen Sinn Sr. Durchlaucht, spricht mit Entzücken von den Fortschritten der Aufklärung, nach denen es nicht lange mehr währen könnte, so würden Verdienste und Tugenden allein in Deutschland adeln; ja der ** sche Gesandte, den er sonst für so einen Höllenbrand zu halten assichirte, daß er seine arme Frau sehr sittigliche gebeten hat, ihn nicht zu willfährig zu empfangen -- ist ihm jezt ein kühner, selbstdenkender Kopf.

Den Onkel hätte also Maiberg für jezt sicher genug gewonnen, es müßte denn ein dritter Brief anlangen, und neue Irrlichter entzünden. Ich bin aber der Irrlichter und der Briefe erstaunlich müde, und wünschte sehr, daß Ihr junger Herr sich von seinen glänzenden Zirkeln in der Residenz losreissen, und des Oberamtmanns Vorschlag beantworten möchte. Und nicht allein wegen meines Ueberdrusses an allen diesen menschlichen Schwächen, so kläglich ich es auch finde, daß ein Paar ehrliche

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Seelen gezwungen sind, ihr Schiksal den widersprechenden, erbärmlichen, schiefen Ansichten neidischer und eitler Weiber, dem gehässigen Unglauben eines starrköpfigen Alten, zum Spiele dienen zu lassen -- aber mir liegt besonders der Mutter Friede am Herzen. Es wäre grausam, eine Seele die aus zarter Gewissenhaftigkeit schwach ist, länger als nöthig in Ungewißheit zu halten. Ist einmal die Sache entschieden, und der Schmerz des Abschieds überstanden, so findet sie wieder Genuß und Ruhe; sie ist zu gut, und kann zu viel Gutes thun, um je vereinzelt zu seyn.

Ich schreibe also nicht mehr; Ihr Freund mag nun handeln.

7.
 

Kaum hatte ich den beygelegten, neuen Brief von Clemencen erhalten, so schikte ich einen Boten an Maiberg ab, um ihn von Clemencens Befehl, nach *dorf zu kommen, zu benachrichtigen. Er folgte der Rükkehr meines

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Expressen auf dem Fuß nach, war die ganze Nacht geritten, und nahm es bey seiner Ankunft sehr übel, den Wagen nicht sogleich zur Abreise nach *dorf bereit zu finden. Ich beneidete des Menschen Ungeduld, ich beneidete sein Alter, seine Aussichten, ja bis auf die Möglichkeit des Unglüks für seine Liebe. Clemencens Digressionen über das Nichtige der sogenannten Jugendfreuden, so viel individuelles und einseitiges sie haben, schienen mir in dem Augenblik ganz wahr. Ich erinnerte micht keines Zeitpunkts meiner früheren Jahre, der mir wirklich einen frohen Eindruk zurükgelassen hätte. Ich fühlte mich ungeschikt lächerlich, einsam in der Welt. Das hartherzige Weib hatte, fürchte ich, Recht, als sie einmal sagte: Alte Junggesellen und alte Jungfern vertauschen die Rollen ihres Geschlechts; das Mädchen wird egoistisch, vereinzelt, hart, der Junggeselle wird das Spiel seiner Haushälterin, siener Bedienten, seines Katers. Was bleibt mir im Geiste und Herzen von meiner Jugend übrig? Meine thörige stumpfe Liebe für die arme Marie; die kindliche Eitelkeit, mit der

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ich micht für so wichtig hielt, weil sie mich zum Vater gamacht hatte; die Schwäche, mit der ich mich überredete, es sey meine Pflicht, jeden Vorschlag meines Onkels zu einer Heirath abzulehnen, und diesem Mädchen, die weder Geist noch feines Gefühl hatte, um mich zu beglücken, und durch mich glüklich zu seyn, lieber treu zu bleiben, als mir kühn einzugestehen, daß ich einen dummen, daß ich einen schlechten Streich gemacht hätte, ihre Schwäche zu misbrauchen, und daß ich ihn nicht aus der weichlichen Hoffnung, dadurch der verdienten Wunde im Gewissen asuzuweichen, vollenden dürfte! Was ist mir dafür geworden, ausser das Andenken eineger dumpfer Jahre, die ich an des Weibes Seite hinschleppte, ausser das schmerzliche Gefühl, daß ich ihren Tod als Befreyung für uns beyde habe ansehen müssen? Und eigentlich habe ich meinem Knaben mit diesem gröstentheils um seinetwillen verbitterten Leben keinen Vater erkauft; die Gesetze gewann ich für ihn durch meine Ehe, nicht die Meynung: ich habe keine Unbefangenheit in meiner Liebe für das Kind, sein Anblik wirft mir meinen

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Mangel an Glük vor, ich habe keine konsequente Strenge gegen ihn, denn sein Daseyn zeugt von meiner Schwäche. Wenn ich den redlichen alten Rentmeister seiner Söhne erwähnen hörte, wenn Clemence mit einzelnen Worten entzükt, wie von einer Gottheit und verschämt, wie von einem Liebhaber, von ihrem Gemahl spricht, wenn dieser glühende Jüngling so laut, so kek, der Achtung der Welt so gewiß, seine Liebe verkündigt-- --

Mir war feindlich und finster zu Muthe, und ich beantwortete Maibergs Ungeduld mit sehr wenig Gefälligkeit. Er fühlte es, überließ mich meinen Grillen, und trieb seine Leute so artig zu Paaren, daß wir nach ein Paar Stunden in den Wagen steigen konnten. Seine Art, wie er jezt zu mir kam, so kindlich sanft, und doch mit einem Ausdruk, der jede Abhängigkeit und Unterwerfung gegen meine Laune ausschloß, mich fragte: Sie gehen doch mit mir? -- überwältigte meinen Dämon; ich fühlte Muth, den arglistigen Blicken der Frau Clemence entgegen zu treten, und über die

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Seligkeit, die meines Freundes zu warten schien, meine leere Unbehaglichkeit zu vergessen.

Aber die Eile des jungen Herrn hatte ihm nicht sehr gefrommt. Noch nicht auf halbem Wege nach *dorf brach die Achse unsers Wagens, den sein Bedienter ihn umsonst gebeten hatte, vor der Abreise besichtigen zu lassen. Nun befanden wir uns in der schmählichsten Hitze, von allen Menschenwohnungen entfernt, auf freyem Felde, indeß am Himmel ein drohendes Gewitter hieng.

Nach einer starken Stunde gelangte der Wagen in das nächste Dorf. Man gieng an die Arbeit. Maiberg stand neben dem Schmidt, und glühte vor Ungeduld, wie das Eisen under dem Hammer, Unterdessen war aber das Gewitter näher gekommen; die Blitze schlängelten sich kreuzweise, und bleichten das sprühende Kohlenfeuer auf der Esse. Die Weiber krochen furchtsam in die Werkstatt; der Schmidt hielt phlegmatisch mit Hämmern inne, um auf den Donner zu hören. Maiberg tobte, gleichsam um die Wette mit den kämpfenden Elementen. Endlich riß er seinen Rok herunter, nahm den

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großen Hammer, und schlug auf den Ambos zu: der Thor sah aus, wie ein junger Herkules, der den Vulkan aus seiner Werkstatt verjagt hätte. Die Mädchen vergaßen die Furcht vor dem krachenden Donner, und wiesen einander den schönen Schmiedeknecht. Ich weiß nicht, ob seine Hülfe viel fruchtete: erst nach drey vollen Stunden konnten wir weiter. Das Gewitter war vor uns hergezogen, und fieng an sich zu zerstreuen. Maiberg beschloß, bis *dorf fortzureisen, und den Rest der Nacht im Wirtshaus zu bleiben.

So wie sie dunkel ward, sahen wir den Himmel vor uns sich roth, und immer röther färben. Der Postillon meynte, es möchte wohl einer von den Schlägen in der Gegend gezündet haben, und gegen zwey Meilen von *dorf hörten wir wirklich alle Glocken der umliegenden Gegend läuten. Die Flamme wurde von Augenblik zu Augenblik sichtbarer, und nach und nach erhielten wir sichere Kundschaft, das Feuer sey in *dorf selbst. Nun war Maiberg nicht länger zu halten; obschon der Amthof von dem Dorfe abgelegen ist, so ließ ihn

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doch die Unbestimmtheit der Nachricht das Schlimmste befürchten: er bestieg das Handpferd, und jagte der Gegend zu, wo auf dem schwarzen Grunde der Gewitterwolken die rothen Feuerstreifen ausflammten. Ich war selbst nicht ohne Sorgen; noch lebhafter ward aber meine Unruhe, als ich bey meiner Ankunft das ganze westliche Ende des Dorfs in Flammen, und Maibergs Pferd vor dem Wirtshaus fand, ohne daß irgend jemand das mindeste von dem Reiter wußte: es war mit Bauerpferden, welche Feuerspritzen gefahren hatten, vor das Wirthshaus gerannt. Ich brachte unser Gepäk in Sicherheit, und gieng dann dem Lärm zu, um meinen Freund auszusuchen. Daß sein Pferd hier war, bewies mir, daß er nicht auf dem Amthofe sey; ich zitterte vor den Gafahren, in die ihn seine Menschlichkeit und seine Kühnheit stürzen konnten.

Ich ward ihn nirgends gewahr. Unterdessen half ich, wo ich konnte; doch umsonst bemühte ich mich, den Bauern um mich her begreiflich zu machen, man müsse, da der Wind anhaltend und heftig blies, vor dem Winde

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niederreissen, damit die Flammen nicht um sich griffen: die waren zu vestürzt, oder zu dumm, um mich zu verstehen. Plözlich hörten wir ein gewaltiges Krachen; der äusserste Punkt der brennenden Reihe von Häusern war eingebrochen, und schien zu erlöschen.. Zugleich erscholl ein gräßliches Geschrey, indem brennende Balken unter das Volk gestürzt waren. Ich drängte mich aus dem Haufen heraus, um durch einen andern Weg auf jenen Flek zu kommen, als ich auf Leute stieß, die einen alten Mann auf einen Armsessel hoben, um ihn fortzutragen. Am nächsten bey dem Mann, und sorgfältig um ihn beschäftigt, stand Maiberg, durch Staub und Schweiz ganz unkenntlich: sein Haar trieste von Wasser, seine Kleidung war verbrannt -- Er erkannte mich zuerst, und rief mir lebhaft zu: K., begleiten Sie diesen Herrn; er hat den Arm gebrochen, er muß sogleich verbunden werden -- -- Dem Alten sagte er nun noch einiges, das sich auf die Anordnungen zum Löschen des Feuers bezog, und womit jener, der unter augenscheinlicher Anstrengung, seinen Schmerzen zum Troz, sehr gefaßt antworten,

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völlig zufrieden schien. Zulezt fragte ihn Maiberg: Wo finde ich Sie wieder?-- Im Amthof, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht. -- Maiberg stuzte, und blikte den Mann lebhaft an; mit blitzenden Augen rief er: Charlottens Großvater!..... Bringen Sie ihn fort, lieber K., und schonen Sie ihn auf alle Weise -- -- Und nun flog er wieder nach dem Getümmel in die Brandstätte.

Ohne den ganzen Vorgang zu verstehen, errieth ich nun doch, wen ich zu begleiten hatte, und gieng, Maibergs Befehl sorgfältig erfüllend, neben ihm her, während er teifsinnig stillschwieg. Vor dem ersten Thorweg vom Amthause begegneten wir Charlotten und ihrer Mutter; wir hatten nur eine elende kleine Laterne bey uns: sie erkannten uns nicht gleich, sondern fragten uns ängstlich nach dem Oberamtmann.-- Hier bin ich, sagte der Alte; seyd ruhig, es hat keine Gefahr mit mir-- Unterdessen hatten mich die Weiber erkannt. O Gott, wo ist er? rief Charlotte, und stürzte mir fast in die Arme -- Und -- gute Menschheit, deren Stempel nie ganz zertrümmert

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wird! Mein Auge nezt sich noch mit Freudenthränen, indem ich es schreibe -- der alte Mann hörte des Mädchens Ausruf, und antwortete sanft: er lebt, und hat mir das Leben gerettet.--

Ich kann Ihnen den Auftritt nicht genau beschreiben: er war verworren, tumultuarisch, rührend.-- Der Alte, der nach diesen einzigen Worten so trocken und kalt wie vorher schien, ward auf sein Zimmer gebracht. Man getraute sich nicht, ihn auszuklieden, weil sein Arm in einem traurigen Zustand war. Der Feldscheer der Dorfes war in dienem Augenblik nicht zu finden; aber die Amtmännin schikte nach Clemencen, um sich für's erste von ihr bey dem Verband des alten Mannes helfen zu lassen. Diese kam -- eine sonderbare Gestalt! Sie mochte den Tag vorher förmlich angekliedet gewesen seyn; jezt blieb ihr von ihrem Staate noch ein blauseidner Rok übrig, den sie auf der einen Hüfte hoch ausgeschürzt hatte, nebst sehr schönen Ohrgehängen und einem kostbaren Halsschmuk. Uebrigens hatte sie eine grobe Serviette statt Halstuch um, und stand

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in Hemdeermeln und einem weissen Mieder da. Mit den schönsten, lebhaftesten Farben, mit eienem Feuer in ihren Augen, das gleicher, sanfter und viel angenehmer war, als die einzelnen Blitze, die ihren Blik sonste beleben, hätte man -- die Serviette abgerechnet, die dafür nicht taugte -- denken können, sie hätte einen geschmakvoll und fantastisch einfachen Theateranzug ersonnen. Es hieng aber ganz anders zusammen. Die Ammtmännen hatte vom Anfang des Brandes an, alle Kinder, und überhaupt alles was sich nicht helfen konnte, aus den brennenden Häusern auf das Amt bringen lassen; man hatte ihnen sogleich die Tenne und einige untere Gemächer eingeräumt: eine Wöchnerin und mehrere Kranke befanden sich unter ihnen: Clemence hatte ihre Pflege übernommen. Um freyer zu handeln, da ihre Arbeit von Augenblik zu Augenblik anwuchs, hatte sie ein Kleidungsstük nach dem andern abgeworfen -- Hätten Sie das seltsame Weib dort gesehen! Ich begleitete sie eine Weile auf ihren Gängen -- wie sie hier eine Frau tröstete, die nach ihrem, beym Brande beschäftigten Manne

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weinte, dort einer Kranken mit so herzlicher Güte eine Suppe brachte, dann zu eienem Haufen Kinder eilte, denen sie auf einem Strohlager gebettet hatte -- wie sie ganz in dem Ideengang dieser Menschen sie beruhigte, ihnen Religionsgründe anführte, sie zum Beten, zur Ergebung ermahnte!

