Jenseits der Mauer, I & II (Novel)

 Jenseits der Mauer

Von Elisabeth Heinroth
(Klaus Rittland)

  

Editor's Introduction

The original for this text is located in the Königliche Bibliothek-Berlin. All spelling in this electronic version of the text reproduces that of the original. Textual usage and spelling conventions conform to those of modern German with minor exceptions. For example, contrary to modern usage, Nachbar is not declined with the -n: den Nachbar, des Nachbars. In addition, the relative pronoun das is most frequently used to refer to indefinite pronouns such as etwas. As in many early texts, ward is used instead of wurde in the preterite.

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This text may be duplicated for classroom and research purposes.

 

Titelseite

[i]

Jenseits der Mauer

[ii]

Erster Band

Königl.-
Bibliothek
Berlin

Dresden
Verlag von Carl Reißner
1912

[iii]

Gedrukt bei Petzschke & Gretschel, Dresden-A.

 

I

[1]

 

Vorfrühling in der Heide. Ein leiser Wind strich über die wellige braune Ebene dahin, ein Wind, der bei all seiner Frische doch schon einen Hauch von Wärme, von lebenweckender feuchter Wärme mit sich führte. Die Heide selber trug noch ihr schmuckloses Winterkleid; aber dort, am Rande des Föhrenwäldchens, zog sich ein schlängelnder Streifen von zartem, lichtem Laubgrün dahin. Das mußten die Weiden am Ufer des kleinen Moorflusses sein.

Der junge Radler, der von der fernen Landstraße über den Sommerweg daherkam, faßte den hellgrünen Streifen als Ziel ins Auge. Dort wollte er rasten und einen Schluck trinken. Wenn das dunkle Moorwasser auch abscheulich schmeckte, sein Durst war zu groß. Die Fahrt auf dem schlechten Sommerwege strengte an; fortwährend klemmte sich das Rad in den tiefen Furchen fest.

Jetzt hatte er sein Ziel erreicht und warf sich, nachdem er seinen Durst nicht eben genußreich gestillt hatte, auf den feuchten Moosboden nieder. Da leuchtete etwas Weißes aus dem Gebüsch. Er griff danach: ein Brief, geschlossen und frankiert. "Freifrau von Hadersloh auf Eicken bei Lüneburg", las er und überlegte: "Ich will menschenfreundlich sein und

2 den Brief in den nächsten Postkasten stecken. Es ist wohl niemand in Sicht?" Doch ja, dort, wo der Nadelwald sich über eine niedere Anhöhe hinzog, saß ein weibliches Wesen auf einem Baumstamm, ein Skizzenbuch oder Zeichenbrett auf den Knien. Ein Malweib? Die machten doch sonst erst zur Sommerzeit die Heide unsicher.

Der junge Mann sprang auf und schritt, sein Rad mit sich führend, auf die Dame zu. Beim Näherkommen konstatierte er, daß sie nicht mehr jung war, aber gut aussah, schlank und bräunlich, mit stark ausgeprägten, linienstrengen Zügen.

Er grüßte und reichte ihr den Brief hin. "Haben Sie das vielleicht veloren?"

Erfreut blitzte ihr Auge auf. "O, vielen Dank. Ich bin vorhin schon ein großes Stück Weges darum zurückgelaufen. Es ist so lästig, einen Brief doppelt schreiben zu müssen."

"Und doch auch peinlich, wenn so etwas in indiskrete Hände kommt", fügte er lächelnd hinzu, "wer weiß, was für Geheimnisse in dem kleinen Kuvert enthalten sind?"

Im ersten Moment trat ein kühl abweisender Zug auf ihr Gesicht. Eigentlich dreist — gleich dieser neckische Ton. Aber es lag etwas harmlos Natürliches in seiner Art. Und dann — was war er für ein schönes, junges Menschenkind, so strahlend von vollsaftiger Lebensfrische, so heiter und kraftvoll.

Sie schüttelte freundlich den Kopf. "Nein, dieser Brief würde den Neugierigen sehr enttäuscht haben. Er enthält nur eine schlichte Anmeldung."

3 "Sie wollen nach Eicken? Das interessiert mich." Er warf sich zu ihren Füßen ins Moos, ohne erst eine Aufforderung abzuwarten. Abenteurersituation. Da fragt man nicht lange.

"Die Frau von Hadersloh ist eigentlich das einzig Interessante in dieser gottverlassenen Gegend — außer den Ölquellen." Fragend sah sie zu ihm nieder. "Ich bin bei den Ölbohrungen in Lühstedt beschäftigt, als Ingenieur. Ja. Also — diese Gutsfrau von Eicken, das muß ein famoses Frauenzimmer sein. Eine äußerst tatkräftige Geschäftsfrau, Gutsherrin in großem Stil. Von dem Ertrag ihrer Fischteiche erzählt man sich ja Wunder. Na, man ist hier wohl nicht an blendende Erfolge gewöhnt. Neulich kriegte auch unser Direktor mal einen Brief von ihr, in dem sie auf ein ihr gehöriges Ackerland aufmerksam macht, das nach ihrer Meinung in die Ölzone hineinreicht. Kann auch sein. Vielleicht bohren wir dort nächstens. Übrigens hab' ich die Frau erst einmal von weitem gesehen, sie ritt mit ihrem Inspektor durch die Felder — ein Prachtweib. Ich möchte sie wohl kennenlernen."

"Ja", meinte das Mädchen sinnend, "Jutta ist schön — mehr als schön."

"Ihre Freundin?" fragte er.

Sie nickte. "Und bald meine Herrin. Ich bin als Obergärtnerin dort engagiert."

"Nanu?" Erstaunt sah er an der schlanken Gestalt empor. So ganz Dame — und Gärtnerin?

Sie lachte. "Ja, wirklich. Ich habe mich in der Gärtnerei ausgebildet, nachdem ich eingesehen hatte,

4 daß es damit" — sie zeigte auf ihre Skizze — "nichts war."

Er erhob sich und guckte ungeniert über ihre Schulter weg auf die Zeichnung. "Also Malwei — pardon, Künstlerin a. D.? Übrigens, Sie können doch was. Sehr gut wiedergegeben. Sieh, sogar meine Bohrtürme im Hintergrunde. Die Heidemaler sind bescheiden."

"Sie lieben diese Natur nicht?" fragte sie, ihre Arbeit wieder aufnehmend.

Er schüttelte energisch den Kopf. "Ich bin vom Rhein." In diesem stolzen Bekenntnis schien ihm alles zu liegen. "Ingenieur Gervissen aus Köln", fiel es ihm jetzt ein, sich vorzustellen. "Luise Schott", sagte das Fräulein.

Und dann erzählte er, daß er schon den ganzen vorigen Sommer in Lühstedt die Bohrungen geleitet hätte und sich nachgerade hier recht zu langweilen anfinge. Auch von seinem Kölner Elternhause erzählte er, von den fremden Ländern, in die sein Beruf ihn geführt hatte, von Rußland, Galizien, Amerika — und renommierte ein wenig mit kühnen Zukunftsplänen.

Hans Gervissen war mitteilsamer Natur und hatte sich schon lange nicht mehr mit einem angenehmen weiblichen Wesen ausgesprochen. Er hungerte nach Frauensympathie. Und diese hier verstand so wundervoll zuzuhören. Ihre schwarzen Augen — schwarz und sehr sanft, was man selten findet — ruhten so verständnisvoll auf ihm, so gütig wissend, als ob sie eigentlich schon sein ganzes Inneres kennte und nur

5 aus seinem Munde die Bestätigung längst vertrauter Dinge hören wollte. Von sich selber sprach sie wenig, nur daß sie in dem nahegelegenen Städtchen Reimersloh bei Verwandten zu Besuch wäre, erfuhr er, und daß sie übermorgen ihre Stellung auf Eicken antreten würde.

Als sie endlich zur Mittagszeit ihre Malsachen zusammenpackte, bat er, sie ein Stück Weges begleiten zu dürfen.

Munter plaudernd schritt er an ihrer Seite durch die stille Landschaft.

Und über ihre Seele kam ein wunderlich frohes Jugendgefühl. Als ob das keimende Leben ringsumher, die heimliche Werdelust, die allerorten sich regte, tief unten im feuchtherb duftenden Erdboden und in den Zweigen, deren aufsteigende Säfte zum Quellen und Knospen drängten, als ob all dieses sonnendürstende neue Leben sich verkörpert hätte in der Gestalt des jungen Menschen, der da neben ihr ging und ihr so fröhlich vertraut ins Gesicht schaute mit seinen lachenden Blauaugen.

Ein Übermut ergriff sie, eine kindische Freude, ohne Grund, ohne Berechtigung — aber die Freude blieb tief verschlossen. Er hatte nur den Eindruck: ein liebes, ernstes Mädchen, das keine Ansprüche mehr macht und sehr wohl zu leiden ist, ein famoses werdendes Tantchen!

Als sie die ersten Häuser vor sich sahen, verabschiedete er sich mit dem Versprechen: "Vielleicht such ich Sie mal in Eicken auf."

Die Medizinalrätin, ihre Tante, empfing sie mit

6 einer spitzen Bemerkung über ihre verspätete Heimkehr.

"Verzeih', es war so schön da draußen." Aber von ihrer Begegnung sagte sie nichts.

Bei Tische erzählte sie, daß sie übermorgen nach Eicken fahren würde.

"Schade, schade, schon so bald?" bedauerte der freundliche, dicke Medizinalrat.

Und seine Frau stimmte ihm bei. "Eigentlich ist es mir überhaupt nicht ganz recht, Luising, daß du zu der Hadersloh gehst."

Fragend sah der Gast auf. "Weshalb nicht? Es ist eine sehr gute Stellung. Alle, die mit mir zusammen ausgebildet sind, beneideten mich, daß mir gleich so etwas geboten wurde."

"Ja doch, ja, die Stellung mag wohl gut sein, aber" — die Medizinalrätin hüstelte — "diese Hadersloh selber — ich weiß nicht — gestern Abend im Nähverein war wieder so viel die Rede davon, all die Damen wunderten sich — Frau Direktor Lindner sagte: und wenn man ihr goldene Berge böte, ihre Tochter würde sie der Hadersloh nicht anvertrauen."

"Ach, was die alte Spinne sagt", warf der Medizinalrat ein; "laß doch diese Dinge ruhen, Mariechen."

Aber seine Frau zuckte die Achseln. Sie war nun einmal heute in Warnerstimmung. "Etwas Wahres wird schon dran sein an all den Geschichten, Paul. Und wissen soll sie es, damit sie die Augen offen hält und sich beizeiten zurückzieht, wenn sie bemerkt, daß um sie herum Dinge vorgehen, die" —

Sie zögerte.

7 Und Luise lachte. "Tante, das klingt ja ganz unheimlich. Was soll denn die arme Jutta verbrochen haben? Ich denke, sie wird in der ganzen Umgegend respektiert als Mustergutsfrau?"

"Ist sie auch, ist sie auch", stimmte der Onkel bei. Aber sein Mariechen warf ihm einen verweisenden Blick zu. "Schließlich liegt doch der Schwerpunkt bei einer Frau noch wo anders. Und in moralischer Beziehung — hm — " erneutes Achselzucken — "du bist ja ein gereiftes Mädchen, Luising, vor dir kann man schon so etwas besprechen — der Ruf deiner Freundin ist kein tadelloser." — Die letzten Worte fielen hart und fest wie Schrotkörner von ihren Lippen. "Schon als der selige Hadersloh noch lebte — damals kam häufig ein Münchener Maler nach Eicken, ein bildschöner Mensch, er sah wie die Jugendbilder von König Ludwig II. aus, und da erzählt man sich — hm"--

Ihr Mann unterbrach sie mit der Frage, ob sie und Luise ihn heute Nachmittag auf einer Fahrt über Land begleiten wollten.

"Ja, gern, Paul, ein guter Gedanke." Aber ganz mochte sie ihr pikantes Thema doch nicht fallen lassen. "Und später, nach dem Tode des Barons", fuhr sie fort, "da sollen auch seltsame, sehr seltsame Dinge auf Eicken passiert sein . . . Ich will ja nichts gesagt haben — " das Stirnrunzeln ihres Mannes ließ ihren Redefluß nicht recht zum kräftigen Gefälle kommen — "mit einem Wort, meine liebe Luise: deine angebetete Jugendfreundin soll eine Frau von freien — aber sehr freien Sitten sein."

8 Luise schüttelte den Kopf. "Daran glaube ich nicht. Jutta war immer sehr vorurteilsfrei, aber ein ganzer und stolzer Mensch, zu keiner niedrigen Handlung fähig."

Die Tante machte ein geheimnisvoll mitleidiges Gesicht. "Gutes Kind. Also, ich kann dir nur raten: halte die Augen offen. Und denke daran, daß du bei uns immer eine Zuflucht hast, wenn etwa — nun, ich will dich nicht ängstlich machen, Luising.

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II

[9]

 

Die Gutsherrin von Eicken und ihre neue Obergärtnerin hatten einen weiten Rundgang gemacht. Luise mußte gleich an diesem ersten Nachmittage die ganze nächste Umgebung des Herrenhauses in Augenschein nehmen, obschon sie ein wenig müde von der Fahrt war. Aber Jutta empfand eine große, fast kindliche Freude dabei, der andern zu zeigen, was sie aus ihrem Besitztum gemacht hatte. Vor zwölf Jahren, zu Margaretens Taufe, war Luise das letztemal in Eicken gewesen und konnte nun des Staunens kein Ende finden, ein wie anderes Gesicht hier alles gewonnen hatte — alles, selbst das Herrenhaus, ein großes, schlichtes Gebäude aus dem Beginne des achtzehnten Jahrhunderts — kein Schloß, zum Bau von Schlössern hatten die althannoverischen Adligen meistens kein Geld gehabt — jetzt machte es aber einen weit stattlicheren Eindruck als früher mit dem neuen Anbau und der, geschickt dem einfachen Stil angepaßten, vornehm einladenden Freitreppe.

Damals war das Haus fast allzu dicht mit Efeu bewachsen gewesen — das wuchernde Grün mußte wohl recht viele Schäden verdecken — jetzt hatte man seinem willfährigen Ranken gesunde Grenzen gesetzt.

In den Ställen hatte es zu jener Zeit merkwürdig

10 leer ausgesehen; ein Viehbestand, wie auf einem kleinen Bauernhof. Nur im Pferdestall, da gab es sehr schöne, edle Reittiere zu bewundern. Auf den Feldern war der kümmerliche Stand des Getreides selbst der damals noch sehr unkundigen Luise aufgefallen. Nur Lupinen hatte sie in Fülle bemerkt, die sehr anspruchslosen Lupinen. Nach Norden und Westen zu hatte die Heide bis dicht an den Gutshof herangereicht, weite, wilde Strecken, ein Erikateppich über trockenen Sandboden, wohin man blickte. Im Herrenhause, obschon es ein wenig nach Verfall roch, hatte zu jener Zeit ein flotter Ton geherrscht. Täglich Gäste. Sport. Jagdlust. Von Landwirtschaft war nie die Rede gewesen. Das ganze hatte mehr den Eindruck eines dem Sommervergnügen dienenden Lusthauses, als eines Rittergutes gemacht.

Jetzt stand in den Ställen prächtiges Vieh, alte Wirtschaftsgebäude waren niedergerissen, neue massive Bauten an ihrer Stelle errichtet worden, in Haus und Hof regte sich geschäftiges Leben; man hatte den Eindruck, daß jeder tüchtig zu tun hatte und den Platz gut ausfüllen mußte, auf den er gestellt war.

Im Süden waren große Strecken neu aufgeforstet, und nordostwärts, da, wo früher die Heide ihre unfruchtbare Schönheit entfaltet hatte, dehnten sich jetzt weite, im Nachmittagssonnenschein glitzernde Wasserflächen — das waren die berühmten Eickener Fischteiche.

"Vierzehnhundert Morgen habe ich unter Wasser gesetzt", erzählte Jutta, "hauptsächlich ziehen wir Karpfen, die nach Hamburg verkauft werden." Sie

11 schilderte der Freundin die Art der Zucht und des Versandes, und Luise staunte über diese gründliche Fachkenntnis.

War das die reizende, verwöhnte Jutta Hadersloh, deren Leben einst ganz ausgefüllt schien von Sport, Geselligkeit und allerlei geistigen Interessen, aber nur solchen, die man zum Vergnügen, zur Würze der Salonunterhaltung pflegt?

"Davon hattest du doch früher keine Ahnung", meinte sie kopfschüttelnd, "alles Praktische fandest du 'öde'!"

Jutta lächelte. "Ja, man bekommt eine Ahnung von manchen Dingen, wenn das harte Muß mit seiner Knute dahinter steht."

Sie schritten auf und ab über den rasenbewachsenen Landstreifen, der die beiden großen Fischteiche voneinander trennte.

Jutta hatte ihren Arm in den der Freundin gelegt. Und sie ließen in traulichem Gespräch die Jahre an sich vorüberziehen, die dahingegangen waren in Freud und Leid, seit sie miteinander zu Lüneburg auf der Schulbank gesessen hatten, in siegesgewisser Lebensneugierde auf die Herrlichkeiten wartend, die ihnen die Zukunft bringen würde.

Eigentlich hatte keine von beiden Grund zu der großen Zuversicht gehabt, weder Luise, die Tochter des armen Malprofessors, noch Jutta, das Kind aus einer alten, aber keineswegs mit Glücksgütern gesegneten welfischen Adelsfamilie, die 1866 nach Österreich übergesiedelt war.

Nach dem frühen Tode ihrer Eltern war Jutta in

12 die alte Familienheimat zurückgeschickt worden und wuchs im Hause ihres Großonkels, des dereinstigen Landdrosten von Wexleben, und seine steifen, korrekten Gattin auf. Das Kinderlose Ehepaar hatte eine saure Pflicht der Familienfürsorge auf sich genommen, als es dem äußerst temperamentvollen kleinen Sprößling von der österreichischen Linie, der noch dazu von Mutterseite her ungarisches Blut in den Adern hatte, sein Haus öffnete. Sie faßten ja eine gewisse Neigung für das schöne Kind, aber es war und blieb doch eine unbequeme Zugabe zu ihrem windstill abgeschlossenen, nur von Erinnerungsschmerz, Preußenhaß und Welfentreue ein wenig angewärmtem Leben. Und dann die Sorge für die Zukunft!

So wurde es als ein großes Glück angesehen, daß der ältliche, leichtlebige, für sehr wohlhabend geltende Vollrad Hadersloh sich um die Achtzehnjährige bewarb. Und Jutta hatte sich nicht lange besonnen.

"Ja, aber liebst du ihn denn wirklich von ganzer Seele?" hatte Luise damals die bräutliche Freundin gefragt.

Jutta hatte gelacht. "Ja, weißt du, Hans Hammerstein und Bodo Frieseck hab' ich wohl noch etwas mehr geliebt, auch Herrn Stäubert" — den Geschichtslehrer — "und meinen Vetter Louis" — die junge Dame hatte schon eine reiche Liebeserfahrung hinter sich! — "aber sehr gern hab' ich den Vollrad schon jetzt, trotz seiner dünnen Haare und reichlich vielen Fältchen, und mit der Zeit werde ich ihn ganz sicher so lieb gewinnen, wie man einen Ehemann haben muß. Ein Reitpferd krieg' ich auch, du, ein feines Halbblut!"

13 Luise hatte geseufzt. Eine solche Ehe — schrecklich. Sie selber hoffte fest und gläubig auf den "herrlichsten von allen."

Der kam aber nicht. Und Luise zog nach München, ihr kleines Maltalent auszubilden, um nach langem, vergeblichem Ringen einzusehen, daß ihre Begabung nicht ausreichte. Ganz anders fest und freudig war sie dann in ihren neugewählten Beruf eingetreten. Hier fühlte sie Boden unter den Füßen. Ihr sorglich praktischer Sinn und ihre Liebe zur Natur kamen hier zur schönsten Entfaltung. Und sie begriff kaum mehr, daß sie so lange und fruchtlos anderen Zielen hatte zustreben können, daß sie so spät erst den Weg endeckt hatte, auf dem sie zum sichersten Glück gelangen konnte: zum Frohgefühl erfolgreichen Wirkens.

Ihre Freundin hatte den Weg schon früher gefunden, freilich durch ein Gewirr von Dornen.

"Du machtest damals auf Fremde den Eindruck einer glücklichen Frau, die ganz aufging in dem flotten Treiben", meinte Luise nachdenklich, als sie ihres letzten Besuches in Eicken gedachte — "das heißt, ich sah dich doch anders und konnte nicht recht an dein Glück glauben. Es ging so bunt und laut zu um dich her, und mir schien manchmal, als wäre dir der Lärm nur deshalb recht, weil er dich hinderte, zur Besinnung zu kommen."

Ein warmer Blick aus Juttas Augen sagte ihr, daß sie nur allzu recht gesehen.

Nein, Jutta Hadersloh hatte das leichte Glück ihrer Ehe nicht lange genießen können. Nur in den ersten Jahren war der Reiz des neuen Lebens: das feine

14 Halbblut, die hübschen, kostbaren Toiletten, die Bälle in Hannover, die Jagddiners auf Eicken, die Reisen nach Nizza, Paris und St. Moritz, stark genug gewesen, ihr kindisches Herz auszufüllen, dann war wie ein trüber, langsam aufsteigender Nebel die Erkenntnis in ihr erwacht, daß ihr Leben ein furchtbar leeres war. Sie selber, noch ein junges, unfertiges Kind, der Führung bedürftig, an einen Mann gebunden, dessen ganzes langes Leben nur leichter Genuß gewesen war, der in ihrer blühenden Jugend auch nur den leichten Genuß, den Reiz für die ermüdeten und doch ewig hungrigen Sinne erblickte. Und in den Pausen des Vergnügungshetztreibens kam manchmal eine große Traurigkeit über sie — manchmal wohl auch schon eine bange Ahnung, daß irgend etwas in dieser Lebensrechnung nicht stimmte, daß Vollrad schwere Sorgen hätte haben müssen, wenn er überhaupt zu ernstem Nachdenken fähig gewesen wäre — und diese Sorge wurde zur Gewißheit, als ihr Mann nach sechsjähriger Ehe plötzlich an einem Herzschlage starb.

Zwei Tage nach der Beisetzung ließ sich ein alter Justizrat bei ihr melden, der Rechtsbeistand ihres verstorbenen Mannes, und von ihm erfuhr sie, daß sie diese ganzen Jahre auf unterwühltem Boden dahingetanzt war. Der lustige Vollrad hatte Raubbau an seinem Besitze getrieben, als ob es überhaupt eine Zukunft gar nicht gäbe. So gut wie nichts mehr hineingesteckt, nur alles zu Geld gemacht, was sich zu Geld machen ließ, den herrlichen Forst im Laufe der Jahre fast gänzlich abgeholzt, den größten Teil der Äcker an

15 kleine Pächter verpachtet zu hohem Pachtpreise, der aber nicht immer einkam, und eine Hypothek nach der andern aufgenommen; so überlastet war das Besitztum, daß eigentlich keine Scholle mehr den Erben gehörte.

Der Justizrat erzählte von den vielen ernsten Auseinandersetzungen, die er mit dem Verstorbenen gehabt, wie er immer abgeredet, gewarnt hätte, aber vergebens.

Nun ging sein Rat dahin, Eicken zu verkaufen. Es böte sich eine nicht ungünstige Gelegenheit. Und er hielte die Möglichkeit, das herabgewirtschaftete Gut zu halten, für ausgeschlossen, wenigstens für eine Frau, die allen praktischen Lebensfragen bisher ferngestanden hatte.

Sehr eingehend, in väterlich guter, verständiger Weise sprach er mit der jungen Witwe und setzte ihr auseinander, wie er sich ihre Zukunft dächte. Heute wäre es vielleicht noch möglich, so viel zu retten, daß sie, bei bescheidenen Ansprüchen, mit ihren Kindern in einer kleinen Stadt leben und ihnen eine standesgemäße Erziehung geben könnte. Aber wenn man die Dinge so weiter gehen ließ wie bisher, dann — er sprach das Wort nicht aus, das Jutta in seiner ernsten Miene las.

Stumm hatte sie ihm gegenüber gesessen, nur ganz selten durch eine kurze Frage ihn unterbrechend. Bleich und unbeweglich sah er das schöne, junge Frauenantlitz vor sich; fest waren die stahlblauen Augen auf ihn gerichtet, mit einem Ausdruck, als wollten sie sagen: Nur zu, ich kann alles ertragen.

16 Im ersten Augenblick hatte es sich wie eine schwere Last auf ihre Seele gelegt, wie etwas eisig Kaltes, Schweres, das alles Leben erdrücken wollte.

Und doch — ganz ahnungslos traf es sie nicht. Sie hatte sich in den letzten Jahren häufig über die Anordnungen ihres Mannes gewundert. Aber er hatte auf ihre Fragen immer nur die Antwort gehabt: "Pfälzer hält es für richtig so, und der versteht die Sache." Gegen Pfälzer, den sanften, höflichen Inspektor, hatte sie immer ein leises Mißtrauen gehegt; aber Vollrad war ganz in seinen Händen gewesen.

Und nun dieses klägliche Ende: noch so viel retten, daß man sich standesgemäß durchhungern kann?

Aber der alte, vernünftige Herr hatte wohl recht? Jutta fühlte, daß er es gut mit ihr meinte. Und anfangs, da ihre Seele noch niedergeworfen lag, betäubt und wund von dem harten Schlage, war sie versucht, sich in das Schicksal zu ergeben.

Dann aber kam etwas Neues über sie, etwas Neues und ganz Altes, etwas, das nicht ihrer jungen, unfertigen Persönlichkeit allein entsprang, nein, das seine Wurzel hatte in vergangenen Zeiten, in längst erloschenem Leben. Der Stamm erwachte und reckte sich auf in ihr, der alte, gute, niedersächsische Landadelstamm, der fest auf seiner Scholle sitzt und trotzig den Boden der Väter verteidigt. Ihre eigene Familie war durch das Schicksal vom Heimatgrund gelöst worden, die Haderslohs aber hatten hier gesessen seit Jahrhunderten. Es hieß, daß schon ein Hadersloh unter Heinrich dem Löwen gegen Bardowick gezogen

17 war — eines der ältesten Geschlechter im alten Welfenlande. Und Juttas Kinder waren Haderslohs.

Den Justizrat berührte die Art, wie die junge Frau seine Mitteilungen hinnahm, ganz seltsam; ihr Schweigen ängstigte ihn, dieser sonderbar feste, starre Blick hatte etwas Rätselhaftes. War sie so schwer getroffen? Oder faßte sie noch kaum den Ernst ihrer Lage?

Teilnehmend ergriff er ihre beiden Hände und bat sie, den Mut nicht sinken zu lassen . . . "Und nun den Kopf oben behalten, liebe gnädige Frau; wir wollen uns schon durchhelfen, an mir werden Sie allezeit eine treue Stütze haben."

"Darauf rechne ich", antwortete sie, ihm groß und ruhig ins Auge blickend; "ich werde Ihren Rat oft brauchen in dieser nächsten Zeit. Denn ich habe nun meinen Entschluß gefaßt."

Er nickte. "Es ist ja auch das einzig Vernünftige: die gute Chance ausnützen."

Da erhob sich die junge Frau und sah zu ihm nieder, stolz aufgerichtet, die Hand auf den Tisch gestemmt, den Kopf zurückgeworfen, ein Leuchten im Auge: "Sie irren sich, Herr Justizrat. Ich will Eicken halten."

Ihr Mut freute ihn. Aber er sagte sich: Sie weiß nicht, was sie sich vornimmt. Er redete ihr ab, energisch, mit aller Kraft seiner Überzeugung. Aber jeder Einwand prallte an diesem Willen ab.

"Ich weiß, daß ich Schweres auf mich nehme. Von der Pike auf muß ich dienen als Landfrau. Hundertmal

18 werde ich betrogen werden, hundert Dummheiten machen. Aber endlich werde ich es doch zwingen."

Und sie zwang das Schicksal mit ihrer feinen, festen Hand.

Harte Jahre zogen für sie herauf, Jahre, die ihren wagefrohen Jugendmut auf schwere Proben stellten.

Sie mußte ja alles neu lernen, täglich neue Erfahrungen sammeln.

Nach Prüfung der Rechnungsbücher, unterstützt von ihrem juristischen Freunde, kam sie zu Erkenntnissen, die eine sehr schleunige Entfernung des sanften, geschmeidigen Inspektors zur Folge hatten. Wie war der arme, leichtgläubige Vollrad übers Ohr gehauen worden diese ganzen letzten Jahre hindurch! -Und sie hatte das Glück, einen vortrefflichen Ersatz zu finden.

"Wenn ich Hortmann nicht bekommen hätte", erzählte sie der Freundin, "meinen treuen, tüchtigen Hortmann mit seinem niedersächisischen Dickschädel und praktischen Verstand, diesen Prachtkerl, den mir eine gütige Schicksalslaune gleich am Anfang meiner Gutsfrauenlehrzeit in den Weg warf, wer weiß, ob dann meine Kräfte ausgereicht hätten? Ich stand ja dumm wie ein Baby vor den einfachsten Fragen. Und diese Komödie, damit meine Leute die Tiefe meiner Unwissenheit nicht erfassen und allen Respekt verlieren sollten! Erst horchte ich sie aus und dann kommandierte ich mit Unfehlbarkeitsmiene. Aber solch unsicheres Lavieren strengt an! Vor Hortmann brauchte ich keine Schaumschlägerei zu treiben. Der hätte mich doch durchschaut. Und bei ihm fühlte ich vom ersten

19 Moment an die noble Natur heraus, der man sich unbedingt anvertrauen kann."

Als ob sein Lob ihn aus der Ferne herbeigezogen hätte, kam jetzt der Inspektor auf die Teiche zu, ein Riesenmensch, breit und schwerfällig, mit blondem Vollbart und buschigen, blonden Augenbrauen — er erinnerte Luise an ein Rübezahlbild aus ihrem Kindermärchenbuch.

"Nun, lieber Hortmann, was gibt's denn so Eiliges?" rief Jutta ihm entgegen. Der Riese schien in einer gewissen Aufregung zu sein.

"Ein Unfall, gnädige Frau. Der kleine schwarze Pole — Raczkowski heißt er ja wohl — hat sich bei der Feldarbeit in den Fuß gehackt."

"O weh! Ich komme. Wo liegt er?"

"Drüben im alten Schuppen."

"Schön." Jutta machte den Inspektor mit Luise bekannt und entließ ihn dann mit einem Auftrag. "Sieh', wie eilig er dahinstampft", sagte sie, während sie ihm lächelnd nachschaute; "mit dem Auftrag hab' ich ihm einen Extragefallen getan. Nun braucht er uns nicht zu begleiten. Der Hüne hat nämlich eine kleine Schwäche: Blut sehen ist ihm ein Greuel. Seine Frau lacht ihn oft deswegen aus. Er hat nämlich eine sehr hübsche, muntere, kleine Frau und drei Kinder. Vor fünf Jahren hab' ich ihn verheiratet.

Luise lachte. "Du hast ihn verheiratet?"

"Ja. Ohne meine tatkräftige Hilfe wäre er nie zu der heroischen Tat gelangt. Mir macht der Anblick blutiger Wunden nichts aus", fuhr sie dann fort; "ich habe auch strengen Befehl gegeben, daß man mich bei

20 jedem Unfall sofort ruft, schon damit nicht erst die beliebten schmutzigen Lappen in Aktion treten."

Sie holten im Herrnhause Verbandzeug und schritten dem Schuppen zu. Lautes Zanken, Schwatzen, Heulen tönte ihnen entgegen. Ein halb Dutzend strammer Polenmädchen, klein und breithüftig, die wettergebräunten Gesichter von grellfarbigen Kopftüchern umrahmt, hockte da um den Verletzten, einen hübschen, schwarzäugigen Burschen, herum. Sein Fuß ruhte im Schoß einer Rothaarigen, die seine Liebste zu sein schien und der Herrin schluchzend entgegenrief: "Armer Jan is sich sehr schlimm, hat sich ganze Fuß abgehackt!" Dabei preßte sie einen Leinenfetzen von undefinierbarer Farbe auf die Wunde, ohne das heftig vorquellende Blut stillen zu können.

"Es wird schon nicht so gefährlich sein", erwiderte die Herrin, "laß das Heulen sein, Marja." Sie fügte ein paar Worte in polnischer Sprache hinzu, die das Mädchen sofort mit einem glucksenden Laut verstummen ließen.

Dann kniete sie nieder, wusch die Wunde aus, legte einen festen Verband an und befahl, den Patienten zu Bette zu bringen und nach dem Arzt im nächsten Marktflecken zu schicken.

"Ein eklig tiefes Loch hat sich der ungeschickte Bengel da beigebracht", sagte sie im Fortgehen zur Freundin; "gut, daß es keiner von unseren Leuten ist."

Luise lächelte. "Sehr menschenfreundlich." Jutta zuckte die Achseln. "Ich schätze vieles an den Polen. Sie sind fleißiger als unsere Leute und unglaublich anspruchslos. Und doch — man fühlt sich unseren

21 schwerfälligen, selbstbewußten Heideleuten näher. Das ist der Menschenuntergrund, aus dem wir herausgewachsen sind. Von denen trennen uns einige soziale Stufen, von den anderen trennt uns eine Kluft."

"So ganz heimatlich empfindest du jetzt für das Hannoverland?" meinte Luise sinnend, "und hast doch eine Mutter aus Magyarenstamm gehabt; und sagtest früher immer, an der Scholle kleben, wäre Stumpfsinn, du fühltest dich in der ganzen Welt zu Hause, jedenfalls viel mehr bei deinen Wiener Verwandten oder in Budapest, als in unserem tranigen Lüneburg!"

Jutta lachte. "Du Liebe, Treue, mit deinem rührenden Gedächtnis. Eigentlich sehr lehrreich, wenn einem so mal eine Dummheit nach der andern aus alter Zeit wieder aufgetischt wird. Man hat dann ein angenehmes Gefühl des Fortgeschrittenseins."

Luise nickte. Das war die Jutta von früher. Sie hatte es immer verstanden, alles irgendwie zu ihren Gunsten zu deuten. Und diese starke naive Freude an sich selber hatte sie auch andern gegenüber gestählt.

"Ich trage verschiedene Naturen in mir", fuhr Frau von Hadersloh fort, "manchmal — ach du" — sie zog die Stirn in Falten und schloß für einen Moment die Augen, wie von einer peinlichen Vorstellung gequält, aber gleich darauf lachte sie wieder; "nein, keine Selbstbekenntnisse einer problematischen Seele. -Ja, siehst du, es ist ganz merkwürdig, wie wir in einem Boden festwachsen, der unsere Tränen und unseren Schweiß getrunken hat. Wo wir sehr viel gelitten und gekämpft haben, wo wir's uns sehr sauer haben

22 werden lassen, da pflanzen wir unvermerkt eine große, heiße, stille Liebe mit der Not und Arbeit in den hungrigen Boden hinein. Er ist ein Stück unseres Lebens geworden. Aber nun laß uns noch einen Schritt dort hinaufgehen." Sie wandte sich einem niederen Hügel zu. "Der Aussichtsberg. So haben ihn die Kinder stolz getauft. Ihr Werk. Wie die Ackergäule haben sie gearbeitet, um ihn aufzuwerfen und mich bei meiner Rückkehr von einer kleinen Reise zu überraschen. Eigentlich war's eine böse Bescherung. Der ganze Garten ringsumher verwüstet. Aber da sie so stolz auf ihre Tat waren, mußte ich mich natürlich mitfreuen."

Sie setzten sich auf eine, auch von den Händen der kleinen Eickener Freiherrlein gezimmerte, nicht ganz vertraueneinflößende Holzbank und ließen den Blick über die stille Landschaft schweifen, die man von hier aus in weiter Runde überschauen konnte.

Vorn, dicht an der Gartenmauer, ging die Landstraße vorüber, ein Teil der uralten Heerstraße von Celle nach Lüneburg. Zu beiden Seiten war sie mit schlanken, weißstämmigen Birken bepflanzt und ein Graben schied sie vom Ackerland. Das dehnte sich aus, so weit der Blick reichte, nur hie und da schon ein wenig grün überhaucht, zumeist noch schwarz und winterkahl — ein sehr einförmiges Bild für das Auge des gleichgültigen Beschauers, ein köstliches für das Auge der Gutsherrin. Auf der einen Seite wurden die Felder durch niederen Waldbestand abgeschlossen — die jungen Anforstungen, auf die Jutta so unendlich viel Mühe, Kosten, Überlegung verwendet hatte.

23 Wer die Tausende kräftig aufschießender junger Stämmchen betrachtete, der ahnte nicht, was es gekostet hatte, bis ihnen der günstige Lebensgrund bereit war, dieses mühsame Umrigolen, vor allem der Kampf mit dem Ortstein, dem bösen, feindlichen Ort, der an so vielen Stellen den Humusboden bedeckte! Drüben, nach Westen zu, hatte die Landschaft einen anderen Charakter, da fand der Schönheitssinn sein Genüge, die Luft an mannigfaltigen und charakteristischen Formen. Da lagen, halb hinter wundervollen, alten Eichen versteckt, die stattlichen Wirtschaftsgebäude und einige Gehöfte der Abbauern, unter ihnen ragte manch spitziges Giebeldach mit dem alten niedersächsischen Hauszeichen: den Pferdeköpfen, hervor, auch ein Ziehbrunnen zeigte sich dort und ein Treppenspeicher, malerische Überbleibsel aus früheren Wirtschaftsverhältnissen. Und weiterhin erstreckten sich die Teiche, fern bis zum Rande des großen, alten Bauernwaldes, des Eickener Sunders. Mild leuchtete die Abendsonne über die klaren, ruhigen Wasserspiegel herab, und wo ihre Strahlen die glatte Fläche trafen, da glitzerte es auf, wie von heimlichen Freuden und unterirdischen, ans Tageslicht strebenden Schätzen.

Jutta erzählte der Freundin, wie schwer es gewesen war, Hortmann für die Anlage der Fischteiche zu gewinnen. "Er ist ein bedächtiger Sicherheitsmensch und geht nur schrittweise an Neues heran. Jedes moderne Gerät muß ihm erst abgerungen werden. Schwer, massiv, innerlich und äußerlich. Aber deshalb paßt er gerade so gut nach Eicken. Ich habe den Wagemut, er die nüchterne Überlegung."

24 Allmählich verstummten sie und träumten in die Landschaft hinaus, jede ihren Gedanken nachhängend.

Jutta Hadersloh genoß die friedliche Stunde in ganz besonderer Weise.

Das Wiedersehen mit einem Menschen, der uns einst nahe gestanden vor langer Zeit, hat eine seltsam klärende, ordnende Wirkung auf unsere Seele. Wir sehen uns im Spiegel dieser anderen Persönlichkeit und werden uns dadurch selber zum Bilde, betrachten uns so, wie wir dem anderen Einstvertrauten und nun wieder neu an uns Herantretenden wohl erscheinen mögen. In dieser Vorstellung nehmen wir ein Inventar unseres Lebens, unseres inneren Besitzes auf.

Und Juttas Seele weitete sich in einer stolzen Freude.

Sie fühlte sich reich und stark, viel reicher noch, als die Freundin es ahnen konnte, die nur den äußeren Erfolg ihres Wirkens vor Augen sah. Ein weit kostbarerer Besitz war ja das andere, das sie mit Worten gar nicht klar und erschöpfend hätte schildern können, jedes wundervoll sichere Kraftgefühl, das sie in ihrem Inneren trug, jener tiefe Frohsinn, den starke Naturen als Siegespreis tapfer durchfochtener Kämpfe gewinnen, jene unbeschreibliche Genußfähigkeit, die sich in ihr gesteigert hatte, nur immer gesteigert, je größere Überwindungen und Kraftanspannungen das Schicksal von ihr gefordert; wie sie das Leben liebte, das köstliche, überreiche, das unerschöpfliche Leben!

Luises Gedanken waren in die Vergangenheit geflüchtet. Sie fühlte sich eingeschüchtert, bedrückt durch die Neuheit der Verhältnisse.

25 "Weißt du noch, wie wir mal in der Freiviertelstunde auf der Bank unter dem Nußbaum im Schulhof saßen und Zukunftsideale ausmalten?" fragte sie träumerisch lächelnd, "du wolltest eine zweite Marquise von Pompadour werden, und ich überlegte, ob sich nicht irgendein Scheusal finden ließe, an dem ich die Heldentat der Charlotte Corday ausüben könnte. Mademoiselle hatte uns vom offenen Fenster her belauscht und wir kriegten nachher eine tüchtige Moralpredigt, besonders du wegen deiner Pompadour."

Jutta lachte. "O, ja, ich weiß noch ganz genau, auch daß ich nachher meinte: ich möchte wohl wissen, wenn heute ein König käme und sich in Mademoiselles Hakennase verliebte, ob sie wohl nein sagte?"

"So lockend sieht sich alles an, wenn man es mit ganz jungen Augen betrachtet", meinte Luise seufzend, "wenn noch der rosa Zauberschleier über der Welt liegt."

"Aber wundervoller ist sie doch noch, wenn der Schleier zerrissen ist und die echten, leuchtenden Farben hervortreten", erwiderte Jutta — "bewußt erleben, bewußt genießen."

"Ja, das mag wohl schön sein." Ein trübes Lächeln trat auf das edle, strenggeschnittene Gesicht der anderen — auf die unberührten Lippen.

III

[26]

 

"Nun kommt unsere Feiertagstunde", sagte Frau von Hadersloh, nach beendeter Abendmahlzeit den Arm ihrer Freundin nehmend, "nun geht's in den Gartensalon."

"Das ist der mit dem großen Kamin?"

"Ja. Aber jetzt raucht er nicht mehr. Weißt du noch? Damals entwischtest du immer bald, wenn wir abends mit den Herren dort zusammensaßen bei einer Flasche Wein — oder auch vielen. Du sagtest, der Rauch bisse dich in die Augen. Aber — ich glaube, es war mehr die Kneipstimmung, die manchmal sehr übermütig wurde — so etwas konntest du nicht vertragen."

Luise stimmte lächelnd bei.

"O, wie ist das aber hübsch geworden!" rief sie entzückt beim Eintritt in den weiten, hell erleuchteten Raum.

Der alte Kamin hatte eine Bekleidung von frischen, modernen Fliesen in Schlickerdekor erhalten und die Holzscheite flammten hinter einem kupfernen Gitter. Die Zimmereinrichtung war aus behaglichen, neumodischen Korbmöbeln und echten Stücken aus der frühen Biedermeierzeit zusammengesetzt, wundernetten, altfränkisch steifen Stühlen, behaglichen Kanapees, tief

27 zum Einsinken; das hatte früher alles halb zerfallen, mit mottenzerfressenen Polstern auf dem Boden gestanden; jetzt, hübsch hergerichtet, mit einem blaugeblümten Überzug--Urgroßmutter-Jugenderinnerungsstoff--versehen, machte es einen äußerst stilvollen Eindruck, zu dem auch die schmal und schlicht gerahmten, altenglischen Kupferstiche an den Wänden und die Glasschränkchen mit Meißner und Altwiener Porzellan stimmten.

Die Familie, mit Hauslehrer und Gouvernante, gruppierte sich zwanglos um den Kamin. Auch Margarete, "das Baby", ein hochaufgeschossenes, zwölfjähriges Mädchen, der Verzug des ganzen Hauses, von den Brüdern öffentlich viel geneckt und im geheimen zärtlich bewundert, durfte jetzt noch für eine Stunde unter den Großen sein.

Man aß auf Eicken zu bürgerlich früher Mittagsstunde; und der Abendteetisch war die feierlichere Mahlzeit, zu der man in frischer Toilette erschien und der man mehr Zeit widmete. Das hing mit der arbeitsreichen Tageseinteilung zusammen.

In Eicken war jeder tagsüber vollauf beschäftigt, und wenn ihn die Pflicht frei ließ, durfte er seinen persönlichen Liebhabereien nachgehen. Die Stunde nach dem Abendessen aber sollte der Geselligkeit gewidmet sein. Da durfte man sich nicht in die Einsamkeit zurückziehen, wenn man nicht die Ungnade der Mutter und Hausherrin riskieren wollte.

"Ich weiß wohl, daß es manchem unbequem ist", meinte Jutta, zu dem Neuling gewandt, "aber ich halte darauf. Eine kurze Zeit muß jeder täglich daran

28 wenden, sich seinen Nebenmenschen angenehm zu machen. Sonst bildet sich der Mensch leicht zum egoistischen, schwerfälligen Isolierkrebs heraus. Gerade hier auf dem Lande. Auch die Kinder haben den kleinen Zwang nötig, selbst wenn sie sich manchmal unter den Erwachsenen langweilen."

"Wenn kein Besuch da ist, langweilen wir uns nie, Mama", versicherte Georg, der älteste Sohn, ein hübscher, fünfzehnjähriger Junge, der im Äußeren und Wesen am meisten der Mutter ähnelte. Er erzählte von einem weiten Ritt auf seinem Pony, den er heute Nachmittag unternommen und auf dem er eine, wie er behauptete, ganz großartige Steinsetzung entdeckt hatte, eines jener Grabdenkmäler aus altnordischer Vorzeit, an denen die Heide reich ist. "Riesige Blöcke, Mutter, du wirst staunen. Dicht umwachsen von Wacholderbüschen. Deshalb hat man auch noch nie davon gehört. Keiner ahnt eine Steinsetzung hinter dem Gestrüpp. Aber sie kann sich mindestens mit denen bei Südbostel messen."

"Die Hälfte abziehen", sagte Lippold, sein jüngerer Bruder, vor sich hin, "Georg trägt manchmal ein Vergrößerungsglas im Auge", wandte er sich in altklugem Ton an Luise.

Lippold sah alle Dinge sehr nüchtern an. Er war ein schmächtiges Kerlchen mit feinen, hochmütigen Zügen und erschien weniger kindlich als der hübsche, lebhafte Große.

Das Baby wurde jetzt aufgefordert, eine Mozartische Sonate vorzuspielen, behauptete aber, die Noten nicht finden zu können.

29 "Ich will sie dir suchen helfen", erbot sich die junge Gouvernante.

"Ach ja, Fräulein Ottilie, kommen Sie mit." Und Margaretchen legte liebkosend den Arm um die feine Taille der jungen Dame, während sie miteinander hinausgingen. Es schien ein sehr zärtliches Verhältnis zu sein.

Kein Wunder. Die Gouvernante war ein Geschöpchen zum Liebhaben, klein, zart und hellblond, mit schwärmerischen, dunkel umschatteten, blauen Augen und einer Hautfarbe, die an das Märchen erinnerte, was man sich einst von der schönen Welserin erzählte: man hätte beim Trinken den Rotwein durch ihre zarte, weiße Kehle hinunterrinnen sehen.

"Die kleine Ottilie sieht gar nicht wie eine Erzieherin aus, eher selbst noch wie ein Kind", bemerkte Luise.

"Das ist sie auch", gab Jutta zu, "aber ein sehr begabtes, liebenswertes Kind. Erzieherin? Nein. Sie unterrichtet das Mädel nur in neueren Sprachen, Musik, Zeichnen und Handarbeiten, in all den angenehmen, kleinen Künsten, für die ich selber kein rechtes Geschick habe. Ottilie hat zu allem Talent. Und Gretel vergöttert sie. Ihre wissenschaftliche Ausbildung aber hat unser Herr Doktor mitübernommen."

Der Hauslehrer, ein langer, blonder junger Mann, der Frau von Hadersloh gegenüber zur Seite des Kamins saß und bis jetzt ziemlich schweigsam in die Flammen gestarrt hatte, erwachte aus seiner Träumerei und sagte: "Ja, nächstens fangen wir auch mit Latein an."

30 Erstaunt sah Luise auf die Freundin. "Latein. Soll sie denn einmal studieren?"

Jutta zuckte lächelnd die Achseln.

Und Doktor Frentzius antwortete an ihrer Stelle: "Das ist sehr wohl möglich — ich halte sie für hochgradig intellektuell veranlagt."

Frau von Hadersloh schüttelte nachdenklich den Kopf. "Ich glaube, Doktor Frentzius irrt sich; er hat bis jetzt noch nie mit weiblichen Schülern zu tun gehabt und verwechselt die schnellere Entwicklung mit größerer Intelligenz. Ein kräftiges Mädel ist ja in Margaretens Alter entschieden reifer wie ein gleichaltriger Junge. Aber darauf soll man nicht zu viel geben."

"Jedenfalls wünscht sie jetzt, dasselbe zu lernen, was die Brüder lernen, und man soll keinem Menschen den Bildungsweg, dem er zustrebt, verrammeln", sagte der Doktor ernst.

Und die Hausfrau lächelte. "Du siehst, Luise, meine Kinder werden nicht altmodisch erzogen. Sie gelten schon als Persönlichkeiten. Zum Glück scheinen sie es ja vertragen zu können. Aber manchmal muß ich doch unserem lieben Doktor widersprechen."

"Das heißt, gnädige Frau, die Traditionen, die Vorurteile, die alten, überlebten Begriffe sprechen dann aus Ihnen. Ihre innerste Neigung gibt mir recht. Denn Sie sind ja so frei — viel freier, als Sie selber wissen."

Luise fand in seinem Ton etwas anmaßend Überlegenes, der älteren und höherstehenden Frau gegenüber.

31 Aber Jutta schien das nicht so aufzufassen. "Frei?" erwiderte sie zögernd. "Ja, freier, als die um mich her, und doch — kenne ich keine größere Wohltat für den Menschen als heilsamen Zwang."

"Ja, Selbstzucht", gab er zu.

"Nicht nur, auch Zwang von außen, vor allem für junge Menschen. Junge Zähne müssen hartes Brot zu beißen haben. Sonst können sie sich nicht entwickeln. Übrigens, Doktor — ich sah heute den Postboten mit einem Paket; sind Ihre Bücher von der Göttinger Bibliothek angekommen?"

Er bejahte. "Und morgen werfe ich mich Johann Fischart in die Arme — auf höheren Befehl."

"Recht so." Ihr Blick ruhte lange mit freundlichem Ernst auf seinen Zügen. "Ich handle uneigennützig", sagte sie dann halblaut vor sich hin.

Ein flüchtiges Rot flog über sein hageres, nervöses Gesicht. "Oder aber" — begann er in leisem Frageton, sprach aber dann nicht weiter, sondern lehnte sich in seinen Korbsessel zurück, die Hände fest über den Knien verkrampft, und schaute auf Frau von Hadersloh mit einem Ausdruck, aus Schmerz und Ironie gemischt — ein seltsamer Ausdruck, der auf unausgesprochene, tief unter der Oberfläche liegende seelische Beziehungen deutete.

"Was mag das zwischen ihm und Jutta sein?" dachte Luise, von neugierigem Unbehagen erfüllt — "er steht anders zu ihr wie ein Hauslehrer von der gewöhnlichen Art zu seiner Patronin steht." Jetzt kehrte das Baby und sein knospenhaftes Gouvernantchen zurück, und die reinen, süßen Klänge Mozarts tönten

32 durch den Raum, in dessen Stimmung sie so gut hineinpaßten. Die weichen Tonwellen glitten über die anheimelnd schlichten Geräte, über das dunkelvergißmeinnichtblaue Muster der Vorhänge und Möbelpolster, über die zierlichen Kupferstiche dahin, als ob sie eine klingende Ausströmung dieser Dinge wären, so selbstverständlich harmonisch, dazugehörig.

Da wurde das Spiel durch den eintretenden Diener unterbrochen. Er meldete Herrn von Börcke und einen alten Bekannten.

"Ohne Karte?" fragte Frau von Hadersloh.

"Ja, Herr von Börcke sagte, ich sollte nur melden: ein alter Bekannter."

"Da bin ich doch neugierig." Jutta erhob sich. "Meines Gutsnachbarn Klaus Börcke auf Wispingen entsinnst du dich doch, Luise?"

Luise nickte.

"Ich hatte ihn heute schon halb und halb erwartet. Er kommt häufig auf ein paar Abendstunden herüber. Er wird sich gewiß freuen, dich wiederzusehen."

Aber der eintretende Klaus Börcke schien nur aus Höflichkeit eine Wiedersehensfreude zu markieren. Luise hatte den Eindruck, daß er sie total vergessen gehabt.

"Und Herr Präsident Brunkmar!" rief die Hausfrau, auf den zweiten Gast zueilend, dem sie beide Hände entgegenstreckte. "Welche Überraschung. Sie sind auf Wispingen zu Besuch? Präsident Brunkmar war vor Jahren Landrat in unserem Kreise", erklärte sie der Freundin, "und wir sind damals sehr gut miteinander ausgekommen. Nicht wahr? Ich habe immer darauf gehalten, mich gut mit den hohen Behörden

33 zu stellen." Sie lächelte, nicht ohne Schelmerei, während der Präsident, ein stattlicher, schon etwas behäbiger Herr, dessen sehr regelmäßiges Gesicht von gutem Leben und wohldisziplinierter Genußfreudigkeit sprach, sich tief über ihre Hand niederbeugte und einen ausführlich verehrungsvollen Kuß auf die schlanken Finger drückte.

Klaus Börcke wurde von den Haderslohschen Kindern wie ein Onkel begrüßt. Er holte sich auch gleich einen ganz bestimmten, sehr tiefen und weich ausgepolsterten Sessel herbei: "Das ist mein Stuhl", und setzte sich dicht neben die Hausfrau. Ein ganz Intimer. Keine in die Augen fallende Erscheinung, eher klein und schmächtig, und doch imponierend durch die ruhige Vornehmheit seiner Haltung. Ein Rassegesicht, schon ziemlich faltig und wettergebräunt vom Freiluftleben.

Der Präsident erzählte von den Verhältnissen seines weit östlich gelegenen Regierungsbezirkes, von der Tätigkeit der Hakatisten und den neuesten, ärgerniserregenden Verkäufen deutschen Grundbesitzes an polnische Grandseigneurs. Und dann war von den letzten Reichstagswahlen die Rede, und Klaus Börcke, ein starrer Welfe, erzählte im Scherzton, dem aber doch ein Bodensatz ernster Mißbilligung nicht fehlte, von der unheimlichen agitatorischen Tätigkeit, die seine verehrte Freundin entfaltet hätte, um den nationalliberalen Kandidaten durchzubringen — "was ja leider auch gelungen ist." Das war der wunde Punkt im Verhältnis der beiden. Für ihn war Jutta Hadersloh eine Abtrünnige. Sie aber begriff nicht, wie man seinen Fuß zwischen die Speichen des Geschichtsrades stemmen

34 mochte. Es ging ja doch weiter, und in der Politik galt das Recht des Stärkeren. Übrigens suchte sie das Gespräch bald abzulenken — vor allem, damit Doktor Frentzius nicht etwa seine Zurückhaltung aufgeben und lebhaft werden mochte, Doktor Frentzius, der äußerst Radikale, der sehr rücksichtslos übersprudeln konnte, wenn er in Feuer geriet.

Der Präsident war Musikkenner. Er mußte von seinem letzten Besuch in Bayreuth erzählen und erinnerte die Hausfrau vorwurfsvoll an ihr einst gegebenes und nie gehaltenes Versprechen, einmal mit ihm zusammen den "Parsifal" in Bayreuth zu hören.

Sie zuckte lächelnd die Achseln. "An solche Versprechungen darf man sich nicht halten, lieber Brunkmar, die kommen aus Augenblicksstimmungen und binden nicht über die Stimmung hinaus."

"Aha." Der schöne Mann mit den rosigen, schon etwas vom Fettansatz verbreiterten Wangen machte eine betrübt nachdenkliche Miene.

Und Klaus Börcke lachte.

"Frau Jutta von Hadersloh weiß anmutig zu vergessen und verlangt dieselbe feine Kunst auch von ihren Freunden, Brunkmar; das würde Ihnen nicht fremd sein, wenn Sie sie so lange kennten wie ich."

Jutta schüttelte den Kopf. "Vergessen? Nein, Klaus. Das Grau der Erinnerung ist eine sympathische Farbe. Man soll sie nur nicht künstlich aufschminken. Manchmal", fuhr sie sinnend fort, indem sie den schönen Kopf in die Hand stützte — "da geschieht es wohl ganz von selber, daß sie wieder einen Schimmer des alten Glanzes zurückgewinnt und das ist dann sehr reizvoll."

35 Ihr Blick traf sich mit dem Klaus Börckes, nur für einen Moment, und beide lächelten, ein leises, kaum sichtbares Lächeln. Aber einer hatte es doch bemerkt.

"Wie finster sieht der Doktor Frentzius aus", dachte Luise, "er scheint eine Antipathie gegen Börcke zu haben. Aber daß er sie so zeigt, spricht für keine gute Kinderstube."

"Soll Fräulein Otti nicht etwas singen?" schlug Georg jetzt vor. Alle stimmten bei. Und die kleine Elfengestalt trat zum Klavier. Georg begleitete sie. Mit weicher, wunderbar zu Herzen gehender Altstimme sang sie mehrere Lieder von Hugo Wolf, schöne, eigenartig stimmunggesättigte Lieder. Und für eine kurze Weile zwang die sanfte Stimmung alle Seelen unter ihren Bann.

Nur auf einen übte sie keine friedlich lösende Wirkung aus. Schon nach dem zweiten Lied erhob sich Doktor Frentzius mit müder, gequälter Miene. "Darf ich mich zurückziehen, gnädige Frau? Ich habe noch einiges durchzusehen für morgen."

Luise schaute ihm sinnend nach. Und dann suchte sie in den Gesichtern der beiden anderen Männer zu lesen. Die Gerüchte fielen ihr ein, von denen die warnungsbeflissene Tante gesprochen hatte. Wie weit mochte die Freundschaft gegangen sein, die Jutta mit diesen Männern verband — oder verbunden hatte?

Die Kinder wurden zu Bette geschickt. Der Diener brachte von dem vorzüglichen alten Moselwein herbei, der noch aus der Zeit des kneipfröhlichen Vollrad her im Eickener Keller lag. Und ein behaglicher Frohsinn entfaltete sich.

36 Jeder gab sein Bestes. Aus jedem wußte die kluge, freundliche Hausherrin etwas hervorzulocken, das sein eigenstes Wesen in vorteilhaftem Lichte zeigte. Der Wispinger Nachbar erzählte mit fesselnder Anschaulichkeit Jagderlebnisse aus Heide und Moor, der einstige Landrat schilderte allerhand Typen aus dem ostelbischen Junkertum und zeigte dabei sehr feine Menschenkenntnis und liebenswürdigen Humor; Luise berichtete von ihren Erlebnissen unter der Münchener Malerboheme und das Elfchen Ottilie hörte mit verständnisvoll leuchtenden Augen zu; ein Wesen von seltsam schweigender Lebendigkeit. Jeder Ton, der im Gespräch der anderen angeschlagen wurde, vibrierte in dem feinen Gesichtchen weiter. Fast leidenschaftlich hing ihr Blick am Munde der Frau von Hadersloh. Die war für sie das schlechthin Vollendete, die Verkörperung höchsten harmonischen Menschentums.

Die anderen sahen Frau Jutta weniger vollkommen, sie kannten sehr wohl ihre Schwächen, die sie so gar nicht verbarg — und standen doch alle unter ihrem Bann. Jeder fühlte sich auf eine besondere Weise zu ihr gehörig, in ihr Leben eingeflochten. Und jeder hatte recht.

"Ja, das ist Geselligkeit, ein solcher Abend, wie der heute erlebte", sagte Luise zur Freundin, als gegen Mitternacht die Gäste geschieden waren — "da merkt man erst, wie wenig wirklich gesellig Stunden der Durchschnittsverkehr mit Menschen bietet."

Jutta antwortete nicht. "Ach Gott, nun hab' ich doch ganz vergessen, nach Doraline zu fragen!" rief sie, ärgerlich auf sich selber.

37 "Doraline? Wer ist das?"

"Seine Frau. Klaus Börckes."

"Ach, er ist verheiratet?"

"Seit drei Jahren."

"Ich dachte immer" — fuhr Luise nach kurzem Sinnen, vorsichtig tastend, fort, "ihr beide — früher schriebst du mal eine Zeitlang sehr viel von ihm."

Jutta nickte. "Ja, damals, als ich ihn liebte", sagte sie einfach.

Luise sah verwundert auf. "Und er?"

Jutta lachte. "Er befand sich in demselben Gemütszustand."

"Aber weshalb — konntet ihr euch nicht heiraten?"

"Als ob das nötig wäre, wenn man sich liebt. Ich hatte mehr zu tun, als einen fremden Mann zu heiraten. Ich mußte meinen Kindern ihr Erbe neu erarbeiten und konnte nicht noch fremde Sorgen zu meinen eigenen übernehmen."

Luise schwieg eine kurze Weile. "Nun, dann war es eben doch wohl nur Freundschaft?"

"Mag sein. Und nun gute Nacht, Liebe."

Lächelnd schaute sie der hohen, hageren Mädchengestalt nach.

"Also nur Freundschaft?" Diese Rubrizierungssucht der Gefühle ist etwas zu Lächerliches bei den Menschen — bei den Frauen insbesondere. Als ob die Welt der Empfindungen nicht eine unendlich mannigfaltige, unendlich abgestufte, abschattierte wäre. Und diese Mannigfaltigkeit ist ja gerade so wundervoll.

Wenn Luise, die strenge, lebensscheue, ahnte, wie

38 nahe sie sich einmal gestanden hatten, Klaus Börcke und die Witwe des lustigen Vollrad Hadersloh, — Klaus hatte es damals für gans unmöglich gehalten, daß er sie nicht als seine Gattin nach Wispingen führen sollte.

Aber sie hatte eine zweite Heirat als unvereinbar mit ihrer Lebensaufgabe erkannt und ihn dazu vermocht, sich zu fügen, ohne Groll; ihr bester, treuester Freund war er auch geblieben, als ihre Liebe zu ihm die kühlere Temperatur einer sanften Zuneigung angenommen, als das Leben die leidenschaftlich verschlungenen Hände gelöst hatte, das Leben, das keinen Stillstand kennt, das ein ewiges Fließen ist, eine ewige Wandlung.

Klaus Börcke verstand das Leben. Und verstand seine Freundin.

IV

[39]

 

Während der nächsten Wochen gab es auf Eicken viel Arbeit und Überlegung; und zwischen Frau von Hadersloh und ihrer Freundin war sehr viel mehr die Rede von Samen, Stecklingen und künstlichem Dünger als von Jugenderinnerungen und sonstigen Gefühlsangelegenheiten. Luise erkannte sehr bald, daß ihre Stellung auf Eicken durchaus keine Sinekure bedeutete. Man verlangte redliche Arbeit von ihr; und nichts konnte ihr lieber sein.

Eine Sache, die hier noch sehr in den Kinderschuhen steckte, war der Obstbau. Und Jutta war überzeugt, daß die Bedingungen zur Erzielung edler Obstsorten in dieser Heidegegend keineswegs fehlten. Auch für den Gemüsebau konnte noch sehr viel geschehen. Aber mit Hinrichs, dem alten Gärtner, war nichts Neues mehr anzufangen. Eine treue Seele, aber von dem Grundsatz erfüllt, daß am besten alles so bliebe, wie es seit Jahrzehnten gewesen war. Nicht ohne zarte Rücksicht auf ihn hatte Jutta die Freundin zu sich gerufen. Durch Anstellung einer jungen männlichen Kraft wollte sie Hinrichs nicht kränken; einer Freundin seiner gnädigen Frau aber würde er sich gern fügen; man war ja in Eicken an Frauenherrschaft gewöhnt, sein Männerstolz würde sich nicht aufbäumen gegen

40 eine weibliche Oberleitung. Und sie hatte ihn richtig beurteilt. Er riß nur immer staunend den zahnlosen Mund auf, wenn er die Vorschläge des tatkräftigen Fräuleins anhörte, und meinte oft kopfschüttelnd zu seiner Alten: "Du kannst gar nich glöwen, Mudder, wat for ne fixe Deern dat is. Wat de nich allens weet! Min Kopp is ganz dösig von all dem niemodschen Kram!"

Anfangs zeigte er sich oft etwas borstig, aber dann fügte er sich doch immer der höheren Einsicht.

Das Hauptinteresse Frau Juttas galt jetzt außer den neuen Gartenwirtschaftsplänen den Verhandlungen mit der Hamburger Ölbohrgesellschaft, die beschlossen hatte, auf Haderslohschem Grund zu bohren. Sie erfüllte damit einen lange gehegten Wunsch der Gutsherrin. Jener alleröstlichste, weit hinausgeschobene Landzipfel schlechten Heidebodens war schon seit Jahren der Gegenstand ihrer Schatzgräberträume gewesen. In den halb ausgetrockneten Wassertümpeln dort hatte sie alte Teerkuhlen erkannt, und seit sie vor einigen Monaten die Broschüre eines Geologen über die vermutliche Richtung der die Heide durchziehenden Ölzone gelesen hatte, war ihre Gewinnlust zu fieberhaftem Leben erwacht. Es ging ihr nicht anders, wie den bäuerlichen Nachbarn ringsumher, die jetzt alle im Geiste mit der Wünschelrute umherschritten und das Rauschen des schmierigen Glücksbächleins in der Tiefe ihres kargen, einst so gering bewerteten Heidebodens zu vernehmen hofften.

Nun nahm die Sache feste Gestalt an.

Die Verhandlungen zwischen dem Direktor und der

41 Gutsherrin waren beendet und man hatte mit der Errichtung eines Bohrturmes begonnen.

Luise Schott hatte, während die Verhandlungen spielten, immer mit einer gewissen anteilvollen Spannung darauf gewartet, daß nun doch auch einmal der Held ihres Heideabenteuers, der junge Kölner Ingenieur, auf der Bildfläche erscheinen möchte. Aber bis jetzt war nur eine einzige mündliche Besprechung erfolgt, und zu dieser hatte sich der Direktor selber in Eicken eingefunden.

Es war ein milder, sonniger Vormittag, Anfang Mai, als Luise von dem entfernter liegenden Teil des Gartens, wo die großen Spargelplantagen angelegt werden sollten, auf das Herrenhaus zuschritt, im graulodenen Arbeitsanzug, das Haar vom Winde zerzaust, die Hände von deutlichen Spuren des Selberzufassens gezeichnet. Da sah sie, wie ein Gefährt vor dem Herrenhause hielt, ein leichter, zweirädriger Gig zum Selberfahren. Der Insasse sprang herab, gab dem hinten aufsitzenden Burschen die Zügel und eilte auf die Freitreppe zu — Luise erkannte ihren jungen Freund. Er stutzte bei ihrem Anblick und kam ihr dann mit fröhlich blitzenden Augen entgegen. "Das nenn' ich Glück — noch ehe ich hier eintrete, ein bekanntes Gesicht."

Er griff nach ihrer Hand, die sie aber verlegen zurückziehen wollte. "Sie ist schmutzig — Berufsschmutz." Er hielt die bräunliche, ein wenig rauhe, aber schöngeformte Frauenhand mit Gewalt fest. "Denken Sie etwa, Ingenieurshände sind immer so gigerlmäßig blank und fein? Ich greife auch manchmal

42 selber zu. Also schön guten Tag. Wie geht's auf Eicken? Haben Sie's angenehm getroffen?"

"Und ob. Aber kommen Sie näher. Sie wollen doch zu Frau von Hadersloh?"

Er nickte.

Sie führte ihn in den Salon und eilte dann, während der Besuch gemeldet wurde, schnell hinauf, ihre Erscheinung ein wenig salonmäßiger zu gestalten.

Bei ihrer Rückkehr fand sie den Gast noch allein. "Die gnädige Frau wär' im Pferdestall, sie würde gleich kommen"; rief er ihr zu; es schien ihm nicht unlieb, noch einige Minuten allein mit ihr plaudern zu können. Und auch Luise freute sich des Augenblicks. Wieder kam, wie damals auf der Heidewanderung, das Gefühl übermütiger, neuerwachter Jugend über sie, diese ganz unbegründete, warme Freude -- sie schämte sich: so ein altes Mädchen und kann noch diese helle Freude empfinden beim Anblick eines schönen, jungen Menschen! Aber gleichviel, wenn es auch Torheit war — es ist so süß, noch einmal töricht sein zu können; in diesem Augenblick stieg eine Ahnung in Luise auf, daß sie vielleicht viel zu selten in ihrem Leben töricht gewesen war, daß sie viel zu wenig im Moment gelebt und sich selber schwerblütig und scheu um manche köstliche Stunde betrogen hatte.

Er sagte ihr, daß er sie frischer, heiterer aussehend fände als damals, "so schön gebräunt von der Frühlingssonne", und daß er oft an sie gedacht hätte und Lust gehabt, sie aufzusuchen, aber er hätte den "rechten Dreh" nicht finden können — er wäre ein bißchen verbauert da draußen in der Heide.

43 Und Luise gestand ihm, daß sie schon recht enttäuscht gewesen wäre über die Nichterfüllung seines Versprechens.

Da öffnete sich die Tür. Frau von Hadersloh trat ein.

Der Ingenieur sprang auf.

Und Luise mußte lächeln. Er war doch noch sehr jung. Dieses tiefe Rot, das sein Gesicht überflog. Er konnte also wirklich verlegen sein?

Sie sprachen von dem Lokomobil, das morgen eintreffen würde, von den Bodenverhältnissen, von dem Ertrag der neuesten Bohrung in Lühstedt — und Jutta prophezeite scherzend, daß die künfitige Eickener Ölquelle mindestens zweihundert Barrels pro Tag ergeben würde. Das hätte sie letzte Nacht geträumt.

Gervissen schüttelte lachend den Kopf.

"Aber--solche prosaischen Träume, gnädige Frau. Ich dachte, so schöne Frauen träumten ganz andere Sachen!"

Seine Verlegenheit schien überwunden. Luise fand, daß er jetzt mit beinahe allzu offener Bewunderung die prachtvolle Frau anstarrte, die da ihm gegenüber im Armsessel zurückgelehnt saß. Nie hatte Luise noch die Freundin so reizend gefunden wie heute. Das schlichte, dunkelviolette Tuchkleid ließ sie schlanker erscheinen als sie eigentlich war; aus dem seitwärts gelegenen Fenster fielen die Sonnenstrahlen auf ihr braunes Haar und ließen goldige Funken aus seinem Dunkel aufglitzern; wunderbar warm überhaucht erschien ihre mattgelbliche Hautfarbe und die großen, stahlblauen Augen mit den langen Wimpern ruhten

44 sinnend mit einem fast mütterlich wohlwollenden Ausdruck auf dem frischen Gesicht Hans Gervissens.

Jetzt kräuselte ein Fältchen ihre Stirn. Die "schöne Frau" kam ihr ein wenig zu schnell. "Wie weit ist es von dem neuen Bohrturm nach Lühstedt?" fragte sie, ohne auf seinen Scherz einzugehen. "Er liegt ja wohl schon auf halbem Wege zwischen Lühstedt und Eicken?"

"Kaum fünfundzwanzig Minuten brauche ich zu Rad oder Wagen", antwortete er. "Ich werde mich jetzt sehr viel dort aufhalten müssen." Er sah erwartungsvoll zur Hausfrau hinüber — und erreichte seinen Zweck.

"Ich hoffe", sagte Frau von Hadersloh, "daß Sie dann häufig den Weg nach dem Eickener Herrenhause finden. Sie werden mir immer willkommen sein."

Er verbeugte sich dankend.

Da wurde Herr Neuhaus gemeldet.

"Der Besitzer der Reimersloher Milchsterilisationsfabrik, Sie kennen ihn wohl?" Gervissen verneinte. "Ein großartiges Unternehmen — hauptsächlich für Schiffahrtszwecke und Tropengebrauch. Wir in der Umgegend liefern jetzt alle unsere Milch dahin. Das wird heute eine schwierige Unterhandlung geben." Sie lachte. "Ein Kampf auf Tod und Leben."

Gervissen hielt den Moment zum Aufbruch für gekommen.

"Auf baldiges Wiedersehen", sagte die Hausfrau freundlich. "Übrigens — kennen Sie den nächsten Weg von Ihrem Bohrturm nach dem Eickener Gutshof? Quer durch die Heide, dann am Fluß entlang und durch den Gemüßegarten. Das ist viel näher als

45 auf der Landstraße. Luise, willst du Herrn Gervissen vielleicht den Weg bis zum Flußufer zeigen?"

Luise gehorchte gern.

Aber sie fand keine Freude auf dem gemeinsamen Gang.

Hans Gervissen war zerstreut und wortkarg.

"Nun ist ja Ihr Wunsch erfüllt und Sie haben Frau von Hadersloh kennen gelernt", sagte sie, indem sie ihn forschend von der Seite ansah, "entsprach der Eindruck Ihren Erwartungen?"

Er senkte den Blick und schleuderte mit der Fußspitze ein paar Feldsteine beiseite, die sich auf den glatten Kiesweg verirrt hatten. "Meinen Erwartungen?" wiederholte er langsam. "O ja — nein, doch nicht. Nein, so etwas hatte ich doch nicht erwartet. Das ist ja — für so jung hätte ich die Frau nicht gehalten."

"Jung? Sie ist in meinem Alter", erwiderte Luise.

"Nun ja." Er lächelte; ein höfliches Lächeln sollte es sein. Aber Luise las etwas heraus, das ihr weh tat.

Jetzt wurde auch sie wortkarg und still versunken. Die ganze große, helle Freude war dahin, die noch vor kurzem ihre Seele durchzogen hatte, wie ein halbvergessenes, aus weiter Ferne auftauchendes, wonneweckendes Frühlingslied.

"Nun muß man nur immer am linken Ufer weitergehen", sagte sie müde, sich zur Rückkehr wendend.

Als er sie verlassen hatte, war ihr, als ob ein eiserner Reif sich um ihr Herz legte, der alles einschnürte,

46 was sich da regen und lebendig werden wollte.

Gut so; sie wollte den Reif immer fester eindrücken.

Gut, daß sie die Ernüchterung so bald kam.

Jetzt wurde sie sich erst bewußt, wie nahe sie daran gewesen war, sich lächerlich zu machen — lächerlich vor ihrem eigenen, gereiften, einsichtsvollen Selbst. Ein Jugendecho, Luise Schott? Man muß die Ohren schließen vor solchen äffenden Stimmen; sie rufen nur Scham und Verwirrung hervor. Selbstachtung — Stolz — Arbeit!

Sie wandte sich der Gärtnerwohnung zu; der alte Hinrichs sollte mit ihr Salat auseinanderpflanzen.

Da trat ihr Jutta entgegen. "Erreicht", sagte sie mit triumphierender Miene.

Fragend sah Luise sie an.

"Du weißt doch, daß er mir den Preis heruntersetzen wollte?" Ach so, sie sprach von dem Milchsterilisationsmann. "Der Büdenhorster bekäme jetzt auch zwei Pfennige weniger pro Liter. Aber die Milch hat auch nicht unseren Fettgehalt. Eine Milch von unserem Fettgehalt findet man in der ganzen Lüneburger Heide nicht mehr. Das hat er schließlich auch zugeben müssen."

Luise lachte. Wie verschieden waren die Gedankengänge Juttas von denen, die soeben noch ihr eigenes Hirn durchzogen, zerquält hatten.

Jutta schien über ihrem Milchhandelssieg Hans Gervissens anziehende Jünglingsgestalt total vergessen zu haben.

Ruhig hörte Luise die Wiedergabe der Verhandlung

47 an. Dann fragte sie, wie der Ingenieur ihrer Freundin gefallen hätte.

"O gut — recht gut." Tiefen Eindruck schien er nicht gemacht zu haben.

Und doch — als einige Tage später Hans Gervissen seinen Besuch wiederholte — eine recht unerhebliche, künstlich herausgefundene, geschäftliche Frage lieferte ihm den Grund zu dem allzufrühen Wiedererscheinen — hatte Luise den Eindruck, daß in den leichten Unterhaltungston der beiden ganz leise, unmerklich etwas anderes hineinzuklingen begann, etwas Wärmeres, Anteilvolleres, ein Tasten von Persönlichkeit zu Persönlichkeit.

Beim Abschiednehmen nach diesem sehr lange ausgedehnten Besuch küßte der junge Ingenieur der Herrin von Eicken die Hand — sonst nicht seine Gepflogenheit; es war auch kein dekorativer Handkuß, kein Höflichkeitszoll, dazu dauerte er zu lange.

Und als Hans Gervissen darauf die Augen erhob, wandte Jutte den Blick ab vor dieser stumm werbenden Glut.

Beinahe vergaß er, Fräulein Schott Lebewohl zu sagen.

"Das ist ein Feuerkopf, zu allerlei Dummheiten fähig", sagte Jutta lächelnd. Dann ging sie mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab, eine leichte Opernmelodie vor sich hinsummend.

"Aha, sie überlegt schon, wie weit sie die Dummheiten gehen lassen will", dachte Luise, von einem Gefühl aufsteigender Bitterkeit ergriffen. Wieder sie — immer nur sie. Das typische Erlebnis ihrer gemeinsamen

48 Jugend — so deutlich tauchten die Erinnerungen in Luisens Seele auf. Wann immer auch ihr sprödes, scheues Herz einmal stürmischer geklopft hatte, von wirklicher oder vermeintlicher Huldigung erwärmt — stets war die siegende Sonne von Juttas Reiz über das schüchtern aufkeimende Liebespflänzchen hinweggeflammt und hatte es verdorren lassen. "Er" wandte sich der schöneren Freundin zu. So war es immer gekommen. Ganz unabsichtlich, in aller Freundschaft hatte Jutta ihr die Herzen weggestohlen. Manchmal hatte Luise sie gehaßt — aber nur für Augenblicke. Dann war die Freundschaft wieder durchgebrochen und sie hatte die unschuldige Räuberin geliebt, wie die anderen sie liebten.

"Eigentlich was Erfrischendes", sagte Jutta, in ihrem Dauerlauf innehaltend, "ein Mensch, der so mitten im praktischen Leben steht, in einem Beruf, der alle neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft für das lebendige Leben ausnützt. Der junge Mann muß öfter kommen. Den hab' ich noch viel zu fragen, unglaublich viel."

"Er wird nur allzugern antworten", sagte Luise Schott leise vor sich hin.

V

[49]

 

"Lassen Sie sich nicht stören, lieber Doktor. Ich höre ganz still zu."

Frau Jutta setzte sich in die Fensternische und schaute in die grüne Parklandschaft hinaus, scheinbar träumend; aber ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Unterricht. Geschichtsstunde. Die hatten alle drei Kinder gemeinsam. Neuere Geschichte. Es ist wichtiger, daß die Kinder einen Begriff von der Bildung unseres modernen Staatswesens bekommen, als daß sie die fränkischen Kaiser glatt herschnurren können, meinte der junge Lehrer. Und Jutta stimmte ihm bei.

Eben hatte Doktor Frentzius sich noch etwas ermattet gefühlt. Es war die letzte Stunde vormittags. Nun aber kam prickelndes Leben über ihn, als ob sein Hirn sich mit frischem Blute füllte. Er liebte es, wenn die Mutter seiner Zöglinge dem Unterricht beiwohnte.

Eben waren sie mitten in der französischen Revolution. Ein fesselnder Stoff. Georg und Margarete hingen an den Lippen des Lehrers. War das nicht spannend, als ob man eine Räubergeschichte läse? Lippold dagegen fand die Geschichte höchst widerwärtig und unbegreiflich. Ein Volk, das seinen König totschlägt? Pfui. Und da konnte Frentzius noch von den "großen Männern der Revolution" reden und

50 Georg sich mit ihm für das Genie eines Mirabeau begeistern? Auch Jutta war ein wenig betroffen über diese Darstellung der blutgetränkten Schreckenszeit. Sonst hatte man den Kindern doch nur von dem armen König, der schönen, bejammernswerten Königin und von der Verworfenheit dieser scheußlichen Revolutionsmänner erzählt.

Doktor Frentzius aber? Der sprach zwar auch von dem zügellosen Mordtaumel, der schließlich das aus den Fugen geratene Volk ergriffen hätte, aber die Bewegung an sich — in ihrem Beginne vor allem — sei eine große, berechtigte, von edelsten Zielen erfüllte gewesen.

In feurigen Worten schilderte er die Nationalversammlung vom 4. August 1789, wo der Adel freiwillig auf seine Vorrechte verzichtete und wo die Erklärung der Menschenrechte erfolgte. Er nannte diesen Tag einen Höhepunkt auf dem Wege der Menschheitsentwicklung. Hier konnte die Herrin von Eicken sich einer Zwischenbemerkung nicht enthalten: "Das Wort -freiwillig' scheint mir kühn, lieber Doktor. Der Adel hat sich doch nur dem Zwang der Verhältnisse gefügt."

Aber das wollte Frentzius nicht zugeben.

"Graf Mirabeau, gnädige Frau, war nicht der einzige Aristokrat, den damals die vertiefte und erweiterte Erkenntnis über die Schranken seiner Kaste hinausgeführt und zur Einsicht gebracht hatte, daß untergehen mußte, was morsch und faul geworden war."

"Meinen Sie?" Jutta zuckte die Achseln; "schließlich

51 war Mirabeau doch so etwas wie ein Deklassierter. Wer weiß, ob er ohne die lange Kerkerhaft je revolutionsreif geworden wäre."

"Dann hätten andere an seiner Stelle das Steuer ergriffen. Der Wille zur Wandlung lebte ja nicht im einzelnen, sondern in der Masse. Und selten hat die Masse so deutlich geredet wie in diesen grandiosen Tagen."

"Die Masse?" wiederholte Jutta zweifelnd. "Was bedeutet die Masse ohne Führer? Wenn Mirabeau, Danton, Robespierre nicht gewesen wären, dann hätte Marie Antoinette friedlich weiter in Trianon Milchwirtschaft gespielt, die Generalpächter hätten das Volk auch ferner kräftig ausgesogen und die Parasiten des Hofes hätten fröhlich weiter schmarotzt."

Frentzius schüttelte den Kopf.

"Und doch sind es nicht die großen Persönlichkeiten, die die Geschichte machen. Diese einzelnen müssen kommen, weil die Zeit es verlangt, das -Temperament des Zeitalters', wie Buckle es nennt."

"Ja, Buckle", fiel Jutta lebhaft ein, "ich habe jetzt auf Ihre Anregung hin den ersten Band gelesen und verstehe nun Ihre Bewunderung, obschon — "

"Aber glauben Sie ja nicht, daß er mir aus der Seele spricht", wehrte Frentzius ab, "er ist ein eminenter Kopf, aber er reitet mir in viel zu materialistischer Weise auf dem Kausalitätsgesetz herum. Jede geistige Bewegung aus Naturbedingungen, Naturgesetzen erklären wollen? Nein. Da ist doch sehr vieles, was aus ganz anderen, geheimnisvollen Gründen aufsteigt.