Doch ich ließ sie bey'm Oberamtmann-- wo die Teufelsfrau auch nicht zum schlechtesten bestand! Sie schnitt mit der entschlossensten Behendigkeit den Ermel auf. Zu meiner Schande muß ich meine Weichlichkeit eingestehen: ich wandte mich von dem Anblik des Armes weg; man sah, daß sie sich Gewalt anthun mußte, aber sie faßte sich, und rief mir gebietend zu: führen Sie die beyden Frauenzimmer fort.-- Charlotte war der Ohnmacht nahe; die gute Mutter wußte nicht, wem sie beystehen sollte. Wir drey thaten nicht viel mehr, als mit den Köpfen gegen einander rennen; indessen fuhr Clemence fort, ihr Geschäft zu verrichten, wicklte den Arm des Kranken in Servietten, die sie vorher in kaltes Wasser tauchte, und stellte endlich die Amtmännin an, bis der

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Wundarzt käme, (nach welchem man in den nächsten Flecken einen Boten geschikt hatte,) bey ihrem Vater zu bleiben, und die Umschläge öfters zu erneuern. Sie bafahl noch, ihm einen erfrischenden Trank zu reichen, und nahm hierauf Charlotten bey'm Arm: Kommen Sie, Kind, sagte sie zu ihr; Sie müssen sich zerstreuen, und der Großvater braucht Ruhe; helfen Sie mir bey den armen Leuten da unten -- So kehrte sie zu den Weibern und Kindern zurük, gab Charlotten die Aussicht über diese lezten, von denen die grösseren jezt bey Anbruch des Tages erwachten und nach ihrem Frühstük riefen, und stellte dem zitternden Mädchen sanft und nachdrüklich vor, daß der unthätige Schmerz, die lähmende Angst zu nichts helfe, und etwas unwürdiges habe. Ueber meine Gegenwart hatte sie bisher nicht die geringste Verwunderung bezeugt; nur nahm sie jezt einen Augenblik wahr, um mir zu sagen: Ich glaube, der Fremde, der, wie mir die Bauern sagten, den Oberamtmann gerettet hat, war Maiberg; suchen Sie ihn nun auf, der gute Mensch wagt sich zu sehr--

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Ich gab mir umsonst alle Mühe, ihn zu finden. Ueberall hatt man ihn gesehen; wo ich aber hin eilte, war er schon wieder fort, und ich fand nur seine Spuren in den einstimmigen Ausrufungen aller Bauern, aller Anwesenden: das sey der bravste, unerschrockenste junge Mann, den sie je gesen!

Durch das Niederreissen eines Hauses war dem Feuer endlich Einhalt gethan; der Tag erhellte ein Chaos von rauchenden Trümmern, von Schutt und Morast, worauf trostlose, müde, bleiche Gestalten umherkrochen, um wo möglich noch einzelne Halbseligkeiten zu retten. Endlich schikte man mich in das Pfarrhaus, wo der Schulz und die Kirchenvorsteher über die ferneren Verfügungen in diesen traurigen Umständen berathschlagten. Mehr als die Hälfte des Dorfes war, fast mit der ganzen Heuernete, und einem großen Theil des Viehes, verbrannt. Beym Anfang des gewitters waren die Bauern meist alle auf dem Felde gewesen, um die lezten Wagen Heu noch trocken nach Hause zu bringen; die Schläge folgten heftig und schnell auf einander, daß man den, welcher gezündet

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hatte, nicht sogleich unterscheiden konnte: er war auf einen angefüllten Heuboden gefallen, und der Wind hatte das brennende Heu in Einem Augenblicke weit umhergejagt.

Ich fand im Pfarrhaus eine Menge Menschen beysammen, und an dem einen Ende des Zimmers meinen Maiberg, bey dem Pfarrer, den ich an seiner Kleidung erkannte, und einem andern Manne von edelm Anstand, und mit einem sehr braven Gesichte, das aber etwas Schwäche ausdrükte. Maiberg hörte der Konferenz stillschweigend zu: man sprach von den Mitteln, die armen Abgebrannten vor der Hand unterzubringen, ihnen Nahrung, und dem grösten Theil auch Kleidung zu verschaffen; denn die Bewohner der zuerst in Brand gerathenen Häuser hatten alle ihre Halbseligkeiten verloren. Doch der Schulz und die andern Anwesenden zeigten eine große Scheue vor den Kosten, und kamen bey jedem Vorschlag auf den schlechten Zustand ihrer Finanzen zurük, so daß den armen Leuten mit allem den Hin- und Herreden nicht sonderlich geholfen zu werden schien.

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Nun nahm aber Maiberg bescheiden das Wort, und sagte zu dem Pfarrer: er habe keinen Begriff, wie viel für's erste erfordert werde, um für die dringendste Noth dieser Menschen Rath zu schaffen; unterdessen scheine es ihm am zwekmäßigsten, wenn er die Beysteuer, die er zu liefern im Stande sey, dem Herrn Pfarrer übergebe, damit sie für das allgemeine Beste angewendet werde. Zugleich leerte er seinen Beutel, der gegen zwanzig Louisd'ors enthalten mochte, in des Pfarrers Hände aus. Herr von L. -- denn das war, wie mir die Umstände bald entdekten, der Mann mit dem schwächlichen Zug um Mund und Kinn -- sah ihm mit der herzlichsten Freude zu, und vermehrte das Depot in den Händen des Pfarrers mit einer ansehnlichen Summe; ich that meinerseits auch, was ich vermochte, worauf denn die Berathschlagungen mit einem ganz andern Eifer wieder angiengen. Für die Verunglükten wurde eine Unterkunft in den Scheunen und Heuböden audgemacht; man schikte sich an, ihre schreyendsten Bedürfnisse zu untersuchen, und es wurde eine Kommission ernannt,

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um für ide Anwendung des Geldes zu sorgen. Lezteres geschah auf Maibergs Vorschlag; der junge Mensch bewies überhaupt eine Einsicht in dem ganzen Almosenwesen, die den Pfarrer in Erstaunen zu setzen, und Herrn von L. zu entzücken schien. Nachdem alle diese Anstalten getroffen waren, begaben wir uns in das Wirthshaus, wo Maiberg sich umkleidete -- und hier ist wohl die Stelle, Ihnen zu erzählen, was unserm wackern jungen Helden seit dem Augenblicke, da er mich eine Meile vor *dorf verlassen hatte, begegnet war.

Wie er sich bey seiner Annäherung versicherte, daß der Amthof nicht in Gefahr sey, warf er sich am Eingang des Dorfes vom Pferde, und eilte der Brandstätte zu, um hülfreiche Hand zu leisten. Er fand die betrübteste Unordnung und Unwissenheit in der Anordnung des Beystandes. Man beharrte eigensinnig darauf, an den schon von allen Seiten entzündeten Gebäuden Zeit und Wasser zu verschwenden, indeß die Flammen immer weiter griffen. In den noch ganz unbeschädigten Häusern stürzten die Bauern haufenweise über einander her,

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um zu retten, wo noch keine Gefahr war; und bey den bedrohtesten Häusern fehlte es an Armen, um bey Zeiten noch auszuräumen. Anfangs gieng Maiberg, um die Halbseligkeiten aus den brennenden Gebäuden in Sicherheit zu bringen, allen andern mit Kühnheit vor. Nach Untersuchung des Lokalen aber ließ er sich's besonders angelegen seyn, die Anwesenden zum Niederreissen der nächsten Häuser zu bereden. Er sprach ganz umsonst, bis er einen ansehnlichen Mann gewahr wurde, der zu Pferde herbeykam, und dieselben Vorschläge that. Mit diesem vereinigte er sich, und besichtigte die Stelle, wo die Sache am thunlichsten und dienlichsten seyn würde. Nun fehlte es aber an einigen muthigen Burschen, um sich auf das Dach zu wagen, und die Giebelbalken einzusägen. Dazu mochte sich neimand verstehen. Maiberg erklärte sich bereit, hinaufzusteigen, und wer ihm folgen wollte, dem bot er eine beträchtliche Belohnung an. Endlich drängte sich der Hirt, ein alter invalider Soldat, heran; Maiberg gab ihm die nöthige Anweisung, und kletterte auf das Dach, wo

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er die gefährlichste Stelle einnahm. Der Mann zu Pferde, der, wie Sie leichte errathen, der Oberamtmann war, rief lebhaft aus: das ist ein braver Bursche! -- und er selbst wich keine Handbreit von dem Platze, sondern theilte die nöthigen Befehle aus, um das Unternehmen zu erleichtern. Maiberg war mit seiner Arbeit fertig, und mit ein Paar Sätzen vom Dache herunter, neben dem Oberamtmann; er beobachtete den Hirten, der oben noch beschäftigt war -- plözlich rief er ihm zu: er solle herabkommen, der Dachstuhl stürze ein. Zugleich ergriff er die Zügel des Pferdes, und wollte es aus dem Gedränge reissen, indem er allen zuschrie, sich zu entfernen. Aber die armen Teufel waren zu bestürzt, um ihm zu gehorchen, das Gedränge wurde größer; das Dach sank ein, ein schon brennender Balken kam unter das Volk geflogen. Des Oberamtmanns Pferd bäumte sich, und warf seinen Reiter herab, so daß dieser den Arm brach, und in der grösten Gefahr war, von seinem Pferde oder von der fliehenden Menge zertreten zu werden. Maiberg stürzte sich über

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ihn, schüzte ihn mit seinem Körper, wehrte mit Riesenstärke die Flüchtlinge ab. Das Pferd hatte sich Plaz gemacht, der Haufen hatte sich vertheilt, und es war zu einem gegen über stehenden Thorweg hereingerannt. Sobald Maiberg die Möglichkeit wahrnahm, hier wegzukommen, suchte er dem alten Manne aufzuhelfen; diesen hatte aber der Schmerz von seinem Arme, und wohl noch mehr der Schreken, ohnmächtig gemacht. Maiberg lud ihn also auf seine Schultern, und trug ihn bis auf eine sichere Stelle, wo er einige Leute zusammenbrachte, die ihn fortbringen halfen.

Der Oberamtmann hatte, wie es sich zeigte, unsern Maiberg wahrscheinlich auf das erste Wort an seiner Sprache errathen; ob sein Behehmen ihm behagt hatte, muß der Ausgang erweisen. Allein Maiberg ließ sich nicht gleich einfallen, daß er mit seinem heftigsten, und jezt einzigen Widersacher auf eine so sonderbare Weise zusammenkäme. Der kaltblütige Verstand, mit welchem der alte Mann in dem kritischen Augenblicke auftrat, hatte ihm wohl gefallen; um seine weitere Unterstützung zu haben,

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da die Bauern sehr auf ihn zu hören schienen, hatte er sich ihm nach seinem Herabsteigen vom Dache wieder genähert, und den Eifer, mit dem er ihm beystand, hätte bey seinem Muthe und seinem menschlichen Herzen jeder Hülfsbedürftige erwarten können. Als er indessen die Leute, die er herbeyrief, um ihn fortzubringen, mit besonderer Ehrerbietung und allen ihren linkischen Komplimenten dem alten Mann zu Gebot stehen sah, stieg Charlottens Bild, das die bisherige Spannung und Thätigkeit entfernt hatte, plözlich wieder vor seiner Seele auf; er gerieth auf eine halbe Vermuthung, die aber erst bey dem Rendezvous, das ihm der Alte auf dem Amthof gab, zur Gewißheit wurde. Nun drängten sich eine Menge Gefühle in ihm: Zärtlichkeit für Charlotten, Freude, diesen Mann gerettet zu haben, Wehmuth wegen der Schmerzen, denen Charlotte und ihre Mutter durch dessen Gefahr ausgesezt gewesen waren, Liebe und Sorge für den Geretteten, stolzes Bewußtseyn der völligen Uneigennützigkeit, mit der er gehandelt hatte. Er gestand mir, sein erster Gedanke sey

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gewesen, vor ihm her zu seiner Geliebten zu fliegen, und ihr zuzurufen: ich habe mir Rechte auf dich erworben -- sein zartes Ehrgefühl hielt ihn zurük; zugleich gedachte er der Hülfe, die er bey'm Brande noch zu leisten hätte, und fand die Stärke, sich loszureisen und zurükzugehen.

Einige Gescheutere unter den Umstehenden sahen bey dem Einsturz des durchsägten Dachstuhls den Vortheil der angefangenen Unternehmung ein; die Flamme war schon etwas aufgehalten: nun machten sie sich an das Gebäude, und rissen es nieder, indeß andre, auf Maibergs Anleitung, durch Anwendung der Sprützen die Nebenhäuser vor dem Lecken der Flammen beschüzten. So ward es bald möglich, den Brand zu dämpfen.

Herr von L., der einige Stunden von *dorf bey einem Bekannten zum Besuch gewesen war, hatte die Nachricht vom Brand erst sehr spät in der Nacht erfahren, und wie er zurükkam, war der Oberamtmann schon auf den Amthof gebracht, und die Hauptgefahr vorbey. Er eilte, sobald er seine Schwägerin

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gesehen hatte, in das Dorf, wo er unsern jungen Freund fand, von dessen Anwesenheit ihm Clemence ein Wort im Vorbeygehen gestekt hatte. Er hatte ihn mit sich zu dem Pfarrer genommen, wo die Konferenz angesagt war, und jezt begleitete er uns auch in das Wirthshaus. Ich fand Clemencens Beschreibung dieses Mannes von einer auffallenden Wahrheit. Wie uns Maiberg verlassen hatte, um sich anzukleiden, sprach er mit Entzücken gegen mich von diesem jungen Menschen, berührte dessen Verhältniß mit seiner Nichte im freymüthigsten, herzlichsten Tone, mit der lebhaftesten Anerkennung von Maibergs Werth, und verlangte endlich von mir zu wissen, wie sein Entschluß, auf die Bedingung des Oberamtmanns wohl ausfallen werde. Meine Antwort, daß er mir darüber nichts bestimmtes gesagt habe, daß ich aber eine verneinende Enscheidung eben so sehr von seinen Grundsätzen hoffte, als für seine Liebe fürchtet, schien ganz seinen Sinn zu treffen; zugleich verbarg er mir seine eigene Ungewißheit über den Ausgang nicht.

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Rührend war unser Empfang im Amthause. Die Amtmännin eilte und bey unserm Eintritt in das Zimmer entgegen; sie schloß Maiberg in ihre Arme, und sagte sehr bewegt: Ich weiß, welchen Dank Sie um uns verdient haben, mein großmüthiger Freund -- möchte ich Ihnen lohnen können! -- O meine Mutter, Lohn gebührt mir dafür nicht, daß die Erfüllung meiner Pflicht zu Ihrer Ruhe -- vielleicht zu meinem Glücke diente, sezte er leiser hinzu, und küßte ihre Hände, ohne fortzufahren. Hierauf wendete er sich zu Charlotten: sie hatte ein Paarmal aufstehen wollen, aber Bescheidenheit, Liebe und Rührung hielten sie auf ihren Stuhl gefesselt; sie lehnte ihr Gesicht an Clemencen, die ihr freundlich zusprach. Der kühne Junge kniete straks vor ihr nieder, als hätte er das gröste Recht dazu, und sagte ich weiß nicht was für schöne Worte in irgend einer Sprache, die uns allen ziemlich unverständlich seyn mochte: die Mutter schien fast mit Vergnügen zuzusehen; Herr von L. sah erst etwas verwundert und betroffen aus, folgte aber bald seinem besseren Geiste, und

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stimmte in den hohen Schwung des Augenbliks mit ein.

Wie man sich zu diesem Erdenleben wieder herabgelassen hatte, erkundigte sich Maiberg angelegentlich nach dem Kranken. Es gieng gut; der Wudarzt war da gewesen, und hatte den Bruch so glüklich als möglich gefunden: der Alte schlummerte nun, nach angelegtem neuem Verband.

Man brachte ein Früstük, das wir alle höchst nöthig hatten. Wir geriethen in ein vertrauliches Gespräch über das Unglük der vergangenen Nacht, und die mancherley daraus entstehenden Betrachtungen. Es war ein angenehmer Geist, der unter uns wohnte: ein kleiner Zirkel von Menschen, durch Wohlthun, Liebe, Dankbarkeit, Bewunderung innig verbunden. Wir schienen Eine Familie. Selbst Clemence war ganz unser; Charlotte schien, ihrer Lage vergessend, nur die Gegenwart ihres Geliebten zu geniessen, und in diesem Augenblik las auch die Mutter in der sanften Innigkeit der beyden jungen Leute nichts als Glük.

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Gegen Aben leiß uns der Oberamtmann bitten, eine Stunde in seinem Zimmer zuzubringen. Viel Vergnügen machte mir das offene, herzliche, und mit einem gewissen Stolz gemischte Wesen, mit welchem Maiberg den alten Mann anredete, und ihn zu behandeln, fortfuhr. Der Oberamtmann hatte ihm bey unserm Eintritt seine gesunde Hand gereicht, und ihn einen braven Retter genannt - was Sie aber an mir altem Manne thaten, sagte er, ist es nicht, was ich Ihnen am meisten Dank weiß, sondern daß Sie für jene armen Leute Ihr Leben auf das Spiel sezten, und das kaltblütig, so weit es nöthig war, nicht weichlich und tollkühn; nun muß zugesehen werden, wie sich das Unglük noch zum Besten kehren läßt --

Dieser Gegenstand ward weitläustig abgehandelt; der Alte zeigte sich so, daß mir Clemence nachher sagte: Vor dem Tod fürchtet er sich gewiß nicht, auch hat er es fürs erste gar nicht Ursache; ich muß also glauben, daß der Amerikaner wirklich seinen bösen Genius beschworen hat. So gallenlos sah ich ihn nie --

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die Geschichte wird so platt komödienmäßig enden, daß ich schon im Voraus einschlafe.

Mir schien das noch nicht so gewiß. Unterdessen wer vergiengen einige Tage über einer Menge Anstalten für die Abgebrannten, die mit der grösten Thätigkeit betrieben wurden. Unsre allerseitigen Verhältnisse blieben sehr angenehm, ohne daß übrigens der Oberamtmann, den wir täglich auf seinem Zimmer besuchten, unsern jungen Freund anders, als wie einen ganz neuen, aber sehr geschäzten Bekannten anzusehen schien. Wir andern liessen die jungen Leute glüklich seyn, der ehrliche Geheimderath, weil er sich nach seiner Gewohnheit den Eindrücken überließ, die Mutter, mit weichmüthiger, aber geniessender Liebe; Clemencens kleine Bosheiten und meine Herzensangst hatten nichts Störendes. Maiberg sprach ein Paarmal mit mir von der Unsicherheit des Augenbliks, sagte aber, er wolle ihn geniessen, bis des Großvaters Zustand eine Erklärung einzuleiten erlaube.

Am vierten oder fünften Abend waren wir, wie gewöhnlich, um den Alten versammelt. Er

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verlangte, Thee mit uns zu trinken; ein jeder eilte, ihm zu willfahren, und wirklich unbefangen, blos weil es ihm natürlich ist dem Alter mit Achtsamkeit zu begegnen, half Maiberg seiner Charlotte den Großvater bedienen. Die Leutchen machten sich, ohne es selbst zu verstehen, selbst räuschen; es ward ein rührendes Bild von vertraulicher Liebe in der getheilten Pflege: der schöne Greis zwischen den beyden blühenden jungen Gestalten. Es machte gleichen Eindruk auf uns alle. Selbst des Großvaters Seele schien sich zu erhellen; seine Stirne und seine Augen nahmen einen sanfteren Ausdruk an, seine Stimme war weniger kalt und ehern. Doch bald mochte er sich selbst auf dieser Veränderung ertappt haben; ich bemerkte, daß seine Blicke wieder finster wurden: er schwieg, und ließ uns, mit frostiger Untheilnahme, allein schwatzen. Ich sah der guten Mutter und Charlotten an, daß sie das alles mit Angst wahrnahmen.

Herr Maiberg! fieng er auf einmal ganz unvorbereitet an, wir haben noch nie die Ursache berührt, die Sie in einem für mich so

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glüklichen Augenblik wieder nach *dorf zurükbrachte. Meiner Tochter Freundin hat Ihnen die Bedingung bekannt gemacht, unter welcher ich in Ihre Wünsche einwilligte -- ich erwarte Ihre Antwort.

Wir waren alle erstarrt, mit klopfenden Herzen standen wir da; nur Maiberg war gefaßt. Meine Antwort, sagte er, ist zu einfach, als daß sie nicht längst bereit seyn sollte; die Umstände haben sie allein verzögert. Mein Vaterland verleiht mir Vortheile, die ich sonst nirgends erlangen, und legt mir Pflichten auf, die ich sonst nirgends erfüllen kann noch mag. Ich bin die Erhaltung jener Vortheile meinen Kindern, bin jene Pflichten als Beyspeil meinen Mitbürgern schuldig. Verschwendete ich mein Vermögen, und liesse meine Söhne als Bettler zurük, ich würde ihre Vorwürfe weniger verdienen, als wenn ich ihre Freyheit verthäte -- und mein Herz würde bluten, hielten sie es einst ihrer Mutter vor, daß es um ihretwillen geschah --

Ich glaube, Sie haben Recht, erwiederte der Oberamtmann, der sehr ernst und gespannt

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aussah, aber mit völlig gleichgültiger Stimme sprach -- Sie entsagen also dem Mädchen?

Nie -- nie!

Also wider meinen Willen?

Ja -- wenn sie und ihre Mutter es zugeben, ja!

Sie würden mir also meine einzige Verwandtin auf immer entreissen, und der Mutter Schwäche benutzen wollen, möchte auch das Herz ihr brechen?

Nein -- nicht so! Leben Sie, leben Sie bis in das späteste Alter -- wir wollen gleiche Zeit hier und bey meinem Vater zubringen: das ist mein Wunsch, meine Pflicht -- das mußte ich meiner Antwort noch hinzufügen --

Maiberg war sehr bewegt, zwang sich aber, gefaßt zu bleiben; der Alte hatte finster geschwiegen. Ich bin Ihnen mein Leben schuldig, fieng er wieder an; Sie können meinen, Rechte an mich zu haben --

Auf Ihren Dank, auf Ihre Achtung -- aber mein Betragen muß Ihnen gezeigt haben, daß ich sie nicht zu benutzen suchte.

Das ist wahr -- --

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Hier konnte die Mutter sich nicht länger halten: sie fiel ihrem Vater um den Hals, und sagte laut weinend: Um des Glückes willen, das meinem Leben gefehlt hat -- Lassen Sie ihn Meinen Sohn seyn!

Bey dieser unerwarteten Wendung, diesem schönen Opfer der mütterlichen Liebe, ward Charlotte von Dankbarkeit und Wehmuth hingerissen; sie fiel vor ihrer Mutter nieder, und umfaßte sie knieend, indem sie ihr Gefühl in abgebrochenen Worten ausdrükte. Maiberg nahte sich ihr mit einem männlich sanften Wesen, und ergriff zärtlich eine ihrer Hände, die des Vaters Nacken umschlangen -- Mir kommt es nicht zu, zu bitten, sagte er zum Alten: wollen Sie aber einen Sohn von sich stossen, der Sie zu lieben und zu ehren so bereit ist?

Der Oberamtmann machte sich von seinen Kindern los, und blikte mit unveränderter Miene zu Maiberg auf: Junger Mann, sprach er, ich halte wenig von den Menschen, von ihrer Tugend, ihrem Edelmuth; Sie haben sich aber betragen, wie alle sich betragen

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sollten, wenn Tugend, wenn Edelmuth kein leerer Wortschall ist. Ich habe also keine Ursache, Ihnen nicht zu glauben, und nehme meine Bedingung zurük -- Hier ergriff er Charlottens Hand, und reichte sie Maiberg: mit deiner Einwilligung, meine arme -- meine durch mich unglükliche Tochter, sezte er hinzu, als sagte er es zu sich selbst, und lehnte sein Gesicht, als wollte er es verbergen, an seine weinende Tochter, die noch neben ihm stand.

Was nun folgte, kann man sich liecht vorstellen: Freude, gemildert durch die Ungewohnheit, in dieses Mannes Nähe, ja aus seinen Händen Freude zu empfangen; Glük, das durch den Gedanken an eine, wenn gleich begränzte, doch so peinliche Trennung wemüthig, und dadurch um so reizender ward. Maiberg überläßt sich seitdem seiner ganzen güte- und liebevollen Seele; er fesselt alles an sich; selbst der Oberamtmann würde heiter seyn, wenn diese Stimmung in seinem Herzen noch Wurzel fassen könnte. Doch begegnet er Maiberg mit der ausgezeichnetsten Achtung.