52 Der Geist der Zeit — woher er kommt, ist oft sehr dunkel. Aber er erwacht und setzt sich durch."

Die Kinder hatten diese kleine Diskussion als Signal zum Schulstundenschluß angesehen und waren in den Garten hinuntergelaufen. Ihre Mutter aber saß noch lange Zeit statt ihrer an dem plumpen, tintebeklecksten Tisch, blätterte in Lippolds Heften, die vor ihr lagen und vertiefte sich dabei immer mehr in das Zwiegespräch mit Doktor Frentzius. Auf natürlichem Wege kamen sie von der Revolution zu dem Gegenstand, der schon häufig einen Streitpunkt zwischen ihnen gebildet hatte: Frentzius' Hinneigung zu sozialistischen Ideen. Für Jutta bedeutete der Gedanke an die Verwirklichung des sozialistischen Ideals eine unendlich reizvolle Vorstellung: eine graue, entgötterte Welt, in der alles Hochstrebende, Eigenartige, jedes kühne Sehnen, jedes Hinausverlangen der Persönlichkeit über das Niveau der Vielzuvielen mit unbarmherzigem Fuße niedergestampft würde. Doktor Frentzius aber erblickte in dem Zukunftsstaat das Heil erlösten Menschentums. Jutta begriff das nicht. Ein Mann wie Frentzius mit dieser, fast übertriebenen, Achtung vor den Forderungen der Persönlichkeit, mit diesen überempfindlichen Seelenfühlfäden, wie konnte er sich an dem nüchternen Nivellierungsgedanken begeistern?

Etwas mochten wohl seine Jugenderfahrungen dabei mitgewirkt haben. Er war Holsteiner, der Sohn eines Arztes in Husum. Nach dessen frühem Tode war die, in sehr kümmerlichen Verhältnissen zurückgebliebene, Witwe nach Hamburg gezogen, hatte sich dort durch Zimmervermieten und Klavierstunden mühsam durchgeholfen

53 und wohl manche bittere Erfahrung gemacht. Durch den Unterricht, den sie in reichen Häusern gab, waren sie und ihre Kinder viel mit der Hamburger Geldaristokratie in Berührung gekommen, eine Quelle der Freuden für die harmlosen kleineren Kinder — eine sehr bittersüße Vergünstigung für die zartbesaitete Frau und den stolzen, überempfindlichen, ältesten Jungen. Zu deutlich hatte er herausgefühlt, daß man ihn und die Seinen doch nur als Menschen zweiten Ranges, als nicht "zu uns gehörig" betrachtete. Und sein junges Herz hatte sich empört, wenn er die gönnerhafte, oft taktlose Weise beobachtete, mit der manchmal so eine Geldprinzessin seine Mutter behandelte, seine feine, herzensvornehme Mutter, die geistig so hoch über den Protzendamen stand. Schon mehr als einmal hatte er diese Qualen seiner Kindheit der gütigen Frau Jutta geschildert und bei ihr ein wunderbar warmes Verständnis gefunden.

Den Hauptantrieb aber zu seiner Parteinahme für die, die in den Niederungen des Lebens dahinziehen, hatte wohl ein Ereignis gebildet, das er als ganz junger Mensch erlebt, als er bei einem Freunde im Ruhrkohlengebiete zu Gaste war: er hatte dort eine schwere Grubenkatastrophe mit durchgemacht — Eindrücke, die er nie wieder verwinden konnte. Zu jener Zeit, da er täglich mit den Bergarbeitern und ihren Arbeitgebern verkehrte, meinte er, Einblicke in das Wesen des Großindustriebetriebes getan zu haben, die eine tiefe Empörung gegen die kapitalistische Produktionsweise in ihm erzeugt hatten.

Auf der Universität waren dann andere Strömungen

54 gekommen und hatten die — durchaus platonisch gebliebene — Kampfestimmung in den Hintergrund seiner Seele gedrängt. Aber sie lebte dort immer noch und brach dann und wann in leidenschaftlichen Tönen des Unmuts oder der Begeisterung hervor.

"Eins ist mir unklar", meinte Jutta lächelnd, da er in warmen Worten von der neuen Lebensfreudigkeit sprach, die über die Menschen kommen würde, wenn jeder in dem Bewüßtsein streben und arbeiten könnte, daß er sich nicht plagte, um die Taschen der wenigen Bevorzugten zu füllen, sondern daß er, genau nach dem Maße seiner Leistung, am gemeinsamen Gewinn teilhaben würde — "geradezu unverständlich ist es mir, daß Sie, der kein Glück über die Freiheit stellt, über die freiesten Entwicklungsmöglichkeiten des Ichs, dass Sie nicht mit Grauen an die Tyrannei denken, die in Ihrem Zukunftsstaat herrschen würde."

Das wollte ihm nicht in den Sinn. Und sie erörterten den Freiheitsbegriff, den jeder auf seine besondere Art sich geprägt hatte, um schließlich — das Ergebnis der meisten Diskussionen — jeder auf seinem Standpunkt zu beharren.

Unreif, weltfremd, verschwärmt, so nannte Jutta im Innern den langen, blonden Menschen mit seinen seltsam aus dunkler Tiefe aufglühenden Augen. Manchmal nannte sie ihn sogar einen Narren. Und doch zog diese rebellische Schwärmernatur sie immer wieder an. Sie fühlte: einer, dem das Leben noch sehr wehe tun wird, einer, auf den viele Leiden und Enttäuschungen warten — und sie wünschte, ihm Gutes zu tun, ihn zu stählen. Darum hatte sie ihn auch gedrängt, sich ernstlich

55 auf die akademische Laufbahn vorzubereiten, sich gründlicher auf sein Fach, die Deutschphilologie, zu konzentrieren, denn für ihn lag die Gefahr nahe, daß er in unfruchtbaren Träumereien und vorübergehenden Begeisterungen seine Kraft vergeudete und auf bedenkliche Irrgänge geriet.

Sie fragte ihn nach dem Fortschritt seiner Arbeit über Johann Fischart. Er gestand ihr, daß er noch gar keine rechte Fühlung wieder mit dem satirischen Autor von "aller Praktik Großmutter" gewinnen könnte, und daß es ihm sehr zweifelhaft wäre, ob er es überhaupt mit der akademischen Laufbahn wagen sollte.

Sie dachte an äußere Hindernisse, an die Unsicherheit des vielleicht langen Hinwartenmüssens.

Aber diese Bedenken drückten ihn nicht.

"Wenn es nur das wäre", meinte er leichthin, "für meine Existenz ist ja jetzt gesorgt."

Ein erstaunt fragender Blick. Sie hatte doch immer angenommen, daß er in sehr kümmerlichen Verhältnissen lebte und die Stellung eines Hauslehrers als hartes Muß ansähe, als einzige Möglichkeit, seinen schriftstellerischen Neigungen folgen zu können, ohne zu hungern.

Ihr Frageblick verwirrte ihn.

"Es ist — seit vorigen Herbst hat sich meine Lage und die meiner Familie gebessert — Sie wissen, da starb mein Onkel, der alte, wunderliche Hagestolz, von dem ich Ihnen manchmal erzählte; wir sind seine Erben — ein bescheidenes Vermögen, aber doch genug, um uns von den niederen Sorgen zu befreien."

56 "O — das ist ja — und das haben Sie mir gar nicht erzählt?"

Er wandte den Blick zur Seite, sichtlich verlegen.

Ja, weshalb er darüber geschwiegen hatte? Vielleicht — er hatte sich das selber nicht so klargemacht, aber — eigentlich war es wohl der Wunsch gewesen, sie weiter in dem Glauben zu lassen, daß er die Stellung in ihrem Hause als Broterwerb ansah. Er wußte, daß sie ihn als Lehrer für ihre Kinder schätzte. Und doch — gerade weil sie so warmen, selbstlosen Anteil an seiner Persönlichkeit nahm, wünschte sie für ihn ein anderes Los. Die Gewißheit, daß er jetzt wirtschaftlich frei dastand, mußte ihre innere Stellung zu ihm verändern. Sie würde es nicht verstehen, daß er noch länger zögerte, dem Beruf zuzustreben, den sie als den geeignetsten für ihn ansah.

Und weshalb er zögerte — weshalb er jede Veränderung scheute? Das mochte er sich selber nicht eingestehen, viel weniger ihr.

Seit er zuerst das Eickener Herrenhaus betreten hatte — vor drei Jahren, da er die Bibliothek des Haderslohschen Familienarchivs durchstöberte, um Daten aus dem Leben eines fast vergessenen, im siebzehnten Jahrhundert unter dem hannoverschen Adel erstandenen Lyrikers zu finden, den er für seine Doktorarbeit ans Licht ziehen wollte — seit jenen unvergeßlichen Herbsttagen hatte er nichts sehnlicher verlangt, als in dieser Luft weiter atmen zu können, in dem traulichen, eichenumrauschten, alten Herrenhause, unter dem Zauber der gütigen Frau, deren Wesen ihm wohl

57 tat wie würzige Waldluft. Gleich nach bestandenem Doktorexamen hatte er sich um die Hauslehrerstelle bei ihr beworben. Und nun meinte er oft, daß er gar nicht mehr fern von ihr leben könnte. Sie verstand ihn so fein, so tief — und wenn ihre Meinungen auch manchmal scharf gegeneinander prallten, das war nur eine neue Auffrischung, Anreizung — nichts Entfremdendes. Sein wahrstes, echtestes Ich war doch ihrer Seele verwandt, das wußte er ganz genau. Was hatten diese Jahre des Zusammenlebens für einen Reichtum über ihn ausgeschüttet — vielleicht ahnte sie selber nicht, wie viel sie ihm gegeben hatte, an Freuden und Schmerzen? Auch Schmerzen. Oft fühlte er, daß sie ihm zeitweilig entglitt, daß andere Freunde in den Vordergrund traten. Und er haßte diese anderen. Er rieb sich auf in Eifersuchtsqualen, denen er doch den Namen Eifersucht nicht zugestehen wollte. Leidenschaftliche Verehrung nannte er sein Gefühl — nichts anderes. Nie, nie sollte es etwas anderes werden — nie sollte sie etwas anderes darin erblicken. Die Vorstellung, daß sie ihn für einen verliebten Narren ansehen, daß sie ihn zurückweisen könnte — und wär' es auch nur durch einen Blick, durch ein Schweigen, ließ ihn heiß und kalt werden vor Scham.

"Daß Sie mir etwas gar nicht mitgeteilt haben, was Sie doch so nahe angeht, versteh' ich nicht", wiederholte Jutte lächelnd.

Ihm stieg das Blut ins Gesicht. "Ich hielt es wohl für — zu unwesentlich. Übrigens" — plötzlich kam wieder der Gedanke über ihn, der ihn in letzter Zeit schon oft gepeinigt hatte: daß sie ihn zu der

58 Habilitationsarbeit drängte, um ihn los zu werden, daß sie glaubte, sich vor seiner leidenschaftlichen Verehrung schützen zu müssen — "übrigens kann ich ja auch jederzeit an irgendeinem Gynasium unterkommen. Es ist dies vielleicht das Beste. Ich entspreche damit auch Ihrem Wunsch."

"Meinem Wunsch?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein, Frentzius. Sie wissen ganz genau, daß ich Sie gern solange als möglich uns erhalten sehen möchte, daß ich nur Ihr Interesse im Auge habe, wenn ich Sie zur wissenschaftlichen Arbeit antreibe. Seien Sie nicht mißtrauisch. Das steht Ihnen schlecht, lieber Freund. Und ich verdien' es nicht. Übrigens wollen wir nächstens einmal wieder mit den Kindern einen Waldspaziergang machen. Botanikstunde im Freien. Dabei lernen sie am meisten."

Sein Auge blitzte freudig auf. "Heute?"

"Nein", ein leises Zögern, "heute nicht. Ich erwarte Herrn Gervissen heute Nachmittag."

"Ah so." Der Freudenblitz war erloschen. Wieder Herr Gervissen.

Was sie wohl an diesem leichtfertigen, jungen Bengel hatte?

Kein Tag verging jetzt, ohne daß der Kölner Ingenieur sich irgendwie in die Lebenskreise des Eickener Herrenhauses eindrängte.

Anfangs hatte Frentzius das kaum beachtet. Sein Hauptneid galt der dauernden, warmen Freundschaft, die Jutta Hadersloh ihrem Gutsnachbarn Börcke entgegenbrachte. Er fühlte wohl: das, was diese beiden

59 verband, diese intime Sicherheit, Zusammengehörigekeit, diese natürliche, selbsverständliche Zueinanderhalten war etwas, das er, Leo Frentzius, nie erreichen würde im Verkehr mit der angebeteten Frau — trotz aller gemeinsamen Geistesinteressen. Und darum hatten die Besuche des Gutsnachbarn die unangenehmen Schatten seines Lebens auf Eicken gebildet.

Jetzt wünschte er Klaus Börcke manchmal herbei. Warum kam er nicht häufiger zur gewohnten Abendstunde und hielt durch seine Gegenwart den geselligen Familienkreis zusammen?

Dann könnte Frau Jutta nicht immer so ungestört mit dem Kölner durch die dunkeln Laubgänge spazieren gehen.

Der junge Mensch wurde immer vertraulicher, übermütiger. Wie einer, der im Begriff ist, eine Eroberung zu machen. Eine Eroberung! Die schöne, stolze Frau — und dieser hergelaufene junge Dachs. Bei dieser Vorstellung stieg es siedend heiß in Leo Frentzius auf — die Frau, die für ihn eine Heilige war, bei all ihrer frischen Lebenslust, die Verehrungswürdige, Hohe, deren Berührung ihn vor seliger Scheu erzittern ließ — — !

"Wir wollen heute wieder Tennis spielen", fuhr Frau von Hadersloh fort, "die Kinder sollen die Zeit benützen, sie machen so gute Fortschritte unter Gervissens Leitung. Übrigens, Sie sollten auch mitspielen, Doktor; die frische Bewegung würde Ihnen gut tun." Er verbeugte sich steif. "Danke sehr, Frau Baronin; mir fehlt die Gelenkigkeit zu solchem jugendlichen

60 Sport und — vielleicht auch die Passion. Ich bin ja nicht nötig dabei."

Jutta erhob sich lächelnd. "Nein, nötig freilich nicht. Dann bleiben Sie nur bei Ihren Büchern, Sie — Meeresgreis von einunddreißig Jahren."

VI

[61]

 

"Ich habe nun genug", sagte Frau von Hadersloh, das Rakett aus der Hand legend, "die Maisonne meint es heute zu gut, mir ist heiß geworden. Ihr könnt ja ruhig weiterspielen."

"Sie wollen uns unserem Schicksal überlassen, gnädige Frau?" fragte Hans Gervissen enttäuscht. "Nein, ich bleibe hier und bewundere unsere beiden Matadore."

Sie ließ sich auf einer Bank unweit des Tennisgrundes nieder, der vor einigen Wochen erst auf Gervissens Anregung hin zum Entzücken der Kinder angelegt worden war. Jutta selber war keine geübte Spielerin. Aber bei den Kindern begünstigte sie jede Sportneigung. Und Hans Gervissen war unermüdlich, sie in die Feinheiten des Spieles einzuweihen. Seine einzige ebenbürtige Partnerin fand er in der kleinen Ottilie.

"Sehr anmutig, sehr geschickt", dachte die zuschauende Frau von Hadersloh, "und doch: es ist etwas Mattes in ihren Bewegungen, ein blutarmes, junges Ding. An seine kraftvolle Grazie reicht sie nicht heran."

Das war Frau Juttas Genuß bei diesem Spiel: ihr Auge zu weiden am Ebenmaß dieser jungen

62 Mannesgestalt, an der stählernen Kraft und Sicherheit seiner Bewegungen.

Kein hervorragend schlanker Wuchs. Eher etwas Gedrungenes. Sehr breitschulterig und muskulös, nur Mittelgröße; aber wenn er den Oberkörper nach hinten bog, um einen hochfliegenden Ball zurückzuschlagen, oder in sicherem Sprunge vorwärtsschnellte, einen zu kurz geworfenen zu erreichen, dann hätte er in jedem Bewegungsmoment einem Bildhauer zum Modell dienen können. Da war keine Überanspannung, keine Erschlaffung, nichts Gewaltsames, über das Ziel Hinausschießendes, keine Plumpheit, aber auch keine Affektation — jede Stellung entsprach in vollendeter, sicherer Natürlichkeit dem Zweck des Augenblicks. Starke Bewegung und doch Ruhe, die Ruhe der Kraft.

Nie fand Jutta ihn schöner als bei diesem Spiel. Das helle Sporthemd und die, um den Leib gewundene, schwarze Seidenschärpe waren auch so recht die Kleidung, die für ihn paßte. Im schwarzen Gesellschaftsrock erschien er mehr wie ein netter Dutzendjunge.

Anfänglich war Frau Jutta der festen Überzeugung gewesen, daß nichts anderes als rein ästhetisches Wohlgefallen sie erfüllte, wenn ihr Auge den Spielbewegungen des neuen jungen Freundes folgte, dann aber war diese fromme Selbsttäuschung dahingeschwunden; von Tag zu Tag hatte sie wärmer, deutlicher gefühlt, wie das andere von ihr Besitz nahm, das Süße, Quälende — wie ihre Schönheitsfreude sich wandelte in ein anderes, ein stärkeres, persönlicheres Empfinden:

63 Sehnsucht kam über sie — eine ganz törichte, weiche, junge Sehnsucht.

Bei Beginn dieser Erkenntnis hatte sie sich geschämt, hatte dagegen angekämpft, hatte das neue, starke Gefühl durch Selbstverspottung zu erdrücken gesucht, aber — ein ganz ehrlicher Kampf war es nicht gewesen. Etwas in ihrer Seele, ein zweites, das echtere Ich, hatte mit überlegenem Vergnügen diesen vernuftdiktierten Bestrebungen zugeschaut, in dem festen Unterbewußtsein: das hilft ja doch alles nichts; es kommt so, wie es kommen muß . . .

Die Spieler waren heute sehr eifrig, ganz bei der Sache. Und über Frau Jutta kam eine nervöse Ungeduld. "Ist es denn gar so wichtig, daß er jeden Ball recht prompt zurückgibt? Daß ich hier sitze und ihm zuschaue, scheint er ganz vergessen zu haben", dachte sie, der passiven Rolle müde.

Da wandte er sich zur Seite. Ihre Blicke trafen sich.

Und plötzlich kam es über ihn wie eine Lähmung — als ob durch die Luft ein elektrischer Strom auf ihn gewirkt hätte. Sein schon zum Schlage erhobener Arm mit dem Rakett sank nieder. Starr, unbeweglich stand er da und nahm das Glück des Moments in sich auf, das betäubende Glück.

So, so hatte sie ihn noch nie angesehen. In diesem Blick lag mehr als das freundliche Wohlgefallen, das er sonst in ihren Augen gelesen — ganz dunkel, fast schwarz erschienen jetzt diese stahlblauen Augensterne und eine Weichheit, eine Glut schimmerte in ihnen — Hans Gervissens junge Seele ward von wonnigem Schwindel ergriffen.

64 "Aber, Herr Gervissen, Sie dösen ja", rief die kleine Margarete naseweis herüber, "nun liegt mein Ball dort hinten im Buchsbaum!"

Da wachte er auf aus seiner seligen Erstarrung. Aber die Lust zum Spielen war ihm vergangen, und er begrüßte es mit Erleichterung, als Luise Schott kam und meldete, daß der Kaffeetisch in der großen Weinlaube bereitstünde.

Alle behaupteten, nach dem stundenlangen Spiel sehr hungrig und durstig zu sein. Hans Gervissen auch. Aber er bewies seinen Appetit nicht durch die Tat. So erregt war er, daß seine Hand zitterte, als er die Kaffeetasse von der Hausherrin in Empfang nahm.

Sie sah es und lächelte.

Kühlfreundlich und gelassen plauderte sie jetzt mit ihm, so kühl und ruhig, daß er fast zu der Überzeugung kam: es war ein Irrtum.

"Herr Gervissen, gab es eigentlich in der Steinkohlenperiode schon Reptilien auf der Erde?" erkundigte sich Georg, nachdem er seinen kräftigen Knabenhunger durch gewaltige Portionen süßen Kuchenbrotes — auf hannoverisch "Klöben" — gestillt hatte.

"Ach ja, Herr Gervissen, erzählen Sie uns wieder davon, wie es ganz früher auf der Erde war", bat Margaretchen.

Das "ganz Frühere" war jetzt ein beliebter Unterhaltungsstoff im Hause Hadersloh. Herr Gervissen, der Bergingenieur, wußte nicht nur, wie es heute unter der Erdoberfläche aussah, sondern konnte auch

65 sehr merkwürdige Dinge davon erzählen, wie diese jetzige Erdkruste entstanden war, wie sich die Schichten der Gesteine gebildet hatten, welche ungeheuren Umwälzungen, welche großen Geschehnisse dieser Erdball schon erlebt hatte, Millionen Jahre, bevor noch ein menschliches Auge sich dem Lichte der Sonne geöffnet.

"Gut, daß du mich daran erinnerst", sagte er, zu Georg gewandt, "heute hab' ich euch ja was Extrafeines mitgebracht. Bitte, hol' mal die Mappe vom Spiegeltisch im Hausflur." Eilends brachte der Junge sie herbei.

"Zeichnungen eines Freundes von mir, der Maler ist", erklärte Gervissen, zur Hausfrau gewandt, "ich habe sie ihm mal abgekauft, als er in der Klemme saß, für den fürstlichen Preis von dreißig Mark. Sehr interessante Sachen, Urweltlandschaften. Der Mann hat geologische Passionen, zeichnet auch für wissenschaftliche Werke Rekonstruktionen nach fossilen Überresten. So." Er nahm die schwarz-weißen Blätter — feine Federzeichnungen — heraus und legte sie nacheinander vor. Die düstere Landschaft aus der Steinkohlenzeit mit den fremdartigen Pflanzenformen wurde schnell von den Kindern beiseite getan, auch der Urwald aus der Braunkohlenperiode mit seinen Palmen und Koniferen ließ sie kühl, dann aber kamen die Schilderungen des ersten Tierlebens. Nun wurde es interessant. Eine Meeruferlandschaft mit der Unterschrift "Juraperiode" erregte besonderes Entzücken. Da flogen über seltsamen Farnen und Schachtelhalmen große, drachenartige Eidechsen durch die Luft, vor einem Höhleneingang wälzte sich ein scheußliches, großmäuliges

66 Ungetüm mit seinen Jungen im Sande: "ein Iguanodon", erklärte Herr Gervissen; "und dort rechts — seht ihr das Vieh mit dem langen, dünnen Hals, das eben die dicke Schildkröte verschlingt? Ein Plesiosaurus. Aber er wird sich nicht lange der gesunden Verdauung erfreuen können, denn hier kommt schon sein lieber, viel stärkerer Vetter, der Ichthyosaurus, herbei; er hat auch noch nicht zu Mittag gegessen und denkt: der lange, dünne Hals dort läßt sich gut schnappen; das Vetterchen wird ein ganz schmackhafter Bissen sein."

Die Kinder lachten und ließen nun ihren freundlichen, älteren Gefährten nicht so bald wieder los. Von all den seltsamen Ungeheuern mußte er ihnen Geschichten erzählen.

Auch Jutta lauschte ihm gern.

Auch sie fand einen großen Reiz darin, dieses Urzeitleben vor ihr inneres Auge heraufzubeschwören. Der burschikose Ton störte sie nicht. Sie fühlte hinter ihm den Ernst des Naturforschers heraus. Und es lag für sie in dieser Vorstellung längst entschwundener Erdepochen etwas Beruhigendes — wie im Anblick des gestirnten Himmels — etwas, das all das bißchen Gegenwartleben, alle Sorgen und Leidenschaften des kleinen Menschleins so wunderlich zusammenschrumpfen, so flüchtig und belanglos erscheinen ließ.

Jetzt kam ein neuer Zuhörer vom Hause herüber in die Laube: Doktor Frentzius. Eine kurze Weile stand er Still hinter den Kindern.

Dann sagte er — und sein spöttisch überlegenes Lächeln ließ ihn nicht liebenswürdig erscheinen in

67 diesem Augenblick: "Eine sehr phantasiebefruchtete Wissenschaft, die Geologie, lieber Gervissen. Ich habe den Kindern diese kühnen Hypothesen bisher noch ferngehalten; binnen kurzem werden sie ja doch durch neue wieder umgestürzt."

"Nur Hypothesen?" Das wollte Hans Gervissen nicht zugeben. "Als ob die fossilen Überreste, all diese unzähligen Abdrücke und Petrefakten, die man schon gefunden hat und noch täglich findet, nicht eine sehr deutliche Beweissprache führten."

Es entspann sich eine lebhafte Hin- und Widerrede zwischen den beiden jungen Männern, ein Wortstreit, dem, wenigstens von Frentzius' Seite, nicht eine gewisse Schärfe fehlte.

Jutta gab im Innern Gervissen recht, während sie äußerlich mit scherzenden Worten schlichtete. Aber sie mußte doch irgendeine wunde Stelle bei Frentzius getroffen haben, denn er zog sich bald mit verdüsterter Miene zurück.

Lächelnd schaute Jutta ihm nach. Armer eifersüchtiger Narr. Er warf dem anderen die Phantasie vor, er, der weltfremde Schwärmer?

Zu Anfang hatte Jutta Hans Gervissen für eine nüchterne, mit festem Fuß im praktischen Leben stehende Draufgängernatur gehalten. Dann aber hatte sie ihn anders kennen gelernt und beobachtet, daß er die Aufgaben seines Berufes, die Umwelt und sein persönliches Erleben durchaus nicht immer in kühler Wirklichkeitsbeleuchtung ansah, sondern umflimmert von mancherlei bunten, reizvollen Lichtern, umrankt von schmückenden Arabesken. Und diese Wahrnehmung freute sie.

68 "Ein ganz phantasieloser Mann taugt schlecht für die Liebe", hatte sie neulich in trautem Zwiegespräch zu Luise geäußert.

"Weshalb? Ist in der Liebe die einfache Wirklichkeit nicht schön genug?" hatte Luise gemeint. Aber ein feines Lächeln hatte die Lippen der Erfahrenen umspielt. "Nicht ganz. Vielleicht komme ich dir unwürdig bescheiden vor in meiner Selbsteinschätzung als Weib. Und doch — es ist nur zu wahr: selbst die höchste Gunst, die wir dem Manne gewähren können, ist nicht beglückend genug, um die Empfindung in ihm zu wecken, die wir verlangen. Seine Vorstellung muß ihm das kurze Wirklichkeitsglück zu höchster, heißester Wonne steigern, sonst — ist der Zauber bald gebrochen. Und uns bleibt das Gefühl der Entwürdigung."

Das Kaffeestündchen war vorüber. Die Kinder hatten Schularbeiten zu machen. Frau von Hadersloh ging mit dem Gast im Garten spazieren und Luise Schott blieb mit der kleinen Ottilie in der Laube zurück, plaudernd und handarbeitend.

"Wie er strahlt", sagte das blonde Elfchen, dem Paare nachblickend, "aber er hat auch Grund dazu."

Ein fragender Blick der Älteren.

"Die Liebe der schönsten Frau zu gewinnen", fuhr die Kleine fort, seufzend, als ob sie den Mann beneidete.

"Otti, Sie meinen doch nicht" . . . Luise zögerte — "daß da wirklich etwas, — daß es etwas Ernstes ist?"

Das Elfchen nickte. "Allerdings."

"Ja, aber" — Luise war ganz betroffen von dieser Sicherheit, "aber ein so viel jüngerer Mann — Sie

69 glauben im Ernst, Frau von Hadersloh könnte an eine Heirat" . . .

Jetzt lachte Ottilie laut auf. "Heirat? Ach nein. Das wäre ja eine Geschmacklosigkeit. Aber — vielleicht wird er ihr Geliebter."

Luise rückte unwillkürlich ein Stück von ihrer Nachbarin ab. "Otti", rief sie erschrocken, "wie dürfen Sie so etwas aussprechen. Und ich glaubte, daß Sie Jutta verehrten, wie . . . "

"Tu' ich auch", bekräftigte Ottilie; "sie ist mein Ideal, in allen Stücken mein Ideal. Mir scheint oft, als hätt' ich erst zu leben angefangen, seit ich in ihrer Nähe bin. Zu Hause, wissen Sie — ich habe die Meinen ja unendlich lieb, aber — es ist dort wie in einem Zimmer mit ewig abgeschlossener Luft. Alles so eng, so eng. Nicht nur die knappen äußeren Verhältnisse. Aber das ganze Denken, diese freudlose, starre, strenge Kirchenfrömmigkeit. Dieser Abscheu vor allem Neuen. Alles korrekt, nach abgelebten Begriffen korrekt. Hinter einer festen Mauer leben sie. Wie hab' ich mich oft hinausgesehnt. Seit ich hier bin, ist ein neuer Tag für meine Seele angebrochen. Früher gab es nur zwei Schicksalsmöglichkeiten für ein armes Mädchen wie mich: entweder man findet einen Mann. Und das ist dann ein unerhörtes Glück. Da muß man zugreifen — was es auch für einer ist. Oder man spinnt sein stilles, untergeducktes Pflichtdasein in abhängiger Stellung bis ans Ende fort, man wird immer älter, immer müder, um endlich als ehrbare, alte Jungfer zu sterben. Jetzt seh ich das Leben ganz anders an. Jetzt seh ich hundert Glücksmöglichkeiten.

70 Jetzt weiß ich, daß jeder, auch jedes Weib, das Recht hat, sich sein Dasein zu gestalten, wie es den Forderungen seiner Natur entspricht. Daß es ein höchstes Gesetz gibt: sei immer ganz du selber; bilde jede Kraft, die in dir liegt, zur größtmöglichsten Vollkommenheit aus; erkenne deine Natur und folge ihr. Der Gedanke, wenn man ihn recht in sich aufgenommen hat, ach — wissen Sie, der macht so wunderbar reich und froh."

Lusie schüttelte erstaunt den Kopf. In was für einem neuen Lichte erschien da das Elfchen. Sonst war es so schweigsam, scheu, zartjungfräulich, und nun — diese äußerst moderne — vielleicht in jungen Feuerköpfen allzeit modern gewesene? — Auslebungstheorie. Daß Otti unendlich viel gelesen hatte, allzuviel, besonders Romane und Abhandlungen, die sich mit "neuer Ethik" beschäftigten, hatte Luise schon früher bemerkt, daß aber diese Gedanken bei ihr so in Fleisch und Blut übergegangen waren, erschien ihr befremdlich.

Wirklich Juttas Einfluß? Wirkte Juttas Art so auf junge, unfertige Menschengemüter? Otti sprach von dem neuen Glück, das sie gefunden, aber der ernsten, nüchternen Luise schien dieses Glück nicht ganz unbedenklich. " . . .

Wie ist es nur möglich, Fräulein Schott", begann Ottilie nach kurzem Sinnen von neuem, "daß Sie erschrecken bei dem Gedanken, Frau von Hadersloh, die freie Frau, die keinem Rechenschaft schuldig ist, könnte einen Geliebten haben? Das ist ja — das ist so ganz alte, überwundene Moral. Stehen Sie denn wirklich noch auf dem Standpunkt, daß die Ehe die

71 einzige Form ist, in der — ich meine: ist nicht ein freies Sichhingeben in Liebe — ganz unbekümmert um äußere Rücksichten, äußere Interessen — etwas viel Schöneres, Reineres? Wenn man genau hinsieht, mit vorurteilsfreiem Auge: sind denn die heutigen Ehen — die allermeisten — wirklich ein Verhältnis, das die feinere, — höhere Sittlichkeit verkörpert?"

Noch lange plauderte sie so weiter, entwickelte immer kühnere Anschauungen und Luise hörte ihr still, mit wachsendem Staunen zu. Manchmal dachte sie: "Renommage, sie will mir mit zusammengelesener Weisheit imponieren", aber dann kam sie doch immer mehr zu der Einsicht: sie fühlt, was sie sagt; es ist ihr bitterer Ernst mit den sittlichen Emanzipationstheorien; hoffentlich bleiben es immer nur Theorien; sonst . . . armes, kleines, zerbrechliches Elfchen! Körperlich und seelisch so überzart erschien dieses Geschöpfchen — und das wollte gegen die Schranken der hergebrachten Moral anstürmen! . . .

Weitab von der Laube gingen Jutta und ihr junger Freund durch die stillen, im Abenddämmerlicht träumenden, Gartenwege. Ein schwerer, süßer Duft lag über den Hecken und stieg aus den eben frisch besprengten Beeten empor. Der Flieder war im Abblühen, schon öffneten sich hie und da die schneeweißen Knospen des Jasmins, und in prächtiger Fülle hingen die leuchtend gelben Trauben des Goldregens herab.

Das Gespräch der beiden bewegte sich anfangs in sehr geraden, wohlumzirkelten Bahnen. Hans Gervissen erzählte vom Fortschritt der neuen Ölbohrungen, von den Schikanan seines Direktors, mit dem er sich

72 schlecht vertrug, und von allerlei Erlebnissen auf der Bergakademie zu Claustal. Er wußte, daß er bei Frau von Hadersloh für alle seine Interessen ein offenes Ohr und Verständnis fand. Heute aber schien sie zerstreut, nicht ganz bei der Sache. Hatte er sie durch irgend etwas verstimmt? Vergeblich zerbrach er sich den Kopf. Nein, nach Verstimmung sah dieser träumerisch weiche Gesichtsausdruck nicht aus. Die Wahrnehmung beim Tennisspiel fiel ihm wieder ein. Vielleicht — war es ihr gar nicht recht, daß er sie so nett und artig, mit harmloser Humorwürze, von den Schrullen des Claustaler Chemieprofessors unterhielt?

Vielleicht — nannte sie ihn heimlich einen schüchternen, unbeholfenen Jungen?

In der ersten Zeit seines Verkehrs auf Eicken war er viel zuversichtlicher gewesen, viel unternehmender, von der festen Absicht erfüllt, irgend etwas Reizendes zu erleben, einen kleinen Roman mit dieser entzückenden Frau — es flogen ja so mancherlei Gerüchte über sie durch die Gegend, Gerüchte, die einen hoffenden Verehrer wohl ermutigen konnten. Und Hans Gervissen war ein kecker Gesell. Glück bei den Weibern. Ein nicht allzu zartes Gewissen. Wenn ihm nicht strenge Diskretion als Anstandspflicht erschienen wäre, er hätte viel erzählen, sich einen reizvoll bösen Ruf verschaffen können.

Sonst griff er immer frisch zu.

Hier aber — je häufiger er nach Eicken kam, je näher er der schönen Frau trat, um so bescheidener schrumpfte sein männlicher Unternehmungsgeist zusammen. Sie imponierte ihm. Ganz lächerlich, wie

73 sie ihm imponierte. Nicht ihre Geburt. Nicht ihre Erscheinung. Nein, das, was sie war, ihr Eigenstes, Persönlichstes. Wie sie herrschte. Wie ihre ganze Umgebung nur die Ausstrahlung ihres Wesens zu sein schien. Es war ja nur klein, ihr Machtbereich: ein Gut in der Heide. Hans Gervissen kannte größere Verhältnisse. Die Industriebarone daheim im Rheinland geboten über ganz andere gewaltige Mittel, über ganz andere Menschenmassen.

Und doch: daß ein Weib so die Zügel zu führen verstand, daß ein Weib so fest und sicher in sich selber ruhte — das war das Ungewohnte, Unbequeme.

Heute zum erstenmal — in jenem einen kurzen Moment — hatte das Gefühl ihn gepackt, daß die schwere Eisdecke durchbrochen werden könnte, die bisher seine Leidenschaft niedergehalten.

Aber noch wagte er nicht, an das Glück zu glauben.

Sie schritten an einem Frühlingsblumenbeet vorüber, das von einem Kranz lavendelblauer Iris umgeben war.

Jutta pflückte einige der zartblauen Blüten ab. "Meine Lieblingsblume. Ist das nicht ein über alle Begriffe wonniger Duft?"

Er beugte sich über ihre Hand und sog den schwülen Blumenatem ein. "Sehr süß; aber — nie würde ich geglaubt haben, daß dieser Ihr Lieblingsgeruch sein könnte." Fragend sah sie ihn an. "Ich meine: zu Ihrem Wesen paßt mehr ein frischer Duft, wie die Maiblume, oder ein festlich vornehmer, wie die Hortensie. Diese kleine, blaue Iris hat so was — Heißes, sinnlich Sehnsüchtiges."

74 Jutta lachte, ein kurzes, befangenes Lachen. "Wie gut Sie mich kennen", rief sie in spöttischem Ton. "O, Sie großer Psycholog."

Die Sonne war untergegangen.

Die Vögel verstummten.

Tiefe Abendstille lag über dem Garten.

Und die beiden schritten dahin durch das Dämmerland in heimlicher, sehnsüchtiger Erwartung.

Sie waren immer schweigsamer geworden — als ob die sanfte Stunde nicht entweiht werden dürfte durch gleichgültiges Plauderwort. Jetzt traten sie aus dem Park heraus und wandten sich dem Eichenkamp zu, der, sehr dicht, in gewaltigen Laubmassen die alten, außer Betrieb gesetzten Wirtschaftsgebäude umgab.

Da stieß Jutta einen halblauten Schrei aus und wankte. "Was ist das? Was ist an meinem Fuß? Au, das tut weh!"

Erschrocken beugte er sich herab. Er sah ein rostiges Eisengerät, das Juttas Fuß umspannte. "Ein Fangeisen."

Er kniete nieder und befreite den Gefangenen.

"Ach, jetzt entsinne ich mich", erklärte Jutta lachend, "im vorigen Herbst legte Georg Tellereisen für den Fuchs, der hier herüber wechselte und dem Geflügelhof unliebsame Besuche abstattete. Das ist vergessen worden; hier im Grase hat das tückische Ding überwintert und nun des Fallenstellers eigene Mutter anstatt des Meisters Reinecke gefangen. Es tut übrigens recht weh." Sie biß die Zähne aufeinander und stützte sich leicht auf die Schulter des vor ihr Knienden, der den langen, schmalen Fuß mit der linken Hand fest umspannt

75 hielt, während er mit der Rechten leise darüber hinstrich. "Wo tut es weh? Hier? — Oder hier?" Sie nickte jedesmal. Und er streichelte immer mitleidiger. Der kleine Unfall mußte sie erschreckt haben. Sie war blaß geworden. Und das freute ihn. Als ob in diesem willkommenen Augenblicke des Leidens, der Hinfälligkeit alles von ihr abfiele, was bisher seine Leidenschaft zurückgedämmt hatte.

Heiß wallte sein junges, sehnsüchtiges Blut auf.

"Liebe Frau", stammelte er, "liebe, schöne, süße Frau."

Sie beugte sich zu ihm nieder.

Und als ihre Lippen den heißen Mund berührten, der sich so durstig, so fest, fest auf sie preßte, als ob er ein Leben lang nach ihnen geschmachtet hätte — da kam ein wunderbar seliges Vergessen über die schöne Frau von Hadersloh. Alles Vergangene, alles schon Durchlebte versank in graues Nichts.

Was heute geschah, war noch niemals geschehen. Dieser Kuß war der erste — einzige Kuß, den zwei Menschen genossen im weiten Weltenraum.

VII

[76]

 

Der Sommer war früh gekommen in diesem Jahre. Schon die erste Junihälfte brachte Hundstagstemperaturen. Und die kleinen Eickener Freiherrlein wurden rebellisch, weil sie niemals "hitzefrei kriegten" wie die glücklichen Stadtjungen in Celle und Lüneburg. Aber ihre Mutter wollte nichts von Ausspannung hören.

"Wegen der lumpigen zwanzig Hitzegrade faulenzen? Dummes Zeug."

Sie selber faulenzte auch nicht. Im glühenden Sonnenbrand schritt sie durch Hof und Garten, ritt, von Hortmann begleitet, nach den Feldern hinaus und sorgte dafür, daß alle Untergebenen, Beamte und einfache Arbeiter, stramm im Zuge blieben, weil sie zu keiner Zeit sicher waren vor dem prüfenden Auge der Herrin. Ganz leicht fiel es ihr nicht, in dieser Zeit ihren Pflichten als Gutsherrin nachzukommen. Sonst fand sie Freude an der straffen Tätigkeit. Jetzt war es wirklich nur Pflichterfüllung. Weit lieber hätte Jutta jetzt ihre Tage in wohligem Nichtstun hingeträumt, so wie es andere schöne, faule Frauen machen: ein wenig Lektüre, ein wenig Musik, ein wenig im Garten herumschlendern und sehr viel auf der Chaiselongue liegen. Fast beneidete sie jetzt die unnützen Gesellschaftsdamen um den Luxus der Trägheit,

77 den sie sich gönnten. Jede Mußestunde war ja jetzt so köstlich ausgefüllt durch wonnige Träume, sehnsüchtige Erwartungen.

Von früh an freute sie sich auf die legitime Ruhestunde nach Tische. Dann lag sie in ihrem Boudoir auf dem, mit einem Eisbärfell überdeckten, Diwan; aus dem offenen Fenster drangen schmeichelnd die linden Duftwellen der Sommergartenluft herein, manchmal das leise Summen eines Insekts und fernes Vogelgezwitscher, sonst kein Laut. Friedliche Siestastimmung.

Dann schloß Jutta die Augen und genoß schöne Augenblicke in der Erinnerung, noch schönere aber im sehnenden Vorauskosten der Einbildungskraft.

Nur sparsam maß sie sich selber die Stunden zu, in denen die lebendige Gegenwart des Geliebten ihren Träumen Wirklichkeitsgehalt geben konnte.

Sie hatte ihn an jenem Maiabend, da ihre Liebe den ersten seligen Ausdruck fand, gebeten, nicht öfter als sonst zu kommen.

Sorgsam wollten sie ihr Geheimnis hüten. Kein vorwitziges Auge sollte den kostbaren Besitz ausspüren, entweihen.

Nicht, daß die Frau sich ihrer Leidenschaft schämte. Sie sah in ihr etwas vollkommen Natürliches, ein Schicksal, das über den Menschen kommt, er weiß nicht warum, er weiß nicht woher, ein großes, wundervolles Glück, das sie genießen wollte mit allen Fibern ihres Seins, so fein und tief und erschöpfend genießen, wie nur je ein glückliches Weib die höchste Freude des Lebens genossen hat.

78 Frei war die Frau von Gewissensbedenken — aber nicht frei von weiblicher Scheu. Sie wollte nicht, daß ihre Liebe befleckt würde durch klatschsüchtige Neugierde, sie fürchtete das gewisse verständnisvoll spöttische Lächeln, mit dem alle kleinen Seelen, die Untergebenen vor allem, pikante Beobachtungen begrüßen. Sie fürchtete am meisten das feine Ohr, das scharfe Auge der Kinder.

Aber diese mancherlei Vorsichtsbedenken erschienen ihr kaum als etwas Lästiges. Im Gegenteil — eine Leidenschaft, die sich keine Schranken aufzuerlegen brauchte, hätte für sie den feinsten Reiz eingebüßt. Zum Wesen einer lebendigen Leidenschaft gehörte die Qual des Entbehrens, die Pein des Hungers. Vor keinem Zustand graute ihr mehr, als vor einem Abflauen der Liebe in das seichte Gewässer gewohnheitsmäßiger Sinnenbefriedigung. Jede sinnliche Berührung, jeder Kuß mußte die Erfüllung eines starken Sehnens sein, ein freudig gegebenes, freudig empfangenes Geschenk. Wenn das nicht mehr sein konnte, wenn das Gefühl erschlaffte, zur Gewohnheitszärtlichkeit wurde, dann trat die Niedrigkeit, die Entwürdigung ein, dann hatte die Leidenschaft ihr Lebensrecht verwirkt. Treulos hatte schon mancher die schöne Frau genannt. Und doch war sie treu in einem höheren Sinne als jene, die aus Schwäche, Gutmütigkeit, vielleicht auch Seelenträgheit ein schal gewordenes Liebesverhältnis endlos weiterspinnen. Wen Jutta einmal geliebt hatte, den stieß sie nicht leichtfertig von sich. Sie hielt ihn fest, mit gütiger Freundeshand. Mit der Leidenschaft sank

79 nicht ihre Teilnahme für die Persönlichkeit dahin. Und was sie dann gab, war wertvoller vielleicht, als die flüchtigen Rauschfreuden, auf die es zu verzichten galt.

Eine Liebesphilosophin — so nannte sie ihr treuester Freund Klaus Börcke. Sie hörte es gern. Und doch war es mehr eine erlebte, empfundene Weisheit, als eine vernunfterworbene, der Ausfluß einer lebensstarken Natur, die freudig genießt, aber sich nicht im Genusse verliert.

Philosophin — und doch zu manchen Zeiten Naturkind, beherrscht von lebhaften, natürlichen Impulsen.

Der Zustand, in dem sie jetzt dahinlebte, war sehr wenig getrübt durch die Erwägungen der Weisheit.

Sie besaß das Geheimnis ewiger Herzensjugend. Mit der vollen, unverbrauchten Gefühlskraft eines jungen Menschenkindes, das zum ersten Male liebt, gab sie sich der neuen Leidenschaft hin.

Morgenfrische lag über ihrem Dasein, Jugendglanz, seliges Geheimnis.

Zum ersten Male. Liebte sie denn nicht wirklich zum ersten Male? Freilich, die früheren Erlebnisse — aber gleichviel; so war sie geartet, so glücklich und reich, daß doch jede Liebe eine erste war — ein neues Geschehnis, etwas so noch nie Empfundenes, ein königliches Schicksalsgeschenk.

Die Liebe macht ein wenig dumm. Das bewies Frau Jutta durch ihren festen Glauben an die Ahnungslosigkeit ihrer Umgebung. Luise mochte wohl manches erraten. Weshalb auch nicht. Es war Jutta Bedürfnis, über Hans Gervissen zu sprechen. Und

80 Luise hatte so viel herzliches Verständnis für seine Art; sie war seine gute Freundin, und manches besprach er mit ihr, was selbst Frau Jutta nicht erfuhr. "Du, ich werde eifersüchtig", sagte Jutta manchmal und lachte, wenn die strenge Luise errötete. Aber daß diese jemals im Ernst eine Neigung zu dem jungen Manne empfunden haben könnte, kam ihr gar nicht in den Sinn; und Luise selber lächelte jetzt über die "verspätete Backfischtorheit". Nein, Neid empfand sie jetzt nicht mehr, wenn sie die dunkeln Leidenschaftsblicke sah, mit denen Hans Gervissen ihre Freundin verzehrte. Nur etwas Verlegenheit. So recht konnte sie es doch nicht verstehen, wie eine Frau von über dreißig Jahren, die Mutter heranwachsender Kinder, an diesem Liebesspiel Gefallen finden konnte. Ein Liebesspiel? Gewiß. Nichts weiter.

Andere aber sahen es mit weniger reinen Augen an. Die Dienstboten vermerkten tuschelnd die Länge der Besuche, die kleine Ottilie lauschte klopfenden Herzens, voll lüsterner Neugierde zum Fenster hinaus, wenn Jutta mit dem Ingenieur abends auf der Terrasse vor dem Gartensalon plauderte, und als Luise letzten Sonntag ihre Verwandten in Reimersloh besucht hatte, waren ihr geistige Daumenschrauben angelegt worden, ob sie denn gar nichts Näheres wüßte, ob sie denn blind und taub wäre, die ganze Umgegend spräche doch davon. — Luise hatte sich vorgenommen, die Freundin zu warnen, bis jetzt aber noch nicht den Mut gefunden.

Es war ein schwüler Tag gewesen. Schwer hingen

81 die Wolken am Himmel, Feuchtigkeit lag in der Luft, und doch wollte es zu keinem erquickenden Regenschauer kommen.

Trotz der Schwüle hatten Frau von Hadersloh und Luise fleißig im Garten gearbeitet. "Weshalb strengst du dich so an bei dieser Temperatur?" hatte Luise beim Anblick der Schweißperlen auf Juttas weißer Stirn gefragt; "ich werde doch auch mit Hinrichs allein fertig."

"Ich strenge mich an", war die lachende Antwort gewesen, "weil es mir heute ganz ungewöhnlich schwer und träge in den Gliedern lag. Das muß man bekämpfen. Ich will nicht fett und faul werden, keine Doraline."

Doraline, Klaus Börckes schöne, äußerst phlegmatische junge Frau, war für Jutta der Inbegriff stumpfsinniger Weiblichkeit. Nun hatten sie aber beide genug getan. Es war gegen Abend und noch immer diese Gewächshausluft.

"Wir wollen baden", schlug Jutta vor, "auch Fräulein Otti und Gretel sollen mitkommen."

Und sie suchten zu vieren die Eickener Badeanstalt auf.

Das war eine Bretterhütte am Ufer des kleinen Flusses, der eine kurze Strecke dicht am Rande des Parkes entlang floß und an dieser Stelle ziemlich tief, zum Schwimmen geeignet war.

Vor der "Badekabine" senkte sich das Ufer in einem Rasenhang nieder und hier wurden mit Vorliebe nach dem Schwimmen Sonnenbäder genommen. Eine

82 niedere Wand von ausgespanntem Segeltuch umgab diesen Luftbadeplatz — mehr um eine Absonderung zu markieren, als daß sie einen wirklichen Schutz vor neugierigen Augen gebildet hätte. Aber im Eickener Schloßpark hatte man ja keine störenden Zuschauer zu fürchten. Hier war man allein mit der herrlichen, stillen Natur.

"Ah, wie das wohltut!" Frau Jutta war als die erste im Wasser untergetaucht und schwamm, mit kräftigem Arm die Wogen zerteilend, auf und nieder, während die anderen noch beim Auskleiden beschäftigt waren.

Jetzt traten sie aus der Hütte. Mit einem Juchzer sprang die kleine Margaret ihrer Mutter nach. Luise folgte. Nur Ottilie stand noch eine Weile am Ufer, fröstelnd und mit dem zierlichen Füßchen die Kälte des Wassers erprobend, bevor sie sich zum Hineingehen entschloß.

"Fräulein Otti traut sich wieder nicht", schrie Gretchen lachend, prustend und mit den dünnen Armen im Wasser um sich schlagend.

"Immer rein, Fräulein Otti", ermunterte auch Jutta, "Sie sind doch eine so gute Schwimmerin."

"Gleich, gleich." Otti sah wohl ein, daß sie es verdiente, ausgelacht zu werden. Aber sie hatte wirklich jedesmal Angst, bevor sie sich dem dunklen Wasser anvertraute. Das Flüßchen war an dieser Stelle so sehr dunkelgrün, als ob es unermeßliche Tiefen bürge. Und Otti fühlte immer ein leises Grauen vor der Tiefe.

Nun hatte sie aber endlich den kühnen Entschluß gefaßt.

83 Und es begann ein lustiges Spiel in den Wellen. Jutta genoß es am meisten. Wenn sie sich von der linden Flut tragen ließ, ganz still, nur mit wenigen leisen Schwimmbewegungen sich oben haltend, dann kam eine unbeschreibliche Daseinswonne über sie, ein tiefes, ruhevolles Genügen. Als ob sie gebettet läge an der Brust eines großen, gütigen Wesens, dem sie sich anschmiegen durfte in schrankenlosem Vertrauen. Sie liebte das kühle, flutende, gestaltlose Element. Sie liebte die ganze wunderreiche, ewig wechselnde, ewig werdende Natur. So zugehörig fühlte sie sich dieser stillen Kraft, diesem unbewußten, unschuldigen Triebleben, so eins mit dem All.

Die Wolken begannen sich zu zerteilen, und die Abendsonne schien schräg durch das Gezweig der Uferweiden auf den Wasserspiegel. Freundliche Lichter spielten über das Dunkelgrün dahin und tanzten auf den weißen Gliedern der Badenden.

"Wer kommt mit mir? Ich mache eine Ruhepause !" rief Jutta, schwamm ans Ufer und streckte sich im Sonnenschein auf dem Rasenhang aus.

"Und deine Frauen um dich her", sagte Gretchen, sich dicht neben der Mutter ins Gras werfend; "das klingt so hübsch mittelalterlich, märchenhaft: die Königin und ihre Frauen!"

"Ich kann wohl zufrieden sein mit meinen Frauen", sagte Jutta lächelnd, "ganz hübsch nehmen wir vier ans Land gespülten Menschenfische uns in dem grünen Rasen aus."

Und ihr Blick glitt wohlgefällig über die eigene Gestalt

84 und die der anderen, deren Formen sich sehr deutlich in den nassen Badekleidern abzeichneten.

"Alle gut gewachsen. Aber wißt ihr, wer die Schönste von uns ist, die am vollendetsten Gewachsene?"

"Du natürlich!" rief Gretchen.

Aber Jutta schüttelte den Kopf. "Nein, die dort" und sie zeigte auf die lange Gestalt Luisens, die in einem sehr einfachen, überall nicht ganz zureichenden, dunkelblauen Futteral steckte. "Ich bin leider nicht schmal genug in den Hüften, unser Kleines hat im Verhältnis zu oben einen etwas zu langen Unterkörper, und Otti — die hat ein ganz klein wenig X-Beine."

"O — aber nein." Betroffen sah das Elfchen an seinen rundlichen Waden herunter, die so fesch und zierlich unter den Falbeln der hellblauen Badehose herausguckten.

"Nur ganz, ganz wenig", tröstete Jutta. "Luise aber, die ist so straff und schlank wie eine junge Buche und —"

"O Jutta, spotte nicht, ich magere Bohnenstange!" Luise faltete verlegen die Arme über der Brust; sie vermißte den schützenden Bademantel. Die ungenierte Körperkritik berührte sie peinlich. Eben noch war sie sich recht armselig vorgekommen neben Juttas blühender Fleischespracht. Und nun dieses Lob.

"Mager? Ja. Aber das Knochengerüst — das ist das Maßgebende. Und deines ist tadellos."

"Ja, tadellos", stimmte Otti bei, um zu zeigen, daß sie nicht neidisch war.

85 "Luise hat den Wuchs einer Minerva", schloß die unbarmherzige Jutta.

Da sprang Luise auf und barg ihr gepriesenes Knochengerüst in der diskreten Flut.

Nach beendetem Bade wurde Margarete mit ihrer kleinen Gouvernante entlassen, während Luise auf Juttas Wunsch ihr noch beim Sonnenbade Gesellschaft leisten mußte.

Sie hatten die Schwimmkleider abgeworfen und lagen, in weite Bademäntel gehüllt, auf dem Rasen, Luise ängstlich eingewickelt, Jutta die angefrischten, rosig überhauchten Glieder dann und wann dem Strahl der Abendsonne preisgebend.

Luise fand die Freundin in behaglich mitteilsamer Stimmung. Eben kam sie wieder auf ihr Lieblingsthema: Hans Gervissen. Da hielt Luise den Augenblick für geeignet, ihre Seele zu entlasten.

Sehr vorsichtig, stockend brachte sie ihre Mahnung zur Vorsicht an.

Jutta sah im ersten Moment betroffen auf. Dann lachte sie. "Hab' ich mich also doch nicht geirrt, als ich neulich nach deinem Besuch in Reimersloh einen Druck über deinem Wesen zu bemerken glaubte? So — also, die liebe Umgebung fängt mal wieder an, sich mit mir zu beschäftigen. Mit mir harmlosem Geschöpf, das keinem ein Leid zufügt."

Nachdenklich lag sie lange Zeit da, das rechte Knie ein wenig angezogen, mit dem linken, nackten Fuß, der unter dem weißen Kräuselstoff hervorguckte, im Sonnenschein auf und nieder wippend.

86 "Es hat gar keinen Eindruck gemacht", dachte Luise, "sie freut sich an ihren zierlichen, weißen Zehen und schlägt der Welt ein Schnippchen."

Aber nach einiger Zeit wandte die Freundin sich zu ihr; fest, mit eindringlich forschendem Frageblick richteten sich die stahlblauen Augen auf ihre Züge.

"Du, sei mal ganz ehrlich: es ist nicht das erstemal, daß dir Dinge — unangenehme Dinge über mich zugetragen worden sind?"

"Nein, nicht das erstemal", war die zögernde Antwort. "Selbstverständlich Lügen. Nichts als böswillige Verleumdungen."

Jutta zuckte lächelnd die Achseln. "Vielleicht auch nicht. Vielleicht habe ich manches getan, was in den Augen der Reimersloher Honoratiorendamen eine schwere Sünde ist. Sünde", wiederholte sie kopfschüttelnd — "ein zu abgeschmackter Begriff."

"Also — du siehst in nichts eine Sünde?" fragte Luise ernst.

"O doch — doch. Todsünden gibt es, die nie wieder gutzumachen sind: einem andern seine Lebensfreude zertreten. Undankbarkeit. Verrat."

Luise nickte und wurde dunkelrot. "Verrat — ja. Ehebruch."

Ein neuer, scharfer Blick aus den leuchtenden, graublauen Augen. "Aha. Also diese alten Geschichten sind dir auch aufgetischt worden?" Sie zog die Stirn in Falten. Dann sagte sie, der Freundin mit ruhiger Offenheit ins Gesicht schauend: "Nun, da kann deine Seele ruhig sein. Das sind unverfälschte Lügen."

87 Luise zweifelte keinen Moment daran, daß Jutta ihr die Wahrheit sagte. Und sie atmete auf. "Ich wußt' es ja. Ich kenne dich doch. Du siehst manches anders an, wie ich schwerblütiges, altes Mädchen. Aber zu einer Untreue —"

"Ach, nun wieder Untreue", unterbrach Jutta sie achselzuckend, "immer diese gewichtigen Worte, diese mit dickem, schwarzem Grundstrich umzogenen Begriffe. Weißt du, liebes Herz, eine Treue nach deiner Vorstellung — die gibt es überhaupt gar nicht."

"O, Jutta!"

"Ist ja ein Unding. Wenn man die Treue nicht ganz grob sinnlich auffaßt. Aber diese vielen kleinen Stufen und Schattierungen der Untreue, im Empfinden, in der Phantasie, in allerlei zärtlichen Berührungen — na ja, mach doch nicht solche Gouvernantenaugen, Schatz, du brauchst ja nur an einen sanften Händedruck zu denken — siehst du, von einer solchen Art Untreue ist wohl keine Ehe ganz rein. Es wäre ja doch auch was Menschenunmögliches verlangt — also ich hätte von meinem achtzehnten Jahre an mit Scheuklappen durch die Welt laufen müssen, immer nur stier auf den einen Mann blicken, immer nur die Vorzüge von Vollrad Hadersloh im Auge haben, nichts anderes wünschen, träumen als ihn, ihn? Du, ich glaube, das wäre Vollrad selber lächerlich vorgekommen. Er gönnte mir meine kleinen Ausflüge abseits von der breiten Chaussee, wie ich ihm die seinen gönnte."

"Das ist nun eine Ehe", sagte Luise leise vor sich

88 hin. Und doch fand sie etwas Beruhigendes in diesen leichten zugeständnissen.

"Ich glaube: du meinst es nicht ganz so, wie du sagst", fuhr sie nachdenklich fort, "aber — vielleicht ist es doch nicht klug, das Urteil der Welt so herauszufordern. Nicht jeder kennt dich, wie ich dich kenne. Ich weiß ja ganz sicher: bei all deinen mancherlei Herzensbeziehungen, auch jetzt, wo du frei bist, du wirst nie etwas getan haben, das — du wirst nie zu weit gegangen sein."

Jutta warf sich zur Seite, so daß sie ganz dicht neben Luise zu liegen kam, erhob sich ein wenig, stützte den Kopf auf den Arm und sah zur Freundin nieder mit einem seltsamen Lächeln: "Zu weit? Nein, niemals weiter, als die Stärke meines Gefühles es verlangte. Im Anfang weiß man ja nie, wie eine Leidenschaft heranwachsen wird. Manchmal bleibt sie ein leises Lüftchen, das nur wohlig umschmeichelt, manchmal wird sie zum Sturm, der uns fortreißt. Da ist dann kein Halten mehr."

"Und später", fragte Luise — unsicher, wie sie dieses Bekenntnis verstehen sollte — "wenn der Sturm sich gelegt hat — hast du nie Reue empfunden?"

"Reue?" In Juttas Gesicht lag unschuldiges, fast kindliches Staunen. "Nein, nie. Es ist ja alles so ganz natürlich, was ich tue und nicht tue. Wie kann ich da Reue empfinden?"

Eine kurze Weile lagen sie noch still nebeneinander. Dann begann Luise zu frösteln, stand auf und kleidete sich an. "Ich möchte noch einen Brief vor dem Essen schreiben."

89 "Geh' nur. Ich bleibe noch eine Viertelstunde liegen", sagte Jutta.

Dann schloß sie die Augen.

Aber ganz so wie vorher konnte sie die stille Naturwonne nicht mehr genießen.

Die Mitteilung Luisens hatte sie doch unangenehm berührt. "Daß man sein Glück nicht ruhig für sich bewahren kann. Daß alles mit plumpen, fremden Fingern betastet wird."

Da wurde sie aus ihren Betrachtungen durch einen Laut aufgeschreckt. Als ob knisternde Zweige beiseite gebogen würden. Kam jemand heran?

Sie fühlte, wie heißes Rot in ihrem Gesicht aufflammte. Eine Ahnung —

Und jetzt — erschien eine Gestalt, da, wo die Segeltuchwand fast das Flußufer berührte. Hans Gervissen trat hervor.

"Verbotener Eingang!" rief Jutta. "Hinaus, lieber Freund. Erwarten Sie mich drüben in der Grotte. Ich kleide mich schnell an."

Aber er wich nicht von der Stelle.

"Verbotener Eingang — auch für mich?" fragte er.

Wie sah er nur heute aus? So erhitzt, mit funkelnden Augen, die zu ihr niederblickten, so — ungewohnt, unverhüllt dreist —

"Ja, auch für Sie", antwortete sie bestimmt.

"Ach nein, bitte — ich bitte Sie —" er trat einen Schritt näher, "ich hatte ja so wahnsinnige Sehnsucht. Eben komme ich von Hannover — Sie wissen, das Diner bei Kasten mit den Herren vom Aufsichtsrat — ich habe mich lange vor dem Ende weggestohlen, um

90 noch den frühen Zug erreichen zu können. Ich mußte Sie heute noch sehen, Jutta, ich muß —"

Er wollte sich nähern. Aber ein flammender Zornesblick schreckte ihn zurück. Ach, das war es, was ihn heute so anders erscheinen ließ, so — unzart, ungezügelt? Dinerstimmung. Weinerregung. Ein Abscheu stieg in ihr auf.

"Haben Sie mich nicht verstanden?" rief sie unwillig. "Keinen Augenblick länger sollen Sie hier bleiben. Gehen Sie — aber gleich."

Da wich er zurück, als ob er einen Stoß empfangen hätte.

Er erbleichte. Starr sah er auf die in den weißen Mantel gehüllte Gestalt nieder. "Sie schicken mich fort?"

"Ja."

Sie wandte sich um.

Und er ging.

Langsam erhob sie sich und trat in die Hütte, sich anzukleiden.

Noch zitterte die Empörung in ihr nach.

Wie er das gesagt hatte, so — geckenhaft zuversichtlich: Verbotener Eingang, auch für mich? Als ob er Rechte besäße, Rechte, weil sie ihm ihre Gunst geschenkt, weil sie ihm Vertraulichkeiten erlaubt hatte. Das war unritterlich. Brutal nannte sie es in diesem Augenblick. Daß er so jede Rücksicht außer acht lassen konnte. Wenn einer von den Leuten ihn nach dem Badeplatz hatte gehen sehen. Unangenehmer Gedanke.

Als sie fertig war, ging sie nach der Tuffsteingrotte. Aber Gervissen war nicht da.

91 Auch im Hause hatte niemand ihn bemerkt. Mit einer Tarnkappe schien er gekommen und gegangen zu sein.

An diesem Abend erlebte die Tafelrunde des Hauses Hadersloh etwas, das sie nur ganz selten zu beobachten Gelegenheit hatte: die gnädige Frau war schlecht gestimmt.

VIII

[92]

 

Bei Börckes auf Wispingen war Mittagesgesellschaft. Schon über zwei Stunden hatte man bei Tische gesessen; die Unterhaltung wurde mit der erhöhten Stimmkraft geführt, die auch bei sehr wohlerzogenen Leuten in Anwendung kommt, wenn bereits mehrere gute Weinsorten probiert worden sind, und über der geschmückten Tafel lagerte ein schwüler, von Blumenduft, Alkohol, Bratensaucen und Obstgeruch gesättigter Dunst. Der Hausherr hatte schon manchen sehnsüchtigen Blick nach der großen Stutzuhr geworfen; jetzt winkte er ungeduldig den Dienern zu, daß sie sich beim Herumreichen des Konfekts beeilen sollten. Er hatte sich allmählich ausgesprochen mit seiner Tischdame, der dicken Frau von Blissing; ihr Redebächlein floß zwar unermüdlich weiter, aber er hemmte es nur ganz selten noch durch einen Laut fingierter Aufmerksamkeit. Sie war die inkarnierte Chronique scandaleuse des Welfenadels. Alles, was unter den Harlings, Wenses, Haderslohs, Ingelebsens seit einigen Menschenaltern passiert war, wußte sie bis aufs i-Tüpfelchen und haspelte die endlosen Familiengeschichten mit einem gleichmäßig monotonen Stimmfall ab, der an das geduldige Aufwickeln einer Lage Strickwolle erinnerte. Heute wieder, wie schon so manches Mal, wunderte

93 Klaus Börcke sich darüber, wie sein guter Freund August Blissing auf Schranstadt das aushalten konnte, diesen unermüdlichen, leeren Redeschwall. Da war ihm doch seine stumme Doraline lieber. Freilich — ein bißchen mehr Temperament könnte sie wohl aufwenden. Ihr Nachbar, der neue Regimentskommandeur von den Lüneburger Dragonern, sah hilflos gelangweilt vor sich nieder. Da hatte es der alte Rödern dort drüben besser, dem Frau von Hadersloh zugefallen war: der funkelte nur so vor Vergnügen mit seinen Schweinsäuglein. Jetzt machte die dicke Blissing eine kleine Pause — aha, sie horchte auf das Gespräch gegenüber. Dort saß Annette, ihre Älteste, ein rasseechtes, lang aufgeschossenes, strohblondes, hannoverisches Edelfräulein, und gab sich redliche Mühe, interessant zu sein; ihr Nachbar war der junge Reimersloher Amtsrichter, ein Herr von Lössow, der von den Müttern und Töchtern zwanzig Meilen im Umkreise sehr interessant gefunden wurde — obschon dunkle Gerüchte gingen, daß sein Herz nicht mehr so frei sein sollte, wie die ringlosen Finger vorgaben.

Jetzt endlich —

Man erhob sich und ging in den Garten hinaus. Ein Teil der Herren faßte gleich mit seßhaften Absichten in einer Verandaecke Platz, bei Kaffee, Kognak und Zigarren, und hoffte im stillen auf ein behagliches Spielchen.

Ein anderer Teil widmete sich den Damen.

Klaus Börcke schritt neben seiner Freundin Jutta Hadersloh durch den großen, aber wenig gepflegten

94 Garten. "Endlich meine Belohnung", seufzte er lachend; "das war hart: zwei und eine Viertelstunde."

Jutta wunderte sich, daß er überhaupt im Hochsommer ein Diner gäbe. "Und noch dazu ein preußischer Oberst als Gast in Wispingen! Ein seltener Anblick. Klaus, bedeutet das eine Sinneswendung? Werden wir auch noch politische Freunde werden?"

Sie reichte ihm scherzend die Hand hin. Er aber schlug nicht ein. "Die Frau des Obersten ist Althannoveranerin", erklärte er; "die Schuld liegt uns schon seit Februar auf der Seele. Aber Doraline geht so schwer daran. Damals waren wir ja freilich auch noch in Trauer um meine Mutter."

"Ja, Ihre Mutter. Man vermißt sie überall", sagte Jutta. Die energische alte Dame hatte auch in den letzten Jahren noch das Regiment im Hause Börcke geführt.

Klaus nickte. "Und wie sehr vermißt man sie. Ich bin verwöhnt. Wenn man sich jetzt so um jedes Detail kümmern muß —"

Jutta schwieg. Darin lag ein Vorwurf gegen Doraline. Und Jutta stimmte nie in einen solchen Vorwurf ein. Sie wußte, daß ihr Freund in seiner Ehe vieles vermißte. Und sie fühlte eine gewisse Verantwortlichkeit für sein Geschick. Hätte sie damals ganz offen mit ihm gesprochen, als er sich in das hübsche Nichtschen verliebte — sie hätte ihn abhalten können. Aber sie wollte ihn damals gern versorgt wissen, und die ansehnliche Mitgift des Nichtschens war ein Umstand, der auch sehr mitsprach. Jutta Hadersloh war

95 nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch, wo es die Lebensfragen ihrer Freunde galt, praktischen Erwägungen zugänglich.

"Sogar für die Tischblumen muß man sorgen", fuhr Klaus Börcke fort, "expreß nach Lüneburg gefahren bin ich deswegen."

Da lachte sie ihn aus. "Ein Gutsherr mit solchem Gartenland und kauft in Lüneburg Blumen zur Tafeldekoration!"

"Bei uns wächst ja nichts", erwiderte er brummig; "wenn man nach Eicken kommt, diese Pracht! Wie das alles um Sie herum blüht und duftet. Und ich habe Sinn dafür. Wenn ich auch äußerlich ein ruppiger Landjunker bin, aber dabei hab' ich einen Durst nach Schönheit — na, das wissen Sie ja."

Jutta nickte. Und ob sie das wußte. "So machen Sie es mir nach."

Aber er behauptete, keine Zeit zu haben. "Wenn man sein eigener Inspektor ist, hat man zu viel an anderes zu denken. Ja, wenn Doraline ein bißchen Interesse dafür hätte —"

"Das wird schon noch kommen", meinte Jutta. Und nahm sich vor, demnächst eine kleine, eindringliche Privatunterhaltung mit der jungen Wispinger Gutsherrin zu führen.

"Für manche Frauen bedauert man, daß das Geschäft des Brütens bei den Menschenweibchen wegfällt", hatte sie neulich nach einem Besuch in Wispingen zu Luise Schott geäußert. "Sie können nichts, sind nichts, leisten nichts. Unfähig zu jedem Energieaufwand.

96 Aber brüten! Dazu würden sie sich vortrefflich eignen!"

Hin und wieder war das Brüteweibchen Doraline aber doch zu kurzem Aufflattern zu bewegen. Jutta hatte ihr schon manchen erfolgreichen, freundschaftlichen Seelenrippenstoß gegeben.

Eigentlich — im tiefsten Innern war es ihr ganz recht, daß Klaus Börckes Frau so und nicht anders war. Diese Unzulänglichkeit sicherte ihr, der alten Freundin, einen festen Platz im Leben des Einstgeliebten. Er brauchte ihre Freundschaft. Ihr Einfluß dauerte fort. Und das wollte sie. Das verlangte ihre tatkräftige Natur, die nicht frei von wohlmeinender Herrschsucht war. Nie stimmte sie in einen Tadel über Doraline ein — aber daß Klaus tadelte, war ihr im letzten Grunde eher angenehm als unlieb.

Während sie auf den unkrautüberwucherten Wegen dahinschritten, zwischen dichtem Gesträuch und hochstehendem, schon längst von keiner Sichel mehr belästigtem Rasen, musterte Jutta sinnend von der Seite ihren alten Freund. Sie suchte sich in die Zeit zurückzuversetzen, wo ihr Herz stürmisch geklopft hatte, wenn sie vom Pavillonfenster aus auf der Birkenallee, die von Wispingen nach Eicken führt, den wohlbekannten Fuchs erspähte und die hagere, sehnige Gestalt des Reiters. Mit welchem Entzücken hatte sie dieses wettergebräunte Gesicht mit der Hakennase begrüßt. Klaus Börcke war der Inbegriff fester, prachtvoller Männlichkeit für sie gewesen — damals. Das heißt: nicht nur damals. Eigentlich hatte sich ihr Urteil über ihn auch später nicht geändert. Das Beste, Eigenste

97 an ihm hielt sie auch jetzt noch hoch. Nur — daß sie ihn jetzt ganz ohne Herzklopfen gehen und kommen sehen konnte.

Aber seine Art tat ihr auch jetzt noch wohl. Und es gab kaum einen Menschen, dem sie so gern Freundliches erwies, wie ihm — — —. "Vergessen Sie auch nicht Ihre Gastgeberpflichten?" erinnerte sie ihn, da er einen weiterab führenden Weg einschlagen wollte. "Ich glaube, Rödern und Blissing schmachten schon nach ihrer Whistpartie."

"Sie haben recht." Er wandte sich dem Hause zu. "Aber nächstens darf ich endlich mal wieder auf einen ganzen langen Nachmittag zu Ihnen kommen, allein, ja? Ich habe so vieles mit Ihnen zu besprechen. Über den Kieselgurvertrag. Über den Stallneubau. Über meinen Neffen Jobst, den Windhund. Und noch so manches, worüber ich Ihre Ansicht hören möchte. Aber das geht nicht so en passant."--

Die Whisttische wurden arrangiert. Von den Damen spielte nur Frau von Blissing. Die anderen saßen in Korbstühlen auf der Veranda umher und wollten unterhalten sein. Der junge Lössow und ein Assessor vom Landratsamt nahmen auch ihre Kavalierspflichten ernst und wechselten ihre Plätze zwischen den Damen mit einer gewissenhaften Höflichkeitsverteilung, die auf kein irgendwie konzentriertes Interesse schließen ließ.

Trotz ihrer rechtschaffenen Bemühungen war aber die Stimmung ein wenig flau.

Und Frau von Hadersloh dachte über einen Grund zum Aufbruch nach. Sie wußte: diese Landdinergesellschaften

98 zogen sich lange hin. Später kamen noch die obligaten Butterbrötchen. Und der Blissingsche Kutscher war erst auf elf Uhr wieder bestellt. Gute Dauerabsichten!

Über Jutta aber kam plötzlich eine starke Einsamkeitssehnsucht. Sie fühlte sich auch körperlich nicht so frisch wie sonst. Das machten die unruhigen Nächte. Sie lag jetzt immer stundenlang wach, von peinlichen Gedanken gequält, von Sehnsucht krank. Fast eine Woche war seit jenem Auftritt am Badeplatz vergangen und Hans Gervissen hatte sich nicht wieder sehen lassen. Jutta verstand das nicht. Fühlte er sich so tief getroffen? Aber — ihr Unwillen war doch nur zu berechtigt gewesen. Oder — doch nicht? War sie schon zu weit mit ihm gegangen? Hatte sie durch ihre eigene Schuld, durch ihre kaum mehr beherrschte Leidenschaft sein Gefühl verwirrt, daß er nicht mehr begriff, was er der Rücksicht auf die Außenwelt, was er ihr, der vornehmen Frau, schuldig war? Der Gedanke, daß er für immer verscheucht, zurückgeschrekt sein konnte, erfüllte sie mit brennendem Weh. Nicht lange mehr konnte sie diesen Zustand ertragen. Irgend etwas mußte geschehen. Die Sehnsucht rieb sie auf, machte sie elend, nervös. Frühmorgens fühlte sie sich oft matt wie nach einer Fiebernacht.

Für ein paar Stunden waren ihre quälenden Gedanken heute übertäubt worden; nun aber wurden sie wieder laut und drängten heran mit grausamer Heftigkeit.

Sie trat zu Doraline und bat, sich auf französisch drücken zu dürfen, da sie sich nicht ganz wohl fühle.

99 Aber Doraline flehte sie inständig an, noch zu bleiben. "Es ist so schwer mit den vielen fremden Menschen", flüsterte sie ihr zu, "ich weiß schon gar nicht mehr, was ich sagen soll. Sie wissen immer etwas. Wenn Sie da sind, wird's niemals ganz still. Ach, bitte, bitte, lassen Sie mich nicht im Stich."

Jutta gab nach.

Und als die junge Frau ihre Meinung hören wollte, ob heute beim Diner wohl alles gut und richtig gewesen wäre, benützte sie die Situation zu dem beabsichtigten kleinen Aufrüttelungsversuch. Sie lobte das Diner, fand alles in Wispingen tadellos, "nur eins steht nicht auf der Höhe, Doralinchen: Ihr Garten. Der sieht nicht so aus, als ob eine junge, schönheitsliebende Frau hier herrschte. Und wie wundervoll könnte er sein!"

"So, meinen Sie? Ja, das sagt Klaus auch oft. Aber er hat keine Zeit, sich darum zu kümmern."

"Und Sie?"

"Ich verstehe nichts davon."

"Aber das lernt sich. Verstand ich denn früher etwas? Keine Ahnung. Aber ich habe mir Mühe gegeben."

Sie schilderte ihr, wie viel Freude sie an der Blumenzucht gewonnen hätte, und wie es ihr Ehrgeiz wäre, die Gartenanlagen jedes Jahr schöner, mannigfaltiger zu gestalten.

Doraline hörte andächtig zu. "Ja, so wie in Eicken möcht' ich es wohl auch haben. Aber das macht so viel Arbeit und Kopfzerbrechen."

100 Jutta schwieg lächelnd. Dann meinte sie, nach einer kurzen Pause: "Ich glaube, Sie würden Klaus sehr erfreuen, wenn Sie Interesse dafür zeigten."

Doraline stutzte. "O, meinen Sie? Hat er sich über mich beklagt?"

"Wo denken Sie hin, Kindchen."

Aber Doraline machte ein nachdenkliches Gesicht. Jetzt flog eine dunkle Blutwelle über die hübschen, fast allzu regelmäßigen Züge. "Ich weiß wohl", sagte sie halblaut, damit die anderen Gäste sie nicht hören sollten, "daß Klaus nicht immer zufrieden mit mir ist. Ich bin zu faul und dumm für ihn. Jawohl. Aber — lieb hat er mich deswegen doch. Und wenn er jemand braucht, mit dem er über Sachen — so Sachen, die ich nicht verstehe, reden will, dann kann er ja zu Ihnen gehen."

Jutta sah fragend in das rosige, runde Gesicht. Klang da wohl etwas — Eifersucht heraus? Nein. Keine Spur. Ganz harmlos war es gemeint. Die kluge Freundin ihres Mannes bedeutete wirklich nur eine Bequemlichkeit — so eine Art Ehegehilfin für das Brüteweibchen.

Aber die Unterhaltung hatte doch gute Folgen.

Als Jutta sich zu vorschriftsmäßig später Stunde verabschiedete, bat die junge Frau, ob sie bei ihr und Fräulein Schott in die Lehre gehen dürfte, sich Rat für den Gartenbau holen, wenn Jutta doch meinte, daß es Klaus freuen würde.

Und Jutta versprach ihre tatkräftige Hilfe. — —

Bei ihrer Heimkehr fragte sie Franz, den alten

101 Diener, ob irgend etwas passiert wäre, Besuche, Bestellungen.

"Nein, gar nichts, Frau Baronin."

Aber als die Herrin schon halb die Treppen hinaufgestiegen war, lief der alte Mann ihr nach. "Doch ja, Frau Baronin, Herr Gervissen war da. Bald hätt' ich es vergessen."

"Und hat er nichts zurückgelassen, keinen Auftrag?"

"Nein."

Mit fliegenden Pulsen, innerlich jubelnd, eilte Jutta hinauf in ihr Schlafzimmer. Er war doch wiedergekommen! Er kam wieder!

IX

[102]

 

Am nächsten Morgen hielt Jutta ein Briefchen in der Hand. "Verehrte gnädige Frau! War das Absicht? Bin ich verbannt? Oder war es nur Zufall? Sind Sie wirklich nicht zu Hause gewesen? — — Ich hätte schon längst geschrieben. Aber es gibt Dinge, die sich mit der Feder schwer sagen lassen. Gönnen Sie mir eine mündliche Rechtfertigung. Und zwar bitte ich Sie dringend, mich bald zu empfangen. Ich kann den Gedanken nicht länger ertragen, daß Sie mir zürnen. Sehr traurige Tage habe ich verlebt. In tiefster Verehrung Ihr Gervissen."

Noch saßen alle am Frühstückstisch, als Jutta das Briefchen las, und sie bereute, nicht mit dem Öffnen gewartet zu haben. Ganz sicher war sie, daß die anderen ihre Aufregung bemerken mußten. Aber die waren viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Luise Schott hatte einen Brief von ihrem Lieblingsbruder bekommen, das Elfchen eine Ansichtskarte von einem Verehrer und Georg ein Schreiben, das ihn und seine Geschwister in große, freudige Erregung versetzte: eine Einladung von seinem Vetter Franz Stolzenberg in Goslar; Stolzenbergs ließen ihn und die Geschwister bitten, die Sommerferien bei ihnen zu verbringen; sie wollten recht schöne Harztouren zusammen machen.

103 Dieser Brief rief einen Freudensturm unter der Eickener Jugend hervor. Das erregte Gesicht der Mama zu beachten, fiel keinem ein. Nur einer hatte dieses plötzliche Erblassen, dem eine aufglühende Röte folgte, bemerkt — und später, beim Verlassen des Frühstückstisches, warf er einen indiskreten Blick auf den Platz der Hausherrin, wo das leere Kuvert lag. Richtig, die Schriftzüge, die er erwartet hatte.

Die Kinder fanden ihren Lehrer an diesem Morgen sehr unpläsierlich aufgelegt. Wie düster die Gedanken waren, die sein Hirn durchzogen, während Georg und Lippold sich mit den griechischen Verben herumschlugen, diesen unbequemen Liquida, das ahnten aber die kleinen Burschen nicht.

Leo Frentzius erwog ernste Abschiedspläne. Er hatte das Leben auf Eicken satt. Es widerte ihn an. Wie hatte er nur in dieser Frau eine Heilige sehen können? Esel! Das war ja eine ganz gewöhnliche Kokette, der es nur darauf ankam, möglichst viele Courmacher am Bändel zappeln zu lassen. Mit ihm hatte sie "freundschaftliche Teilnahme, Gemeinsamkeit geistiger Interessen" gespielt — bis vor kurzem. Jetzt war er zur Abwechslung mal beiseite gelegt. Nein, er wollte kein Spielball für Weiberlaunen sein. Im Juli, von der Ferienreise aus, wollte er ihr schreiben, daß er seine Stellung aufgäbe.

"Kommen Sie heute Nachmittag", schrieb Jutta dem reuigen Sünder zurück.

Und er kam. Bei strömendem Regen. Das Unwetter hatte ihn unterwegs überrascht, in dem kleinen offenen Gig, den er selber kutschierte. Ein Glück, daß

104 er den Havelock bei sich gehabt. Aber ganz hatte ihn der auch nicht schützen können. An seinem Anzug sah man Spuren der empfangenen Wolkendusche und das Krause Blondhaar klebte, noch regenfeucht, an den Schläfen.

Sichtlich verlegen, ein wenig steif, trat er ein. Er küßte die Hand, die sie ihm freundlich entgegenstreckte. Dann fing er an, nachdem er sich auf den Schemel neben Juttas Lehnstuhl gesetzt hatte, mit einer ungewohnten Förmlichkeit, die ihn sehr drollig kleidete: "Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mir erlaubt haben, zu kommen. Und nun, bitte, hören Sie mich gütig an. Es war damals — ich war" — schon stockte er; seine Hand spielte an den Fransen einer Tischdecke und seine Stirn runzelte sich, wie in schwerem Grübeln.