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Was mich anbetrifft, so sehe ich diese Auftirtte mit sehr gemischten Empfindungen an. So an der Wegscheide zwischen spätem Herbst und Winter, wenn uns nur Bedauern an die Vergangenheit, kein Band an die Zukunft knüpft, ist es schmerzhaft, diese glühenden Herzen mit ihren weiten Aussichten auf Pflichten und Genüsse, ihr Wesen treiben zu sehen, indeß wir uns nach wie vor in dem beschränkten Kreise umher drehen, der alle diese Gefühle in das Gebiet der Fantasie verweist. Ich wollte, ich wäre wieder auf meinem Gütchen! Gerne wollte ich die ganze verdrüßliche Erbschaft, für die ich es verließ, dafür hingeben, es nie verlassen zu haben. Funfzehn Jahre Beschränktheit hatten mich überredet, ich sey an meinem Plaz. Dort erwarb ich mir Dankbarkeit, und hielt dies für den einzigen wahren Genuß. Maiberg erinnert mich, daß es andre Freuden giebt, auf welche ich ehemals alle Ansprüche hatte, die ich aus Verkehrtheit verscherzte -- --

Auch Clemence hat mich-- Ich kann es nicht ausdrücken; aber die Weiber sind nicht

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wohlthätig, wenn ihr Karakter uns einen Spiegel vorhält, in welchem wir unsre Schwächen erkennen. Sie hören auf, weiber zu seyn, und wir fühlen uns nicht als Männer.

Da sassen die beyden jungen Leute zusammen, und schwazten, und schienen die ganze Welt zu vergessen, obschon das Zimmer voll Menschen war. Ich gieng ziemlich übler Laune im Zimmer herum, als mir Clemence in die Augen fiel, deren Blik, wie mir schien, schwermüthig auf den jungen Leuten haftete. Ich sezte mich neben sie -- wenn das Ding ewig währte, sagte ich, dann wär's gut!

Es wäre ausser der Natur.

Sie glauben also auch nicht an ewige Liebe?

An ewige Liebe, ja -- aber nicht an ewige Seligkeit der Liebe.

Das verstehe ich nicht -- also Liebe ohne Seligkeit?

Bey gegenseitiger, unumschränkter Achtung, bey gleichen Begriffen, gleichen Absichten, und einer materiellen Uebereinstimmung, die ich, weil ich sie nicht zu erklären weiß, Sympathie nennen möchte, ist Liebe gewiß ein unzerstörbares

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Gefühl. Aber ihr Zauber, ihr Entzücken, ihr Schmerz, kurz die Leidenschaft der Liebe, weicht der kahlen, alltäglichen Wirklichkeit --

So daß nur ihr Geripp bleibt, meynen Sie?

Geripp! wiederholte sie parodirend. Sind Sie auch von den Leuten, die sich vor einem Geripp fürchten? Angenommen, dem wäre also -- es kann ja auch sein Schönes haben! Und wo ist denn das Entsezliche davon? Was ist es denn anders, als eine von den vielen Veränderungen, welche die nie sich erschöpfende Natur durchgeht? Möchten Sie die Liebe etwa eher zur Mumie machen, mit tausend fremden Ingredienzien, ein Spottgebild ihres ehemaligen Wesens, ohne Leben, ohne Sinn und Ausdruk? -- Pfui! Man hat wohl dergleichen -- aber viel lieber freywillig mit ihr auf den Scheiterhaufen, und ihre Asche ehren! -- -- Sie färbte sich, schwieg, und senkte die Augen, aus denen einige Thränen rollten. Das unbegreifliche Geschöpf! Leise, als entschlüpfe ihr ein theures Geheimniß, sezte sie dann hinzu: Ja -- um den Eindruk blos ihres Zaubers

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zu behalten, wäre freylich, über ihrer Asche zu wienen, wohl das einzige Mittel! -- -- Ich bleib nachdenkend neben ihr sitzen, als sie mit nassem Blik und einem kalten Lächeln um den Mund wieder aufsah -- das käme, sagte sie, fast auf das alte Sprichwort heraus: besser jung gestorben, wie alt gehangen! Aber so heroisch meynte ich das alles nicht. Es wird mit der Liebe blos wie mit der Geliebten. Erst verschwindet der Nimbus der Göttlichkeit: Psyche wird durch den Besiz zum bloßen schönen Weibe. Bald wird sie Mutter, und nun ist der Reiz des Mädchens dahin. Allein einen viel rührenden, ja sogar seelenvolleren verleiht ihr das Kind an ihrer Brust. Sie verblüht, aber an ihrer Seite wächst das geliebte Kind auf, und der Vater sieht es, wie der Schiffahrer die Sonne sich neigen sieht, indeß ihr gegenüber, der reine volle Mond, der seine Nacht erhellen soll, glühend aus dem Meere steigt. Denken Sie sich nun das schöne Weib als Großmutter; sie bleibt immer schön, und das Schöne gewährt immer Genuß. Da haben Sie nun die Liebe, under allen ihren Veränderungen:

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sie ist nicht mehr was sie war, und bleibt dennoch immer dasselbe -- nicht Geripp und nicht Mumie.

Das ist wohl eine tröstliche Vorstellung; aber Sie setzen da Schönheit voraus, die sich nicht immer findet --

Die sich mehr oder weniger -- die sich eigentlich nach eines jeden Sinne findet. Wo aber die Liebe so geradezu nur auf Täuschung beruht, und die Gottheit also nicht zum bloßen Mädchen, sondern schlechterdings zur Meerkatze wird, lieber Herr! da finde ich auch ganz gut, den Fantasten mit einer Meerkatze gepaart zu sehen: wer so kindisch wählte, verdiente nichts besseres.

Wenn nun aber des einen oder des andern Augen nicht dazu gemacht sind, diese verschiednen Modificationien der Anmuth zu erkennen?

Da haben Sie den Punkt getroffen! das entstellt dann die Liebe, freylich nicht zum Gerippe; aber es würdigt sie zum täglichen Brode herab, wobey man sich doch nach etwas mehr wie trockenem Brode sehnt. Und das ist euer Fehler! Ihr werft uns Wankelmuth in der

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Liebe vor, und er hat seinen Grund nur in eurer Unfähigkeit, fortdauernd zu lieben. Wir behandeln die Liebe lebenslang wie ein Rafael die Kunst, mit Fantasie, mit glühendem Schwung, mit Eifersucht auf ihre Rechte, unausbleiblich dann mit etwas Caprice und Anspruch -- Ihr treibt sie neben jedem andern von den Geschäften, die euch eben vorkommen, und seyd dann zu eurer Liebe eben auch stündlich bereit, wie der ehrliche Farbenmenger, der dort den Apollo, mit der Leyer süß, auf die Wand mahlte, und sicher rechnen konnte, alle Tage so viele Ellen in's Gevierte zu Stande zu bringen. Er wußte auch nichts mehr, als die Farben zu diesem türkblauen Hemde, diesem feistem Gesichte zu brauchen; der Apoll vom Belvedere wäre ihm wie ein Renommist vorgekommen, weil er nicht so krumm da sizt, und das hackebrett an das Herz drükt -- und so wie dieser Stümper die Kunst, so behandelt ihr in der Ehe die Liebe; Ihr fühlt nicht, daß sie wie ein schönes Gewand ist, das man nicht mit unsaubern Händen anrührt, das man nicht bey gemeinen Beschätfigungen anlegt. Ihr wollt

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ihr nicht wie einer geehrten Fürstin begegnen, vor der man mit Vertrauen und Freude, aber stets zierlich und mit Anstand erscheint. Das Weib, in deren Seele der Trieb zu gefallen eingewurzelt ist, die im Zwange aufwächst und sich bildet, vergiß dieses so leicht nicht; tief empfindet sie eure Unfeinheit, eure Vernachläßigung, gegen die Liebe, nicht gegen sie -- entschädigt indessen der Mann ihr verleztes Gefühl durch Verdienst und Güte, so benügt sie sich, die schöne Erscheinung einst gekannt zu haben, und trauert blos über ihre unvermeidliche Vergänglichkeit. Thut er aber das nicht, dann geräth sie in Gefahr, durch das Bedürfniß ihres warmen, zurükgesezten Herzens irre geleitet zu werden; und der erste, der sich mit der Küstlersprache, die sie in der Schule alle zu reden wissen, bey ihr einstellt, kann sie untreu machen, wie man's nennt -- unglüklich gewiß, denn indem sie erst nach einer neuen Probe einsehen lernt, daß dieses alles nur eisernes allgemenise Gesez des Schiksals ist, verliert sie obendrein ihr Selbstgefühl, und die Gottheit entflieht aus ihrem eigenen Busen --

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Und das wäre immer nur des Weibes Geschichte -- die des Mannes niemals?

Niemals -- diese niemals! Ihr mögt andre Klagen haben; bringt sie vor dem Richterstuhl der Vernunft an, auf den ihr euch so gerne beruft -- und ganz Recht daran thut; denn die Grobheit eurer Sinne hat euch sehr unfähig gemacht, die Aussprüche der Natur zu vernehmen.

Und Sie haben nie eine Ausnahme gefunden? Keine einzige?

Sie verstand mich, und sah mich stolz an-- Keine, sagte sie mit den schneidendsten Tone.

Gegen die Mitte des Gesprächs waren Charlotte und Maiberg zu uns getreten; sie hörten uns, Hand in Hand gelegt, aufmerksam zu. Bey Clemencens leztem, hartem: Keine -- rief Charlotte, mit einer Stimme, die furchtsam Vorwurf ausdrükte: Keine, Clemence!

Diese fuhr ernst fort: aber das gute Schiksal hat mich mit einem Manne verbunden, dessen Herz und Geist die traurigen Bedingungen seines Geschlechts so sehr aufwiegt, daß mir zwar die Blüthezeit der Liebe vielleicht manchmal

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einfällt, oder eingefallen ist, wie Eva an den Garten Gottes zurükdachte, indeß ihn Adam in der Würde des Mannes längst vergessen hatte, aber nie um dahin zurükzukehren ohne ihn --

Ich höre das doch nicht gerne, liebe Clemence, sagte Lottchen liebkosend; gewiß, es macht nicht glüklich - sie kniete vor ihr nieder, und mit den Armen auf Clemencens Schoos gelehnt, blikte sie zu ihr hinauf, indeß diese mit ihren Locken spielte und sie ordnete --

Nicht glüklich, mein Kind? Bin ich denn nicht glüklich?

Nun ja, -- Sie mögen wohl nuch mehr als glüklich seyn; aber warum machen Sie doch, daß man so oft um Sie zu weinen Lust hat, wenn man Sie glüklich sieht?

Gutes Kind! -- Sie küßte ihr die Stirne, und schien auf eine Antwort zu sinnen, -- das war Mißverständniß, sagte sie endlich; wenn Sie mich immer gekannt hätten, es würde Ihnen nicht mehr einfallen, über mich zu weinen.

Ach Clemence, ich bat Sie so oft, mir mehr von Ihnen zu sagen; die Mutter sagte

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so oft: Clemence vertraut uns nicht ganz! Sie meynten immer, ich sey zu jung; nun aber-- Lottchen sagte dieses mit der leibenswürdigsten Schelmerey -- bin ich ja eine vernünftige Person!

Wir lachten herzlich; ich wagte es aber, bescheiden mit einzustimmen; Herr von L., der uns lachen hörte, trat auch herbey, und wie wir ihm erklärten, wovon die Rede sey, sagte er zu Clemencen: die Kleine hat Recht, liebe Freundin; können Sie ihr einen schöneren Beweis darlegen, daß Hoheit der Seele, Selbstachutung und Ergebung über Menschen und Schiksal siegen? Sie wird ihn hoffentlich als Beyspiel nie brauchen; aber als Sicherheit gegen die Furcht vor Unglük kann er ihr nutzen--

Sie wollen mich ja hier eine wahre Matronenrolle spielen lassen! das würde sich schön schicken, wenn ich anfangen sollte: in meiner Jugend -- --

Sie sagte noch allerhand lustiges Zeug, und so blieb es noch ungewiß, ob wir einmal etwas erfahren sollten, oder nicht.

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Da Maiberg alle Papeire, die seine Mündigkeit und Unabhängigkeit bezeugen, bey sich hat, da er überdem manche Briefe sienes braven Vaters vorlegt, aus denen deutlich erhellt, daß jede Wahl, die sein Herz treffen kann, diesem erfreulich seyn wird; so soll die Verbindung der jungen Leute nächstens vor sich gehen. Bald darauf werden sie abreisen, um im nächsten Herbst zurükzukehren, und ein oder mehrere Jahre hier zu bleiben. Die Mutter wünscht selbst, daß es so eingerichtet werde, und der Oberamtmann findet, daß Maiberg es seinem Vater schuldig ist.

Kritisches Gespräch

IV.

I.

Kritisches Gespräch
 

Werner. Dachte ich's doch, Schwager, daß Ihr euch im Garten herumtriebet! Und so hastig, so finster, -- so im Weltreformatorsschritt, der über den ersten Maulwurfshausen stolpert?

Franz. Pah! Um über eure Maulwurfshausen zu stolpern, müßte man blind seyn wie ein Maulwurf. Es giebt ja keinen, der nicht einer Menge von Leuten zum Postament diente -- da lernt man bald aus dem Wege gehen!

W. Nun sagt an, was ist euch wieder einmal nicht recht? wo fehlt es? -- Ah, hier an der Laube sehe ich ein Buch aufgeschlagen; vielleicht finde ich da den Aufschluß, den du mir verweigerst -- Nature and Art-- Ist das nicht der neue Roman von Mistreß Inchbald?

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F. Ja.