Da lachte sie ihn an, mit einem hellen, befreienden Lachen. "Von dem Damals reden wir überhaupt nicht mehr, lieber Gervissen. Das ist abgetan. Ich glaube, daß Sie mir nie wieder Gelegenheit geben werden, so zu Ihnen zu sprechen, wie ich damals sprechen mußte. Denn" — ernster werdend — "wenn Sie so trübe Tage durchlebt haben, wie ich — — "

Da sank er von seinem Schemel herab, umfaßte ihre Knie mit seinen Armen und drückte sein Gesicht in ihren Schoß.

"Schreckliche Tage!"

Zärtlich strich sie über das feuchte Blondhaar. Dann gebot sie ihm, aufzustehen und ganz vernünftig zu sein, aber ganz vernünftig.

Er versuchte, zu gehorchen. Nur ihre Hand mußte

105 sie ihm lassen. Die durfte er küssen, immer noch einmal küssen — dazu hatte er ein Recht! — Wie hatte er sich gesehnt nach dieser lieben, feinen Hand, dieser wunderbaren Hand, die Elektrizität in den Poren hatte, so ein seltsamer, süßer Schrecken durchfuhr ihn jedesmal, wenn sie ihn berührte. "Was hab' ich für Qualen ausgestanden", sagte er halblaut, mit bebender, von Leidenschaft umschleierter Stimme, "wahnsinnige Sehnsucht. Ich kann ja nicht mehr leben ohne Sie. Nichts anderes sinn' ich Tag und Nacht. Nur immer Sie, Sie. Es ist eine Qual. Bei Tage hilft mir die Arbeit. Aber nachts — diese Nächte sind furchtbar. Sie ahnen ja nicht, wie das ist, wenn man so liegt und liegt und keinen Schlaf finden kann, immer nur das eine Bild vor Augen, das Blut aufgepeitscht bis zur Raserei; wie ein Gift, das von innen herausbrennt und alle Gewebe verzehrt, alles Gesunde, Normale vernichtet, so glüht die Leidenschaft da drin — man liegt wie in einem Feuermantel. Dann spring' ich auf und trete ans offene Fenster, die kühle Nachtluft streicht mir über die Brust; ich strecke die Arme aus und meine Sehnsucht trägt mich fort über die weite, finstere Heide, dorthin, wo im eichenumschatteten Herrenhaus die liebe Frau so ruhig schlummert, die böse Frau, die mir das Gift eingegeben hat, das meine Seele und Sinne verzehrt. Ja, du kannst wohl lächeln, böse Frau, du hast ja keine Ahnung, wie das tut, keine Ahnung."

Er hatte alles noch fast leise gesagt, aber seine blauen, großen Augen glühten unter den blonden Wimpern mit einer Leidenschaft hervor, die dem Zorne

106 glich, und die Hand, die jetzt den Puls der Frau umkrampfte, war eiskalt.

Mit mühsam bewahrter Ruhe saß Jutta in ihrem Sessel zurückgelehnt. Ja, sie lächelte, aber es war ein Lächeln der Selbstverteidigung. Sie wollte ihre Haltung bewahren, wollte ihm verbergen, was sie empfand. Sie erschrak vor dem Ungestüm dieser tollen, jungen Leidenschaft, die vor nichts zurückscheute, die keine Vorsicht, keine Bedenken kannte. Sie erschrak — und doch war es ein unbeschreiblich süßes Grauen, das sie erfaßte, eine Angst, mit schwindelnder Wonne gemischt. Ihr Blick hing wie gebannt an diesen heißen, jungen Augen, an diesem durstigen Mund mit den blühenden, blutroten Lippen. Sie fühlte von Moment zu Moment, wie ihre Widerstandskraft erlahmte, wie dieser Wirbel sie mit sich riß, wie diese Flamme herüberschlug und ihr Blut entzündete zu verzehrendem Wunsche. Es war so süß, so süß, diesen Gluthauch der Leidenschaft zu fühlen. Die Freude, vor der jede andere verbleicht. Diese höchste Lebenssteigerung, die alles andere Erleben schal und frostig erscheinen läßt.

Da wurde der gefährliche Zauber des Moments gebrochen.

Ein Geräusch vor der Tür ließ die beiden verliebten Menschen aufschrecken.

Herr von Börcke wurde gemeldet.

Zum erstenmal im Leben war der alte Freund der Herrin von Eicken unwillkommen.

"Sie haben wohl nicht gedacht, daß heute schon der angedrohte ausführliche Nachmittagsbesuch erfolgen

107 würde", sagte Klaus Börcke, während er sich, als Gewohnheitsmensch, seinem Stammsessel aus einer entfernten Zimmerecke herbeiholte. "Aber das Regenwetter war zu verlockend für eine behagliche Plauderstunde."

Jutta hatte ihre Unmutregung schnell überwunden. Der junge Ingenieur aber saß da mit melancholischem Gesicht, die Lippen fest aufeinandergekniffen, das Haupt gesenkt, wie einer, über den schweres Unglück hereingebrochen ist.

Jutta betrachtete ihn lächelnd und forschte dann in den Zügen ihres Gutsnachbarn, ob der das auffällige Wesen des jungen Mannes wohl bemerkte.

Klaus Börcke aber schien ganz unbefangen. Vielleicht war diese Situation auch nicht ganz neu mehr für ihn. Er hatte hier bei seiner schönen Freundin schon manches Mal liebenswürdige Besucher getroffen, die ihn zu allen Teufeln wünschten. Aber er machte sich nichts daraus. Er wußte ganz genau: Das, was er besaß, konnten sie ihm nicht nehmen. Die Freundschaft, die ihn mit Jutta verband, war zu fest mit beider Leben verwachsen, als daß irgendeine neue Leidenschaft sie hätte verdrängen können.

Und der junge Ingenieur war ihm sympathisch. Er zog ihn immer gern in längere Gespräche, wenn er ihn in Eicken oder andernorts traf. Er schätzte seinen hellen praktischen Verstand und die ungetrübte Lebensfrische.

Auch heute wandte er sich ihm bald mit freundlichem Interesse zu, erkundigte sich nach gemeinsamen Kölner Bekannten, nach allerlei Einzelheiten der Ölgewinnung

108 und des Ölversandes und endlich, da sie auf weidmännische Fragen kamen und er in Hans Gervissen einen eifrigen Nimrod endeckte, lud er den jungen Mann ein, im Herbst manchmal zur Jagd nach Wispingen zu kommen.

Hans Gervissen mußte wohl oder übel aus seiner melancholischen Reserve heraustreten; er zwang sich zu dem bescheidenen Aufwand von Liebenswürdigkeit, den die gute Sitte erfordert, wälzte aber unausgesetzt die Frage im Hintergrunde seiner Seele herum: Ob er wohl lange bleibt? Ob er nicht bald das Feld räumt?

Der Regen war vorüber.

Sie traten auf die Veranda hinaus.

Da erklang von den Fischteichen her ein lautes Hallo; man unterschied die Stimmen der drei Kinder; und bald kamen sie herbei, in einiger Entfernung von Luise Schott gefolgt. Sie trugen ein langes Brett, auf dem mit ausgebreiteten Flügeln ein großer, toter Vogel lag.

"Mutter, ein Reiher hat sich im Eisen gefangen", rief Georg triumphierend. Die Gäste bekamen nur ein flüchtiges Kopfnicken. "Fräulein Schott hat ihn zuerst entdeckt und uns gerufen."

"Am Ständer saß er fest", erzählte Lippold, "wie toll hat er gezappelt und um ihn her lagen mindestens dreißig tote junge Fische auf dem Wasser."

"Ja, er gibt alles von sich, wenn er gefangen ist", erklärte Georg eifrig dem jungen Ingenieur, "als ob er sich damit loskaufen könnte, der Räuber."

"Fräulein Schott wollte Schorse rufen, aber wozu?

109 Wir haben ihn selber totgeschlagen", berichtete Gretchen.

Hans Gervissen sah befremdet in das weiche Kleinmädchengesicht mit den strahlenden, braunen Augen. "Aber Gretchen, macht dir denn so etwas Spaß?" fragte er. "Hast du denn gar kein Mitleid mit dem schönen Vogel?"

Sie schüttelte ehrlich den Kopf. "Nein. Er frißt doch unsere junge Fischbrut weg."

"Das kleine Fräulein ist frei von Gefühlsverzärtelung", sagte Gervissen lachend zu Luise Schott, "naiv grausam — wie die Natur."

"Komm mit, Mama, du kannst noch die toten Fischchen oben schwimmen sehen", drängte die Kleine.

Und alle folgten ihr.

"Wahrscheinlich einer von den Wispinger Reihern", sagte Jutta, mit einem vorwurfsvollen Blick auf Klaus Börcke.

Der lachte. "Das Raubzeug haust ja hier überall. Und einen Reisepaß hat er wohl nicht bei sich gehabt."

Jutta wandte sich ab und blieb mit Hans Gervissen ein paar Schritte hinter den anderen zurück.

"Das ist ein schwarzer Punkt im Charakter meines Freundes", erzählte sie ihm, halb scherzend, halb im Groll, "denken Sie, diese Schlechtigkeit: in Wispingen werden die Reiher geradezu gezüchtet, gehegt! Diese schlimmsten Feinde meiner Karpfen. Wie finden Sie das?"

Er lachte. "Perfid. Aber weshalb geschieht das? Zu Jagdzwecken?"

Sie zuckte die Achseln. "Ich glaube: Hauptsächlich

110 aus Schwäche gegen seinen alten Förster läßt er es zu. Dem will er das Geschäft nicht verderben. Die Landwirtschaftskammer zahlt eine Prämie für jeden erlegten Reiher!"

"Ach so. Prachtvoll. Und sie erreicht mit dieser weisen Fürsorge, daß das Raubzeug recht sorgfältig gehegt wird." Klaus Börcke schaute sich lächelnd um.

Er hörte wohl die Anklage. Und es machte ihm Vergnügen, daß seine Freundin in einen so gesunden Ärger hineinkommen konnte, wenn es landwirtschaftliche Interessenfragen galt. Manchmal wurde sie ihm unbequem mit ihrer höheren Bildung. Sie las ihm zu viel. Und wenn sie ihn auf friedlichen Spaziergängen mit Gobineaus Rassentheorie oder mit Nietzsches "Geburt der Tragödie" überfiel, kam er sich schmählich verbauert vor. Sie rückte ihm dann innerlich ferne. Aber sobald der Interessenstandpunkt in Frage kam, da war sie ganz Landfrau, gesund egoistisch, wachsam für ihren Vorteil kämpfend. Da zeigte sie Art von seiner Art.

Geraume Zeit waren sie an den Teichen auf und ab gegangen und über Hans Gervissen kam eine wütende Ungeduld.

Herr von Börcke fand es scheußlich naßkalt und Jutta schlug vor, eine Tasse heißen Tee im Gartenzimmer einzunehmen; "das heißt, wenn Sie noch Zeit haben, lieber Börcke; heute ist ja wohl Ihr Whistabend mit den Reimersloher Honoratiorenherren?"

Hans Gervissen atmete auf.

Aber der Gutsherr erwiderte: "Nein, der Whistabend ist jetzt auf Freitag verlegt. Wenn Sie mich

111 nicht hinauswerfen, Verehrteste, kann ich heute bis zur Abendbrotstunde bleiben." Sein Blick streifte den Ingenieur. Und Hans Gervissen glaubte ein Lächeln der Schadenfreude in den kleinen, grauen Augen, in den Fältchen um den Mund spielen zu sehen: "Siehst du wohl, mein Junge, ich überdauere dich doch!"

Da verabschiedete sich Gervissen.

"Auf morgen", flüsterte Jutta ihm zu.

Aber am folgenden Tage kam der Direktor aus Hannover in die Heide hinaus.

Und bei Hans Gervissens nächstem Besuch auf Eicken fand er zwei alte Haderslohsche Tanten vor, die sich ganz überraschend als liebe Logiergäste eingestellt hatten. Ein Unstern waltete über den Zusammenkünften der Liebenden. Der böse Kobold Zufall gönnte ihnen keinen ungestörten Moment. Und sie quälten sich beide in verzehrendem Sehnsuchtsfieber.

Anfang Juli zerstreute sich die Eickener Hausgenossenschaft. Doktor Frentzius trat seine Erholungsreise nach Oberbayern an, Ottilie ging auf vier Wochen nach Hause und Jutta brachte ihre Kinder nach Goslar zu Stolzenbergs, mit denen sie in einem für beide Teile angenehmen Ferienkinderaustauschverhältnis stand. Während der vorjährigen Hundstagsferien hatten die kleinen Stolzenbergs die Eickener Stachelbeerbüsche geplündert und die Eickener Bruthennen von ihren Nestern aufgescheucht, in diesem Jahre tobten die kleinen Haderslohs in dem schönen Rosengarten der Goslarer Villa herum.

Die Verwandten wollten Jutta gern zu längerem Bleiben überreden. Aber sie hielt es nur zwei Tage

112 aus. Unmöglich. Sie konnte jetzt ihre Wirtschaft nicht allein lassen.

Cousine Anna Stolzenberg bedauerte sie wegen ihrer Gebundenheit. "Ja, so eine Gutsherrin hat es nicht leicht!"

Und Jutta nickte heuchlerisch.

Nein, selbst die lockendsten Harzwanderpläne konnten sie jetzt nicht verführen. Daheim wußte sie eine stärkere Lockung.

Übermächtig war ihre Sehnsucht herangewachsen. Sie mußte die heißen, flehenden Augen wiedershen, sie mußte das Beben der leidenschaftlichen Stimme wieder hören — endlich ihn wieder einmal allein haben, ohne die lästige Zeugenschaft fremder Augen und Ohren. Es war, als ob in diesen letzten Wochen alles im Bündnis gegen ihre Liebe gestanden hätte, Menschen und Ereignisse — wie einen stillen, aufreibenden Kampf hatte sie dieses hartnäckige Widerstreben des Zufalls empfunden.

Aber nun konnte sie das stete, ungestillte, heimliche Sehnen nicht länger ertragen. Es machte sie mürbe, krank.

Während der Heimfahrt lag sie meist mit geschlossenen Augen in einer Ecke des Eisenbahnabteils zurückgelehnt und genoß die Freuden des ersten Wiedersehens vorkostend in der Phantasie.

Sie wollte sich nicht kopfüber in die Leidenschaft hineinstürzen. Liebe empfangen und Liebe geben, ja — aber nicht sich verlieren. Die Zügel nicht aus der Hand gleiten lassen. — — —

Sehr kluge, raffinierte Vorsätze faßte sie.

113 Und dann — — —

Spät abends traf sie in Eicken ein.

Am nächsten Morgen schrieb sie ein Briefchen an Hans Gervissen — schon stand der Reitknecht bereit, der es fortbringen sollte — da schickte sie ihn wieder hinaus. Nein, sie hatte sich anders besonnen.

Sie wollte den Freund schon am Vormittag selber aufsuchen, bei der Arbeit. Die Mittagstunde, das wußte sie, brachte er jetzt meistens am Bohrturm auf Eickener Gebiet zu. Seit Wochen war Jutta nicht mehr draußen gewesen. Sie wollte ihn überraschen.

Es war ein heißer Tag. Schwer lastete die Sommerglut über dem schattenlosen Heideland, als Jutta vom Flußufer her dem Bohrturm zuschritt.

Kein menschliches Wesen zu sehen in der Runde. Aber vom Bohrgerüst her tönte das Stampfen und Sausen der Maschine, dieser fremde Sang, der so seltsam in den tiefen, schweigsamen Frieden der Heide hineintönte, dieses Lied ohne Worte von der Macht des erfinderischen Menschengeistes, der überall sucht, wühlt, forscht und kein Geheimnis der stummen Erde achtet.

Als die einsame Wanderin sich näherte, sah sie in einem Schuppen ein paar schmausende und Bier trinkende Arbeiter sitzen.

Sie fragte nach dem Ingenieur.

"Der wird wohl jetzt auch Mittag machen", sagte der eine.

"Sonst geht er immer später", meinte ein anderer zweifelnd.

114 "Aber sein Rad ist nicht mehr da", sagte der erste, in eine Ecke des Schuppens blickend.

Sein Gefährte meinte, Herr Gervissen wäre heute überhaupt nicht mit dem Rade gekommen. Aber das wurde bestritten. Jedenfalls hatte schon seit geraumer Zeit niemand mehr den Ingenieur gesehen.

Schmerzlich enttäuscht trat Jutta den Rückweg an.

Da fiel ihr Blick auf ein Gebäude, das etwa zweihundert Schritte abseits auf einer Bodenerhöhung lag. Es war ein alter, verlassener Heidschnuckenstall. Vor einigen Jahrzehnten noch hatten diese Schnuckenherden den Hauptviehbestand eines Heidegutsbesitzers gebildet. Jetzt gehörten die sonderbaren kleinen Schafe mit dem tiefschwarzen Köpfen und Beinen und den lang herunterhängenden Wollmassen einem hinschwindenden Geschlecht an. Man gab sie mehr und mehr auf, weil sie den Anforstungen schädlich waren und nur minderwertige Wolle lieferten. Und ihre alten Behausungen wurden abgebrochen oder verfielen.

Auch der Stall, der dort auf dem Hügel lag, war schon morsch und verwahrlost; aber er bildete in dem sonnenüberfluteten, weich verschwimmend Heidebilde einen reizvollen Ruhepunkt für's Auge. Wie mit künstlerischer Absichtlichkeit war es dahin gestellt, dieses dunkle Bretterwerk, auf einem Fundament von Findlingssteinen errichtet, im Nordosten durch Kiefern und hochragende Wacholder vor dem Winde geschützt, auffallend große, schön entwickelte Wacholderbäume, die sich in charakteristischer Silhouette scharf gegen den strahlend blauen Himmel abzeichneten.

Jutta kam es plötzlich in den Sinn, daß Hans Gervissen

115 neulich von dem schön gelegenen Schnuckenstall erzählt und die Absicht ausgesprochen hatte, ihn säubern und als Unterschlupf für sich herrichten zu lassen. Eine freudige Ahnung überfiel sie. Ob sie dort suchte?

Es war noch ein heißer Sonnenweg. Aber gleichviel.

Eilig schritt sie auf dürrem, Glut ausstrahlendem Sandboden zwischen Erika und niederem Buschwerk dahin.

Jetzt hatte sie den Hügel erreicht.

"Gervissen!" rief sie. Keine Antwort.

Totenstille.

Nichts zu hören als das Zirpen einer Grille im Heidekraut, das Summen der Bienen — und ganz aus der Ferne drang noch der gedämpfte Maschinenlaut vom Bohrturm herüber.

Müde und traurig wollte Jutta sich abwenden, doch vorher noch einen Blick in den Stall werfen.

Das klapprige Tor war nur halb angelehnt. Sie trat ein und blieb freudig erschrocken, die Hand auf das klopfende Herz gepreßt, nahe dem Ausgange stehen.

Da lag er lang ausgestreckt auf einer feldbettartigen Ruhebank, über die eine Reisedecke gebreitet war.

Ganz behaglich sah das Innere des primitiven Sommerasyls aus. Der Fußboden war von einer Strohmatte bedeckt, an der Wand war ein Schränkchen angebracht, auf einem Gestell lagen Bücher und Rauchutensilien und auf einem kleinen Tisch standen Überreste eines Frühstücks.

Ob er fest schlief?

Ganz leise trat Jutta näher.

116 Er hatte Rock und Kragen abgelegt und mochte wohl dennoch im Schlafe von Hitze gequält worden sein, denn das leinene, hellblau und weiß gestreifte Sporthemd war aufgerissen, die Brust freilassend.

Jutta stand, ein wenig zurückgebeugt, halb abgewandt und doch mächtig angezogen, vor dem Lager und sah, wie sich diese breite, weiße Brust unter den Atemzügen hob und senkte. Was war das für ein prachtvolles junges Menschenkind — diese vollentwickelte, blühende Jugendherrlichkeit. Auch jetzt, wo er im Schlafe dahingestreckt lag, die Glieder gelöst, die Muskeln unbeherrscht, unangespannt, spürte man die stählerne Kraft, die diesen ebenmäßigen jungen Körper erfüllte, den Vorrat gesunder Energie, der unter diesen Formen verborgen lag. — — — Sein Schlaf schien kein ungestörter zu sein. Heiß und gerötet war sein Gesicht, manchmal zuckte es wie Ungeduld, Unwillen über seine Stirn — er warf sich umher — jetzt seufzte er tief auf, seine Hand wühlte sich mit einer krampfhaften Bewegung in die Wolldecke des Lagers ein —

Er wird so unruhig — wenn er jetzt aufwacht — ich muß gehen, dachte Jutta. Aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Keine Macht der Erde hätte sie von dieser Stelle forttreiben können.

Da schlug er die Augen auf.

Zuerst der irre Blick des Erwachenden, der seine Umgebung noch nicht begreift. Dann ein glückseliges Aufleuchten.

"Ach, es ist Wirklichkeit? — Ich dachte, es wäre ein Traum. Du, o, du!" Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie aber wich zurück und trat in die Tür.

117 Er sprang auf und folgte ihr.

Leise — behutsam, zärtlich legte er den Arm um die hohe Gestalt. Er schien gar nicht verwundert, sie hier zu sehen — als ob das so sein müßte, als ob das, was er jetzt erlebte, nur die Fortsetzung eines schon früher begonnenen Geschehnisses wäre.

"Das war so seltsam, wie der Traum anfing", flüsterte er ihr ins Ohr, ganz leise, als ob ein Unberufener lauschen könnte, "ich fuhr im Boot auf einem dunklen See, der ganz von Tang und weißen Wasserrosen überwuchert war. Du standest am Ufer und riefst mich. Ich aber konnte nicht zu dir gelangen. Das grüne Gewirr hielt meinen Kahn fest. Ich ruderte und mühte mich ab — vergebens. Du wurdest ungeduldig. Und eine Angst kam über mich, daß ich dich nie, nie erreichen könnte. Und plötzlich riefst du: hier sind die Nymphäenblätter so breit, die können mich tragen. Du setztest den Fuß auf das Wasser, dann sankst du und ich erschrak. Aber die Nymphäenblätter trugen dich wirklich herüber, du breitetest die Arme über sie aus und sie trugen dich wie Schwimmgürtel. Dann zog ich dich in meinen Kahn. Und als es am Schönsten wurde, da wachte ich auf. Aber nur, damit es noch tausendmal schöner werden sollte. Nun halt' ich dich hier an meiner Brust, du liebe, liebste, schönste Frau. Nun bist du bei mir, bei mir."

Fest hielt er sie umschlungen.

Sie schwiegen jetzt beide.

Tiefe Stille, von schwülem, heimlichem Leben erfüllt, lag über dem dämmernden Raum.

118 Nur leises Insektensummen drang herein und der warmduftende Atem der Heide, die in der Mittagssommersonne brütete. Die heißeste Stunde, die Stunde, da jede Blüte sich erschließt und jede Frucht ihre süßeste Reife erlangt.

X

[119]

 

"Warum so trübe, Luise?" fragte Jutta ihre Freundin, die schon seit geraumer Zeit, ganz gegen ihre Gewohnheit, müßig am Fenster gesessen und in die Abenddämmerung hinausgestarrt hatte; "du bist schon den ganzen Tag über melancholisch gewesen, weshalb?"

"Ach, nur eine Sorge — um die in Hannover sorg' ich mich", antwortete Luise. Ihr Bruder lebte dort als kleiner Beamter in sehr bescheidenen Verhältnissen. "Der Kleinste, Sie wissen; Edi, mein Patchen und Liebling, kann sich noch gar nicht wieder erholen nach dem Scharlach. Meine Schwägerin schreibt, er welke hin wie ein Pflänzchen, das man zu gießen vergessen hat" — Luisens Augen füllten sich mit Tränen — "er kam mir schon bei meinem letzten Besuch so jämmerlich vor. Da sagt man nun: Geld sei etwas Untergeordnetes. Und doch: wo es immer zu knapp ist, da geht auch das schönste Familienglück in die Brüche. Wenn die in Hannover nicht in so engen Verhältnissen lebten, mit dem kleinen Gehalt und den vielen Kindern, könnten sie das Jungchen jetzt an die See oder sonst wohin bringen, statt dessen sitzt es da in der vierten Etage in der Karmarschstraße und verkümmert.

120 Luise ängstigte sich schon lange um das Kind. Und es war so ein ganz besonders reizendes, kluges, eigenartiges Geschöpfchen. Wirklich ein außergwöhnliches Kind. Sie schwärmte von seinem Liebreiz. Jutta nickte gläubig. Sie wußte schon: dieser Edi war Luisens Abgott.

"Es muß das Herz an etwas hangen", zitierte sie leise. Dann sagte sie, nach kurzer Überlegung: "Ich will dir einen Vorschlag machen, Schatz. Hol' den Jungen hierher. In Eicken wird er schon wieder zu Kräften kommen. Du fütterst ihn tüchtig mit frischer Milch, läßt ihn von früh bis Abend in freier Luft rumlaufen. Und in vier Wochen hast du dir einen Posaunenengel rangepäppelt."

Das ernste, altjüngferliche Gesicht glühte in hellem Freudenrot auf. "O Jutta, das wolltest du? — Wie gut du bist, Jutta!" Sie haschte nach der Hand der Freundin und wollte einen Kuß darauf drücken. Aber Jutta entzog sie ihr schnell. "Also schreib' noch heute, hörst du? Und lade den jungen Herrn Edi feierlich in meinem Namen ein."

Dann eilte sie in den Garten hinab. Sie hatte dort im Halbdunkel eine Gestalt von der Gegend des Flußufers herkommen sehen. Luise schaute ihr lächelnd nach. "Gut ist sie doch, eine große, gütige Seele, wenn sie auch — —" Ja , dieses Wenn, das machte der braven Luise viel Kopfzerbrechen. Sie war ja jetzt Juttas einzige Gefährtin. Alle andern ausgeflogen. Und Jutta legte sich wenig Zwang ihr gegenüber auf. Nicht daß sie ihr die Rolle der Vertrauten zuerteilt hätte. Jutta bedurfte keiner Vertrauten. So offenherzig

121 sie über Vergangenes sprach, so sehr widerstrebte es ihr, den letzten Schleier von einem gegenwärtigen Erlebnis für fremde Augen zu lüften. Sie ließ erraten, aber sie gestand nicht zu.

Und doch — Luise hätte blind und blöde sein müssen, wenn ihr das hätte verborgen bleiben sollen, was um sie her vorging.

Und ihre zarte Altemädchenseele geriet darüber in einen sonderbaren Zwiespalt.

Ihrem keuschen, schwerblütigen Empfinden erschien eine Liebe unbegreiflich, die nicht mit dem Pathos der großen, ewigen, einzigen Leidenschaft auftrat. Wohl hatte das Leben sie gelehrt, daß diese großen Empfindungen der Zeit selten standhielten, daß die Ewigkeitsgelöbnisse meist nur die Erzeugnisse eines schönen Wahnes waren, daß sie in seligem Glauben abgelegt und dann gebrochen — vergessen wurden. Aber gleichviel. Einmal mußten sie doch der ehrliche Ausdruck des Empfindens gewesen sein. Einmal — im Zenit des Liebesbundes mußte doch der Glaube lebendig gewesen sein, der große, heilige Liebesglaube!

Wie sehr viele alternde Mädchen, die unverbittert im Entsagen geblieben sind, war Luise Schott prüde für sich, aber nachsichtig gegen die Opfer der Leidenschaft — von einer rührend weltfremden, schwärmerischen Nachsicht. Sie war geneigt, jedes gefallene und ins Elend gekommene Weib für eine Märtyrerin zu halten, und ihre sehnsüchtige Mädchenphantasie umkleidete jede Schuld aus Leidenschaft mit poetischem Schimmer.

122

"Wenn deine Liebe Sünde war,"
"Will ich die Sünde heilig sprechen!"

Diese Worte einer modernen Dichterin empfand sie als den Ausklang ihrer eigenen Seele.

Die alles fortreißende Leidenschaft, die in Schuld und Verderben stürzt — ja, die verstand sie wohl, die "Liebe bis in den Tod" — aber das, was jetzt hier in ihrer nächsten Nähe geschah, dieser Liebesbund, den der Hauch der Vergänglichkeit umspielte, der so sichtbar das Zeichen der Episode an sich trug — nein, das war eine Gefühlsregion, zu der von ihrer eigenen Empfindungswelt keine Brücke hinüberführte. Dagegen sträubte sich ihr sittlicher Ernst. Und doch — dennoch — sie begriff sich selber nicht mehr — früher, in ihrem leichtlebigen Münchener Künstlerkreise hatten die flüchtigen Liebesaffären sie angewidert — und hier — hier mißbilligte nur ihr Verstand, aber ihr unmittelbares Empfinden wurde nicht verletzt.

Sie sah diese heißen Blicke, mit denen die beiden oft aneinander hingen, als wäre es ganz unmöglich, sich wieder loszureißen, selbst in Luisens Gegenwart, sie ahnte die Bedeutung der versteckten Anspielungen, sie ahnte die Freuden, die diese beiden genossen, wenn sie miteinander in die stille Heide hinauszogen oder in die schattigen Parkgründe, und wenn sie an den milden Sommerabenden dort unten in der Weinlaube saßen, bis tief in die Nacht hinein; anfangs mußte Luise dabei sein, dann herrschte noch der fröhliche Plauderton, aber allmählich wurden sie stiller, als ob ein Druck, eine matte Schwüle in der Luft läge. Dann

123 sagte Luise Gute Nacht! Und man hielt sie nicht zurück.

O, Luise ahnte — fühlte alles. Und eine Ahnung — trotz inneren Sträubens — kam über sie, daß auch in einem solchen flüchtigen Liebesbund Schönheit — Poesie liegen könnte.

Nie wurde ihr Zartgefühl verletzt durch ein allzu deutliches Wort, durch irgend etwas, vor dem ihr Ohr oder ihr Auge zurückgescheut wäre.

Ein Strahlen heimlicher Freude ging von den beiden schönen, glücklichen Menschen aus. Ihr Lieben erschien so natürlich, so selbstverständlich wie das prangende Blühen der Sommerwelt da draußen, dieses köstlichen Hochsommers, der in üppig jauchzender Verschwendung seine Fülle über die Erde ausbreitete und mit seinem heißen Atem alle Keime zum Leben weckte, alle Werdekräfte zur Entfaltung trieb und alles zur Reife drängte, was reifen konnte. Die schöne Frau von Hadersloh entfaltete in ihrem Glück eine unbeschreibliche Seelenanmut. Wie ein frohes, zärtliches Kind war sie, das die Arme weit ausbreitet und alle, alle ans Herz drücken möchte.

Die Leute hatten jetzt gute Tage bei ihr.

Jede Nachlässigkeit wurde mit der Sommerhitze entschuldigt. Jeder Wunsch fand ein geneigtes Ohr. Der Inspektor wurde mit Anerkennung überhäuft. Seine kleine, sehr lebhafte und energische Gattin erhielt, als sie mit ihrem Manne, wie üblich, den Sonntagsbraten bei der gnädigen Frau verspeiste, die Zusage eines längst ersehnten Wohnungsanbaues. Und

124 Doktor Frentzius bekam nach Oberbayern so herzliche Briefe — mütterliche Warnungen vor allzu halsbrecherischen Kraxeleien, Freude auf gemeinsame Studien im Herbst, Mitfreude über die Naturherrlichkeit, die er genießen durfte — daß seine finsteren Abschiedsgedanken unter dieser Huld dahinschmolzen wie Schnee unter der Frühlingssonne, und er beschloß, diesen Winter noch in Eicken zu bleiben.

Hans Gervissen fand täglich Mittel und Wege, die Geliebte zu sprechen, aber manchmal war die Zeit ihrer Zusammenkünfte sehr knapp bemessen. Denn der junge Ingenieur war durch seine geschäftliche Tätigkeit stark in Anspruch genommen; und er fühlte sich weniger frei als sonst, da sein Direktor die unliebsame Gewohnheit angenommen hatte, fast einen Tag um den andern in den Öldistrikt hinauszukommen, Besuche, die zu einer steten Verschärfung der Antipathie zwischen den beiden Männern führten.

Oft klagte Hans Gervissen bitter über diese Verkürzung seiner Liebesstunden. "Es ist, als ahnte er, wie kostbar mir jetzt meine Zeit ist, und suchte sie deshalb in seiner gewohnten Güte mit Dingen auszufüllen, die oft ganz unnötig sind und auf viel einfachere Weise erledigt werden könnten!"

In der ersten Zeit stimmte Jutta ihm bei, wenn er klagte. Dann aber dachte sie oft: es ist gut so, gut, daß die Stunden der Freude erkämpft werden müssen, gut, daß die Sehnsucht immer wach bleibt.

So wurde jedes Wiedersehen ein neues Fest. Die ersten Tage nach jener schwülen Mittagsstunde in Hans Gervissens Heideschlupfwinkel hatte Jutta wie

125 in einem seligen Rausch dahingelebt. Dann aber kam ein Zeitpunkt des Erwachens — nicht der Ernüchterung, nein, nur einer linden Abkühlung des Sinnenfiebers. Der Zeitpunkt, da die Seele zur Besinnung kam und dem neugewonnenen Glück mit prüfender Frage ins Auge schaute, da sie die tastenden Finger hingleiten ließ über das Geschenk des Schicksals, seinen Wert zu prüfen. Und das Ergebnis weckte eine leise, kaum zum Bewußtsein vordringende Schamempfindung in Jutta. Sie fühlte, daß da etwas Nichtzureichendes in ihrer Liebe war, ein nicht genügendes Inbesitznehmen der Persönlichkeit. Liebte sie denn wirklich den Menschen Hans Gervissen? Die Schönheit, Kraft und Jugendfrische, das war es, was sie an ihm entzückte, aber das Besondere, das, was einen Menschen von allen anderen Menschen unterscheidet, hatte sie das überhaupt in ihm erfaßt? Kannte sie eigentlich den Geliebten? Der Gedanke machte sie traurig und zog sie vor sich selber herab.

Sie wollte ihn kennen lernen; er mußte es wert sein.

Wenn er jetzt zu ihr kam, gab sie sich oft den Anschein leiser Mattigkeit, Temperamentkühle, sie hielt ihre Leidenschaft zurück und wollte, daß er sich mit sanfter Zärtlichkeit begnügen sollte. Ihm fiel das schwer. Aber er war eine ritterliche Natur und achtete ihre Stimmungen. Nichts erzwingen wollen. Alles als Gunst hinnehmen. Nicht immer führte er die zarte Rolle zu Ende. Manchmal ging sein heißes Jugendblut mit ihm durch. Manchmal aber fand er auch einen feinen, beglückenden Reiz darin, alle Wünsche in

126 Schlummer zu wiegen, ganz ruhig und gelassen neben der geliebten Frau über die nadelbestreuten Waldwege zu gehen, in warmen Kieferharzduft gehüllt, oder mit ihr auf der Moosbank am Ufer des eintönig plätschernden Flüßchens zu sitzen und offen mit ihr zu plaudern, als Freund mit der gütigen Freundin, über alles, was seine Seele bewegte, was seinen unternehmungslustigen Geist lockte, über die Erkenntnisse, die er aus seinem frischbewegten Leben gewonnen, über die Neigungen und Abneigungen, die bis jetzt ihn bestimmt hatten. Hans Gervissen war einer, der sich das Leben nicht schwer machte. Das Weltbild, das er in seinem Hirn trug, war genau nach Darwin-Häckelschen Theorien gebildet. Aber seine monistische Überzeugung hielt ihn nicht ab, daheim, wenn er bei seiner streng katholischen Familie war, die Messe zu besuchen, auch wohl "als mal zur Beichte zu gehen", wie er seiner Freundin gestand. Die Mutter hätte sich sonst gegrämt. Eigentlich ernst nahm er nur die naturwissenschaftliche Forschung. Und sein politisches Interesse beschränkte sich auf die kolonialen Unternehmungen. Südwest! hieß die Losung für ihn. Auch seine persönlichen Lieblingspläne zielten dorthin. Er glaubte an unermeßliche Schätze, die noch im neuen deutschen Boden ruhen mußten, und träumte davon, diese Schätze zu heben. Aber das war Zukunftsmusik. Vorläufig hatte er noch die Eingeweide des alten Mutterlandes zu durchwühlen.

Sein Vater war Aktionär einer Kalibohrgesellschaft und drängte, daß er bei dieser eine Stellung annehmen sollte. Hans Gervissen hatte auch längst die

127 Absicht gehabt, seinem Direktor, "diesem Greuel", den Stuhl vor die Tür zu setzen, aber jetzt zögerte er die Lösung hinaus und ließ sich, wie er behauptete, unglaubliche Schikanen gefallen, um einen Bruch zu vermeiden. Die Heide war ihm ja jetzt zum Paradiese geworden.

Früher hatte er sie verachtet. Er liebte die blühende Schönheit des Rheinlandes und die Pracht des Hochgebirges, schroffe Dolomitenzinken, strahlende Firne, grausige Schluchten, alles, was packt und blendet; der stille Reiz der Heide fesselte ihn so wenig, wie der gedämpfte Ton einer Stormschen Novelle oder die Feinheit einer Klingerschen Radierung. In der Kunst bewunderte er die möglichst plastische Darstellung ergreifender Vorgänge oder recht schöne, gemalte Weiber, die nicht viel anhatten, allenfalls auch ein Böcklinsches Farbenmärchen, und seinem literarischen Geschmack entsprachen am meisten Romane, die irgendeine große verderbliche Leidenschaft schildern, so etwas, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in prickelnder Nervenspannung erhält. Er sprach seine Ansichten ohne Überhebung aus, in bescheidener Form; und doch schimmerte überall ein starkes, fröhliches Selbstbewußtsein hervor, ein sicheres Kraftgefühl. Jutta fand ihn sympathisch, auch da, wo er nicht mit ihr übereinstimmte. Und doch — zu einem rechten Zusammengehörigkeitsgefühl konnte sie mit ihm nicht gelangen. Er ist zu jung für mich, so erklärte sie dieses bleibende Distanzempfinden. Nicht eigentlich der Unterschied der Jahre. Der war ja nur gering. Aber seine seelische Vergangenheit mußte sehr viel einfacher und

128 leichter als die ihre gewesen sein. Bei ihm hatte sich alles in einer geraden Linie entwickelt, ohne Hemmungen und Widersprüche. Seine Urteile trugen noch das echte Jugendmerkmal an der Stirn: das Unbedingte. Für ihn gab es noch hübsch kräftiges Schwarz und Weiß — noch eine reine, blitzblanke Wahrheit und ihr Gegenspiel: die blöde Verblendung und hassenswerte Lüge.

Jutta Hadersloh sah mit reiferem — fragendem Blick in die Welt hinaus. So sicher sie auf ihren Füßen stand als Persönlichkeit, so fest sie das Leben anpackte, wo es ihrem Willen dienen mußte, so zaghaft berührte sie es als Gegenstand der Erkenntnis. Je länger sie es betrachtet hatte, desto dunkler, geheimnisvoller — unergründlicher erschien es ihr, desto vermessener der Wahn des Menschen, das erfassen zu wollen, von dem er selber nur ein kleiner, vergänglicher Teil ist.

Hans Gervissen, der liebe Junge, aber wußte ganz bombensicher, als ob er selber dabei gewesen wäre, wie das Weltall zustandegekommen war. Wenn er seiner Freundin die Entstehung der ersten organischen Zelle aus dem Protoplasma schilderte, kam er sich ihr sehr überlegen vor und verstand nicht recht das feine Lächeln, das dann wohl ihren Mund umspielte. Das sah nicht aus, als ob er ihr imponierte. — "Du hast recht, über mich zu lächeln", schloß er dann seinen Vortrag, "was geht uns die stumpfsinnige erste Monere an? Genug, daß sie sich im Laufe der Jahrmillionen zu so einem herrlichen Gebilde entwickelt hat!" Und er entschädigte sich durch eine feurige Umarmung für

129 die nicht genügende Anerkennung seiner männlichen Geistesüberlegenheit.

Der glühende, lusterfüllte Julimond neigte sich seinem Ende zu. Da trat ein Ereignis ein, das freudige Aufregung, eine Erregung ganz neuer Art im Gemüte der Herrin von Eicken hervorrief.

Es war gegen Abend. Jutta lief in Haus und Garten umher, von nervöser Unruhe gepeinigt. Seit zwei Tagen war Hans Gervissen ferngeblieben. Zwei Tage — ein unerträglicher Zustand.

Sie sann auf Ablenkung. Ob sie Hortmann rufen ließ und mit ihm nach dem fernab gelegenen Teich hinauswanderte, der kürzlich trockengelegt worden war und für die nächsten Jahre, zur späteren Verbesserung der Karpfenzucht, mit Hafer bebaut werden sollte? Es gab da so manches zu besprechen. Hortmann fürchtete, daß der Boden zu moorig wäre und das Zugvieh nicht trüge, sie selber war anderer Ansicht. Aber dann verschob sie die Besichtigung auf später. Wenn Gervissen inzwischen käme und sie nicht fände? — Da sah sie Luise Schott auf den Wirtschaftshof zugehen, mit ihrem Gast, dem geliebten Edi aus Hannover — übrigens ein kleines Menschenwesen, das man mit sehr zärtlichen Tantenaugen ansehen mußte, um irgendwelche Reize an ihm zu entdecken. Jutta holte die beiden ein: "Wohin?"

"Zur Futterwage, Edi wiegen."

Ein wichtiges Geschäft. Der Bengel beharrte, allen Mastbestrebungen zum Trotz, in trostloser Dürftigkeit. Er trank literweise Milch, holte sich emsig die frischgelegten Eier vom Stroh, fraß alles nur irgend Vertilgbare,

130 was ihm in den Weg kam, war urfidel — und blieb doch ein häßliches, käseblasses, kleines Gerippe. Auch heute wollte die Wage absolut keine Zunahme anzeigen. "Noch kein halbes Pfund in den drei Wochen", seufzte Luise. Aber die Freundin tröstete sie. "Ist er nicht munter wie ein Fisch im Wasser? Was tut's, wenn er dir nun auch den Fettansatz schuldig bleibt? Der Junge muß später mal Jockei werden. Der braucht sich nicht erst mühsam auf Leichtgewicht zu trainieren. Hartnäckige Magerkeit ist auch ein Talent. Und dein Edi — ah, sieh da", unterbrach sie sich, "Herr Gervissen!" Und sie eilte dem Ankömmling entgegen.

"Überall hab' ich Sie schon gesucht", rief er ihr zu, "eine große Reuigkeit!" Erwartungsvoll sah sie ihn an. Sein Auge blitzte triumphierend.

Eine kurze Weile zögerte er noch, zur Verstärkung des Effekts. Dann meldete er die frohe Botschaft: "Fündig! Heute ist das erste Öl gekommen. Öl auf Eickener Grund! Was sagen Sie nun, meine Gnädigste?"

Sie errötete vor Freude. Wenn sich die Ölquelle ergiebig zeigte, bedeutete das nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für sie selber eine sehr angenehme Zukunftsaussicht.

Hans Gervissen schlug ihr einen Gang nach dem Bohrturm vor, und sie willigte ein. In letzter Zeit hatte sie den Ort gemieden — seit sie beobachtet, daß die Leute dort draußen, besonders der Werkführer, ein dreister Gesell, sie mit spöttisch lächelnden Blicken musterten, wenn sie an Gervissens Seite daherkam.

131 Schade. Am liebsten wäre sie täglich hinausgegangen, den Fortschritt der Arbeiten zu verfolgen. Es gab so viele — Klaus Börcke gehörte auch zu ihnen — die über das Eindringen der Großindustrie in den Frieden der Heide schalten. Jutta fühlte anders. Alles, was großen, praktischen Zwecken diente, hatte Reiz für sie. Und ihr Respekt vor dem Heideboden wuchs, der so vielbegehrte Schätze barg.

Heute siegte die Neugierde in ihr über die Scheu vor den lästigen Beobachtern. Froh schritt sie an der Seite des Geliebten in die abendsonnenüberstrahlte Einsamkeit hinaus.

Die Leute am Bohrturm waren nicht die einzigen, die über das innige Freundschaftsverhältnis zwischen der Herrin von Eicken und dem jungen Ingenieur ihre Glossen machten.

Als Luise Schott vom Wirtschaftshof in das Wohnhaus hinüberging, gesellte sich die junge Frau Hortmann zu ihr und hängte sich vertraulich an ihren Arm. Seit einiger Zeit warb die junge Frau um ihre Freundschaft — ohne rechten Erfolg. Luise fühlte sich von der gutmütigen, ein wenig trivialen Geschwätzigkeit dieses niedlichen Persönchens eher abgestoßen als sympathisch berührt.

"Da geht sie nun wieder mit ihm spazieren", begann Frau Hortmann mit vielsagendem Augenzwinkern, "hoffentlich nehmen sie zurück denselben Weg und nicht etwa den durchs Dorf."

Erstaunt blickte Luise auf. "Weshalb nicht?"

Vorsichtig sah sich die kleine Frau um, ob auch keiner von den Knechten in der Nähe war. "Weil geklatscht

132 wird", flüsterte sie dann mit wichtiger Miene. "Gestern Abend noch, als ich am Wirtsgarten vorüberging, hörte ich ein Gespräch zwischen dem jungen Schullehrer und dem Musiker aus Hildesheim an, Sie wissen, der lungenkranke Musiker, der auf der Försterei Sommerfrische hält — genau konnt' ich es ja nicht verstehen, aber daß sie von der gnädigen Frau sprachen, ist sicher. Schon ein paarmal hab' ich solche unnütze Reden aufgefangen. Ach Gott, ich schwebe nur immer in Angst, daß mein Mann mal so was hören könnte."

"Ihr Mann?"

"Ja, der gerät dann in eine Wut — ich habe mal so was erlebt voriges Jahr, da hätte er in die scheußlichsten Ungelegenheiten kommen können. Wenn einer was gegen die gnädige Frau sagt" — sie lachte — "da kann er zum Tiger werden, mein guter Dicker."

"Er verehrt sie sehr?" fragte Luise.

Die kleine Frau machte eine Gebärde der Verzückung. "Na! Wenn ich Anlage zur Eifersucht hätte — aber ich bin ja nicht so ein Gänschen. Ich weiß recht gut, daß diese Art Verehrung seiner Liebe zu mir keinen Abbruch tut. Ich neck' ihn nur manchmal ein bißchen. Ja du" — der Riese kam eben von den Scheunen herüber — "eben sprachen wir von dir, Fritzing."

"So?" Lächelnd strich er ihr mit seiner großen Tatze über das Gesicht.

"Über deine Schwärmerei für die gnädige Frau."

Unwillig zuckte es über die Stirn des Riesen.

133 "Du weißt doch, daß ich das nicht hören mag, Lenchen; dieser Ton, der — der paßt sich nicht."

Die junge Frau lachte. "Als ob wir in der Kirche wären und es fiele mir ein, ein Schnadahüpferl zu singen. Du närrischer Dicker."

Er antwortete nicht.

Und Luise fühlte: der Vergleich paßte besser, als die kleine Frau es selber ahnte.

Die Verehrung für seine Herrin war dem Riesen wirklich etwas Feierliches, die hohe Empfindung seines Lebens — das Zarteste, Feinste, an das keiner ihm rühren durfte, auch sein junges Weib nicht.

Was ist an dieser Frau, daß sie so die Herzen zu zwingen vermag? dachte Luise, nicht ohne ein Gefühl von Neid, — geliebt werden, auf so vielerlei Art geliebt werden — der eine nennt es treue Freundschaft, der andere Ehrfurcht — alle sind in ihrer Macht — und sie? verdient sie das wirklich? Aber habe ich sie nicht selber lieb, wenn schon — ich manchmal Dinge von ihr glaube, die man von einer Freundin nicht glauben dürfte?

Sehr lange noch, nachdem Luise sich zurückgezogen hatte, blieben Jutta und Hans Gervissen an diesem milden Abend in der Weinlaube beisammen. Worte unendlicher Zärtlichkeit, Seufzer sprachloser Wonne zogen durch die träumende Stille der Sommernacht. Und es war ein Nimmergenügen, ein Sehnen noch im Besitz, ein unersättliches Niedertauchen auf den Grund der Leidenschaft - als ob die Liebenden ahnten, daß es die letzte Stunde ungetrübter Liebesseligkeit war, die das Schicksal ihnen gönnte.

134 Am nächsten Vormittag kam Hans Gervissen in großer Aufregung, blaß und verstört zu seiner Freundin. "Es ist aus. Fort muß ich. Wir sind heute derartig aneinander geraten, daß mir kein Ausweg blieb, als ihm den Stuhl vor die Tür zu setzen. Und ich glaube, daß er nur darauf gewartet hat. Anfang August wird er mich los."

Jutta erbleichte. "Anfang August? Das ist ja - das sind ja nur noch wenige Tage!"

Er nickte traurig. "Nur wenige Tage. Und dann werde ich hinausgestoßen aus meinem Paradies. Wie soll das werden? O du - du geliebte Frau, ich kann ja nicht mehr leben ohne dich!" Er war auf den kleinen Schemel zu ihren Füßen niedergesunken, wo er so viel, so gern gekniet hatte, den Kopf in ihren Schoß gedrückt, fest und zärtlich ihren Leib umfangend; in seinen Augen standen Tränen - schön, wie nie zuvor, erschienen sie ihr in diesem Moment, diese leuchtenden, blauen Augen, deren Weiß ein wenig gerötet war, wie von allzureich zuströmendem Blute — so leuchtende Augen gab es auf der ganzen Welt nicht mehr! Sie streichelte sein dichtes Blondhaar und küßte ihn wieder, immer wieder — und er sprach ihr in überströmenden Worten von seiner Liebe, seiner unvergänglichen, heißen Liebe — nie, nie mehr würde ein anderes Weib ihm das sein können, was sie ihm war — und sie sprachen von der künftigen Gestaltung ihres Lebens, wann sie sich wiedersehen würden, und ob es nicht möglich wäre, daß das Schicksal sie länger, dauernder zusammenführte — jetzt sollte der junge Ingenieur in seine Heimat zurückkehren und die Stellung

135 übernehmen, die sein Vater schon längst für ihn in Aussicht hatte — aber er wollte wiederkommen, wenn irgend es seine neue Tätigkeit zuließ — oder ob er um die Weihnachtszeit kommen dürfte, und wäre es auch nur auf ein paar Tage, aber eine nahe Zukunftsaussicht müßte er haben, eine Hoffnung. Er könnte ja nicht mehr fern von der Geliebten leben, nur ein Vegetieren würde das sein, nur eine ewige, qualvoll hungernde Sehnsucht! . . . Sie hörte ihn an und wiegte sich mit ihm auf den Wogen der schmerzlichen Leidenschaft, des Trennungswehs und des süßen, tröstenden Ewigkeitswahnes der Liebe — sie hörte ihn an und sprach die Worte zu ihm, nach denen sein wundes Gemüt lechzte — und während all diese im Leiden schwelgenden Herzensergüsse hatte sie das Gefühl, als ob ein Spiel gespielt würde, als ob ein anderes Ich in ihrem wahrsten Innern dabeistünde und mit traurigem Spott herablächelte auf dieses Gewoge von Wahrheit und Wahn.

Noch einige Tage voll Unruhe und flüchtig schmerzüberschatteter Liebesfreuden, ein Hin- und Herreißen der Empfindungen, ein krampfhaftes Streben, den Trunk noch einmal bis auf die Neige auszukosten, der den dürstenden Lippen so bald entrissen werden sollte — und dann der Abschied.

Als er zum letztenmal zu ihrem Fenster heraufgrüßte von dem leichten, kleinen Wagen aus, der ihn so oft nach Eicken gebracht hatte, so oft zu den Stunden jauchzender Liebesseligkeit — da war es der schönen Frau von Hadersloh, als ob die Jugend selber den letzten Gruß zu ihr heraufgesandt hätte.

136 Schluchzend sank sie auf ihr Ruhebett.

Aber dann traten fordernd die Pflichten des Tages an sie heran. Und die Kinder kehrten zurück von ihrer Sommerreise.

Das starke, blühende Leben breitete seine gesunde Fülle aus, die Risse der Seele freundlich verdeckend, ausfüllend, heilend.

Sie hatte so wenig Zeit zu treuer Sehnsucht und Herzenstrauer, die Herrin von Eicken!

XI

[137]

 

Der Spätsommer und die ersten Herbsttage waren für Jutta Hadersloh die Zeit, in der mit Hochdruck gearbeitet wurde. Weit mehr noch als auf anderen Gütern gab es um diese Jahreszeit in Eicken zu sorgen und zu schaffen. Denn nachdem die Ernte eingebracht war — nicht ohne Aufregung und heiße Mühen, da auf den glühenden Juli sehr unbeständiges, naßkaltes Wetter gefolgt war — trat ein anderes Hauptinteresse in den Vordergrund: die Fischzucht und der Fischverkauf. Anfang Oktober wurden die großen Teiche abgelassen und die Fische in kleinere gesetzt; einige bildeten das Behältnis für die Verkaufskarpfen, andere den Winteraufenthalt für Brut- und Zuchtkarpfen. Und dann kam eine besonders wichtige Tätigkeit: die Abschlüsse mit den großen Hamburger Fischhändlern. In diesen Geschäften war die Herrin von Eicken sehr selbsttätig. Sogar Hortmann durfte hier nur als Berater auftreten. Die Entscheidungen traf sie nach eigenem Gutdünken, führte auch selber die Korrespondenz. Denn bei all seiner praktischen Tüchtigkeit traute sie ihrem getreuen Riesen keine große Briefgewandtheit zu, nicht die Fähigkeit, mit der Feder leicht den beabsichtigten Eindruck hervorzurufen, den gewünschten Zweck zu erreichen. Sie konnte das besser.

138 "Von kaufmännischem Stil keine Ahnung, aber eine Geschäftsgerissenheit, mit der man ein Dutzend normaler Handlungskommis ausstatten könnte", sagte Klaus Börcke einmal, als sie ihm einen Brief an die Hamburger Firma Karl Petersen vorlas, der mit einem großen Aufwand von Scharfsinn und Überredungskunst eine Erhöhung des Karpfenpreises von fünfundachtzig auf neunzig Pfennige durchzusetzen suchte. Sie war stolz auf diese Anerkennung ihrer kaufmännischen Fähigkeiten. Es gab aber auch Leute, die diese Auffassung nicht teilten. Als sie an diesem Abend beim traulichen Zusammensein im Gartenzimmer Doktor Frentzius triumphierend von dem zweifelhaften Lobe erzählte, zog der, peinlich berührt, die Stirn in Falten und meinte: "Eigentlich schade."

Sie stutzte. "Schade?"

"Ja" - fuhr er nach einigem Zögern fort — "schade, daß diese materiellen Fragen einen so großen — so unverantwortlich großen Raum in Ihrer Gedankenwelt einnehmen. Daß eine Frau wie Sie, hochveranlagt, geistig veranlagt, überhaupt einen Triumph darin sieht, so einen kleinen Vorteil durch ihre Klugheit erkämpft zu haben."

Er flocht seine langen, mageren Finger ineinander und blickte sehr aufmerksam auf diesen Fingerknäuel nieder; das pflegte er immer zu tun, wenn er fühlte, daß er etwas Unliebenswürdiges gesagt hatte.

Jutta war aber nicht empfindlich. Sie lachte nur. "Fünf Pfennige mehr, das macht bei fünfhundert Zentnern — und ich hoffe, dies Jahr noch mehr zu verkaufen — zweitausendfünfhundert Mark Unterschied.

139 Ist das so ein Garnichts, Sie — Grandseigneur?"

"Die Zeit und Gedanken, die Sie darauf verwenden, sind mehr wert", beharrte er.

Sie zuckte lächelnd die Achseln. "Hm — das mag wohl Ihre ehrliche Meinung sein. Absoluter Mangel an Geschäftssinn."

Er freilich war in diesem Punkte von einer erhabenen Gleichgültigkeit beseelt. Jutta mußte daran denken, wie sie ihm das letzte Jahr eine Gehaltserhöhung angeboten und er erwidert hatte: "Aber wozu? Ich komme ja ganz gut aus." Beinahe dumm, hatte sie damals geurteilt. Daß noch andere, sehr zarte, halb unbewußte Gründe im Spiele gewesen waren, die es ihm widerwärtig erscheinen ließen, überhaupt eine Geldentlohnung von ihr anzunehmen, der er so ganz Anderes, Feineres, Höheres verdankte — auf derartige Schlüsse war die schöne Frau von Hadersloh damals nicht gekommen. Sie war ihm erst später innerlich nähergetreten.

"Wir sind sehr verschieden, Sie und ich", sagte sie nachdenklich.

Er nickte, ein wenig betrübt. "Ja, sehr verschieden. Und doch gibt es viele Wege, auf denen wir uns treffen. Letzten Winter, als ich Ihnen Dostojewski vorlesen durfte, das war doch schön — und Dehmels -Zwei Menschen'."

Sie lächelte. "Wenigstens manches aus den -Zwei Menschen' war schön. Zuweilen wurde mir himmelangst dabei."

140 Er schüttelte mißbilligend den Kopf. "Wie kann man eine so tiefsinnige Dichtung mit dem Maße vorsichtiger Prüderie messen!"

Jutta nickte, während es schelmisch über ihr Gesicht zuckte. "Ja, das ist nun einmal meine Schwäche — die sollten Sie doch nachgerade kennen." Den Kuckuck auch, sie vertrug kräftige Kost, aber — wenn die kleine Ottilie mit ihrer Handarbeit dabei saß und man jeden Augenblick erwarten konnte, daß Georg oder Lippold durchs Zimmer huschten, und der gute Doktor deklamierte dann mit leidenschaftbebender Stimme: "Zwei nackte Menschen liebten sich!?", das war doch bedenklich. Frentzius hatte einen sehr modernen Geschmack und las wunderschön vor; aber — Schranken existierten da für ihn nicht. So scheu zurückhaltend er im persönlichen Verkehr war, so gewagte Dinge sprach er aus, wenn sie dem Hirn eines Dichters entstammten, den er liebte. Das Ungeheuerlichste, Schmutzigste schien ihm geläutert, wenn es durch den Schmelzofen der künstlerischen Gestaltung gegangen war.

"Was ist das heute für ein unbehagliches Wetter", sagte er, sich vorbeugend und seine Arme fast in die Kaminflammen hineinhaltend. Heute tat das flackernde Feuer wohl. Der Regen schlug gegen die Fenster, die Herbststürme heulten.

"Sie sind des Sommers müde?" fragte Jutta.

"Ja. Es war kein schöner Sommer." Das sagte er ganz leise vor sich hin. Dann fuhr er lauter fort: "Ich bin ein Stubenmensch. Mir ist, als ob ich mich selber mehr besäße, wenn vier Wände mich umschließen. Ich fühle, denke — lebe intensiver. Das

141 sommerliche Umherirren durch die Natur lenkt alles so nach außen — als ob das Ich auseinandergerissen, verflüchtigt würde."

"Viel heilsamer, als wenn man sich zu sehr in das interessante Ich hineinwühlt", meinte Jutta. "Übrigens ein Gran von Wahrheit ist doch in dem, was Sie mir soeben vorwarfen. Das praktische Leben hat mich in der Tat zu fest gepackt in dieser letzten Zeit. Ich sehne mich nach anderem. Sie sollen mir wieder vorlesen. Haben Sie irgend etwas Neues? Aber zahm, bitte. Otti und die Kinder werden ihre Billardpartie dort drin bald beendet haben und zuhören."

Er schien schon die Aufforderung erwartet zu haben, denn er zog ein Bändchen hervor. Etwas neuere Lyrik. "Darf ich?"

Sie nickte. "Aber nicht Mombert", bat sie, die Hände ausstreckend, wie im Flehen, "Sie wissen, für Mombert hab' ich kein Organ."

Er lachte. "Nein, mit dem -Glühenden' laß ich Sie für alle Zeiten in Ruhe. Von diesen Dichtern sind Ihnen wohl die wenigsten bekannt."

Er blätterte in dem Bändchen. "Hier eins — Martens heißt der Autor — das mich heute ganz seltsam gepackt hat." Er las:

In meinem Marmorpalast
aus kristallener Schale trinke ich Nektar.
Ein nacktes Märchenweib
flicht mir Rosen um die Stirn.
Singt,
singt mir das Lied von griechischer Freude.

142

Da
— Schmerz und Verzweiflung —
gellt ein Schrei.
Meine Menschenbrüder!
Aus finsteren Fabriken,
wo ihr nach Glück dürstendes Leben Maschinenrädern gleich dahinrollt,
aus Kellern und Dachstuben, wo sie hungern und frieren,
wo die Not sie schlecht macht.
Millionen!
Im Prunksaal
stirbt
Lied und Lust.

Er hatte mit feurigem, aufs höchste gesteigertem Ausdruck gelesen, so emphatisch, daß die Billardspieler im Nebenzimmer bei dem Schrei: "Meine Menschenbrüder!" erschreckt zusammengefahren waren und neugierig zur Tür hereinschauten.

"Die Form sagt Ihnen vielleicht nicht zu", meinte er nach kurzer Ausruhpause, "aber die Empfindung — die ist so echt, so — nicht wahr? es ist ja mit Kunstwerken, Büchern, Worten ebenso wie mit Menschen: wir treffen manchmal auf eines gerade in dem Moment, wo wir es brauchen, wo es auf irgendeine Frage in unserer Seele antwortet. Zu anderer Zeit wäre es vielleicht spurlos an uns vorübergegangen. Ich hatte mich in letzter Zeit sehr in die ästhetische Weltanschauung hineingelesen, ein geistvolles Buch über die Parnassiens, so diese Denkart, wissen Sie, die alles nur nach der möglichst vollendeten Form bewertet, die nur ein Gesetz kennt: die künstlerische Gewissenhaftigkeit, nur eine Sünde: die wider den guten Geschmack, nur ein Lebensziel: auserlesene, künstlerische Kultur. Das

143 Buch hatte mich gefangen genommen, es hatte mir eine Fülle neuer Perspektiven eröffnet, mein Ohr in neuer Weise für die Musik der Worte geschärft — ich las dann einige Werke dieser raffinierten Sprachziseleure selber und fand einen großen Genuß in ihnen, ich suchte nach deutschen Dichtungen von derselben künstlerischen Vornehmheit — da fiel mir dieses Gedicht in die Hände, und plötzlich war es, als ob ein vorwurfsvoll mahnendes Auge sich auf mich richtete, als ob eine Flamme in mir emporschlüge, ein brennendes Gefühl wie von schlechtem Gewissen. Ich fragte mich: Ist wirklich die Kunst das höchste Lebensziel? Ist wirklich die Schönheit, die vollendete Form das, was dem Dasein erst Sinn und Wert gibt? So kalt und frivol, frevlerisch erschien mir auf einmal die Gedankenwelt des Ästhetikers. So lange es noch eine leidende Menschheit gibt, so lange noch ganze Geschlechter über die Erde gehen, ohne jemals von einem hellen Sonnenstrahl getroffen zu werden, ohne jemals auch nur für eine Stunde vom Druck der grauen Sorge um das Notwendigste befreit zu sein" - er zögerte und schloß, den Kopf zurücklegend, die Augen — "und so vieles, ach, es gibt so vieles trostlos Jammervolle, Empörende, über das man eigentlich nie zur Ruhe kommen könnte, wenn man immer mit voller Besinnung lebte."

Jutta sah nachdenklich in das hagere, scharf geschnittene Gesicht, auf dem ein Leidenszug lag.

"Einer, der sich viel und sehr unnötig quält", dachte sie. Und dann fiel ihr wieder, wie schon häufig, die seltsame Schönheit seiner Stirn auf. Sonst war er

144 eher häßlich — ohne Frische und Jugendreiz — aber die Stirn, diese hohe, leise gewölbte Stirn, die trug das Siegel höheren Menschentums.

"Ein wahrer Segen, daß wir meistens fröhlichdumpf in den Tag hineinduseln", meinte sie lächelnd; "übrigens, lieber Doktor, können Sie ganz sicher sein, daß die Lebenswege, die Sie im Auge haben, lange nicht so sonnenlos sind, wie sie Ihnen scheinen. Was wissen Sie von dem Glücksgefühl, das den Steinklopfer beseelt, wenn er nach des Tages Last und Mühe seinen Schnaps trinkt oder sein Mädchen abküßt — Sie sehen alles zu sehr durch das Augenglas des sensiblen, anspruchsvollen, gebildeten Menschen an."

Er schüttelte langsam den Kopf. "Es ist ja nicht die grobe materielle Not, an die ich vor allem denke, viel mehr die Tatsache, daß es Millionen gibt, deren ganzes Leben nur von dem Streben ausgefüllt ist, dem Hunger zu entgehen und sich die spärlichen, niederen Freuden zu verschaffen, die ihnen allenfalls erreichbar sind, Millionen, die nicht einmal ahnen, wie köstlich das Leben sein kann. Und doch haben sie ein Hirn und Nerven und Sinne, genau wie wir und könnten —"

"Das sagen Sie", unterbrach Jutta ihn achselzuckend, "ich bin anderer Meinung. Die Fähigkeit zu feinerem Lebensgenuß, zu durchgeistiger Lebensauffassung ist durchaus nicht jedem Proletarierkind in die Wiege gelegt. Die wird erst in Generationen erworben, ebenso wie Rassegesichter und aristokratische Nägel. Echte, feine Geisteskultur wird nie Massenbesitz werden. Und die triebhausmäßigen Volksbildungsbestrebungen

145 richten mehr Schaden als Nutzen an. Das Gleichmachenwollen ist naturwidrig. Die Natur ist aristokratisch. Sie setzt Rangordnungen. Im Walde können nicht lauter Baumriesen stehen. Das Unterholz und niedere Gestrüpp gehört auch dazu und gedeiht fröhlich im Schatten der Großen."

Leo Frentzius lächelte, ohne zu antworten.

"Ich weiß, was Sie jetzt denken", fuhr Jutta im Tone scherzender Herausforderung fort. "Der Hochmut steckt ihr eben doch im Blute."

Er lachte. "Falsch geraten, gnädige Frau. Ich dachte ganz etwas anderes: an den Stalljungen Krischan Pott dachte ich, der auf Kosten der inkonsequenten Frau von Hadersloh seit einem Jahre in Hannover auf der Schulbank sitzt."

"Aber ich bitte Sie", entgegnete Jutta, leise errötend, "das ist doch etwas ganz anderes. Geistige Bedürfnisse künstlich aufpfropfen, halte ich für Humanitätsduselei. Aber wo so offensichtlich Kraft und Streben zu höherem Wachstum da ist, soll man nachhelfen, wenn irgend möglich. Wenn ein Stalljunge sich heimlich Georgs Schulbücher herunterholt und zu seinem Privatvergnügen im Scheunenwinkel mathematische Aufgaben löst — na, da gehört er eben anderswohin als unters Rindvieh. Den kleinen Krischan brauchte man übrigens nur anzusehen, um zu wissen: das ist kein gewöhnlicher Dorfjunge."

"Wahrscheinlich steckte schon irgendwie heraufgezüchtete Rasse in ihm", spöttelte der Doktor.

146 Sie nickte. "Sehr wohl möglich. Sprünge macht die Natur selten."

Jetzt traten die Billardspieler ein. Luise Schott gesellte sich zu den übrigen und Georg bat den Doktor, ob er nicht weiter lesen wollte. "Vorhin — das klang so hübsch aufregend."

"Aber Gedichte liebt ihr doch nicht?"

"Ach nein, keine Gedichte", protestierten die Kinder.

"Was Gruseliges", bat Gretchen, "das paßt heute, der Sturm heult so fein!"

"So fein heult er?" Der Doktor lachte.

"Haben Sie kein Sherlock Holmes-Buch, Herr Doktor?" fragte Lippold. "Die Jungens in Goslar sagten, Sherlock Holmes wäre tadellos. Oder Nick Carter. Oder was von Karl May? Wir kennen ja noch gar nichts."

Aber auf diese Lieblinge der deutschen Jugend wollte sich der Hauslehrer nicht einlassen. Er stimmte mit Jutta darin überein, daß man den Kindern alle aufreizende Phantasiekost fernhalten müßte, um ihnen nicht frühzeitig den Appetit für gesunde Geistesnahrung zu verderben. Die kleinen Haderslohs wurden von Robinson und Lederstrumpf direkt zu den klassischen Literaturwerken hinübergeführt. Manchmal schüttelte Jutta den Kopf über des Doktors Auswahl. "Ist das nicht noch viel zu hoch?" Aber er verstand es, die kleinen Geister schrittweise hinaufzuführen. Oft staunte Jutta, wie sich in dieser Natur leidenschaftliches, unklares Sehnen, überspanntes Denken mit einer so hervorragenden Erziehungsgabe vereinigte. Er wußte sich

147 dem kindlichen Empfinden wunderbar anzupassen, lenkte die jungen Seelen mit fester Hand, ohne sie den Zügel spüren zu lassen.

"Es kann ja auch eine Verbrechergeschichte sein, die in den Werken der berühmten Dichter vorkommt", lenkte Georg ein.

Der Doktor stand auf und holte ein Buch aus der Bibliothek herunter. "Ihr sollt die Geschichte von einem hören, der wie ein Verbrecher geendet hat und doch keiner war."

Und er las die unsterbliche Novelle von Michael Kohlhaas, dem ehrlichen Roßkamm, der aus Gerechtigkeitssinn zum Mordbrenner wurde. So farbig wußte sein Vortrag Kleists strengen, chronikartig gedrängten Novellenstil zu beleben, daß seine Zuhörer in steter Spannung blieben. Und einige Partien, die ihm zu lang für die Geduld seines jugendlichen Publikums dünkten, faßte er in wenige Worte zusammen. Als er geendet, entspann sich eine lebhafte Hin- und Widerrede über den Charakter des Kohlhaas und darüber, wie jedes wohl an seiner Stelle gehandelt haben würde; längst, längst war die vorschriftsmäßige Zubettgehstunde verstrichen, als ein energisches "Und nun gute Nacht!" der Mutter die Diskussion beendete. Aber sie sah solche Ausnahmen von der Regel nicht ungern. Ein Abend, den sie nicht leicht vergessen werden, dachte sie, als ihre drei sich entfernt hatten, während die übrigen noch eine kurze Weile zusammenblieben.

"Ich hätte nicht geglaubt, daß Kleist auf so junge Kinder schon derartig wirken könnte", meinte sie, zu Frentzius gewendet.

148 Und er entgegnete warm: "Auf diese Kinder, ja." Jutta lächelte. Wie er das "diese" betonte. Bei einem anderen hätte sie vielleicht gedacht: servile Schmeichelei. Bei ihm lag eine solche Deutung meilenfern. Er tadelte häufig sehr unverblümt Georgs Leichtsinn, Lippolds Hochmut und Verstocktheit und die Eigenwilligkeit des von allen verzogenen kleinen Mädchens. Aber dabei waren es doch für ihn ganz außergewöhnlich begabte, liebenswerte Kinder. Er hat sich in sie hineingeschwärmt, wie er sich in sozialistische Ideen hineinschwärmt, oder wie er sich auch zeitweilig in die Denkweise der kühlen Parnassiens hineinlesen kann, dachte Jutta Hadersloh, die keine verblendete Mutter war. Sie sah sehr klar, daß Georgs Natur ein Angriffsfeld für viele innere und äußere Feinde bot und daß Lippolds Begabung kaum den Durchschnitt erreichte. Um Lippold, das zarte Jüngelchen, hatte sie schon viel gebangt. Aber ihm hatte das Schicksal ein schwerwiegendes Geschenk auf den Lebensweg mitgegeben, jene kostbare Gabe, die viele Mängel zu ersetzen fähig ist: einen zähen, eisernen Willen. Der half ihm, seinen schwächlichen und ungelenken kleinen Körper zu meistern, so daß er jetzt im Turnen und Schwimmen den ursprünglich viel gewandteren Bruder überholt hatte, der half ihm auch, durch hartnäckigen Fleiß denselben Wissensstoff sich anzueignen, der dem andern mühelos zufiel; Doktor Frentzius hoffte sogar, ihn bis Ostern so weit zu bringen, daß er mit dem älteren zusammen für Sekunda reif würde.

Ostern! Das war ein Zeitpunkt, auf den Jutta Hadersloh nicht ohne Zagen hinausblickte. Bis dahin

149 würde Frentzius seine Habilitationsschrift beendet haben, beide Knaben aber sollten auf ein Gynasium kommen. Noch schwankte Jutta zwischen Berlin und Hannover. Aber das Zünglein der Entschlußwage neigte sich immer mehr Berlin zu. Dort konnte Frentzius noch ein wenig die Hand über sie halten, und diese Aussicht hatte etwas Tröstendes für die Mutter, die sich ihre liebeverwöhnten Jungen nur schwer in der fremden, kalten Welt, unter der Knute irgendeines straffen Berliner Philologen vorstellen konnte. Das "Altpreußische" hatte für Jutta — bei all ihrer Freiheit von hannoverschem Partikularismus — doch immer noch einen Beigeschmack von Rücksichtslosigkeit, von grobdrähtigem Kommißton.

"Morgen möchte ich Ihnen etwas unschmackhafte Kost zumuten", sagte Frentzius, als sie an diesem Abend auseinandergingen, "darf ich Ihnen den ersten Teil meiner Arbeit vorlesen? Und einige Stellen aus dem -Glückhafft Schiff von Zürich'?"

"O ja, das wollten Sie ja schon längst — es wird mir eine Freude sein", sagte Jutta. Aber sie gestand sich selber, daß die Freude mit Wermut gemischt war. Von Johann Fischart hörte sie jetzt nicht mehr gern. Früher hatte sie Frentzius zu seiner Arbeit gedrängt, in freundschaftlicher Erkenntnis des Weges, den seine Fähigkeiten ihm wiesen. Jetzt, wo er Ernst machte, hätte sie ihn am liebsten zurückgehalten. Der Gedanke, ihn missen zu sollen, fiel ihr schwer auf die Seele.

Er hatte sie immer interessiert, aber sie hatte ihn früher nicht besonders wichtig genommen.

Jetzt machte sie die Entdeckung, daß er doch sehr zu

150 ihrem Wohlbehagen gehörte, daß er sehr fest in ihre Lebensgestaltung verflochten war. Eigentlich — ja, fast schämte sie sich, das anzuerkennen — eigentlich stellte er die Futterkrippe für geistige Nahrung im Eickener Herrenhause dar.

Früher, da Jutta um ihre Existenz kämpfte, hatte ihr die Zeit zu geistiger Weiterbildung gefehlt; nun, da keine schweren Sorgen mehr sie umdrohten, war der Hunger nach Anregung wieder in ihr erwacht und hätte sie vielleicht kaum die langen, stillen Winter auf dem Lande ausharren lassen, wenn nicht der Hausgenosse gewesen wäre, in dem sie jederzeit einen geistigen Widerhall fand. Wie würde das Leben ohne ihn sein? Sehr, sehr viel nüchterner, einseitiger.

Zwei Tage später war es. Ein sehr schöner, sonnenwarmer Herbstnachmittag. Da trat Jutta in das Studierzimmer des Hauslehrers. "Wollen Sie einen Spaziergang mit mir und den Kindern durch die Heide machen?"

"Gern, gnädige Frau." Er sprang von seinem Schreibsessel auf, vor Verlegenheit errötend.

Jutta lächelte. Immer, wenn sie unerwartet zu ihm kam, machte er den Eindruck, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Und war doch sonst keine schüchterne Natur; ihre Freunde behaupteten sogar, daß er sich ziemlich viel herausnähme. Aber daran war sie freilich selber schuld. Und es gefiel ihr so.

"Schreiben Sie nur ruhig Ihren Brief erst fertig", gebot sie, auf sein Pult weisend; "ich krame ganz gern mal ein bißchen bei Ihnen herum." Sie trat an den Tisch, auf dem ein Haufen Broschüren und Zeitschriften

151 lag, durchblätterte sie flüchtig und setzte sich dann in den ledernen Großvaterstuhl ans Fenster. Wie wundervoll weich gedämpft das Licht durch die laubverdunkelten Fenster hereinfiel. Eigentlich das behaglichste Zimmer im ganzen Hause. Sehr dunkel. Die Bäume standen zu dicht davor. Aber an sonnigen Tagen ein entzückend lauschiger Raum. Der unberührteste im ganzen Eickener Herrenhause. Die plumpen, gelbbraunen Möbel, das Sofa mit dem sehr bunten Zitzbezug, die hohen, schmalen Bücherregale, alles stand hier noch genau so, wie es schon vor siebzig Jahren gestanden hatte. Oft war es Jutta schon leid gewesen, daß sie dieses Stübchen nicht als Arbeitszimmer für sich selber eingerichtet hatte. Aber sie mochte es dem Doktor nicht nehmen. Der liebte es so unbeschreiblich.

"Es ist Goethe-Gartenhausstimmung darin", hatte er einmal gesagt, "eine Atmosphäre zum stillen Denken."

Erinnerungsbeleuchtung, dachte Jutta. Wenn sie sich hier aufhielt, tauchten immer ganz bestimmte liebe, freundliche Vorstellungen in ihrer Seele auf; längstverblaßte Erinnerungen, zumeist solche, die sich an Walsrode knüpften. Dort in dem althannoverschen adeligen Damenstift hatte sie viele, schöne Kindheitstage bei einer alten Tante verlebt, Tage, von traulich weltferner, träumerischer Poesie erfüllt. Sie schloß die Augen. Ganz deutlich sah sie alles wieder vor sich: die kleine, alte Kirche, von deren Wänden die Bilder der hochehrwürdigen Äbtissinnen herunterblickten, die Holzfigur des Gründers Walo von Askanien, den stillen, schattigen, kleinen Friedhof, den vielgeliebten Garten,

152 in dem so Mannigfaltiges durcheinanderwuchs und in dem jede Stiftsdame so scharf ihr eigenes kleines Reich bewachte, die feine, weißhaarige Tante Irmintrude selber, die so uralt war, daß sie noch von den Festen beim "hochseligen König Ernst August" erzählen konnte, und die von dem "lieben, blinden Kronprinzen Georg" als von einem beklagenswerten Jüngling sprach. In Walsrode hatte Jutta immer ein Gefühl gehabt, als ob alles Leben schon sehr, sehr lange vorüber wäre, wenigstens alles Große, Schöne, Erlebenswerte; die stille altfränkische Vornehmheit hatte sie eingeschüchtert — und dann war es doch auch wieder ein angenehm prickelndes Gefühl gewesen, wenn man über die Gräber und kalten Kirchenfliesen dahinschritt mit dem Bewußtsein, wie jung und hübsch und nichtsnutzig man selber war.

"Was träumen Sie?" fragte der Doktor.

Sie öffnete die Augen und sah, daß er dicht vor ihr stand. Wie leise mußte er herangeschritten sein; er hatte sie vielleicht schon lange so betrachtet.

"Von stillem Klosterfrieden", antwortete sie und erzählte ihm ihre Walsroder Erinnerungen. "An diesem Ort sinkt man so leicht in Träume", schloß sie, während ihr Blick durch das Zimmer schweifte.

Er seufzte tief auf. "Ja, ein Ort zum Träumen und auch zum fruchtbaren Arbeiten. Wie werd' ich den vermissen, wenn ich erst in einem Berliner möblierten Zimmer vier Stock hoch sitze, mit der Aussicht auf eine andere vier Etagen hohe Mietkaserne. Ich bilde mir ein, daß ich dort gar keine Arbeitsfreudigkeit mehr finden werde."

"Aber — schämen Sie sich", schalt Frau von

153 Hadersloh, "sind Sie so abhängig von Ihrer äußeren Umgebung, Sie — ein Gelehrter?"

Er nickte. "Sehr abhängig — von vielem. Und sehr anhänglich. Zu sehr. Es ist wohl heilsam für mich, daß meine kluge, willensstarke Gönnerin mich antreibt. Einmal muß man ja vorwärts. So ein alter Kerl, wie ich."

Sie nickte lächelnd. Er war ja in der Tat nicht mehr ganz jung. Und sie begriff es nicht recht, daß ein Mann über dreißig, ein Mann von seiner hervorragenden Befähigung, seine Jahre so zwecklos dahinziehen ließ, diese kostbaren Jugendjahre — das heißt: zwecklos für eine Laufbahn, die den soliden äußeren Lebensuntergrund bilden sollte. Aber die war dem langen Menschen mit der Grüblerstirn und den Träumeraugen wohl nicht das Wichtigste.

"Ja, es ist wirklich höchste Zeit", sagte sie, aus den Tiefen des ledernen Großvaterstuhles freundlich zu ihm aufblickend, der an dem Fensterpfosten gelehnt stand und mit schmerzlichem Lächeln zu ihr niedersah.

"Höchste Zeit", wiederholte er langsam.

Sie fühlte, daß der Sinn ihrer Worte für ihn ein anderer war.

Ein seltsamer Ausdruck lag in diesen grauen Augen, ein Aufglühen aus dunklen Tiefen. Leidenschaftlicher Ernst. Ein Ernst, der die schöne Frau seltsam ergriff. Ihr war, als ob noch kein Mensch sie je so angeschaut hätte. Wie eine Anklage sprach es aus diesem Blick und zugleich wie etwas Ehrfürchtiges, Feierliches.

Jutta fühlte, daß er ihr Bedeutsames sagte in diesem stummen Niederschauen, und daß sie wohl ihr

154 Auge hätte abwenden müssen. Aber sie konnte es nicht. Eine große ernste Freude zog durch ihr Herz. Freude ohne Erregtheit. Es war, als ob das grüne Traumdämmerlicht, das zum Fenster hereinglitt und in unbestimmt zitternden, huschenden Wellchen auf ihrem Schoß, auf seiner hohen, weißen Stirn spielte, dem Augenblick etwas von seiner Wesenheit nahm, die Gegenwart in verschwommene Fernen entrückte.

Es war schön — seltsam innig, dieses lange, stumme Zwiegespräch. Als ob seine Seele ganz leise, mit stiller Kraft zu mir herübergriffe und mich an sich zöge, dachte Jutta.

Da brach er den Zauber. "Gnädige Frau, Sie wissen, daß — "

Sein von heimlicher Erregung zeugender Ton berührte Jutta peinlich. Sie sprang auf. "Die Kinder werden wohl schon bereit sein."

Da ertönten auch schon die hellen Stimmen. "Mutti, sollen wir das Pilznetz mitnehmen?" fragte Georg, in seiner frischen, hastigen Art hereinstürmend. "Wir gehen doch wohl nach Wellhorn zu? Da wachsen im Wald so schöne Steinpilze."

"Ich weiß auch feine Champignonstellen", versicherte Margarete eifrig; hoffentlich sind noch welche da; dann wollen wir heute mal sehen, daß wir eine ordentliche Ernte heimbringen. Und Guste muß sie einmachen. Die Konservenchampignons sind ja dies Jahr gar nicht zu bezahlen."

Alle lachten laut auf über diese sorgende Hausfrauenweisheit.