W. Den die jenaische Litteraturzeitung so übel gehandelt hat?

F. Eben derselbe.

W. Aber wo ist denn der langeweilige Titel, auf welchen der Tadel des Rezensenten sich hauptsächlich bezog? „Der Karakter des Menschen gründet sich auf die Erziehung" – davon lese ich hier nichts –

F. Weil es ein elender und geschmakloser Zusaz der deutschen Uebersetzung ist. Plattitüden wie diese allgemeine, nichtssagende Behauptung, laufen wohl in der übereilten Arbeit der Madame Inchbald mit unter. Aber die Stimmung, den Zwek der sonderbaren genialischen Frau bezeichnet der Titel, den sie selbst gewählt hat: Natur und Kunst – Und wenn der Uebersetzer den Unterschied der Sprachen zu Rathe ziehen wollte, um die Idee des Originals deutlicher zu machen, so brauchte er nur zu sagen: Natur und Konvenienz. Dann hätte vielleicht der Rezensent diesem Roman den ganz sinnlosen Vorwurf nicht gemacht, die Kunst sey darin übel verstekt, und die

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Natur peinlich. Wo ich nicht irre, klagt er auch noch, daß man mit widerwärtigen Eindrücken endige. Lieber Himmel! Madame Inchbald verstand es nicht besser: Natur und Kunst, im Leben vor ihr stehend, mochten ein sehr trübes Bild für die machen, und dieses Bild, wie es ihren Kopf füllte, hat sie uns getreulich wiedergegeben.

W. Ich verstehe. Diese Dame macht die veraltete Mode der Rousseauschen und Wertherschen Gemeinsprüche über die Gräuel der Gesellschaft, zu guterlezt noch einmal mit.

F. Ja, die arme Frau weiß kein Wort von der neuen Manufaktur, wo sich unsre Genies ihre zierlichen Schwingen anschaffen, mit denen sie über das Elend der Menschheit schweben; sie kennt die knappen Escarpins nicht, die unsre Schriftstller von gutem Ton anziehen, um mitten durch den Wirrwarr unsrer Zeiten zu tanzen –

W. Gemach, Herr Bruder. Die Herren führen auch Dragonerstiefeln in ihrer Garderobe, und treten weiß Gott plump genug damit auf.

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F. Kurz, während sich unsere guten Köpfe darauf legen, recht künstliche Touren zu erfinden, bey denen sie wenigstens – und was kümmern sie andre? – mit ihren Ketten auskommen, erklingt in England hie und da en ahndungsvolles Gerassel. Wenn Madame Inchbald und Herr Goodwin sich verheiratheten, es müßte in der Welt bald anders werden, oder der bitterste Menschenhaß pflanzte sich in ihrem Geschlechte fort.

W. Wie? Reicht wirklich Natur und Kunst an die fürchterliche Schönheit des Kaleb Williams?

F. Ach nein!

W. Hahaha! „Was ist Hekuba dir, oder was bist du der Hekuba," daß dir das Geständniß, sie habe einen schlechten Roman gemacht, einen so tiefen Seufzer auspreßt?

F. Schlecht? Das sage ich nicht.

W. Nun denn – mittelmäßig.

F. Noch viel weniger. Aber die Vorrede zu ihrer einfachen Geschichte, und dieses neue Werk, kündigen mir eine sehr unglükliche Persönlichkeit an, und es scheint mir zur Vollendung

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einer solchen Persönlichkeit, insofern sie weiblich ist, zu gehören, daß Madame Inchbald nicht einmal eine regelmäßige, gelehrte, hoch und gleich gespannte Fantasie zu den Diensten ihres Unmuths hatte, wie der Verfasser des Kaleb Williams. Das Ding ist mit der Axt gearbeitet: zuweilen geht die Handlung still in schlichten Details fort, meistens aber springt sie willkührlich hin und her, über alle Wahrscheinlichkeiten, über alle Motive weg – Die Resultate stehen da, nachläßig hingeworfen, aber bitter oder trüb, und das macht ihre Wahrscheinlichkeit aus, das motivirt sie. Der Roman trägt unverkennbar den Stempel einer unendlichen Bitterkeit, die der Verfasserin kaum hie und da einen Augenblik zum Ruhen gestattet, und sie durch das ganze Werk jagt und treibt, bis an das Enge, wo resignirte Verzweiflung breit und matt die lezten Striche zeichnet. Ihre selbstsüchtigen, gefühllosen Repräsentanten der Konvenienz sind, man weiß nicht recht wie, von dem Schauplaz weltlicher Glükseligkeit verschwunden, und man sieht wohl, daß sie nicht glüklicher

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waren, als Menschen es seyn konnten, deren Grabstätte Haß und Verachtung weihen. Aber auch ihre gutartigen, liebevollen Geschöpfe der Natur verläßt sie in einer dreyfachen Armuth, des Beutels, der Sinne, und fast möchte man sagen des Geistes. Die Jahre der Jugend sind ihnen ungenossen, über allerley Mühlselligkeit hin, entflohen, und während sie in matter, beschränkter Ruhe über die Tröstungen des ewigen Lebens brüten, fällt der Vorhang. – Ihr deutscher Rezensent hat hier die Muse vermißt, die ihr bey ihrer einfachen Geschichte so gute Dienste leistete: die Noth, wie sie in ihrer Vorrede zu jenem Roman sagte. Aber wie mußte er gelesen haben, um selbst durch den pedantischen Titel von der Mache des deutschen Uebersetzers, auf den Wahn gebracht zu werden, als habe eine lehrende Absicht sie diesmal misleitet, und den Abstand verschuldet, den er zwischen beyden Werken wahrnimmt! Ich weiß nichts von der Lebensgeschichte und den Umständen der Mistreß Inchbald, ich weiß also auch nicht in welchem Sinne und wie wörtlich das Wort

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Noth in jener Vorrede zu nehmen war; aber ich erkenne in Natur und Kunst, wiet mehr als in der einfachen Geschichte, und eben so sehr als in der Vorrede zu dieser, eine Muse der dieser Name beygelegt werden kann: ein drückendes, trostloses Gefühl von Mangel, von Unvollständigkeit, durch innige Fülle hervorgebracht. Von Absicht, und vollends von lehrender Absicht, ist kein Schatten vorhanden, wohl aber eine Stimmung, eine höchst karakterisirte, höchst persönliche, und darum nicht weniger weibliche Stimmung – und dergleichen Stimmungen hindern das Genie nothwendig, zwar nicht, Genie zu seyn, wohl aber unsterblich vollkommne Kunstwerke zu schaffen.

W. Allerdings, und das Genie selbst verhindert alsdann, auch nur gefällige, unterhaltende, den gewöhnlichen Bedürfnissen der Lesewelt angemessene Werke zu schaffen --

F. Wie zum Exempel die Romane der Madame d'Arblay. *) Karakterlosigkeit,

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verbunden mit so viel Auffassungsgabe und Darstellungstalent, als ohne Genie nur möglich ist, sichert dieser voluminösen Schriftstellerin einen weit allgemeineren Beyfall, und eine ungleich größere Anzahl von Lesern zu, als ihrer Rivalin.

W. Auch ihren neusten Roman hast du für deine Sünden gelesen, nicht wahr?

F. O ja, und ich habe mir die Buße wohl gefallen lassen. Ich kenne zwar nichts armseligeres, als ihre Karrikaturen, und ihre episodischen Karaktere, und die Art wie sie diese der Handlung einwebt. Sie greift in dem Loostopf der plattesten Wirklichkeit nach Narren, Dummköpfen, Gecken, sogenannten Originalen; die Maskeraden in London, die öffentlichen Versammlungsplätze in Bädern leisten ihr hiezu die nämlichen Dienste, wie zu einer gewissen Zeit unsern Romanenschreibern die Postwägen thaten, und wenn sie einmal ein solches Individuum mit den gröbsten Gurkenmahlersfarben herausstaffirt hat, so mag es so oft vorkommen, als die Nothwendigkeit, lahme Verwickelungen zu erfinden um den Roman in die Länge

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zu ziehen, nur immer erfordert: es wird nie, auch nur um Einen Zug, um Einen Pinselstreich, um Einen Schatten verändert erscheinen. Nicht viel weniger erbärmlich als ihre komischen Darstellungen, ist das Fortissimo von Drangsalen, das sie, unmittelbar vor der glüklichen Katastrophe, in ihren Romanen anzubringen pflegt. Ihre Kamilla ist auch nicht wohfeileren Kaufes weggekommen: einen Augenblik vorher, ehe sie mit ihrem – wie sich's versteht – schönen, tugendhaften, klugen, reichen und vornehmen Liebhaber verbunden wird, schüttet ihre grausame Wohlthäterin geschwind noch alles Weh der Erden auf sie herab, und Madam d'Arblay ist wirklich genöthigt, eine Art von Entschuldigung zu machen, daß sie ihre geradbrechte Heldin, so kurz darauf, munter wie einen Finken in die Wonnetage des Braustandes einführt. Geschmak, oder eine Zartheit des Gefühls, deren Mangel man ihrem Geschlecht am wenigsten verzeiht, hätte ihr sagen müssen, daß sie eine Blume, die sie so unbarmherzig von Wind und Wetter mishandeln ließ, nicht mehr in den bunten lachenden

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Beeten der gesellschaftlichen Verhältnisse prangen lassen konnte. Dieses Misverhältniß scheint sich von einer gewissen ästhetischen Unempfindlichkeit herzuschreiben. Wenn hingegen Madam Inchbald damit schließt, ihre gealterte Rebekka, bey'm spärlichen Mahle in ihrer niedrigen Hütte, einer Glükseligkeit geniessen zu lassen, die freylich, bis auf den ewig beseligenden Besiz einfacher Herzensgüte, etwas zweybedeutig scheint. So ist das ohne Zweifel auch ein Misverhältniß: ja ich kann nicht läugnen, daß mich die lezten Seiten von Natur und Kunst an das klaatrige Ende erinnert haben, mit welchem Voltaire seine beste Welt krönt; aber dies ist mir erst eingefallen, nachdem die Wirkung von stiller Wehmuth vorbey war, die vielleicht nur durch eine schlechte Uebersetzung bey dem deutschen Rezensenten verfehlt wurde, und dieses Misverhältniß ist man versucht, einem überströmenden wunden Gefühl beyzumessen, welches in dem engen Umkreis der Wirklichkeit, die der Verfasserin zu Gebot stand, für gute schöne Natur keine Unterkunft zu finden wußte. Madame d'Arblay,

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sollte man denken, berechnet nur die Zahl der Schnupftücher, die von dem großen Haufen naßgeweint werden, und die Ansprüche dieses großen Haufens auf befriedigende Entwickelungen, wo der Lebenswürdigkeit und Tugend gäng und gäber Romanenhelden ihr Lohn hübsch handgreiflich zugemessen wird. Unglükliche Mistreß Inchbald! Was vermagst du mit deinen widerwärtigen Eindrücken, gegen diese fabrikmäßige Industrie? Umsonst würde deine reiche Armuth mit diesem dürstigen Reichthum wetteifern: ich hoffe, du hast für das was du schreibst dienen Lohn dahin!

W. Ei ei, Brüderchen! Wäre mir nur das Alter der Madame Inchbald bekannt: den ritterlichen Enthusiasmus eines jungen Mannes in solch einem Grade erregt zu haben, könnte allerdings einem weiblichen Schriftsteller den Beyfall der Menge ersetzen. Desto übler wäre aber Madame d'Arblay mit deiner Galanterie zufrieden --

F. Und ich könnte ihr freylich nicht helfen. Denn für das Interesse, das ihr Roman im Ganzen hat, für die vielen wirklich rührenden

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Stellen, für drey vortreffliche Karaktere, die er enthalt, kann ich bey so bewandten Umständen blos dem Zufall danken, welcher der Frau von nicht gemeinem Verstande in dem Machwerk des Autors nach der Mode, dann und wann ein Pläzchen gegönnt hat. Man ärgert sich fast, bey den steten Opfern, die hier dem öffentlichen Ungeschmak gebracht werden, auf einzelne Figuren zu stoßen, die mit wahrer sittlicher Schönheit erdacht und ausgeführt sind. So verdienen Kamillens Eltern in der That Bewunderung, und es ist in den Karakteren dieses ehrwürdigen Paares eine Haltung, eine zarte Bestimmtheit, durch welche man an die glüklich ausgedrükte Formel eines unsrer neueren Schriftsteller erinnert wird: die idealische, wahrhaft kunstmäßige Nüancirung des Unterschiedes zwischen beyden Geschlechtern bestehe darin, den männlichen Karakter mit Sanftheit, den weiblichen mit Selbstständigkeit zu

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vermischen. Noch origineller ist die naive Moralität, die ernste Unschuld in dem Karakter der ungestalten Schwester Kamillens, der armen Eugenia, und diese Erfindung möchte man genialisch nennen, wenn Madame d'Arblay nicht in den lezten Seiten ihres Werkes den Gott der Plattitüde noch so übermäßig verfühnt hätte, indem sie die Wuth der befriedigenden Entwickelungen selbst auf die gute Eugenie ausdehnte, selbst dieses, nach allen Gesetzen schöner Kunst zum unabläßigen Kampf zwischen der Reinheit ihres Karakters und der Widrigkeit ihres Schiksals bestimmte Geschöpf, endlich standesmäßig und glüklich unter die Haube brachte. Und stell dir vor, sie hatte sie schon einmal verheirathet! Jene erste Heirath ist eine von den wahren Schönheiten des Romans: sie war ein Abgrund von Elend für die arme Eugenia, sie war die herrlichste Folie für den sanften, geraden, einfachen Iphigeniensinn, der in diesem Karakter ein so rührendes Gleichgewicht von körperlicher Gebrechlichkeit und sittlicher Vollkommenheit stiftet. Und Madame d'Arblay macht sie auf eine tragische

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Weise zur Wittwe – um ihr noch eine gute Partie thun zu lassen!

W. O das schreyt um Rache, du hast Recht!

F. Lach du nur! Ich werfe gern meinen ganzen Zorn auf einen solchen Uebelstand in einem Roman; denn er scheint mir nahverwandtes Bild von manchem Uebelstand, dem Ihr mich in der Gesellschaft nachsehen lehrt. Hier zeigt Ihr mir eine so unauflösliche Verwickelung von Gutem und Bösem in allem was geschieht, daß ich nicht mehr zu sagen vermag, was geschehen soll; dort habe ich aber freye Hand, dort darf ich Schönheit fordern.

2.

Ueber Weiblichkeit, in der Kunst, in der Natur, und in der Gesellschaft.

Es giebt ehrliche Leute, die von dem schriftstellerischen Karakter auf den gesellschaftlichen schliessen, und den Autoren dieselben Gesinnungen

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und Gefühle zutrauen, die in ihren Werken ausgedrükt sind. Kommen sie von ihrem Irrthum zurük, und erfahren sie zum Exempel viel Böses von einem Autor, dessen Schriften ihnen Tugend und Rechtschaffenheit zu athmen schienen, so tragen sie ihren Unwillen gegen den Menschen wiederum auf den Schriftsteller über, und wollen von dem Schönen und Guten, das lezterer verbreitet, nichts mehr wissen. Vielleicht gründet sich das auf eine Art von Vorurtheil, als könne es nur Heucheley seyn, was einen schlechten Menschen zu einem schönen Geist (im wörtlichen Sinne des Ausdruks) macht: der Misbrauch, den die Heucheley mit der Tugend treibt, empört das Gefühl der Rechtschaffenen, ohne eben seinen Verstand zu belehren, ob die Tugend wirklich mehr Werth habe, als ihr in der Empfindungs- und Denkungsart beygelegt wird. Aber dem ist nicht also; überhaupt, und auch in diesem besondern Falle, ist reine baare Heucheley sehr viel seltener als Inkonsequenz, als Unzusammenhang, als Disharmonie zwischen den verschiednen Kräften des Menschen. Daher sollte

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das Kunstgefühl eines schlechten Menschen für das Gute, für das sittliche Schöne, als ein lebendiges, kräftiges Zeugniß verehrt werden, welches die Gültigkeit der Tugend im Verstande bewährt, und die Unabhängigkeit erweist, die der Tugend gebührt, ohne welche die Tugend nur zufällige Bedingung dieses oder jenes Daseyns, nicht Gesez alles Daseyns seyn würde.

Mit Werken des Verstandes und der Kunst hat reine Heucheley wenig zu schaffen. Der Glaube ist das eigentlich Gebiet der Heucheley: ich kann vorgeben, ich glaube etwas, das Andre in der That glauben, und zu dieser Lüge bestimmt mich mein Wille, mir die Andern zu unterwerfen; um aber etwas sittlich Schönes hervorzubringen, wirkt mein Geist nach Gesetzen , die ich mir nicht nach eigner Willkühr geben kann.

Es ist also Mangel an innerer Uebereinstimmung, wenn man als Schriftsteller sittliche Schönheit empfängt und darstellt, de man als Mensch zu verkennen scheint. Dieser Mangel ist in unsern Zeiten sehr häufig wahrzunehmen,

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weil ihm der Mangel an einer andern Uebereinstimmung vorhergeht, an der äusseren nämlich zwischen der sittlichen Schönheit, die der Gegenstand des Schriftstellers ist, und dem Ganzen der ihn umgebenden Welt, von welcher er als Mensch einen Bestandteil ausmacht. Ja das lebhafte Gefühl dieser lezteren Disharmonie ist mit aller modernen poetischen Stimmung auf das Innigste verwebt, da hingegen der Beruf der Dichter aus den Schönen Zeiten Griechenlands auf ruhige Wahrnehmung des entgegengesezten Einklanges gegründet war.

Der erste unsrer Dichter hat sich in der Stufenfolge seiner Bildung eine Harmonie erschaffen, die den größten Theil seiner Werke belebt; aber die frühere Epoche seines Genies zeugt um so entschiedener für die allgemeine Richtigkeit jener Behauptung: ein moderner Schriftsteller konnte eine Iphigenie dichten, aber er mußte mit Werthers Leiden angefangen haben.

Die modern Kunst verdankt jenem Gefühl von Disharmonie einen Grad von sittlicher

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Schönheit, den die Kunst des Altertums nicht erreichte. Das Ideal, welches gleichsam Abdruk der Wirklichkeit ist, hat unnachahmliches Leben zum voraus; aber höher schwingt es sich im Kontrast mit der Wirklichkeit. So strebt unser gebrechliches Zeitalter überhaupt nach einer Vollkommenheit, die der jugendlichen Kraft glüklicherer Geschlechter undenkbar war.

Es wäre jedoch ausserhalb unsers gegenwärtigen Ideenganges, und bey dieser Bemerkung aufzuhalten. Wir schreiten vielmehr zu einer andern, die wir vorzüglich im Auge hatten.

Weiber, die mit Geist schreiben, thun mehr Persönlichkeit kund, als Männer in gleichem Falle. Der Mann von Genie hört so zu sagen auf, Mensch zu seyn, indem er schreibt; das Weib von Genie bleibt Weib, auch als Schriftsteller. Ich möchte von keinem Mann sagen: er muß dies un dies seyn, weil er so und so schreibt. Weiber, deren Schriften Karakter haben, geben mir Stoff zu hunderterley Muthmaßungen über ihr ganzes Thun und Lassen.
Solche Muthmaßungen können freylich bisweilen

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sehr irrig seyn; immer aber haben sie diese Wahrheit: daß sie sich auf das Geschlecht des Schriftstellers gründen. Die Persönlichkeit, deren Stempel in weiblichen Schriften wahrgenommen wird, ist nicht individuell: sie ist blos Geschlecht. Der Mann hingegen zeigt in seinen Dichtungen entweder Individualität seines Kopfes, seiner Organisation, des Grades seiner Bildung, nicht aber seines Geschlechtes; oder sie sind völlig karakterlos: lezteres ist sowohl bey sehr schaalen, als bey sehr vortreflichen Kunstwerken der Fall, und Göthe kann uns hier wiederum ein doppeltes Beyspiel liefern, seinen Großkophta, seins Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, auf der einen, und seinen Tasso, seine Iphigenie, seinen Wilhelm Meister auf der andern Seite.

Mehrere Leser der Horen haben darauf schwören wollen, Agnes von Lilien sey von Göthe. Ich wette, Agnes von Lilien ist das Werk eines Weibes. Hätte die

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Verfasserin nicht nachahmen wollen, oder hätte sich ihrer Fantasie nicht ein Vorbild aufgedrungen, so würde sie ohne Zweifel etwas geschrieben haben, dem man den weiblichen Karakter angesehen hätte: die Nachahmung macht den Karakter dieses Produktes weiblich. Sie hatte eine eben so karakterlose als geistvolle Manier von Augen, und konnte doch den Karakter ihres Geschlechts nicht vermeiden. Das Milde des Wilhelm Meister ist hier in Weichlichkeit übergegangen das Abentheuerliche ist barok, das Gewagte unfein, das Gefühlvolle empfindelnd geworden. Im Wilhelm Meister theilt der Darsteller keine von den Individualitäten des Dargestellten: sie schleifen sich sämtlich in seiner hellen, heitern Fantasie ab; Fielding und Crebillon waren ganz Engländer und Franzos,

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indem sie englische und französische Sitten schilderten: indem Göthe das Kostüme weder der deutschen noch irgend einer andern Nation trägt, verwebt er in das Ganze einer scheinbar fantastischen Schöpfung Eigenheiten des deutschen Kostüme's, während die Darstellung solcher Eigenheiten bey andern Romanendichtern – ich will nicht sagen den Fehler, aber doch den, Schönheit ausschließenden Karakter hat, zu natürlich und nationell zu seyn. Dieses Vorbild hat in Agnes von Lilien Unbestimmtheit, Verwirrung, Unwahrheit, Uebelstand und Verschobenheit aller Art hervorgebracht. Und doch verbreitet der Wille, der hier zum Grunde liegt, einen interessanten Schein. Die schlechten Nachahmungen des Göz von Berlichingen hatten etwas auffallend Empörendes. Es liegt aber in dem Unterschiede des nachgeahmten Gegenstandes, wenn selbst eine mislungene Nachahmung des Wilhelm Meister durch den ersten Eindruk täuscht. Zudem ist in der Verfasserin der Agnes von Lilien nicht allein das Weib, sondern auch das Weib von Geist und Gefühl

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nicht zu verkennen, so wie ein schönes Weib von fantastischem Geschmak auch durch eine übel gewählte Tracht nie ganz entstellt werden kann.

Im weiblichen Geiste stiftet als das Geschlecht einen Grad von innerer Uebereinstimmung zwischen der Schriftstellerin und der Person, und aus diesem Grunde ist ihm die Kunstvollkommenheit unerreichbar, welche gleichsam auf höchste Unpersönlichkeit gegründet ist. Genösse daher das weibliche Genie, bey der Stufe von Bildung zu welcher es in unsern Zeiten gelangt, auch einer äusseren Harmonie, wie diejenige ist die und in Werken des Alterthums kund wird, es würde dem antiken mehr gleichen, als das moderne männliche.

Die bey einem weiblichen Schriftsteller vorauszusetzende Bildung gehört zu einem einfacheren Ganzen von Organisation, von Gefühlen, von Gedanken; es ist weniger Abstraktionsgabe, es ist aber umfassendere Fülle da: innigere Verbindung zwischen Karakter und Geist, zwischen Sinnlichkeit und Seele.

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Es ist demnach kein Sprung, wenn wir von weiblichen Schriftstellern auf Weiber überhaupt, insofern bey ihnen die geschlechtsmäßige Eigenthümlichkeit mit einem Grad von Bildung verbunden gedacht wird, zu reden kommen.

Sowohl den sittlichen Verhältnissen zwischen beyden Geschlechtern, als des Begriffen, von denen die Dichter ausgehen, wenn sie Weiblichkeit schildern, liegt allzuoft ein allgemein angenommenes Vorurtheil von einer gewissen Unerklärlichkeit und Vielseitigkeit des weiblichen Karakters zum Grunde. Virgils Varium et mutabile semper focmina, Shakespeare's nicht zu unterscheidender Raum zwischen den Wechseln des weiblichen Willens, und so manche andere Floskeln alter und neuer Zeiten, bezeugen und nähren dieses Vorurtheil.

Die obige Bestimmung der Geschlechtseigenschaften im gebildeten weiblichen Karakter, scheint uns zugleich die Veranlassung und die Widerlegung dieses Vorurtheils zu enthalten. Es ist die ursprünglich Einfachheit es weiblichen

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Karakters, welche in seinen Berührungen und Verhältnissen mit ungleichartigen Dingen die vermeynte Unerklärlichkeit, die Vielseitigkeit hervorbringt. Es ist ein optischer Betrug: die bewegliche Spiegelfläche des Wassers wechselt nicht mit den Wolken, deren Wechsel sie abbildet.

Aechte Weiblichkeit ist in einem ausnehmenden Grad in Klarissens Karakter, und was sie hauptsächlich hervorstechen macht, ist daß Lovelace, der größte praktische Weiberkenner, stets irre an ihr wird.

Es giebt Schriftsteller, die der Weiblichkeit recht auf die Spur gekommen zu seyn glauben, wenn sie Feinheit, List, Zartheit, Koketterie, Eigensinn, Geschmeidigkeit, Heftigkeit, Sanftmuth, Naivetät, Heroismus, Verschlagenheit, und andre ähnliche Ingredienzien, so gut sie können, in einem und demselben Karakter zusammen abwechseln, oder in einander überfliessen lassen. Solche Dichter mishandeln, tödten das weibliche Ideal, wie Lovelance Klarissen mishandelte, tödtete. Sie haben liebenswürdige, geistvolle Weiber gesehen, und zu

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studieren geglaubt, indem sie, nach dem französischen Sprichwort, dort meistens Mittag um verzehn Uhr suchten, indem sie die wechselnden Beziehungen, unter denen der weibliche Karakter erscheint, von seinem bleibenden Grundstoff nicht unterscheiden. Wenn aber die Kunst sich die Weiblichkeit aneignen will, so muß sie diesen Grundstoff erkennen und festhalten; sie läßt sonst im Besonderen des Allgemeine, in diesem oder jenem weiblichen Karakter die Weiblichkeit, in den Momenten des Lebens das Leben selbst untergehen, sie weiß unter ihren Wahrnehmungen nicht zu wählen, die gewählten nicht zu stellen, und es wird vor lauter Zügen keine Gestalt heruaskommen.

Beyspiele dieser Art liefert besonders die deutsche Kunst, die nicht wie die englische, und hauptsächlich die französische, an allgemein bestimmten gesellschaftlichen Sitten einen Stoff hat, welcher einen ganz andern Gesichtspunkt darbietet. Die französischen Schriftsteller haben eine Komödie der Weiblichkeit vor sich gehabt, die den unsrigen unbekannt ist. Wir

424 aber müssen die Sache selbst aufzufassen suchen, und diese entschlüpft uns oft.