155 Und Margarete war gekränkt. Sie meinte, daß sie eher Bewunderung verdient hätte.

"Schafsköppe, was habt ihr zu grienen?" sagte sie zu den Brüdern und steckte — höchst unfreifräuleinmäßig — die Spitze ihres roten Züngelchens heraus.

XII

[156]

 

Schön war die Heide im Frieden des sonnigen Herbstnachmittages. Wohl prunkte nicht mehr das satte Lilarot der Erikablüte. Es hatte sich in ein anspruchsloseres bräunliches Violett verwandelt. Aber auch diese Farbe des Hinsterbens gab der Landschaft noch einen warmen weichen Ton. Und vom nahen Waldrand leuchtete die ganze Pracht des Herbstes herüber, das jubelnde Gelb, Rot, Chamois, Rehbraun des todgeweihten Laubes.

Die Kinder waren schon längst dort hinübergeeilt. Sie kannten heute nur ein Interesse: die Pilze. Und Fräulein Otti hatte sich ihnen zugesellt. Auch sie war heute von einem kindlichen Sammeleifer gepackt. Nur manchmal blieb sie stehen und schaute nach dem birkenumsäumten Heideweg hinüber, auf dem Frau von Hadersloh und ihr Hauslehrer dahinschritten. Juttas hohe Gestalt mit den weichen Umrissen und das Profil unter dem kapriziös aufgeschlagenen Panamahutrand zeichneten sich scharf gegen den klaren, zart-duftigblauen Himmel ab.

"Wie sie schreitet", dachte Ottilie, "als ob sie antike Gewänder trüge. So wie die Schauspielerinnen in der Tragödie schreiten wollen und es meistens nicht können. Ihr ist die majestätische Bewegung natürlich."

157 Den Doktor fand Otti zu zart und schmalschultrig. Sie bewunderte robuste Männer, Athletenmuskeln. Sie begriff nicht recht, daß Jutta an diesem schmächtigen Menschen Gefallen finden konnte, der so ganz Nerven, Geist, überfeine, mehr seelische als sinnliche Sensibilität schien. Aber daß er jetzt Fortschritte in der Gunst der Herrin machte, fühlte Ottilie deutlich heraus. Und über seinen Gemütszustand war sie sich längst klar, viel klarer als er selber. Die kleine Ottilie besaß eine äußerst scharfe Witterung für das Erotische. Sehr fein und zurückhaltend erschien sie im Verkehr mit Männern, sie galt für ein untadelhaftes, korrektes junges Mädchen — und doch war ihr ganzes Wesen erfüllt, durchdrungen von glühendem Liebesverlangen. Eine stille, ewig mahnende Sinnlichkeit lebte in ihr, süß und quälend, ein Sinnendurst, den niemand ahnte, weil er sich unter der Hülle blumenhaft keuschen Liebreizes barg. Und diese gefährliche Veranlagung hatte sich in der Eickener Atmosphäre zu leidenschaftlichem Begehren entwickelt. In ihrem Elternhause hatte die Prüderie eines Puritanerheims geherrscht. Das Herrenhaus von Eicken aber trug als unsichtbare Inschrift die Devise: Freiheit, Schönheit, Freude! — In Juttas Salon stand ein großer, ganz nackter, marmorner Bacchus und von den Wänden schaute in guten Kopien die unverhüllte Fleischespracht des Peter Paul Rubens herab und moderne Akte, die an Ungeniertheit nichts zu wünschen übrig ließen. Frau von Hadersloh besprach ganz unbefangen sexuelle Fragen und machte kein Hehl daraus, daß sie es als die natürlichste Sache von der Welt ansah und durchaus verzeihlich, wenn ein junger Mann

158 und ein junges Weib, die in heißer Liebe füreinander entbrannt waren, den Kelch der Leidenschaft bis zur Neige leerten, ob er nun vom Priester und Standesbeamten in feierlicher Stunde dargereicht war oder nicht.

Einmal hatte Otti unfreiwillig das Ende eines Gespräches zwischen Jutta und Klaus Börcke belauscht. Da hatte er ein Wort gebraucht, das die heimliche Zuhörerin entzückte: "Sie verstehen es absolut nicht, wie jemand sich über solche Dinge entrüsten kann, liebe Freundin? Das glaub' ich wohl. Sie können es nicht. Ihnen fehlte das sittliche Entrüstungsfeuer. Sie sind gänzlich moralinfrei."

Das war es. Das war die helle, reine, belebende Luft, die der kleinen geduckten Ottilie aus Juttas Wesen entgegenschlug, diese Luft, die ihre Füße vom Boden löste und sie emportrug in sonnige Weiten. — Moralinfrei.

"Wenn ich nur ein einziges Mal ungesehen mich zu den beiden hinschleichen könnte und hören, was sie sprechen", dachte die von aufregender Neugierde Geplagte.

Die Erfüllung ihres Wunsches würde sie sehr enttäuscht haben.

Das, was die beiden sprachen, hätte jeder belauschen dürfen.

"Wissen Sie, auf welchen Pfaden wir dahinwandeln?" fragte Jutta ihren Begleiter. "Sie denken, das ist ein simpler Heideweg, der sich nachher in den Wald verliert?"

Er schaute sich um. "Allerdings."

159 Sie machte ein geheimnisvolles Gesicht. "Und doch hat er eine romantische Vergangenheit. Er ist ein alter Schmugglerweg, der zur napoleonischen Zeit während der Kontinentalsperre benützt wurde. Unter den Heidjern blühte der Frachtfuhrmannsberuf; der wurde schwer getroffen durch das Verbot, Waren von englischer Herkunft einzuführen. Und die Heidjer kehrten sich auch nicht an das Machtgebot. Bei Nacht und Nebel zogen sie auf diesem Wege dahin, durch Wald und ödes Heideland, bis zur Elbe, wo im Schilf oder sonst an verborgener Stelle die von harmlosen Fischerbooten aus Hamburg herbeigeführten englischen Kolonialwaren lagerten, und brachten sie mit Gefahr ihres Lebens in das Binnenland — übrigens unter Schutz und Beihilfe der gesamten Heidebevölkerung. Der alte Abbauer Grotjohann kann sehr interessant von diesen abenteuerlichen Fahrten erzählen. Sein Vater hat sie mitgemacht, ist häufig von den französischen Douaniers verfolgt und einmal schwer verwundet worden."

"Daß Grotjohann mir davon nie gesprochen hat", meinte Frentzius, "er ist doch mein guter Freund."

Jutta lächelte. Sie konnte sich wohl denken, daß ihre spröden Heidjer nicht allzu mitteilsam gegen den Doktor waren. Er empfand so großes Interesse für sie, gab sich redliche Mühe, ihnen näherzutreten, aber — er hatte doch nicht die richtige Art, fand nicht den kühl-bedächtigen, verständigen Unterhaltungston, den sie gewohnt waren. Die Einfachheit fehlte ihm. Er suchte Schicksale, leidenschaftliche Empfindung in ihnen — und auf der anderen Seite traute er ihnen auch wieder zu große Naivität zu. Er faßte sie zu poetisch

160 auf. Bei all seiner Freundlichkeit fühlten die Leute: das ist keiner von unserer Art. Ein gelehrter Herr. Was will er eigentlich von uns? Wenn die gnädige Frau ihr Schwätzchen mit ihnen machte, das war ganz etwas anderes. Die wußte genau, wie wenig oder viel sie taugten. Die war in ihrem schlichten Dasein heimisch.

Frentzius stand auch dem praktischen Leben gar zu fern. Die Leute lachten ihn häufig aus.

Eben blieb er stehen und sah auf ein Stück Land nieder, das, in Form eines Vierecks, zwischen dem dichten Heidekraut so kahl herausgeschoren war, wie die Tonsur eines Priesters.

"Schade", sagte er kopfschüttelnd, "wieder ein kahles Stück. Weshalb verunstaltet man nur so die schönen, blühenden Heideflächen?"

Jutta lachte. "Weil man das Heidekraut zur Streu braucht, wird es umschichtig geplaggt, jedes Jahr an anderer Stelle. O, Sie Träumer! Schon jahrelang in der Heide und kennt noch keine Plaggen."

"Ach so — Plaggen." Er wiederholte das Wort wie ein gelehriger Schuljunge, während er mit der Stiefelspitze über die Stoppeln dahinstrich. Doch plötzlich zog er den Fuß zurück. Er bemerkte, daß die Lederkappe seines Stiefels häßlich abgestoßen war. Und Jutta lächelte. Ob sie wohl dachte: uneleganter Schulmeister? In diesem Punkte war er sehr empfindlich. Er hielt auf peinliche Sauberkeit und Ordnung, wollte um Gottes willen nicht für einen schlampigen Gelehrten gelten, wenn er auch keine rechte Ahnung von den Erfordernissen

161 guter Herrentoilette hatte. Aber er bewunderte die Eleganz an anderen. Die schöne Frau von Hadersloh erschien ihm noch sehr viel schöner, wenn ihre Körperpracht von seidener Gewandung umschlossen war. Und das erste Geld, das er sich einst als Junge durch Nachhilfestunden verdient, hatte er dazu verwendet, seiner Mutter ein hochelegantes, hellgraues Tuchcape zu kaufen, wie es damals die schicken Hamburgerinnen trugen, ein Gegenstand, der zu der übrigen sparsam zusammengestoppelten Garderobe der Witwe ganz und gar nicht stimmen wollte.

Längere Zeit gingen sie schweigend nebeneinander her, in der Richtung des Waldes. Es schritt sich leicht und froh durch diese stillheitere Herbstnatur. Die Sonne erwärmte wohltätiger jetzt, als im Sommer. Man empfand sie ganz nur als freundliche Macht. Und aus dem, von langer Regenzeit durchfeuchteten, Boden stiegen seltsam würzige Düfte auf, leichter Modergeruch, mit Erd- und Wasserdunst gemischt.

"Wie ich diesen feuchten Erdgeruch liebe", sagte Jutta und setzte sich zum Ausruhen auf einen Baumstumpf am Waldrande nieder, während Frentzius sich mit seinen langen Beinen auf einer bankartig querlaufenden Wurzel häuslich einzurichten suchte; "es ist, als ob ich die stille Kraft des Bodens in mich überströmen fühlte, so eine Ruhe und Sicherheit kommt über mich, so ein behagliches Gleichgewicht. Man atmet die Seele der Erde ein. Und das macht ruhig. An alles kann man ohne Grauen denken, auch an den Tod. Es scheint dann so natürlich, daß alles wird und wieder vergeht, und daß der Stoff, aus dem das Leben gewichen

162 ist, sich zerfetzt und eins mit dem Erdreich wird, um neuen Lebenskeimen Nahrung zu geben."

"Graut Ihnen sonst vor dem Tode?" fragte Frentzius träumerisch; "mir nicht. Ich kann es mir so gut vorstellen, wie ein gehetzter Mensch ihn als Erlöser begrüßt, wie man ihm willig die Hand entgegenstreckt."

Während er sprach, war die kleine Ottilie aus dem Walde herübergekommen und hatte die letzte Worte gehört.

"Ach Gott, nein", sagte sie zusammenschauernd, "ich finde Sterben etwas Furchtbares — das heißt", fuhr sie nachdenklich fort, "manchmal ist es auch für mich wie eine leise Lockung, aber nicht schön, nur unheimlich. Deshalb kann ich nie die Angst vor dem Wasser überwinden. Immer ist's, als streckten sich Arme aus der Tiefe hervor, mich niederzuziehen. Und wenn ich aus einem sehr hochliegenden Fenster hinunterschaue, ist's oft, als müßte ich mich festhalten, weil unten irgendeine dämonische Kraft lauert, die mich mit Geisterarmen an sich reißt."

"Sie sind nervös, Kleine", sagte Jutta.

Aber das Elfchen schüttelte sinnend den Kopf. "Ich glaube, es ist doch etwas anderes — als ob die Vorsehung mich vor irgend etwas warnen wollte."

"Fräulein Otti, eine prachtvolle dicke Kröte — schnell, die müssen Sie sehen!" rief Georg aus der Ferne.

Und das Elfchen flog eilends davon.

"Will sie sich interessant machen, die Kleine?" meinte Jutta, während sie ihr lächelnd nachschaute.

163 Frentzius antwortete nicht gleich. Dann erwiderte er ernst, ein wenig verlegen, als fürchtete er Spott: "Vielleicht — hat sie recht."

"Aber Doktor!" Jutta schüttelte unwillig den Kopf. "Jetzt spielen Sie mir doch keine Komödie vor. Eine Warnung der Vorsehung? Als ob Sie überhaupt — ich kenne doch Ihren religiösen Standpunkt — Ihren gegenwärtigen", fügte sie einschränkend hinzu.

Er nickte. "Und doch — braucht man denn ein Bibelgläubiger zu sein, um zu fühlen, daß um uns eine geheimnisvolle Welt ist? Existiert nur das, was wir jetzt mit unseren Sinnen wahrnehmen? Nein. Wenigstens ich kann mir mein Selbst gar nicht als so ein unabhängiges, gegenwärtiges Einzelding vorstellen. Zu eng sind wir verflochten mit Vergangenem und Zukünftigem. Und ich glaube, daß ein sehr hellsichtiger, feinfühliger Mensch diese mystischen Fäden wahrnehmen könnte, die ihn selber oder andere mit fernen Dingen und Zuständen verknüpfen — den unsichtbaren Strahlenkreis, der jedes Wesen umgibt."

Jutta schwieg. Nachdenklich schaute sie über die braunroten Wellen des hügeligen Heidelandes hin, nach Westen, wo der Sonnenball schon fast die Horizontlinie berührte.

"Unser Schicksal umschleicht uns", fuhr Frentzius fort, "wir fühlen es manchmal in Zuständen tiefer Seelenstille, wenn alles Körperliche, Gegenwärtige zurücktritt. Dann kommt wohl eine plötzliche, ganz unbegründete Angst über uns oder auch eine große Freude, zu der wir scheinbar gar keinen Anlaß haben. Wie wollen Sie das sonst erklären?"

164 "Mancher würde sagen: durch gute oder schlechte Verdauungszustände", erwiderte lächelnd Frau von Hadersloh. "Jetzt machen Sie ein verächtliches Gesicht und denken: platte Materialistin. Aber das ist nicht so prosaisch, wie es klingt. Irgendwie ist wohl jede Empfindung durch körperliche Einflüsse bedingt. Und schließlich kommt es auf eins heraus. Warum dieser Nerv jetzt gerade so und nicht anders schwingt, das ist doch geheimnisvoll genug. Und ganz befriedigt uns ja keine mechanische Erklärung. Im Grunde sind wir doch alle Mystiker. Wir bringen es nicht fertig, uns ganz einfach als Naturprodukte hinzunehmen. Jeder sucht doch irgend etwas hinter der Erscheinung, der eine bewußter, der andere unbewußter. Und nun wollen wir in den Wald gehen. Die Kinder laufen uns sonst davon."

Der breite Waldweg, der die Fortsetzung des Schmugglerpfades bildete, war von einer weichen Decke roter und gelbbrauner Blätter bedeckt. Jutta fand Vergnügen daran, immer durch die dickste Blätterschicht zu gehen, damit es recht raschelte.

Und Frentzius träumte vor sich hin.

Sie waren beide verstummt.

Jetzt wandte sie sich zu ihm um und lachte. "Und doch hängt es sehr vom täppischen Zufall ab, was einer wird. Wenn der Zufall Sie als Kind nach Indien verschlagen hätte, würden Sie sich vielleicht zum struppigen Fakir entwickelt haben. Ich kann Sie mir ganz gut so vorstellen: Tag und Nacht in verrenkter Stellung, ohne Schlaf und Nahrung, in die Betrachtung göttlicher Dinge versunken."

165 Er lächelte gezwungen. "Die Situation wäre mir doch wohl etwas zu einförmig gewesen." Eigentlich liebte er solche Scherze nicht. Er war von unglaublicher Empfindlichkeit dieser Frau gegenüber, so tief und scharf drückte sich alles, was sie ihm antat, Gutes und anderes, in seine Seele ein. Das klang jetzt eben wieder, als ob sie ihm sagen wollte: glaub' nur ja nicht, daß ich dich als Mann ernst nehme. Du bist doch nur ein unpraktischer Träumer. Aber du bist mir nützlich als Lehrer meiner Kinder und als Zeitvertreiber, wenn gerade kein anderer da ist. Diese anderen. Wie sie ihn gepeinigt hatten und noch peinigten! In diesem Augenblick kostete er all die erlittenen Qualen von neuem durch. Und nun mußte Frau von Hadersloh auch noch die Worte sagen: "Als ich das letztemal hier ging, begleitete mich Gervissen. Glutheiß war's und er suchte mir Heidelbeeren, meinen Durst zu löschen. Idyllische Situation. Denken Sie: Gervissen schreibt aus Rußland. Er ist in geschäftlichen Angelegenheiten nach Odessa gereist; aber nur für einige Wochen."

"So. Weshalb bleibt er nicht dort?" Frentzius wollte gleichgültig sprechen, es klang aber unfreundlich. "Ich meine: er paßt ganz gut in solche — östlichen Verhältnisse. Braucht wenig Kultur zu seinem Behagen."

"Er ist Ihnen nicht sympathisch?" fragte Jutta in unschuldigem Ton.

"Nein. Ich halte ihn für Dutzendware, ganz dutzendmäßig. Ein derber Sinnenmensch. Aber — das dürfte ich wohl nicht sagen, da er — Ihre Gunst genossen hat."

"Meine Gunst?" Sie warf ihm einen scharfen,

166 hochmütigen Blick zu. Aber etwas in seinen Augen, in seinem bekräftigenden Kopfnicken sagte ihr, daß er die Gunst nicht so auffaßte, wie sie angenommen.

Und sie hatte recht. Nein, Frentzius hielt es für ganz undenkbar, daß diese schöne, stolze Frau sich zu einem Liebesverhältnis im groben Sinne erniedrigen könnte.

Sehr warmherziges Freundschaftsgefühl, verbunden mit einer Beimischung harmloser weiblicher Gefallsucht und einem starken Bedürfnis, auf andere zu wirken, so beurteilte er diese verschiedenen Neigungen, deren Zeuge er geworden war. Aber daß ihm seine Beobachtungen Schmerz verursachten — rasenden Schmerz, konnte er nicht ändern. Sie war ihm zu lieb, diese Frau, zu herrlich und anbetungswürdig, mit all ihren Schwächen. Beseligen und peinigen konnte sie ihn wie kein anderer Mensch auf Erden. Er gönnte sie keinem; nichts, auch nicht den unschuldigsten Freundeshändedruck, gönnte er einem andern.

"Doktor, Doktor", sagte sie mit leichtem Achselzucken, "Sie sind ein inkonsequenter Mensch. Schrankenlose persönliche Freiheit ist Ihr Ideal. Und doch steckt der schönste Tyrannenstoff in Ihnen — wie übrigens in sehr vielen Freiheitschwärmern. Sie möchten den Menschen, die Ihnen nahestehen, Handschellen und Scheuklappen anlegen. Die Eifersucht müssen Sie sich abgewöhnen, wenn wir Freunde bleiben wollen."

"Sind wir denn Freunde?" fragte er traurig zweifelnd.

"Ich denke: ja", antwortete sie und reichte ihm die Hand hin mit einem Blick, so warm und gütig, so innig

167 vertraut, gar nicht mehr vornehme Dame, wie eben noch — nein, ganz mildes, liebliches Weib.

Von fernher strahlte durch die Waldlichtung das letzte rote Sonnengold, wie eine Freudenflamme, hell klangen die Stimmen der Kinder aus dem Dickicht heraus, das Laub knisterte unter den Füßen der langsam Vorwärtsschreitenden, ein seltsam traulicher Ton, wie leises Flüstern — und Leo Frentzius trug in seiner Seele ein großes Glück durch die abendrotverklärte Herbstwelt.

XIII

[168]

 

"So, nun bin ich zu Ihrer Verfügung, liebe Doraline", sagte Frau von Hadersloh, in die Kammer tretend, wo Luise Schott ihre Sämereien verwahrte und wo sie augenblicklich mit der jungen Frau von Börcke herumkramte.

Doraline war seit einigen Monaten ein häufiger Gast auf Eicken. Juttas Rat, sich um die so sehr vernachlässigte Blumenzucht in Wispingen zu kümmern, hatte das Brüteweibchen zu ernstlichem Nachdenken veranlaßt. Und im Laufe einiger Wochen hatte sich das Nachdenken in dem schwerfällig arbeitenden Gehirnchen zum Entschluß verdichtet. Doraline war wirklich nach Eicken gekommen, Jutta und das "Fräulein Obergärtnerin" um Unterweisung zu bitten.

Und die wurde ihr gern gewährt.

Seitdem war der Verkehr zwischen Eicken und Wispingen, der sich früher fast allein zwischen Klaus und seiner alten Freundin abgespielt hatte, auch zwischen den Frauen ein regerer geworden.

Doraline fand Freude an den neuen Unternehmungen. Ihr Interesse wuchs und sie kam sich selber imponierend tatkräftig vor. Luise Schott wurde oft auf halbe Tage nach Wispingen hinübergeborgt und stand in großer Gunst bei der jungen Gutsherrin. Eigentlich

169 empfand Doraline sogar etwas wie Freundschaft für das ernste, sympathische Mädchen, aber sie wollte dieses Gefühl nicht aufkommen lassen. Es ging doch nicht recht an: eine Bürgerliche — und Gärtnerin dazu. Doraline war in einem sehr vornehmen Stift erzogen worden, wo es für ganz undenkbar galt, eine bürgerliche Freundin zu haben. Und das Brüteweibchen gehörte zu den Menschen, denen die ersten Jugendeinflüsse anhängen, wie der Schnecke ihr Haus.

"Ich hatte eben einen kleinen Ärger mit Hortmann", erzählte Jutta, während sie mit den beiden in ihr Wohnzimmer hinüberging; "hat der Mensch ganz vergessen, mir zu sagen, daß gestern Nachmittag der Viehhändler aus Ülzen kommen wollte. Nun war ich ausgefahren. Und ich hätte ihn so gern gesprochen. Seit einigen Tagen ist der Hortmann von einer Zerstreutheit — —"

"Das hat wohl seinen Grund", meinte Luise Schott; "ich glaube, daß er sich sehr sorgt — um seine Frau; die klagt seit voriger Woche über heftige Schmerzen, sieht auch schlecht aus. Der Arzt war schon zweimal da. Und ich glaube, Hortmann ängstigt sich, daß es eine Blinddarmentzündung sein könnte."

"Eine Blinddarmentzündung? Um Gottes willen, das wird doch nicht — und eben hab' ich den armen Kerl noch so angeschnauzt", bedauerte Jutta.

Am liebsten wäre sie gleich zu der Kranken hinübergeeilt. Aber ihr Gast ließ sie nicht so bald los. "Solche Leute übertreiben ihre Krankheiten immer gern, es wird wohl nicht so schlimm sein", meinte Doraline und

170 setzte sich noch für eine gute Stunde behaglich bei Tee und Backwerk fest.

Sobald sie gegangen war, eilte Jutta in das Inspektorhaus hinüber. Hortmann trat ihr schon im Hausflur entgegen, blaß und verstört.

"Gnädige Frau, ich wollte um Urlaub bitten. Eben war der Doktor da. Mit meiner Frau ist etwas nicht in Ordnung. Sie soll noch heute Abend nach Lüneburg ins Krankenhaus. Wenn nur nicht — eine Operation nötig ist!"

Er hatte die letzten Worte ziemlich leise gesagt. Aber das scharfe Ohr der Patientin hatte sie doch durch die halbgeöffnete Tür vernommen.

"Ach, gnädige Frau, wenn Sie doch meinem Mann die Angst ausreden könnten", rief die junge Frau der Eintretenden entgegen. Sie lag im Bett und Jutta erschrak über ihr schlechtes Aussehen. "Ich glaube noch lange nicht, daß es irgendwas auf sich hat. Ich habe mich neulich beim Wäscherollen ein bißchen verdehnt; das ist alles."

Jutta beruhigte den sorgenvollen Mann, ermahnte die Frau zur Vorsicht und versprach, Martha, die Jungfer, herüberzuschicken, damit sie die Kranke reisefertig machen könnte.

"O, hörst du, Schatz, ich lasse mich von einer Kammerzofe bedienen! So fein habe ich es noch nie gehabt", rief Frau Hortmann übermütig ihrem Manne zu und bat dann, ob Luise Schott wohl noch einmal vor der Abreise zu ihr kommen könnte. "Vielleicht tut sie mir die Liebe, bei den Kindern zu schlafen, während ich fort bin. Sie ist so gut und vernünftig, nicht

171 wahr, Frau Baronin? Ein Engel von Charakter. Fritz, wenn ich draufgehen sollte, mußt du Fräulein Schott heiraten."

"Pfui, Lenchen", sagte der Riese. Und auch Frau von Hadersloh schüttelte verweisend den Kopf. Lenchen war manchmal etwas unzart. Und jetzt befand sie sich augenscheinlich in fieberischer Aufregung. Sie scherzte, um ganz andere Gefühle zu verbergen.

Vier Tage später kam Hortmann aus Lüneburg zurück.

Man hatte die Blinddarmoperation gemacht. Alles vortrefflich gelungen. Aber höchste Zeit war es gewesen.

Und nach weiteren drei Tagen traf ein Telegramm vom behandelnden Arzt ein: Heute Morgen sechs Uhr sanft verschieden.

Nichtsahnend trat an diesem Vormittag Luise Schott in Juttas Arbeitszimmer. Da bot sich ihr ein seltsames Bild dar: in einem Lehnstuhl ganz zusammengebrochen, die mächtige Gestalt von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt, die Arme auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den Händen verborgen, saß Inspektor Hortmann da. Und neben ihm stand Jutta, einen Arm um seinen Nacken gelegt, mit der anderen Hand sein buschiges Haar streichelnd, wie eine Mutter, die ihren großen Jungen in seinem Schmerz tröstet.

Ein Blick sagte Luise, was geschehen war. Und sie trat leise zurück.

Ihr war, als dürfte sie dem unglücklichen Manne jetzt noch nichts sagen, als müßte sie ihn jetzt dieser gütigen Trösterin allein überlassen.

172 Und sie sah ihn nie wieder weinen.

Nie wieder brach sein Schmerz in heftiger Weise hervor. Er trug ihn mit einer Gelassenheit, die einem Fernstehenden, mit der spröden Art des Niedersachsen nicht Vertrauten, als Kälte erscheinen mochte. In der ruhigen Umsicht, mit der er die Vorbereitungen zum Begräbnis betrieb und die Anordnungen für seinen verwaisten Haushalt, lag etwas von der natürlichen Gelassenheit des Bauern, der einen Todesfall als eine Schickung hinnimmt, über die man nicht allzuviele Worte verliert.

Oft kam es Luise vor, als müßte die Szene in Juttas Arbeitszimmer eine Täuschung ihrer Sinne gewesen sein — so aus dem Rahmen dieses Charakters herausgefallen erschien sie — und doch: vielleicht war hier gerade die echte Natur dieses schwerfälligen Mannes zutage getreten, das weiche, überaus weiche, zarte Gemüt. Nur ihr, der Herrin und Freundin, offenbarte er sich so — was mußten das für enge, tiefgehende Beziehungen zwischen diesen beiden sein, die sonst eigentlich nie von anderen als praktischen Dingen miteinander redeten. Auch wenn der Inspektor von seiner Herrin zu Tische geladen war, bewegte sich die Unterhaltung fast nur auf landwirtschaftlichem Interessengebiet: Mastkälberzucht, Milchwirtschaft, Getreideverkauf — und doch mußte ein still unter der Oberfläche liegender, seelischer Zusammenhang bestehen zwischen der vornehmen, feingebildeten Frau und dem schlichten Menschen, der äußerlich nie die Rolle des Untergebenen beiseite legte.

Früher hatte Luise manchmal gedacht: es steckt wohl

173 mehr hinter ihm, als man glaubt. Sie hatte einen heimlichen Denker und Lebensweisen in ihm gesucht, dieses Forschen aber bald aufgegeben. Nein, das Besondere in ihm, das, was ihn in Juttas Augen so hoch über alle anderen Menschen in ähnlichen Verhältnissen stellte, lag wohl mehr in sittlichen als in geistigen Werten. Felsenfeste Zuverlässigkeit und äußerste Feinheit des Empfindens.

Luise brachte jetzt manche Stunde im Inspektorhause zu; frühmorgens, wenn Hortmann im Gutshof oder draußen in Feld und Wald beschäftigt war, ging sie zu den Kindern hinüber, die zärtlich an ihr hingen, gab dem jungen Dienstmädchen Anweisungen und leitete mit fester Hand hinter den Kulissen den ganzen kleinen Haushalt.

"Ist es dir auch recht, wenn ich so viel Zeit dort drüben verbringe?" fragte sie einmal die Freundin; "ich denke ja, daß ich keine Pflicht bei dir damit versäume?" Jutta beruhigte sie: "Alles, was du ihm Freundliches antun kannst, tue ohne Besinnen, du erweisest mir damit einen Dienst. Ich bin dem Manne so viel Dank schuldig, daß mir sein Wohl am Herzen liegt, wie das Wohl meiner Allernächsten."

"Ob er sie sehr lieb gehabt hat?" fragte Luise nachdenklich. "Gestern kam ich dazu, wie er vor ihrem Schreibtischchen stand und eine bunte Blechbüchse ausschüttete. "Da hat sie immer hineingetan, was sie von ihrem Monatsgeld ersparen konnte", sagte er — "für mich; sie wollte mir durchaus mal eine goldene Uhr schenken, weil sie meine alte silberne zu unnobel fand." Sieben Mark dreißig, zählte er dann und lächelte dabei:

174 "Sie hätte noch lange sparen müssen." Dann drehte er sich plötzlich um und stampfte zur Tür hinaus. Ich hatte aber schon gesehen, wie er an den aufsteigenden Tränen würgte. Sonst spricht er nur selten von ihr."

Jutta nickte. "Eine verschlossene Natur. Er muß allein mit seinem Schmerz fertig werden. Ja, lieb hat er sie gehabt. Obschon — manchmal konnt' ich es nicht recht verstehen. Diese Art flotter, etwas gewöhnlicher Fixigkeit, das vorlaute Wesen und die — ja, wie soll ich's nennen: diese gewisse oberflächliche, kleinstädtische Bildung, mit der sie gern prunkte — alles paßte eigentlich gar nicht recht zu ihm. Aber sie war hübsch und munter. Sie sagte ihm wohl körperlich zu. Schließlich ist es ja doch meist ein sinnlicher Zug, der den Mann leitet — der sinnliche Reiz, den gerade dieses bestimmte Weib auf ihn ausübt, ist stärker als alles andere, auch — vielleicht gerade — bei sehr ernsten und keuschen Naturen, ohne daß sie sich selber klar darüber sind."

Luise blieb eine kurze Weile stumm. Dann begann sie von neuem in unsicher fragendem Tone: "Neulich, als ich abends noch einmal hinüberging — ich mußte der kleinen Käthe einen Halsumschlag machen — da sagte er, die Stunden vor dem Schlafengehen wären die schlimmsten für ihn, da fühlte er sich viel einsamer als am Tage, er hätte seiner Frau so gern bei der Handarbeit vorgelesen; allein machte ihm das Lesen keine Freude, man möchte doch auch mal mit einem Menschen darüber sprechen; ich hatte den Eindruck, daß er es gern gehabt hätte, wenn ich noch ein Stündchen drüben geblieben wäre."

175 Jutta nickte. "Nun ja. Und du bist nicht geblieben?"

Luise schüttelte den Kopf. "Ich dachte" — ihre brünette Gesichtsfarbe wurde noch ein wenig dunkler — "es paßte sich doch wohl nicht."

Jutta lächelte still vor sich hin.

"Du bist anderer Meinung?" fragte Luise schüchtern.

"Allerdings", war die Antwort. "Wenn mich ein trauriger einsamer Mensch gebeten hätte, ihm eine freundliche Stunde zu schenken, ich hätte mich nicht geweigert."

Luise schwieg eine kurze Weile. "Du stehst alles so — einfach natürlich an", meinte sie dann nachdenklich, "und das ist wohl das Richtige."

XIV

[176]

 

Seit diesem Tage kam es manchmal vor, daß Luise Schott beim abendlichen Zusammensein im Gartenzimmer fehlte.

Und da das Elfchen am liebsten mit den Kindern zugleich zu Bette ging — es litt an Blutarmut und Mattigkeit — blieb Doktor Frentzius jetzt häufig als einziger Gefährte für die Hausherrin am Kaminplatz zurück. Oft saßen sie dort bis gegen Mitternacht beieinander. Sehr trauliche Stunden — Stunden, die vor Leo Frentzius' innerem Auge den ganzen Tag über als leuchtende Hoffnungsbilder strahlten, Stunden, die auch der Herrin von Eicken immer lieber, unentbehrlicher wurden, die sie ungeduldig im stillen herbeisehnte.

Wenn des Tages Mühen und mannigfaltige Ansprüche sie hin und her trieben, stand immer als ruhig blinkender Stern der Ausblick auf den späten Abend vor ihrer Seele. Dann mußte die Stimme des lauten, tätigen Lebens schweigen, dann tauchte das andere Leben hervor, das von den persönlichen Interessen losgelöste und doch in tieferem Sinne persönlichste. Dann sprachen sie von den Dichtern, die sie liebten, von den Denkern, die ihrem Geiste die Richtung gegeben hatten, von ihrer Stellung zu religiösen, sittlichen, sozialen

177 Fragen, von Kunst — sie waren beide in die alten Holländer verliebt, in Rembrandt am meisten — von Frentzius' Wissenschaft, von Juttas Eindrücken aus den Tagen, da sie noch mit ihrem leichtlebigen Vollrad schöne Reisen durch Italien, Norwegen, Frankreich machte — sie hatte damals noch mit sehr naiven Augen in die Welt geschaut und war an vielem achtlos vorübergegangen, um das sie ihr früheres Ich jetzt beneidete — anderes aber hatte sie mit solcher Frische und Begeisterung aufgefaßt, landschaftliche Eindrücke vor allem, daß sie durch ihre Schilderungen den Zuhörer noch heute zu warmer Mitfreude erwärmen konnte. Fentzius hatte wenig von der weiten Welt gesehen, sein Erleben hatte sich mehr im Innern abgespielt — und doch war es ein reich bewegtes Leben, nicht ohne dramatische Momente gewesen — aber wenige hätten das wohl so nachempfunden wie diese Frau, vor keinem anderen Freunde auch hätte er so die Tür seiner Seele zu öffnen vermocht. Andere hätten vielleicht über manches gelächelt; ihr warmes, freundschaftliches Mitempfinden ließ sie begreifen, was diese Erlebnisse für ihn bedeutet hatten: das Zerbrechen der ersten Jugendideale, die Ernüchterung seiner einst glühenden, kritiklosen Vaterlandsliebe, die Entdeckung kleinlich berechnender Charakterzüge in einem angebeteten Freunde, die Bitternis der ersten schneidenden Ungerechtigkeit, die er erlitten, und der ersten herben Vertrauenstäuschung — das Fehlschlagen seiner liebsten Hoffnung: er hatte sich zum Dichter berufen geglaubt, aber sein Drama "Lassalle" war nach langen Irrfahrten ebenso verzweifelt den Flammen zum Fraß

178 übergeben worden wie das, von sehr sachverständiger Seite unbarmherzig verurteilte Bändchen "Großstadtlyrik". Das Los von Hunderten. Keine harten Schicksalsschläge. Und doch — wenn beim Erzählen das schmale, graublasse Gesicht sich vor Aufregung rötete, wenn ein schmerzliches Zucken den Mund umspielte und ein gequälter Zug auf die Stirn trat — diese schon so frühzeitig von leisen Furchen gezeichnete Stirn, dann fühlte Jutta: Einer, der viel gelitten hat und noch viel leiden wird, weil er das Leben inniger, persönlicher erlebt, als die große Menge. Sehr durchlässiger Seelenboden, in den die Erfahrungen tief eindringen. Einflüsse, die an andern abgleiten, krallen sich fest in ihm und führen Wandlungen herbei, die ihrer Bedeutung nicht entsprechen. Einer, der zur Tragik bestimmt ist. Und wenn sein äußeres Schicksal auch noch so sanft sich abspinnt, er wird doch tragische Erlebnisse haben.

Das war es, was sie vor allem anzog: seine große seelische Verwundbarkeit. So grundverschieden war seine Art von ihrer eigenen frohen, selbstsicheren. Aber deshalb übte er wohl gerade diesen starken Reiz auf sie aus. Wie ein sehr feines Instrument kam er ihr vor, dessen Saiten auf die leiseste Berührung hin schwingen. Sie fühlte, daß sie ihm sehr wehe tun konnte und ihn unendlich beglücken. Ein wenig Mitleid war in ihrer Neigung, aber kein herabsetzendes, nein, ein Gefühl, das ihm selber Macht über sie gab, ohne daß er sich dieser Macht bewußt wurde. Er war nicht immer liebenswürdig im Verkehr mit der so innig verehrten Frau. Oft quälte er sie durch Empfindlichkeit,

179 Verstimmungen, Mißtrauen, stieß sie zurück durch schroffen, verletzenden Widerspruch; aber sie war ihm gegenüber von unerschöpflicher Nachsicht, denn sie sah unter allen Schlacken, hinter allem Dunst die reine Flamme hervorglühen: die große, ehrfürchtige Liebe.

Diese zarte Liebe rührte sie — und reizte sie doch manchmal zu innerem Widerspruch — als ob man ihr eine Rolle aufzwingen wollte, die ihr nicht auf den Leib geschrieben war.

Oft wurde sie von einem koboldartigen Gelüste gepackt, ihn aus der Fassung zu bringen, ihn seine Selbstbeherrschung verlieren zu sehen — und dann kam doch wieder eine Ahnung über sie, daß eine solche Liebe vielleicht ein echteres Glück war, als das festzugreifende Inbesitznehmen.

Sehr still, äußerlich einförmig ging der Spätherbst dahin. Sonst hatte Frau von Hadersloh um diese Zeit regen Verkehr mit den umliegenden Gütern und in Lüneburg gehabt. Aber dieser Winter ließ sich wunderbar ruhig an. Auf Wispingen bei Börckes und auf Schranstadt bei Blissings war alles influenzakrank. Und aus Lüneburg trafen die Einladungen merkwürdig spärlich ein. Es lebten dort allerlei Familien vom alten Welfenadel, auch einige vom Dragonerregiment, vom Landgericht und der Regierung, die sich sonst immer sehr beeilt hatten, die übliche steife Kartonpapierkarte nach Eicken zu entsenden — man sicherte sich die schöne Frau von Hadersloh gern rechtzeitig als Hauptattraktion für das erste Diner — aber in diesem Jahre schienen die Leute recht gesellschaftsfaul zu sein oder — nicht mehr ganz so viel Wert wie

180 früher auf die Anwesenheit der Herrin von Eicken zu legen. Manchmal wunderte Jutta sich darüber.

"Ich werde alt — die Leute fangen an, mich zu vergessen", meinte sie wohl einmal scherzend.

Aber viel dachte sie nicht darüber nach.

Ihr Leben dünkte sie jetzt wertvoller ausgefüllt, an freundlichen Wechsel und Abtönungen reicher, denn je.

Sie widmete sich mehr noch als sonst ihren Kindern, besonders den Söhnen, im Gefühl, daß es der letzte Winter war, den sie als liebe, kleine Jungen im Mutterhause verleben durften — sie sollten möglichst viele trauliche Erinnerungen mit hinausnehmen, möglichst viele Eindrücke, die ihnen Kraft und Richtung für die Zukunft gäben.

Aber ebensoviel, mehr noch vielleicht, lebte sie jetzt, auch in den Stunden, die sie ohne seine persönliche Gegenwart verbrachte, mit dem andern, dessen Tage auf Eicken gezählt waren, mit dem Freunde, der ihr täglich lieber wurde.

Die Abendstunden allein gehörten dem persönlichen Verkehr mit ihm, — dem innerlichen der ganze Tag.

Oft suchte sie sich selber einzureden, daß es doch vor allem der Lehrer ihrer Kinder war, der ihr in seiner Person so wichtig erschien, der Erzieher, der mit feinem, liebevollem Verständnis in die jungen Seelen sich versenkt hatte und sie manchmal — zu Juttas Beschämung — schneller und gründlicher begriff, als die eigene Mutter. Sie war ihm Dank schuldig. Sie sah in ihm den treuen Gehilfen bei der wichtigsten Aufgabe, die das Leben ihr stellte. War's nicht natürlich, daß er einen Mittelpunkt ihres Denkens bildete?

181 Aber dann kamen auch wieder Momente der Ehrlichkeit, in denen sie diese inneren Rechtfertigungsversuche belächelte und sich selber die Wahrheit gestand: das ist doch nicht der einzige Wert, den er für mich hat. Hier liegt doch nicht der Schwerpunkt meines Empfindens für ihn. Er selber, seine Persönlichkeit, er selber, der liebe, eigene, feine Mensch — ich habe ihn lieb — so seltsam es scheint, wenn man mit jemand schon jahrelang in freundlichem Gleichmut zusammen gelebt hat — es ist doch eine neue, warme Herzensneigung von besonderer Art. Andere hatte Jutta leidenschaftlicher, verlangender geliebt, über keinen aber hatte sie noch so viel nachgedacht.

Auch das, was ihr in seinem Wesen mißfiel — auch das zog sie näher zu ihm heran, weil es in starker Weise ihre Gedanken fesselte und ein Sehnen nach Aufklärung, Versöhnung in ihr weckte.

Es kam die Zeit der längsten Nächte, die Zeit, da den Menschen ein warmes Heim traulicher anmutet, als zu irgendeiner anderen Zeit des Jahres.

Um Mitte Dezember war starker Schneefall eingetreten, und wenn die Herrin von Eicken mit ihren Kindern die täglichen Spaziergänge durch Park und Fluren unternahm, suchte sie ihr altes Alpenkletterkostüm hervor, hochaufgeschürzt und wetterdicht, und zog Herrenstulpenstiefel über die schmalen Füße. Denn so viel Zeit konnten die Knechte nicht zum Bahnkehren verwenden, als es bedurft hätte, um die dickverschneiten Parkwege in zivilisierte Spazierpfade umzuwandeln. Luise Schott beteiligte sich oft an diesen Wintermärschen, während die kleine Ottilie immer eine Entschuldigung

182 fand. Ihr graute vor der Kälte. Auch Frentzius blieb jetzt öfter von den gemeinsamen Spaziergängen zurück als im Sommer, aber aus anderen Gründen. Er pflegte sich jetzt gleich nach Schluß der Unterrichtsstunden über seine Arbeit herzustürzen und gönnte sich tagsüber wenig Erholung, um nur die Abende frei zu behalten, diese köstlichen Abende.

Und dann — es war seltsam: wenn Jutta in ihrer drolligen Vermummung so jugendlich übermütig mit den Kindern Wettläufe durch den dicken Schnee machte, Schlitten fuhr oder Schneeballschlachten mitfocht, dann erschien sie ihm weniger reizvoll als sonst. Sein Urteil billigte dieses frische Kindsein mit den Kindern, seine verliebte Phantasie wußte aber nichts Rechtes anzufangen mit dieser Schneeball schleudernden jungen Mutter. Sie sollte vornehm und ruhig sein, von langwallenden Gewändern umflossen, anmutig im hohen Sessel zurückgelehnt sitzen, wie eine Königin, und kluge, gütige Worte sagen — sie stand vor seiner Seele immer wie ein Bild, wie etwas Vollendetes, vor dem man anbetend sich neigt. Aber nur für ihn allein mußte das Madonnenbild bereit sein zur Andachtsübung — weit mehr als früher noch litt er jetzt unter der Gegenwart fremder Menschen — für die Influenza im Hause Börcke dankte er dem Schicksal täglich! Und selbst die Kinder sah er jetzt nicht mehr gern um sie herum — und das alles, diese verzehrende Eifersucht, dieser selbstische Isolierungswunsch ohne irgendwelche Hoffnung, ja ohne irgendwelches Streben nach einem Ziele, das fremde Augen hätte scheuen müssen.

183 Ich liebe die Frau wie eine Heilige! so stand es fest in seiner Seele.

Und wenn seine jungen, heißen Sinne sich gegen die mönchische Anbetung empörten und zu nächtlicher Stunde schwülen Träumen Einlaß gewährten, Phantasieerlebnissen, die ihm Frevel dünkten, dann hielt er sich am anderen Morgen um so herber zurück, wenn die geliebte Frau sich ihm vertraulich näherte.

Nur einmal, da kam ein Augenblick — es war ein Winterabend, so still, so wundervoll still und einsam — längst schon war alles im Hause zur Ruhe gegangen; die alte, von dünnen dorischen Säulchen flankierte Uhr auf dem Kaminsims hatte mit ihrer kränklich klirrenden Stimme die Geisterstunde angezeigt, und nur die beiden waren noch wach, die ihre geliebten Abendstunden jetzt immer weiter und weiter hinausdehnten, denen auch um die Geisterstunde noch keine Müdigkeit nahte, wenn sie beisammen waren.

Frentzius hatte der Herrin Radierungen nach Rembrandt-Bildern vorgelegt, die ihm ein Kunsthändler zur Auswahl geschickt und von denen er sich eine "selber zu Weihnachten schenken wollte". Er gab viel Geld aus für solche Dinge. Oft staunte Jutta, daß er für einen feinen Stich oder eine seltene, alte Buchausgabe vor Summen nicht zurückscheute, die mit seinen bescheidenen Mitteln in starkem Widerspruch standen. Im Goethe-Gartenhausstübchen waren mancherlei Dinge aufgestapelt, die sich sonst nicht in dem Zimmer eines Hauslehrers finden. Aber er war so strahlend glücklich über derartige Erwerbungen, daß man ihm die Verschwendung wohl gönnen konnte.

184 Lange hatten sie miteinander unter den Blättern gewählt und sich endlich für eine sehr feine Wiedergabe der "Aussöhnung Esaus und Jakobs" entschieden.

Dann war ein flüchtiger Sturm über den Meeresspiegel des glatten freundschaftlichen Einverständnisses hingefahren. Jutta hatte Tizians "Himmlische und irdische Liebe" erwähnt, ein Bild, das sie sehr bewunderte und das er für kalte Theaterdekoration erklärte. Überhaupt — der ganze Tizian war für ihn ein flotter Könner, weiter nichts. Ohne Tiefe, ohne Seelenwärme, ohne innerliche Größe. Frentzius war nicht liebenswürdig im Streiten, verbiß sich in Abneigungen und schmähte häufig die Gegenmeinung, statt sie zu widerlegen. Oft klang es, als kämpfte er gegen eine Charakterschlechtigkeit an, wenn es sich doch nur um eine harmlose Frage des Urteils handelte.

Plötzlich schnitt Jutta den Streit durch ein helles Lachen ab. "Wir sind doch immer noch Kinder, stecken noch immer in dem kindlichen Glauben, daß man Gründe durch gute Gegengründe widerlegen könnte, als ob nicht jeder seine Meinung viel zu lieb hätte, um sie sich im Wortkampf rauben zu lassen."

Und dann führte sie den Freund in das Land, wo sie sich noch immer gefunden hatten — sie flüchtete zu Goethe.

Zum erstenmal hatte sie heute die Pandora ganz und mit gereiftem Verständmis gelesen und war von der Fülle ungeahnter Schönheiten überrascht gewesen, die ihr aus dem wunderbaren Werk entgegenleuchtete.

Da fand sie Widerhall in Frentzius. Vor allem anderen war ihm die Gestalt der Epimeleia lieb. Und

185 Jutta sprach mit weicher Stimme, die wie aus einem Traum hervorklang, die Worte der ernsten Epimetheustochter:

"Ach, warum, ihr Götter, ist unendlich alles, alles, endlich unser Glück nur!"

"Endlich unser Glück nur", wiederholte er leise. Dann griff er nach dem Goethe-Band, der auf dem Tische zu seiner Seite gelegen hatte, und durchblätterte ihn, ohne auch nur ein Wort zu erfassen. Und Jutta nahm noch einmal die Rembrandt-Radierungen zur Hand. Stille trat ein, beklemmende Stille.

Mit heißen Blicken, unter halbgesenkten Wimpern hervor sah Leo Frentzius auf die geliebte Frau, die bequem, ein wenig müde, in ihrem Schaukelstuhl zurückgelehnt lag. Sie hatte sich heute nicht ganz wohl gefühlt und ihr Hauskleid mit einem weiten, gelbweißen Morgengewand vertauscht, einem Gewande, das Leo Frentzius verführerisch wie kein anderes Kleid dünkte. Dieses duftige Spitzengeriesel vor der Brust und um die weiten, offenen Ärmel, wie schneeweiß die Arme daraus hervorschimmerten! So etwas unbeschreiblich Weiches lag heute über der Frau — ihre Füße in schwarzen, durchbrochenen Strümpfen waren auf ein Kissen gestützt und mit dem rechten Fuß wippte sie immer auf und nieder; bei jeder Bewegung schlüpfte der Fuß ein wenig aus dem niederen Lackschuh heraus — und diese Bewegung hatte so etwas wunderlich Intimes — immer wieder mußte Frentzius hinsehen, wie die Ferse herausschlüpfte. Jutta merkte, während sie scheinbar gar nicht von dem "Esau und Jakob" aufsah, wie das Wippen mit dem Fuß ihn

186 irritierte, aber sie hielt nicht inne — ein prickelndes Erwarten, schwüle Neugierde kam über sie — irgend etwas mußte jetzt geschehen — auf so langes Schweigen muß etwas Besonderes geschehen.

Aber er wandte plötzlich den Blick von ihr ab — ein gewaltsames Losreißen — und sagte, in einem Ton, der ihr in diesem Moment sehr drollig, unglaublich pedantisch vorkam: "Erscheint Ihnen der Prometheus in der Pandora nicht wesentlich anders als der in Goethes Jugenddichtung?"

"Ja", antwortete sie, leise gähnend, "der Rebell aus der Jugendzeit war mir interessanter. Aber der neue Tag ist schon angebrochen. Wir müssen zur Ruhe gehen, lieber Freund."

Sie erhob sich und reichte ihm die Hand.

Er küßte sie, ein leiser, höflicher Handkuß, wie jeden Abend — dann aber, als ob die unschuldige Berührung zu viel für die Spannung seiner gequälten Sinne gewesen wäre — riß er die Hand hastig an sich, schob den weiten Spitzenärmel zurück und preßte einen heißen, schmerzhaft festsaugenden Kuß auf den weißen Arm, dicht unter dem Ellbogen.

Dann stürzte er fort, wie gejagt.

Jutta schaute ihm nach, mit einem seltsamen Lächeln.

Dann ging sie in ihr Schlafzimmer hinauf, schickte die schon eingenickte Alwine zu Bett und kleidete sich aus.

Bevor sie das Nachthemd anzog, schmiegte sie ihr Gesicht auf die Stelle des Unterarmes, die rot gezeichnet war. "Weh tat es, wie ein Biß", sagte sie

187 leise vor sich hin, "wunderlicher Gesell. So heiß brennt's in ihm — und dabei wollte er eine Betrachtung über den Prometheus anstellen. Es ist sehr hübsch von ihm, sehr — aber eigentlich begreif' ich solche Menschen doch nicht ganz."

Sie lachte.

Und dann huschelte sie sich in ihr Bett und stellte sich vor, wie es Leo Frentzius jetzt wohl zumute sein mochte.

Diese Vorstellung hatte großen Reiz für sie. Aber am nächsten Morgen trat sie dem Freunde doch mit einer gewissen Kühle entgegen — sie fühlte, daß er jetzt sanft vorwurfsvolle Zurückhaltung von ihr erwartete.

Und als er sie einen Augenblick allein traf, flüsterte er ängstlich: "Sind Sie mir böse? — Ich weiß wohl, es war — aber ich hatte die Besinnung verloren."

"Ich bin Ihnen nicht böse", antwortete sie sanft. Und als er sie, tief aufatmend, verließ, lachte sie wieder wie gestern Nacht über ihn und über sich selber.

XV

[188]

 

Luise Schott und Frentzius halfen Jutta beim Ausschmücken des Weihnachtsbaumes. Und die beiden Frauen lachten Frentzius aus, weil er gar nicht mit den etwas primitiven Drahtlichterhaltern fertig werden konnte. Seine Kerzchen legten sich immer gleich wieder auf die Seite wie welke Blumenstengel.

"Dafür gibt es jetzt sehr viel praktischere Einrichtungen", sagte er unwillig, da er sich jetzt auch noch an dem Draht die Finger blutig gerissen hatte.

"Ja", entgegnete Jutta, "es gibt sogar elektrische Christbaumkerzen. Nach Eicken werden sich die aber nie verirren. Zu Weihnachten will ich alles altmodisch haben. Da soll alles so gehalten werden, wie es seit Generationen gehalten worden ist. Sonst ist es nicht das Echte."

"Darum gehen Sie auch nachher mit Ihren Kindern in die Christmette?" meinte Leo Frentzius in spöttischem Tone.

Sie nickte. "Hoffentlich kommen Sie mit?"

Aber nein, den Gefallen wollte er ihr doch nicht tun. Er schüttelte energisch den Kopf. "Das dürfen Sie nicht von mir verlangen, gnädige Frau. Ich würde — ja, in der Tat, ich würde mich schämen."

189 "O, Herr Doktor!" rief die sehr religiös empfindende Luise Schott entrüstet.

"Und von Ihnen, gnädige Frau, versteh' ich es auch nicht", fuhr er unbeirrt fort; "als ob Sie irgend etwas davon hätten, als ob Sie mit gläubigem Herzen eine Weihnachtspredigt anhören könnten."

Eine kurze Weile schwieg Jutta. Dann entgegnete sie mit freundlicher Ruhe: "Wenn ich ganz allein stünde, würde ich es auch vielleicht nicht tun. Aber ich bin Patronatsherrin und Mutter. Und sittliche Worte, die für mich nicht mehr gelten, verlieren ihre Kraft deshalb noch nicht für andere. Meine Heidjer würden sehr verarmen, wenn sie ihren strengen Kirchenglauben einbüßten. Und Kinder ganz religionslos zu erziehen, halte ich auch für ein Wagnis. Das wissen Sie ja längst."

"Inkonsequent", murmelte Frentzius vor sich hin. Er hatte sich gleich ausbedungen, von den Religionsstunden entbunden zu werden. Die gab der Dorfpfarrer den Kindern auf Eicken. Aber diese Konzession genügte dem antiglaubenseifrigen Doktor noch nicht. Im Gespräch mit den Kindern vermied er, diesen heiklen Punkt zu berühren, aber Jutta hatte schon manchen spöttischen und ernsten Vorwurf von ihm hören müssen, weil sie — selber freidenkend — äußerlich die kirchlichen Formen achtete.

"Weshalb streiten, lieber Doktor", fuhr sie fort, mit ihren schönen, nicht kleinen, aber edelgeformten Händen bunte Papierketten um die Tannenzweige schlingend. "Sie sagen: écrasez l'infame, — ich sage: was

190 irgendeiner Seele Halt und Frieden gibt, hat seine Daseinsberechtigung."

Der Baum war geschmückt. Die Herrin von Eicken saß, von ihren Kindern umgeben, im Patronatsstuhl der kleinen Dorfkirche. Und ihre Bauern hätten sich sehr gewundert, wenn es anders gewesen wäre. An einem hohen christlichen Festtag gehörte die "Eddelfru" unter die Gemeinde in die Kirche.

Nach Schluß des Gottesdienstes wurde den Gutsleuten beschert.

Und dann kam der Erfreuungsmoment für die Familie und alle, die zum Familienkreis gerechnet wurden.

Es herrschte in Eicken nie die gewisse laue Pflichtdankstimmung, die sich so leicht bei Weihnachtsbescherungen einstellt. Jutta Hadersloh hatte Schenktalent. Jeder bekam immer irgend etwas, das sich er ganz besonders gewünscht hatte.

Lippold, der sonst eher Kühle, Verschlossene, jubelte wie ein kleines Kind über seinen photographischen Apparat, das Elfchen stand verzückt vor dem leichten, hellblauseidenen Ballkleid — Jutta wollte die Kleine im Januar mit auf den Lüneburger Kasinoball nehmen — und Frentzius strich liebkosend über die schönen Einbanddecken von zwei dicken Büchern. Es war die große Neumannsche Rembrandt-Biographie.

"Wie haben Sie das Buch herausgefunden, nach dessen Besitz mich schon längst verlangt hat?" fragte er die herantretende Jutta, "ich wüßte nicht, daß ich Ihnen je davon gesprochen hätte."

"Vielleicht habe ich Sie mit heimlichen Röntgenstrahlen

191 durchleuchtet und den Wunsch in Ihrer Seele gelesen."

"So wird es wohl sein. Sie wissen ja oft das, was ich nur in meinem Innern sage", erwiderte er leise, "unendlich vieles lesen Sie durch meine Stirn hindurch — zum Glück nicht alles."

"Haben Sie so schwarze Gedanken zu verbergen?" scherzte Jutta.

Da kam die kleine Margarete herbei: "Mama, willst du denn nicht endlich mal deine Pakete aufmachen?"

Jutta trat an ihren Tisch, wo zwischen den kleinen Geschenken der Kinder und Handarbeiten von Luise Schott und Ottilie eine Anzahl verschnürter Pakete lag. "Wer rät wohl, was in diesem ist?" fragte Luise, eine runde Pappschachtel hochhaltend, die keinen Poststempel trug.

"Die Lübecker Marzipantorte!" antworteten prompt die drei Kinder.

Das war Klaus Börckes feststehendes Geschenk. Mit todsicherer Regelmäßigkeit wanderte allweihnachtlich eine Lübecker Marzipantorte von Wispingen nach Eicken und ein Körbchen Kalvillen — das Eliteprodukt aus Juttas Obstgarten — von Eicken nach Wispingen.

"Das gehört auch zu Weihnachten", sagte Jutta lächelnd, "solche eingewurzelte Schenkungssitten. Ich würde sehr enttäuscht sein, wenn jemals etwas anderes als der Lübecker Marzipan von Wispingen käme. Aber hier, das scheint eine Überraschung zu sein. Aus Köln!"

"Von Herrn Gervissen!" rieten die Kinder.

192 "Da ist gewiß auch was für uns drin", meinte Georg, und begrüßte jubelnd — trotz seiner Obertertianerreife und fast Manneslänge — das schöne russische Konfekt, das Gervissen seinen kleinen Freunden schickte. Auch für Jutta hatte er etwas aus Rußland mitgebracht, ein seltsames Schmuckstück an langer Kette aus Silber und bunten Steinen.

"Sein Wert ist nur Kuriositätenwert, deshalb darf ich es Ihnen zu Füßen legen, liebe, verehrte Frau", schrieb Gervissen - das gefährliche du wurde im brieflichen Verkehr vermieden, "der Händler in Moskau hat mir bei allen Heiligen der griechisch-katholischen Kirche zugeschworen, daß das buntglitzernde Ding aus der Zeit Iwans des Schrecklichen stammte."

"O, Mama, was für ein romantisches Geschenk", rief Georg, während er die Kette ehrfurchtsvoll durch seine Finger gleiten ließ, "wer weiß, was für ein schönes Hoffräulein die getragen hat, wahrscheinlich eine, die nachher erdrosselt worden ist!"

"Darf's ich Ihnen mal umlegen?" bat das Elfchen; "o, wie süß es auf dem dunkelgrünen Tuchstoff aussieht. Finden Sie nicht, Herr Doktor?"

"Sehr schön — wenn auch reichlich bunt", meinte der Doktor und kämpfte mit einem Gefühl neidischer Beschämung. Daß ihm selber auch gar nichts eingefallen war, nicht die kleinste Aufmerksamkeit! Aber alles, was er ihr hätte schenken können — schenken dürfen, war ihm zu wertlos und alltäglich erschienen.

Finster ruhte sein Blick auf der geliebten Frau, während sie den sehr langen Brief des Ingenieurs las. "O", sagte sie erfreut, als sie bei der letzten Seite

193 angelangt war, "er schreibt, daß er nächstens wieder in unsere Gegend kommt - das heißt, er nennt es unsere Gegend, , weil's hannoversich ist, er soll in der Nähe von Goslar nach Kali suchen. Da kommt er gewiß einmal nach Eicken, meinst du nicht auch, Luise?"

Aber Luise Schott hörte es nicht; sie war leise hinausgegangen. "Ich glaube, sie bringt deine Geschenke zu Inspektors hinüber", meinte Gretchen; "sie hat den Kindern auch ein Bäumchen aufgeputzt, Männer verstehen ja so was nicht."

"Nein, Männer taugen nicht dazu", stimmte Jutta lächelnd bei, "da ist's schon besser, daß Luise für die Mädelchen sorgt."

Sonst war der Inspektor mit seiner Frau immer am Heiligabend eingeladen worden. Diesmal hatte er gebeten, fernbleiben zu dürfen, was Jutta nur zu verständlich fand.

Aber die Festfreude schien doch auch in das verwaiste Inspektorhaus eingekehrt zu sein, denn als Luise nach einer Stunde heimkehrte, ziemlich verspätet, der Karpfenabendschmaus hatte schon begonnen, da strahlten ihre Augen und sie konnte den Jubel der drei kleinen dicken Mädchen nicht laut genug schildern. "Wie leicht doch Kinder vergessen", meinte sie dann wehmütig, "kaum daß sie hinhörten, wenn ich von der verstorbenen Mutter sprach. Und wie viel zärtliche Liebe hat sie auf die kleinen Dinger gehäuft."

"Und Hortmann?" fragte Jutta.

"Er war still", antwortete Luise, "aber sehr dankbar, sehr — für all deine Freundlichkeit", setzte sie schnell hinzu.

194 Und Jutta sah lächelnd auf das mit einer gewissen Verlegenheit über den Teller gesenkte Gesicht ihrer Freundin.

Sie dachte daran, daß vielleicht hier für zwei einsame Menschen ein spätes, ernstes Glück erblühte.

Der Himmel sandte in dieser Nacht ein Weihnachtsgeschenk herab, das nicht jedermann willkommen sein mochte: eine solche Schneefülle, wie sie seit Greisengedenken in der Heide nicht mehr erlebt worden war.

"So mag's in Holstein ausgesehen haben, wie das fromme Mütterlein -Eine Mauer um uns baue' sang", meinten die Haderslohschen Kinder, als sie noch vor dem Frühstück in den Hof hinauseilten, um den seltenen Anblick der hochaufgeschaufelten Schneeberge zu genießen und den Knechten Fritz und Jochen zuzuschauen, die sich schon seit geraumer Zeit vergeblich abmühten, das große Tor zu öffnen, das nach außen durch einen meterhohen Schneewall verrammelt war.

Der Weg zum Dorfe war vollständig abgesperrt und auch die Züge mußten eingeschneit sein, denn der Frühpostbote blieb aus.

Tiefer Sonntagsfriede herrschte in Eicken. Jutta versenkte sich in Lektüre und die Kinder genossen in ungestörtem Behagen ihre Weihnachtsgeschenke. Aber gegen Mittag hielt es das freiluftgewöhnte kleine Volk nicht länger im geschlossenen Raume aus und alle drei gingen in den Garten hinaus, um für die Mutter einen Spazierweg zu schaufeln — eine Sisyphusarbeit, denn schon bald nach Tische begann der Schneefall von neuem.

Unaufhörlich, dicht und leise fielen die feinen

195 Flocken herab, alles Bunte, Lebendige verdeckend, alle Formen gleichmachend, verhüllend in einförmiges Weiß.

Ein Schwermutgefühl kam über Jutta. Jeder ihrer Hausgenossen hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen, und Jutta fühlte sich beengt durch die Totenstille. Sie war wohl ein wenig nervös heute. Das Schweigen drückte sie wie eine unsichtbare Last und der Anblick dieser gleichmäßig niederfallenden Schneemassen, die die Atmosphäre verdunkelten und den Tag nur als matten Übergang zu einer neuen Nacht erscheinen ließen, hatte für ihr Empfinden etwas Beklemmendes.

Sie sehnte sich nach Leben, nach warmer Berührung mit einer anderen sympathischen Menschenseele. Da fiel ihr ein, daß sie Frentzius aus Vergeßlichkeit eine kleine Gabe vorenthalten hatte, die sie ihm noch zugedacht: eine sehr alte zierliche Ausgabe des "Hesperus", die sie neulich in einem Lüneburger Antiquarlädchen entdeckt hatte und die dem Bibliophilen sicher Freude machen würde. Daß sie gestern auch gar nicht mehr an das Büchlein gedacht hatte! Jetzt freute sie sich über ihre Vergeßlichkeit.

Frentzius sprang vom Sofa auf und steckte hastig etwas in die Tasche, als sie in das schon ganz dämmerige Goethe-Gartenhausstübchen eintrat.

"Habe ich Sie in Ihrer Nachmittagsruhe gestört?" fragte Jutta, und ließ sich auf ihrem Lieblingsplatz, dem ledernen Großvaterstuhl am Fenster, nieder.

Er lächelte, nicht ohne Schelmerei. "O nein, ich schlief nicht; ich war wach, sehr wach. Sehr beschäftigt. Ich unterhielt mich."

196 "Mit was?"

"Mit einem Bilde."

"Darf ich es sehen?" Sie wies mit der Hand auf seine Rocktasche.

"Nein."

"Also ein Geheimnis?"

Er nickte — lächelnd zuerst, dann wandelte sich aber das Lächeln in einen Zug schmerzlicher Sehnsucht.

Sie wurde verwirrt unter seinem Blick, fühlte, wie heißes Rot in ihrem Gesicht aufflammte, und ärgerte sich über sich selber. Lächerlich, wie ein sechzehnjähriges Mädchen, sie, die reife Frau, errötete vor dem Hauslehrer ihrer Kinder.

"Da", sagte sie, ihm ihr Geschenk überreichend, "das habe ich ja gestern Abend ganz vergessen. Und war doch neulich so froh, als ich es bei Davidsohn entdeckte."

"O — der -Hesperus'!" rief er erfreut, "und eine der ersten Ausgaben! Wie gut, wie freundlich von Ihnen. Immer denken Sie an mich!"

Das klang etwas ungeschickt: "besonders, da es nur allzusehr der Wahrheit entspricht", dachte Jutta, aber sie wußte ja, daß es ganz bescheiden gemeint war.

Dankerfüllt küßte er ihr die Hände.

"Ich habe auch hineingesehen und einige sehr schöne Stellen darin gefunden", sagte sie, ihre Hände leise zurückziehend. Es war heute etwas in seinem Wesen, das sie befangen machte. Zum erstenmal kam ihr der Gedanke, daß er ihren Besuch in seinem Zimmer vielleicht als besondere Gunst auffassen könnte.

197 "Also doch?" erwiderte er. "Bisher wollten Sie nichts von Jean Paul wissen. Und ich verstehe das. Er verlangt Geduld und unbedingte Hingabe. Man soll nicht mit der grellen kritischen Lampe an ihn herantreten. Einziehen soll man in seine Welt wie in einen wilden, dichtverwachsenen Wald, an einem schönen Sommertage, wenn man recht viel Zeit hat und kein bestimmtes Ziel verfolgt. Man darf sich durch die überwucherten Pfade, durch die Wirrnisse nicht abschrecken lassen. Nur ziellos schlendern und genießen. Dann wird man eine Fülle seltener Blumen entdecken — ungeahnte Naturwunder, Herrlichkeiten auf Schritt und Tritt. Er ist unglaublich reich bei all seinen Schrullen, Schwächen und Geschmacklosigkeiten."

Jutta fragte nach dem Rembrandt-Buch, ob Frentzius schon viel darin gelesen hätte.

"Den ganzen Morgen", gestand er ihr, "es ist ein feines Buch — ein Buch mit vollwiegendem Gedankengehalt. Es lehrt vieles neu sehen."

Er las ihr einige Stellen vor, die ihn entzückt hatten.

Dann aber hinderte ihn die Dämmerung am Weiterlesen.

"Wollen wir die Lampe kommen lassen?" fragte Jutta.

Aber er schüttelte den Kopf. "Lieber noch nicht. Die Dämmerstunde ist so schön."

Er trat neben sie an das Fenster und sie träumten schweigend in die stille Schneewelt hinaus.

"Wie rastlos gleichförmig das niederfällt", sagte

198 Jutta dann, beklommen aufatmend, "für mich hat es etwas Bedrückendes. Als ob das immer so fortgehen müßte, ohne Aufhören, ohne Lichtblick. Man meint, man müsse nun bald vollkommen eingehüllt sein, begraben unter den stillen, toten Schneemassen, abgeschieden von der Welt, in tiefe Einsamkeit versunken."

"Wie das schön sein müßte", sagte er halbleise vor sich hin, "wenn man ganz abgeschieden wäre von der Welt, von allem Störenden, Trennenden, allein mit der Qual und Seligkeit seiner Liebe."

Jutta zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück. Er aber griff nach ihrer Hand und hielt sie fest, mit leisem, zartem Druck.

"Nun ist es gesagt", fuhr er dann fort, und in seiner Stimme lag eine unbeschreibliche Innigkeit — etwas wie Lösung — Erlösung, als ob dieser Augenblick ihn von schweren heimlichen Leiden befreite — "und es darf Sie nicht verletzen, liebe, geliebte Frau. Es ist ja keine Leidenschaft, die — ach, Sie wissen ja, was ich meine. Nein, eine Liebe ist es, auf die Sie nur stolz sein können — ja, und wenn Sie mich auch einen Narren nennen, es ist doch so. Mancher hat Sie schon angebetet — eine Frau, wie Sie, kann ja nicht über die Erde gehen, ohne Leidenschaft zu erwecken — aber eines weiß ich ganz sicher: so, wie ich, hat Sie noch keiner geliebt, keiner. Wissen die meisten, die Frohen, Gedankenlosen denn überhaupt, was das heißt: so zu empfinden, so stark und tief, so zu leiden an seiner Liebe und dieses Leiden so zu genießen?"

Er hatte sich auf den Lehnsessel geworfen, tief zusammengesunken und zu ihr aufschauend mit einem

199 Blick, der durch die Dämmerung glühte in ekstatischem Feuer — es war ihm Bedürfnis, zu ihr aufzuschauen, am liebsten hätte er vor ihr gekniet, aber die Stellung wäre ihm zu theatermäßig vorgekommen, zu abgebraucht. -

"Vom ersten Tage an habe ich Sie geliebt", fuhr er schwärmerisch fort, "von dem Augenblick an, da Sie in die nach Staub und verstocktem Papier duftende Bibliothek eintraten und sagten: Ich will Ihnen suchen helfen! Es war so seltsam; eben noch hatten düstere Regenwolken den Himmel verhüllt, so trübe war es, daß ich die Büchertitel kaum erkennen konnte, und plötzlich, während Sie eintraten, brach die Sonne durch, eine breite goldene Lichtflut ergoß sich durch das Fenster — auf Sie, auf Ihre Gestalt, und mir war, als ob Sie eins wären, Sie und die Sonne, als ob das Leuchten von Ihnen ausginge, ich konnte mit den verzückten Klosterbrüdern fühlen, denen die Gnade einer Vision zuteil wird — und doch hatten Sie etwas köstlich Irdisches, in Ihrem silberig blauen Leinenkleid, Ihr Haar war etwas unordentlich, das Gesicht von frischer Luft gerötet — Sie kamen von einem Gang durch die Felder heim — und wie Sie zwischen den verstaubten Folianten wühlten und manchmal hell auflachten über die schnurrigen alten Bilder — ach, dieses Lachen, wie hab' ich mich danach gesehnt, später — und wie selig war ich, als ich dann wieder nach Eicken kommen durfte, in Ihren Dienst."

"Dienst?" widersprach sie ihm lächelnd.

"Lassen Sie es mich so nennen", beharrte er.

200 "Ihnen zu dienen, etwas für Sie leisten zu können, das ist ja mein höchstes Glück. Damals wußt' ich es selber noch nicht", fuhr er fort, das Gesicht mit seiner mageren nervösen Hand beschattend, "erst jetzt, in dieser allerletzten Zeit hab' ich es klar erkannt, daß ich nur für Sie, für Sie gelebt habe, die ganzen Jahre hindurch, daß Ihr Wesen, Ihre Stimme, Ihr Lachen, Ihr Blick, Ihr süßer, bezwingender Reiz die Nahrung meiner Seele gewesen ist, der Brennpunkt meines Lebens seit dem Augenblick, wo Sie mit der Sonne zu mir eintraten in die dumpfe Bücherstaubatmosphäre. Sind Sie mir böse?" fragte er, da sie, sich abwendend, in das Schneetreiben hinausblickte — er konnte ihr Gesicht in diesem Moment nicht deutlich sehen, ihr heftiges Atmen verriet ihm aber, daß sie erregt war — "durfte ich Ihnen das nicht sagen? Habe ich zu viel gewagt? — Sie antworten nicht —" er bog sich zurück und preßte die Hände gegen die Schläfen — "aber es war ja nicht anders möglich — einmal mußte es hervorbrechen — Sie ahnen ja nicht, wie ich gekämpft habe, wie ich gelitten habe - eine solche Liebe, die nichts hoffen darf, nichts verlangen, die sich selber verzehrt, ist ein Martyrium."

Da wandte sie ihm ihr Gesicht wieder zu. Aber Entrüstung war es nicht, was er in ihren warmleuchtenden Augen las.

"Sie haben mir das nicht erst heute gesagt" - ihre Worte kamen leise, langsam, wie aus Traumtiefen hervor — "ich habe es längst gewußt."

"Gewußt?" wiederholte er, sich vorbeugend und ihre Hände ergreifend. "Und — Sie ließen es geschehen, Sie schickten mich nicht fort? Fürchteten Sie

201 denn nicht, daß — ich Ihnen unbequem werden könnte, daß —"

Er stockte. In ihrem ruhig lächelnden Gesicht glaubte er etwas Überlegenes zu finden, etwas, das ihn verletzte.

"Wenn Sie so klar sahen", fuhr er fort, ihre Hände loslassend — "vielleicht wäre es dann besser gewesen, den armen, liebeskranken Narren hinauszustoßen, statt ihn immer rettungsloser in seine Torheit versinken zu lassen."

"Ihn hinausstoßen?" sagte sie, die Hand aufs Herz pressend, mit einer Stimme, die von verhaltener Aufregung bebte, "das wäre über meine Kraft gegangen — weil ich den armen Narren selber immer lieber gewann."

Da war es zu Ende mit der scheuen Ehrfurcht. Ein leises, seliges Jauchzen — und Leo Frentzius hielt die schöne Frau von Hadersloh in seinen Armen. Fest preßte ihr blühender Mund sich auf seine schmalen, blassen Lippen. Aber nur für einen kurzen wonneschweren Augenblick, dann löste sie sich sanft von seiner Brust los.

Leo Frentzius blieb allein. Und durch die kleine, dämmerstille Arbeitsstube zog ein Jubelgesang des Herzens, ein Triumphlied höchster Menschenseligkeit — auf alle Könige der Erde sah Leo Frentzius mitleidig lächelnd herab — was war ihr Glanz gegen den goldenen Glücksregen, den diese Stunde auf ihn herabgegossen hatte? Geliebt — geliebt von der schönsten Frau!

XVI

[202]

 

Eine eiskalte Winternacht, mondhell und froststarrend.

Frau von Hadersloh kehrte mit der kleinen Ottilie vom Lüneburger Kasinoball heim. Nie war ihr noch der Weg von der Bahnstation nach Eicken so lang erschienen. Sie saßen beide in dicke Pelze gehüllt, und doch spürte man die scharfe, schneidende Ostluft noch durch die geschlossenen Wagenfenster. Und Jutta empfand diese Kälte heute anders als sonst, wie einen persönlichen Angriff. Sie war verstimmt und jeder unangenehme äußere Eindruck diente dazu, ihr Mißbehagen noch zu verschärfen. Sie fühlte sich wehrlos, gequält.

"Ich wollte, wir wären erst daheim", seufzte sie.

"Sie sind sehr müde?" fragte das Elfchen.

"Ich habe Kopfweh und friere."

"O, Sie arme, liebe gnädige Frau", bedauerte die Kleine zärtlich, "und sind doch bis zu Ende geblieben — gewiß, um mir die Freude möglichst lange zu gönnen?"

"War es denn wirklich schön?" fragte Jutta zweifelnd zurück.

"Köstlich! — Mein erster Ball."

"Bescheiden", dachte Jutta. Sie war erstaunt gewesen,

203 daß ihr Schützling nicht mehr Eindruck gemacht hatte, dieses Sylphenkind mit den duftigen Pastellfarben, dem silberblonden Haar — wie eine Titania, die unter handfestes Menschenvolk geraten ist, so hatte sie unter den anderen jungen Leuten ausgesehen — und doch waren die meisten achtlos an ihr vorübergegangen; es hatte Mühe gekostet, ihr die nötige Anzahl Tänzer zu verschaffen. Sehr häufig sah Jutta sie unbeachtet, freundlich lächelnd, in irgendeiner Ecke stehen.

"Die kleine Gouvernante", dachte Frau von Hadersloh, "alberner Hochmut. Wenn ich sie doch mitbringe, als meinen Schützling. Ja, das heißt — vielleicht hat das gerade ungünstig gewirkt, vielleicht —" da waren ihre Gedanken wieder an dem peinlichsten Punkte angelangt.

"Sie frösteln", sagte Otti, "ich will Ihnen die Beine mal etwas fester einpacken." Sie kniete im Wagen nieder und hüllte Juttas Unterkörper ein, als ob sie noch ein Nordpolfahrt vor sich hätten. "Und dann will ich ganz still sein. Ich weiß, Sie denken jetzt lieber nach."

Jutta schwieg, den Kopf tief in die Polster zurücklehnend.

Froh waren die Gedanken nicht, denen Otti sie so rücksichtsvoll überlassen wollte.

Das war ein unerquicklicher Abend gewesen, sehr unerquicklich — eigentlich ein schauderhafter Abend.

Die Kommandeuse hatte sie sehr zuvorkommend begrüßt. Nun ja, Pflicht der Wirtin. Auch die liebe alte Frau von Ollershausen mit ihren beiden feinen,

204 verblühten Töchtern war herzlich wie immer gewesen. Aber die anderen?"

Schon häufig in den letzten Wintern war es Jutta aufgefallen, daß die Damen in Lüneburg ihr kühl gegenüberstanden, aber sie hatte doch immer ihre Rolle gespielt als schöne Frau und Freifrau von Hadersloh. Von den Herren war sie sogar verwöhnt worden.

Heute aber -

Der Tischplatz neben Herrn von Schletthan, dem flotten alten Junggesellen, von dem man sich spöttelnd erzählte, daß er bei seinen grauen Haaren nach jedem hübschen Ladenmädel nachlief — nun, der Platz war gerade keine Auszeichnung gewesen, aber schließlich hatte Jutta sich doch mit dem alten Sünder ganz gut unterhalten.

Aber daß die dicke Majorin gegenüber immer an ihr vorbeisah, wenn sie sie anreden wollte, und daß ihr rechter Nachbar, der Geheimrat, so äußerst durchsichtige Ausflüchte hervorsuchte, als sie erwähnte, daß sie seine junge Tochter demnächst auf einem Tanzabend in Eicken zu sehen hoffte — das war schon sehr auffallend gewesen. Und später, nach Tische, da war ihr noch vieles andere aufgefallen. Man hatte die schöne Frau wohl hin und wider zum Tanze aufgefordert, aber nicht so eifrig wie sonst. Ein paar blutjunge Leutnants hatten ihr die Cour gemacht, aber mit einer so ungenierten Geflissentlichkeit, daß sie ihnen bald den Rücken kehrte.

Sie hatte sich den Damen zugewandt. Aber es war merkwürdig schwer gewesen, Anknüpfung zu finden. Man brach die Gespräche mit ihr immer sehr schnell

205 wieder ab. Man redete viel von einem bevorstehenden Wohltätigkeitsfest, und keinem fiel es ein, Frau von Hadersloh zu Mitwirkung aufzufordern. Man erörterte eingehend, dicht neben ihr, Dinge, die ihr fremd waren, ohne ihr durch eine Erklärung Gelegenheit zum Mitsprechen zu geben. Und einmal, als sie sich neben die Regierungspräsidentin gesetzt hatte, mit der sie immer auf sehr gutem Fuße gestanden, wechselte die Dame zwar ein paar höfliche Worte mit ihr, fand es aber schon nach wenigen Minuten dringend nötig, eine liebe Freundin in der entgegengesetzten Saalecke zu begrüßen.

Und wenn Jutta nicht selber immer wieder von neuem die Initiative ergriff, fand sie sich ganz vereinsamt. Es war, als ob eine unsichtbare Isolierschicht die schöne Frau umgäbe — als ob ein Kreis um ihre holde Gestalt gezogen wäre, den zu überschreiten Gefahr brächte.

Einmal wurde sie lebhafter in ein Gespräch hineingezogen.

Der Landgerichtspräsident und ein älterer Offizier waren zu den Damen herangetreten. Man hatte von einem Unglücksfall gesprochen, der sich kürzlich in einem Kaliwerk ereignete.

"Auf Ihrem Grund, gnädigste Frau, ist ja wohl diesen Sommer auch gebohrt worden, nach Kali — oder Öl?" hatte der Präsident die Gutsherrin von Eicken gefragt.

Und sie hatte von dem günstigen Resultat erzählt.

"Ach ja, davon hat der junge Kölner Ingenieur gesprochen, den meine Tochter damals in Reimersloh

206 kennen lernte", bemerkte eine boshaft aussehende Oberstin a. D., "der hat ja wohl die Arbeiten in Eicken geleitet. Wie hieß er doch?"

"Gervissen", sagte eine andere.

Dabei flog ein lächelnder Blick von ihr zu einer dritten Dame hinüber — und mindestens ein Dutzend scharf lauernder Augen richtete sich von rechts und links auf Jutta Hadersloh. Es war, als ob aus jedem dieser Augen ein giftiges Schlänglein zu ihr hinüberzüngelte.

Aha, das war es also. Ihr Verkehr mit Hans Gervissen hatte Anstoß erregt.

Vielleicht auch noch anderes, was man sich über sie erzählte?

Weshalb hatte vorhin die dumme Wintheim — eine von den Hehlener Wintheims — in so mitleidigem Ton von der jungen Frau von Börcke gesprochen, so geheimnisvoll aushorchend, und dann mit einer so ungeschickt plötzlichen Wendung gefragt, ob Jutta dieses Frühjahr wieder viel mit Klaus Börcke zur Birkhahnbalz hinausgefahren wäre?

Als ihr das wieder eingefallen war, hatte Jutta laut aufgelacht, so daß die feindseligen Damen in ihrer Umgebung sie verwundert anstarrten.

Was mochten die für Gift- und Entrüstungsstoff in ihren engen Seelen aufgespeichert haben, diese Frauen, deren Tugend zumeist wohl nicht sehr heftigen Angriffen im Leben ausgesetzt gewesen war — o, diese Hüterinnen des heiligen Feuers.

Am liebsten hätte Jutta ihnen zugerufen: "Jawohl, ja, es ist so. Ich habe Klaus Börcke sehr nahe gestanden;

207 und auch der junge Kölner ist mein Herzensfreund geworden. Und euch geht das gar nichts an. Ich bin ein freier Mensch und keinem Rechenschaft schuldig. Keinem hab' ich ein Leid zugefügt. Glück hab' ich geschenkt und Glück empfangen. Wo liegt da ein Unrecht?" -

Aber sie sah ein, daß der Lüneburger Kasinosaal nicht der Ort war, rebellische Lebensanschauungen zu verfechten.

Sie hatte die Harmlose, Nichtverstehende gespielt und sich nach einer Zuflucht für den Rest des Abends umgesehen. Dort der ältliche Oberstabsarzt — er war ein großer Verehrer von ihr, ein feiner Mensch, nur etwas gar zu ausführlich, er konnte nicht plaudern, nur gründliche Unterhaltungen führen, deshalb hielt sie ihn sich sonst ein wenig fern auf Bällen, wo man sich nicht gern festnageln läßt — heute winkte sie ihn herbei. Wenn sie ihn auf die Serumtherapie brachte, war sie für lange versorgt. Nur die Zeit hinbringen, diese gräßliche Zeit. Ihre Taktik hatte Erfolg. Der Oberstabsarzt hielt einen Vortrag, der ihr moralische Sicherung gab bis zu dem heißersehnten Moment, wo die ersten Exzellenzen aufbrachen. Nun konnte man verschwinden, ohne daß man den Eindruck machte, hinausgegrault zu sein. Aber gewaltsames Zeithinbringen spannt ab. Jutta hatte ein Gefühl, als ob sie schwere Arbeit verrichtet, als ob sie Muskeln, Hirn und Nerven bis zum Übermaß angestrengt hätte.

"Das war für lange Zeit das letztemal," nahm sie sich vor; "darum aus meiner Ruhe mich herauszureißen,

208 darum einen kostbaren Abend versäumen - jetzt, wo diese kostbaren Abende gezählt sind?" Leidenschaftliche Sehnsucht nach Frentzius überfiel sie. Und dann gewann wieder das gekränkte Selbstgefühl die Oberhand. Diese Moralphilister. Ihr wollten sie Vorschriften machen, ihr stillschweigend Maßregeln geben. Sie hatte Anstoß erregt. Man ließ es sie fühlen. Vorsichtig wickelte man sich ein in ihrer Gegenwart, damit man nicht infiziert würde von der Sittenlosigkeit. O diese kleinstädtischen Tugendbolde. Jutta war angeekelt, empört.

Der Gedanke, daß diese Menschen vielleicht einigen Grund zu ihrem Verhalten haben könnten, kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie fühlte sich so unschuldig wie ein kleines Kind, das nicht begreift, warum der böse Parkwärter ihm verwehren will, über den Rasen zu laufen und die schönen Blumen abzurupfen, die der liebe Gott doch für alle wachsen läßt.

Da endlich - das Herrenhaus zu Eicken.

Beim Näherkommen fiel es Jutta auf, daß ein Fenster im Seitenflügel noch erleuchtet war. Leo Frentzius' Zimmer. Der wachte noch?

Während der letzten Viertelstunde hatte Jutta sich matt und müde, dem Einschlafen nahe gefühlt.

Das helle Fenster weckte alle Lebensgeister wieder auf in ihr zu fiebernder Spannung, prickelnder Erregtheit.

Als Otti Gute Nacht gesagt und Jutta in ihrem Schlafzimmer das Licht angezündet hatte, zögerte sie noch eine kurze Weile, die Jungfer zu rufen, die wie

209 gewöhnlich über ihrem Schundroman im Vorzimmer eingenickt war.

Das Licht dort drüben im stillen Seitenflügel lockte wie ein süßer, herzbewegender Sehnsuchtsruf. —

Jutta trat vor den hohen Spiegel — schön war das Bild, das ihr da entgegenschaute in der schwachen, seitlichen Lampenbeleuchtung. Wie sich die nackten, weißen Schultern aus dem Dunkel des königsblauen Samtes hervorhoben. —

Wenn sie jetzt leise klopfte dort drüben und zu ihm einträte in ihrer ganzen Pracht — was müßte das für ein wundervoller Augenblick sein! - Sie wandte sich ab vom Spiegel, der Tür zu. -

Es wäre so süß, eine so wonnige Beruhigung, Ausgleichung, dachte sie, ausruhen von allen Bitterkeiten an einem Herzen, das mich liebt — warum ist man nicht ganz natürlich, folgt seiner Sehnsucht?

Dann aber trat sie zurück, mit einer schnellen, gewaltsamen Bewegung, löste den Brillantstern aus ihrem Haar, streifte die Armbänder ab und rief mit lauter Stimme nach dem verschlafenen Mädchen.

Am nächsten Morgen fand sie den Doktor sehr elend aussehend.

"Sie sind spät zur Ruhe gegangen?" fragte sie ihn beim ersten Alleinsein.

Er nickte. "Ich konnte nicht schlafen. Der Neid quälte mich, der Neid auf die andern, die — ach, solche Bälle sind eine verworfene Einrichtung. Da konfisziert man Bilder, die unschuldige Nacktheit in Schaufenstern

210 ausstellen, und auf diesen widerwärtigen Bällen darf jeder leichtfertige junge Dachs sich über die entblößten Schultern einer schönen Frau beugen, mit dem Arm sie umfassen, sie an sich drücken" -

Jutta lachte. "Bitte sehr, so tanzen wir denn doch nicht in unserer biederen Provinz Hannover. Übrigens — wenn ich Ihnen eine Freude damit machen kann: ich habe mich gestern sträflich gelangweilt."

"Ah — wirklich?" Er sah befriedigt aus.

"Ja. Ich fühlte deutlicher als je, daß ich in die kleinstädtischen Verhältnisse nicht hineinpasse."

"Wie recht Sie da haben", gab er lebhaft zu. "Menschen wie Sie gehören aufs Land, wo sie Herr ihrer Umwelt sind, oder in ganz große Verhältnisse. — Einmal", fuhr er nach längerem Sinnen fort, und ein seltsam schwärmerischer, wirklichkeitentrückter Ausdruck trat auf seinen Zügen hervor — "einmal — es war in der zweiten Morgenstunde — ich hatte wohl ein wenig im Lehnstuhl geschlafen und das Kommen Ihres Wagens überhört — da kam plötzlich ein ganz wunderbares, heißes Freudengefühl über mich, wie das Ahnen eines unerhörten Glückes — ein Rausch von Glückselligkeit, ich hätte jubeln können — seltsam, nicht wahr? So eine plötzliche Freudentollheit ohne irgendwelchen Grund! Ich trat dann in den Gang hinaus und hörte, wie Sie nach der Jungfer riefen. Also war es wohl nur die Tatsache Ihrer Heimkehr gewesen, die, mir selber unbewußt, so auf mich gewirkt hatte."

Jutta antwortete nicht. Still vor sich hinlächelnd,

211 dachte sie der Sehnsucht, die gestern sie ergriffen hatte, dieser Sehnsuchtsgewalt, der sie beinahe nachgegeben hätte — das war um die zweite Morgenstunde gewesen.

Über das gestern Erlebte urteilte sie heute klarer, unpersönlicher. Sie fühlte sich im Recht, durchaus. Und doch — war's eigentlich zu verwundern, daß diese Frauen die Ohren spitzten, wie das Wild im Jagdgrund bei verdächtigem Geräusch, wenn sie Erlebnisse witterten, die mit den Vorschriften der Moral — ihrer Moral nicht in Einklang standen? Die Tugend war eine kostbare Einrichtung; ihr Wert durfte um Gottes willen nicht herabgesetzt werden. Manche von diesen Frauen hätte ja nichts, aber auch gar nichts mehr besessen, jedes äußeren und seelischen Reizes bar — wenn nicht dieser imaginäre Vorzug: die weibliche Tugend, ihr geblieben wäre.

Und darum war es Selbsterhaltungstrieb, wenn sie die Tugend eifersüchtig verteidigten.

Ich lache über ihr Femgericht, mir kann es nichts anhaben, suchte Jutta sich einzureden. Aber ihr Innerstes lachte nicht mit. Sie fühlte doch, daß sie etwas verloren hatte. Und es kam Unbehagen über sie, Unsicherheit. Ein Plan tauchte heute in greifbareren Formen vor ihr auf, mit dem sie schön früher gespielt: sie mußte die Schwerkraft ihres geselligen Verkehrs in freiere, größere Verhältnisse verlegen. Menschenverkehr brauchte sie, für sich und später für die heranwachsende Tochter. Aber sie fühlte — nicht ohne Verdruß — daß ihre Stellung in der heimischen Gesellschaft keine sichere mehr war. Das, was sie

212 gestern erlebt, war nichts Vorübergehendes, keine flüchtige feindselige Stimmung.

Wenn sie sich vorstellte, daß ihr Kind, ihr frohes, stolzes Kind, einmal beiseite geschoben, schlecht behandelt werden könnte, weil man die Mutter nicht einwandfrei fand? ein unerträglicher Gedanke. Und wenn man es noch so gering achtete, man brauchte doch dieses unzuverlässige, grausame, schwer zu greifende und sehr wesentliche Etwas, das man Gesellschaft nennt.

Heute, im Lichte der ruhigen Morgenstimmung, sah Jutta die Verhältnisse ein wenig sorgenvoll, aber ohne Erbitterung an. Wie hatte sie sich nur gestern in eine so unvernünftige Entrüstung hineinarbeiten können. Schwach, wehleidig, kindisch. Wer sich das Recht nimmt, Schranken zu überschreiten, der darf nicht vor den Folgen zurückschrecken. Die Konsequenzen tragen! Das war so eine einfache, ganz selbstverständliche Forderung der Vernunft. Wenn schlechtes Wetter kommt, den Mantel fester um die Schultern ziehen und mutig durchschreiten! Das war Juttas Art in allen Lebenslagen gewesen. Und diesen kleinen Widerwärtigkeiten sollte ihr froher Lebensmut nicht standhalten können.

Sie lachte und trug den Kopf wieder hoch.

Aber in der Stille wirkte die trübe Erfahrung doch weiter. Jutta war hellhörig für Mißtöne geworden. Wie die meisten sehr selbstbewußten Menschen war sie frei von Empfindlichkeit. Jetzt aber kamen ihr manche Umstände ins Gedächtnis zurück, die sie schon vor Zeiten hätten warnen müssen. Es hatte ihr ferngelegen,

213 die öffentliche Meinung brüskieren zu wollen. Sie glaubte, stets den Schein gewahrt zu haben. Aber sie war doch wohl unvorsichtig gewesen. Man hatte sie umlauert, beobachtet, ohne daß sie es ahnte. Und Mißgunst mochte wohl mehr noch im Spiele gewesen sein, als verletzte Prüderie.

Recht haben sie, mich zu beneiden, dachte die schöne Frau von Hadersloh. Ihr reiches, reizvoll bewegtes, mit bunten Freudenblumen durchflochtenes Leben dünkte sie wohl des Neides wert. Was sie erlebt, hätte sie nicht hergeben mögen. Aber den Preis dafür mußte sie zahlen, das sah sie wohl ein.

Auch über den "interessanten Hauslehrer" war gestern ein spöttisches Wort gefallen; irgendein spinöses älteres Fräulein hatte sich auf einem Diner in Eicken vorigen Winter mit ihm gut unterhalten und meinte, "die gnädige Frau fände wohl sehr viel geistige Anregung in dem Umgang mit ihm". Ein vielsagendes Lächeln hatte die Bemerkung angenehm beleuchtet. Auch da witterte man schon —

Wenn sie wüßten, wie harmlos unser Verkehr ist — und bleibt, dachte Jutta.

Und doch — nein. Es war vielleicht die raffinierteste Art der Liebe, die sie jetzt erlebte, eine Liebe, die mehr im Nachempfinden fremder Gefühle als in eigener starker Empfindung ihre Nahrung fand. Dieser leidenschaftkranke Mensch, der, fiebernd von ungestilltem Begehren, doch nicht sich befreien konnte von der Hemmungsvorstellung scheuer Ehrfurcht - Jutta fühlte es mit in jeder Fiber, wie er kämpfte, wie er litt. Mit brennender Neugierde spürte sie den Qualen und

214 Wonnen dieser sturmdurchwühlten Seele nach, dieser hilflosen Seele. -

Aber sie blieb nicht kalt beim Betasten der Wunden, die sie geschlagen hatte. Sein Sehnen entzündete ihr eigenes Sehnen.

Jemand hatte einmal zu ihr gesagt: der Mann liebt individueller als das Weib. Das Weib liebt mehr die Liebe, als gerade diesen speziellen Mann.

Sie hatte das damals nicht zugeben wollen. Jetzt aber liebte sie wirklich mehr, als ihn selber, das Gefühl, das sie ihm einflößte.

Nie hatte sie soviel Freude an ihrer Schönheit gehabt wie jetzt, nie so sorgfältig die Wirkung ihrer Reize studiert. Sie experimentierte mit ihm zu allen Tageszeiten und erschien doch ihm und anderen ganz natürlich, ganz unbefangen. Wenn sie beim Frühstück in ihrem Morgengewand mit dem breiten Umlegekragen, der Hals und Nacken frei ließ, sich über Frentzius hinüberbeugte und mit seiner linken Nachbarin, dem Elfchen, plauderte, lange, sehr lange, dann hätte ein fremder Zuschauer das vielleicht rücksichtslos gegen die Dazwischensitzenden gefunden. Sie aber fühlte, wie seine Blicke niederbrannten auf die krausen Nackenhärchen, wie der Duft ihrer Nähe, dieser warmen, frischen Haut, ihn betäubte, und sie ließ ihm Zeit, das Rauschgift tief einzusaugen.

Wenn sie im Gespräch wohl einmal scherzend seine Hand oder seinen Arm berührte — eine lebhafte, vertrauliche Art, die keinem auffiel, dem treuen Hausgenossen gegenüber, dann war es für sie ein Entzücken,

215 zu beobachten, wie er zusammenzuckte — erbleichte — stockte — oft traf sie sein finster flehender Blick, als ob er fragen wollte: Weshalb quälst du mich so?

Nur eine Vertraulichkeit mied sie jetzt, sie suchte ihn nicht mehr in seinem Zimmer auf, denn sie fühlte, daß sie auf dem Piedestal bleiben mußte, das seine Vorstellung für sie gebaut hatte. Selten nur, ganz selten brach seine Leidenschaft hervor, wie an jenem stillen Weihnachtsnachmittag. Er war ängstlich geworden, seit sie ihn einmal sanft zurückgewiesen, nicht aus Scham oder aus Angst vor Lauscherohren, wie er glaubte, nein, eher aus berechnender Neugierde; damals war er tagelang umhergegangen wie ein scheuer Verbrecher — und der erste Kuß, den sie dann wieder auf seine schmalen, blassen Lippen gedrückt hatte, war von überstarker, fast schmerzlicher Süße gewesen. Die heißblütige Frau litt selber unter der Zurückhaltung, aber die Künstlerin der Liebe fühlte, daß sie dieser Leidenschaft die köstlichste Würze, die beste Kraft nehmen würde durch schrankenlose Hingabe. Jede zärtliche Berührung mußte ein seltenes, auserlesenes Glück bleiben, das schmerzliche Hungerqualen stillte — nicht stillte, nur in einem seligen Augenblick betäubte.

Jutta empfand diesen Zustand als etwas sehr Neues, sehr Seltsames. Eine reine Liebe, dachte sie — so nennt man das, aber es ist falsch, es ist nur eine künstlichere Art der Liebe: das natürliche Gefühl durch Willenspannung und Selbstkasteiung zu äußerster Schärfe aufreizen.

Während der ersten Zeit feines Liebesglückes war

216 Leo Frentzius wie in einem seligen Rausch umhergegangen.

"Sie sind langweilig geworden", beklagte sich Jutta.

"Bankrott, total bankrott", erklärte er lachend, "unfähig zu geistiger Arbeit. Werfen Sie den unfähigen Hauslehrer hinaus, Frau Baronin. Georg hat heute ut mit dem Indikativ konjugiert und ich habe es erst gemerkt, als Lippold mich darauf aufmerksam machte. Stellen Sie sich vor: ut mit dem Indikativ!"

Jutta lachte. "Entsetzlich. Ich hoffe, Sie werden sich nicht wieder eine solche Pflichtversäumnis zuschulden kommen lassen, Herr Doktor."

Dann war das Glück zur süßen Gewohnheit geworden, und nun übte es eine ganz andere Wirkung aus, eine wunderbar stimulierende, anfeuernde. Leo Frentzius fühlte jetzt seine Geisteskräfte zu ungewöhnlicher Frische, zu höchster Leistungsfähigkeit angespannt, als ob ihm täglich ein Trunk köstlichen Gesundbrunnens gereicht würde. Seine Habilitationsschrift war beendet. Er nahm eine andere Arbeit vor, die er vor Jahren verzweifelt in die Tiefen seines Schreibtisches versenkt hatte. Jetzt erwachte die Lust zur Vollendung in ihm. Eine prickelnde Schaffensfreude, ein neues, übermütiges Kraftgefühl durchströmte ihn. Glücklich und stark war er, wie nie zuvor im Leben. Und nur ein Schatten lag über dieser Seligkeit: das Grauen vor der nahen Trennung.

Aber ein Gespräch mit der geliebten Frau ließ einen Sonnenstrahl durch diese finstere Nebelwolke durchschimmern.

217 "Wer weiß, ob wir nicht auch im nächsten Winter noch schöne stille Abende miteinander verleben", sagte sie einmal, als er ihr klagte, wie freudlos ihm die Zukunft fern von ihr erschiene.

"Im nächsten Winter?" Ein erstaunter Frageblick.

Sie nickte. "Ja, wenn die Pläne festere Gestalt gewinnen sollten, die mir jetzt manchmal — seit lange schon — durch den Kopf ziehen als flüchtige Phantome. Es könnte wohl sein, daß mir die Winter zu einsam würden, später, ohne meine Söhne und" — sie reichte ihm lächelnd die Hand — "ohne den lieben Freund, der unserer Landabgeschiedenheit immer frisches geistiges Leben zugeführt hat. Einige Monate kann ich mich wohl jeden Winter freimachen. Man muß auch allmählich für das Mädel Terrain erobern, wo es sich später tummeln kann. Erst dachte ich an Hannover. Aber meine Beziehungen gehen jetzt viel mehr nach Berlin hin."

"Nach Berlin?" jubelte er auf und warme Röte bedeckte sein schmales, hageres Gesicht, "ach, wenn das wahr würde - wenn ich mir vorstelle, daß das Wirklichkeit werden könnte - liebe gnädige Frau - geliebte Frau, das ist, als ob ein Licht in der Ferne auftauchte, eine große selige Helle - was könnte das für ein Leben werden!" Er beugte sich über ihre Hand, bedeckte sie mit Küssen, drückte sie an seine Brust und küßte sie von neuem, und eine so überschwengliche Freude strahlte aus seinem Auge, als ob sie ihm das Paradies versprochen hätte.

Fast peinlich ward sie von diesem Übermaß der Freude, der Dankbarkeit berührt. So faßte er das auf?

218 Seinetwegen — so glaubte er? Gewiß, der Gedanke lockte sie, ihn dort wiederzufinden, aber — so bestimmend, wie er wohl annahm, war dieser Grund doch nicht für sie.

Ihr war, als ob sie ihn betröge - und als ob sie eine Verantwortung auf sich nähme.

"Aber, lieber Freund", wehrte sie ab, "es ist ja nur ein flüchtig auftauchender Gedanke. Wahrscheinlich wird er nie ausgeführt werden. Wenn es so weit ist, wird der Entschluß, Eicken auf Monate zu verlassen, mich sicher reuen. Also keine Luftschlösser bauen!"

Aber er war zu sehr von der Hoffnung durchglüht.

"Lassen Sie mich doch", bat er, "und wenn die Luftschlösser einstürzen, dann habe ich wenigstens das Phantasieglück genossen!"

Und er malte ihr aus, wie sie miteinander zu den schönen alten Holländern ins Kaiser-Friedrich-Museum pilgern wollten, soziale Fragen studieren, Großstadtleben beobachten — vielleicht hörte sie auch einmal ein Kolleg bei ihm — und wenn er dann zu ihr kommen dürfte in der Dämmerstunde und sich bei ihr neue Kraft, neue Freudigkeit für seinen Beruf holen - wenn er sich das ausmalte, wie leicht erschien dann die Zukunft, wie leicht und sonnig und köstlicher Verheißungen voll.

Er war berauscht von Freude.

Und sie ließ ihn schwärmen.

Aber wenn er von diesem Tage an wieder auf seinen Lieblingsgedanken zurückkam, lenkte sie das Gespräch ab.

219 Er sollte sich nicht in zu feste Hoffnungen einspinnen. Und wenn sich der Plan auch verwirklichte — ob dann die Dämmerstunden mit Leo Frentzius noch dasselbe für sie bedeuten würden wie jetzt? — Sie traute der Dauer ihrer Gefühle nicht ganz.

 

Zweiter Band

 

[i]

Jenseits der Mauer

[ii]

Zweiter Band

Dresden
Verlag von Carl Reißner
1912

XVII

[1]

 

Monate waren vergangen.

Auf dem Bahnhof in Goslar stand Jutta Hadersloh, umringt von einem ganzen Rudel freundlicher Menschen, denen sie abschiednehmend die Hand schüttelte und die ihr im letzten Moment noch allerlei gute Räte gaben, die empfehlenswertesten Punkte für eine Frühjahrsharzreise betreffend. Alle waren mehr oder minder Haderslohsche Verwandte. Man hatte Silberhochzeit im Hause des Goslarer Vetters gefeiert. Eigentlich machte Jutta sich nicht viel aus großen Familienversammlungen. Aber der Anlaß zu einer kleinen Harzreise war ihr damals willkommen gewesen. Er kam ihren heimlichen Wünschen entgegen, zu deren Erfüllung sie einen Vorwand vor sich selber brauchte.

"Also nicht ins Johanneser Kurhaus, liebes Kind", mahnte ein gichtleidender alter Onkel, "da ist's jetzt noch viel zu rauh; ich kann, wie gesagt, nur zu Lauterberg raten!"

"Und vor allem Harzburg, liebes Herz", sagte Cousine Hella, ein fröhliches, "spätes Mädchen", mit dem Jutta sehr gut stand, "in spätestens drei Tagen bin ich dort. Dann schreibe ich dir meine Hoteladresse und du kommst nach. Ja?"

2 "Aber mit Forsthaus Auerwiese würd' ich es mir doch noch überlegen", rief die Goslarer Silberbraut ihr noch zu, als sie schon aus dem Abteilfenster hinausschaute, "das lohnt sich wirklich nicht."

Jutta hörte alles mit freundlicher Miene an und atmete erleichtert auf, als der Zug sich in Bewegung setzte. Endlich frei. Es war doch ermüdend, tagelang von früh bis spät die Gesellschaft lieber Verwandter zu genießen.

Die Harzzüge waren um diese Zeit noch nicht überfüllt. Jutta machte es sich in dem leeren Abteil bequem und bereitete sich auf ein paar einförmige Stunden vor, denen aber - hoffentlich! - einige sehr schöne Tage folgen würden.

Das Forsthaus Auerwiese nicht der Mühe wert? Wohl möglich - für andere; aber -

Die, einsam in den Vorbergen des Harzes gelegene, kleine Sommerfrische beherbergte seit Wochen einen, der Juttas Herzen nahestand. Sie hatte kein ganz gutes Gewissen, Hans Gervissen gegenüber. Damals, als er ihr schrieb, daß er nun die Kalibohrung in der Harzgegend beginnen würde, vorher aber einen kurzen Besuch in Eicken machen, wenn er dort willkommen wäre, hatte sie ihm einen abschlägigen Bescheid gegeben. Das ganze Haus voll Logierbesuch, lauter alte Tanten, Menschen, mit denen er ganz und gar nicht zusammenpaßte. Schade, schade, aber er müßte seinen Besuch auf später verschieben.

Es war eine Lüge gewesen. Sie wollte ihn fernhalten Leo Frentzius zuliebe.

Wohl hatte sie häufig Sehnsucht nach dem feurigen,

3 jugendfrischen Gefährten jener seligen Sommertage empfunden, damals, in der ersten Zeit - später aber war die Sehnsucht zurückgetreten hinter neuen Empfindungen, neuem Erleben. Und sie wußte, welche bittere Pein sie Leo Frentzius bereiten würde, wenn er den heimlich Gehaßten wieder in Eicken sehen müßte. Die Qual wollte sie ihm ersparen. Er sollte eine reine, frohe Erinnerung mit fortnehmen aus seinem Paradiese.

Der Abschied von ihm und den beiden lieben Jungen war ein schwerer gewesen. Sehr einsam erschien jetzt das Herrenhaus zu Eicken, merkwürdig still geworden, lebenentfremdet.

"Daß du eine so weichherzige Mutter bist, hätte ich nicht geglaubt", sagte Luise Schott einmal, als sie die Freundin trübselig gestimmt, mit verweinten Augen oben im verlassenen Schulzimmer traf; "sie sind doch gut aufgehoben und schreiben vergnügt aus Berlin."

Jutta hatte ihr beistimmen müssen. "Gewiß, ich bereue auch durchaus nicht, daß ich sie fortgeschickt habe, es ist sicher das beste - nur, weißt du: jetzt wird mir erst klar, was für einen großen Abschnitt das in meinem Leben bedeutet hat, welche schöne Zeit damit zu Ende gegangen ist. So schön kann es nie wieder werden - nie."

Ein Gefühl schmerzlicher Leere schlich durch ihre Tage. Und das Entbehren des fernen Freundes hatte wohl einen ebenso großen Anteil daran, wie das Entbehren der Söhne.

Wie fest verwachsen Leo Frentzius mit ihrem Denken und Tun war, einen wie bedeutsamen Platz

4 er sich in ihrem Leben erobert, das kam ihr erst jetzt voll zum Bewußtsein, da sie ihn verloren hatte. Nicht verloren - nein. Innerlich lebte er mit ihr fort. Kaum vier oder fünf Tage vergingen, ohne daß sie ein Zeichen seines treuen Gedenkens erhielt - meist lange Briefe, Bekenntnisse, Sehnsuchtergüsse, auch wohl Klagen über unangenehme Erlebnisse, Spott und Ärger über erbärmliche Menschen, Weltschmerzanfälle, Freude über neue und große Eindrücke - immer aber waren diese Briefe aus irgendeiner bewegten Stimmung heraus geschrieben, immer ein Stück seines Lebens, und darum interessant. Von äußeren Umständen erzählten sie wenig; eine Zeitlang konnte Jutta ihm sogar nicht antworten, weil er vergessen hatte, seine Adresse zu nennen. Geistblitzende Betrachtungen waren es auch nicht immer. Aber sie erreichten den vornehmsten Zweck eines Briefwechsels: das geistige Einandernahebleiben.

Und doch - Jutta Hadersloh war eine zu warmblütige, zu sehr im Gegenwärtigen lebende Natur. Ein rein geistiger Verkehr befriedigte sie nicht. Sie brauchte Menschen zum persönlichen Umgang, Menschen, die sie anregten, die ihre Phantasie beschäftigten. Ihre weiblichen Hausgenossen genügten dazu nicht. Und Klaus Börcke bildete sich jetzt gar zu sehr zum glücklichen Familienvater heraus. Das Brüteweibchen begann aufzuwachen unter Juttas Einfluß. "Meine kleine Doraline ist merkwürdig verändert, seit sie so häufig nach Eicken hinüber 'wechselt'. Sie ahnen nicht, wie viel ich Ihnen verdanke", hatte Klaus einmal zu seiner alten Freundin gesagt. Das war sehr hübsch, das Ehepaar

5 kam sich näher. Jutta freute sich für Klaus, aber - sie hatte doch die Empfindung, daß er ihr dadurch ein wenig ferner rückte. Sie fühlte sich vereinsamt.

Und so war der Gedanke an eine kleine Harzreise und an ein Wiederbegegnen mit Hans Gervissen wie ein freundlich lockendes Licht an ihrem jetzt etwas grauen Horizont aufgetaucht.

"So wie früher soll es nicht wieder werden", nahm sie sich vor, während sie mit geschlossenen Augen im Polster zurücklehnte und die reizvollen Augenblicke vorkostete, denen der gemächlich vorwärtsrollende Zug sie entgegentrug - "wir sind uns doch fremder geworden in diesem Dreivierteljahr - und so etwas darf nur geschehen, wenn man gar nicht anders mehr kann. Jetzt werden wir ganz vernünftig miteinander verkehren - beinahe freundschaftlich, das heißt - wir wollen versuchen, daß es so bleibt."

Freilich - im tiefsten Herzen hoffte sie doch, daß ihr die Vernünftigkeit sehr schwer gemacht werden würde.

Heute früh mußte Gervissen den Brief bekommen haben, der ihm verkündete, daß sie auf ihrer Harztour das Forsthaus Auerwiese berühren und dort ein paar Tage bleiben würde. In welcher freudigen Erregung er sich wohl jetzt befand, der liebe Junge. Sicher kam er zur Bahnstation.

Je länger sie fuhr, desto ungeduldiger drängte ihr Herz dem Wiedersehen entgegen.

Endlich - die kleine Station, ihr Ziel.

Aber Hans Gernissen war nicht erschienen.

Eine große Enttäuschung.

6 Gewiß geschäftliche Abhaltungsgründe.

Bis Auerwiese war es noch eine Stunde Weges. Ein klappriger Omnibus wartete - aber zum Glück auch ein Einspänner.

Jutta nahm den Einspänner.

Sie fuhr durch Laubwälder, die zum Teil noch winterlich kahl und grau waren, an manchen Stellen aber auch schon mit dem lachenden hellgrünen Schimmer der aufbrechenden Blattknospen überkleidet; dann führte der Weg zwischen hochgelegenen Matten hin - ein frischer Wind wehte, Jutta fand den Frühling hier oben recht spröde, ein gut Teil ihrer frohen Laune war dahin. Der Kutscher, ein redseliger Bursche, wandte sich häufig um und zeigte ihr fern auftauchende Türme - Wahrzeichen von Ortschaften, die Jutta sehr wenig interessierten.

Jetzt kamen sie an ein ödes, brachliegendes Gelände. Und da drang ein seltsames Geräusch an das Ohr der Reisenden: ein tiefes, lautes Heulen, Brausen, Grollen, das immer lauter wurde, je mehr sie sich einem hölzernen Gebäudekomplex näherten: einem Bohrturm und zwei dazugehörigen Hütten. Schließlich war das Dröhnen so stark geworden, daß Jutta die Antwort des Kutschers auf ihre Frage nach dem Ursprung des Geräusches nur mit Mühe verstehen konnte. "Da is nach Kali gebohrt worden", erklärte er, "und neulich is da was passiert - ich glaube, es sind die Gase" - "Chaose" sagte er - er mußte aus der Göttinger Gegend sein. Jutta verstand ihn erst nicht, dann aber kam ein Schrecken über sie. "Etwas passiert? Eine Explosion?" Er nickte. "Doch niemand

7 verunglückt?" Und er nickte wieder. "Ja, jawohl. Der Ingenieur hat was abgekriegt. Aber nich tot. Nur einen zerschlagenen Kopp."

Jutta hatte ein Gefühl, als ob ihr Herz und alle Glieder gelähmt wären. Das also der Grund. Deshalb war er nicht gekommen! - Sie hatte Mühe, sich so weit zu beherrschen, daß der Mann dort auf dem Kutscherbock nicht merkte, was in ihr vorging. Ob der arme Mensch schwer verwundet wäre, fragte sie, und wo er läge. Aber der Kutscher wußte nichts Näheres.

Der letzte Teil der Fahrt war eine Tortur. Die grausigsten Bilder drängten sich in Juttas Hirn. Eine Kopfverletzung? Vielleicht lebensgefährlich. Vielleicht - das Schrecklichste mochte sie gar nicht ausdenken. Wahrscheinlich lag er gar nicht in Auerwiese? Gewiß hatte man ihn in irgendeine Klinik geschafft. Aber sein Wirt wußte doch sicher Näheres.

"Schneller! Können Sie nicht etwas schneller fahren?" drängte sie den Kutscher. Diese Ungewißheit war eine Pein. Sie stellte sich den blühenden jungen Menschen vor - bleich, blutend, entstellt.

Das sollte nun das Wiedersehen werden.

Und sie hatte nichts geahnt, nichts.

"Gleich sind wir in Auerwiese", sagte der Kutscher.

Der Wagen hielt. Jutta stieg aus, zahlte, ließ ihr Gepäck herunterschaffen und trat in das saubere, verandengeschmückte Logierhaus - alles ganz automatisch.

Ihre erste Frage war nach Gervissen.

"Jawohl, der wohnt hier", antwortete die Wirtin.

8 "Er liegt oben auf Nummer drei. Ist augenblicklich krank."

"Schwer?"

Aber die Wirtin lächelte. "Ach nein, es geht schon wieder viel besser. Er macht schon wieder so viel Spaß und überhaupt -"

Jutta hätte die kleine, rundliche Frau umarmen mögen. Ein Jauchzen klang durch ihre Seele.

Und zehn Minuten später stand sie in Nummer drei, vor dem Bette ihres Freundes, der ihr mit strahlendem Lächeln die Arme entgegenstreckte. "Diese Freude! Diese unerwartete Freude! Ganz toll vor Glück war ich, als heute Morgen das Briefchen ankam. Jutta, liebe, liebste Frau!"

Sie beugte sich zu ihm nieder und wollte ihm einen mütterlichen Kuß auf die Wange geben. Aber er zog sie an sich mit einer Kraft, die jede Angst um seinen Zustand beschwichtigen mußte. Und küßte sie, küßte sie - bis sie sich endlich lachend befreite.

"Und das will ein Patient sein?"

"Bin ich ja gar nicht. Nur ein Soldat, der im Gefecht einen kleinen Streifschuß abgekriegt hat."

Sie setzte sich zu ihm, seine Hand in der ihren behaltend.

Er trug eine Binde um den Kopf, und als die Röte der ersten Erregung geschwunden war, schien er ihr doch sehr bleich und schmal geworden.

Er hatte sich auf ihr Kommen vorbereitet; das Zimmer prangte in strahlender Ordnung; ein Strauß zartrosa Anemonen stand auf dem Tisch, und der Patient war frisch rasiert und trug ein blütenweißes

9 Nachthemd mit hellblauen Säumchen - ein kokettes Kleidungsstück.

Aber nun sollte er erzählen. Was war denn eigentlich passiert? Wie war der Unfall geschehen? "Ja, sehen Sie, liebste Freundin" - er wechselte noch immer zwischen dem Du und Sie ab, je nach Bedarf, wie einst - "die Erde hat das so an sich, daß sie einem manchmal ganz tolle Überraschungen bereitet. Alles ging flott vorwärts. Ich hatte das beste Zutrauen. Alle Anzeichen versprachen Erfolg. Da, eines schönen Morgens - wir hatten eine Tiefe von hundertvierzig Metern erreicht, ich war gerade im Bohrturm beschäftigt - da plötzlich ertönt ein furchtbares Donnern und Brausen, ich denke, der ganze Turm fliegt in die Luft, er kracht um mich her, etwas Hartes schlägt gegen meine Stirn; ich verliere das Bewußtsein. Bald aber komme ich wieder zu mir. Das Blut läuft mir über die Augen. Sonst aber, das merke ich gleich, ist die Sache nicht gefährlich.

In ratloser Verwirrung stehen die Arbeiter um mich her. Ich rapple mich auf, untersuche, was geschehen ist; und da wird mir sehr bald klar: unsere Kalihoffnung ist zerstört. Aus einem schmalen Spalt in der Tiefe dringt flüssige Kohlensäure heraus und spritzt in mächtigem Strahl empor. Und zwar müssen wir auf ein bedeutendes Kohlensäurereservoir geraten sein, denn der Manometer zeigt einen Druck von vierzig Atmosphären an und hat in diesen drei Wochen erst um ein Minimum abgenommen."

"So lange schon ist das her? Und ich habe nichts erfahren?"

10 Er lächelte. "Ja, zum Schreiben kam ich nicht, Liebste. Die Sache war natürlich keine Kleinigkeit. Wir entfernten den Bohrer und sperrten die Flüssigkeit ab, so daß jetzt nur noch Gase entweichen können. Später wollen wir Rohre hinunterlegen und das Ganze mit einem Bronzekopf absperren, um die Kohlensäure festhalten und gewinnen zu können. Das kann noch eine ganz lukrative Sache werden. Aber fürs erste hat sie mir natürlich viel Aufregung und Kopfzerbrechen gemacht. Meine Wunde nahm ich nicht ernst. Ich wurschtelte mir ein Leinentuch um den Kopf und dachte, das genügte. Hatte Wichtigeres zu tun. Aber dann kam das Fieber und da -"

"Wundfieber?"

"Mag sein. Jedenfalls steckte der Arzt mich unweigerlich ins Bett, und es kamen ein paar schlimme Tage. Aber nun ist alles überstanden. Anfang nächster Woche darf ich wieder raus. Höchste Zeit. Wer weiß, was sie mir da draußen schon für Dummheiten gemacht haben. Heute ist mir freilich das alles sehr gleichgültig. Heute bin ich so froh, so froh -!"

Er suchte ihre Hand an die Stelle zu ziehen, wo unter dem blauumsäumten Nachthemd sein junges, stürmisches Herz klopfte. Aber das eintretende Stubenmädchen hinderte sein Vorhaben.

"Ich wollte nur fragen, ob Herr Gervissen das Essen noch nicht wünscht?" fragte sie, einen lauernden Blick auf die schöne Frau werfend. Sie war ein dralles, junges Ding mit schwarzen Funkelaugen.

Über die Stirn des Ingenieurs zog eine Wolke. Er sah verlegen aus - entschieden verlegen. "Das hat

11 ja noch Zeit, Fräulein Marie. Sie wissen doch, ich klingle."

"Ich glaubte, Herr Gervissen hätte schon geklingelt." Um ihren Mund zuckte ein Lächeln, das Jutta unangenehm berührte. Dann ging sie hinaus.

Jutta und ihr Freund blieben eine kurze Weile stumm.

"Sie ist eine Verwandte der Wirtin", erklärte dann der junge Ingenieur, "und hilft bei der Bedienung. Das eigentliche Hotelpersonal trifft erst nächste Woche ein; wir sind ja vorläufig nur vier Pensionsgäste. Sie hat sehr gut für mich gesorgt in den schlimmen Tagen, die Marie."

Jutta lächelte vor sich hin. Suchte er sich im voraus zu entschuldigen, falls ihr irgend etwas in seinem Verkehr mit der Schwarzäugigen auffallen sollte? Als ob sie eifersüchtig auf so ein Mädel werden könnte. Was ging es sie an, wenn ihr junger Freund sich seine Harzeinsamkeit durch eine Liebelei dritten Ranges verkürzt hatte? Denn daß so etwas zwischen den beiden bestand oder bestanden hatte, war ihr ziemlich klar. "Es freut mich, daß Sie so gut aufgehoben waren während Ihrer Krankheit", sagte sie ruhig, mit gütigem Lächeln, dem aber doch ein kleiner Zug von Hochmut beigemischt war.

Sie wollte sich nicht verstimmen lassen und war doch peinlich berührt.

Als er sie wieder an sich ziehen wollte, wich sie leise, aber fest zurück. Sie nahm etwas mütterlich Protegierendes an. "Vor allem müssen Sie nun ganz ruhig und artig sein, lieber Freund. Betrachten Sie

12 mich als barmherzige Schwester. Und nun möchte ich gern Näheres über die Verletzung wissen. Was hat denn eigentlich der Arzt gesagt?"

Er gab ihr einen genauen Krankheitsbericht. Sie hörte teilnehmend zu. Dann fand sie, daß er nun Ruhe brauchte. "Aber nachmittags komme ich wieder und halte ein Plauderstündchen mit Ihnen."

Den ganzen Tag über behielt sie diese Art der sanften älteren Freundin bei - eine Art, die ihn zu wütender innerer Ungeduld reizte. Gerade, als ob sie alles vergessen hätte - alles Schöne, Süße - das ganze heiße Sommerglück.

Am nächsten Morgen fand sie ein fremdes Mädchen beim Aufräumen des Zimmers beschäftigt, als sie den Patienten besuchte. "Die Marie hat sich eben bei mir verabschiedet", erzählte Gervissen und sah dabei zur Seite, "sie ist zu ihrem kranken Vater nach Zellerfeld heimgerufen worden."

"So." Jutta tat, als ob die Tatsache sie sehr wenig interessierte. Aber sie empfand es doch angenehm, daß sie das Mädchen nicht mehr um sich zu sehen brauchte.

Den größten Teil des Tages saß sie neben Gervissens Bett, plauderte mit ihm, las ihm vor, umsorgte ihn sanft und freundlich.

Das war ja ganz hübsch, gewiß. Hans Gervissen wollte ihr dankbar sein. Aber - er konnte es nicht. Zu sehnsüchtig dachte er an das Einst. Wenn sein Blick über die weichen Linien dieses in süßer, lockender Reife prangenden Frauenkörpers dahinglitt, wenn diese geliebte Stimme an sein Ohr klang, mild und

13 dunkel, wollüstig beschwichtigend - dann packte ihn manchmal ein schmerzlicher Zorn, eine Wut auf diese Frau, daß sie so kühl und milde sein konnte. Er empfand ihre Nähe nicht mehr als Wohltat, nein, als peinvolle Aufreizung.

Gegen Abend kam der Arzt und erlaubte dem Patienten, am folgenden Tage für einige Stunden aufzustehen.

Und diese Erlaubnis faßte er als einen Freibrief auf, sich nun wieder als völlig gesunder Mensch benehmen zu dürfen.

Als Jutta am nächsten Morgen nach einer sehr unruhigen Nacht erwacht und noch kaum mit dem Ankleiden fertig war, klopfte es an ihre Tür: Hans Gervissen, gestiefelt und gespornt, zum Ausgehen bereit. Er wollte ihr nur Guten Morgen! sagen, dann sofort zum Bohrturm gehen. "Höchste Zeit, länger hätte ich's auch nicht ausgehalten, hier faul in den Federn zu liegen, während draußen der dämliche Werkführer wer weiß was für Unheil anrichtet. Werden Sie mich nachher besuchen, ja?"

Jutta versprach es.

Sie blieb, ein wenig enttäuscht, geärgert zurück.

So frisch und fröhlich ging er an seine Arbeit. Ganz ohne Bedauern schien er sie allein zu lassen. Wie einem Kameraden hatte er ihr die Hand geschüttelt. Er schien nach nichts anderem mehr zu verlangen.

Ich werde ihn warten lassen, nahm sie sich vor. Aber dann war sie doch schon anderthalb Stunden später am Bohrturm.

Strahlend kam ihr der Freund entgegen.

14 Und er führte sie an die Unglücksstelle, erklärte ihr die Vorrichtungen, die man später zur Gewinnung der Kohlensäure treffen wollte, zeigte ihr den Diamantbohrer und die walzenförmigen Stücke des herausgearbeiteten Gestänges, knüpfte daran eine kleine geologische Vorlesung über die Schichtung der Gesteine und schien ganz hingenommen von diesen Dingen, ganz erfüllt von seinem Beruf.

Jutta freute sich an ihm. So viel frische Tatkraft, Sicherheit, Unternehmungslust sprach aus seinem Wesen. Kerngesundes Menschentum. Unwillkürlich drängte sich ihr ein Vergleich mit Leo Frentzius auf, der nicht zugunsten des zartnervigen Gelehrten ausfiel.

Der Mensch hat doch viel vor anderen voraus, dachte sie, der in steter Berührung mit der Natur lebt; er holt sich immer neue Kraft aus dem Stoff, den er bezwingen muß.

Oft hatte sie Mühe, seinen Erklärungen zu folgen. Zu stark dröhnte das Brausen und Donnern der gehemmten Naturgewalt, die da aus der Tiefe heraus drohte, wütete, raste - wie ein Riese, der von klugen Zwerglein gefangengehalten wird und gegen die schmachvollen Ketten anstürmt.

Etwas Gewaltiges, Ehrfurchteinflößendes hatte diese Arbeit der unterirdischen Kräfte.

Aber auf die Dauer vermochte Jutta das Getöse nicht zu ertragen. Die schlaflose Nacht hatte sie schwach und reizbar gemacht.

"Kommen Sie jetzt mit in den Wald?" fragte sie den Freund.

Aber er hatte noch keine Zeit.

15 Einsam streifte sie umher.

Frisch und herbe strich die Luft über die sonnenbeschienen Halden, und im Laubwald herrschte noch der scharfe Moderduft des alten, zu Humus sich umbildenden Laubes vor. Nicht schmeichelnd nahte sich hier der Lenz, eher wie ein borstiger Junge in den Flegeljahren, und doch wehte ein heimlicher Frohsinn durch die Natur, etwas Mutweckendes, Lebenaufreizendes.

Jutta hatte die eingetroffenen Postsachen mitgenommen, suchte sich einen geschützten Platz und las. Luise schickte ihr einen gestern angekommenen Brief von Frentzius mit - einen Brief, der sie seltsam bewegte. Er war um Mitternacht geschrieben, nach einer Vorstellung von "Rosmersholm". "Sonst hat dieses Werk für mich etwas Gekünsteltes, Quälendes. Diesmal nicht. Das machte die Rebekka. Sie war anders als sonst. Man glaubte ihr nicht, daß die Lebensauffassung des Rosmers sie geadelt - gebrochen hatte. Sie war in ihrem Grundton noch immer das wilde Weib aus Nordland mit dem freien, unerschrockenen Willen, der aufrecht über Gräber hinschreitet. Wunderbar packend brach dieses alte Ich in der Schlußzene hervor, als Rosmer sie segnend zu seinem Weibe macht und der Entschluß zum gemeinsamen Tode reift. Da klang ein Jubel aus ihrem Wesen heraus, ein Triumph, die höchste Ekstase der Liebe, der in Vereinigung im Tode Wonne dünkt. "Total falsche Auffassung!" sagte jemand neben mir, als ich das Theater verließ. Mag sein. Aber mich hatte das Spiel durchrüttelt wie ein persönliches Erlebnis.

16 Und es ging noch über das Theater hinaus. Ich schritt am Ufer des Kanals entlang, blieb eine Weile stehen und sah auf die Spreekähne hinab, die still und tot auf dem dunklen Wasser lagen. Da hörte ich dicht neben mir ein Mädchen zu seinem Liebsten sagen: -Ach, Willem, jetzt ist mir ja alles egal; jetzt frag' ich nach keinem mehr was!' Sie sahen beide elend und verkommen aus. Seine Stirn war finster. Ich fühlte es seltsam sicher: zwei Stiefkinder des Schicksals. Sie aber huschelte sich fest, fest an ihn; aus ihrer Stimme klang dasselbe Jauchzen, was ich von der Rebekka gehört hatte. Und es packte mich Neid - Sehnsucht, brennende Sehnsucht nach diesem verzweifelten Liebesglück, nach dieser seligen Blindheit, die auf der Welt nichts mehr sieht, nichts mehr sehen will, als nur das eine. Ich rannte wie gehetzt durch die Straßen. Und als ich hier oben anlangte in meinem einsamen Schlupfwinkel, da riß ich ein Bild aus seiner Hülle hervor und küßte es und betete zu ihm, bis es mein Sehnen erfüllte und Gestalt annahm - ach, so lebendige, süße, wonnige Gestalt - - geliebte Frau, wenn du jetzt bei mir wärest! - - vielleicht würdest du mich von dir stoßen, vielleicht - gute Nacht, geliebte Frau." - -

Er mochte den Brief wohl noch in derselben Stunde abgeschickt haben. Jutta wußte sehr wohl, daß vielleicht morgen schon ein anderer kommen würde, ein vernünftiger, in dem er bereute. Oder ein ganz anders gestimmter, der sich über soziale Mißstände, über schlechtes Wetter, über die Rede irgendeines Zentrumsmannes im Reichstage ereiferte. Jutta freute sich nicht

17 auf diese Briefe. Der, den sie in Händen hielt, löste Empfindungen aus, die sie nicht gern wieder zerstört haben wollte. Sie lebte die heiße Mitternachtstunde mit ihm durch und die Tränen traten ihr in die Augen, so sehnte sie sich nach ihm.

Lange, sehr lange noch saß sie ganz still auf dem gefällten Baumstamm, den sie als Ruheplatz gewählt - die Augen geschlossen, nach innen schauend. Sie fühlte nicht die Rauheit des feuchtkalten Harzfrühlingswindes, der sie umwehte; alle Wonnen, die er verkündete, wurden Wirklichkeit, alle Düfte der Blumen, die jetzt noch als Keime im Erdreich versteckt waren, drangen hervor, alles Leben, das noch im Winterschlaf lag, erwachte, ein Geistertraum seliger Sommerfreude umwebte die einsame Frau.

Sie kam sehr spät zu Tische. Das erste Mittagmahl, das Gervissen wieder am gemeinsamen Tische einnahm. Gestern und vorgestern hatte Jutta allein mit den drei verfrühten Sommergästen essen müssen, einem jungen Maler, den die Gebirgswelt im Frühjahr lockte, einem alten Gymnasialprofessor, der sich hier oben von einer schweren Krankheit erholte, und einem ältlichen Fräulein, das an einem nervösen Tick litt und durch das häufige Gesichtszucken auch andere Leute mit nervös machte. Die drei waren augenscheinlich von gründlicher Abneigung gegeneinander beseelt. Nur selten hatten sie bisher ein Wort gewechselt, und der große, einsame Eßsaal mit den paar steinernen Gästen hatte einen sehr trüben Eindruck gemacht. Heute schwatzte alles lustig durcheinander, als Jutta eintrat. Hans Gervissen schien hier das erwärmende

18 Element zu sein, der Motor, der das Räderwerk in Gang brachte. Alles freute sich seiner Genesung. Der Maler brachte ihm Grüße von zwei jungen Kolleginnen, die sich in der Nähe studienhalber herumtrieben und Gervissen irgendwoher kannten; der Gymnasialprofessor empfahl ein Stärkungsmittel für die Rekonvaleszenz, das der junge Ingenieur lachend zurückwies, und das zuckende Fräulein gestand ihm errötend, daß es vor Schreck beinahe einen Anfall gekriegt hätte, als es von der Explosion und Gervissens Verwundung gehört.

Alle waren wie ausgetauscht - als ob der Lebenspuls eine Weile ausgesetzt hätte und nun plötzlich wieder zu klopfen anfinge.

Nach Tische sollte der Rekonvaleszent auf ärztlichen Befehl einige Stunden ruhen. Er erklärte diese Zumutung für Blödsinn. Aber seine Freundin zwang ihn mit sanfter Gewalt zum Gehorsam.

"Ich hatte mich so auf den Nachmittag mit Ihnen gefreut", klagte er, "oder kommen Sie zu mir? Wenn ich doch noch den kranken Mann mimen soll -"

Aber sie schüttelte lächelnd den Kopf. "Nein, meine Pflegerinnenrolle ist nun ausgespielt. Gegen Abend machen wir einen kurzen Spaizergang. Jetzt will ich selber ruhen.

"Und morgen wollen Sie wirklich weiterziehen?"

Sie nickte. "Ja. Hamburg steht nun einmal auf meinem Programm. Ich habe schon Postsachen dorthin bestellt."

"Ein zwingender Grund", entgegnete er spöttisch.

19 Und fügte das betrübt hinzu: "Das war eine Enttäuschung."

Die schöne Frau von Hadersloh machte ihr unschuldigstes Gesicht. "Ich dachte, es wären sehr freundliche Tage gewesen - für uns beide." - -

Gegen Abend trat er in ihr Zimmer. "Kommt nun der versprochene Spaziergang? - Wie hübsch das bei Ihnen ist. Sie haben natürlich das beste Zimmer bekommen."

Die Abendsonne drang durch die goldgelben Vorhänge herein und goß ein warmes, intimes Licht über die banale Hotelzimmereinrichtung. Jutta saß in einer Ecke des braunen Plüschsofas, eine Mappe mit Briefen auf dem Schoß - alle von der einen Hand - derselben, die den mitternächtigen Brief über Rosmersholm geschrieben hatte.

Sie wollte sich erheben. Aber Gervissen glitt vor ihr nieder, auf dem Teppich kniend, den Kopf auf ihren Schoß schmiegend, mit sehnsüchtiger Jugendkraft sie umfassend: nein, eine Pflegerin braucht er nicht mehr, dachte Jutta und suchte sich lächelnd aus diesen starken Armen zu befreien. Ein vergeblicher Versuch. "Ich hab' dich ja so lieb, so lieb", sagte er. Nichts weiter. Immer nur dieselben Worte.

Und das goldgelbe Licht umflutete sie wunderlich warm, zärtlich glutvoll.

Vor einer kurzen Weile noch hatte Jutta Hadersloh sich ganz eins gefühlt mit dem fernen Freunde, der um sie litt, in hoffnungslosem Sehnen sich verzehrte. Noch füllte sein Bild ihre Seele aus - und doch ließ sie es geschehen, daß sich die jungen Lippen Hans Gervissens

20 auf ihren Mund preßten. Das Phantasiebild und die Wirklichkeit schmolzen ineinander, und es war kein Zwiespalt in Juttas Empfinden. Im gegenwärtigen liebte sie den fernen Freund. Und hatte das Gefühl, daß jedem ein Glück zuteil wurde.

XVIII

[21]

 

Anfang September. Manöverzeit. In der Eickener Gegend fanden die Übungen des 10. Armeekorps statt und das Herrenhaus stand im Zeichen der Einquartierung. Gestern waren schon zwei Stabsoffiziere und mehrere Leutnants von der Feldartillerie eingerückt; für heute waren drei Offiziere eines Ulanenregiments angemeldet und außerdem der Stab einer Brigade, bestehend aus dem Kommandeur, seinem Adjutanten und einem jüngeren Leutnant. Alle verfügbaren Fremdenbetten des Gutes waren in Beschlag genommen und das gesamte weibliche Dienstpersonal befand sich in Aufregung, die Köchin vor allem, die sich nicht genug tun konnte in Braten und Backen und in beständiger Angst schwebte, irgend etwas könnte "nicht langen"; sie traute der Einquartierung einen unstillbaren Appetit zu. Franz, der alte Diener, faßte die Sache ruhiger auf. Er hatte schon manche Einquartierung erlebt während der dreißig Jahre, da er im Hause Hadersloh Schüsseln herumreichte, Flaschen entkorkte und Silber putzte. Früher hatte er die Manövertage lustig gefunden, jetzt nicht mehr. Die alten Knochen spüren zu sehr die vermehrte Arbeitslast, und das unruhige Getriebe von früh bis Abend fiel ihm auf die Nerven.


22 "Und so viel ist sicher: irgend etwas kommt immer in Unordnung", brummte er, während er vor dem Diner der Köchin die Schüsseln zum Anwärmen herbeischleppte, "vor drei Jahren haben die dämlichen Bauernjungens, die Offiziersburschen, beinah' ein volles Dutzend von den feinen Rheinweingläsern kaput geschmissen, und vor zwei Jahren kam das Stubenmädchen, die Lieschen, in andere Umstände."

"Aber Franz, dafür konnte doch die Einquartierung nichts", rief lachend die kleine Margarete, die, unbemerkt von dem Alten, in die Küche getreten war.

"Schafskopp", sagte die Köchin, ihm einen tadelnden Blick zuwerfend.

Und der Alte machte ein verlegenes Gesicht. "Ich meine ja auch man nur so", entgegnete er, sich abwendend.

Schließlich machte es nicht viel aus. Das kleine Fräulein hörte und sah ja so manches, was kleine Stadtfräulein nicht sehen. Es sprach ganz ungeniert davon, wann die Blasse wohl kalben würde, und daß die Stute Nora von dem neuen Hengst gedeckt war - aber bei all diesen Kenntnissen blieb die Kleine von einer schier verwunderlichen Unschuld. Sie dachte kaum daran, ihre Viehbeobachtungen auf Menschen anzuwenden - zum Staunen ihrer Mutter, die in dem gleichen Alter schon neugierig den Geheimnissen der Erotik nachgeschnüffelt hatte. Jutta begriff kaum diese kristallhelle Harmlosigkeit - bei einem Kinde, das so hervorragend geistig begabt war, das jede grammatikalische Feinheit sofort erfaßte und im Geschichtsunterricht oft Fragen stellte, die den Lehrer


23 durch ihre scharfsinnige Frühreife verblüfften. "Lernklug ist sie", sagte ihr Bruder Georg von ihr, "aber ein bißchen lebensdumm." Bei ihm war die Sache eher umgekehrt.

Punkt sechs Uhr wurden die Offiziere von der Hausfrau im großen Speisesaal zum Diner erwartet. Zu Ehren des Generals war die Aufmachung heute eine feierliche. Auf der Tafel prangten prächtige Dahliensträuße. Jutta war schön und würdevoll in schwarzem Samt; auch Luise Schott und das Elfchen hatten Toilette machen müssen. Und aus dem Seitenflügel, der Küchengegend, zogen verheißungsvolle Düfte heran.

"Donnerwetter, sind denn auch Töchter im Hause?" fragte Köckeritz, der lange Ulan, beim Eintritt in den Eßsa[a]l einen der hier schon bekannteren Feldartilleristen. "Doch wohl nur Stieftöchter von der schönen Baronin?"

Der Feldartillerist gab halblaut Bescheid.

"So, also nur höheres Hauspersonal", meinte Köckeritz und drehte sich halb auf dem Absatz herum mit einer graziösen Schwenkung - eben hatte er um Vorstellung bitten wollen, das war ja nun wohl nicht nötig. Eine flüchtige Verbeugung genügte. Auch der kleine Schlickmann, sein Kamerad und sklavischer Verehrer, begnügte sich mit der Verbeugung, während der Rittmeister Graf Weiden der Ansicht huldigte, daß Gouvernanten und andere gebildete Berufsfrauen auch Damen seien, und bald in ein lebhaftes Gespräch mit Luise Schott kam, indes das Elfchen sich von den Artillerieleutnants den Hof machen ließ. Es verhielt


24 sich dabei ziemlich passiv, da es den leichten Ton nicht recht zu finden wußte. Die Kleine hatte noch sehr wenig mit Offizieren verkehrt. In ihrem Elternhause hatten Leutnants für frivol gegolten, die Töchter waren vor ihnen gewarnt worden. So hatte sie etwas Scheues jungen Männern gegenüber behalten. Bildhübsch, aber kühl, urteilten die Artilleristen. Und doch war die Kleine innerlich in großer freudiger Aufregung.

Jetzt öffnete sich die Saaltür von neuem: "Ah, Herr General!" Jutta trat den Eintretenden entgegen, die sie vorher bei der Ankunft nur flüchtig begrüßt hatte.

Der General war ein großer, ansehnlicher Mann, etwas zu wohlbeleibt für die Uniform. "Er muß Tüchtiges leisten", dachte Jutta, "sonst wäre er bei dieser Leibesfülle längst abgesägt worden." Übrigens sah er sehr gut aus; schon ganz graues Haar, aber ein frisches, feines Gesicht.

Ihm folgte sein Adjutant und ein Infanterieleutnant; "von Schönigen", stellte sich der junge Leutnant Luise Schott und der kleinen Ottilie selber vor, während die Hausfrau dem General ihren Arm reichte. Zu Tische! Der gräfliche Rittmeister führte Luise Schott, und das Elfchen wurde den bewundernden Leutnants schnöde weggeschnappt von einem verheirateten Hauptmann.

Es war ein heiteres Mittagsmahl. Die jungen Offiziere stellten mit Befriedigung fest, daß sie in ein "Sektquartier" geraten waren und verliebten sich mit jedem Gang mehr, teils in die schöne Hausfrau, teils in das zarte, blonde Gouvernantchen.


25 Die Kleine sog mit Entzücken das schmackhafte Gift der Schmeichelei ein; nur einer beteiligte sich nicht an dem Wettbewerb, suchte nicht wie die anderen durch liebenswürdige Schwerenöterredensarten und muntere Witzchen, die der kleinen, weltfremden Dame noch alle neu waren, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Das war ihr Gegenüber, Leutnant von Schönigen. Er vertilgte schweigsam sehr respektable Portionen Rebhuhnpastete und starrte dabei unausgesetzt mit seinen schönen, düster funkelnden, schwarzen Augen auf das zarte Gesichtchen, das immer häufiger errötete unter diesen stummen Blicken. Sie fand ihn interessanter als all die Liebenswürdigen ringsumher. Finstere Schweigsamkeit macht immer Eindruck, besonders wenn sie mit Körperschönheit verbunden ist. Und dieser junge Herkules mit dem hübschen brünetten Kopf war wohl dazu angetan, weiblichen Augen zu gefallen.

"Warum ist Herr von Schönigen so melancholisch?" fragte Ottilie halblaut ihren Nachbar, den verheirateten Hauptmann.

Der lachte. "Melancholisch? Hab' ich noch nie bemerkt. Etwas mundfaul. Aber sonst ein ganz frischer Junge. Durchaus kein Kostverächter. Hehehe!" Sein Lachen gefiel der kleinen Ottilie nicht.

Der Hauptmann war ein trivialer Dutzendmensch. Ottilie war doch überzeugt, daß irgendein stilles Leid auf der Seele dieses schönen Schweigsamen lasten mußte.

Frau von Hadersloh und der General kamen bald auf vertraulichen Fuß - ohne daß sie sich gegenseitig


26 irgendwie anzogen, als Mann und Weib. Er fand, daß die Baronin eine sympathische Dame war, aber ihren Ruf als schöne Frau eigentlich kaum verdiente. Er liebte das Niedliche bei den Frauen. Außerdem war er ein musterhaft treuer Ehemann. Und sie fand, daß in seinem klugen, offenen Gesicht etwas lag, das sie in ihrer Sprache als: zu brav bezeichnete. Ein vortrefflicher Mensch, gutherzig, gescheit, aber vielleicht ein wenig pedantisch.

Sie freute sich, an seinem spitzen "St" zu erkennen, daß sie einen engeren Landsmann vor sich hatte. General Herger stammte aus einer guten, alten hannoverschen Beamtenfamilie und sie entdeckten bald eine Fülle von Beziehungen.

"Sollten Sie nicht auch meinen Bruder kennen gelernt haben?" meinte der General, "meinen Bruder Franz? er hat als Referendar im Hause des Landdrosten von Wexleben in Lüneburg verkehrt."

Nein, Jutta entsann sich nicht.

"Freilich, damals waren Sie ja noch ein Kind", fuhr der General fort. "Mein Bruder ist ja hoch in den Vierzigen."

"Wo habe ich nur in letzter Zeit Ihren Namen so häufig gelesen?" überlegte Jutta.

"Nun, in den Zeitungen", meinte der General, "mein Bruder ist seit diesem Frühjahr Unterstaatssekretär im Justizministerium."

"Ah so - ja, richtig." Jutta schämte sich ein wenig, daß sie so schlecht bewandert war.

"Ja, der hat von uns drei Brüdern die beste


27 Karriere gemacht, unser Jüngster", fuhr der General fort, "mit achtundvierzig Jahren Unterstaatssekretär."

"Nun, ich meine, Sie selber, Herr General" - unterbrach ihn seine Nachbarin.

Aber er ließ sie nicht ausreden. "Gewiß, ich kann zufrieden sein. Aber - das wird nun auch wohl das Schlußkapitel werden. Unser Jüngster dagegen - der steht noch in seiner besten Kraft, und beim Zivil - Gott, da werden ja die Fünfziger als hoffnungsvolle Jünglinge behandelt. Übrigens gönn' ich es keinem mehr, wie dem Franz. Sonst hat er's nicht leicht gehabt im Leben. Sechs Jahre lang eine schwerkranke Frau. Dann starb sie. Und nun sitzt er da mit seinen beiden Jungens. Eine Hausdame löst die andere ab."

Mitleidig zuckte er die Achseln.

Und Jutta lächelte. "Warum halten die Hausdamen denn nicht aus?"

Wieder ein Achselzucken. "Vielleicht - weil sie gern zu sehr aushalten möchten. Und da sie ihr Ziel nicht erreichen - neuerdings nimmt mein Bruder auch nur noch harmlose alte Wirtschafterinnen, ganz ohne gesellschaftliche Prätensionen." Dann erzählte er von seinen eigenen glücklichen Familienverhältnissen, von seinen drei Töchtern und von seiner Frau, die eine Offiziersdame, Gattin und Mutter von makelloser Vollendung zu sein schien - fast gar zu ausführlich schilderte er ihre Tugenden - "ein unausstehliches Musterbild muß sie sein", dachte seine Nachbarin, "und wenn ich der glücklichst verheiratete Mensch auf Erden wäre, es würde mir doch nie einfallen, mein Eheglück vor fremden Leuten auszubreiten. Geschmacklos.


28 Philiströs." Dann hob er ihre Stimmung aber wieder durch ein enthusiastisches Lob der Eickener Umgebung. Er war als Militär in vielen Gegenden des deutschen Vaterlandes herumgeworfen worden, hatte aber der hannoverschen Heimaterde eine tiefe, zärtliche Treue bewahrt.

Nach dem Diner wurden die Herren entlassen, um im Rauchzimmer bei einer sehr guten Zigarre und einem Glase Bier noch so lange zusammenzubleiben, wie sie Lust hatten. Jutta zog sich mit Luise, dem Elfchen und der kleinen Margarete in ihren Gartensalon zurück. Der General bedauerte, daß die Gnädige sie ihre Gesellschaft schon berauben wollte, aber sie behauptete, müde zu sein.

"Schade, schon so früh?" meinte die kleine Ottilie betrübt.

Aber die männerkundige Wirtin nickte lächelnd. "Die sind vor sechs Uhr aufgestanden und haben sich den ganzen Tag im Freien abstrapaziert. Glauben Sie mir, Otti, denen tut man jetzt keinen größeren Gefallen, als wenn man sie in Ruhe läßt. Die wollen sich jetzt im behaglichen Kneipton gehen lassen."

"Eine verständige Frau", sagte Graf Weiden, der Rittmeister, der schon etwas bequeme Junggesellenliebhabereien hatte, "ich glaube, sie läßt unsereinen auch ordentlich ausschlafen und kommandiert nicht zum Tennis."

Quartiere mit flirtlustigen Töchtern, wo man noch tüchtig tanzen oder Tennis spielen sollte, wenn man nachmittags hundsmüde ins Quartier einrückte, waren sein Schrecken.


29 Nein, Jutta Hadersloh hatte Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Manövergäste. Sie sorgte, daß jeder zu seinem Recht kam, zeigte sich selber aber erst gegen Abend zur Dinerzeit. Wer das Bedürfnis nach ihrer Gesellschaft fühlte, mochte sie aufsuchen. Zur Liebenswürdigkeit verpflichtet waren die Herren aber nicht vor der sechsten Abendstunde.

Dem Frühstückstisch präsidierte Luise Schott. An den ersten beiden Tagen hatte sie ihr Amt allein verwaltet; am Morgen nach Ankunft des Brigadestabes erschien aber zu ihrem Erstaunen die kleine Ottilie, die sonst eine Langschläferin war, schon fix und fertig, in einem blendend frischen weißen Leinenkleid, sauber zum Anbeißen. "Ich dachte, daß ich Ihnen vielleicht ein bißchen helfen könnte."

Luise lächelte. "Schön, liebe Otti." Daß die Kleine ihren süßen Morgenschlaf opferte, hatte etwas zu bedeuten.

Die Offiziere erschienen, einer nach dem andern. Aber die Augen der emsig Tee und Kaffee einschenkenden kleinen Gouvernante wanderten immer noch sehnsüchtig nach der Tür. "Kommt Herr von Schöningen nicht zum Kaffee?" fragte sie endlich.

"O, der wird wohl noch lange Zeit nicht aus den Federn rausfinden", meinte der Adjutant, sein Freund, "der steht nicht auf gutem Fuß mit der Dame, die Gold im Munde hat. Er hat schon gestern Abend vorgebeugt. An unserem Morgenritt würde er nicht teilnehmen. Er hätte zu arbeiten. Schöningen ist nämlich Kroquiszeichner."

"Ach so, Kroquiszeichner." Otti wußte nicht recht,


30 was sie sich unter dieser Tätigkeit vorstellen sollte. Aber die Aussicht, daß der schöne Melancholische wohl einen Teil des Tages im Quartier verbringen würde, berührte sie sehr angenehm.

Als Gretchen heute in der französische Stunde ihren langweiligen Charles XII. von Voltaire übersetzen mußte, bemerkte sie, daß Fräulein Otti unglaublich nachsichtig war und ihr Ausdrücke hingehen ließ, die gar keinen rechten Sinn ergaben. Und später, in der Zeichenstunde, träumte sie so gedankenverloren vor sich hin, daß Gretchen, statt den dickbäuchigen Wasserkrug abzuzeichnen, an dem sie ihre plastische Schattierungskunst üben sollte, zu ihrem Vergnügen eine Viertelstunde lang tanzende Männchen auf einen Papierfetzen kritzelte, ohne daß Fräulein es überhaupt gewahr wurde. Irgend etwas stimmte da nicht!

Gegen Mittag ging Ottilie im Garten spazieren. Da sah sie oben am Erkerfenster einen dunklen Kopf auftauchen. Und wenige Minuten später fühlte Herr von Schöningen auch das Bedürfnis, sich im Garten von seiner kniffligen Arbeit zu erholen.

Höflich grüßend näherte er sich der jungen Gouvernante. "Gnädiges Fräulein waren gestern Abend so bald verschwunden."

Otti errötete tief, als ob er die verfänglichsten Worte gesagt hätte.

"Frau von Hadersloh wollte nicht, daß die Herren in ihrem Rauchgenuß gestört würden."

"Sehr rücksichtsvoll - aber für mich nicht zutreffend. Ich rauche nicht und hätte sehr viel lieber - hm - bei Tische hatte ich gar keine Gelegenheit -


31 gnädiges Fraulein waren so sehr in Anspruch genommen . . . "

Otti lächelte geschmeichelt. Es war eine neue Situation für sie. Ganz fremd kam sie sich selber vor: eine von Offizieren umworbene junge Dame.

"Warum waren Sie so still?" fragte sie ihn schüchtern. "Fühlten Sie sich nicht wohl?"

"O doch. Ich bin überhaupt kein liebenswürdiger Gesellschafter. Wenn alles durcheinander spricht, kann ich nicht mit. Als ob sich mir dann ein Siegel auf den Mund drückte. Ich unterhalte mich nur gern zu zweien, mit Menschen, die mir sympathisch sind."

Ein schmachtender Blick traf die kleine Ottilie. Sie waren langsam miteinander weitergegangen, immer am Rande eines reich blühenden, warm duftenden Sommerblumenbeetes entlang. Ottilie riß, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden, im Vorbeigehen einzelne Blumen und Blätter ab und spielte damit, während ihre Finger leise bebten.

Der junge Offizier bemerkte wohl ihre Erregung und lächelte sehr zufrieden. Wieder eine. Weiß der Kuckuck, was er für ein Glück bei den Frauen hatte. Während andere sich abmühten, eroberte er im stillen, ohne irgend etwas dazu zu tun. Seine Augen! Kolossal wirkungsvolle Augen. Aber diesmal bewegte ihn nicht nur die Freude des Triumphators. Nein - ein Gefühl, das zärtlicher Rührung glich. Nie hatte er noch etwas so Reizendes, Zartes, Duftiges gesehen, wie dieses gesenkte Mädchenprofil - und wie der lange, blonde Zopfkranz das Gesichtchen umrahmte, ein bißchen altmodisch sah es aus, aber so poetisch, so


32 - nach Minneliedern und Märchen. Kurt Schöningen fühlte, wie ein heißer Strom des Entzückens in ihm aufstieg.

Er beugte sich tiefer zu ihr herab und sah zu, wie sie die Lippe eines samtigen Löwenmäulchens durch Seitendruck immer auf- und zuklappte.

"Wie gehorsam es schnappt", sagte er und steckte dann plötzlich seinen kleinen Finger in die Öffnung. "Gefangen!" Er tat, als ob er wirklich nicht wieder los könnte und ließ dabei seine Hand auf den feinen Fingerchen ruhen.

Otti wurde dunkelrot, aber sie zog ihre Hand nicht zurück. Es war zu süß, was sie empfand, zu süß.

"Geben Sie mir die Blume", sagte er dann, mehr befehlend als bittend, und steckte das schon arg mitgenommene Löwenmäulchen zwischen seine Uniformknöpfe.

Minutenlang gingen sie still nebeneinander her.

Dann empfand aber Ottilie dieses Schweigen peinlich, als etwas Ungehöriges, allzu Intimes. Und sie fragte den Leutnant nach seiner Heimat. Er stand in Magdeburg und war der Sohn eines pensionierten Generals, der in Berlin-Friedenau lebte. Mit seinem alten Herrn stimmte Kurt Schöningen nicht ganz überein. Der war wunderlich, verbittert und von einer Sparsamkeit, die ans Krankhafte grenzte. Mama war ein Engel. Aber eine heitere Jugend konnte sie dem Sohne auch nicht schaffen. Frau Sorge war ständiger Hausgast bei der Familie Schöningen gewesen.

"Ja, mancher lernt das Leben nie von der Sonnenseite kennen", bemerkte er seufzend.


33 Die Kleine sah ihn fragend an. Was mochte seine Seele bedrücken? Aber er antwortete nicht auf ihre stumme Frage.

Die Antwort würde sie doch zu sehr ernüchtert haben. Denn sie hätte lauten müssen: Schulden, Schulden, - fürchterliche Schulden!

Als sie von diesem Gartenspaziergang heimkehrten, trugen die beiden das Gefühl in der Brust, daß sie schon innig vertraut waren und einander verstünden, so wunderbar, so einzigartig - wie war es nur möglich, daß man sich in dieser kurzen Zeit so nahe kommen konnte? Als etwas Wunderbares, Geheimnisvolles erschien der kleinen Ottilie dieses schnell wachsende Zusammengehörigkeitsgefühl, und es war doch nur der alltägliche, in tausend Herzen erlebte Vorgang: die Sehnsucht, die junges Blut zu jungem Blute zieht.

Drei Tage später, als Frau von Hadersloh gegen elf Uhr nachts zur Ruhe gehen wollte und das Fenster ihres Schlafzimmers schloß, sah sie im Mondschein zwei sehr eng aneinandergeschmiegte Gestalten, einen großen Mann und ein sehr zierliches weibliches Wesen, über den Kiesplatz huschen und im Dunkel der Lindenallee verschwinden. Seltsam - wie der Gang des Mädchens an Otti erinnerte. Die Kleine hatte zu gewohnter früher Stunde Gutenacht gesagt und war mit ihrem Pflegling hinaufgegangen. Sollte da etwas - aber nein, das Elfchen war ja so scheu und sittig - Alwine, das neue Stubenmädchen, hatte ja auch diese zierliche Figur, und die war ein leichter Vogel - sicherlich, Alwine hatte einen Verehrer unter dem verführerischen bunten Tuch gefunden.


34 Am nächsten Morgen fragte Jutta beim Frühstück die kleine Gouvernante, ob sie sich gestern gleich zu Bette gelegt hätte - und erschrak über die Wirkung. Denn Otti wurde schneebleich und starrte die Fragerin mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen an - einen kurzen Moment, dann senkte sie den Blick und die Farbe kehrte heiß aufglühend in das überzarte Gesichtchen zurück. "Nein, ich hatte Kopfweh und bin noch etwas ins Freie gegangen."

Ein Unbehagen kam über Jutta.

Von dieser Stunde an beobachtete sie schärfer. Aber sie konnte nichts Auffallendes wieder entdecken. Daß Otti jetzt ein wenig aufgeregt und zerstreut war, daß sie ihrem Putz mehr Aufmerksamkeit schenkte als sonst und häufig den Unwillen Gretchens erregte, weil sie "immer so vor sich hindöste und gar nicht zuhörte, wenn man sie etwas fragte" - du lieber Gott, war das nicht natürlich? Der Kleinen stieg die Courmacherei dieser jungen Leute in den Kopf, sie war so gar nicht an den Flirtton gewöhnt. In zehn Tagen würden die Manöver zu Ende sein und alles würde wieder ins alte Geleise kommen. Jutta wünschte diesen Augenblick im stillen herbei - bei all ihrer aufrichtigen Gastfreundschaft; es war doch ein wenig ermüdend, so von früh bis Abend für fremde Menschen sorgen zu müssen - besonders wenn kein persönliches Interesse dabei im Spiele war. Das letztemal, vor zwei Jahren, war ihr die Einquartierungszeit nur allzuschnell dahingegangen. Da hatte die Herrin von Eicken sich in einen rotblonden Hauptmann verliebt - nichts Ernstes, nur genug, um dem geselligen Beisammensein


35 eine prickelnde Würze zu geben. In diesem Jahr aber fehlte die Würze. Keiner unter den vielen stattlichen und gewandten jungen Männern besaß für Jutta jenes gewisse unerklärliche Etwas, das ihre Pulse rascher hätte klopfen lassen können. Zufällig keiner. Jutta Hadersloh gehörte nicht zu den Frauen, denen jeder wohlaussehende Mann gefährlich werden kann. Sie hatte einen sehr eigensinnigen, sehr bestimmten Geschmack.

Die Herren fühlten sich aber immer behaglicher in der Eickener Atmosphäre. Einige von ihnen brachten jetzt auch regelmäßig den Abend mit Frau von Hadersloh im Gartensalon zu, vor allem der General; er war ein Familienmensch und zog ein verständiges Gespräch mit der Hausherrin, auch wohl ein onkelhaftes Schäkern mit der kleinen Margarete, den Herrenkneipunterhaltungen vor. Und einige von den jüngeren Offizieren teilten seinen Geschmack. Sie waren musikalisch. Der eine hatte einen schönen Bariton, zwei andere spielten Klavier. Und Herr von Schöningen pflegte die kleine Ottilie zum Gesang zu begleiten.

Die beiden übten viel miteinander. Sehr fleißig und gewissenhaft, an jedem Ruhetag.

Vielleicht - etwas gar zu fleißig? Denn eines Morgens, kurz vor dem Schlusse der Manöverzeit, überraschte Jutta das Pärchen, als sie, nichtsahnend, den Gartensalon betrat, in einer Stellung, die auf sehr weitgediehene Vertrautheit schließen ließ: Schöningen saß am Klavier und spielte mit der rechten Hand die Oberstimme einer Schumannschen Melodie, Otti stand


36 neben ihm, weit vorgebeugt, die Unterstimme angebend. So sehr näherten sich die beiden Köpfe, daß es aussah, als ob die Wangen sich berührten. Und bei Juttas Eintritt prallten sie erschreckt auseinander.

"Wir können hier mit dem Takt gar nicht fertig werden", stotterte zitternd das Elfchen und beugte sich tief über die Noten.

Jutta tat, als ob ihr nichts aufgefallen wäre. Aber die Entdeckung berührte sie sehr peinlich. Während sie ihren Rundgang durch Haus und Hof machte und mit Hortmann eine kranke Kuh im Stall besichtigte, kehrten ihre Gedanken immer wieder auf den einen Punkt zurück: Was tun? Wie soll ich mich dabei verhalten? Mit Otti sprechen? Aber wie? - - Jutta konnte sich so gar nicht in die Rolle des Moralpredigers hineinfinden. Sie kam sich selber lächerlich vor bei dem Gedanken. Sie - Jutta. Würde sie überhaupt den Ermahnungston finden? Und - eigentlich hatte sie ja auch gar keinen Grund zu Vorwürfen. Die beiden waren ineinander verliebt. Aber war es denn nicht die natürlichste Sache von der Welt, daß ein schöner junger Mann und ein liebliches junges Mädchen, die Tag für Tag miteinander verkehren konnten, die bei jeder Mahlzeit zusammentrafen, zu jeder Stunde Gelegenheit hatten, sich zu begegnen, daß diese beiden jungen Menschenkinder sich ineinander verliebten? Und wenn es auch nur ein flüchtiger Liebstraum war - Jutta war ganz fest überzeugt, daß Schöningen an nichts Ernstes dachte, noch denken konnte - weshalb ihnen das flüchtige Glück nicht gönnen?


37 Und doch - etwas in ihrer Seele warnte sie, ein unbequemes, drohendes Gefühl - schließlich war sie doch verantwortlich für das junge Geschöpf, das schon seit Jahren in ihrem Hause lebte und ihr lieb geworden war - und die kliene Ottilie war kein leichtsinniges, forsches Mädel, das bald mit diesem, bald mit jenem schäkert und eine Enttäuschung rasch verwindet, eine trübe Erfahrung kräftig abgeschüttelt. Zart wie ein Schmetterlingsflügel war dieses Seelchen, es vertrug keine rauhe Berührung. Ein sehr heller, matter, feiner Stoff, auf dem jeder Flecken sich untilgbar einprägt. Ungewohnt der Liebelei, ungewohnt des Scherzens mit Gefühlen. Anfangs hatte Jutta die Kleine für leidenschaftslos gehalten, für ein artiges Kind, das den braven jungen Mann heiratet, den Papa und Mama für den richtigen halten, oder auch das Los eines stillen, alten Jüngferchens geduldig auf sich nimmt. Aber von dieser Meinung war sie abgekommen. Manchmal, wenn sie in ihrer freien skrupellosen Weise über das Recht jedes gesunden Menschen auf Liebesfreude und über die Erbärmlichkeit heuchlerischer Philistermoral sprach - da leuchtete etwas in den weichen, dunkelumschatteten Augen des Mädchens auf, das Jutta fast erschrecken ließ vor der Wirkung ihrer Worte, ein glühender Freiheitsdrang, ein Willen zu vollem, schrankenlosem Erleben. - Jutta kam sich wie Goethes Zauberlehrling vor, auch sie hatte Geister gerufen, die sich nicht wieder bannen ließen.

Als sie, vom Herumwirtschaften ermüdet, in ihr Boudoir hinaufgegangen war und sich mit einem Buch in ihren Schaukelstuhl gesetzt hatte, trat Ottilie ein,


38 um eine Abänderung des Stundenplanes mit ihr zu besprechen.

Sie fand die Herrin seltsam ernst und wortkarg, fast unfreundlich - sollte sie vorhin etwas gesehen haben? Es schien doch in jenem Augenblick, als ob sie nichts bemerkt hätte. Ottilie wollte sich Gewißheit verschaffen. "Hab' ich irgend etwas versehen?" fragte sie ängstlich. "Sind Sie mir böse?"

Jutta zögerte mit der Antwort. Forschend ruhte ihr Blick auf dem feinen Gesichtchen, das in immer wachsender Verlegenheit errötete.

"Böse? Nein, Otti", antwortete sie dann ernst, "aber ich sorge mich um Sie. Was ist das mit Herrn von Schöningen?"

"Mit Schöningen?" Ein unsicherer Blick. Noch tieferes Erröten. "Nichts, gar nichts. Das heißt - ja gewiß, wir haben uns gern."