Der ästhetische Uebelstand ist dabey nicht das Schlimmste: es ist hier eine Wechselwirkung vorhanden, vermöge deren die Weiblichkeit eben so sehr in der Taht verfälscht wird, als sie in der Fantasie des Dichters verfälscht erschient. Sittlich verdorben ist im Ganzen das weibliche Geschlecht in Deutschland vielleicht weniger als bey einigen andern Nationen Europas, und der Mangel an besonderen Nationalsitten kann bey gewissen Vergleichungen, der Sittlichkeit zuträglich befunden werden. Ich glaube aber, dass man in verschiednen Theilen Deutschlands eine ästhetische Verbildung weiblicher Karaktere wahrnehmen kann, die sehr erntfernt ist, ihrem sittlichen Werth zu gute zu kommen.

Wie im Leben, so auch in der Kunst, räumen wir Männer in unsrer Vorstellung von dem weiblichen Karakter, der Sinnlichkeit bald zu viel zu wenig Plaz ein, und wir räumen ihr selten denjenigen Plaz ein, welcher ihr wirklich gebührt. Die englischen Schriftsteller

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verfallen oft in den Fehler, ihren Weibern eine steife, scheue Moralität, ohne Wahrheit und Leben, zu geben; einige französische ertstellen oft die Weiblichkeit durch eine eben so unwahre Immoralität. Beyde werden durch die gesellschaftliche Lage der Weiber in den Sitten ihrer Nationen verleitet. Die deutschen Schriftsteller sind der Mittel entblößt, ihre auf diese oder auf jene Weise verfehlten Gemählde wenigstens mit komödienmäßiger Treue und Anmuth zu schmücken: *) es wimmelt in ihren weiblichen Karakteren von platter Lustigkeit und gemeiner Lebhaftigkeit, statt Grazie, Unschuld, und Naivetät, von pedantischer Büchersprache, statt hoher Reinheit der Tugend, von halb platonischer, halb schwächlichsinnlicher Empfindeley, statt Gefühls, von bäurischer Eitelkeit und

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plumper Buhlerey, statt Koketterie, von Freudenmädchensunarten, statt der Launen verzogner und galanter Weiber.

Da wir am Buche der Gesellschaft kein Studium haben, das uns so weit bringen kann, als die Engländer und vornehmlich die Franzosen, so müssen wir im Buch der Natur recht lesen lernen – und wenn wir das thun, lassen wir die Franzosen und die Engländer weit hinter und zurük. Darum haben wir wirklich einen Dichter, den man vorzugsweise den Dichter der Weiblichkeit nennen kann, und es gereicht dem weiblichen Geschlechte zum Ruhm, daß dieser Dichter den Namen unsers ersten Dichters verdient.

Wie im glüklichsten, vollkommensten Staat die Regierung, so verschmilzt im weiblichen Ideal, stets anwesend, doch stets zu zart um hervorzustechen, die Sinnlichkeit; die Imagination, die Regsamkeit des Gefühls, die Grazie, ja selbst die Tugend, offenbaren und verbergen zugleich ihr Daseyn; die weicht nur der Schönheit, aber die Schönheit will, daß sie immer zurüktrete, immer, vom Seelenadel begleitet

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hinter dem Schleyer der Sittsamkeit kaum geahndet, jedem unheiligen Blik sich entziehe, oder in Aufopferung und Treue, in Gefühl und Liebe ausgelöst, durch freye Unschuld und reine Unbefangenheit darthue, daß kein Bewußtseyn frecher Misdeutungen sie beflekt.

Und dieser Geist ist es, der in Göthens weiblichen Karakteren lebt und webt, von der heiligen Dianenpriesterin an, bis zur einfältigen Dirne, die in Fausts und des Teufels Netze fällt. Diesem Geiste sind alle Individualitäten, die er darstelle, untergeordnet: Elisabeths wackere Häuslichkeit wie ihrer Schwägerin gefühlvolle Sanftmuth, die seine Mischung von Schelmerey und Koketterie in Leonore Sanvitale, wie der zarte Anstrich von Platonismus und Kränklichkeit in Leonore von Este, (die, im Vorbeygehen gesagt, eine Zwillingsschwester der schönen Seele im Wilhelm Meister ist,) Klärchens genialische Mädchenhaftigkeit wie Mariannens *) bürgerliche Naivetät.

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Göthe hat nur zwey weibliche Karaktere geschildert, in denen sittliche Schönheit und schöne Sittlichkeit nicht die Oberhand haben. Aber selbst diese Abarten, in einer hellen Fantasie empfangen, von einem zarten Geschmak gemildert, mit Einfachheit und Klarheit dargestellt, verläugnen ihr Geschlecht nicht. Man vergleiche einmal Adelheid von Weislingen im Göz mit einer Julie im Fiesko, mit einer Laurette im Graf Donamar. Philine im Welhelm Meister ist das Kind einer niedrigeren Natur, gegen eine höhere, edlere verstößt sie nicht, sondern eine solche ist ihr unbekannt: ihr warmes Blut, ihr muthwilliger Sinn sind mit Unwissenheit, und dadurch fast mit Unschuld verbunden. Sie empört, ob sie gleich ausschweifend ist, eben so wenig als sie verführt, ob sie gleich reizend ist: man möchte sie oft bedauern, nie eigentlich verachten. So erhält das Gemählde, und besonders durch den Ausdruk des Geschlechts, die sittliche Schönheit, die dem Gegenstand fehlt – und damit wäre auch, sofern wir weder auf

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Prüderie noch auf Lasterkaftigkeit Rüksicht zu nehmen haben, die Frage entschieden, ob eine solche Schilderung die Sittlichkeit beleidige, und verderblich sey.

Schillers Königen im Don Karlos hat nicht ganz die zarte Haltung, die milde Lebenswärme der Götheschen Weiblichkeit; aber ihr raphailischer Adel und Ernst, mit Geschlechtsausdruk verbunden, schlägt ganz in das Ideal ein, dessen Theorie wir oben zu entwerfen suchten.

Bey einer Gattung, einer Manier, einem Standpunkt, die weniger Anspruch auf Fantasie und Ideal machen, ist Lafontaine nicht selten einer von unsern feinsten und reizendsten Mahlern der weiblichen Natur; wo er sich nicht augenscheinlich vernachläßigt, verfehlt er sie meistens nur insofern als sein Pinsel weibisch wird. Sein Anna in der Entdeckung von Madera ist wahrhaft schön, weil die Weichlichkeit, die sonst bey ihm zu oft Karakter des Dichters ist, hier im Karakter der von ihm erdichteten Person als Weichheit erscheint.

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Im weiblichen Gemüth schmilzt die Sittlichkeit mit Schönheit, die Pflicht mit Liebenswürdigkeit, die Tugend mit Grazie zusammen, Daruas folgt freylich nicht, daß man sich mit wohlreichendem Wasser besprengen, und wie ein Pariser Incroyable zu einer merveillensen Pariserin sprechen solle, wenn man Weiber von Gegenständen unterhält, die in die Philosophie einschlagen. Ernsthafte Gegenstände werden durch galanten Ton weder schön, noch liebenswürdig, noch graziös; man trage sie männlich vor, und überlasse den Weibern ihre weibliche Berarbeitung – sie werden schon ohne euch eure Regeln, eure Definitionen, eure Schlüsse, in Gefühle, in Saillien, in sinnliche Anschauungen verwandeln: diese Form aber gehört ihnen, und Ihr entartet damit nur euren Stoff. Die Zärtlichkeit gewisser Schriftsteller, wenn sie recht ausschließlich mit Damen zu reden meynen, läßt sich sehr gut mit der läppischen Einfalt mancher Elementarbücher, die für Kinder geschrieben sind, vergleichen.

Aber ein feiner Kunstgeschmak ist aus jenem

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Grunde für die sittliche Vervollkommung des weiblichen Geschlechts von großer Wichtigkeit. Ungebildete, oder falsch gebildete Weiblichkeit giebt den Erfahrungsstoff her, und theilt den Preis des Beyfalls aus, für die mannichfaltigen Sünden unsrer Schauspiel- und Romanendichter. Wenn aber ein Weib mit Stolz und Rührung in Göthe's Werken ihr Geschlecht erkannt hat, so wird sie es in keinem ***, keinem *** weiderfinden, und unter einem Publikum von solchen Weibern wird ein Schriftsteller, der so viel Geist und Talent hat, als die eben gemeynten, die Weiblichkeit nicht mishandeln wie sie.

Es ist Wahrheit in dem französischen Sprachgebrauch, nach welchem das weibliche Geschlecht vorzugsweise das Geschlecht genannt wird. Dieselbe Wahrheit läßt sich Pope's bekanntem Ausspruch, daß die meisten Weiber gar keinen Karakter haben, unterlegen. Pope hatte zwar mehr die Weiblichkeit aus der zweyten Hand, die gesellschaftliche Weiblichkeit von Augen, als die natürliche; aber der Grund jener Behauptung

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gilt hier wie dort: die Weiber haben mehr Geschlecht als Karakter, und in ihrer geschlechtsmäßigen Eigenthümlichkeit ist eine Einfachhiet, die einen gewissen Grad von Individualität des Karakters in der Regel nicht zuläßt. Man kann dies mit den niedrigsten Karikaturen aus dem gemeinen Leben, mit den verkünsteltsten Gruppen der feinen Welt, und mit den schönsten Urkunden der natürlichen weiblichkeit belegen.

Bey Völkern, die einen Nationalkarakter haben, zeichnet sich das weibliche Geschlecht zwar und durch besondere Züge aus, die aber mit jenem Karakter keine wesentlich Gemeinschaft haben, ausser insofern derselbe die gesellschaftlichen und häuslichen Sitten der Nation bestimmt haben mag. Die Form, die Manier eines englischen Weibes ist sehr verschieden von der eines französischen; doch kaum weniger verschieden ist das englische Weib von dem Engländer, das französische von dem Franzosen. Nationalkarakter ist eine Eigenthümlichkeit, die sich mit dem Geschlechtskarakter nicht verträgt.

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Ein andres, merkwürdiges Phänomen ist dieses: man findet an vielen Orten Gleichheit, im Mangel oder im Besiz der Bildung, zwischen beyden Geschlechtern; aber oft findet man auch die Weiber auf einer weit höheren Stufe des ästhetischen Werthes, als die Männer – und ich weiß nicht, ob man irgendwo das umgekehrte Verhältniß antrifft: ich weiß nicht, ob man unter den Männern irgend einer Gegend von Europa einen vorzüglicheren Grad von sittlicher Kultur findet, als unter den Weibern derselben Gegend. Die Männer scheinen hierin von zufälligen meist politischen oder lokalen Umständen abzuhängen, während die Weiber ihren Werth in diesem Stücke durch bloßen Geschlechtskarakter selbst bestimmen können.

Wie verhält sich die gesellschaftliche Weiblichkeit zu der natürlichen? Wie vertragen sich beyde mit einander? Was soll die Konvenienz den Weibern seyn? Was ist sie wirklich Weibern, die sich – nicht von ihrem Geschlechte,

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sondern in ihrem Geschlechte auszeichnen?

Den Weibern, sagt Leonore von Este,

ist am meisten dran gelegen,
Daß alles wohl sich zieme, was geschieht.
Die Schiklichkeit umgiebt mit einer Mauer
Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.

Die gesellschaftliche Weiblichkeit ist die schützende Form der natürlichen. Sie sichert das immer lebendige, immer rege Gebilde, sie sichert die sittlichen Gesetze der Schönheit, auf denen die Freyheit der weiblichen Organisation beruht, vor den zerstörenden, gewaltsam ungleichen Trieben des andern Geschlechts; sie sichert den Bund zwischen Venus und den Grazien, sie sorgt daß rascher Faunenmuthwille die Grazien nicht verscheuche, ohne deren Geleit die Göttin entweiht würde, die ewige Himmelstochter zur schnell verwelkenden Tochter des Staubes herabsänke.

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Die gesellschaftliche Weiblichkeit dient zur Ausgleichung der Geschlechtsunterschiede, sofern diese den mit geringerer physischer Stärke ausgestatteten Theil beeinträchtigen und gefährden könnten: sie geht in Grimasse und Unnatur über, wenn sie, statt das Gleichgewicht zu erhalten, es wiederum auf die entgegengesetzte Weise zerstört.

Die gesellschaftliche Weiblichkeit verhält sich zu der natürlichen, wie ein schönes Gewand zu den Umrissen die es bedekt. Wenn aber die Form den Stoff erstikt, wenn die natürliche Weiblichkeit in der gesellschaftlichen untergeht, dann flieht die sittliche Schönheit, und unedle Scheue, entehrende Prüderie, schaale Organisation, oder die Aftergrazien der Verderbniß nehmen ihre Stelle ein. Hier sieht man das Weib, wechselsweise Tyrannin und Sklavin fremder Triebe, ihre Würde schänden; dort hat steife knechtische Zucht den allerersten Begriff dieser Würde, das Gefühl weiblicher Freyheit, nie in ihrer engen Brust aufkommen lassen. Am häufigsten schwankt sie zwischen beyden Extremen hin und her: Unglük oder Schuld,

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beydes, scheint die Natur, scheint selbst die Schönheit in ihr zu strafen; und an ein gleiches, eisern widerwärtiges Schiksal gebunden, erkennt es weder sie noch die Welt um sie her, daß die Strafen dem Mangel, nie dem Ueberfluß an Schönheit und Natur gelten.