Wieder eine Pause. "Ich will nicht in Sie dringen, Otti", meinte dann Frau von Hadersloh, "was Sie mir nicht aus freiem Antrieb sagen wollen, verlange ich nicht zu wissen. Nur warnen will ich Sie, ernstlich warnen. Übermorgen geht er fort - "

"Übermorgen, ja", wiederholte die Kleine tonlos.

"Und dann ist alles zu Ende - wenigstens so wie ich ihn beurteile. Ich möchte nicht, daß Sie mit Reue an diese Zeit zurückdächten, Otti."

"Reue? Nie, nie!" rief Otti schwärmerisch und sank dann neben dem Schaukelstuhl nieder, ihren Kopf in den Schoß der gütigen Herrin schmiegend, wie sie es oft und gern tat. "Es ist ja eine so herrliche, einzig schöne Zeit. Und daß Sie mich warnen - es klingt


39 so seltsam, so unwahrscheinlich. Sonst sprachen Sie ganz anders. Sie sind doch nicht wie die gewöhnlichen, strengen prüden Damen. Sie, in der ich meine Führerin, meine Befreierin gefunden habe, Sie, die mich in eine neue, helle, sonnige Welt hinausgeführt hat. Sie dürfen mir nicht zürnen. Bitte, bitte nicht!"

Sanft streichelte Jutta das feine, glatte Blondhaar. "Ich denke ja nicht daran, Ihnen zu zürnen, Kind. Ich gönne Ihnen jede Freude. Nur - eins möcht' ich Ihnen sagen . . . ich fürchte, Sie könnten manches Wort mißverstanden haben, was in Gesprächen zwischen uns gefallen ist - deshalb möcht' ich Ihnen das eine vor Augen halten: es gibt Frauen, die sich verschenken können, ohne daß ihr Adel und die Kraft ihrer Persönlichkeit darunter leidet - andere aber würden daran zerbrechen. - Und Sie gehören zu diesen anderen, Kind. Das weiß ich genau."

Jetzt lachte Otti hell auf. "Aber, Liebe, Angebetete: weshalb Sie mir das sagen, begreif' ich nicht. Es ist ja doch gar nichts geschehen -- und wird nichts geschehen."

Ein Blick in die helleuchtenden Augen beruhigte Jutta. Nein, gewiß, ihre Angst war unnötig gewesen. Und wenn dieses Kind sich auch schon an manchem kühnen Gedanken berauscht, manches freie Wort in sich aufgenommen und wiedergegeben hatte . . . der Schritt vom schwärmerischen Phantasiespiel bis zur Wirklichkeit ist ein weiter. Otti war rein, eine mimosenhaft zarte, keusche Natur. Ihre Reinheit schützte sie.

Fast tat es Jutta leid, daß sie überhaupt an eine Möglichkeit gerührt hatte, die dem Elfchen so fern lag,


40 wie ein Verbrechen dem Kinde fern liegt, das sich in seinen Freistunden an Rinaldo Rinaldini-Geschichten den Kopf dumm liest.

"So, und nun gehen Sie, liebe Otti. Und versprechen Sie mir, daß Sie recht vernünftig sein werden."

Otti küßte der lieben Frau die Hand. "Ich verspreche es . . . "

Und spät in der Nacht, als schon tiefe Schlummerstille über dem Herrenhause zu Eicken lag, da tönten vorsichtig tastende Schritte durch das dunkle Treppenhaus. Leise klopfte es an eine Tür. Und die Tür ward aufgetan. ----------



XIX

[41]

XIX.

Der Plan, der im letzten Winter manchmal als fernliegende Möglichkeit in Juttas Hirn aufgetaucht war, hatte sich durch einen günstigen Zufall sehr bald in Wirklichkeit gewandelt. Mrs. Farquharson, eine vornehme alte Schottin, die in Berlin lebte und seit Jahren mit Jutta befreundet war -- eine Reisebekanntschaft aus den Zeiten des seligen Vollrad -- schrieb, daß sie diesen Winter im Süden verbringen wollte und für diese Zeit ihre Wohnung möbliert zu vermieten gedächte; in England machte man das häufig so; natürlich müßten es "nice people" sein, die keine brennenden Zigarrenstummel auf den schönen großen Smyrnateppich würfen und die Politur der neuen Chippendalemöbel nicht verkratzten. Und Jutta hatte ihr umgehend geantwortet, daß sie selber sich mit ihren Kindern zu den "nice people" rechnete und die Wohnung gern mieten wollte. Nichts konnte ihr willkommener sein. Ohne Umzugskosten übersiedeln. Für mäßigen Preis ein wohlzubereitetes Nest in Berlin finden. Sie griff ohne Besinnen zu.

Und Anfang November war sie bereits mit ihren Kindern und Ottilie in die sehr behagliche Wohnung eingezogen, die in der Meinekestraße, einer ruhigen Seitenstraße des breiten, automobildurchsausten Kurfürstendammes,


42 lag. Auch für die Jungen war hier Platz, eine Eröffnung, die sie mit Jubel begrüßten. Sie hatten sich in ihrer Pension viel unbehaglicher gefühlt, als sie es der Mutter geschrieben. Auf einer engen, vier Treppen hoch gelegenen Etage, zusammengespannt mit zwei anderen, älteren Gymnasiasten, unter der steten Obhut eines straffen Oberlehrers - das war mehr, als die freiheitgewöhnten kleinen Eickener Landjunker ertragen konnten. "Nun geht erst das gute Leben in Berlin an!" erklärten sie ihrer Mutter am Einzugstage, und Georgs erste Tat war, daß er seinen Bruder zu einem Wettspringen über die zierlichen Chippendalestühle aufforderte.

Luise Schott war in Eicken geblieben, als Kastellanin und Oberleiterin des herrenlosen Hauswesens, und erstattete alle drei Tage gewissenhaft Rapport über Leute, Vieh und alle Wechselfälle, die der Gang einer großen Wirtschaftsmaschine mit sich bringt. Diese Berichte waren der Herrin von Eicken Lebensbedürfnis. Sie gehörte ja nicht zu den großen Damen, deren Jahreslauf gewohnheitsmäßig hin und her pendelt zwischen dem Winter in der Stadt und dem Sommer auf den Gütern und die das Landleben nur als Kur für die ermatteten Saisonnerven ansehen - Jutta Hadersloh war nur große Dame in Auftreten, in der Erscheinung - ihr eigentliches Wesen aber blieb doch die Landedelfrau, die sich nur als flüchtigen Gast in der Großstadt fühlt. Sonst war das anders gewesen. Zu Vollrads Zeiten hatte sie ein Vierteljahr in Rom zubringen können, ohne sich auch nur mit einem Gedanken darüber zu beunruhigen, was dort oben auf


43 dem Heidegut inzwischen wohl vorgehen mochte. Seitdem aber der blühende Besitz einen Teil ihrer Kraft, einen Teil ihres Lebens verschlungen, fühlte sie ihn als wertvollen Zubehör ihrer Persönlichkeit und kam sich seltsam losgelöst, abgeirrt vor, wenn sie durch die breiten, regelmäßigen Berliner Straßen wanderte, umbrandet von reichflutendem Leben - einem Leben, das keine kleinste Beziehung zu ihrem eigenen hatte. Und doch genoß sie das Neue. Die Jahre der straffen Pflichterfüllung hatten eine große Genußsehnsucht in ihr aufgespeichert, Sehnsucht nach den Freuden gesteigerten Kulturlebens. Ihre Aufnahmefähigkeit war frischer jetzt, als vor zehn Jahren. Wie sie am ersten Abend von der Weidendammer Brücke die Friedrichstraße hinunterschritt, vor sich das Gewühl von Menschen und Fuhrwerken, das Gewirr funkelnder Lichter in Straßen und Schaufenstern und über den hochgespannten Stadtbahnbögen, wie diese rastlose Bewegung sie umdrängte von allen Seiten, diese mannigfache Fülle der Lebenserscheinungen, die in ihrer Gesamtheit doch wie ein Großes, Einziges wirkte, da schwellte eine Freude ihr Herz, die sie sich kaum zu deuten wußte, denn das, was sie da vor sich sah, waren doch recht prosaische - meistens sogar unerquickliche Dinge: nüchterne Häuserfronten, Läden mit prunkenden Schaustücken, schreiende Reklameschilder, abgehetzte Menschen - und doch stürmte das Ganze auf sie ein wie eine Sturzwelle neuer schwindelnder Freude.

Mit klopfendem Herzen saß sie im Opernhause vor dem Vorhang und wartete, daß er sich über Hundings


44 Hütte erheben sollte. Mit andächtiger Neugierde durchwanderte sie die stillen Räume von Gurlitt und Cassirer und suchte die Sprache der neuesten Kunst zu verstehen; sogar an den modernen Bequemlichkeiten ihrer Wohnung hatte sie in der ersten Zeit eine kindliche Freude; sie fand es ganz natürlich, daß Gretchen allerorten zu allen Tageszeiten "knippste" - in Eicken herrschte noch die milde Petroleumlampe - sie fand es köstlich, daß man zu jeder Stunde ein warmes Brausebad genießen und die Dreitreppenhöhe so sanft im Lift hinaufschweben konnte; und jedem neuen Morgen sah sie mit einer gewissen Spannung entgegen, denn jeder konnte Unerwartetes bringen.

Sie hatte Leo Frentzius den Ankunftstermin verschwiegen; er paßte ihr zu wenig in die Einzugsunruhe hinein. Erst am dritten Tage wurde er durch eine Einladung zum Tee überrascht.

Und er kam, bleich vor Erregung, die Augen fieberhaft leuchtend. Anfangs wortkarg, küßte er der geliebten Frau nur wieder und immer wieder die Hände, die er mit eiskalten Fingern umklammert hielt. Jutta fand etwas Unnatürliches, allzu Sensitives in seiner Art, als ob seine Seelenkräfte sich überspannt hätten in der leidenschaftlichen Erwartung. Vielleicht waren seine Nerven auch durch Arbeit überreizt. Wie er sein Leben schilderte, konnte das nicht wundernehmen. Sein Kolleg und die germanistischen Studien füllten nur einen kleinen Teil seiner Zeit aus. Andere, abseits liegende Studien und schrifstellerische Vesuche schienen ihm mehr am Herzen zu liegen, vor allem aber ein Gebiet sozialer Fürsorge, auf das er sich neuerdings


45 mit Feuereifer gestürzt hatte: das Interesse für die entlassenen Strafgefangenen, für die von der Hand des Gesetzes Gepackten. Ein wiederaufgefundener Jugenfreund, Gefängnisarzt und von sehr weicher Gemütsart, Lombroso-Jünger, hatte ihn auf diese Bahn gezogen. Seitdem studierte er den Verbrecher, aus Büchern und nach dem Leben, wo immer sich ihm Gelegenheit bot, und war geneigt, in jedem Entgleisten versteckte Tugenden und hervorragende seelische Kräfte zu ahnen.

"Ich fürchte, Sie sind auf einen gefährlichen Weg geraten, lieber Freund", sagte Jutta kopfschüttelnd, als er das sittliche Feingefühl eines jungen Menschen pries, mit dem er jetzt fast täglich verkehrte und der mehrere Jahre wegen Veruntreuungen gesessen hatte; "im mildesten Licht gesehen, hat Ihr Schützling doch eine erbärmliche Schwäche, dem Drang widriger Umstände gegenüber, bewiesen. Wenn der seine Strafe nicht verdient hat - ja, wer verdient sie dann?"

Frentzius machte ein spöttisch tiefsinniges Gesicht. "Ja, wer verdient sie dann?" wiederholte er. "Wer darauf antworten könnte, der hätte eine der geheimnisvollsten Fragen des Lebens gelöst. Sie urteilen hart, liebe, verehrte Frau, hart aus Unkenntnis."

Er fand sie heute längst, längst nicht so großdenkend wie sonst und von einer gewissen fernhaltenden Sicherheit. Hat sie sich geändert oder sehe ich nur schärfer als früher? dachte er beklommen. Und ihr erging es ähnlich. Sie sah auf seiner hohen Stirn einen Zug geistigen Hochmuts, der ihr neu war. Auch seine Stimme hatte sie anders in der Erinnerung, es lag


46 manchmal etwas fanatisch Eiferndes in seiner Art zu sprechen.

Den alten warmen Ton konnten sie beide noch nicht wiederfinden. Das gewöhnliche Schicksal der Menschen, die, getrennt, in zärtlichem Phantasieleben zu innig vertraut miteinander geworden sind und nun, bei der ersten persönlichen Wiederberührung, den Regulator Wirklichkeit als etwas Peinliches, als Enttäuschung empfinden. Ein Phantasiebild ist so fügsam, ganz so, wie die liebende Seele es haben möchte - und eine sehr böse Konkurrenz für den wirklichen Menschen mit seinen Kanten und Alltagsschwächen.

Als Georg klagte, daß ihm auf dem Bismarck-Gymnasium die Mathematik so viel Not machte, bot Frentzius den beiden Jungen an, einige Male in der Woche mit ihnen zu arbeiten. Georg und Lippold begrüßten diese Aussicht mit Freude; ihre Mutter aber legte ein Veto ein. "Nein, lieber Doktor - ich bin Ihnen sehr dankbar, aber solange die Jungen gesund sind, möchte ich Nachhilfe vermeiden. Sie müssen sich selber durchpauken."

"Alle sagen, daß im Bismarck-Gymnasium so furchtbar viel verlangt wird", meinte Georg, "du wirst's ja sehen, wenn wir Ostern sitzen bleiben."

"Ihr seid nicht dümmer wie andere Jungen. Müßt nur alle Kräfte anspannen", entgegnete die harte Mama, "und wenn ihr sitzen bleibt? nun, dann muß ich eben die Schande tragen."

Frentzius wollte sich verabschieden. Die Weigerung hatte ihn verletzt. Aber Jutta hielt ihn zurück. "Übrigens, lieber Freund - Prinzipien sind ja nur


47 da, damit sie hin und wieder durchbrochen werden können. Mein guter Vorsatz schließt nicht aus, daß wir doch manchmal zu Ihnen kommen, wenn die Schulnöte uns über den Kopf wachsen. Und dann - wenn es Ihre Zeit erlaubt, würden Sie wohl Gretchen wieder unter Ihre Fittiche nehmen, im Lateinischen? Da Sie dem Mädel doch nun mal das Streben nach Jungensbildung eingeimpft haben?

"Hurra, ich kriege den Doktor wieder!" rief Gretchen, vor Freude in die Hände klatschend; "aber - sie wollen doch auch?"

Natürlich wollte er. Die Stunden wurden festgesetzt, und Jutta beglückte ihren Freund durch die Abschiedsworte: "So ist es recht. Nun haben wir doch für zwei Nachmittage in der Woche etwas Bestimmtes, auf das wir uns freuen können. Hier ist das nötiger als irgendwo anders. Ich glaube, hier treibt das Leben oft die besten Freunde allmählich auseinander, ohne daß sie es überhaupt gewahr werden."

Ein unangenehmer Gedanke packte ihn. "Sie haben wohl viele Menschen hier, die Ansprüche an Sie machen? Sie gehen womöglich an den Hof?"

Jutta schüttelte lachend den Kopf. "Das hat noch gute Weile. Später vielleicht, wenn ich mal eine Tochter auszuführen habe. Jetzt -"

"Um mich brauchst du dich nicht zu bemühen, Mama", sprach Margarete dazwischen; "mir liegt nichts an der Knixerei. Und wenn ich als Studentin hier rumlaufe, werd' ich bei Kaisers ja überhaupt nicht zugelassen. Da hab' ich dann auch viel zu viel zu arbeiten.


48 Auf Bälle geh' ich ganz gewiß nie, das ist mir zu läppisch."

"Doktor, Doktor", seufzte Jutta mit bittersüßem Lächeln, "Ihr Einfluß wirkt fürchterlich. Da wächst mir nun so eine gesinnungstüchtige, moderne Tochter heran! Übrigens - nein, dazu bin ich in der Tat nicht nach Berlin gekommen, um bei einem Haufen gleichgültiger Leute Karten abzuwerfen. Ich suche nur ein paar nähere Freude auf. Aber ausgehen, offiziell ausgehen? Nein."

"Gott sei Dank." Er atmete erleichtert auf.

Aber er sollte bald zu seinem Kummer die Erfahrung machen, daß die "paar näheren Freunde" eine erschreckende Vermehrungskraft besaßen. Jeder hatte wieder seinen besonderen Kreis guter Freunde, in den die schöne Frau von Hadersloh hineingezoen wurde. Überall fanden sich Beziehungen, Anknüpfungen. Sie "ging nicht aus", aber es kamen Wochen, an denen sie keinen Abend daheim war. Und je weiter der Winter vorrückte, desto seltener schlug nach Schluß der lateinischen Stunde die Frage: "Sie bleiben doch heute bei uns?" an Leo Frentzius' Ohr, die Frage, auf die er im stillen wartete, wie das Kind auf den süßen Nachtisch, während Gretchen mit tiefernster Miene über ihr Übungsbuch gebeugt saß und lehrreiche Erzählungen von Hannibals und Scipios Taten übersetzte.

Einmal - es war schon in der Adventzeit - trat die geliebte Frau festlich geschmückt, im ausgeschnittenen hellen Seidenkleide, zu ihm ins Arbeitszimmer,


49 als der Unterricht beendet war. "Ich habe heute früher Toilette gemacht, um noch ein Stündchen mit Ihnen plaudern zu können, bevor ich weg muß. Ich hoffte so sehr, den Abend mit Ihnen verbringen zu können, aber Hartensteins telephonierten noch im letzten Moment. Sie geben eine jugendliche Tanzgesellschaft, und da sie Otti mit gebeten haben, mochte ich nicht nein sagen."

"O - wieder eingeladen?" Sein enttäuschtes Gesicht tat ihr leid. Freundlich zog sie ihn neben sich auf das Dos-á-dos Sofachen, das nebenan in Mrs. Farquharsons kleinem Boudoir stand.

"Was guckt denn da aus Ihrer Rocktasche?"

"Oskar Wildes -Ballad of Reading Gaol'. Ich wollte sie Ihnen vorlesen. Aber das geht nun nicht."

"Weshalb nicht? Ich habe noch eine ganze Stunde Zeit."

"Ach nein, lassen wir das lieber."

Es widerstrebte ihm, ihr heute die erschütternde Zuchthausballade vorzulesen, dieses Lied vom tiefsten menschlichen Elend - mit halber Seele war sie ja doch schon bei Hartensteins auf dem Tanzfeste.

Da öffnete sich leise die Tür und die kleine Ottilie trat ein. "Gnädige Frau, ich wollte nur bitten, ob ich heute Abend zu Hause bleiben darf?"

Erstaunt sah Jutta auf. "Aber Otti, Ihretwegen geh' ich doch nur hin. Es war doch freundlich von meiner Tante Hartenstein, daß sie -"

"Ja, o ja, sehr freundlich", Otti sprach mit matter, gequälter Stimme, "aber - es ist nur - ich fühle mich zu elend."


50 Jetzt erst fiel den beiden ihre schlechte Farbe auf. "Armes Kind, ja - man sieht es Ihnen in der Tat an, aber - meinen Sie nicht, daß Ihnen besser wird, wenn Sie jetzt noch etwas ruhen?"

Aber Otti bat noch einmal dringender: "Nein, ach nein, ich kann wirklich nicht. Bitte, lassen Sie mich zu Hause."

"Nun, dann geh' ich auch nicht."

Jutta telephonierte an Hartensteins, legte den festlichen Schmuck ab und meinte, als sie sich mit Frentzius und Gretchen an dem häuslichen Teetisch niederließ, daß ihr dieser Abend wie geschenkt vorkäme. "Eigentlich herzlos, da mir's so behaglich zumute ist. Otti hatte sich doch gewiß schon auf das Fest gefreut. Ich hoffe, es wird nichts Ernstes."

Aber Gretchen tröstete sie. "Nein, Mama, sie schläft schon wie ein Ratz."

"Schrecklich bleichsüchtig ist sie seit einiger Zeit", meinte Jutta bedauernd, "oder -" aber sie vollendete den Satz nicht. Erst später, als Gretchen zur Ruhe gegangen war und sie neben Frentzius wieder in dem kapriziösen, halb steifen, halb intimen Sofachen saß, meinte sie: "Ich fürchte, die arme kleine Otti ist krank an einem seelischen Leid."

"Liebeskummer?"

Sie zuckte die Achseln. "Wie man an Liebeskummer leiden kann, wie sich die Menschen selber so quälen mögen?"

Er lächelte trübe. "Das begreifen Sie wohl nicht. Aber - Sie haben recht. Es gibt andere Schmerzen


51 auf der Welt, Schmerzen, so tief und grauenvoll, daß der Liebesgram eines jungen Menschenkindes wie Schmerzspielerei dagegen erscheint."

Nun zog er doch die Zuchthausballade aus seiner tiefen Rocktasche hervor. Und las von dem Gefangenen, dessen Blick "so heiß nach oben glüht" auf das kleine blaue Stückchen Himmel, das seinem Auge erreichbar ist, und von dem Gardereiter, der sterben muß, weil er sein Mädchen gemordet hat.

"Der Mann erschlug sein liebstes Glück,
Drum war der Tod ihm lieb."

Frentzius trug nicht so gut wie sonst vor. Der Stoff bewegte ihn zu sehr. Aber seine starke Ergriffenheit riß die Zuhörerin mit fort, über das Urteil ihres Verstandes hinaus.

"Daß Menschenkerker, von Menschen gebaut,
Sind furchtbare Schandgerüste?"

Heute revoltierte sie selbst gegen diese gewagte Behauptung nicht. Es gefiel ihr, sich in die Empfindungswelt des Freundes hineinzuleben, mit ihm hinabzutauchen in die dunklen Wogen eines rebellischen, in Seelenglut aufflammenden Mitleids.

Frentzius fühlte mit Wonne ihr Näherkommen. "Heute sind wir in Eicken", sagte er - und sein Auge leuchtete dankbar auf; "das erstemal wieder.

Heute sollen Sie auch das Geschenk haben, das ich schon lange mit mir herumtrage und Ihnen immer noch nicht geben konnte, weil - ja weil es mir immer nicht am Platze schien." Er holte ein kleines Buch herbei:


52 Wildes "De profundis". "Ich kenne es erst seit kurzem und es ist mir sehr lieb geworden."

Zögernd nahm sie das Buch in Empfang. "Ich danke Ihnen, lieber Freund; aber -"

Er lächelte. "Sie haben kein rechtes Vertrauen mehr zu meinem Geschmack?"

"O - ja, immer stimmt er freilich nicht mit meinem überein", gab sie zu. "Früher habe ich -De profundis' einmal flüchtig durchgeblättert. Es war mir zu weichlich. Ein Schwelgen in der Schmach. Der äußerste Schicksalstiefstand. Sollte man ein solches Elend nicht lieber schweigend tragen?" Frentzius sah träumerisch vor sich nieder. "Wenn einer aus tiefster Schmach sich zu solcher seelischen Höhe emporzuschwingen vermag, wenn einer so viel zarte Schönheit, Tiefsinn, Erhabenheit aus dem Schmerze zieht, ich meine, dann hat er das Recht, mehr als Recht, die Menschheit an seinem Erleben teilnehmen zu lassen. Vielleicht, liebste Frau, kommt doch noch einmal eine Stunde, in der Ihr Herz dieses Buch begreift. Jetzt lehnt Ihr gesunder, ungebrochener Sinn es ab" - Jutta lächelte; sie fühlte, daß er den "ungebrochenen Sinn" in ihr ein klein wenig verachtete - "aber das Leben verschont keinen. Vielleicht kommt auch für Sie einmal der Moment, der Sie dieses Schmerzensbuch verstehen lehrt."

"Unglücksrabe!" rief Jutta lachend. "Sie wünschen es, glaub' ich, im stillen. Und das will mein Freund sein?"

Aber ihr Lachen kam nicht von Herzen. Seine Worte hafteten in ihrer Seele. Und sie blieb den Rest


53 des Abends nachdenklich - als ob eine Schicksalswolke an ihrem Horizont aufgetaucht wäre - ganz fern, kaum sichtbar - aber doch verdunkelnd. Und der Eindruck blieb noch, als Frentzius längst gegangen war. "Wie kann man nur durch ein Wort sich so niederdrücken lassen?" dachte sie, über sich selber lächelnd; "meldet sich die Großstadtnervosität auch schon bei mir?"



XX

[54]

XX.

In einem Lokal der Lützowstraße tagte der Verein "Neue Ethik". Trotz der frühen Stunde war der Raum schon überfüllt. Denn "Gäste willkommen" hieß es auf den Ankündigungszetteln. Und die Neu-Ethiker waren jetzt Mode. Hinten, an einem langen, schmalen Tisch, grell beleuchtet, saß der Vorstand. Er, ebenso wie die Menge der Vereinsmitglieder und Gäste, bestand zu neun Zehnteln aus Vertreterinnen des schönen Geschlechts - das heißt des Geschlechts, das schön sein sollte. Seitlich, auf einem Platz, der gute Übersicht bot und doch nicht eingeengt war, sondern die Möglichkeit unauffälligen Entschlüpfens gewährte, saß Frau von Hadersloh neben ihrem Freunde Frentzius. Er war seit kurzem eifriges Vereinsmitglied und bemühte sich eben - in halblautem Ton - ihr die Bestrebungen der Neu-Ethiker mundgerecht zu machen. "Enge Grenzen, ein fest-umrissenes Programm kennen sie nicht. Ihr Arbeitsfeld ist ein unendlich weites, und nach Jahren wird es vielleicht Aufgaben umfassen, die sie jetzt noch gar nicht ahnen. Ihr erster Zweck ist ein großes Reinigungsgeschäft. Alle verfaulten, abgebrauchten Moralbegriffe, die für den Menschen der Jetztzeit keinen Sinn mehr haben, sollen weggefegt und neue Werte an ihre Stelle


55 gesetzt werden. Sie werden fragen: wer ist denn berufen, die neuen Werte festzustellen - hat eine Handvoll Menschen die Macht, neue Sittlichkeitsmünzen zu prägen? Nein, gewiß nicht. Sie sind nur Pioniere, mutige Pfadsucher. Viele krause Köpfe sind darunter, aber eines ist ihnen allen gemein: der ehrliche Kämpfersinn, die Kampfeswut gegen Vorurteil und Beschränktheit, gegen die Grausamkeit des Philisters. Eine seiner Hauptaufgaben sieht der Verein im Schutz der ledigen Mutter, des illegitimen Kindes."

"Dafür gibt es doch schon andere Vereine in Berlin?" wandte Jutta ein.

Er lächelte. "Es kann gar nicht genug geben! Dieser Verein faßt seine Aufgabe ja auch viel weiter als die anderen. Nicht nur die ledigen Mütter - nein, alle Menschen, vornehmlich alle Frauen, die sich in die Schranken enger Moralbegriffe nicht fügen können und darum leiden, finden Verständnis und Hilfe bei den Neu-Ethikern. Sie halten Sprechstunden ab, verteilen Broschüren, rufen Kurse über soziale Fragen ins Leben, geben Rat für Rechtsfälle -"

"Aber Praktisches schaffen sie nicht?" fragte Jutta.

"Doch. Denn sie haben etwas Wichtiges vor anderen ähnlichen Vereinen voraus, nämlich Geld. Im Vorstand sind zwei schwer reiche Damen, die ihren einzigen Lebenszweck in der Verwirklichung der neuen großen Ideen erblicken. Dort - sehen Sie die kleine Dame mit der stark geröteten Gesichtsfarbe?"

Jutta nickte. "Ja, eine tüchtige Kupfernase."

"Das ist Frau Swanhild Schmelzer, die Witwe


56 eines großen Grubenbesitzers. Sie hat ein Wöchnerinnenheim - natürlich für Ledige - mit achtzig Betten in Moabit gegründet. Und neben ihr, das dicke junge Mädchen -" "Die sieht gar nicht nach -neuem Weib' aus", meinte Jutta, "sogar etwas dummlich."

Frentzius zuckte die Achseln. "Ja, wie die eigentlich so ganz mit Haut und Haar eingefangen ist? Ich glaube, da hat unsere, nicht nur vortreffliche, sondern auch äußerst schlaue Vorsitzende ihr Meisterstück gemacht. Es ist Fräulein von Bruylen, Holländerin, Waise, mehrfache Millionärin. Sie ist jetzt im Begriff, eine Zeitschrift zu gründen, zu deren Mitarbeit man mich auch schon festgemacht hat."

"Selbstverständlich", meinte Jutta, "man wird Ihnen schon nicht zu leichte Lasten aufladen. Aber nun sagen Sie mir etwas über die anderen Vorstandsmitglieder."

"Die lange Hagere, die so finster blickt, ist Lydia Schumann, unsere Vorsitzende."

"Ein Medusengesicht!"

"Ja, sie kriegt erst Leben, wenn sie redet, aber dann auch doppeltes. Neben ihr links sitzt die Barinowska - von der haben Sie wohl schon gehört? Nein? Sie hat Jura studiert und ein vielbesprochenes Buch über die Stellung der Frau im Familienrecht geschrieben; ihr Nachbar ist der sozialdemokratische Abgeordnete Kappe -"

"Ein Sozialdemokrat ist auch dabei?" Frau von Hadersloh zuckte unwillkürlich zurück, als ob sie sich in


57 sich selbst zusammenwickeln wollte. Und ihr Mentor dachte: eigentlich hätte ich ihr das vorläufig noch gar nicht zu sagen brauchen.

"Die mit der Habichtsnase", fuhr er dann fort, "ist die Schriftführerin, Frau Davidsohn. Durch sie bin ich hineingekommen, denn ihr Spezialfach ist die Sorge für entlassene Strafgefangene, der, wie Sie wissen, auch mein Hauptinteresse gehört. Aber sie ist mir persönlich weniger sympathisch. Meine beste Freundin im Vorstand ist Nanny Levin. Die scheint noch nicht hier zu sein." Suchend schweiften seine Blicke durch den Saal.

"Und der blasse, blonde Jüngling, der so kurzsichtig auf das dicke Buch hinunterblinzelt?" fragte Jutta.

"Der Rechnungsführer", antwortete Frentzius, "ein Doktor Schmidtlein."

"Der wird wohl sehr untergebuttert von den gesinnungsstarken Frauen", spöttelte Jutta; und ihr Freund meinte: "Sie sind heute in der Laune eines jungen Mädels, das alle Dinge auf Erden nur als Gegenstand seines Amüsements betrachtet und die beste Absicht hat, heute einen rechten Ulk zu erleben."

Jutta schwieg. Ganz unrecht hatte er nicht. Bis jetzt reizte noch alles, was sie da um sich herum sah, ihre Spottlust und ihren Widerspruchsgeist: diese vielen Weiber in Reformsäcken mit den selbstbewußt energischen Mienen, diese vereinzelten jungen Männer, die zum Teil etwas ratlos umherblickten, als wüßten sie nicht recht, wie sie hier hereingekommen wären; - manche in dem Kreise waren übrigens Charakterköpfe,


58 seltsam abweichend von allen Menschen, die bisher die Wege der Frau von Hadersloh gekreuzt hatten; sie kamen ihr vor, wie Gestalten aus Gorkis und Dostojewskis Romanen.

"O, sehen Sie doch", flüsterte sie jetzt, ihre Hand auf Frentzius' Arm legend, "dort, diese bizarre Erscheinung. Eigentlich schön. Nur seltsam unwahrscheinlich. Theaterfigur. So habe ich einmal die Jüdin von Toledo gesehen."

"Aber das ist ja Nanny Levin!" Und Frentzius erhob sich, der jungen Frau entgegeneilend. Ein blühendes Geschöpf. Üppige Formen. Strahlende, schwarze Augen und übernatürlich volles, prächtiges Haar, das ihr in Locken über die Ohren herabwallte. Sie trug einen äußerst phantastischen Kopfschmuck: ein blitzendes Stirnband mit niederhängenden Perlenschnüren, und trat mit einer gewissen naiven Prätension auf, wie jemand, der viel Freude an sich selber hat und auch von anderen dieses Wohlgefallen voraussetzt.

Im ersten Augenblick fühlte Jutta sich abgestoßen. Wie konnte Frentzius sich mit so einer aufgeputzten Komödiantin anfreunden? Aber als die junge Frau ihr dann die Hände entgegenstreckte und sie willkommen hieß, so herzlich, als hätte sie schon lange, lange auf sie gewartet, und von dem wundervollen Zusammenarbeiten im Vereine erzählte, wie glücklich sie wären, Frentzius gewonnen zu haben, und wie schön es sein müßte, wenn auch die gnädige Frau Interesse für diese Fragen gewönne, die ja doch die brennendsten Fragen der Kulturmenschheit wären, da konnte Jutta sich dem Zauber dieser frischen Persönlichkeit nicht ganz


59 entziehen. Eine Dame war sie nicht, die schöne Nanny Levin, nicht jene schwer zu definierende Zusammensetzung mehr negativer als positiver Eigenschaften, die den Begriff einer Dame bilden, sie war nur ein prächtiges Menschenkind, unangekränkelt, aus einem Guß.

"Aber nun muß ich auf meinen Posten", sagte sie, da vom Vorstandstisch das Zeichen zum Beginne der Sitzung ertönte. "Sie bleiben doch bis zum Schluß, ja? Ich spreche heute auch, aber es kann etwas spät werden. Und ich wünschte, daß Sie mich hörten. Ich möchte auch zu Ihnen reden, gnädige Frau, weil ich von Frentzius weiß, daß Sie ein großer und guter Mensch sind. Auf Wiedersehen."

Die Vorsitzende begann. Sie sprach mit weittragender Altstimme, sehr sicher und redegewandt, über eine Vorlage, die dem Reichstage eingereicht werden sollte; man wünschte eine Änderung im Strafgesetzbuch: keine Polizeiaufsicht mehr über entlassene Sträflinge. Diese Befugnis wurde für eine Knechtung der individuellen Freiheit erklärt, für eine schmachvolle Vergewaltigung; dem Unglücklichen, der seine Strafe abgebüßt hatte, sollte die Möglichkeit, sich eine neue Existenz aufzubauen, nicht erschwert, sondern in jeder Hinsicht erleichtert werden. Auch der Abgeordnete Doktor Kappe sprach zu dieser Sache, mit hoher Stimme, sanft und doch durchdringend. Seine Rede stach seltsam ab gegen den scharfen, grollenden Kämpferton der Lydia Schumann. Wenn man nicht genau hinhörte, konnte man meinen, daß er sehr freundliche Dinge sagte; und doch war seine Rede mit einer Menge giftiger Ausfälle, Stacheln gegen die


60 bürgerliche Gesellschaft, gegen die Behörden, gegen die Person des Staatsoberhauptes selber gespickt.

Frau von Hadersloh hatte derartiges noch nie gehört. Im Grundton waren Frentzius' Ansichten nicht allzu verschieden von denen des Genossen Kappe, aber seine Angriffe galten immer nur der Sache; hämische Ausfälle gegen die Person waren ihm fremd.

"Daß man so etwas überhaupt aussprechen darf?" meinte sie einmal, peinlich berührt durch ein Wort, das sie wie einen Schmutzspritzer empfand.

Frentzius zuckte lächelnd die Achseln. "Ich halte solche Wespenstiche für höchst überflüssig. Aber der Mann weiß ganz genau, wie weit er gehen darf. Er kennt das Strafgesetzbuch auswendig und gönnt sich den Luxus, immer auf der äußersten Grenze zu balancieren."

Den zweiten Gegenstand der Tagesordnung bildete die Gründung der neuen Zeitschrift. Frau Davidsohn hatte einen Plan ausgearbeitet, der von großer Kenntnis und Übung in journalistischen Unternehmungen zeugte; aber er fand nicht allgemeinen Beifall; kaum hatte sie ausgeredet, als die Barinowska mit einem ganz anderen Plan hervortrat, und es entspann sich eine heftige Fehde zwischen den beiden Damen; die Davidsohn wurde sehr aufgeregt, leckte sich beim Sprechen die Lippen, sprühte Haß aus ihren sehr ausdrucksvollen, rötlichbraunen Augen und sandte vergiftete Pfeile ab. Die Kampfesweise der Barinowska war gröber; sie haute kräftig zu, scheute unparlamentarische Ausdrücke nicht. Bei beiden fühlte man heraus, daß sie schon einen großen Vorrat Abneigung gegeneinander


61 aufgestapelt hatten, der bei dieser Gelegenheit sich fröhlich Luft machte.

"Wenn sie doch aufhören wollten", seufzte Jutta; "Zanken ist immer häßlich, vor allem zwischen Frauen und in der Öffentlichkeit."

Aber Frentzius meinte: "Im Reichstag sagen sich die Männer noch ganz andere Sachen. Und diese beiden Kampfhähne haben einen ganz merkwürdigen Vorzug vor anderen Wortfechtern voraus: schließlich, wenn sie sich ausgetobt haben, einigen sie sich jedesmal; sie sind beide klug und zielbewußt und bringen trotz aller Hickhackereien endlich doch etwas Positives zustande."

Die Zeitungsfrage nahm lange Zeit in Anspruch. Noch viele meldeten sich zum Wort, auch aus der Mitgliederversammlung heraus.

Die seltsamsten Vorschläge tauchten auf, sehr kühne, phantastische Forderungen. Und Jutta dachte: Wenn die Zeitschrift dieses reichhaltige Programm ausführen will, dann muß sie ja alle Arbeitskraft der Neu-Ethiker für sich allein verschlingen. Sie wünschte, daß die Sache nun bald zu Ende sein möchte. "Werden Sie müde?" fragte Frentzius, "interessiert es Sie nicht mehr?' Jutta nickte. "O, doch." Sie hätte ihm kaum beschreiben können, was es eigentlich war, das sie bei diesen Verhandlungen unangenehm berührte. Vielleicht die Beobachtung, daß hier viele Gedanken ausgesprochen wurden, die ihr selber sehr vertraut waren, Gedanken, die ihrem Urteil, ihrem Leben die Richtung gegeben hatten, und die jetzt, wo sie von anderen mit Namen genannt, bei hellem Tageslicht ausgebreitet,


62 vor ihrem Empfinden nicht recht die Probe bestanden; sie kamen ihr vergröbert, herabgezogen, trivialisiert vor.

"Wenn Menschen öffentlich reden", meinte sie nachdenklich, "habe ich immer das Gefühl: sie sind unredlich, sprechen nur auf die Wirkung hin, haben eigentlich ganz andere Zwecke im Auge."

Frentzius zuckte die Achseln. "Gilt das für öffentliche Reden allein? Worte sind überhaupt nur Zeichen."

Und nun erhob sich Nanny Levin.

Als ob ein neues Instrument angestimmt würde, ein weiches, volltönendes, so klang ihre jugendfrische Stimme durch den Saal. Bisher war der Ton der Redner scharf, kühl-sachlich, höhnend oder eifernd gewesen, jetzt schien es, als ob die Neu-Ethiker zeigen wollten: wir können auch andere Register aufziehen. Wir kennen auch die Schönheit und Freude.

Als Thema stand eigentlich nur auf dem Programm: Bericht über das Heim für uneheliche Wöchnerinnen in Altmoabit. Aber Nanny Levin war schon dafür bekannt, daß sie ihr offizielles Thema nur als Sprungbrett benützte, von dem sie in das Flutgewoge ihrer kühnen Phantasien hinabsprang. Sie hatte, zusammen mit Swanhild Schmelzer, der Donatorin, das Wöchnerinnenheim unter sich und schilderte, nachdem sie eine ziffermäßige Übersicht über die Vermögensverhältnisse und Leistungen der Anstalt gegeben, in lebhaften Farben, was für ein Segen diese Zufluchtsstätte bereits unendlich vielen geworden


63 wäre, die in ihrer Not und Verlassenheit den Blick schon auf den dunkelsten Ausweg gerichtet hätten, den Weg, den die Verlorenen gehen. Sie schilderte das Gefühl der Erlösung, der Heimatruhe, die über jene armen Wesen kommen mußte, wenn die Stimme reiner Menschengüte an ihr Ohr klang, in die Nacht ihrer Schmach und Vezweiflung hinein: Komm zu uns, du arme Geächtete. Wir kennen deine Schande nicht. Für uns bist du eine Geweihte wie jedes Weib, das den Keim neuen Mesnchenschicksals in sich trägt. Was war deine Sünde? Daß du die Forderung der Natur erfüllt hast. Heilig ist uns das Leben. Du zweifach Lebende, komm zu uns. Wir helfen dir in deiner schweren Stunde, wir weisen dir die Wege, auf denen du dein Werk vollenden kannst, dein gutes Werk, und das Kind, dem kein Vater beisteht, zu einem tüchtigen Gliede der menschlichen Gesellschaft heranbilden. Nicht senke den Blick zur Erde. Du darfst ihn stolz erheben, denn du bist eine Schenkende . . . Ist das nicht eine gute Sprache? So sollten wir alle sprechen zu der werdenden Mutter. Und die Zeit ist nicht mehr fern - wenn anders wir nur den starken, guten Willen haben, sie herbeizuziehen - wo alle so sprechen werden. Ein Tag wird kommen, wo die Not unserer Zeit wie eine schwere Krankheit hinter uns liegt, ein Tag der Genesung für den Lebenswillen.

Sie sprach von der Torheit der Gesellschaft, die die unehelichen Kinder verkommen ließe, damit sie später die Gefängnisse und Armenhäuser füllten, statt zu sorgen, daß kräftiges neues Menschenmaterial aus ihnen genommen würde.


64 Und sie malte in lichten Farben eine Zukunft, in der keine Schranken mehr gezogen würden dem starken Willen der Natur, Schranken, die ihn verkümmern lassen, ihn krank und böse machen, ihn zu Abirrungen und Mißbrach hintreiben. Die Form der Ehe sollte nicht zerbrochen werden, aber sie sollte andere Formen der Liebesgemeinschaft als gleichberechtigt neben sich dulden. "Nicht eine Verfehlung, die ängstlich verborgen werden muß, ist die Sehnsuchtsglut, die das junge Weib zum jungen Manne drängt; nein, ein Glück ist sie und ein heiliges Recht, ob Staat und Kirche ihren Segen dazu geben oder nicht. Die dürre Frage: Gestatten die Verhältnisse die Gründung eines Hausstandes?, soll nicht länger darüber entscheiden, ob Liebe sich zu Liebe finden darf; nein, einzig und allein die Kraft und Innigkeit des Gefühls soll die Richtschnur sein. Und freudig, mit offenen Armen muß die Gesellschaft jedes neue Menschenwesen aufnehmen, das eine junge, gesunde Mutter ihr schenkt." Ein neues, schöneres, stolzeres Geschlecht sah Nanny Levin in dieser Zukunft erstehen, ein glücklicheres Geschlecht, weil es gezeugt werden wird, so wie die Natur es verlangt, nicht wie die Menschensitte es gestattet.

Mit leuchtenden Augen, von Erregung durchglüht, stand Nanny Levin dort oben auf dem Podium, im Schmucke ihrer schwarzen Locken, die unter dem theaterprächtig blitzenden Stirnband verschwenderisch hervorquollen, und ihre Stimme, die so hell und warm aus übervollem Herzen hervordrang, trug einen Zauber in sich, der alles mit fortriß. Solange sie redete, glaubte man ihr. Stark wirkte vor allem das reizvoll Persönliche


65 in ihrer Art. Sie sprach, als ob sie ihre eigenste Angelegenheit zu vertreten hätte, als ob sie flehte, forderte, jubelte aus eigenster tiefster Seele heraus. Sie selber war das Weib der Zukunft, das freie, glückliche, die Mutter des neuen, froheren, lebenskräftigeren Geschlechts.

"Die muß man ja liebgewinnen", sagte Frau von Hadersloh lächelnd zu ihrem Freunde, der sie erwartungsvoll anblickte, "trotz der unechten Perlengehänge. Was strahlt die für Sonne aus."

Als nach Schluß der Sitzung Nanny Levin sich zu Frentzius gesellte, um mit ihm zusammen Frau von Hadersloh zur nächsten Straßenbahnhaltestelle zu begleiten, drückte Jutta der jungen Frau anerkennend die Hand. "Was haben Sie für eine glückliche Rednergabe. Man glaubt Ihnen alles."

Nanny Levin strahlte. "Wie freu' ich mich, daß Sie das sagen. Ja, so soll es auch sein. Ich weiß, daß es das rechte ist, was ich will. Aber den Glauben anderer erzwingt man nicht nur durch die Kraft der Wahrheit. Ich mache mich so schön, wie ich kann, und schule mein Organ und suche die Worte, die packen -"

"Schade, es klang so natürlich", wandte Jutta lächelnd ein, "und so ganz improvisiert." Aber die Ehrlichkeit gefiel ihr. "Wir müssen uns wiedersehen, Frau Nanny Levin", sagte sie freundlich.



XXI

[66]

XXI.

Jutta Hadersloh hatte mit ihrem Töchterchen und Ottilie einen Besuch am Lützowufer gemacht und schlug vor, den Heimweg zu Fuße zurückzulegen. "Es ist so schönes, mildes Winterwetter und ich habe Laufbedürfnis. Oder sind Sie schon müde, Otti?" Die Kleine nickte. "Ja, ich möchte doch lieber am Lützowplatz in die Elektrische steigen, wenn es Ihnen recht ist . . . Ich bin heute früh eine ganze Stunde bei Wertheim herumgelaufen", fügte sie entschuldigend hinzu, "Wertheim macht mich immer so schrecklich kaput."

Frau von Hadersloh schüttelte den Kopf. "So leicht waren Sie doch sonst nicht unterzukriegen, Kind. Ich weiß nicht, was das jetzt mit Ihnen ist. So kann das nicht länger hingehen. Wir müssen einen Arzt konsultieren."

Aber davon wollte Otti nichts hören. "O nein, ja nicht", wehrte sie ab und ihr blasses Gesichtchen färbte sich rot, "ich bin ja ganz munter. Gegen Bleichsucht hat mir noch nie ein Doktor geholfen. Und sonst fehlt mir wirklich nichts."

"Sie sind nicht aufrichtig, Kind", meinte Jutta nachdenklch.

Da kam der Straßenbahnwagen. Ottilie sprang auf und nickte grüßend vom Hinterperron herab. Sie


67 lächelte, aber es war ein seltsam trauriges, verzerrtes Lächeln.

"Sie soll wohl müde sein, wenn sie die Nächte weint, statt zu schlafen", meinte die kleine Margarete im Weitergehen.

"Sie weint? Wann hast du das bemerkt?" fragte die Mutter betroffen.

Seit kurzem schlief das Kind mit Otti zusammen, weil Jutta es durch ihr häufiges Spätheimkommen zu stören fürchtete.

"Erst heute Nacht", berichtete Gretchen, "ich hatte schlecht geträumt und wachte auf. Da hörte ich schluchzen und fragte Otti, weshalb sie weinte. Sie sagte: nein, sie hätte nur so argen Schnupfen. Aber ich habe es ganz deutlich gehört. - Weißt du, ich glaube, Otti hat Heimweh. Sie mag Berlin nicht. Vor allem hat sie hier Angst: vor den Autos und der Elektrischen und den vielen Menschen -"

"Ja, sie ist sehr nervös geworden", meinte Jutta und fügte innerlich hinzu: "Sie könnte sich wohl etwas mehr zusammennehmen. Die Kopfhängerei ist wirklich unerfreulich mitanzusehen." Schon in Eicken hatte das Leiden begonnen, als die Briefchen in den steifen, länglichen Umschlägen mit dem Monogramm L. v. S. ausblieben, die anfangs, nach den Manövertagen, so häufig auf Ottis Frühstücksplatz gelegen. Jutta hatte vermieden, mit Otti über die Sache zu sprechen. Nur einmal, als die Kleine ihr erkünstelt ruhig, aber mit totenblassem Gesicht und gebrochener Stimme erzählte, Herr von Schöningen wäre weit fort, in den äußersten Nordosten, nach Memel versetzt, da hatte Jutta die


68 Gelegenheit wahrgenommen, mütterlich mit dem Elfchen zu reden, ihm klarzumachen, daß es töricht wäre, sich in unerfüllbare Hoffnungen hineinzuleben. Nur allzufest stand ihre Meinung über den jungen Offizier. Der war keiner, der die Konsequenzen einer Liebesheirat auf sich nehmen würde. Weit entfernt. Sie rief Ottis Vernunft und Mädchenstolz an. Und wie es schien, mit Erfolg. Nie wieder hatte die Kleine seitdem Schöningens Namen genannt. Sie erfüllte ihre Pflichten wie sonst, anteilvoll, eifrig, und manchmal konnte sie sogar wieder übermütig sein, freilich ein etwas erzwungener Übermut. Jutta hatte die kleine Liebesepisode als erledigte Sache angesehen. Alles schien wieder im richtigen Geleise zu sein. Und nun, seit einigen Wochen, diese auffallende Veränderung. Otti sah jammervoll elend aus, zog sich von allen Vergnügungen zurück und ging wie ein Schatten umher, als ob ihre Seele nichts wüßte von dem, was um sie her geschah. Manchmal war Jutta ernstlich ungehalten auf die Kleine - so ein trauriger Mangel an Energie - manchmal aber tat sie ihr in der Seele leid und trübe Ahnungen stiegen in ihr auf.

Heute konnte sie den schmerzlichen Eindruck gar nicht wieder los werden - was hatte nur in dem Blick gelegen, in dem verzerrten Lächeln? . . .

"Ich kann es sehr gut verstehen, daß sie hier Heimweh kriegt, Mama", schwatzte Gretchen in ihrer altklugen Art. "Ich möchte auch kein Berliner Kind sein. Immer erst für zwanzig Pfennige eine halbe Stunde in der Elektrischen fahren müssen, bis man in eine vernünftige Gegend kommt" (die vernünftige Gegend war der Grunewald)


69 "und dann gar kein Vieh, das einem was angeht, nur die Droschkengäule, die einen nicht kennen, und wenn man ein bißchen Radau im Hof macht, gleich guckt der Portier raus - nee."

"Sei doch nicht undankbar", erwiderte die Mutter, "du hast doch hier Freuden genug. Warst du nicht neulich erst im Zoologischen und in der großen Blumenausstellung?"

Gretchen schwieg eine kurze Weile. Dann meinte sie ernsthaft: "Aber alles, was man hier sieht, gehört einem nicht. Mit einem Ferkel, was unser Ferkel ist, kann ich doch viel mehr anfangen wie mit einem kleinen Tiger, der hinterm Gitter sitzt und den zoologischen Gartenleuten gehört oder dem Kaiser oder wem?"

Jutta lächelte vor sich hin. Eigentlich kam sie sich auch wie eine Enterbte vor in dieser Welt, wo sie nur eine unter vielen war, wo keines Menschen Wohl und Wehe von ihrem Willen abhing. Einer Welt, in der jeder entbehrlich war. Seltsam flüchtig, wesenlos erschienen hier alle Menschen; sie huschten vorüber, traten für einen Moment hervor und tauchten dann wieder im großen Strome unter.

Daheim, im lieben Heideland, war jede Person ein Bild mit Hintergrund in festgefügtem Rahmen. Zu Klaus Börckes sehniger Landjunkergestalt gehörte das plumpe Herrenhaus, die Halle mit dem, vom Alter wellig gewordenen, Fliesenboden, die vielen Geweihe an den Wänden, der Moorgrund, über den der jagdeifrige Wispinger mit hohen, schmutzbespritzten Stulpenstiefeln dahinstapfte. Zum Eickener Pfarrherrn gehörte


70 das tabakduftende Studierzimmer, das Gärtchen mit den allzudicht stehenden Obstbäumen und die zahllosen Vogelnistkästen. Zur alten Frau von Ollershausen mit ihren feinen, blassen Töchtern gehörte die Etage am Marktplatz mit dem Blick auf das alte Rathaus, der schlechterzogene Affenpinscher Minnie und die grüne Stube mit den schweren, damastüberzogenen Lehnstühlen, auf denen am Mittwoch das Whistkränzchen saß, lauter schon ziemlich verblühte Blumen aus altem Welfenadel.

Jeder Mensch hatte sein wohlbekanntes Drum und Dran, seinen Untergrund, von dem er sich plastisch abhob. Hier aber? Hier konnte man sich vorstellen, daß einer ein langes Leben lebte, ohne daß nur je ein anderer Mund ihn mit Namen nannte. Mancher mochte dieses Untertauchenkönnen als Wohltat empfinden. Nicht so Jutta Hadersloh. Sie hatte zu viel Freude an ihrer Persönlichkeit. Sie wollte wirken, beeinflussen, besitzen. "Ein Ferkel, was unser Ferkel ist." Recht hatte das Kind. Jutta lächelte vor sich hin. Eigentlich hatte sie keinen Grund, sich zu beklagen. In Gesellschaften wurde die schöne vornehme Frau bewundert, umdrängt. Sie fand Verehrer. An den Montagnachmittagen, wo sie für ihre Freunde zu Hause war, nahm die Zahl der Leute immer mehr zu, die auf Mrs. Farquharsons Chippendalestühlen um den zierlichen Teetisch herumsaßen. Aber Jutta hatte keine rechte Freude an all diesen Menschen. Von den Familien, die ihr näher befreundet waren, kamen meistens nur die Frauen; die Männer, Beamte oder hohe Militärs, waren viel zu arbeitüberbürdet. Und


71 die Herren, die sich einstellten, waren Gesellschaftsmenschen, die von einem Empfang zum anderen liefen, alles mitmachten, was Mode war, und seufzend renommierten mit ihren zahllosen Verpflichtungen.

Manchmal hatte Jutta ihr Vergnügen an dem Treiben, manchmal langweilte es sie. Noch knüpfte keine innere Beziehung sie an irgend jemanden von diesen vielen neuen Erscheinungen, die in ihr Dasein getreten waren. Das Beste waren immer noch die "Ferienabende", die gesellschaftsfreien Abende, an denen Frentzius als einziger Gast im Haderslohschen Familienkreise weilte. Aber sogar diese stillen Stunden litten unter dem Zuviel des äußeren Lebensandranges. Sie wurden immer seltener. Auch Frentzius fehlte es oft an Zeit. Soziale Bestrebungen und Vereinstätigkeit nahmen ihn tagsüber so in Anspruch, daß er häufig die Nachtstunden für seine wissenschaftlichen Arbeiten benützen mußte. Und wenn er dann zur Freundin kam, war er abgespannt oder überreizt. Das innige geistige Miteinanderleben wie in Eicken führten sie jetzt nicht mehr. Sie nahmen so viel Stoff an wechselnden Eindrücken in sich auf, und doch hatten sie einander weniger zu sagen als damals in der Landeinsamkeit. "Sie müssen geiziger mit sich selber sein", hatte Jutta ihm neulich gesagt, "es zerrt zu vieles an Ihnen herum. In Eicken taten Sie weniger und dachten mehr."

"O weh, Gedankenleere konstatieren Sie bei mir? Das ist ja sehr niederdrückend!" hatte er halb scherzend, halb geärgert erwidert. Und sie war bei ihrer Ansicht geblieben: "Wer so viel sich abmüht, schreibt,


72 spricht, andere sprechen hört, wie Sie hier in Berlin, der kommt ja gar nicht dazu, seine Gedanken bis auf den Grund auszudenken. Er grübelt und träumt nicht mehr. Und zu Ihnen paßt das Grübeln und Träumen . . . "

Dieses Gespräch trat ihr heute wieder vor die Seele, während sie durch die belebten Straßen dahinschritt. Sie war zwar keine Träumernatur. Und doch fühlte sie, daß auch ihr etwas verloren ging in diesem Allzuviel der äußeren Eindrücke. - -

"O sieh, Mama, ein richtiges chinesisches Kindermädchen!" rief Gretchen und zögerte im Weitergehen, um das schlitzäugige Baby zu mustern, das von der grell buntgekleideten Bürgerin des Reichs der Mitte im Wagen gezogen wurde.

Sie hatte die Tauentzienstraße erreicht, den Korso des Westens. Viel internationales und auffallendes Menschenvolk zog um diese Nachmittagsschlenderstunde hier vorüber, viel weibliche Jugend, die bewundert sein wollte, und männliche Jugend, die sich auch sehr ansehenswert vorkam, fesche Kurfürstendammtöchter mit hermelinbesetzten Nerzjacken zu viertausend Mark, kleine Konfektioneusen mit schlanken Figur, begehrlichen Augen und Pelzbaretts von Kaninchenfell, russische Musikschülerinnen, schlampig gekleidet, mit interessanten Gesichtern, aus denen slawische Schwermut und Sinnlichkeit sprachen, Jünglinge mit Künstlermähnen und weibischem Typus, Generalstabsoffiziere mit klugen, faltigen, wettergebräunten Gesichtern und Gardeleutnants mit dem unwiderstehlichen Einglas im Auge, dazwischen Bettler, die den Weg vertraten und


73 für diese Leistung einen klingenden Lohn verlangten, und kleine Jungen, die an jeden Vorübergehenden die seltsame Zumutung stellten, ihnen Schnürbänder, drei Paar für zehn Pfennige, hier auf der Straße abzukaufen. Wie das aneinander vorüberwogte, vorüberstreifte, gleichgültig, jeder nur mit sich beschäftigt; hier und da eine flüchtige Berührung, ein flüchtiges Anteilnehmen, dann wieder neue Eindrücke, andere Bilder - Kinematographenvorstellung.

In vielen Schaufenstern strahlten schon die elektrischen Lampen. Kurz vorher hatte es geregnet. Noch war das Straßenpflaster naß und das flimmernde Licht brachte seltsame, unruhige Reflexe auf den nassen Steinen hervor. Skarbina-Straßenbild, dachte Jutta, sehr reizvoll für das Auge.

Und doch, heute machte es sie traurig. Als ob hier alles Leben, auch ihr eigenes, in kleinen Stücken abgerupft, ohne Sinn und Zweck verbraucht würde.

Da fiel ihr Blick auf den stolzen Bau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der an dieser großen Kreuzung des Westviertels von jeder Seite aus einen so wunderbar harmonischen Abschluß des Straßenprospektes bildet. Klar und fein zeichneten sich diese schlanken, ungleich hohen, unregelmäßig angeordneten Türme gegen den schieferblauen Abendhimmel ab und das stille Grau dieses Gemäuers tat dem Auge wunderbar wohl, wie ein Ruheport lag es da, wie ein Sinnbild stiller gesammelter Kraft, wie ein ernstes Schicksal, das aus dem Wust und Wirren, aus dem unruhig flackernden Spiel des Großstadtlebens hervorwächst.


74 Der Anblick machte Jutta seltsam froh und sicher. Als ob ihr eigenes persönliches Schicksal sie wieder umschlösse, dem sie für eine kurze Weile entglitten war. Sie fühlte sich nicht mehr als Schatten unter Schattenbildern. Sie war wieder Mittelpunkt der Welt geworden und das Leben wieder eine wichtige, ernst zu nehmende Angelegenheit.



XXII

[75]

XXII.

Und dann kam ein Abend - -

Jutta war zum Diner geladen bei ihrer alten Schulfreundin Erika Stahl, einer Lüneburger Weinhändlerstochter, deren Mann Vortragender Rat im Justizministerium war. Eine elegante Häuslichkeit, sehr fürs Auge, peinlich korrekt in allen Äußerlichkeiten, alles so, wie "man" es haben muß, ein Heim, in das der Hausherr, ein kleiner, stiller Mann, hervorragendes Arbeitstier, eigentlich gar nicht recht hineinpaßte. Aber Erika hatte Geld. Und Erika war hübsch, lebenslustig, von starkem, gesellschaftlichen Ehrgeiz beseelt. Sie hatte außer den Kollegen vom Justizministerium auch immer noch einige andere Persönlichkeiten unter ihren Gästen, Leute, die ihr selber imponierten und mit denen sie den Kollegenfrauen imponieren wollte.

Heute fand Jutta die hübsche Hausherrin nicht ganz auf der Höhe ihrer Repräsentationsfähigkeit. Sie war zerstreut, unruhig und lächelte noch geistesabwesender, als es in großen Gesellschaften üblich ist. Die Uhr war schon ein Viertel nach acht und noch trat der Moment nicht ein, wo der Hausherr seinen Arm irgendeiner Exzellenz bot. "Kommt der Minister?" fragte eine junge Geheimrätin.

"Nein, aber Herger", antwortete Erika, "ich begreife

76 nicht, wo er bleibt." Und ihre Blicke wanderten immer ungeduldiger nach der Eingangstür.

"Aha, der Clou fehlt also noch, der Unterstaatssekretär", sagte Düna vom Auswärtigen Amte, der neben Jutta stand, "darum die Nervosität unserer schönen Hausfrau."

Jutta lächelte. "So. Der Unterstaatssekretär ist heute Nummer Eins hier? Trotz der Exzellenz dort in der Ecke mit der Juwelierauslage von Orden auf der Brust?" - "Trotz der Exzellenz. Der Unterstaatssekretär ist bedeutsamer als direkter Vorgesetzter und als Mensch." - "Herger heißt er?" fragte Jutta. Das war ja wohl der Bruder des Generals ihrer Einquartierung vom letzten Herbst, der Bruder Franz, von dem der General mit solchem Stolze sprach? "Er gilt als Mann der Zukunft", fuhr Düna in seiner überlegenen, ironischen Art fort, "zu den größten Dingen auserlesen. Außerdem weiß er sich auch als Mensch in Positur zu setzen." - "Eitel? Schöner Mann?" fragte Jutta.

"Nein, keines von beiden, aber er ist eine Persönlichkeit." Düna sprach ernster, als es sonst seine Art war, es lag beinahe etwas wie Respekt in seinem Ton. Und das war ein unnatürlicher Zustand bei Düna. Er gehörte zu Juttas neuesten Verehrern. Ein zierlicher, brünetter, kleiner Mensch mit scharfgeschnittenem Gesicht, glatt rasiert, an einen jungen französischen Abbé erinnernd; meistens sah er melancholisch aus, behauptete auch, es zu sein, aber die Schwermut ging nicht tief, denn er besaß die loseste Schnauze von


77 ganz Berlin W., kannte alle Welt, verschonte keinen und war bei den Damen ebenso beliebt wie gefürchtet.

Da öffnete sich wieder die Eingangstür. Ein Aufleuchten im Gesicht der Hausfrau. Aber nein, noch immer nicht der Unterstaatssekretär. Eine Dame, schlank und zierlich, in sehr enger, sehr durchsichtiger Gewandung, die kastanienbraune Lockenfrisur an Bilder aus der napoleonischen Zeit erinnernd, eine Erscheinung von auserlesener Eleganz.

"Kennen Sie diese junge Frau?" fragte Jutta ihren Verehrer.

Er nickte. "Selbstverständlich. Jung? - Hm. Vor acht Jahren kam sie mit grauen Haaren und üppiger Fleischesfülle nach Berlin. Sie hat sich die Metamorphose was kosten lassen. Heißt Frau Anita von Kreider. Witwe. Der Selige war irgendwas in Mexiko, vielleicht Kaufmann. Jedenfalls etwas, das Geld einbringt. Woher der Adel stammt, weiß man nicht. Zwei Töchter, an Gothasche Kalendernamen verheiratet. Immenser Wohltätigkeitsdrang. Figuriert auf jeder Liste unter den Komiteemitgliedern. Besonders tatkräftig bei Unternehmungen, die unter dem Protektorate Ihrer Majestät stehen. Und überhaupt, ein Talent, Angeltalent ersten Ranges. Sie treffen auf ihren Jours alles, wenigstens beinahe alles. Nur kaiserliche Prinzen fehlen noch und die Botschafter der europäischen Großmächte. Es ist mehr die exotische Diplomatie vertreten . . . Da, jetzt sind Sie schon aufs Korn genommen. Ich wette, auf dem nächsten Kreiderschen Rout ist Frau von Hadersloh als kostbares neues Schaustück zu sehen."


78 Jutta lächelte hochmütig. "Halten Sie mich für ein so leicht anbeißendes Angelobjekt?" Düna antwortete nicht. "Jetzt hat sie ihn angeklingelt", sagte er, auf die Tür zum Nebenraume weisend. Und Jutta hörte die letzten Sätze eines Telephongespräches. "Aber nein, Herr Unterstaatssekretär, heute, Montag, heute acht Uhr. - Also dann in einer Viertelstunde?"

"Denk dir nur, Jutta, er hat sich unser Diner für morgen notiert", erzählte Erika, wieder eintretend, "na, da hätten wir ja schön lange hungern können. Auf Männer ist doch absolut kein Verlaß." - Eine Viertelstunde später trat der sehnlich Erwartete ein. "Das kommt davon", sagte er, sich bei der Hausfrau entschuldigend, "wenn man all die Dinge selbst zu erledigen hat, die sonst die Dame des Hauses unter ihre fürsorgliche Obhut nimmt. Ich schäme mich meiner Zerstreutheit, gnädige Frau. Seniler Marasmus." Und er reichte Erika den Arm. Die letzten Worte klangen beinahe kokett, wenn man den Mann betrachtete. Jutta war angenehm enttäuscht. Sie hatte eine zweite Ausgabe des schönen, langweiligen Generals erwartet. Dieser aber erinnerte nur durch die hohe breitschulterige Gestalt und das graue Haar bei frischer Gesichtsfarbe an den Bruder. Sonst in nichts. Seine Züge waren sehr viel unregelmäßiger, sogar etwas derb. Aber sprühend von Leben. Wundervoll scharfe blaue Augen, Augen, die mit einem Blicke alle Menschengesichter, alle Gegenstände, jede Ecke des Zimmers zu durchdringen schienen. Feldherrnaugen. Er sah militärischer aus, als sein militärischer Bruder.

Jutta saß bei Tisch an seiner linken Seite, von


79 einem Kollegen des Hausherrn, einem feinen, noch jugendlichen Geheimrat, geführt, den sie bei einem früheren Zusammentreffen sehr sympathisch gefunden hatte.

Heute kam der Tischnachbar nicht ganz auf seine Kosten. Damals war die schöne Frau von Hadersloh so unterhaltend gewesen. Er hatte sich an ihrer frischen, temperamentvollen Art gefreut. Heute kam sie ihm schwerfällig, verträumt vor. Sie hat Launen, dachte er, da gar kein Thema zünden wollte, weder die Judith der Durieux, noch die letzten Ankäufe des Kaiser-Friedrich-Museums, noch der gestrige Straßenkrawall unter den Linden.

Mit zerstreutem Lächeln hörte sie zu, gab Antworten, an die sich kein Faden knüpfen ließ, und was sie sagte, klang nur wie eine Sprechübung ohne Gedankenhintergrund. Sie ist doch wohl recht unbedeutend, so faßte der junge Geheimrat endlich sein Urteil zusammen.

Den Grund ihrer Geistlosigkeit erriet er nicht.

Jutta sprach heute mit ihm so mechanisch, wie sie die Gabel zum Munde führte. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem andern Nachbar. Noch hatte er nur wenige Worte mit ihr gewechselt, aber sie folgte gespannt dem Gespräch, das er mit Erika Stahl führte. Ein sehr oberflächliches Gespräch, so wie man es mit Erika eben führen konnte, ein wenig Neckerei, ein wenig Literatur und Kunst, ein wenig Persönliches über Vorgänge im Justizministerium.

Und doch lauschte Jutta, als ob sie Bedeutsames vernähme. Die Stimme hatte es ihr angetan, dieses


80 klangreiche Organ, eher hell als tief, kraftvoll und weich; es lag etwas seltsam Überzeugendes, Sicheres, Zwingendes in dem Ton, und wenn der Mann auch belanglose Worte sprach, wie eben jetzt, man hatte doch das Gefühl: ein starker Mensch.

Im stillen wartete Jutta immer auf einen Geistesblitz. Aber der kam nicht. Der Mann schien ganz und gar von dem Ehrgeiz frei, bei der Tischunterhaltung Esprit zu entfalten. Nun wird er mich gleich fragen, ob ich mich schon in Berlin eingelebt habe, dachte Jutta, und wir werden von den großen Entfernung und von der Untergrundbahn sprechen.

Aber es kam doch ein wenig anders. Lange Zeit war Herger ganz von der Hausfrau in Anspruch genommen. Dann wandte er sich plötzlich, mit einem Ruck, zur Rechten, die letzte Bemerkung der redseligen Erika überhörend, und richtete seine scharfen Blauaugen freundlich prüfend auf das Gesicht der Frau von Hadersloh. "Ich glaube, wir sind günstig aufeinander vorbereitet, gnädige Frau."

Jutta lächelte. "Durch Ihren Bruder?"

Er nickte. "Ja, denn daß mein Bruder tagelang mit jemand verkehren könnte, ohne mich herauszustreichen, ist ausgeschlossen. Ich kenne seine Schwäche. Und was er mir von Ihnen sagte", erwartungsvoll sah sie auf, "war auch nicht geeignet, mir ein ungünstiges Vorurteil gegen Sie einzuflößen", schloß er mit verschmitztem Lächeln.

Jutta wartete auf irgendeine weitere schmeichelhafte Bemerkung, die er an dieses Geständnis anknüpfen würde, aber vergebens.


81 Er hielt seinen Blick nur fest, mit freundlich musterndem Lächeln auf ihre Züge geheftet - beinahe ungebührlich fest und lange; das Lächeln machte sie verlegen.

Sie sprach von dem General. Und dann erzählte er von der Zeit, da er seine Laufbahn als junger Amtsrichter in einem kleinen hannoverschen Neste begonnen hatte. Das sei die schönste Periode seines Lebens gewesen.

"Sehnen Sie sich nach ihr zurück?" fragte Jutta.

"Oft."

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. "Ernstlich wohl kaum. Ein Gefühlsluxus, den sich der Erfolgreiche gern hin und wieder mal erlaubt. Wer aus der Enge heraus ist für alle Zeiten, wirft wohl ganz gern manchmal einen Blick auf das Idyll zurück. Aber wenn man ihn wieder hineinzwängen wollte -"

"Gnädige Frau, Sie sind niemals hannoverscher Amtsrichter in einem kleinen Nest gewesen", scherzte er, "deshalb können Sie den Reiz und die Fülle dieses Daseins nicht ermessen. Nie hab' ich mich später wieder so stolz und frei gefühlt wie damals, so selbstherrlich, so Mensch von eigenen Gnaden."

"Vielleicht haben Sie recht", meinte Jutta nachdenklich, und dann schilderte sie ihm das demütigende Gefühl der eigenen Unwichtigkeit, des Losgelöstseins von festem Untergrund, von dem sie so häufig in der Großstadt ergriffen würde.

Er nickte. "Kenn' ich genau. Aber schließlich ist das doch nur eine Übergangsempfindung, darunter


82 leidet man nur in der ersten Zeit. Wer länger hier ist, der baut sich selber seine Kleinstadt in dem großen Berlin. Als Mensch könnte ich mich hier ganz behaglich fühlen, wenn -"

"Wenn Sie überhaupt viel Zeit hätten, Mensch zu sein?" fragte Jutta. Sie kannte es schon, daß hier jeder über Zeitmangel jammerte.

Herger lächelte. "O, die hätte ich schon, gnädige Frau. Ich überarbeite mich nicht, wenn ich auch etwas mehr zu tun habe wie als seliger Amtsrichter zu Walsrode. Aber so wichtig wie damals komme ich mir hier lange nicht mehr vor. Eigentlich schade, wie die Dinge oft zusammenschrumpfen, wenn man sie in der Nähe betrachtet. Die seelische Optik unterscheidet sich hier scharf von der natürlichen. Früher waren mir die Leute, die dort oben in Berlin sitzen, am Topf, wo die große Suppe gekocht wird, umheimlich respektable Wesen, Schicksalsmächte. Und nun" - er zuckte die Achseln.

Jutta schüttelte zweifelnd den Kopf. "Jetzt sollte das Bewußtsein, so viel Macht in Händen zu halten, den Reiz für Sie eingebüßt haben?"

Er nickte. "Im Anfang genießt man es. Später? Ach, da sind ja immer andere, die noch viel mehr Macht haben. Man mag so hoch klettern, wie man will, da sind überall noch Spitzen, die die Aussicht beengen . . . Sie als freie Gutsherrin führen ein stolzeres Dasein."

"Aber kein sorgenfreies", meinte Jutta, "wenigstens habe ich früher . . . aber jetzt lebe ich schon seit Wochen


83 in einem recht faulen Ferienschlendrian dahin", unterbrach sie sich selber in leichtem Ton. Es kam ihr plötzlich ungehörig, unzart vor, dem fremden Manne von den Kampfzeiten ihres Lebens zu erzählen. Wenn getrüffelte Gänseleber herumgereicht wird, ist nicht der Moment, über erduldete Schicksalsschläge zu sprechen. Und dann - es kam für Jutta noch etwas anderes dazu: die feste innere Gewißheit, daß sie diesem Manne noch einmal sehr viel von sich und ihrem Leben erzählen, daß sie noch einmal anders als im Plauderton zu ihm von ihrer Vergangenheit sprechen würde, als ob sie, roh und täppisch, schönen Stunden vorgreifen würde, ernsten, bedeutungsvollen Stunden, wenn sie sich jetzt nicht zurückhielte, wenn sie jetzt schon zu viel von ihrem Ich verausgabte.

Fast peinlich berührte es sie, als Erika jetzt dem Tischnachbar von ihren gemeinsamen Jugendstreichen erzählte. Im Spiegel von Erika Stahls freundlich trivialer Wertschätzung mochte sie nicht von Herger gesehen werden.

So schnitt sie das Gespräch schnell ab, indem sie einen hohen Generalstabsoffizier erwähnte, den sie neulich bei Erika getroffen. Ein Renommierbekannter, der beste Ableiter.

Ein wenig enttäuscht war sie, als der Unterstaatssekretär sich nach dem Essen sehr bald ins Rauchzimmer zurückzog. Aber der junge Pseudoabbé, Baron Düna, blieb den Damen treu und wußte es bald so einzurichten, daß er mit Jutta in ein trauliches, abseits vom großen Kreise liegendes Plaudereckchen kam. Er schilderte eine Soiree bei Friedländer-Fuld und zerrupfte


84 Personen aus der Hofgesellschaft, die er dort getroffen hatte. "Wenn man Sie derartig über Ihre lieben Nebenmenschen lästern hört", meinte Jutta, "begreift man nicht, wie Sie sich so Abend für Abend unter diesen Kreaturen bewegen mögen, die teils Dummköpfe, teils Spitzbuben, teils Mollusken, teils Irrenhauskandidaten, teils Spießbürger sind."

"Weil ich sie brauche", antwortete Düna, "weil ich mich jetzt vollsaugen will wie ein Schwamm mit ihrer Erbärmlichkeit, damit ich später, wenn ich als Konsul in Honolulu oder Sansibar sitze, den großen Roman schreiben kann, der einmal geschrieben werden muß und für den ich der einzig mögliche Autor bin: den großen Kulturroman von Berlin W."

"An Bescheidenheit gehen Sie nicht zugrunde, Herr Konsul in spe."

"Aber ich bitte Sie: was kriegt denn so ein Durchschnittsliteraturjüngling von der Berliner Gesellschaft zu sehen? Der hat ja gar keine Gelegenheit, so hinter die Kulissen zu gucken, wie unsereiner."

Jutta fragte, ein wenig unvermittelt, hervorgesucht, ob bei Friedländer auch Leute vom Justizministerium gewesen wären. Düna lächelte schlau vor sich hin. Dann sagte er: "Also die gnädige Frau möchte Näheres über ihren linken Tischnachbar hören?"

Jutta fühlte zu ihrem Ärger, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß.

"Wer selber aus der Neugierde einen Beruf macht, merkt leicht, wo beim andern die Neugierde sitzt", erklärte der Zukunftsautor, "also Herger - ja, was soll ich Ihnen von dem erzählen? Rechte Hand des


85 Ministers. Besonders hervorgetreten durch die Bearbeitung von Strafrechtsreformen, die Sie vermutlich wenig interessieren. Charaktervoller Witwer, der alle wohlgemeinten Tröstungsbestrebungen zähe zurückweist. Hauptmann der Reserve. Vermögen unbedeutend. Lebt für sich einfach. Gibt aber erstklassige Herrendiners im -Bristol'. Reist nach dem Kaukasus, Pyrenäen, Island, Korsika, kurz, nach den Orten, wo man nicht bei jedem Schritt auf einen Berliner Geheimrat tritt. Versteht die Kunst, lästige Bittsteller mit freundlichem Humor rauszuschmeißen, und wenn ihm jemand an den Wagen fährt, knallt er ihn nieder."

Überrascht sah Jutta auf. "Gehört das zu seinen Gewohnheiten?"

Düna nickte ganz scharf. "Ja, vor vier, fünf Jahren ist mal so 'ne Geschichte passiert. Ein Literat, übrigens ein sehr angesehener, der für einen anständigen Kerl galt, hatte in einer vielgelesenen Broschüre über preußisches Beamtentum Dinge von ihm gesagt, die er sich nicht gefallen lassen konnte. Ein anderer in den - na, sagen wir: gesetzten Lebensverhältnissen - hätte einfach auf Beleidigung geklagt. Herger hat eine Auseinandersetzung im stillen Grunewald vorgezogen und der arme Literaturmensch hat dran glauben müssen. Tolle Sache, wie? Hätten Sie ihm das zugetraut?"

Jutta fand die Sache gar nicht so verwunderlich. Auf eine schwere Beleidigung gehörte die Forderung. In diesen Ansichten war sie aufgewachsen und sah in einem Duell weder Barbarei noch Heldentum.

"So was gibt Relief", fuhr Düna fort " -aber böses Blut hat die Geschichte damals auch gemacht, erst


86 kürzlich im Reichstag wurde sie wieder aufgewärmt, von sozialdemokratischer Seite. - Übrigens, da rauscht die Kreider heran, nein, rauschen ist ja jetzt nicht mehr Mode, viel zu weiche Seide; sagen wir: fließt heran, unser Duett zu stören, und ich hatte Ihnen noch gar nicht mal gesagt, daß Sie brillant aussehen in diesem Modell von Lüders, Mohrenstraße."

Jutta lachte. "Ja, woher wissen Sie denn -" Da trat die Kreider heran, sehr liebenswürdig, scheinbar sanft weiblich, zart und vornehm, aber unter der zarten Hülle sehr draufgängerisch zielbewußt.

Ehe Jutta sich's versah, hatte sie versprochen, einen Wohltätigkeitstee zu besuchen, den Frau von Kreider in ihren Empfangsräumen veranstalten wollte, und ein Konzert, auf dem ein Schützling der jungbrunnen-entstiegenen alten Dame singen würde, "eine entzückende kleine Wienerin, die Culp ist nichts dagegen, ihr erstes Debüt, es wird ein Riesenerfolg werden! -" Morgen wollte Frau von Kreider Jutta ein Billett schicken, vielleicht auch selber bringen.

Sehr frühe schon brachen die Exzellenzen auf. Die anderen folgten bald.

"Du bleibst natürlich noch ein halbes Stündchen gemütlich bei uns?" bat Erika.

Aber Jutta war müde, auch ein wenig verstimmt. Daß der Unterstaatssekretär so fest im Rauchzimmer saß - bei Tische hatte es geschienen, als ob ihm die Unterhaltung mit ihr Freude machte, und später hatte er es nicht mehr der Mühe für wert gehalten, auch nur noch ein Wort mit ihr zu wechseln.

Schließlich, was ging sie der Bruder des langweiligen


87 Generals Herger an, der "Clou" der eitlen Erika?

Sie fuhr auf der Untergrundbahn heim. Sehr abgespannt lehnte sie den Kopf zurück und schloß die Augen. Wenige Minuten später aber zwang irgendein fremder Einfluß, irgend etwas Unerklärliches, Beunruhigendes, sie, die Lider wieder zu öffnen. Sie sah in das lächelnde Gesicht des Unterstaatssekretärs.

"Pardon, wenn ich durch mein Anstarren Ihren süßen Halbschlummer gestört habe", sagte er, sie grüßend, "haben die kulinarischen und geistigen Genüsse im Hause Stahl Sie ermüdet?"

"Seltsam, daß man so etwas bei geschlossenen Augen spürt", sagte sie, ohne seine Frage zu beantworten; "fahren Sie auch in meine Gegend?" Er wohnte in der Ansbacher Straße.

Und sie fanden beide, daß sie also nach Berliner Entfernungsbegriffen Nachbarn wären.

Dieser Gedanke machte Jutta Freude. Und ihm schien es ebenso zu gehen.

Jutta fühlte plötzlich gar keine Abspannung mehr. Das unverhoffte Wiederbegegnen erschien ihr als eine ganz besondere Extrazugabe des freundlichen Geschicks.

Herger war wortkarger als vorher. Und doch wollte es ihr scheinen, als ob er ihr mit jeder Minute näher käme. Sie fühlte, ohne hinzusehen, wie sein fester, freundlicher Blick unausgesetzt auf ihr ruhte, während sie erzählte, von ihren Kindern, von der Heimat und allerlei Hannoveranern, die sie in Berlin wiedergefunden hatte.

Manchmal beugte er sich sehr nahe zu ihr hinüber,


88 wenn der Lärm des Zuges in den niederen unterirdischen Gängen die Worte schwerer verstehen ließ. Und dann kam ein Gefühl behaglicher Sicherheit über Jutta, ein Gefühl des Geborgenseins. Sie war in diesen Augenblicken nicht die tatkräftige Herrin von Eicken, sondern ein zartes, vor Stürmen bangendes Weib, als ob sie des Schutzes bedürftig gewesen wäre und aus der Nähe dieses Mannes Halt und Zuversicht gewönne.

Da hielt der Zug. "Zoologischer Garten, meine Station", rief Jutta, sich erhebend, "ja aber, Sie, Sie hätten doch schon am Wittenbergplatz aussteigen müssen?"

"Das hätte ich wohl. Ich habe gar nicht auf die Stationen geachtet. Da es der Zufall nun so gefügt hat, darf ich Sie wohl nach Hause begleiten, gnädige Frau?"

Sehr langsam schritten sie durch die Joachimstaler Straße, die belebt wie am hellen Tage war. Einmal blieben sie sogar vor dem Aushängefenster eines photographischen Alteliers stehen und taten, als ob die fremden Gesichter im Halbdunkel sie interessierten. Aber der Weg bis zur Meinekestraße war auch gar zu kurz. Beim Abschied erkundigte Herger sich nach Juttas Empfangstag. "Übrigens", fügte er hinzu, "finde ich nur ganz selten Zeit, mich auf Empfangstagen sehen zu lassen. Ich möchte ihn eigentlich auch nur wissen, um einen anderen Tag zu wählen, wenn ich Ihnen meinen Besuch mache." Ob er ihr willkommen sei, fragte er gar nicht. Er schien das ebenso selbstverständlich zu finden, wie Jutta. -


89 Als die schöne Frau von Hadersloh in dieser Nacht durch die Schlafzimmer ihrer Kinder ging, küßte sie jedes einzelne auf die Stirn. Ihr war, als ob heute ein Segen von ihr ausgehen müßte, als ob sie ihren liebsten Menschen etwas abgeben müßte von der warmen, großen Freude, die sie durchströmte.

Dann trat sie an das offene Fenster, sah in die stille kalte Winternacht hinaus und faltete die Hände. In ihrer Freude war ein tiefer Ernst und eine Demut, die sie noch nie empfunden hatte. Zum erstenmal in ihrem Leben beugte die schöne Frau von Hadersloh ihr Haupt vor dem Schicksal, zum erstenmal stand sie da als inbrünstig Bittende.


XXIII

[90]

XXIII.

Weit oben im Nordwesten war es, nahe dem Vorortbahnhof Beußelstraße, da, wo das Proletariat in ungeheuren Mietkasernen wohnt, die oft ein ganz stattliches Äußere haben, in ihren Eingeweiden aber viel Elend und Verkommenheit bergen.

Jutta Hadersloh trat, in Begleitung von Nanny Levin, aus einem freundlich aussehenden neuen Hause und schaute suchend nach einem Auto um, daß sie heimbringen sollte. Aber Autos schienen in dieser Gegend kein häufig benütztes Beförderungsmittel zu sein. Die Umschau blieb erfolglos.

"Nehmen wir die Straßenbahn", sagte Nanny Levin.

"Wenn sie nur nicht so langsam führe", klagte Jutta; "ich erwarte Besuch heute Abend, aber es wird uns nichts anderes übrig bleiben."

Sie stiegen ein.

"Nun, hab' ich zu viel gesagt?" fragte Frau Levin, "ist unser Heim nicht entzückend?"

Jutta nickte. "Ja, in der Tat, sehr gut eingerichtet. Vielleicht sogar . . . "

"Nun?"


91 Aber Jutta sprach nicht zu Ende, was sie dachte. Es würde die junge Enthusiastin empört haben.

Sie kamen aus dem Heim für ledige Mütter, Nanny Levins Stolz. Und mit Recht. Das Haus war musterhaft gehalten. Schneeweiß die breiten Betten, blitzblank der Fliesenboden in Schlaf- und Wirtschaftsräumen, blitzblank der Glasschrank mit Instrumenten; die Wohnräume parkettiert, die Badezimmer mit allen Einrichtungen neuesten Komforts versehen; und diese Riesenwäscheschränke, reichlich gefüllt mit gutem Leinenzeug! "Wie Prinzessinnen werden die Mädchens jehalten", hatte Frau Schöppe, die Hausmutter, vor sich hingebrummt, als Nanny Levin gerade außer Hörweite war, während Jutta sich die frische, saubere Babywäsche zeigen ließ, "es fehlt nur noch, daß die hundertundein Kanonenschüsse abjejeben werden, wenn so'n Kronprinz jeboren wird!"

Jutta lächelte. Im stillen hatte sie auch schon diese Fülle der Bequemlichkeit mit den dumpfen Räumen und äußerst unhygienischen Verhältnissen verglichen, in denen so viele andere kleine Weltbürger das Licht der Welt erblicken; - - auf dem Lande, du lieber Gott! wo die armen Weiber oft schon am dritten Tage wieder hinausmüssen und die Kühe melken.

"Sind die jungen Mütter denn auch dankbar für alles, was ihnen hier geboten wird?" hatte sie Frau Schöppe gefragt.

Ein verächtliches Achselzucken. "Die dankbar? Na ja, et jibt ja jutmütige Mädchens drunter, aber die meisten? Schlumpen sind's. Nur nich arbeiten. Nur nich die Hand rühren. Und manchmal sind sie ja schon


92 Wochen vorher hier und könnten janz jut mal en bisken zujreifen. Aber nee. Sie müssen sich schonen. Die Damen sagen's ja auch."

"Frau Schöppe, schmälern Sie unsere Schützlinge nicht", hatte die wieder herantretende Nanny Levin scherzhaft tadelnd gesagt, "in dem Zustand, ich bitte Sie! Und die meisten sind doch gute, harmlose Geschöpfe, die schwer an ihrem Schicksal zu tragen haben."

"Dort, die Lange", sagte Frau Schöppe, auf ein junges, blondes Weib weisend, das schwerfälligen Schrittes durch die Stube ging und mit kecken Augen die beiden Damen musterte, "die hat nun schon drei; zwei sind jestorben; ja, ja, es wird ihnen zu leicht jemacht, den Frauenzimmern."

"Die Schöppe ist eine vortreffliche Frau", sagte Nanny Levin, der breitschulterigen Matrone freundlich auf den Rücken klopfend, "sie hat ihre Wirtschaft wundervoll im Zuge; aber eins fehlt ihr noch: das mütterliche Herz für diese armen Wesen."

Während die beiden Damen von Frau Schöppe durch die Vorratskammer geführt wurden, hörte Jutta aus einer Gruppe herumstehender Mädchen, darunter die lange Blonde, ein Kichern, das ihr nicht gefiel - vielleicht war die derbe Hausmutter doch eine bessere Lebenskennerin als Nanny Levin mit ihrer feurigen, weiten Seele?

Aber als sie dann in die Schlafräume traten, konnte Jutta wieder ganz gut die warmherzige Teilnahme ihrer neuen Freundin verstehen.


93 Da lagen, zwischen Weibern mit dreisten, verlebten Gesichtern, denen das wüste Leben schon seinen nur allzu deutlichen Stempel aufgedrückt hatte, auch zarte, liebliche Geschöpfe, kinderhaft jung, in deren dünnen Ärmchen die Neugeborenen wie Puppen erschienen. So einem armen Ding in seiner Not beizustehen, vielleicht auch Verständnis für seine Mutterpflichten in ihm zu wecken, es war doch eine schöne Aufgabe.

Nur ganz zuletzt, als Jutta schon zum Aufbruch mahnte, da hatte ein kleines Zwiegespräch sie wieder seltsam berührt. Frau Schöppe hatte von dem Elend einer Flickschneiderfamilie erzählt, die im Nebenhause wohnte, die Frau erwartete ihr sechstes Kind, sehr ordentliche Leute wären es, die sich von früh bis Abend abquälten, aber durch lange Krankheiten in Not geraten wären, der Frau möchte man es wohl gönnen, daß ihr die schwere Zeit erleichtert würde, sie hätte heute gefragt, ob sie nicht für ein paar Wochen in das Heim kommen könnte, sie wollte ja gern etwas dafür zahlen.

Aber Nanny Levin hatte die Bitte energisch abgewiesen. "Unmöglich, liebe Frau Schöppe, die Frau hat ja ihren Mann, der für sie sorgen muß. Wohin sollte das führen, wenn wir jede aufnehmen wollten, die - - nein, nein, liebe Schöppe, Sie wissen ja, unser Heim ist nur für Ledige."

Diese exklusive Menschenfreundlichkeit wollte Jutta nicht recht einleuchten. Nur für Ledige?

Jutta hatte in den letzten Wochen viel mit Frau Nanny verkehrt, auch mehrfach die Zusammenkünfte der Neu-Ethiker besucht. Die Bestrebungen interessierten


94 sie. Und doch, bisweilen schien es ihr, als ob diese Nachsicht für die von der "engherzigen bürgerlichen Moral Verfemten" zu weit ginge, als ob man Prämien setzte auf die uneheliche Mutterschaft.

Jutta hatte solche Dinge ja selber immer sehr milde beurteilt. Auf dem Lande erschien das alles so einfach und natürlich. Und wenn auch das Erstgeborene schon da war, bevor der Bursche sein Mädchen heiraten konnte - der Herr Pfarrer hielt wohl mal eine ernste Strafrede oder ein biederer Vater fuhr mit dem Donnerwetter dazwischen - aber schließlich drückte man ein Auge zu. Meistens folgte die Heirat. Und wenn nicht, dann wurde das Kleine auch so mit durchgefüttert.

Hier in den großen Verhältnissen traten alle solche Fragen brennender, schwerwiegender auf. Viel weniger einfach war hier alles, und alles stellte sich in so großen Ziffern dar, als Kulturangelegenheit von weittragender Bedeutung.

"Schade", sagte Nanny Levin vor sich hin. Fragend sah Jutta auf, die eine Zeitlang still ihren Gedanken nachgehangen hatte. "Was ist schade?"

"Daß Sie noch nicht ganz zu uns gehören. Ich fühle es. Sie sind noch in der Häutung. Sie sind noch umsponnen von morschen, altersgrauen Begriffen. Aber - tut nichts. Einmal kommt doch die Stunde, wo wir Seite an Seite kämpfen werden. Das weiß ich gewiß."

Jutta schwieg. Manchmal kam es ihr vor, als ob die Wellen, die sie in die Strömung der Neu-Ethiker hineinziehen


95 wollten, gerade die entgegengesetzte Wirkung hätten und sie immer weiter zurücktrieben an festes Land, altes Kulturland.

Es war etwas in diesem lauten Proklamieren neuer freier Sittlichkeitbegriffe, das sie zurückstieß - etwas, das zu sehr an die Moralprediger alten Stils erinnerte. Überall wurde geeifert, hüben und drüben. Die Neuen zeigten sich so intolerant wie die Alten. Und gerade die Besten, Wohlmeinendsten unter diesen jungen Leuten waren fanatsiche Prinzipienmenschen. - - "Eigentlich hätte ich noch allerlei mit Ihnen zu besprechen", sagte Nanny Levin, als sie sich trennten, "aber da Sie Besuch erwarten, wahrscheinlich aristokratischen Besuch, der meine Haarfrisur mauvais genre finden würde? - nein, ich komme lieber ein andermal. Adieu."

Jutta hatte vorher nicht ganz die Wahrheit gesprochen. Gäste erwartete sie eigentlich nicht, nur den einen Besucher, auf den sie nun schon seit länger als vierzehn Tagen mit ungeduldiger Sehnsucht harrte - - Damals, nach dem Stahlschen Diner, hatte sie fest angenommen, der Unterstaatssekretär würde schon in den allernächsten Tagen kommen. Und nun?

Aber heute hatte es von früh an wie eine leise, frohe Ahnung über ihrem Tagewerk geschwebt, und die Ahnung sollte recht behalten.

Kaum hatte sie Hut und Pelz abgelegt, da wurde ihr eine Karte gebracht, und als sie dem Diener Bescheid gab, bebte ihre Stimme vor Aufregung.

Gerne hätte sie noch etwas an ihrer Toilette geändert. Aber ihn warten lassen? Nein. Sie hatte zu großen Respekt vor seiner Zeit.


96 Als er ihr gegenübersaß im Lehnstuhl mit den zierlichen Mahagoniarmen, kam ein seltsames Gefühl der Verlegenheit über sie, als ob sie vor einem Examinator stünde und ihrer Kenntnisse nicht sicher wäre.

Diese Augen hatten etwas gar zu Durchdringendes - und dabei doch dieses behagliche Lächeln. Fast ärgerte sie sich, daß er ihr so sehr imponierte. Was war es denn eigentlich? Seine Stellung? Nein, gewiß nicht. Sie hatte schon Männern in höherer Stellung sehr nahe gestanden, ganz großen Tieren, Diplomaten, Kommandierenden, Männern von Weltruf, und sie war doch keine Erika Stahl.

Sein Geist? Davon hatte sie noch nicht allzuviel gemerkt. Ein Mann von verblüffender Schönheit war er auch nicht. Also weshalb kam ihr alles, was er tat und sagte, so schwerwiegend vor, weshalb fühlte sie sich ihm gegenüber so gar nicht sichere große Dame?

"Wie man sich doch manchmal ein ganz falsches Bild macht", sagte er, im Zimmer umherschauend, "ich hatte mir Ihr Heim ganz anders vorgestellt."

Ein fragender Blick.

"Einfacher", fuhr er fort, "und mehr persönlicher Stil. Ich weiß wohl, diese Sachen", er tippte auf die Mahagonilehne, "sind jetzt neuester Geschmack, sehr elegant. Aber ich dachte, bei Ihnen würde nur einige altertümliche schöne Stücke herumstehen und wenige, aber gute Bilder zu sehen sein. Nicht so sehr viel - Hübsches an den Wänden."

Jutta klatschte lachend in die Hände. "Das freut mich, daß Sie das sagen! Es ist ja auch nur geborgte Herrlichkeit." Das Vielzuviel in Mrs. Farquharsons


97 Behausung, all diese spielerische Augenweide einer eleganten alten Dame hatte sie schon oft geärgert. "Bei mir selber würden Sie es wohl so ähnlich finden, wie Sie sich's vorgestellt haben. Ach ja, bei mir zu Hause!" Sie seufzte. "Hierzu gehör' ich eigentlich gar nicht! Hierher, in so eine dutzendmäßige schöne Berliner Etage."

Ein Schatten flog über seine Züge. "So unsympathisch ist Ihnen Berlin?"

"Nein, nicht eben unsympathisch. Aber ich komme mir hier doch nur als halber Mensch vor. Es steckt zu viel von mir in meinem Eickener Boden."

Sie war ganz sicher, daß diese dumme unbegründete Verlegenheit ihm gegenüber schwinden würde, wenn sie ihm in ihrer heimischen Umwelt entgegenträte.

Herger sah nachdenklich vor sich nieder; ihre Worte schienen ihn nicht angenehm berührt zu haben.

Da öffnete sich die Tür und Margaretchen prallte herein. Hinter ihr erschien Frentzius. "Der Herr Doktor muß doch heute Abend bei uns bleiben, Mutting, nicht wahr?"

Frentzius zögerte, als er den Fremden sah. Aber Jutta bat ihn, näher zu kommen. Natürlich konnte sie nicht anders, als Gretchens Bitte unterstützen; aber lieber hätte sie es gesehen, wenn ihre Tochter heute weniger Gastfreundschaft entfaltet hätte.

Gretchen war sonst Fremden gegenüber sehr zurückhaltend. Der Unterstaatssekretär fand aber gleich den richtigen Ton für sie. Er erzählte ihr, daß seine Jungen weiße Mäuse und Tanzmäuse hielten. Von Tanzmäusen hatte sie noch nie gehört. Und als er sie einlud,


98 am nächsten Sonntag diese äußerst zahlreiche Nagetierfamilie zu besuchen, war sie sofort bereit.

Als sie gegangen war, erkundigte sich Frentzius nach dem Eindruck, den Jutta heute im Heim für ledige Mütter empfangen hätte.

Sie antwortete ausweichend. Das Thema schien ihr wenig geeignet für den Moment. Aber Frentzius ließ nicht locker. Er besaß nicht den Takt des Fallenlassens. Wenn ihn ein Stoff interessierte, hielt er daran fest. Und heute war er sehr mitteilsam. Er hatte vor kurzem eine Arbeit angefangen: über die Behandlung jugendlicher Verbrecher, eine Schrift, die die jetzigen Formen der Zwangserziehung scharf verurteilte, und gestern Abend hatte er Lydia Schumann und Doktor Schmidtlein die ersten Bogen vorgelesen, im Vegetarierrestaurant, bei einer Flasche Johannisbeerwein - Lydia Schumann und Schmidtlein waren Antialkoholiker, sie berauschten sich an ihren eigenen schönen Worten, bedurften der schnöden Anregung aus gegorenem Trauben- und Gerstensaft nicht! und man hatte den Anfang großartig gefunden und die ganze werdende Broschüre "eine Tat" genannt, ein Etwas, das geschrieben werden mußte, eine furchtbare Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft, die auch die Gedankenträgsten aufrütteln mußte aus ihrem verderblichen Tugendschlaf. Daß die Mehrzahl der mißratenen Jugendlichen ohne Vater aufgewachsen waren, wie Frentzius aus seinen statistischen Quellen ersehen hatte, führte wieder zur Frage der unehelichen Mutterschaft.

Und Frentzius wurde immer feuriger.


99 Den ganzen reichen und wirren Ideenschatz der Neu-Ethiker schüttete er vor Juttas neuem Freunde aus, das ganze kühn entworfene Bild der neuen "befreiten" Menschheit entrollte er vor diesem Zuhörer mit dem grauen Kopf, der so seltsam zu der jugendfrischen, wohlgepflegten Erscheinung stimmte. Daß Herger zu den hohen Beamten zählte, war Frentzius gerade recht. Natürlich Reaktionär bis ins Mark hinein? Mochte er einmal hören, wie sich seine, mit Pfählen verrammelte, Welt im Hirn eines freien Menschen spiegelte.

Fast ärgerte es ihn, daß Herger so wenig den starren Bureaukraten und Moralphilister hervorkehrte, daß er ihm sogar in einzelnen Punkten recht gab.

Endlich aber, als Frentzius Glanzstellen aus Nanny Levins Buch "Das Geschlecht der Zukunft" zitierte und von dem herrlichen Menschenmaterial sprach, das der Staat gewinnen würde, wenn erst nicht mehr das Gesetz und eine heuchlerische Moral den natürlichsten und wichtigsten Vorgang des Menschendaseins in widernatürliche Formen zwängen würden, da brauste Herger plötzlich auf, mit lachender Mien: "Aber, verehrter Herr Doktor, das ist ja verrücktes Zeug, was die Dame da geschrieben hat. Glauben Sie wirklich, daß ein besseres Menschenmaterial entstehen würde, wenn jeder", er suchte nach einem Ausdruck, den er in Juttas Gegenwart gebrauchen konnte; wie hart ein weibliches Ohr bei den Diskussionen der Neu-Ethiker sich gewöhnen mußte, ahnte er nicht, "wenn diese sogenannte freie Liebe sich durchsetzte? Ich glaube eher das Gegenteil. Stellen Sie sich das mal vor: Alle


100 Verantwortung fällt weg. Keiner hat mehr die Folgen zu scheuen. Alles, was zur Welt kommt, nimmt der Staat in seine weiten Vaterarme. Welche sträfliche Konzession wird damit dem Leichtsinn, der Gewissenlosigkeit gemacht. Und dann - diese Steuern! Möchten Sie als Mann, der sich seine gesicherte Position im Leben geschaffen hat, aus Ihrer Tasche die Kinder fremder Leute erhalten?"

"Der Standpunkt der Selbstsucht", sagte Frentzius in überlegenem Tone.

"Wenn Ihnen unsere Freundin Frau Levin ihr Zukunftsbild mit eigenen Worten vorzaubern könnte, würden Sie es vielleicht nicht für verrückt erklären", meinte Jutta - ein etwas lauer Versuch, Frentzius zu unterstützen. Aber Herger schüttelte lächelnd den Kopf. "Daß Frauen, gerade Frauen, sich in die Reihen dieser Sittenrebellen einstellen mögen, ist mir unfaßlich. Ist nicht für das Weib die Einehe die größte Kulturerrungenschaft? Sie scheinen gar nicht zu ahnen, was sie damit preisgeben würden, die lieben Kinder, die jetzt so wild um sich schlagen, weil nicht jede zu jeder Stunde dem Drang ihres Herzens folgen kann." Frentzius warf einen Blick auf Jutta, der sagen sollte: Hörst du's, wie niedrig er euch einschätzt?

Aber der Blick blieb ohne Wirkung. Jutta sah nachdenklich in ihren Schoß. Hergers Worte bildeten nur eine Fortsetzung ihrer eigenen Gedanken, der Gedanken, die heute auf der Heimfahrt mit Nanny Levin in ihr aufgestiegen waren.

Sie erzählte von ihren Eindrücken im Mutterheim. Und Herger hörte mit Interesse zu. Einmal aber sah


101 er sie mit einem Ausdruck an, der sie für einen Moment innehalten ließ. Was sollte das bedeuten - als ob er sie warnen wollte? Ach so, weil die kleine Ottilie gerade den Tee servierte. Ein junges Mädchen! Sie lächelte. "Keine Sorge, Herr Unterstaatssekretär. Wir sind hier frei von Prüderie und reden natürlich über natürliche Dinge."

Frentzius war heute in streithafter Laune. Es machte ihm sichtlich Vergnügen, den Unterstaatssekretär zu verblüffen.

Jutta verstummte immer mehr; nur manchmal warf sie ein Wort dazwischen, das gewöhnlich dem alten Freunde recht gab, während sie im stillen doch dem Widerspruch des neuen Freundes Zustimmte.

Da schlug die Uhr sieben und Herger erhob sich. "Schließlich, verehrter Herr Doktor, bleibt doch, solange überhaupt eine Kulturwelt besteht, der oberste Moralgrundsatz des alten Kant in Geltung."

Jutta und Frentzius sahen fragend auf.

Und Herger fuhr fort: "Handle so, daß die Maxime deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann. - Trocken, aber wahr. Und nun, meine gnädige Frau, auf Wiedersehen."

"Ein Reaktionär", sagte Frentzius, froh des endlichen Alleinseins mit der Freundin.

"Ich weiß nicht", erwiderte sie nachdenklich, "er sieht nur mit sehr klaren Augen in das Leben hinein und wägt ab mit fester, ruhiger Hand -"

"Übrigens ein recht wohlkonservierter alter Herr", sagte Frentzius.


102 Jutta sah ihn groß an. "Alter Herr?"

"Nun ja. Das schöne graue, fast weiße Haar."

Jutta lächelte. "Gut, daß Sie mich einmal daran erinnern, Frentzius, wie jung Sie selber eigentlich noch sind. Lange wird's nicht dauern, dann entdecken Sie auch weiße Fäden im Haar Ihrer mütterlichen Freundin. Und dann werden Sie gar nicht mehr begreifen, daß Sie diese Frau einmal - schön gefunden haben."

"O, Sie - Sie", er drückte ungestüm seine Lippen auf ihre Hand.

Sehr lange blieb er an diesem Abend.

Und als sie ihn endlich durch einen deutlichen Blick auf die Uhr zum Aufbruch mahnte, flehte er, entgegen seiner sonstigen Art, fast demütig drängend: "Schon? muß es schon sein? Ich habe mich so gesehnt nach dieser Stunde, so lange Zeit schon war es nicht mehr, wie es sonst zwischen uns gewesen ist. Oft hab' ich eine Angst, daß Sie mich nicht mehr lieb haben könnten. Das ist ein gräßlicher Gedanke. Denn für mich sind Sie ja doch das Herrlichste, Köstlichste auf der Welt. Ich spreche so viel von anderen Dingen und treibe so viele andere Dinge. Aber glauben Sie mir: alles ist doch nur Ausstrahlung, Oberfläche, Wellenbewegung - hier in der Tiefe aber glüht die große stille Flamme, die mein eigentliches Leben ist. Jutta, liebste Frau!"

Er zog sie an sich.

Sie aber mied seine Lippen.

Ihr war, als sei das jetzt eine Unmöglichkeit geworden.


103 Mit weitgeöffneten, erschrockenden Augen sah er sie an. "Weshalb, was hab' ich getan?"

"Nichts, lieber Freund." Sie streichelte dem vor ihr Sitzenden beschwichtigend über das Haar. "Ich habe Sie lieb. Das wissen Sie ja. Aber, gerade das ist es, was ich an Ihnen so liebe: Ihr Feingefühl und Ihre Selbstzügelung. Sie haben mich nie gedrängt zu etwas, das - das in dem Augenblick nicht eine Notwendigkeit für mein eigenes Empfinden war. Notwendigkeit muß es sein. Sonst - kommt ein schaler Nachgeschmack. Und nun, gute Nacht, lieber Freund. Ich bin sehr müde."

Als Jutta sich zur Ruhe legen wollte, fand sie die kleine Ottilie noch wach.

"Marie ist ins Schiller-Theater gegangen. Sie hatten es ihr erlaubt. Da wollte ich Ihnen beim Auskleiden helfen."

"Das war nicht nötig, Kind. Sie brauchen Ihren Schlaf", erwiderte Jutta freundlich.

Dann merkte sie aber, daß das Elfchen wohl nicht nur aufgeblieben war, um die Druckknöpfe der schwarzen Seidenbluse auseinanderzureißen, daß es sich irgendwie nach einer Aussprache sehnte, nach einem guten Wort.

"Ich darf Ihnen auch das Haar für die Nacht einflechten?" Und während Otti die starke, goldigbraune Mähne sehr langsam und gründlich bearbeitete, meinte sie stockend, in unsicherem Tone: "Ich weiß nicht - mir kommt es manchmal vor, als ob Sie anders geworden wären in letzter Zeit."


104 "Anders? Doch nicht gegen Sie, Otti?"

"O nein, gewiß nicht. Nur so im ganzen, in Ihrem Urteil über manche Dinge, heute, als Sie über die Bestrebungen der Levin sprachen und über das Heim, da klang manches so - streng, so, als ob ich es in meinem Elternhause aussprechen hörte. Früher sahen Sie alles, all das, was man Sünde nennt, so groß und frei und milde an. Und jetzt -"

Jutta dachte eine kurze Weile nach. Dann meinte sie zögernd: "Ganz unrecht mögen Sie nicht haben, Otti. Dinge, die ganz gut und natürlich im Einzelfalle erscheinen, wenn wir sie an starken, freien - seelenreinen Menschen erleben, können sehr fragwürdig werden, wenn man sie als Recht der großen Masse proklamiert. Ich denke jetzt oft: man erweist den Menschen durch Milde nicht immer eine Wohltat. Man löst sie vom Verantwortlichkeitsgefühl. Und darauf kommt alles an: auf das Verantwortlichkeitsgefühl. Man muß die Kraft seiner Handlungen haben, muß für sie einstehen können."

"Die Kraft seiner Handlungen?" wiederholte Otti leise und beugte sich tief über das schöngeglättete Haar, "und wer sie nicht hat, der verdient, daß die Welt ihn von sich stößt, nicht wahr? Das ist wohl auch ganz natürlich so. Eigentlich verdienen die armen Geschöpfe kein Mitleid, die Sie da draußen in Moabit -"

Jutta lachte. "Kind, so sentimental waren Sie doch sonst nicht. Wenn Sie einige von den Wesen da draußen gesehen hätten - wahrhaftig -" mit einem Blick in den Spiegel, der ihr Ottis Gesicht zeigte - "Sie haben Tränen in den Augen. Wie Sie jetzt


105 überreizt sind! Nein, Kind, mit den Mädchen da draußen in Nanny Levins Heim dürfen Sie nicht gemeinsame Sache machen." Sie lachte von neuem. Otti schoß das Blut ins Gesicht. "Als ob ich das täte. - Und nun gute Nacht, gnädige Frau."

In der nächsten Minute war sie zur Tür hinausgehuscht. Und Jutta sah ihr kopfschüttelnd nach. Wie nervös sie jetzt war, die Kleine.



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XXIV.

Ein Rout bei Frau von Kreider in der Bendlerstraße. Äußerst vornehme Aufmachung. Diener in lila Seidenstrümpfen. Sehr helle, sehr große Empfangsräume, nach den Entwürfen eines ganz modernen Künstlers dekoriert und möbliert. Daher, nach dem persönlichen Geschmack der Hausfrau, eigentlich etwas kahl. Sie besaß so schöne, schwere Prunktstücke aus der Zeit, da noch die Pseudorenaissance Trumpf war. Aber die standen jetzt demütig in Hinterräumen zusammengerückt, da der moderne Künstler sie als "Geschmacksünden" verurteilt hatte. Der große Empfangssalon war in ganz mattem Grün gehalten. "Sie brauchen einen mattgrünen Hintergrund", hatte der maßgebende Künstler zu Frau Anita gesagt. Und da stand sie nun, süß lächelnd, den schlank geschnürten, dünn massierten, kunstreich in jugendliche Form gebrachten Körper von einer wie Schlangenhaut schillernden Hülle umflossen, und versicherte jedem Neuankömmling, wie entzückt sie wäre, ihn, gerade ihn, heute bei sich zu haben. Unter den Gästen sah man viele Uniformen, auch ausländische, viel exotische Orden, Gesichter, die das Gepräge einer sehr fernen Heimat trugen, gewagte Toiletten - aber nicht allzu gewagte - denn Frau von Kreider hatte Grundsätze; so groß ihr Menschenverbrauch auch war:


107 Existenzen mit merklichem Knick blieben ausgeschlossen. Man konnte viel auf dem Gewissen haben, aber vor einem Skandal mußte man vom gütigen Schicksal bewahrt geblieben sein; sonst war man in diesen Räumen unmöglich, in dieser Atmosphäre, die von Jahr zu Jahr stärker durchsetzt wurde von dem süßen, teuer bezahlten Parfüm der Hofluft - wenigstens einem Parfüm, das an die Hofluft erinnerte. Drei Durchlauchten strahlten heute wieder einmal an Frau Anitas Himmel - und nur eine darunter mit den gewissen mysteriösen "Besitzungen in der Krim".

Nicht weit von der Hausfrau stand unter einem üppigen Palmendach Jutta Hadersloh mit ihrem Verehrer Düna vom Auswärtigen Amt. Der weltkundige Düna hatte recht behalten: sie war von Frau von Kreider eingefangen worden. Und bereute es nicht. Das buntscheckige Menschengewirr interessierte sie. Dieses krampfhafte, gesellschaftliche Strebertum war auch ein Stück Großstadtseele und einen besseren Führer wie Düna konnte man sich in dieser Typenausstellung nicht wünschen. Eben hatte er ihr die Biographie eines reckenhaft aussehenden Grafen erzählt, einer blonden Urgermanenerscheinung; der Mann war als Kavallerieleutnant um die Ecke gegangen und einige Jahre später, nach einer Bildungsreise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wieder in Berlin aufgetaucht als Teilhaber industrieller Unternehmungen, anfangs mit großen Erfolgen. "Bis jetzt ist er noch immer so sachte am Strafgesetzbuch vorbeigeglitscht", erzählte Düna, "übrigens eine ganz neue Akquisition der Frau von Kreider, aber ich fürchte, sie wird nicht viel


108 Freude an ihm erleben; er hat in letzter Zeit kolossal verloren und soll jetzt in gewissen Kreisen eine Rolle spielen, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt; wenn es mal wieder einen großen Spielerprozeß gibt, könnte man ihn wohl auf der Anklagebank der Strafkammer figurieren sehen; haben Sie schon mal was von Schleppern gehört, gnädige Frau? Nein? Sehen Sie, wie unschuldig Sie noch sind. Nun also - "

Sie folgte seinen Erläuterungen ein wenig zerstreut.

"Wie Sie meine Menschenkenntnis bereichern, ich kann Ihnen nicht dankbar genug sein", sagte sie - und ihr ironisches Lächeln ärgerte ihn.

"Allerdings, wenn Sie das nur immer einsehen wollten", erwiderte er und fuhr dann fort: "Übrigens wie dankbar Sie mir sein können, ahnen Sie ja noch gar nicht. Heute habe ich Ihnen extra einen Verehrer hergelockt, ganz gegen meinen Vorteil" - er zögerte ein wenig, um ihre Neugierde zu reizen - "gestern auf einem Diner beim Justizminister" - aha, wie ihre Augen aufleuchteten! - "habe ich dem Unterstaatssekretär Herger, der keine Lust hatte, den Rout hier zu besuchen, erzählt, daß er eine schöne hannoverische Landsmännin hier treffen würde - und, wie ich sehe, hat die vertrauliche Mitteilung gewirkt." Jutta folgte seinen Blicken und Düna las die Freude in ihrem aufglühenden Gesicht. "Ja, sehen Sie, das ist nun mal meine Schwäche. Ich bin zeitlebens so kolossal selbstlos gewesen. Aber jede edle Tat findet ihren Lohn, manchmal im Jenseits, manchmal auch schon eher, und ich glaube - pardon."

Er überließ sie einem andern Herrn und schlängelte


109 sich durch die Menschenmasse ins Nebenzimmer. Kurze Zeit darauf sah Jutta ihn neben einer gefeierten Schauspielerin vom Deutschen Theater in eifriger Unterhaltung. So, das war der "Lohn".

Jetzt hatte der Unterstaatssekretär den Magneten entdeckt, der ihn hierhergezogen hatte, das erstemal, daß sie sich wiedersahen nach seinem Besuch in der Meinekestraße. Als Jutta ihn neulich zu einem Diner geladen hatte, war er nicht mehr frei gewesen.

Mit frohem Lächeln reichten sie sich die Hand. "Hier in Berlin muß man es als ganz merkwürdigen Zufall ansehen, wenn man sich einmal irgendwo wiederbegegnet", sagte Jutta, "wie viel bin ich in diesen letzten Wochen unter Menschen gekommen - Menschen aus Ihren Kreisen, und nirgends waren Sie."

"Also haben Sie sich nach mir umgesehen?" meinte er warm. Bei einem andern hätte es geckenhaft klingen können, bei ihm hörte man nur den Ton inniger Freude heraus.

Wie auf Verabredung hatten sie den menschengefüllten Empfangsraum verlassen und waren in ein stilles Eckzimmerchen getreten, Frau Anitas Boudoir. Jutta ließ sich auf dem, überreich mit seidenen Daunenkissen versehenen, Ruhebett nieder, Herger blieb vor ihr stehen. Jutta hatte plötzlich jedes Interesse für die buntscheckige, künstlich zusammengetriebene Menschenherde verloren. Das Puppentheater ging sie nichts mehr an. Es wurde jetzt vom Leben verdrängt, vom echten, eigenen Leben.

"Auf den Zufall ist nicht zu bauen", fuhr Herger fort, "hier in den großen, weiten Verhältnissen. An


110 kleinen Orten ist das so hübsch; man weiß ganz sicher, wo man einem Menschen wiederbegegnen wird, hier darf man sich nicht auf solche selbstverständliche Wiederbegegnungen verlassen. Es können Monate, Jahre vergehen, bis man wieder zusammengeführt wird. Und für uns - - wäre das schade, meinen Sie nicht, gnädige Frau?"

Jutta nickte und und sagte dann nach kurzem Überlegen: "Ich weiß, daß Sie sehr in Anspruch genommen sind, deshalb mag ich Sie nicht so oft einladen. Aber wenn Sie einmal einen freien Abend haben, dann lassen Sie sich einfach ansagen, ja? á la Majestät. Wollen Sie?"

Sie reichte ihm die Hand hinauf, die er nicht küßte - als Hannoveraner war ihm das Händeküssen nicht geläufig - aber lange und fest umschlossen hielt.

"Gern will ich", sagte er.

Eine kurze Pause. Noch hatte er ihre Hand nicht wieder losgelassen.

"Weshalb lächeln Sie so sonderbar?" fragte sie, verlegen werdend.

Er zögerte. "Über die wunderliche Welt, in der alles so kompliziert eingerichtet ist, das doch so einfach sein könnte, und über uns zivilisierte Menschen, die wir verlernt haben, einfach und natürlich zu sein."

Nachdenklich sah sie zu ihm auf. Aber sie fragte nicht weiter. Sie mochte ihn wohl verstanden haben.

Das ist sie nun, dachte er, auf die ich im stillen gewartet habe, ohne daß es mir zum Bewußtsein gekommen ist, und doch gewartet - ein ganzes Leben lang! Franz Herger hatte nie nachhaltig unter weiblichem Einfluß gestanden. Er hatte geliebt, Liebe genossen,


111 wie es seiner Natur entsprach. Aber kein Weib hatte Ernstliches für seine innere Entwicklung bedeutet, weder die mancherlei Jugendlieben, noch die hübsche unbedeutende Frau, die zufällig seine Gattin geworden war. Während ihres langen Siechtums hatte er viel Güte und freundliche Rücksicht für sie gehabt und sehr viel Geduld bewiesen ihren reizbaren Stimmungen und ihrer grenzenlosen Eifersucht gegenüber. Sie war von dem Gedanken gepeinigt worden, daß er sich irgendwie entschädigen könnte für das häusliche Elend - und hatte ihn durch stetes Mißtrauen, durch stete - im Anfang ganz unverdiente Vorwürfe schließlich dahin gebracht, daß er sich wirklich entschädigte - das heißt, wenn man diese flüchtigen Abirrungen überhaupt so bezeichnen konnte. Seinen eigentlichen Ersatz für das fehlende Herzensglück hatte er in der Arbeit gefunden. Er liebte seinen Beruf und genoß die Freuden des befriedigten Ehrgeizes. Aber eine Vorstellung war doch mit ihm gegangen diese ganzen langen Jahre hindurch, diese Jahre voll starker geistiger Kraftanspannung und knapp zugemessener Freudealmosen, die Hoffnung, daß der Spätsommer seines Lebens ihm noch ein echtes, tiefes Glück bringen könnte.

Franz Herger erschien anderen als ausgereifte Persönlichkeit, fest, ruhig, selbstbeherrscht, und doch lebte in ihm noch eine Fülle von Jugend, von stiller, heißer Sehnsucht. Keinem hätte er das eingestanden, keinem diese Lächerlichkeit enthüllt: ein Mann, den Fünfzigern nahe, der noch das Beste vom Leben erwartet. Und dieses Beste sollte ihm von einer Frau kommen, von der Frau, die in sein Dasein alles hineinbringen würde,


112 was er so schmerzlich entbehrte: Schönheit, Wärme, innig Gemeinschaft, seelischen Heimatfrieden.

Niemand traute ihm solche Wünsche zu. Unter seinen Freunden und Freundinnen galt er bereits als ziemlich hoffnungsloser Fall, als ein Mann, der seinen Schwerpunkt an anderer Stelle gefunden hat, der nicht an eine zweite Ehe denkt, der das Weib überhaupt nicht ganz ernst nimmt.

Er wußte, daß man ihn so einschätzte, und ließ die Menschen dabei. Gut, daß die Versuche, ihn glücklich zu machen, allmählich aufhörten. Keine, aber auch keine der ehebereiten älteren und jungen Mädchen, auf die man ihn freundlich hinzulenken gesucht, hatte auch nur den leisesten Wunsch in ihm erweckt.

"Solche Kerle, wie wir, sind ja darüber längst hinausgewachsen, ihr Glück in einem Weibe zu suchen", hatte neulich ein Jugendfreund, ein trockener Hagestolz und weltberühmter Gelehrter, zu ihm gesagt, "dazu gehört jugendliche Verranntheit - oder vielleicht ein ganz spezielles Talent."

Franz Herger fühlte, daß er dieses Talent besaß, daß es für ihn noch unendlich reiche, zarte, neue Glücksmöglichkeiten gab, aber - oft hatte er schon daran gezweifelt, ob ihm das spröde Schicksal jemals die in den Weg führen würde, die seine dunklen Träume in lichtes, blühendes Leben verwandeln könnte.

Und nun sah er sie vor sich. Vom ersten Moment an, da er in dieses schöne Antlitz geblickt hatte, war das sichere, wunderbar beglückende Gefühl über ihn gekommen: sie ist es, die ich brauche, die süße Geliebte,


113 die kluge, reife, lebensfreudige Gefährtin, die Frau, meine Frau!

Seine Blicke liebkosten sie, wie sie da zwischen den seidenen Daunenkissen saß, den Arm auf das größte, ein Meisterwerk japanischer Nadelkunst, gestützt, bequem hingegossen und doch mit Haltung. Das gefiel ihm so gut an dieser Frauengestalt: diese Vereinigung von Stolz und Weichheit. Die Herrin des Hauses, wie ein ehrgeiziger Mann sie wünscht, und zugleich das beglückendste Weib, das Weib, in dessen Armen man die Welt und sich selber vergessen kann. Keine vollendete Schönheit. Die, heute von einem hellblauen silbergestickten Prachtstoff umschlossenen, Hüften hätten schmächtiger sein können, die kurze, gebogene Nase war nur im Profil schön, von vorn gesehen ein wenig zu breit, und doch: ein Weib zum Lieben, wie kein zweites auf der Welt.

Jetzt löste sie ihre Finger aus den seinen - nicht gerne, nur in einem Gefühl der Verlegenheit. Aber die strahlenden Augen konnte sie nicht von ihm abwenden.

Sein Blick war nicht frei von Sinnlichkeit, aber es war ein Begehren, das nicht verletzen konnte, ein von Ehrfurcht gezügeltes, und dann erschien es so natürlich, das gute Recht dieses kraftvollen Mannes. Jutta fand einen besonderen Reiz in seinem grauen Haar. Und wenn es auch etwas ganz Nebensächliches war und gar nicht recht zusammenstimmte mit seiner körperlichen und geistigen Frische, es löste doch in ihrem Empfinden eine wehmütige Mahnung aus, eine besonders warme Zärtlichkeit, Hingebungssehnsucht: noch ist es


114 Zeit, aber vielleicht nicht lange mehr. Er muß das Glück in vollen Zügen trinken. Sonne muß er haben, so viel, so viel nur irgendein Menschenherz dem anderen Sonne schenken kann, weil es schon später Nachmittag ist, weil er den schönen langen Lebenstag nicht mehr vor sich hat.

Der General hatte ihr damals erzählt, daß er trotz seiner strammen Gesundheit auf ein Greisenalter nicht rechnen dürfte; die Männer in seiner Familien stürben alle in den fünfziger Jahren, Schlagdisposition; er wunderte sich alle Tage, daß er noch immer am Leben wäre.

Sie hatte das damals nicht recht ernst genommen, der General sah so wenig besorgniseinflößend aus.

Jetzt fiel es ihr wieder ein. - - -

Zwei Menschen tauchten hinter den Falten des Türvorhanges auf, eine junge Frau und ein Herr mit olivenfarbenem Teint und schwarzen Glutaugen, einer von den exotischen Gesandtschaftsattachés; die beiden zogen sich jedoch gleich wieder zurück; sie hatten wohl auch das Bedürfnis stiller Zweiteinsamkeit; und für zwei vertraute Paare war Frau Anitas Boudoir zu klein.

Dieser kleine Zwischenfall erinnerte aber den Unterstaatssekretär daran, daß es doch ein etwas ungewöhnliches Verhalten war, so lange Zeit stumm am Kaminsims zu lehnen und auf eine schöne Frau niederzustarren, während man sich ausmalte, wie sie wohl sein würde, später, wenn alles so kam, wie es kommen sollte, kommen müßte.


115 "Sehnen Sie sich nicht manchmal nach Ihrem Gut?" fragte er. "Mein Bruder erzählte mir, daß Sie selber der Motor des ganzen großen Betriebes wären, absolute Monarchin in Ihrem Reich."

Jutta zuckte die Achseln. "Man kommt sich und anderen wohl manchmal unentbehrlicher vor, als man es wirklich ist. Ich sehe jetzt, daß es auch ganz gut ohne mich geht, für einige Zeit wenigstens. Das Haupttalent eines guten Monarchen soll ja die Fähigkeit sein, tüchtige Minister zu finden, vielleicht hab' ich etwas von dieser Gabe." Und sie erzählte von Eicken, von den wirtschaftlichen Plänen, die sie für den nächsten Sommer hatte, von den beiden Menschen, die jetzt an ihrer Stelle den Betrieb leiteten. Luise Schott zeigte immer mehr, daß ihre Fähigkeiten über die Gärtnerkunst hinausgingen, daß sie auch eine kluge, umsichtige Disponentin war. "Mein weiblicher Minister erstattet mir täglich Rapport; der männliche ist hervorragend tüchtig, aber die Tinte erscheint ihm als eine sehr umheimliche Flüssigkeit. Ich glaube, er gehört zu denen, die die Ärmel aufkrempeln, wenn sie sich zum Schreiben niedersetzen. Luise Schott dagegen hält mich über jeden Zentner Karpfen und jedes neugeborene Kalb auf dem laufenden."

Daß Luise Schott in ihren Briefen fast noch mehr von den Freuden und Leiden des Inspektorhauses und von der Vortrefflichkeit Hortmanns, als von jungen Kälbern, schrieb, verschwieg sie diskret. Und dann ließ Herger sich über die Tätigkeit einer Gutsherrin im Sommer belehren und fragte, ob es sich dann wohl auch einrichten ließe, daß sie für längere Zeit


116 abwesend wäre, es könnte doch sein, daß sie einmal eine größere Reise unternähme. "So lange ich Hortmann habe, geht alles", meinte Jutta, "das sehe ich jetzt erst so recht ein und habe im stillen schon kühne Reisepläne an diese beruhigende Erkenntnis geknüpft."

Und sie besprachen ausführlich, wie weit man wohl so eine große Wirtschaft aus der Ferne leiten könnte und zu welchen Jahreszeiten das Auge des Herrn wohl am nötigsten wäre.

Plötzlich aber stockte das Gespräch; sie wurden befangen, denn über beide kam dieselbe Empfindung, daß das jetzt eigentlich keine allgemeinen Erörterungen mehr waren, sondern daß sie über etwas ganz Bestimmtes sprachen, etwas, das ihnen sehr am Herzen lag, daß sie am Bilde einer gemeinsamen Zukunft malten. Und beide fühlten, daß dieses ernstgemeinte Spiel ein wenig verfrüht war. Jeder fühlte sich vor dem anderen geniert. Herger bekam plötzlich Interesse für eine Bronze, die auf dem Sims des kaminartig angebrachten Heizkörpers stand, eine märchenhaft dünne, verrenkte Bajadere von Pariser Herkunft. Und Jutta fand, daß es im Salon drin sehr lebhaft wurde. "Wahrscheinlich geht die Herde zur Krippe. Haben Sie nicht auch Lust, die Bekanntschaft des Büfetts zu machen?" Er führte sie in den Eßsaal und versorgte sie mit allerhand guten Dingen.

Es war ein Vergnügen, sie essen zu sehen. Was hatte sie für prachtvolle gelbweiße Zähne. Und man fühlte so eine fröhliche Genußfähigkeit bei ihr heraus, die einem selber Appetit machte. Sie aß nicht viel, aber mit Behagen und Phantasie. "Wer nicht begreift,


117 daß in einer Portion Kaviar auch Poesie liegt", sagte sie, "der futtert eben nur, aber er ißt nicht. Man genießt ja nicht nur den feinen, mildsalzigen Geschmack auf der Zunge, sondern alles mögliche andere dazu, die Frische des Meeres und den Reiz der raffinierten Kultur, die das Kostbarste aus allen Himmelsgegenden zusammenholt, um angenehme Sensationen zu erzeugen."

Er stimmte ihr lebhaft bei. Die Köstlichkeiten altholländischer Stillebenmaler stiegen vor seinem inneren Auge auf. Die Snyders, de Heem und van Aelst hatten bei ihren Zusammenstellungen leckerer Dinge sicher nicht nur interessante Farbenwirkungen im Auge gehabt, sie hatten auch Genußfreude wecken wollen, waren selber Leute von gesunden animalischen Instinkten gewesen. Er sprach diesen Gedanken aus und meinte scherzend: "Wenn Sie als altholländisches Malgenie zur Welt gekommen wären, Sie hätten vielleicht auch rote Hummern und saftige Pfirsiche gemalt, so schön, daß noch Jahrhunderte später dem Beschauer das Wasser zusammenläuft."

Sie stutzte. "Das klingt ja, als ob Sie mir auch gesunde animalische Instinkte zutrauten."

"Gewiß."

"O, wie unzart." Aber sie lachte.

Er hatte gehofft, sie nach Hause geleiten zu können. Aber da kam Erika Stahl und erinnerte daran, daß das Auto bald kommen würde. "Du weißt, wir fahren dich nach Hause."

Er fragte, ob er am nächsten Abend kommen dürfte. Aber sie hatte eine Verabredung mit einigen jungen


118 Leuten aus dem Kreise der Neu-Ethiker. Jemand wollte ein soziales Drama vorlesen, das als Titel die Bezeichnung eines vielangefochtenen Gesetzesparagraphen trug.

Herger schüttelte den Kopf, erstaunt, ein wenig spöttisch. Und Jutta sah ihn nachdenklich an. "Mir scheint, Sie finden, - schon neulich hatte ich das Gefühl, - Sie wundern sich, daß ich mich für die Bestrebungen dieser Leute interessiere?"

Er zuckte lächelnd die Achseln. "Schließlich, warum sollten Sie nicht? Eine begreifliche Neugierde, oder sagen wir, Wissensdurst. Abfärben werden Sie schon nicht an den Neu-Ethikern und ihren Schützlingen. Eine reine Frau hat das Geschick des Sauberkeitsinstinktes; sie kann auch durch schmutzige Gassen gehen, ohne sich den Kleidersaum zu beflecken." Die letzten Worte sprach er in ernstem Tone.

Und Jutta sah nachdenklich an ihm vorbei.

Auf der Heimfahrt fand Erika die Freundin seltsam still. "Hast du dich nicht amüsiert?"

"O, doch, sehr. Es war ein wunderschöner Abend."

Wenn er nur das eine nicht gesagt hätte - fremd und peinigend klang es in Jutta nach - "eine reine Frau -"



XXV

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XXV.

Ein wunderschöner Januarnachmittag. Früh hatte es stark geschneit. Jetzt spannte sich der Himmel hell, klarblau über der weißen Erde aus. Die Bäume im Tiergarten senkten ihre Zweige unter der kalten Last und die Wege wären ungangbar gewesen, wenn nicht Berlin, die Stadt der strammen Ordnung und holländerhaften Sauberkeit, allzeit ihre Pflicht täte. So boten diese breiten Pfade, schön gefegt, die lockendsten Spaziergänge. Der Moltke vor Kroll und der Bismarck vor dem Reichstagsgebäude trugen dicke, schneeweiße Pelzkragen, mit glitzernden Kristalledelsteinen übersät, so protzig, wie die großen Paladine sie sicher nie getragen haben, als sie noch in Fleisch und Blut auf der Erde wandelten. Und die vielgeschmähte Kuppel von Wallots Prachtbau wölbte sich königlich groß unter dem lichtblauen Himmel.

Kalte, blendende Winterherrlichkeit weit in der Runde. Im großen Reichstagssitzungssaal aber merkte man nichts von der leuchtenden Schneepracht. Da herrschte zu allen Zeiten dasselbe stille, gedämpfte Licht, ob draußen die Flocken wirbelten, ob die Herbststürme fauchten oder der Frühling seinen lichtgrünen Schleier über die Erde breitete.

In der vordersten Reihe auf der Abgeordnetentribüne


120 saß Frau von Hadersloh. Düna hatte ihr den guten Platz besorgt und sie auch, nachdem er bei ihr gefrühstückt, hierherbegleitet, um ihr alles zu zeigen, was Neulingen gezeigt werden muß: die großen Tiere am Bundesratstisch, den Präsidenten und Vizepräsidenten, die Journalistentribüne, die Sitze der verschiedenen Parteien und allerlei Charakterköpfe unter den Volksvertretern, die übrigens an Vollzähligkeit viel zu wünschen übrig ließen.

Nachdem er sie genügend unterrichtet hatte, empfahl er sich. Er mußte leider noch einmal aufs Amt. Oder vielmehr, die Sache hier wurde ihm langweilig. Überhaupt, die schöne Frau von Hadersloh, - eigentlich hatte er sich mehr von dieser Flirtation versprochen. Sie täuschte. Erst so was aufregend Lockendes. Und dann doch kühl wie eine Eidechse. Sie glitt einem aus der Hand. Bis hierher und nicht weiter. Daß sie ihm heute zum Frühstück auch noch den langweiligen Engländer aufgetischt hatte, war eigentlich eine Perfidie gewesen. Und hier, auf der Reichstagstribüne, war auch keine vergnügliche Stunde zu erwarten. Die Frau war imstande und hörte zu. Selbstverständlich. Die glaubte noch, daß in dieser heiligen Halle das Staatswohl gezimmert würde.

Sie war ein wenig betroffen, als er ging. Denn an das Amt glaubte sie nicht. Aber dann empfand sie es doch ganz angenehm, sich selber überlassen zu sein.

Ganz richtig hatte er sie diesmal nicht beurteilt. Weder im Punkte der gespannten Aufmerksamkeit,


121 noch was den Respekt vor der Allmacht und Allweisheit der Volksvertretung betraf. Volksvertretung? Schon dieser Begriff deckte sich ja nicht mit der Wirklichkeit. War das, was diese zum Teil sehr intelligenten, ehrgeizigen, sprachgewandten Männer da unten redeten, wirklich ein Ausdruck der Volksmeinung? Jutta hatte sich als Gutsherrin immer für die Wahlen interessiert; sie wußte, wie es da herging, und daß oft recht andere Motive als die politischen Ansichten mitsprechen. Die Herrin von Eicken war beim niederen Volk beliebt. Die Leute trauten ihrer Güte und Gerechtigkeit. Aber ihr Wohlwollen für den einzelnen hielt sie nicht ab, die Masse gering zu achten. Je mehr sie innerlich gereift war, je mehr sie nachgedacht, desto fester war ihr Glaube an die Macht der einzelnen starken Persönlichkeit geworden; die Weltgeschichte war die Geschichte der einzelnen großen Menschen, jener, die die Instinkte der Masse geleitet hatten.

Noch war die Stimmung im Hause sehr flau. Eine wirtschaftspolitische Frage wurde erörtert, über die sich nur ein kleiner Kreis von Interessenten aufregte. Die meisten Abgeordneten lasen oder schrieben auf ihrem Platz oder standen plaudernd umher. Man hatte den Eindruck, die Redner sprachen nur für die Stenographen.

"Nachher wird's interessanter", sagte ein sehr beweglicher Herr, der häufig ab und zu ging - er war wohl Abgeordneter - zu Juttas Nachbarin, einer fetten, blonden Dame, "da kommt die Novelle zur Strafprozeßordnung dran. Die muß dich doch als Juristenfrau interessieren, Lieschen."


122 Lieschen, die eben einen Schokoladebonbon in den Mund gestopft hatte, nickte gleichgültig.

"Vielleicht spricht auch unser Minister", fügte er hinzu.

"O -", das dicke Lieschen horchte auf, "den möcht' ich hören. Wo sitzt er denn?"

"Noch seh' ich ihn nicht." Und der Mann huschte wieder hinaus.

Zu Anfang war Jutta dem Gang der Verhandlungen gefolgt. Dann aber hatte sie es aufgegeben.

Sie sah sich auf der Tribüne um. Kein Gesicht, das zu längerer Betrachtung reizte.

"Weshalb läuft nur so viel Häßlichkeit und Banalität auf der Erde herum?" dachte Jutta; "wenn es einen lieben Gott gibt, der für alles Geschaffene verantwortlich ist, dann hat er entschieden zum Menschenbilden das geringste Talent. Unter Tieren und Pflanzen, wie viele Prachtexemplare! Aber unter den Menschen? Da sind's die seltenen Ausnahmen."

Ein junger Mensch in ihrer Nähe starrte sie unausgesetzt mit ganz hübschen, schwarzen Augen an. Sie wandte sich ab. Sonst hatte offensichtliche Bewunderung immer ein wenig auf sie gewirkt, jetzt nicht mehr; jetzt gingen alle solchen kleinen Erlebnisse spurlos an ihr vorüber - auch andere Dinge, die sie früher intensiv beschäftigt haben würden - alles war jetzt wunderlich ferngerückt, Nebensache geworden.

Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen und lebte in der Erinnerung die letzten Wochen noch einmal durch. Seltsam, wie sich das in ihrer Vorstellung trennte: die letzten Wochen auf der einen Seite -


123 und auf der andern das ganze lange frühere Leben. Dazwischen eine tiefe Kluft. Wann hatte es eigentlich begonnen, das Neue, Abtrennende, von allem andern Lösende? An jenem Abend in der Bendlerstraße? Ja, da war es über sie gekommen, mit einer Wucht, einem Ernst - nie vorher, selbst in der Zeit der schwersten Sorgen nicht, war das Leben der schönen Frau von Hadersloh so ernst erschienen, wie jetzt; nie hatte sie ihm so zagend gegenübergestanden. Als frohe, feine Genußkünstlerin hatte sie es gemeistert, ihm lächelnd seine süßen Gaben entwunden - jetzt stand es vor ihr, stolz und einschüchternd, ein Gewaltherrscher, der in seiner geschlossenen Hand unendliches Glück hält - und unendlichen Jammer. Die Liebe - war das die große Liebe? So oft hatte Jutta Hadersloh gespottet über die wuchtigen Worte, die pathethischen Gefühlsüberschraubungen, die Sucht, natürliche Vorgänge unwahr und künstlich zur Tragik hinaufzusteigern - und nun? Sie suchte auch jetzt noch eine andere Deutung, einen andern Ausdruck für ihr Erlebtes.

Schon das, was die erste Begegnung mit Herger in ihr geweckt, hatte sie als etwas Neues, Fremdartiges empfunden - diese unbegründete Scheu, Feierlichkeit, Demut, die dem Gefühl beigemischt war - aber es war doch noch etwas gewesen, über das sie Gewalt hatte, das sie von außen betrachten, zurückdrängen konnte. Sie hatte täglich, stündlich an ihn gedacht, ein Wiederbegegnen ersehnt - aber daneben hatte sie doch noch ein anderes, buntbewegtes, von ihm unabhängiges Leben geführt.

Jetzt war das vorbei. Jetzt war alles, was um


124 sie her vorging - nicht nur das Außenleben, nein, auch ihr eigenes Heim, der Verkehr mit ihren nächsten Freunden, der Verkehr mit ihren Kindern - in das Gebiet der Traumwelt entrückt. Nur er, den sie liebte, war Wirklichkeit. Nur er konnte die Traumwelt zum Leben erwecken. Durch seine Berührung gewannen die Schatten Blut. Nicht immer empfand sie diesen Zustand als ein Glück, oft bangte ihr vor der Gewalt, die er über sie gewonnen hatte - als ob das Ich ihr entschwände - sie dachte mit seinen Gedanken, sie sah mit seinen Augen - alles maß sie am Maßstabe seiner Persönlichkeit - Schmerz war in diesem Abhängigkeitsgefühl und doch eine tiefe Wonne, ein Untergehen in dunkle, geheimnisvoll lockende Fluten.

Seit sie übereingekommen waren, daß man nicht auf den Zufall rechnen dürfte, hatte sich ein reger Verkehr zwischen dem Unterstaatssekretär und Jutta Hadersloh entsponnen. Jutta richtete es jetzt immer so ein, daß sie gegen sechs Uhr abends von ihren Ausgängen wieder heimgekehrt war. Dann lauschte sie, in fiebernder Unruhe, peinvoll gespannt, ob nicht der schrille Laut des Telephons ertönte, dieser helle, zudringliche Bimmelton, der sie früher häufig geärgert hatte. Sechs Uhr war die Stunde, da Herger, nach erledigter Mittagmahlzeit, seine Disposition für den Abend traf. Und dann - wenn aus dem Schallrohr die heißersehnten Worte heraustönten: "Hier, Herger. Sind Sie heute Abend zu Hause? Darf ich gegen neun Uhr auf ein Stündchen kommen?" Dann brauste stürmischer Frühlingswind durch die junge, wunderlich junge Seele der schönen Frau von Hadersloh.


125 Aus dem Stündchen wurden meistens drei Stunden. Jutta saß in der Sofaecke mit einer Zigarette, Herger in dem tiefen Armstuhl dicht neben ihr mit einer Zigarre; sie hatte das eingeführt, weil sie merkte, daß er ein starker Raucher war - wenn auch Mrs. Farquharsons zartweibliche Salonatmosphäre etwas darunter litt - er sollte sich behaglich bei ihr fühlen. Und sie erzählte von den Menschen, die sie gesprochen, von den Kunstausstellungen, die sie besucht, von den Berichten, die sie aus Eicken bekommen hatte. Und er erzählte allerlei von seinem stark angespannten Tagewerk. In der ersten Zeit hatte er das selten getan, aber jetzt war ihm, als müßte es so sein. Sie verlangte es. Eine reife Frau, die mit hellen, klugen Augen ins Leben sah, war sie daran gewöhnt, teilzunehmen an den Berufsinteressen der Menschen, die ihr nahetraten. Und er fand einen besonderen Reiz darin, Fragen mit ihr zu besprechen, die ihrem Gedankenkreise sehr ferne liegen mußten, die sie aber stets mit verblüffender Schnelligkeit und Schärfe erfaßte. Auch über die Kinder tauschten sie ihre Sorgen und Hoffnungen aus. Seit kurzem hatten die Haderslohschen und Hergerschen Jungen Freundschaft geschlossen. Zu Anfang hatten Georg und Lippold sich dagegen gesträubt, denn die Hergers waren etwas jünger, besuchten ein anderes Gymnasium und wurden von den Eickener Freiherrlein für "Dösköppe" erklärt, weil sie den Unterschied zwischen einem Hammel und einem Schafbock nicht kannten und der Ansicht waren, daß man die Karpfen mit Ameiseneiern füttere. Bald aber hatten sie gemerkt, daß die kleinen Großstadtjungen


126 ihnen doch in manchen Dingen "über" waren, und seit Willy Herger neulich bei einem Besuch in Johannistal eine staunenswerte Kenntnis der Flugmaschinentechnik entfaltet und über Wright-Doppeldecker und Blériot-Eindecker wie ein erfahrener Aviatiker gesprochen hatte, war er gewaltig in der Achtung des Haderslohschen Nachwuchses gestiegen. Vor allem aber hatte sich zwischen Margaretchen und dem gleichaltrigen jüngsten Herger ein inniges Freundschaftsverhältnis entwickelt, genährt durch das gemeinsame Interesse an weißen Mäusen und Rollschuhlaufübungen. Jetzt waren die beiden mutterlosen Knaben fast tägliche Gäste im Hause Hadersloh, und ihr Vater fand, daß der Einfluß der klugen, feinen Frau auf die Kinder ein wunderbar wohltätiger war. Er nahm das Erziehungswerk ernst - wie sollte er aber die Zeit finden, seinen Söhnen ein Führer zu sein?

Auch über Bücher, Kunst, religiöse und soziale Fragen sprachen sie in den schönen Abendstunden; nur über eines sprachen sie nicht: über ihre Liebe.

Und doch fühlten sie sich seltsam sicher eins im andern, doch fühlten sie, wie ihre Seelen bei jeder Begegnung fester zusammenwuchsen, engere, innigere Berührung suchten und fanden. Aber noch scheuten sie das deutliche Wort. Wie eine köstliche Frucht war diese Liebe, die in der Stille langsam reifen muß, damit sie ihre höchste Vollendung erreicht - ungestört, unberührt.

Sie lebten beide nicht nur in der Gegenwart. Immer hatten sie heimlich die Zukunft vor Augen - die schöne, gemeinsame Zukunft. Aber wenn sie den


127 stillen Traum durch ein unbedachtes Wort verraten hatten, erschraken sie. Manchmal, in Augenblicken der Selbstprüfung, mußte Jutta über die Wandlung lächeln, die sich in ihrem inneren Augenmaß vollzogen hatte. Wie das alles jetzt so ganz anders aussah - wie alles möglich erschien, was früher undenkbar gewesen war. Sonst, wenn die Frage einer Wiederverheiratung an sie herangetreten war, hatte sie den Gedanken weit von sich gewiesen; sie mußte für Eicken und für die Kinder leben; zu große Verantwortung lag auf ihren Schultern; zu klar war ihr die vollgemessene Lebensaufgabe vorgezeichnet; alles andere durfte nur Episode bleiben - jetzt dehnte sich das Leben vor ihr in unbegrenzte Weiten; jetzt fühlte sie die Kraft, ihre alten Pflichten mit neuen zu vereinen; auch aus der Ferne konnte sie ihren Besitz beherrschen, sie hatte ja treue Menschen dort. In lockenden Farben malte sie sich ihre künftige Berliner Häuslichkeit aus. Ganz anders würde es werden, wie bei den meisten hohen Beamten der Großstadt; der Lebensstil größer, feiner, ein vielseitigerer Verkehr, so wie es auch seiner Neigung entsprach. O, sie wollte ihm ein Heim schaffen, nach dem er sich sehnen sollte den ganzen langen Tag, wenn er dort in der Wilhelmstraße an dem schweren Karren der preußischen Justizverwaltung zog. Manchmal freilich würden sie sich trennen müssen, auf Wochen, länger noch. Aber was schadete das? Wenn dann für ihn die Sommerurlaubszeit kam und sie konnte mit ihm zusammen die Luft des Landlebens in Eicken genießen - sie jauchzte innerlich, wenn sie sich das vorstellte. Ganz neue, ungeahnte Freudenquellen


128 würden da fließen, ganz neue, wertvolle Erkenntnisse würden ihr erwachsen im Verkehr mit diesem Manne, der von so hoher Warte auf Welt und Menschen herabsah. - Jetzt eben war ihre Phantasie wieder mit starkem, sehnsuchtgetriebenem Flügelschlag in das Zukunftland hinausgeeilt, in das sonnige Land der Verheißung. So innig durchlebte sie das kommende Glück, daß ihr die Tränen in die Augen traten, Danktränen für das gütige Schicksal - sie hatte ganz vergessen, daß sie auf der Tribüne saß und eine Reichstagsverhandlung anhören wollte. Da wurde sie durch ein halblautes Gespräch wieder in die Wirklichkeit zurückgerufen. "Nun kommt die Novelle zur Strafprozeßordnung, Lieschen", sagte der bewegliche Mann, der sich wieder einmal hinter seiner, unermüdlich Pralinés lutschenden Gattin eingefunden hatte; "aber den Minister wirst du leider nicht hören; er ist krank."

"Ach, nee, das ist aber ärgerlich", maulte Lieschen.

"Dafür wirst du aber wohl den Zukunftsminister hören", tröstete der Gatte, "dort hinten, siehst, du, da tritt eben der Unterstaatssekretär ein -"

Jutta Hadersloh fühlte, wie ihr das Blut zum Herzen schoß in freudigem Schrecken.

"Und der wird später mal Minister?" fragte die dicke Dame.

Ihr Mann zuckte die Achseln und machte ein geheimnisvoll wissendes Gesicht. "Sehr wahrscheinlich. Unter uns gilt er als der prädestinierte Nachfolger." Er sah dabei aus, als ob die Zukunftskonstellation nur von ihm abhinge. "Aber nun muß ich ins Haus hinunter, Lieschen." . . . Helle Freude kam über Jutta


129 Hadersloh. Das hatte sie nicht erwartet, ihn heute hier zu finden, ihn. Das war ein Extrageschenk des freundlichen Schicksals.

Weit bog sie sich vor über die Brüstung und haftete mit zärtlichem Blick an der hohen breitschulterigen Gestalt.

Er wechselte einige Worte mit dem Vizepräsidenten.

Dann nahm er einen Platz am Bundesratstische ein, zur Seite des Finanzministers. Die beiden schienen ein vergnügliches kleines Privatgespräch miteinander zu führen. Sie lachten. Wie Jutta dieses Lachen liebte, das so warm und lebendig, alle Strenge lösend, im Gesicht des geliebten Mannes aufleuchtete.

Die Verhandlung über die Novelle zur Strafprozeßordnung hatte bereits begonnen. Es handelte sich um eine Frage, die Jutta anfangs nur geringes Interesse einflößte: über eine erweiterte Zulassung des Laienelements zur Rechtsprechung. Die Regierungsvorlage trug der Strömung des Volksempfindens insoweit Rechnung, als sie die Mitwirkung der Schöffen, die sich bisher auf das Amtsgericht beschränkt hatte, auch für die erste Instanz im Strafkammerverfahren vor dem Landgerichte zulassen wollte. Der Linken aber genügte dieses Zugeständnis nicht. Sie verlangte auch für die Berufungsinstanz Schöffen und stieß damit auf hartnäckigen Widerstand.

Ein schön, aber etwas umständlich redender Freisinniger hatte ebensowenig fortzureißen vermocht, wie ein alter, würdiger Herr von der Rechten, der, mit müder Stimme, vom Platze aus sprechend, den Eindruck


130 machte, als ob er sich lediglich mit seinen Parteigenossen auseinandersetzen wollte.

Juttas Gedanken hatten sich schon längst wieder von der Sache ab, der Person zugewandt, der einen Person.

Ob er sie auf der Tribüne bemerkt hatte?

Es schien nicht so.

Da schlug eine bekannte Stimme an ihr Ohr. Sie kam aus dem, während der letzten halben Stunde sehr vollzählig gewordenen Lager der Sozialdemokraten.

Was war das doch für eine hohe Stimme, die so weiblich sanft klang? - Ah, der Genosse Kappe, Juttas Vereinsbruder vom Neu-Ethikerbund. Das war interessant. Ein Tag der Überraschungen.

Doktor Kappe brachte es fertig, sehr bald die Aufmerksamkeit des Hauses auf sich und seinen Gegenstand zu konzentrieren. Er verleugnete seine Art nicht. Genau so, wie in den Sitzungen der Neu-Ethiker, hatte man zuerst den Eindruck, sehr freundliche, angenehme Dinge zu hören, und kam erst allmählich dahinter, daß er äußerst radikale Ansichten in scharfer, oft gehässiger Form vorbrachte. Er gab ein Bild der deutschen - vor allem der preußischen - Justiz, das jeden unbefangenen Zuhörer mit Abscheu erfüllen mußte. Eine ganze Reihe von Prozessen - natürlich vorwiegend die Sensationsprozesse der letzten Jahre - rollte er in scharf umrissenen, sehr einseitig beleuchteten Bildern auf und suchte an jedem zu beweisen, daß die deutsche Rechtsprechung ihren Namen nicht mehr verdiente; nein, eine Unrechtbegründung müßte man sie nennen, eine systematische Verdrehung der Tatsachen zugunsten


131 des Junkers und Kapitalisten. Rechtlos stünde der gemeine Mann vor dem Forum dieser Klassenjustiz. Und nur eine Rettung gäbe es aus diesem Sumpf: daß in weitestem Umfange der unbeirrte Menschenverstand des Laien zum Ausdruck käme, des schlichten, ehrlichen Mannes, "der nicht das Gift der Rechtverschleierungskunst in sich gesogen hat, der nicht nach oben schielt und die Schuld mit zweierlei Maßen mißt"; dann würde vielleicht noch einmal der Tag kommen, wo die heutige Justiz, "diese feile Dirne", untergegangen und nach einem großen Läuterungsprozeß wieder auferstanden wäre in neuer Gestalt, in neuem Geiste, als Verkörperung der strengen, unbeugsamen, wahrhaftigen Rechtsprechung. Langanhaltender Applaus der Parteigenossen lohnte dem Redner.

Die Rechte hatte sich merkwürdig ruhig verhalten. Sie schien an diese Sprache gewöhnt zu sein. Nur, die "feile Dirne" rief einige Entrüstungsausbrüche hervor.

Wer weiß, ob der Genosse Kappe so ganz unrecht hat? dachte Jutta Hadersloh. Manches in seiner Rede hatte sehr überzeugend geklungen. Und die Tatsachen, die er anführte, diese Urteile und ihre Begründungen, die er zitierte? Da - die Klingel des Präsidenten - Jutta verstand nicht, was er sagte. - Wer hatte das Wort?

Aber jetzt zuckte sie zusammen.

Eine hohe Gestalt erhob sich am Bundesratstisch.

Der Unterstaatssekretär Herger sprach.

Laut und kräftig klang seine Stimme durch das Haus.


132 Kein Redner, der im ersten Ansturm fortreißt.

Er besaß nicht die rhetorische Begabung des Freisinnigen, der vorhin gesprochen hatte. Manchmal klang das, was er sagte, zu kurz abgehackt. Er gönnte sich nicht den Luxus schöner Steigerungen und verblüffender Effekte. Nur ein gesunder Humor diente als Würze. Aber er bedurfte auch der kleinen Künste nicht. Seine Ausführungen überzeugten durch ihre Klarheit und Bündigkeit.

Jutta hatte anfangs geglaubt, er würde die vom Vorredner angeführten Beispiele aus der Rechtsprechung vornehm ignorieren. Aber das tat er nicht. Jedes einzelne griff er auf, rückte ihm auf den Leib und bewies in kurzen, den Kern treffenden Worten, daß das Urteil so und nicht anders hätte ausfallen müssen. Ohne die Unsicherheit und Unvollkommenheit wegzuleugnen, die jedem prozessualen Verfahren, jeder Aufhellung eines verworrenen Tatsachenmaterials, jeder Abwägung von Schuld und Sühne anhaftet - anhaften muß, wies er den Vorwurf feiler Klassenjustiz für den preußischen Richter auf das kräftigste zurück und behauptete, daß die Gefahr der mangelnden Objektivität, der Beeinflussung und Voreingenommenheit beim Laienrichtertum sehr viel größer wäre, als bei einem Kollegium von Juristen. Ein Widersinn sei es, anzunehmen, daß der Handwerker oder Landwirt juristische Fälle vorurteilsfreier erfassen könne, als der erfahrene Berufsrichter.

Die Mitwirkung von Schöffen bei der erstinstanzlichen Verhandlungen der Strafkammer sei ein weitgehendes Zugeständnis. Doch selbst der wärmste Verteidiger


133 des Laienelements, wenn er ehrlich sei, könne nicht leugnen, daß dessen Zuziehung zur Rechtsprechung einen Sprung ins Dunkle bedeute. Dem Laien das letzte entscheidende Wort zu geben, sei eine Gefährdung schlimmster Art der Strafrechtspflege. Schöffe? ja; aber kein Oberschöffe. An der Einführung dieses in die Berufungsinstanz - das könne er (der Redner) im Namen der verbündeten Regierungen aufs bestimmteste erklären - würde das ganze Gesetz scheitern.

Stille und Sammlung herrschte im Hause, während der Unterstaatssekretär sprach. Einer, dem man zuhörte. Oft wurde er durch kurze Zwischenrufe unterbrochen, die nicht immer nur von der linken Seite kamen. Seine Ausführungen über die Würde und Verantwortung der Justiz aber wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Die Bravorufe schienen jedoch auf den stattlichen Mann mit dem grauen Haar und jugendlich flammenden Augen ebensowenig Eindruck zu machen, wie die Äußerungen des Zweifels und Widerspruches. Fest schaute er geradeaus und ahnte nicht, daß er in diesem Augenblick der Gegenstand glühender Bewunderung war.

Strahlend sah Jutta auf den Freund herab. Stolz schwellte ihre Brust.

Die Menschen in ihrer Umgebung hätten wohl kaum verstanden, wie diese des oratorischen Schwunges entbehrende Rede eine junge Frau derartig begeistern konnte. Ein Stoff, der so gar nicht auf die Einbildungskraft wirkte.

Der Unterstaatssekretär hatte in guten, treffenden Worten seinen Standpunkt, den Standpunkt des Justizministeriums,


134 verteidigt. Da war nichts Außergewöhnliches. Für Jutta aber bedeutete diese Stunde ein Erlebnis. Ihr war, als ob sie den geliebten Mann bis jetzt nur im Dämmerlicht, in schwankenden Umrissen, gesehen hätte. Erst heute stand er vor ihr in heller Tagesbeleuchtung. Die achtungsgebietende Art seines Auftretens, die Klarheit und Festigkeit, die in jedem seiner Worte sich aussprach, die kraftsichere Würde seiner Persönlichkeit - da war nichts Halbes, Kleines, Schwankendes. Ein Mensch, der auf festem Boden steht, stolz aufgerichtet, ungebrochen an Leib und Seele.

Andere Redner meldeten sich zum Wort. Die Verhandlung zog sich in die Länge. Jutta hatte eine Zeitlang ihren Träumen nachgehangen, mit geschlossenen Augen. Als sie sie wieder aufschlug, fand sie den Platz am Bundesratstisch neben dem Finanzminister leer.

Da fühlte sie plötzlich Abspannung. Es war nun genug. Sie wollte gehen.

Als sie aus dem mächtigen Portal hinaustrat, strahlten schon rötliche Lichter durch die Schneewelt.

Jutta überlegte, ob sie nicht eine Strecke zu Fuß zurücklegen sollte. Da fühlte sie, daß jemand sich ihr näherte. Sie schaute auf. Herger!

"Ja, haben Sie mich also doch auf der Tribüne gesehen?" fragte sie, ihm froh die Hand entgegenstreckend.

"Erst im allerletzten Moment, als Sie sich erhoben. Ich hatte eigentlich noch eine Rede von Erzberger mit anhören wollen. Aber da fiel mir ein, daß ich die Rede ebensogut morgen in der Zeitung lesen könnte. Und


135 nun machen wir doch einen Spaziergang durch den Tiergarten?"

Sie wandten sich der Charlottenburger Chaussee zu. Bald aber bogen sie in stillere Seitenwege ab. Manchmal gerieten sie in tiefen Schnee. Aber das scheuten sie nicht.

Jutta erzählte dem Freunde von den Eindrücken, die sie in der Reichstagsverhandlung gewonnen, wie seine Rede sie vollkommen überzeugt hätte, nachdem sie schon geneigt gewesen, "ihrem lieben Vereinsbruder, dem Genossen Kappe", recht zu geben, und wie interessant es für sie gewesen wäre, Herger heute einmal in der Öffentlichkeit zu sehen, nachdem sie ihn bisher nur als Gesellschaftsmenschen und guten Freund kennen gelernt. "Und wie ein Mensch in seinem Beruf ist, das möchte man doch so gerne wissen, wenn man ihm nähertritt."

Er lächelte. "Mein Beruf ist einer, der sich fern von der großen Öffentlichkeit abspielt, gnädige Frau, fern von der Politik. Es ist heute das erstemal, daß ich im Reichstag gesprochen habe."

"O - und so gesprochen!" Sie sah ihn bewundernd von der Seite an; das machte ihn verlegen. "Ach, gnädige Frau", entgegnete er abwehrend, "und wenn es auch in Zukunft häufiger vorkommen sollte, daß ich meine Ansichten vor dem Parlament zu vertreten hätte - meinen Sie wirklich, daß auf dieser Stelle der Wert eines Mannes ans Tageslicht tritt? Der zeigt sich doch nur in der täglichen Pflichterfüllung oder -"

Er zögerte. "Oder?" - fragte sie gespannt.


136 "Oder in Verhältnissen, die ich leider nie erleben werde: auf dem Schlachtfelde."

Sie blieb einen Augenblick stehen und sah ihm überrascht ins Gesicht. "Das sagen Sie, Sie, Herr Unterstaatssekretär Herger? Mir ist, als ob ich einen jungen Leutnant hörte, der nach dem frischen, fröhlichen Kriege lechzt!"

Jutta hatte in letzter Zeit im Verkehr mit Frentzius und den Neu-Ethikern so viele leidenschaftliche Erörterungen über die Ruchlosigkeit der Menschenschlächtereien, über den Unwert des Militarismus und die Notwendigkeit der Abrüstung gehört und selbst bei Menschen, die sich nicht öffentlich zur Weltfriedenstheorie bekannten, hatte sie ein solches Liebäugeln mit diesen Ideen, eine solche Abneigung gegen kriegerisches Wesen gefunden - vielleicht, weil es als moderner galt, sich nur für soziale ästhetische Fragen zu begeistern - daß Hergers Äußerung fast wie etwas Unwirkliches an ihr Ohr klang, wie ein Ton aus vergangenen Zeiten.

"Gott bewahre mich davor, daß ich einen Krieg herbeiwünschen sollte", widersprach er lebhaft; "aber damals, als es sein mußte, damals, als es einen Kampf auf Leben und Tod für die Ehre des Vaterlandes galt - ja" - er reckte sich hoch auf und seine Augen blitzten - "die Siege von Wörth und Sedan, die hätt' ich wohl mit erringen mögen! Daß ich 1870 noch ein kleiner Vorschüler war, verzeih' ich dem Schicksal nie."

Jutta lächelte. "Ja, schade. Nur ein Dutzend Jahre früher geboren sein - wer weiß, was Sie dann für Heldentaten verrichtet hätten."


137 "Meine Pflicht hätte ich getan", entgegnete er einfach.

Sie dachte an die Duellgeschichte, die Düna ihr erzählt hatte. Bisher war die Sache nie zwischen ihnen erwähnt worden. Heute fragte sie den Freund nach den Einzelheiten.

Er erzählte den Hergang mit wenigen Worten, ungern, wie es schien. "Das war eine sehr traurige Geschichte. Einem einzelnen Menschen mit der Pistole gegenübertreten, das hat immer was Häßliches, Rohes. Aber es gibt eben Fälle, die diese brutale Lösung verlangen. Besser, wenn man so was nie erlebt. - Im Felde dagegen, im Kampfe für eine große Sache - ja, das ist etwas anderes. Da fühlt sich der einzelne nicht als legitimer Mörder. Da weiß er nur: jetzt gilt es, alles einzusetzen, sich selber zu vergessen und sein kleines Eigenschicksal - Kräfte erwachen da in der Seele, die sonst ewig brach gelegen hätten. Alles mögliche dringt hervor, was keiner in dem Manne geahnt hat, Gutes und Schlimmes. Der schlichte Alltagsmensch erhebt sich zur Größe. Mancher freilich sinkt auch zur Bestie herab."

"Und manches wird zertreten, um das es schade war", fügte Jutta ein; "unendliches Menschenglück wird vernichtet, unendliche Kulturwerte zerstört."

Er nickte. "Deshalb sollen auch die, die für das Schicksal der Völker verantwortlich sind, alles tun, den Frieden zu erhalten. Denken Sie ja nicht, daß ich einer frivolen Raufboldpolitik das Wort rede, ich alter Knabe und sorgengebückter Familienvater. Nein. Schlichten, so lange sich mit Ehren schlichten läßt. Aber


138 nur nicht diese schlabbrigen Abrüstungsträume. Die dunkle Wolke muß immer im Hintergrund stehen, der Wille: wenn's not tut, bleibt uns das Schwert. Eine Welt, in der von keinem Manne mehr verlangt wird, daß er bereit sein muß, im Ernstfalle sein Leben fürs Vaterland einzusetzen . . . mag ja sehr schön und friedsam sein, sehr fortgeschrittene Kultur. Aber ich möchte in einer solchen Welt nicht leben."

Sie lächelte sinnend.

Übrigens haben Sie recht", fuhr er fort, "es ist billig und geschmacklos, von seiner Bereitschaft zu kriegerischen Taten zu reden, wenn man friedlich neben einer schönen, verehrten Frau durch den Tiergarten spazieren geht."

Jetzt lachte sie. "Das hätte ich gemeint? Lieber Freund, wenn Sie sich die Freiheit nehmen, den Leuten ihre Gedanken von der Stirne lesen zu wollen, dann setzen Sie, bitte, ein schärferes Augenglas auf, damit Sie keine ganz verkehrten lesen."

Aber die wahren verriet sie ihm nicht.

Schweigend gingen sie lange Zeit nebeneinander her.

Es war jetzt schon beinahe dunkel geworden, still lagen die verschneiten Tiergartenwege, fast leer von Menschen. Nur ganz aus der Ferne scholl der Lärm des Weltstadttreibens herüber, die Huplaute des Autos, das Getöse der Straßenbahnen auf der Charlottenburger Chaussee. Die Schneemassen dämpften jeden Ton. Schwer lasteten sie auf den Zweigen. Manchmal konnte einer seine Bürde nicht mehr tragen und schüttelte sie den vorüberstreifenden Wanderern auf die


139 Schultern. Dann jauchzte Jutta vor Lust. "So ist es heimisch. Als ob ich mit Ihnen durch den Park von Eicken ginge. Ach, müßte das schön sein."

"Wunderschön", stimmte er bei; "dort, auf dem Lande, ist ja der Winter viel mehr Winter. Die Häusermassen und Menschenmassen hier brechen seine Kraft. Das strahlt alles Wärme aus und schützt und verweichlicht. Bei Ihnen muß es jetzt herrlich sein."

"Dann würde ich Sie Schlitten fahren, weit über die Heide hin", spann Jutta den Traum weiter, "da sollten Sie die Winterkälte schon spüren - manchmal würd' ich Sie vielleicht auch umwerfen, in einen Graben. Denn dort darf ich alles. Dort bin ich der Herr!" Sie lachte übermütig. Doch plötzlich verstummte sie und griff erschrocken nach dem Arme ihres Begleiters.