Weiber von Verstand, von einem Gefühl, das wenigstens ursprünglich wahr seyn mochte, und an welchem es immer gewagt seyn würde, das Wahre von dem Falschen scheiden zu wollen, unterwerfen sich als Mütter, als Hausfrauen, als Gattinnen, auf Kosten alles fremden Glückes das ihnen anvertraut ist, oft den kleinlichsten oder empörendsten Konvenienzen; und sie scheinen durch das, was sie unter dem gemeinen Haufen auszeichnet, nur eine Schattierung mehr von einener Armseligkeit oder Abscheulichkeit zu bekommen. Es liegt hier eine stillschweigende Uebereinkunft zum Grunde, eine Bedingung ohne welche der gemeine Haufen es nicht erlauben, nicht anerkennen würde, daß man sich von him auszeichnete; und man erfüllt die unnachlaßliche Bedingung, weil man

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der Erlaubniß, der Anerkennung des gemeinen Haufens bedarf.

Welche grelle Unweiblichkeiten kommen dagegen bey Weibern, die sich von einem solchen Bedürfniß befreyen wollen, zum Vorschein!

Wenn die Konvenienz mit der Natur im Streite liegt, warum zeigt uns das Leben in Kontrasten mit der Konvenienz fast nie schöne Natur?

In der Kunst, eher als im Leben, suchten wir uns die schöne Natur der Weiblichkeit anschaulich zu machen. Sobald wir aus dem Gebiete der Kunstwerke heraustraten, fanden wir uns nothwendig in das Gebiet der gesellschaftlichen Bildung versezt: das eine floß gleichsam in das andre über, während wir unsre Vorstellung von der schönen Weiblichkeit verfolgten. Das Weib wie es seyn soll, ehrt in der Konvenienz das, was die Konveninez seyn soll: das wahre Verhältniß der gesellschaftlichen Weiblickeit zu der natürlichen – man wird sie nie gegen die Konvenienz verstoßen sehen, aber auch nie wird man in ihr die Konvenienz gegen die Natur verstoßen sehen. Die Sitte ist für sie Ausdruk der schönen Sittlichkeit,

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eben so wenig Ersaz derselben, als derselben, als Larve oder Schmuk der Verderbniß.

Weibliche Tugend ist nichts anders als vollendete Weiblichkeit: höchste Reinheit in gleich verbreiteter höchster Lebensfülle. Genießt sie auch an der Konveneinz einer Garantie, so ist die Freyheit, so ist die Sittsamkeit, so sind Unschuld und Grazie – so ist die weibliche Tugend dahin, wenn sie sich bewußt ist, in der Konvenienz eines Schutzes, einer Zuflucht zu bedürfen. Der Zwek sey Sittlichkeit oder Reiz, er wird selbst in dem beschränkten Kreis der feinen Gesellschaftlichkeit nicht erfüllt, wenn die konventionellen Eigenthümlichkeiten dieser lezteren mit den Elementen der Weiblichkeit selbst verwechselt werden. Die sittliche Schönheit des Weibes ist dahin, wenn die auf dem Gerüst willkührlicher Verhältnisse der Gesellschaft beruht, dahin, wenn sie es zerbricht, sicher, wenn sie da wandelt wie sie in den idealischen Fluren eines goldenen Zeitalters wandeln würde: sie wäre hier gebunden wie dort, sie ist dort frey wie sie hier es seyn würde.

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Es wird von strengen Verfechkern der Gleichheit sogar für das weibliche Geschlecht die politische Gleichheit als ein verlornes natürliches Recht zurükgefordert. Condorcet selbst ahndet in seiner lezten Epoche der Geschichte des Menschengeschlechts, in dem unendlichen Zeitraum der die zukünftigen Fortschritte desselben umfaßt, die vollkommne Gleichhiet zwischen beyden Geschlechtern.

Was die küzliche Materie der Gleichheit überhaupt anbetreifrt, so halten die Freunde der Wahrheit und der Gerechtigkeit diesen vorläufigen Grundsaz in Ehren: daß keinem Theile, der durch Ungleichhiet für beeinträchtigt gehalten wird, mehr Gleichheit aufgedrungen werden solle, als er selbst verlangt. Wer Unrecht leiden will, dem geschieht kein Unrecht, und die Wiedererstattung eines Rechtes, das nicht zurükgefordert wird, kann selbst gegen den, zu dessen Vortheil sie geschieht, höchstes Unrecht seyn. Wenn es also der Fall wäre, daß jene Sachwalter der Weiber keine Vollmacht von denselben aufzuweisen hätten, so wäre, scheint es, die Frage ohne Weiteres zu beseitigen.

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Nun bleibt zwar zwischen den Freunden der Wahrheit und Gerechtigkeit, und den Parteyen, welche notorische bey der Ungleichheit gewinnen, oder bey derselben zu gewinnen glauben, noch eine kleine Differenz übrig: jene sind nämlich nicht der Meynung, daß der etwa bevorrechtete Theil befugt sey, dem etwa beeinträchtigten die richtige Erkenntniß seiner wahren Rechte und Vortheile wissentlich vorzuenthalten; sie halten vielmehr dafür, es dürfe keines Menschen persönliches Interesse ihm Unwissenheit und Irrthum eines Andern zum Bedürfniß machen, und gegen allgemeine, für alle Theile gleich Gefahren, welche die Selbstsucht gern vorschüzt, ist, wie sie denken, durch allerseitige richtige Erkenntniß wahrer Rechte und Vortheile hinlänglich gesorgt, ja ungleich besser gesorgt als durch Unwissenheit und Irrthum des einen oder des andern Theiles. Allein diese Mishelligkeit kommt bey dem vorliegenden Falle nicht in Anschlag: die Weiber können um ihre Rechte betrogen, oder auch gewaltsam unterdrükt seyn; aber man kann füglich annehmen, daß sie Weiber im Ganzen

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was ihnen gebührt und was ihnen frommt so gut wissen, als die Männer im Ganzen.

Ehe man also eine vermeynte Ungleichheit abzustellen strebt, frage man erst brave Mütter, wackere Hausfrauen, Weiber die ihres Geschlechtes sind, ob sie irgend ein männliches Gewerbe für bevorrechtend halten, ob sie sich in Vergleichung mit den Männern, durch das in der bürgerlichen Gesellschaft zugefallene Loos, in einen niedrigeren Stand vewiesen dünken?

Wenn man nicht umhin könnte, die gesellschaftlichen Einrichtungen, auf denen die politische Ungleichheit zwischen beyden Geschlechtern beruht, wirklich einer Meynung zuzuschreiben, die nur durch unstatthafter Uebergewicht und ungerechten Misbrauch der grösseren physischen Stärke des einen Geschlechts aufgekommen wäre, der Meynung nämlich, als seyen die Weiber nur Kindern gleich zu achten: dann dürfte allerdings die völlige Aufhebung aller bürgerlichen Unterschiede zwischen den Männern

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und den Weibern keiner von den lezten Fortschritten seyn, welche das Menschengeschlechts auf der Bahn seiner Vervollkommung zu machen hätte.

Aber, wie es sich auch oft genug mit der Geschichte jener Einrichtungen verhalten möge, so ist ihr Geist unstreitig Garantie der geschlechtsmäßigen Existenz der Weiber – und unsre Theoretiker laufen Gefahr, wirkliche Rechte zu rauben, indem sie vermeynte wiederherstellen wollen.

Ein Unrecht giebt es indessen, welches die Weiber in unsern bürgerlichen Verhältnissen leiden – ein sehr großes Unrecht, denn es kränkt, es erniedrigt das Geschlecht in ihnen.

Dies ist die Nothwendigkeit, die Ausschließlichkeit ihrer Bestimmung zum Frauenstand, insofern tausend Verwickelungen und Widersprüche in den bürgerlichen Verhältnissen, in den gesellschaftlichen Sitten, in den Meynungen der Menge, insofern Millionen von schaalen Scherzen, insofern alle Armseligkeit, alle Abgestandenheit der naturwidrigsten Konvenienz,

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[glei]chsam verschworen scheinen, um mit der Freyheit dieser Bestimmung, zugleich ihre Schönheit, ihren Adel, ihre Würde zu tödten.

Hier liegt das Gift, dem die holde Unbefangenheit, die schöne Kindlichkeit des weiblichen Sinnes nur in wunderähnlichen Ausnahmen widersteht. Hier führt die Gesellschaft den grausamsten Krieg gegen ihr eigenes Glük, und gegen die Weiblichkeit, die von den Proben auf welche die rohe Natur sie setzen könnte, ungleich weniger zu befürchten hätte, als von diesem ewigen Gedränge zwischen Unfeinheit und Falschheit. Hier ist die Hauptquelle aller weiblichen Unarten zu suchen; hier ist die Schule, in welcher das Weib die Schönheiten der Natur gegen die Grimassen der Künsteley, die Tugenden der Freiheit gegen die Ränke des Sklavenstandes vertauschen lernt. In dieser Werkstatt werden die kleinlichen, kalten, heuchlerischen Leidenschaften zubereitet, die das Heiligste im Busen des Weibes – die Liebe ersticken.

Laut scheint ein solches Uebel um Abhülfe

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zu schreyen. Freylich sind gegen sittliche Uebel nur sittliche Mittel spezifisch, und wenn die für fromme Wünsche nie merklich genug wirken, so bringen wiederum materielle Reformen meist grelle Kontraste hervor, und die schöne Schaale liegt hoho nebn der wurmstichigen Frucht. Wir können jedoch in einer Zeit, wo so mancher utopischer Staat errichtet wird, der Versuchung nicht widerstehen, auch unser Scherflein zur Weltverbesserung beyzutragen.

Wir haben gefunden, daß die politische Ungleichheit zwischen beyden Geschlechtern, dem weiblichen zum Schuz gereicht, und mit seiner Haupteigenschaft, Geschlecht zu seyn, vollkommen übereinstimmt. Sollte es aber nicht jedem Weibe freystehen dürfen, diesem Schutze zu entsagen, und unter das gemeine Recht zu treten, wenn sie wollte?

Der Einwurf, daß sie sich damit ihrer Eigenthümlickeit, ihrer Weiblichkeit entkleiden, und den Anstand beleidigen würde, hebt sich, scheint es, selbst auf; denn die Beleidigung des Anstandes beruht auf eben der Weiblichkeit,

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[de]ren sie sich entkleiden würde, deren sie sich, [ ost] bis auf die äusseren Zeichen der Tracht, entkleiden müßte. Und daß sie auf Weiblichkeit Verzicht thäte, wäre doch wohl an sich keine Beleidigung eines Anstandes, mit welchem sie nur als Weib, und so lange sie Weib seyn will, in Verhältnissen steht.

Wenn Weiber mit ihrer ganzen geschlechtsmäßigen Eigenthümlichkeit in den politischen Wirkungskreis treten, so ist dies allerdings mit manchem unvermeidlichen Nachtheil für sie und für den Staat verbunden, und die glänzendsten Beyspiele der Geschichte sind nicht frey von diesen Nachtheilen. Aber bey dem Vorschlag den wir thun, ist davon nichts zu befürchten.

Das Weib wird nach dem aufgestellten Grundsaz, dessen organische Bestimmungen ein jeder sich nach bestem Ermessen hinzudenken mag, als Mitwerber Andrer gewiß nur Verdienst, nie Verführung in die Schaale legen können. Wie sie sich nun das Verdienest erworben hat, (zu welchem man ihr doch die Anlage nicht weil die als Weib geboren ward absprechen wird,) das ist ihre Sache.

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Daß zu viele Weiber lieber im Staate oder im Felde angestellt zu werden suchten, als Frauen und Mütter seyn wollten, wäre bey so bewandten Umständen wohl am wenigsten zu besorgen.

Notes

Ewigkeit: In Dante’s Hölle ist die Beschreibung eines Phuhls von siedendem Bley, in welchem die Meineidigen versenkt sind. Zu einer gewissen Stunde ruft ihnen ein Teufel zu: welch Zeit ist es? und sie tauchen auf, und antworten: Ewigkeit! Ewigkeit! — Und sinken wieder zurük.


Gegenstand: Der Korrespondent der Madame ** merkt hierbey an, daß er allerdings nicht ganz ihrer Meynung ist. Die Musik, behauptet er, ist ganz Seele, und gar nicht Verstand; sie wirkt auf die reinste und zarteste Sinnlichkeit im Menschen; und um ihren Eindrücken offen zu seyn, gehört nicht sowohl jenes Kunstgefühl, das mit Verstandesbildung verbunden ist, und sich also mehr oder weniger mit Begriffen vermischt, noch die Empfindung, die aus dem Herzen fließt, und bey dem Kunstgenuß nur durch deutlichere oder dunklere Ideenassociation rege gemacht wird, sondern eine Art von Empfänglichkeit, die von Organisation herrührt, und ursprünglich doch das Wesentliche aller Kunst ist. Er weiß über die Geisteseinfalt und Verstandesarmuth, die man an den meisten Tonkünstlern bemerken will, über die Wirkung, welche die Musik sehr oft auf spekulative Köpfe macht, ein Langes und Breites zum Behufe seiner Idee zu [differtiren]; aber Madame ** findet den Schachteldeckel und das Wassergeplätscher ungleich deutlicher als alles was er sagt.

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