Ein Kerl von wenig vertrauenerweckendem Äußern war aus dem Gebüsch hervorgekommen, vertrat den beiden Spaziergängern bettelnd den Weg, und als sie weitergingen, schimpfte er roh hinter ihnen her.

"Dem hätt' ich nicht allein begegnen mögen", sagte Jutta.

Dann merkte sie plötzlich, daß sie Hergers Arm genommen hatte. Sie wollte ihre Hand wieder zurückziehen. Er aber hielt sie fest.

"Lassen Sie doch - es geht sich besser so, hier auf den einsamen Wegen. Und wenn Sie auch die Selbstherrscherin von Eicken sind, einen Berliner Strolch kümmert das wenig. Hier brauchen Sie meinen Schutz." Er zog den weichen Frauenarm leise an sich, fester, immer fester.


140 Und Jutta empfand es als ein wunderbares, ganz einziges, tiefes Glück, so neben ihm gehen zu dürfen, dicht an ihn geschmiegt.

Kein Wort der Leidenschaft wurde laut. Nichts geschah, was am hellen Tage, vor fremden Augen nicht auch hätte geschehen können. Nur dieses stumme Dichtnebeneinandergehen.

Aber die beiden Menschen fühlten, daß nichts, was das Leben noch bringen mochte, das stille Glück dieser Stunde übertreffen konnte.



XXVI

[141]

XXVI.

Wochen waren vergangen, glückselige Wochen. Sie schritt dahin, gehüllt in einen Lichtmantel, die schöne, die glückliche Frau von Hadersloh.

Froh schritt sie durch blühendes Sommerland, durch die Mittagwelt ihrer warmen, stillen Herzensseligkeit.

Und alles, was ihr Auge wahrnahm, drang nur durch die Strahlen des goldenen Lichtmantels zu ihr: Aus Güte und Wohlwollen schien er gewebt und doch hielt er ihr Menschen und Dinge fern, doch blendete er sie mit selbstischem Freudeglanz, daß sie nicht wahrnahm, was sie wahrnehmen mußte.

Sie ahnte es nicht, die Glückliche, daß neben ihr ein schweres Leid daherschritt, daß dicht an ihrer Seite, in vertrauter Nähe, eine junge Menschenseele in hilfloser Qual sich wand.

Wohl wunderte sie sich ein wenig, daß die kleine Ottilie nach ihrer Rückkehr aus dem Vaterhause noch elender aussah, als vorher; gütig sprach sie von einer Eisenbadekur im Sommer - und ließ dann ihre flüchtige Sorge schnell beschwichtigen.

Der kleinen Ottilie aber war nach ihrer Rückkehr aus dem Elternheim zumute, wie dem Verurteilten, der seine ganze Hoffnung auf ein Gnadengesuch gesetzt


142 hatte. Es ist abschlägig beschieden worden. Und nun weiß er: die dunkle Stunde naht.

Als ob eine schwarzgraue Wolkenschicht den Himmel über ihr verhüllte, eine Nebelmasse, die nie, nie wieder den kleinsten Sonnenstrahl durchlassen könnte. Fast körperlich war diese Vorstellung für sie geworden. Manchmal, wenn sie nachts aus unruhigen Träumen erwachte, war es, als ob die Nebelmasse auf ihre Brust niedersänke - als etwas Greifbares empfand sie die schwere, feuchte Last, die ihr Luft und Leben nehmen wollte.

Vorher hatte sie sich elend gefühlt, aber es war noch ein lebendiges Leid gewesen, etwas, das zunahm und abnahm, ein Dunkel, das manchmal noch durch einen schwachen Hoffnungsschimmer zerteilt wurde - jetzt war alles tot und düster. Tot? - Ach nein. Das war ja das Furchtbare: dieses Leben, dieses schreckliche, heimlich drohende Leben . . .

Damals, zur Zeit der Übersiedlung nach Berlin, war sie mit ihrer Angst zu dem geflüchtet, der die Pflicht gehabt hätte, sie von ihr zu nehmen. Lange, lange hatte sie gewartet, bis die Antwort auf ihren - von Scham und Schmerz und tiefem Vertrauen erfüllten - Brief gekommen war. Und dann hatte sie einen Wisch in Händen gehalten, wie er wohl tausendmal in ähnlichen Fällen geschrieben wird. Scheußlich unangenehm. Armes kleines Ding. Nur nicht den Kopf verlieren. So etwas passiert alle Tage. Ob sie schon Pläne für die nächste Zukunft gefaßt hätte. Sobald er dazu imstande wäre, würde er ihr etwas schicken, damit sie Vorkehrungen treffen könnte. Sie


143 müßte es nur klug anfangen. Für ein paar Monate auf Reisen gehen. Freilich die Kosten? Für den Moment war er selber in greulicher Klemme. Aber er würde sie nicht im Stich lassen. Sie sollte nur die Sache nicht gar zu tragisch nehmen.

Als sie den Brief gelesen hatte, fühlte sie, wie es kalt in ihr wurde, ein langsames Sterben, das heraufkroch und die Glieder lähmte und immer näher dem Herzen kam.

Kein Wort von einer gemeinsamen Zukunft, von einem gemeinsamen Tragen des Schicksals. Ein paar flaue Trostworte. "Nicht so tragisch nehmen."

Noch einmal, später, in einem Moment der Verzweiflung, hatte sie an ihn geschrieben; - da war überhaupt keine Antwort mehr gekommen. Sie mußte es allein tragen - allein.

Wenn Ottilie jetzt an die Zeit dachte, die hinter den verhängnisvollen Herbsttagen zurücklag, dann war es, als ob sie in eine ferne, weit, weit abliegende Vergangenheit blickte.

Eine andere Welt - eine, an der sie keinen Teil mehr hatte, eine Welt der süßen Träume, durch einen Abgrund getrennt von der harten, furchtbaren Wirklichkeit.

Wie hatte das damals so hell und befreiend in ihre Seele hineingeklungen, die guten, schönen, noch nie gehörten Worte, die sie im Gespräch mit der angebetenen Herrin in sich aufgenommen, das ganze Sein und Wesen der lieben Frau, das nach der prüden Enge ihres Vaterhauses auf sie gewirkt hatte wie sonnendurchwärmte, leichte, frische Höhenluft.


144 Das Leben hatte seine Pforten aufgetan, so weit, so weit und hatte gelockt mit süßer Überredungskraft. Das Recht jedes Menschen auf volle Entwicklung der Persönlichkeit. Volles Liebesglück die Vollendung des Weiblebens. Die Liebe, die persönlichste Angelegenheit, in der jeder sein eigener Richter ist - eine starke, echte Leidenschaft hat immer recht - je stärker ein Mensch empfinden kann, desto größere Anwartschaft hat er auf Lebensfülle, Lebensreichtum - nur mit sich selber im reinen sein, darauf kommt alles an. Selber fühlst du am besten, was schön ist, was häßlich und gemein; wer immer auf andere schielt, macht sich zum Sklaven. In Schönheit und Güte wandeln - mit lebendigem Herzen!

Ach, Lügen, alles Lügen, Phrasen, Worte - gefährliche, trügerische - verderbliche Worte! so schrie es jetzt auf in der Seele des armen Geschöpfes. So ist das Leben nicht. So selbstherrlich darf keiner sich hinwegsetzen über die von Menschen gezogenen, von Zeit und Gewohnheit gefestigten Schranken. Die ganz Starken vielleicht - oder die ganz aus den Banden des Ehrbegriffes Losgelösten. Die andern aber, die Schwachen, Furchtsamen, die mit den zarten, empfindlichen Fühlfäden? Sie sollen nicht abweichen vom ebenen Wege. Die Seitenpfade führen sie in den Abgrund.

Von fern gesehen, durch die Brille freiheitsdurstiger Schwarmgeister, von ferne vernommen, im Liede kühner, heißblütiger Dichter - da hatte das Schicksal, das dem armen, törichten Kinde auferlegt war, so gar nichts Abschreckendes gehabt - nein, schön und rührend,


145 heroisch fast war es erschienen - aber nun, da es Wirklichkeit wurde, da es erlebt werden mußte? ach, da fiel aller poetische Schimmer ab. Da blieb nur die Angst und die Schande.

Wohin, wohin sich wenden? Wie der Schmach entfliehen und der bitteren Not?

Im Anfang hatte sie oft daran gedacht, sich Frau von Hadersloh zu offenbaren, aber im Laufe der Zeit war dieser Gedanke ihr immer seltener gekommen. Ob Jutta anders geworden war? Ob sie dem armen Geschöpf in seinem gedrückten Seelenzustand nur anders erschien? Ottilie konnte sich selber darüber nicht Rechenschaft geben. Aber sie hatte jetzt immer die Empfindung, als ob eine unüberbrückbare Kluft sich aufgetan hätte zwischen ihr und der starken, glückverwöhnten Frau - als ob die Güte dieser Frau vereisen, in staunende Verachtung sich wandeln müßte, wenn sie erführe - - nein, nein, nur das nicht, Otti konnte es nicht. Es war eine Unmöglichkeit.

Die Eltern? - Wer noch ein Vaterhaus hat, ist nicht ganz verlassen - Elternherzen!

Aber jeder Tag, den Ottilie daheim zubrachte, in der schlichten Häuslichkeit, wo alles so sauber und ordentlich zuging, so unanfechtbar korrekt - jeder Tag ließ ihr den Plan, mit dem sie gekommen war, unausführbarer erscheinen. Ein offenes Geständnis? Es mußte ja sein, mußte! - - Manchmal war sie schon ganz nahe daran gewesen, aber der Mut hatte ihr immer wieder versagt.

Und dann war das Gespräch am Heiligabend gekommen, das entsetzliche Gespräch. -


146 Otti hatte nach dem Oberstleutnant gefragt, der gegenüber wohnte; man stand mit der Familie auf Grüßfuß; wie traurig, daß der Mann jetzt im Rollstuhl gefahren wurde; vor einem Jahre war er doch noch im Dienst gewesen, ein rüstiger, strammer Offizier? "Den hat seine Tochter auf dem Gewissen", hatte die Mutter geantwortet. "Die Gabriele? ja, wo ist sie eigentlich? Ich habe sie noch gar nicht gesehen." "Fort", war die Antwort gewesen, "und darf das Elternhaus nie wieder betreten. Für ihre Familie ist sie tot." "Ja, aber -" "Als sie dem Vater das Geständnis ihrer Schande gemacht, ist er vom Schlage getroffen worden", erzählte die Mutter. Und der Vater fügte hinzu: "Vielleicht war das noch die beste Lösung für den Unglücklichen. Im Dienst hätte er ja doch nicht bleiben können." "Nicht im Dienst, weil die Tochter - -" Otti hatte gefühlt, wie sie erbleichte.

"Still, sprechen wir nicht mehr von dieser häßlichen Sache", hatte die Mutter gesagt; und der Vater hatte finster mit dem Kopfe genickt. "Ja, ein Kind durch den Tod verlieren, ist hart. Aber es auf solche Weise verlieren, ist noch viel, viel schrecklicher."

Von diesem Augenblicke an wußte Ottilie, daß sie nie den Mut zu einem Geständnis finden würde.

Gleich nach der Rückkehr war sie zu einer Frau gegangen, zu so einer, die sich in der Zeitung anzeigt. Sie wollte wissen, ob es nicht doch vielleicht ein Irrtum war. Aber die Frau hatte das Urteil gesprochen, mit lächelndem Munde. Nein, es war schon alles in Richtigkeit - aber das Fräulein sollte sich nur nicht sorgen. Das machten ja so viele durch. Das Fräulein sollte


147 nur getrost zu ihr kommen. "Keine Menschenseele erfährt was." O, sie hatte schon feine Damen bei sich gehabt, die diskrete Frau. Erst letzten Sommer eine Komtesse aus Wien. "Jetzt tanzt sie wieder auf den Hofbällen." - - Das hatte die kleine Ottilie am allerwiderwärtigsten berührt, dieses letzte Wort. O, wie gemein das alles war, wie schmutzig.

Ottilie hatte sich verabschiedet mit unbestimmten Versprechungen. Aber sie wußte, daß sie nie, nie ein solches Asyl aufsuchen würde. Unmöglich.

Noch ein letzter verzweifelter Rettunsgedanke stieg in ihr auf: seine Mutter! wenn sie sich seiner Mutter anvertraute? Kurt Schöningen vergötterte die alte Dame. Das Ideal einer Edelfrau hatte er sie genannt, ernst, gütig, vornehm! Die Mutter mußte den Sohn zur Pflicht rufen. So, wie er sie geschildert hatte, nahm sie das Leben und die Pflichten ernst.

Ottilie suchte den Namen im Adreßbuch auf; sie entsann sich, daß Schöningens in einem Vorort von Berlin wohnen sollten.

Friedenau! - An einem Vormittag Ende Januar raffte sie all ihre letzte verzweifelte Kraft zusammen und rüstete sich zu dem schweren Gange.

Die Aufregung hatte sie in einen fieberhaften Zustand versetzt. Sie dachte nicht mehr nach, sie handelte nur noch, wie mit geschlossenen Augen. Im Taumel schritt sie durch die Straßen. Wie eine Vision sah sie nur immer das eine Bild vor sich: die edle alte Dame, mit mütterlichem Kummer ihr Geständnis entgegennehmend - und sich selber, wie sie weinend neben der


148 ehrwürdigen Frau saß und die Worte fand, die das Herz der Milden, Verstehenden rührten. -

Da fühlte sie plötzlich eine bleischwere Müdigkeit. Dort kam die Straßenbahn - - einen Moment erschrak sie bei dem Gedanken, daß sie nun das Ziel in so viel kürzerer Zeit erreichen würde - ach Gott, sie war so feige - feige! aber dann stieg sie ein.

Es war gerade noch ein Platz frei.

Kaum hatte sie ihn eingenommen, da hörte sie neben sich eine harte Stimme: "Sie sitzen ja auf meiner Boa."

"Pardon." Ottilie sprang auf. Und die alte Dame an ihrer Seite zog den Schwanz ihrer langen, schon etwas dünn und fuchsig gewordenen Skunksboa mit einer Bewegung beiseite, als ob sie sich vor der Berührung Pestkranker schützen müßte. Ein hochmütig tadelnder Blick fiel auf die kleine Ottilie.

Otti war jetzt krankhaft empfindlich. Es dauerte eine Zeitlang, bis sie den unangenehmen Eindruck verwunden hatte. Dann sah sie zum Fenster hinaus. Sie suchte etwas, das sie ablenken, beruhigen konnte. Aber alles sah so tot und gleichgültig aus. Ein Wintertag ohne Charakter. Der Himmel schmutziggrau. Hilflos streckten die Bäume in der Kaiserallee ihre kahlen Zweige in die frostige, feuchtkalte Luft hinaus. Und alles, Häuser und Menschen, erschienen seltsam farblos, schattenhaft. Ein leises Gefühl von Übelkeit kam über Otti. Ach so, sie fuhr rückwärts. Das konnte sie nicht vertragen. Der Platz gegenüber war frei geworden. Sie wechselte. Und nun saß sie der alten Dame mit der Boa gegenüber und schaute geradeaus in das


149 strenge Gesicht. Eigentlich ein schönes altes Gesicht, aber so kalt - unangenehm kalt. Wie konnten schwarze Augen nur so eisig blicken! Otti fühlte sich peinlich berührt durch den unsympathischen Ausdruck - und doch mußte sie die Alte immer wieder ansehen. Sie war einfach, etwas altmodisch gekleidet und doch sah sie aus wie eine Dame der guten Gesellschaft. Sie trug einen Haufen Paketchen. Jetzt kam eine Haltestelle. Die alte Dame erhob sich und verlor dabei eins ihrer Päckchen. Ein junger Mensch aus dem Arbeiterstande hob es ihr auf. Sie dankte nur mit einer kaum merkbaren Kopfbewegung. Das ärgerte den Burschen. "Entschuldigen Se man, det ik Ihnen Ihr Paket aufjehoben habe", rief er ihr nach. Die Umsitzenden lachten.

"Ist die Handjerystraße noch weit?" fragte Ottilie den Kondukteur.

"Nein, hier gleich - schnell, daß Sie noch -rauskommen."

Otti sprang hinaus, während der Wagen sich schon in Bewegung setzte, und fiel dabei zu Boden.

"Ein böses Omen", dachte sie, sich erhebend. Dann schritt sie die Handjerystraße hinunter. Vor ihr ging die hochmütige, alte Dame denselben Weg. "Wieder ein böses Omen", dachte Otti, die immer mutloser wurde, je näher die gesuchte Hausnummer kam.

Da - hier war es - wahrhaftig, die hochmütige Alte trat auch mit ein. Das Haus sah nicht aus wie eins, in dem reiche Leute wohnen. Anständig, aber schmale Treppen und kein Lift.

Langsam stieg Otti empor. Sie wollte nicht wieder


150 mit der unsympathischen Fahrgenossin zusammentreffen. Und dann - jeder Aufschub des peinlichen Moments erschien ihr als ein Gewinn. Zwei Treppen hoch - nur zwei Treppen.

Ottilie wurde jetzt von einem so starken Herzklopfen befallen, daß sie es wie eine Erschütterung in jedem Körperteil empfand, in den Ohren, in den Armen - ein dunkler Schleier legte sich vor ihre Augen.

Da kam ein junges Mädchen die Treppe herunter, mit höflichem Lächeln auf die hochmütige, alte Dame zu. "Ach, Exzellenz, welche Chance, daß ich Sie doch noch treffe. Ich wollte mich nach dem Befinden der lieben Wendeline erkundigen, wie sie die Operation überstanden hat." - -

Ein kalter Schrecken durchfuhr das Herz der armen kleinen Ottilie. "Exzellenz? Wendeline?" Den seltenen Namen hatte sie sich wohl gemerkt. Wendeline war die verheiratete Schwester von Kurt Schöningen.

"Aber bitte, kommen Sie doch wieder mit herein, Fräulein von Osten."

Die beiden Damen traten in eine Tür der zweiten Etage.

Und Ottilie stieg nicht weiter hinauf.

Seine Mutter? Das war seine Mutter? - Vor diesem Bild ohne Gnade hatte sie ihr Leid niederlegen wollen? Wahnsinn - Wahnsinn. Und wenn sie auch ihren letzten Mut zusammenraffte - unmöglich. Wenn diese kalten Augen auf ihr ruhten, mußte sie verstummen. Sie fühlte sich gerichtet, noch ehe sie gesprochen hatte.

151 Ganz deutlich, mit schneidender Schärfe und Klarheit hörte sie die eisige Zurückweisung - die Exzellenz würde nicht begreifen, wie das Fräulein es wagen konnte, zu ihr zu kommen. War sie verantwortlich für die Aventüren ihres Sohnes? Ein junges Mädchen mußte sich selber schützen. Zu einer solchen Affäre gehören zwei. Und überhaupt . . . und was das Schlimmste war: die alte Dame würde nicht einmal unrecht haben. Wenn jede zu ihr kommen wollte, die - wer weiß, wie viele dann schon hätten kommen können.

"Ein ganz verrückter Gedanke war es", sagte Ottilie leise vor sich hin, während sie langsam, müden Fußes, den Hausflur durchschritt und die schwere Tür öffnete, "wie kann man nur überhaupt auf so einen wahnwitzigen Gedanken kommen?"

Es war, als ob dieses letzte mißglückte Zusammenraffen des Willens all ihre Lebenskraft aufgebracht hätte.

Von diesem Augenblick an schlich sie wie ein Schatten dahin. Immer finsterer wurde es um sie her, immer schwärzer.

Das ganze Leben war jetzt nur noch ein Gefängnis für sie, den Ort, der unerträgliche Qualen für sie in Bereitschaft hielt - eine Folterkammer! Hinaus mußte sie, entfliehen. Aber wie? Wohin? Etwas Dumpfes, Schweres, fast Stilles war über sie gekommen, eine Gleichgültigkeit gegen alles - nur eins, ein einziges gab es noch, das sie nachdenken ließ, eins, das die Funktionen ihres eingeschlafenen Willens in Bewegung setzte: die Furcht, daß man ihren Zustand entdecken


152 könnte - später, wenn es geschehen war - daß die Eltern dann ihre Schande erfuhren.

Wenn man sich so ganz leise, unmerklich ausstreichen könnte aus dem Dasein - sich auflösen in das Nichts - aber das Leben ist so brutal, so zudringlich, roh - es läßt kein verschwiegenes Sterben zu. Und die Tage gingen hin, schleichend - und doch, viel, viel zu schnell. Daß noch niemand es gemerkt hatte - unbegreiflich. Waren denn die Menschen mit Blindheit geschlagen?

An einem Abend hatte Ottilie sich früher als sonst zur Ruhe gelegt, über Kopfschmerzen klagend. Jutta kam noch einmal, nach ihr zu sehen, und fand sie mit einem Buch in der Hand.

"Nur nicht zu lange lesen, Kleine", mahnte sie freundlich, "daß Sie nur nicht darüber einschlafen. Und dann: Vorsichtig mit dem Gas. Mir gefällt es überhaupt nicht, daß in den Schlafzimmern hier noch Gasbeleuchtung ist. Erst vorgestern ist wieder einer in irgendeinem kleinen Hotel verunglückt; der Selbstzünder hatte versagt, der Mann hatte den Hahn aber schon aufgedreht - und frühmorgens findet man ihn als Leiche. - - Aber nun gute Nacht. Ich bin todmüde. Also recht vorsichtig, Kleine, ja?

"Gewiß, gewiß. Ich danke Ihnen, liebe gnädige Frau."

Mit starren, weit aufgerissenen Augen sah Otti der Herrin nach. "Weißt du, wofür ich dir gedankt habe? Wenn du es ahntest! Dafür, daß du mir den Weg gezeigt hast."

Eine eiserne Entschlossenheit war plötzlich über das


153 schwache, verängstigte Kind gekommen. Sie stand auf und schrieb einen Brief. Dann schlich sie ganz, ganz leise auf nackten Füßen zum Schlafzimmer der Herrin und lauschte. Alles still. Jutta war schon fest eingeschlafen.

Ottilie legte den Brief auf das Tischchen vor dem Bett. So würde ihn die Erwachende morgen früh finden und ihn lesen, wenn niemand dabei war; so konnte sie die Bitte ihres armen Elfchens erfüllen. Dann kehrte die kleine Ottilie in ihr Zimmer zurück -- leise, ganz leise.

So ging es an. So konnte man sich hinausschleichen aus dem Gefängnis.


 


XXVII

[154]

XXVII.

Am nächsten Morgen wurde Jutta durch Klopfen an der Tür geweckt. Das Hausmädchen trat ein. Die gnädige Frau möchte schnell kommen. Es wäre da etwas passiert. Beim Aufstehen hätten die Leute einen fürchterlichen Gasgeruch gemerkt. Vom Zimmer des Fräuleins wäre er herausgekommen. Man hatte das Zimmer geöffnet. Beinahe ohnmächtig waren sie geworden von dem entsetzlichen Geruch. Sie hatten das Fenster aufgerissen -- nun war es besser. Aber das Fräulein lag da, so still, so unheimlich blaß.

Im Nu war Jutta aufgestanden und hatte die notwendigste Hülle übergeworfen - da fiel ihr Blick auf den Brief. Eine furchtbare Ahnung. Sie steckte den Brief zu sich. Dann eilte sie in Ottiliens Zimmer.

Ein Blick auf das blasse Gesicht, in dem das letzte qualvolle Ringen seine traurigen Spuren zurückgelassen hatte, zeigte ihr, daß hier keine Rettung mehr war. Sie schickte die Leute hinaus. Der Diener sollte zum nächsten Arzt eilen. Schluchzend sank sie an dem Bett nieder. Und dann las sie den Brief:

"Liebe gnädige Frau, meine einzige Freundin! Ihnen muß ich mich anvertrauen, Sie werden mir meinen letzten Wunsch erfüllen: daß ich mein Geheimnis


155 mit mir nehmen darf, daß nicht ein Arzt kommt, wenn alles vorbei ist, und meinen armen toten Körper betastet -- daß es nicht offenbar wird, warum ich gegangen bin. Liebe gnädige Frau, verzeihen Sie mir, daß ich das Häßliche, die Aufregung und Unruhe, in Ihr Haus bringe. Aber ich weiß nicht, wie ich es anders machen soll. Sie werden mich feige nennen, Liebe, aber ich kann nicht anders. Ich danke Ihnen innig für alles Gute, was Sie mir erwiesen haben. Sehr glücklich bin ich bei Ihnen gewesen, liebe gnädige Frau -- damals. Aber -- vielleicht wäre es besser für mich gewesen, wenn ich in der dumpfen Enge geblieben wäre, die meine Heimat war. Damals glaubte ich, meine Seelenheimat erst bei Ihnen gefunden zu haben. Aber er war doch wohl ein Irrtum. Ich konnte nicht so werden wie die freien, starken Menschen, die sich ihr Leben selber aufbauen und freudig die Verantwortung auf sich nehmen, wenn sie etwas getan haben, das von der strengen Moral verurteilt wird. Ich bin doch nur ein armes, schwaches, kleines Mädchen und kann die Fesseln nicht abschütteln, die ich trage seit meiner Kindheit; sie halten mich fest und ziehen mich nun hinab in den Tod. Liebe gnädige Frau, ich bitte Sie von Herzen: legen Sie mich selber in den Sarg, bevor meine Eltern kommen. Ich danke Ihnen für alles. Ottilie." -- --

Lange Zeit, nachdem sie den Brief gelesen hatte, saß Jutta Hadersloh noch starr und regungslos, den Blick auf das stille Totenantlitz geheftet, in qualvollem Mitleid, in hilflosem Entsetzen.


156 Das hatte sie tun können, dazu hatte sie den grauenvollen Mut gefunden? Das Elfchen, das zarte, holdselige, junge Menschenkind. Was mußte es gelitten haben, das arme kleine Wesen?

Hier, dicht neben der Frau, die es verzogen, verhätschelt hatte, mehr wie eine junge Freundin, als wie eine besoldete Hausgenossin, unter ihren eigenen -- unter Juttas Augen, hatte das arme Kind den schweren Kampf gekämpft -- und sie hatte es nicht beachtet; stumpf und blind hatte sie es in den Tod flüchten lassen! -- -- -- Manches fiel ihr jetzt wieder ein, das ihr hätte auffallen müssen, mancher Blick vor allem, manches unverstandene Wort, das Otti an sie gerichtet -- jetzt kam es ihr ganz unbegreiflich vor, daß all das an ihr abgeglitten war, sie nicht gewarnt hatte.

Aber warum das unglückliche Kind sich nicht in seiner Not offen an sie gewendet -- das blieb ihr noch unverständlicher.

Sie war nicht normal in diesen letzten Monaten -- schwer gemütskrank, verwirrten Geistes, so suchte Jutta sich das Unerklärliche zu erklären.

O wenn sie gesprochen hätte! Jutta war fest überzeugt, daß dann alles gut geworden wäre, daß sie sich liebevoll der Unglücklichen angenommen hätte -- und an dieser Vorstellung suchte sie sich aufzurichten, suchte sie Halt zu gewinnen vor dem Andrange ihrer Selbstvorwürfe.

Es lag ihrer Natur so fern, sich um etwas zu quälen, das nicht mehr gutzumachen war. "Reue? Das Wort ist nur ein leerer Schall für Sie", hatte einmal ein Freund, der sie sehr gut kannte, zu ihr gesagt, "ein


157 Seelenvorgang, den Sie nie erlebt haben und nie erleben werden." -- "Das hoffe ich", hatte sie erwidert.

Und nun? Nun trat es zum erstenmal an sie heran, das dumpfe, bohrende, schmerzhaft brennende Gefühl. - - Sie raffte sich auf. Sie wollte dem Gefühl nicht unterliegen. Jetzt galt es, sich zusammenzunehmen, das Richtige zu tun, den letzten Wunsch der Toten zu erfüllen.

Und alles gestaltete sich einfacher, leichter, als sie es sich vorgestellt hatte.

Der Arzt konstatierte Tod durch Gasvergiftung.

Die Eltern kamen zum Begräbnis, traurig, aber gefaßt. Eine Schickung, die man hinnehmen muß, aus Gottes Hand. Ihr strenges Christentum erwies sich hier als segensreiche Kraft. Was dieser Tod ihnen erspart hatte -- davon kam ihnen nicht die leiseste Ahnung.

Und die froststarre Wintererde nahm den Körper des armen Elfchens auf.

Ein Dasein, das nur flüchtige Spuren hinterließ. So vieles welkt ja in der Knospe dahin. Und die Natur geht darüber weg; sie hat Kraft genug, neue Formen zu bilden, neues Leben zu erzeugen in unendlicher Fülle.

Manchmal sprach wohl noch die kleine Margarete von ihrer armen lieben Otti, die sie früher so angeschwärmt hatte, die aber in der letzten Zeit gar keine lustige Spielgefährtin mehr gewesen war.

Die Jungen stellten Betrachtungen darüber an, wie der Tod wohl eingetreten sein mochte, ob Otti etwas gefühlt hatte.


158 Und die Dienstboten gingen mit leisem Grauen an dem nicht mehr benützten Zimmer vorüber; sie zeigten den Dienern und Köchinnen von unten, oben und ganz oben den Schauplatz des Unglücks und erzählten sich Schauergeschichten von ähnlichen Unfällen und grausigen Todesarten.

Aber das Großstadtleben bringt täglich so viel Neues. Bald redete niemand mehr von der kleinen Gouvernante. Und das Stubenmädchen schlug vor, das leerstehende Zimmer als Plättstube zu benützen.

Nur einer Seele wollte es nicht gelingen, die Schatten des traurigen Geschehnisses von sich zu scheuchen.

Acht Tage nach dem Begräbnis suchte Herger die Freundin auf. Er hatte den betrübenden Vorfall erst gestern erfahren, auf einem Diner bei gemeinsamen Freunden, wo Jutta abgesagt hatte, weil sie noch nicht wieder in der Stimmung war, Gesellschaften zu besuchen.

Herger hatte die Absage verständlich gefunden. Aber daß er die Freundin heute noch in dieser Weise verstört und niedergedrückt sah, wollte ihm gar nicht recht zu ihrer sonstigen Art stimmen. Er hatte nicht geahnt, daß das junge Mädchen ihrem Herzen so nahe gestanden, dieses melancholische kleine Wesen, das sich immer so scheu in den Ecken herumgedrückt hatte und jede Gelegenheit benützte, aus dem Besuchszimmer wieder zu entwischen, wenn Jutta es einmal darin festgehalten.

"Es macht Ihrem guten Herzen Ehre, daß Sie so


159 schwer daran tragen", sagte er, da Jutta ihm, Tränen im Auge, von der Verstorbenen erzählte.

Fast heftig wehrte sie ab. "Nein, ach nein, halten Sie mich nicht für besser als ich bin; mit Herzensgüte hat das wirklich sehr wenig zu tun. Es ist nur -- eine Art Schuldgefühl. Ich habe wohl manches versäumt, der armen Kleinen gegenüber. Sprechen wir nicht mehr davon. Mit so etwas muß man allein fertig werden."

Schweigend saß er ihr gegenüber und schaute sie an mit ernstem Frageblick.

Sie aber riß sich gewaltsam aus ihrer Stimmung los und sprach über gleichgültige Dinge. Er konnte heute nicht lange bleiben. Und als er gegangen war, hätte sie ihn am liebsten zurückgerufen. Schmerzliche Sehnsucht nach seelischer Hilfe überkam sie. Sie hätte sich zu ihm flüchten mögen, wie das Beichtkind zum Priester, alles vor ihm ausschütten, was ihr Herz bedrängte, all die wirren, peinvollen Gedanken, all die neuen Fragen, die sich zum erstenmal an ihre Seele heranschlichen.

Aber sie durfte ja nicht sprechen. Sie durfte die Tote nicht preisgeben, um ihre eigene Seele zu entlasten.

War das in Worte zu fassen, was sie quälte? War dieses nagende Schuldgefühl nicht etwas ganz Unbegründetes, eine törichte Schwäche? Was hatte sie denn getan? Was hatte sie zu bereuen? Nichts Einzelnes, keine Tat, kein Wort. Daß sie selber so und nicht anders war, daß sie den Forderungen ihrer Natur folgte und sich stolz und frei in ihrer Eigenart


160 gab. Daß sie den Schleier heuchlerischer Phrasen verschmähte und sich denen, die ihr lieb waren, in der Nacktheit ihres frohen Heidentums zeigte, genußfreudig, kunstvoll das Leben gestaltend, immer neuen Aufschwunges fähig, ohne den Ballast moralischer Bedenken.

Wenn ihre kühne, reizvolle Persönlichkeit so stark auf junge Menschen wirkte, wenn ein unfertiges Geschöpf sich an ihrem Wesen berauschen konnte, so ganz und gar, so bis zur Besinnungslosigkeit, daß es den Boden unter den Füßen verlor, war das ihre Schuld, trug sie die Verantwortung dafür?

Nein, sie war ohne Schuld. Sie wollte sich nicht mehr quälen. Der schreckliche Eindruck hatte sie krank, nervös, mürbe gemacht. Sie wollte, mußte diese kranke Weichlichkeit abschütteln.

Und doch, trotz aller Gegenwehr des Willens -- es lag seit jener Stunde ein Schatten auf dem Wege der schönen Frau von Hadersloh -- ein leise mahnendes Etwas, das manchmal ihren Schritt hemmte, unsicher machte -- Schuld? Wer spricht das Diktum der Schuld? Es ist nicht der Verstand. Ein strenger, unbestechlicher Richter ist es, der im Dunkel sein Urteil fällt, aus den Tiefen unseres Wesens heraus, und sein Urteil ist immer ein gerechtes.



XXVIII

[161]

XXVIII.

Montag. Empfangstag im Justizministerium. Die Landrichter, die an ein Oberlandesgericht strebten, und die Landgerichtsdirektoren, die sich in Erinnerung bringen wollten für einen etwa vakant werdenden Präsidentenposten, verließen heute das Zimmer des Unterstaatssekretärs Herger nicht in sehr zuversichtlicher Stimmung.

Herger gehörte überhaupt nicht zu den "netten Leuten", die mehr, als sie halten wollen, versprechen oder wenigstens das Ziel der Sehnsucht in ferne, freundliche Aussicht stellen, wenn sie noch keine Zusage geben können, weil ihnen der Anblick enttäuschter Gesichter auf die Nerven fällt. Herger konnte mit fester Stimme nein sagen und griff mit rücksichtsloser Hand die Tüchtigen aus der Schar heraus, die sich zum Platze an der Sonne drängten. Heute aber fanden die aussichtslos Wünschenden ihn ganz besonders schroff, und selbst die Auserwählten, die eine berechtigte Hoffnung aus dem Schicksalszimmer mit hinausnehmen durften, meinten: Heute hätte man es dem Herrn Unterstaatssekretär doch etwas gar zu deutlich angemerkt, wie knapp seine Zeit bemessen war.

Die ersten Besucher hatten einen freundlichen Eindruck mit fortgenommen -- -- bis der gekommen war,


162 der dem gefürchteten Manne die Laune verdorben hatte.

Als die Empfänge und übrigen Geschäfte erledigt waren und Herger die Wilhelmstraße hinaufschritt zum Untergrundbahnhof, suchte er in seinem Gedächtnis noch einmal genau das Gespräch zu rekonstruieren, das ihm die Stimmung vergiftet hatte.

Sein alter Korpsbruder war es gewesen, eine Lüneburger Landgerichtsrat, der gerne nach Celle wollte, ein hohler Schwätzer, den Herger nie hatte leiden können; auch damals, im Korps, hatten sie sich ganz ferngestanden; aber wenn jemand auf die höheren Stufen der Leiter gelangt ist, merkt er plötzlich, zu seiner eigenen Überraschung, wie viele intime, ganz intime Jugendfrunde er eigentlich besessen hat.

Anfangs hatte der Besucher nur von sich selber gesprochen, dann aber war er -- das Recht des alten Korpsbruders auf eine ausgedehntere Audienzstunde in Anspruch nehmend -- zu Jugenderinnerungen übergegangen und zu Betrachtungen über das gesellige Leben in Lüneburg und Umgegend. Da war der Name der Frau von Hadersloh gefallen. Und der Landgerichtsrat hatte gelächelt -- ein Lächeln, das in Herger den Wunsch erweckte, seine Handfläche mit dem breiten, blühenden Gesicht dort drüben in energische Berührung zu bringen.

"Bei der Hadersloh haben wir keinen Besuch gemacht. Ich glaube kaum, daß meine Frau sich mit der Dame verstehen würde." Eine Angst, weiter zu fragen, war über Herger gekommen, eine ganz feige, herzlähmende Angst. Aber dann hatte er doch gefragt.


163 Und aus dem plauderbereiten Munde war das Gift herausgesickert, so nach und nach, tropfenweis -- nicht ohne Vorsicht. Man wußte ja nichts Bestimmtes, Gott bewahre. Man sprach nur so über allerlei Verhältnisse -- vielleicht waren sie ganz harmloser Art gewesen. Die Frau war vielleicht nur etwas unvorsichtig, etwas zu gleichgültig gegen das Urteil ihrer lieben Nebenmenschen.

Letztes Jahr war viel von einem jungen Ingenieur die Rede gewesen. Aber Näheres wollte der mitteilsame Mann nicht wissen. Er kümmere sich nicht um diese Klatschgeschichten.

Sein alter Korpsbruder hatte ihn dann auch nicht mehr zu weiteren Auslassungen gedrängt. Aber als er ihm die Hand zum Abschied reichte, hatte ihn ein so heftiger Widerwille gepackt, daß er sich nur mit Mühe beherrschen konnte, ein ganz unberechtigter Groll und Ekel, der von seinem eigenen aufgewühlten Innern auf den harmlosen Schwätzer übersprang.

Er legte die Fahrt zurück wie in einem dumpfen Traume.

Als er, heimkehrend, in den Vorsaalspiegel sah, erschrak er über das alte, graufahle Gesicht, was ihm da aus dem Glas entgegenstarrte. Automatisch aß er zu Mittag, ohne zu wissen was.

Dann sagte er der Wirtschafterin, daß er heute seinen Kaffee auswärts trinken würde. Es hielt ihn nicht zu Hause.

Ein Gedanke war ihm gekommen: sein Bruder. Der General war seit gestern dienstlich in Berlin.


164 Ludwig hatte doch eine ganze Woche in Eicken zugebracht. Wenn einer, mußte er Näheres wissen.

Herger telephonierte nach dem Kaiserhof und verabredete ein Zusammentreffen im Café.

"Donnerwetter, Mensch, wie siehst du aber überarbeitet aus", rief der General, als sein Bruder an den Tisch in einer Ecke des großen Kaiserhofcafés trat, wo Ludwig bereits auf ihn wartete; "gestern Abend war mir das gar nicht so aufgefallen." Franz Herger lächelte matt: "Berliner Farbe. Hat nichts zu bedeuten."

Er war entsetzlich aufgeregt. Kaum konnte er den Moment abwarten, wo er die Frage an den Bruder zu richten wagte -- die Frage, die ihm wie glühendes Blei auf der Seele brannte.

Verblüfft riß der General seine schönen, großen Augen auf. "Die Hadersloh? -- Ach nee, du, das ist -ne tadellose Frau. Ta-del-los, sag' ich. Da soll mir keiner dran tippen. Ich kenn' sie doch wohl gründlich, wie? Wenn man eine ganze Woche lang tagtäglich mit der Frau zusammenkommt. -- -- Was dir der Mann da erzählt hat", -- er zuckte die Achseln -- "Getratsch neidischer Frauenzimmer."

Er ist doch ein Prachtkerl, der gute alte Ludwig, dachte Franz Herger. Jetzt konnte er wieder leichter atmen. Sein Seelendruck nahm ab. Sogar die Zigarre schmeckte ihm wieder.

Der andere aber war ein wenig nachdenklich geworden.

Und kurz, bevor sie sich trennten, kam er noch einmal


165 auf das vorige Gespräch zurück: "Übrigens ja, da fällt mir ein: Damals, auf einem Liebesmahl bei den Lüneburger Dragonern, da machten die jüngeren Kameraden so allerlei Andeutungen. -- Gott, ja, wenn Leutnants ein paar Züge getrunken haben, dann kommen naturgemäß die Weibergeschichten dran. Jeder renommiert ein bißchen. Ich hab' sie mir aber scharf angesehen. Da merkten sie, daß ich nichts hören wollte über die Dame, deren Gastfreundschaft ich genoß. Hm. Ja, weißt du, wenn eine junge Frau Wittib ist und so aussieht, wie die Hadersloh, da hofft wohl mancher -- -- aber wenn er's wirklich versuchen wollte, würde er sich doch eklig die Finger verbrennen. Das ist meine Meinung. Basta." --

Das frohe Erlösungsgefühl war dahin.

"Kommst du wirklich nicht mit ins Lustspielhaus?" fragte Ludwig.

"Nein. Ein Haufen Akten wartet auf mich."

Franz Herger hatte heute kein Bedürfnis mehr, mit dem Bruder zusammen zu sein. Der konnte ihn nicht befreien, das sah er wohl ein. Leute, die selber sehr geraden Herzens sind, sehr ehrliche, reine Naturen, versagen häufig als Menschenkenner. Sie messen andere zu sehr mit dem Maße ihrer eigenen Harmlosigkeit.

Franz Herger verbrachte einen einsamen, sehr trüben Abend. Und eine noch trübere Nacht folgte.

Er fühlte sich als ein Mann, dem schweres Unrecht widerfahren war. Von wem? -- Ja, von wem? Von dem harmlosen Schwätzer, der ihm, nichts ahnend, seinen schönen Traum zerstört hatte? Von den Kleinstadtmenschen,


166 die es wagten, den Ruf der herrlichen Frau in den Schmutz zu ziehen? Von ihr selber, der heiß und schmerzlich Geliebten? -- Ja, von ihr selber. Sie hatte ihn getäuscht. Sie hatte seine Seele aus den Fugen gerissen. Belogen hatte sie ihn mit allem -- mit ihrer vornehm fraulichen Würde, mit der Reinheit ihres Blickes, mit der stolzen, fröhlichen Sicherheit ihres ganzen Wesens -- belogen, belogen. So ist keine Frau, so tritt keine Frau auf, die -- eine befleckte Vergangenheit hat. -- "Verhältnisse!" Dieses ekelhafte, triviale Wort -- angewandt auf die stolze Frau. Wenn er sich das vorstellte, diese Frau in den Armen irgendeines -- das Blut stieg ihm zu Kopf, rot flammte es vor seinen Augen -- er war nicht mehr der Mann von achtundvierzig Jahren, der gelassen auf die Torheiten der Jugend herabblickt, der alles versteht und alles verzeiht -- heiß, wie das Blut eines Zwanzigjährigen, wallte es durch seine Adern, aufgepeitscht von brennender Eifersucht, von Wut und Jammer.

Gegen Morgen löste ein kurzer Schlaf die unerträgliche Spannung seiner Seele.

Und als er zu später Stunde erwachte, schien schon ein klarer, sonniger Tag ins Zimmer.

Herger kleidete sich schneller als sonst an. Um zehn Uhr mußte er beim Minister sein. Höchste Zeit. Der kurze Schlaf hatte ihn wunderbar gestärkt, beruhigt. Ein neuer Mensch erschien er sich heute, ein klarer, gesunder, widerstandsfähiger. Wie hatte er sich gestern nur so zu Boden reißen lassen, blindwütend und wehrlos einem widrigen Einfluß sich hingegeben, ohne zu


167 prüfen, abzuwägen -- ohne auch nur die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß wesenlose Trugbilder ihn geäfft haben könnten? -- -- Jetzt war er beinahe sicher, daß nur das müßige, gefährliche Unterhaltungsbedürfnis pikante Romane um die Frau gesponnen hatte, Romane ohne Wirklichkeitshintergrund.

Wenn er sich jetzt ihre Art vorstellte, ihr ungezwungenes Wesen, das lustige, ein wenig hochmütige Lächeln, mit dem sie auf die Kleinlichkeit der Durchschnittsmenschen herabsah, die -- manchmal verblüffende -- Freiheit, mit der sie im Gespräch die heikelsten Dinge berührte -- dann erschien es fast unmöglich, daß diese Frau nicht schon hundertmal gegen die Vorurteilsmauer philiströser Kleinstadtgesinnung angestoßen sein sollte. Diese Kleinen richten ihre Schmutzspritzer ja allzugern gegen den Höhenmenschen, der ihren Beifall nicht braucht und ihr Mißfallen nicht scheut.

Freilich -- ganz wollte sich das Gleichgewicht seiner Seele noch nicht wiederherstellen lassen. Er sehnte sich danach, die Freundin noch heute zu sehen; ihr Wort, ihr Anblick allein konnte die Nachtvögel ganz verscheuchen, die immer noch in weitem Bogen ihn umkreisten, diese widrig aufreizenden Gedanken -- selbst während der Besprechung mit dem Minister fühlte er dumpf das Störende, Unheildrohende -- den Flügelschlag der Nachtvögel. -- -- Schade, heute Abend war Empfang beim Reichskanzler. Aber auf eine kurze Weile konnte er doch nach dem Essen noch zu ihr gehen.

Er fand sie nicht allein. Frentzius war bei ihr -- jetzt ein selten gewordener Gast. Leo Frentzius


168 fühlte trotz aller herzlichen Freundschaft nur allzu deutlich, daß sein Einfluß auf Jutta nicht mehr der alte war -- die beglückende Wärme, die eine Zeitlang ihn umfangen, hatte sich wieder zur Temperatur anteilvoll freundschaftlicher Gesinnung abgekühlt; schmerzlich litt er unter dem Wandel, aber die Arbeit half ihm darüber hinweg, die soziale Tätigkeit vor allem, in die er sich immer tiefer hineingestürzt hatte - manchmal dachte er wohl: es wäre besser, sich ganz loszureißen - aber dann fühlte er doch, daß seine Seele zu fest mit dieser Frau verwachsen war -- zu sehr hatte er sie in diesen langen Jahren zum Mittelpunkt seines Gemütslebens, seiner Gedanken- und Phantasiewelt gemacht, und wenn sie ihm auch wehe tat, er konnte sie nicht mehr entbehren. Selbst die kärgliche Nahrung, die sie jetzt seinem Empfinden bot, er wollte sie nicht missen. Lieber leiden, in ihrer Nähe leiden, als ganz aus ihrem Leben ausgestrichen werden.

"Heute komme ich aber wirklich nur auf eine Viertelstunde", sagte Herger. "Empfang im Reichskanzlerpalais -- Dienst. Aber ich mußte einmal wieder nach Ihnen sehen -- "

"Ja -- sechs Tage sind es her", sagte Jutta und nickte vorwurfsvoll.

Er lächelte gerührt -- so genau hatte sie gerechnet. Dann erzählte er, daß er gestern einen Lüneburger gesprochen hätte, und nannte den Namen.

"So?" Es schien sie wenig zu interessieren. Da fiel ihr etwas in seinem Blick auf -- und mit der, häufig so blitzschnell und blitzklar aufleuchtenden, intuitiven Hellsicht des Weibes hatte sie sofort begriffen,


169 daß diese Begegnung irgend etwas Unangenehmes herbeigeführt hatte.

Sie überlegte -- so schnell, daß Herger ihr nichts anmerkte.

"Gut, daß Sie nur ihn gesprochen haben und nicht seine Frau", meinte sie dann lächelnd, "die würde Ihnen Mordgeschichten von der koketten, leichtfertigen, tollen Frau von Hadersloh erzählt haben. Sie haßt mich, eine von meinen kräftigsten Hasserinnen in Lüneburg."

Herger atmete leichter. "Ja, aber weshalb werden Sie denn gehaßt?"

Sie zuckte die Achseln. "Das frag' ich mich selber. Ich bin doch ein gutmütiges Geschöpf, tue keinem was zuleide. Aber -- etwas anders bin ich wohl als die Frau Landgerichtsrat und ihre Freundinnen -- ich lebe mein Leben so, wie es mir paßt, und nicht so, wie andere es mir vorschreiben. Das genügt als Verabscheuungsgrund."

Die Kinder kamen herein zum Gutenachtsagen, ein wenig geräuschvoll, wie es ihre Art war.

"Bitte, vergessen Sie ja nicht, Willy und Franz dran zu erinnern, daß sie morgen pünktlich kommen", sagte die kleine Margarete zum Unterstaatssekretär; "es ist sehr wichtig: Generalprobe."

"O, da kannst du ganz sicher sein: das vergessen sie nicht", versicherte Herger.

Seit vierzehn Tagen war unter seinen Jungen von nicht viel anderem die Rede gewesen, als von dem Theaterstück, das bei Haderslohs aufgeführt werden


170 sollte. Das Schauspiel war eine Jugendsünde des Doktor Frentzius und von ihm und Jutta für Kinderbedarf zurechtgestutzt worden. Es begab sich zur Zeit des Großen Kurfürsten, enthielt sehr hohen Gefühlsschwung, sehr aufregende Momente, und was das wichtigste war: prachtvolle martialische, große Hüte, Stulpenstiefel und Fausthandschuhe. Jutta hatte mit genialer Findigkeit die historischen Kostüme zusammengestellt, und Willy Herger durfte sogar ein paar echte, alte Schaftstiefel aus dem siebzehnten Jahrhundert tragen, Familienerbstücke aus der Haderslohschen Raritätentruhe.

Nie hatte der Unterstaatssekretär noch seine Jungen so glücklich gesehen, so hingenommen von der Freude auf ein Vergnügen, wie bei den Vorbereitungen für das Theaterspiel. Jutta war Regisseur -- und sie verstand es, ihre Schauspieler zu begeistern. "So -ne nette Mutter wie Haderslohs hat kein Junge auf unserem ganzen Gymnasium, Papa", versicherte der kleinste Herger oft seinem Vater.

Der durfte den Proben aber nicht beiwohnen. Er sollte mit dem gelungenen Werke überrascht werden.

"Morgen muß schon alles tadellos klappen", sagte Georg noch im Hinausgehen, "denn Sonntag ist die Aufführung. Wir haben ja nicht mehr viel Zeit. Herr Doktor", bat er dann Frentzius, "kommen Sie vielleicht noch einen Augenblick mit? Sie wollten sich doch mal meinen Panzer ansehen."

Frentzius folgte den Kindern.

"Was heißt das: nicht mehr viel Zeit?" fragte Herger betroffen; "Sie denken doch nicht schon" --


171 Jutta nickte. "An meine Heimkehr, gewiß. Anfang nächsten Monats schlägt die Abschiedsstunde. Im ersten Frühjahr muß eine Gutsfrau auf dem Posten sein; das ist eine zu wichtige Zeit. Ich habe die Jungen schon in einer Pension angemeldet."

Sie saß, in ihren Sessel zurückgelehnt, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie gefaltet -- eine behaglich ungenierte Haltung, die sie bei traulichen Freundesgesprächen gern annahm -- und sah mit einem wehmütigen, gleichsam tastenden, fragenden Blick zu ihm hinüber.

Das Herz war ihm voll, zum Überströmen voll. Es kam ihm so vor, als ob gestern ein Spuk ihn genarrt, als ob ein böser Kobold ihm die geliebte Frau in einem falsch geschliffenen, verzerrenden Spiegelglase gezeigt hätte -- das war ja gar nicht sie selber gewesen, nein, eine Karikatur, etwas Unwirkliches, ein häßliches Gaukelbild.

Heute Abend hatte die Wirklichkeit wieder von ihm Besitz genommen, die liebe, traute, herzbezwingende.

Die Frau inmitten ihrer Kinder und seiner Kinder -- o, er konnte sich so gut vorstellen, wie die ganze kleine Bande an ihren Lippen hing, wenn sie in ihrer eigenen jugendlichen Frische und Spiellust die Proben leitete.

Und die Frau als seine Freundin -- klug und milde, verständnisvoll Anteil nehmend an allem, was sein Leben erfüllte, bewegte, konnte er denn das überhaupt wieder entbehren, nachdem er es einmal genossen hatte? Nein, ach nein -- undenkbar. Sie gehörten zusammen. Die Frau war schon jetzt ein Teil


172 seines Selbst geworden -- das letzte Wort nur fehlte noch -- und er war nahe daran, dieses letzte Wort zu sprechen.

Das Licht der großen elektrischen Hängelampe fiel hell und warm auf ihre Gestalt -- wie zärtlich schmiegte sich der weiche lila Stoff um ihre fraulichen Formen! -- Hell war das schöne Gesicht bestrahlt -- es konnte die scharfe Beleuchtung wohl vertragen; schön, rein und gesund war alles an dieser Frau -- alles, ja alles. -- Ein Jubel klang durch die Seele des Mannes, ein Jubel über die starke Zuversicht, die sich seiner bemächtigt hatte -- --

"Wie soll das nur werden -- ohne Sie?" fragte er leise.

Sie lächelte. "Zu Ostern -- da können Sie doch Urlaub nehmen."

Er nickte. "Ich hatte schon große Pläne geschmiedet: eine Frühlingsreise nach Griechenland. Aber nun -- in letzter Zeit habe ich gar nicht mehr daran gedacht. Vielleicht ruh' ich mich auch irgendwo in der Nähe aus."

"Bei Ihren Geschwistern in Hannover?" fragte sie, zagend -- fast wie ein schüchternes kleines Mädchen kam sie ihm vor; "und dann -- Hannover ist nicht weit von Eicken -- und Sie sind ja Jäger -- dann schießen Sie einen Birkhahn bei mir. Ja?"

Sie reichte ihm die Hand hin. "Kommen Sie?"

Da trat Doktor Frentzius wieder ein. Er sah etwas mißgestimmt aus.

"Was sagen Sie zu der Reiterrüstung?" fragte Jutta.


173 "Sehr schön, sehr echt. Aber -- war das eigentlich nötig?"

Sie zuckte die Achseln. "Da Gervissen sie mir anbot. Ein Freund hat mir sein Kostüm vom letzten Kölner Karneval für unser Theaterstück zur Verfügung gestellt", erzählte sie dem Unterstaatssekretär, "ein prächtiges Reiterkostüm" -- sie lächelte; "er mag viele Abenteuer darin erlebt haben im vorigen Fasching, so ein echter Kölner Junge; dieses Jahr muß er den Winter im einsamen Harz vertrauern, er arbeitet dort als Ingenieur."

Herger zuckte zusammen. "Ah -- das ist derselbe, der früher in Eicken nach Öl gebohrt hat?"

"Ja, ganz recht." Jutta war erstaunt. Sie entsann sich gar nicht, ihm jemals von Hans Gervissen erzählt zu haben.

Franz Herger aber hatte ein Gefühl, als ob eine schwere, schmerzhaft drückende Last, die er eben froh von sich abgeschüttelt gehabt, ihm von neuem auf die Schulter geladen würde.

Er erhob sich. "Wahrhaftig, schon halb zehn Uhr. Ich hatte gar nicht mehr an den Empfang beim Reichskanzler gedacht."



XXIX

[174]

XXIX.

Sie schritten miteinander durch das Kaiser-Friedrich-Museum. Jutta hatte sich schon seit langem danach gesehnt, einmal eine Stunde gemeinsamen Kunstgenießens mit dem Freunde zu erleben. Aber Hergers freie Stunden zu heller Tageszeit waren knapp bemessen. Den heutigen Vormittag hatte er "eigentlich gestohlen", wie er sagte, als er Jutta abholte. Aber sie hatten ja nur noch wenige Tage vor sich.

Draußen tobte ein unwirsches Wetter, Sturm und klatschender Regen. Der junge Lenz war noch in den Brausejahren. In die hohen Säle mit ihrem hellen, ruhigen Oberlicht aber trat man ein wie in eine Friedenswelt. Eine Region, in der die sonnige, weltabgeschiedene Stille ewiger Schönheit herrscht.

Jutta hatte gleich zu den Niederländern gestrebt und Herger war einverstanden. "Nur die ganz ausgedörrten Heiligen erlassen Sie mir", bat er; "wenn ich Bilder sehe, will ich mich daran freuen. Daß ich kein Kunstverständiger bin, wissen Sie ja."

Anfangs neigte Jutta dazu, dieser offenen Selbstbeurteilung recht zu geben. Sein Geschmack wurde nicht durch die künstlerischen Qualitäten eines Werkes allein bestimmt. Er ließ sich durch das Stoffliche beeinflussen.


175 Um die van Eycks und Memlings ging er in weitem Bogen herum, auch die derbe Charakteristik des Franz Hals, die seiner Freundin sehr imponierte, sagte ihm nicht zu. Die grinsende Hille Bobbe war ihm einfach "ein Scheusal". Dagegen stand er lange Zeit still vor den düsteren Landschaften Ruysdaels und konnte sich mit tiefer Andacht in die liebevoll behandelten Interieurs des Pieter de Hooch und des Delfters van der Meer versenken. Ganz seltsam erschien es Jutta, daß dieser, in seiner ganzen Wesensart so großzügige Mann ein besonderes Wohlgefallen an der behaglich intimen Kunst hatte, an der feinen Detailbehandlung. Erstaunt war sie über den scharfen Blick, mit dem er jedes Versehen in der Zeichnung, jeden Fehler der Perspektive herausfand. Sie lobte sein gutes Auge und er lächelte geschmeichelt. In diesem Lächeln trat ein Ausdruck hervor, den sie ganz unbeschreiblich an ihm liebte: etwas Kindliches. Wenn dieser helle Ausdruck sich über die energischen, ausgeprägt männlichen Züge legte, dann war es, als ob eine verborgene Sonne aus seiner Seele hervorleuchtete, ein heimlicher Schatz von Güte und Weichheit, der fremden Augen sonst verborgen blieb.

"Ich habe früher viel gezeichnet", erklärte er der Freundin, "und sollte sogar Talent haben. Einmal, als Referendar hab' ich ein Kompliment bekommen, das tief -gesessen' hat in meinem Gemüt: -Sie Esel, daß Sie Jurist geworden sind', sagte ein Freund meines Vaters -- kein Geringerer, als der große kleine Menzel -- zu mir, als er zufällig ein paar Kreideskizzen von mir gesehen hatte. Sie glauben nicht, wie


176 stolz ich auf diesen -Esel' war. Aber mein guter Instinkt sagte mir, daß ein harmloser Dilettant selbst von den ganz Großen, Strengen manchmal sehr milde beurteilt wird . . . ich fühlte -- trotz Adolf Menzel! -- ganz genau, daß mir zum Künstler das beste fehlte, daß ich nichts als Talent besaß -- eben nur Talent. Aber auf Reisen da nehm' ich noch immer mein Skizzenbuch mit als Gedächtnishilfe. Und das Bild, das ich da mit wenigen, nur für mein eigenes Auge geltenden, Strichen eingetragen habe, halt' ich in mir fest für alle Zeiten."

Da waren sie wieder bei einem schon oft behandelten Lieblingsstoff: bei der gemeinsamen Reise, die sie einmal machen wollten, später nach Jahren -- auf eine weitabliegende Lebensperiode hatten sie die Sache verlegt: wenn er erst pensioniert war und über sehr viel Zeit verfügte, und wenn Georg die Bewirtschaftung von Eicken übernommen hatte, dann wollten sie miteinander Ägypten und Syrien besuchen; -- es ließ sich harmloser so ausspinnen; aber heimlich dachte doch jedes von beiden an eine viel näher liegende Zeit, an ein viel echteres, heißblütigeres Glück. Die Alteleutchenfreundschaft war mehr Redeform. Jutta fühlte dieses Glück schon voraus als nahen, sicheren Zukunftsbesitz -- Herger gab sich dem lockenden Traum nur halb wider Willen hin, in glücklichen Dämmerintervallen -- wenn seine Seele müde war des Kampfes und Grübelns, des schrecklichen Auf- und Niederschwingens; qualvolle Tage waren es, die er jetzt durchlebte, Fiebertage -- dieses Hin- und Herreißen der Empfindungen, diese leidenschaftliche Sehnsucht nach


177 der geliebten Frau . . . und als schmerzlich lastendes Gegengewicht die stumme, ängstliche Frage auf dem Untergrund seiner Seele, die Frage, die ihn nicht ruhen ließ, die wie ein giftiger Wurm in ihm fraß, bohrte, wühlte . . .

Sie standen jetzt schon geraume Zeit vor einem großen Gemälde, das beide in gleichem Maße anzog: vor einem Ehepaar des Cornelius des Vos. Ein junger Mann und sein Weib sitzen, vornehm gekleidet, tiefschwarz mit weißen Spitzenkragen, Hand in Hand auf einer Terasse, die in den schönen, wohlgepflegten Garten hinabführt. Sehr wohlhabende Leute. Das schwarze Kleid der Dame zeigt reiche Goldstickerei vorn an der steifen Taille; schwere Armbänder zieren die Handgelenke und vorn ist das Kleid ein wenig hochgenommen, damit man die prächtige Verzierung des weißen Unterkleides sehen kann. Sehr ehrbar sitzen die beiden nebeneinander, mit sich und ihrem blühenden Besitz zufrieden. Fein abgezirkelt und korrekt, so wie die gradlinigen Beete unten im Garten, muß das ganze Dasein dieser wohlachtbaren Leutchen gestaltet sein. Alles ist sanft und ruhig an dem Bild, auch das gedämpfte Rot des Vorhanges, von dem sich die beiden zufriedenen Gesichter abheben . . .

"Wie sich das hübsch in dem Gesicht des Mannes ausdrückt", sagte Herger. "Seht ihr, das ist nun mein Garten, mein Haus, meine Frau."

"Eitel darf er kaum auf diese Frau sein", meinte Jutta, "denn schön ist sie wirklich nicht. Die vorgebeugte Haltung, die kleinen Augen, das Dutzendgesicht mit der vorstehenden Unterlippe - "


178 "Und doch gefällt sie ihm", erwiderte Herger, "in den kleinen Augen liegt viel Freundlichkeit; sie ist gut und friedfertig. Und er schätzt sie hoch. Eine tugendhafte Frau."

Ein mitleidig überlegenes Lächeln umspielte Juttas Lippen. "Ja, eine tugendhafte Frau. Lassen wir ihr dieses negative Verdienst." Und sie wandte sich einem anderen Bilde zu, dem köstlichen "Bauern mit dem Schlapphut" von Ostade.

Herger stutzte. "Ein negatives Verdienst?"

"Nun, ja", beharrte sie, "was anders? Ach Gott, es gibt so viele Worte, die jeder dem andern nachspricht, so viele altüberkommene Begriffe, die man aus Trägheit weitergelten läßt, obschon kein denkender Mensch mehr einen Inhalt in ihnen findet. Bitte, sagen Sie mir doch mal: was versteht man denn eigentlich unter dieser sogenannten Frauentugend?"

Er lächelte unbehaglich. "Nun, ich dächte, das wäre einfach genug. Etwas so Selbstverständliches. Muß man das erst erörtern?"

Eigentlich liebte er solche Gespräche nicht. Aber Jutta war heute für Gründlichkeit gestimmt. "Wir nennen ein Mädchen tugendhaft, wenn es unberührt ist, und eine Frau, wenn wir von ihr die Überzeugung haben -- sei's eine Ehefrau oder Witwe -- daß sie nie einem anderen als ihrem angetrauten Gatten sich hingegeben hat. Ist das nun wirklich Tugend? Tugend -- virtus? Bitte, lachen Sie mich nicht aus. Eine Jungensmutter darf mit lateinischen Brocken prahlen. Und virtus bedeutet etwas durchaus Aktives, Lebensteigerndes: Tüchtigkeit, Mut, Rechtschaffenheit, sittliche


179 Kraft. Diese sogenannte Frauentugend aber? Ist daran irgend etwas zu bewundern? Hat wirklich ein gutes, schönes, tüchtiges Mädchen etwas an ihrem Wert verloren, wenn sie in einer Stunde der Leidenschaft . . . "

"Aber sicher", unterbrach er sie lebhaft, fast heftig; "sicher hat sie an Wert verloren. Wir können sie wohl noch schätzen, um ihrer anderen guten Eigenschaften willen. Wir können sie vielleicht auch lieben. Aber -- das Höchste kann sie uns nicht mehr geben, was wir im Weibe suchen."

Jutta schüttelte nachdenklich den Kopf. "Wie kann ein kluger, weitblickender Mann nur in diesem einen Punkt so enge Anschauungen vertreten. Aber ich bin müde." Sie schaute umher. "Hier ist kein freier Sessel. Kommen Sie, wir wollen in den Rembrandt-Saal hinübergehen."

Dort fanden sie Sitzplätze. Jutta ließ ihre Augen umherwandern, Herger sah versonnen vor sich nieder. Ihm war plötzlich alle Lust zur Kunstbetrachtung vergangen.

"Sie sprechen von engen Anschauungen", sagte er, ohne den Blick auf sie zu richten, "ja, sehen Sie, liebe Freundin, da hilft nun alle moderne Moralphilosophie -- oder Immoralphilosophie -- nichts, man kann ein noch so vorgeschrittener freier Mensch sein, kann noch so kritisch allen, durch die Tradition weitergeschleppten, inhaltlos gewordenen Glaubenssätzen gegenüberstehen -- in diesem Punkt aber wird jeder Mann, jeder richtige Mann, ebenso empfinden wie


180 ich. So vieles ist uns im Kampf des Lebens entrissen worden, so viele Träume haben wir begraben, so viel Häßlichkeit, Unzuverlässigkeit, Niedrigkeit ist uns entgegengetreten, so viele Stützen, die uns unerschütterlich fest schienen, sind zerbrochen -- schadet nichts. Wir müssen uns damit abfinden und uns trotz allem ein Leben zurechtzimmern, das der Mühe lohnt. Etwas aber brauchen wir, eine Zuflucht, in die der Schmutz des Daseins nicht hineindringt, ein Sanktuarium, in das wir eintreten können, wenn uns der Ekel am Menschen übermannen will, ein Heiliges, Unantastbares, das wir verehren können, blind, gläubig, ohne Zweifel und Schwanken. Und dieses Heiligtum suchen wir in der reinen Frau."

Jutta schwieg. Tief neigte sie den Kopf, als ob sie im Katalog läse. Ein Druck legte sich auf ihre Seele, ein Bangen. Seltsam, wie ein fremdes, unverständliches Lied tönten die Worte des Freundes an ihr Ohr. Das klang ja sehr hübsch und poetisch; aber -- eigentlich war es doch eine verschrobene Empfindungsweise und eine ungerechte . . .

"Ja -- ungerecht", sagte sie leise vor sich hin.

Er griff das Wort auf. "Ungerecht? Ja, wenn Sie wollen. Aber eine tief, tief in der Menschennatur begründete Ungerechtigkeit. Auch unmodern. Das geb' ich zu. Die Frau, die mit dem Mann im Wettkampf des Berufslebens ringt, wird über diese Anschauungen lächeln. Und doch -- ich glaube: in jedem natürlichen ernsten Mann steckt unvertilgbar so ein Rest Minnesängerrittertums. "Vergießen gern mein letztes Herzensblut!" Jeder möchte in dem geliebten Weibe


181 etwas Verehrungswürdiges sehen, für das man mit Freuden Blut und Leben einsetzen würde und -"

"Und dazu muß sie in den Schleier der Frauentugend gehüllt sein", vollendete Jutta wieder sehr leise.

Ein Zug von Traurigkeit lag auf ihrem Gesicht. Und doch zuckte es spöttisch um den feinen Mund mit der hochmütig aufgeworfenen kurzen Oberlippe.

Der Blick des Freundes, den sie ernst fragend auf sich ruhen fühlte, tat ihr nicht wohl in diesem Augenblick, und sie bereute, das Gespräch heraufbeschworen zu haben.

Sie erhob sich und schritt langsam an ihren Lieblingen vorüber. Eine Schatzkammer, dieser Saal. Da war der finstere Mann mit dem Goldhelm und die geängstigte Susanna, deren weißes Fleisch sich so wunderbar aus schwüler Dämmertiefe hervorhebt, da war der drohende Simson -- alles an ihm Kraft, überquellende, strotzende Kraft, selbst die Falten des schweren Prachtstoffes, aus denen der kurze, sehnige Arm sich hervorstreckt -- dort neben ihm Konincks dickbäuchiger Krösus, dem Salon seine Schätze zeigend, dieser derbe Niederländer des sechzehnten Jahrhunderts, an dem nichts orientalisch ist, als sein Turban -- und die wundervolle holländische Flachlandschaft mit ihren unermeßlichen Weiten -- und der Rabbiner und Hendrikje Stoffels! Eine Welt umschloß dieser Raum. Jutta fühlte sich seltsam ergriffen -- gepackt, durchflutet von der Fülle, dem Reichtum des Lebens, das zu ihr sprach aus dieser großen lebendigen Kunst. Sie atmete freier auf. Diese Lebensfülle war ihr


182 Element, in das sie sich rettete. Sie fühlte wieder die alte fröhliche Kraft ihre Adern durchströmen, die sie für eine kurze Weile verlassen hatte. Und die Worte des Freundes verloren ihre Bedeutung. Da war etwas Enges, Kleinliches, das überwunden werden mußte. Eine sentimentale Gefühlsspielerei. Wahrhaftig, es lebten doch so viele große, schöne, starke Empfindungen in der Menschenbrust, und das, was dem Mann dort -- dem lieben Mann! -- als das Heiligste erschien, war etwas so Unwesentliches. Ein Lachen zog durch Juttas Seele. Hendrikje Stoffels, bist du ein reines Weib gewesen? Ach nein. Du hast wohl kaum viel über die Tugend nachgedacht. Dem großen Mann hast du sein Essen gekocht und hast ihm hingegeben deinen jungen, blühenden Leib und ihm das kleine Menschenglück geschenkt, das der große Einsame brauchte -- und so bist du unsterblich geworden, Hendrikje.

Herger verstand nicht das helle, befreite Lächeln, das auf Juttas Zügen lag, als sie wieder zu ihm herantrat. Eben war sie ihm noch ganz anders erschienen, traurig nachsinnend, bedrückt.

Er hatte sich sicher getäuscht. Sein Mißtrauen lieh ihm ein verzerrendes Augenglas.

Wunderbar schön sah sie aus, wie sie da vor ihm stand, stolz und anmutig in ihrem dunklen Samtkostüm. Wie weich der braune Skunkspelz ihr volles, festes Kinn umschmeichelte; ihr Gesicht war ein wenig gerötet von der Wärme im Saale; sie warf den Kopf leicht zurück und aus ihren schönen großen Augen leuchtete es wie Triumph: denkst du wohl, daß du noch


183 ein freier Mann bist? Denkst du, daß du noch anders könntest? Tor, laß das dumme Grübeln sein. Mir gehörst du ja doch. Komm und sei glücklich!

Er atmete schwer auf. Und hatte sie nicht recht? Stand er wirklich noch vor der Entscheidung?

"Es wird Zeit, aufzubrechen", mahnte sie; "nur eine Konzession verlang' ich noch von Ihnen: einen einzigen Schritt zu den Alten. Einen einzigen van Eyck müssen Sie sehen: den Baulduyn de Lannoy. Er ist schlecht rasiert und gar kein schöner Mann. Aber gemalt ist er! Gerade auch für Sie gemalt, so fein, so fein."

Gehorsam folgte er ihr . . .

Und dann kam eine Stunde, da er zum letztenmal in Mrs. Farquharsons viel zu vollem Salon mit den zierlichen Chippendalestühlen stand und der geliebten Frau die Hand zum Abschied küßte -- lange, innig. Ihm war, als fühlte er eine leichte Berührung, als ob etwas Weiches, Kühles sein Haar streifte -- und als er wieder aufblickte, sah er Tränen in den lieben schönen Augen.

"Und wenn die Birkhähne balzen, schreibe ich es Ihnen. Werden Sie kommen?"

"Ich werde kommen -- wenn es mir irgend möglich ist, werde ich kommen."

Ihm war sehr elend zumute, als er die Treppen hinunterstieg.

Vielleicht das erstemal, daß ich ein Versprechen nicht halten werde, dachte er traurig.

Eben war er nahe, ganz nahe daran gewesen, alles zu vergessen, die Hand auszustrecken nach dem heißersehnten


184 Glück -- schon hatte die Frage auf seinen Lippen geschwebt -- da war ihm der Gedanke an seine Söhne gekommen -- sie würden aufwachsen in Liebe und Verehrung für die Mutter, die er ihnen gegeben -- und wenn dann einmal eine feindliche Stimme ihnen zuraunte: "Sie ist nicht würdig eurer Ehrfurcht?" was sollte er dann seinen Söhnen antworten, wenn sie vor ihn träten?



XXX

[185]

XXX.

Scharf wehte der Wind von Osten her und die Sonne hatte noch keine Wärmekraft; aber sie goß doch freundliche Helle über die Landschaft, über diese schlichte, ernste Landschaft mit den welligen Heideflächen und birkenumsäumten, sandigen Straßen, mit den reizlos einförmigen, dunklen Föhrenwäldern und weiten Strecken Ackerlandes, die Menschenfleiß, zäh ausdauernder Menschenwille dem spröden Boden abgewonnen hatte.

Einige Felder waren schon mit zartem Lichtgrün bedeckt und in die herbe Frühlingsluft stieg der Duft der Scholle empor, feucht, würzig und schwer.

Der Heimatschollenduft, der Willkommengruß des eigenen Bodens! -- Die Herrin von Eicken empfand ihn wie die Liebkosung eines treuen Menschen. Und auch ihr Kind empfand ihn so.

"Berlin ist ja schön", rief Margaretchen vom Kutscherbock herab ihrer Mutter zu, die neben Luise Schott in dem geräumigen, gemächlich dahinrollenden Landauer saß, "und die Berliner Autos flitzen man nur so durch die Straßen, das ist ja wahr, aber lieber fahr' ich doch mit unseren dicken Braunen. Denk nur, Mama, und in der letzten Woche, sagt Jochen, sind wieder vierzehn junge Lämmer geboren worden, vierzehn


186 Stück! Was ich mich freue auf das kleine Viehzeug!" Sie hoppste von ihrem Sitz empor und haute dann im Überschwang ihrer Freudengefühle dem alten Kutscher so kräftig aufs Knie, daß Jochen strahlte vor Entzücken über die Liebenswürdigkeit des kleinen Fräuleins.

"Ich habe Hortmann zugeredet, dich mit mir von der Bahn abzuholen", erzählte Luise der Freundin, "aber er wollte nicht. Er sagt, er müsse dich in Eicken empfangen. Das gehöre sich so."

Jutta lachte. "Ja, das ist der althergebrachte Modus. Und Hortmann hält auf gute alte Sitten. Nun sag' mal, Luising, ihr habt euch wohl diesen einsamen Winter lang ganz gut miteinander vertragen, wie?" Sie sah der andern freundlich forschend in die Augen. O, dieses blutrot übergossene Gesicht, das sprach eine deutliche Sprache!

"Ach ja -- ganz gut", antwortete Luise in verdächtig gleichgültigem Tone und ging dann ziemlich unvermittelt auf die Mastkälberzucht über. Und dann sprach sie von den hohen Preisen, die sie in der letzten Winterhälfte für die Eierkartoffeln erzielt hätte - prachtvoll hatten sich die Eierkartoffeln dieses Jahr gehalten! - und von der neuen Erdbeersorte, die sie im nächsten Herbst anpflanzen wollte. Ganz hingenommen war sie von den wirtschaftlichen Fragen. Aber als der Eickener Kirchturm hinter dem Kiefernwäldchen auftauchte, verstummte sie. Jutta fühlte ihren scheu fragenden Blick von der Seite und vernahm ihr beklommenes Atmen. Kein Zweifel: Luise hatte etwas auf der Seele.


187 Soll ich ihr helfen? dachte Jutta. Sie ahnte, was Luise ihr zu sagen hatte. Aber sie empfand ein boshaftes kleines Vergnügen darin, abzuwarten, wie dieses seltsam spröde Geschöpf es anfangen würde, sein Herz zu entlasten.

Dann kam das Geständnis -- halblaut, stockend:

"Ich muß dir noch etwas sagen, Jutta. Ich habe Hortmann versprochen, daß ich es dir unterwegs sagen würde: er -- wir -- er will, daß ich seine Frau werde."

Und in demselben Augenblick stürzten ihr die Tränen aus den Augen -- schamhaft, glückselig.

Jutta umarmte sie. "Du sagst mir nichts Neues, Liebe. Ich sah es kommen. Und es ist das Rechte . . . "

Da zeigte sich auch schon die Gestalt des Riesen auf der Freitreppe, und er kam dem Wagen entgegen, plump, schwerfällig, im Gehen ein wenig schwankend -- so wie Matrosen gehen, die erst kürzlich von Bord gekommen sind. Sein Blick suchte unsicher fragend Luisens Auge, während er die Herrin begrüßte.

Jutta nickte ihm lächelnd zu. "Ich weiß es schon, lieber Hortmann!"

Linkisch und steif -- als ob ihn die Sache eigentlich gar nicht viel anginge, nahm er ihren Glückwunsch entgegen; aber als er sie später in ihr Arbeitszimmer hinaufbegleitete, sagte er mit einer Stimme, die vor Rührung bebte: "Ja, gnädige Frau, das ist ein großes Glück für mich, daß sie mich will, mich und meine kleinen Mädchen. Wir werden es gut bei ihr haben. Sie ist ja -- ein Engel ist sie. Und das Glück verdank' ich auch Ihnen, wie alles Gute im Leben!"


188 Diese Gefühlsäußerung blieb aber seine einzige. Dann legte er der Herrin die Bücher und Korrespondenzen vor, gewissenhaft, ausführlich, ganz bei der Sache. Sehr viel eingehender, als über seine Verlobung, sprach er über das neueste wirtschaftliche Ereignis: über die Kieselgurlager, die drüben am Rande der neuesten Forstanpflanzung gefunden waren und die eine Hildesheimer Firma ausbeuten wollte. Hortmann zweifelte, daß die Lager so mächtig waren, wie man annahm, und opferte ungern die junge Anpflanzung. Er hatte alle eingehenderen Verhandlungen aufgeschoben bis zur Ankunft der Herrin, und diese Sache schien einen sehr großen Raum einzunehmen in der Gedankenwelt, die sein breiter Schädel umschloß.

In seiner Braut war das Bedürfnis, über ihr Glück zu sprechen, stärker. Als Jutta sie gegen Abend zu einem Spaziergang durch den Park aufforderte, schüttete das ernste, jetzt von so innigem Glück durchleuchtete, Mädchen harmlos selig die Blüten seines späten Liebesfrühlings vor der Freundin aus und konnte das Schicksal nicht genug preisen, das ihr noch dieses große Glück -- das bescheidene Glück! dachte Jutta -- gegönnt hatte.

"So ganz kannst du es mir wohl nicht nachfühlen", meinte sie endlich -- eine plötzliche Scham überkam sie, daß sie so viel von ihrem Innersten enthüllt hatte -- "du kennst ihn wohl und kennst ihn doch nicht ganz. Was er für ein Mensch ist, ach, Jutta . . . " "Ich weiß es", sagte Jutta lächelnd, "und begreife dein Glück."


189 Auf ihrem Wege hatten sie jetzt den kleinen Hügel erreicht, der von den Kindern in den Stand eines "Aussichtsberges" erhoben war.

"Zwei Jahre sind's nun her, fast auf den Tag", sagte Luise, "als ich zum erstenmal mit dir hier oben saß und du mir von deinem starken, reichbewegten Leben erzähltest -- und ich selber hatte so wenig zu berichten. Recht kümmerlich kam ich mir vor, weil meine Tage so farblos dahingeflossen waren, ohne großes Leid und ohne große Lust -- damals wünschte ich fast, daß ich irgend etwas zu beichten hätte, ich schämte mich des allzu kargen Erlebens. Und nun -- siehst du: es ist doch wohl eine heimliche Gerechtigkeit im Schicksal und eine stille Weisheit, die wir manchmal erst recht spät begreifen -- nun freut es mich, daß ich nichts erlebt hatte, daß ich mich unbewußt bewahrt hatte -- für ihn."

Mit ernstem, andächtigem Blick sah sie über die stille Abendlandschaft hinaus.

Den Zug gutmütigen Spottes gewahrte sie nicht, der Juttas Lippen umspielte. Wie wunderlich die Menschen sich das Leben zurechtschieben. Als einen Vorzug empfand Luise das jetzt -- diese trübe, herbe Vergangenheit, dieses erzwungene Vestalinnentum, diese Unnatur -- ja, Unnatur. Bewahrt -- für ihn? Aber vielleicht -- war es doch etwas Schönes, wenn man so empfinden konnte . . .

Die Tage vergingen.

Für die Gutsherrin von Eicken gab es viel zu tun, viele Anordnungen zu treffen, Entschlüsse zu fassen.


190 Sie nahm mit kräftiger Hand die Zügel wieder an sich. Hellen Auges, wachen Sinnes trat sie wieder in die gewohnte Tätigkeit, in den viel bewegten, straff angespannten Tageslauf ein. Sie arbeitete mit Lust. Denn hinter allem, was sie tat und trieb, stand die große Freude und leuchtete auf sie herab, still und fest, sicher verheißungsvoll. Weniger als sonst, wenn eine neue Leidenschaft ihr Herz ergriffen hatte, empfand Jutta jetzt die Sehnsucht, sich von dem Tagestreiben zurückzuziehen, um in seligen Träumen, in süßem Phantasiespiel ihre Liebe zu genießen.

Franz Herger war nicht eine Gestalt, die neben ihrem Leben herging -- nein, er war jetzt schon aufs innigste mit ihm verwebt. So sehr gehörte er in Juttas Empfinden schon zu ihr, zu allem, was sie anging, so sehr betrachtete sie ihre äußeren und inneren Interessen als die seinen, daß sie sich gar nicht von ihnen loszureißen brauchte, um zu dem Geliebten zu gelangen. Sein Leben war ihr Leben!

Sie freute sich an ihrem Besitz, weil er für die künftige Lebensgestaltung des geliebten Mannes eine breitere, vornehmere Grundlage bot, sie freute sich, ihn auf Eicken als Schloßherrn einzuführen, ihn das genießen zu sehen, was sie in hartem Ringen erarbeitet hatte.

Daß er nur wenig schrieb -- ein einziges kurzes Briefchen hatte sie drei Tage nach ihrer Heimkehr erhalten -- machte ihr geringe Sorge. Sie wußte, daß er kein fleißiger Korrespondent war, sie wußte, daß schwere Arbeitslast auf ihm lag -- und die Zeit war ja nahe, wo sie sich alles mündlich sagen konnten. Daß


191 er nicht schon in Berlin gesprochen hatte, erschien ihr wohl manchmal befremdlich -- aber sie brachte ihre Bedenken leicht zum Schweigen: "Ein Mann in seinen Jahren nimmt den Entschluß nicht leicht. Er braucht Zeit, bis er ganz mit sich im reinen ist." Vielleicht war ihm die Trennungszeit ganz recht, fühlte er sich freier, fähiger zu ernstem, unbeeinflußtem Entschließen, wenn er nicht unter dem Zauber ihrer gegewärtigen Erscheinung stand.

So nahe war ja die Zeit, die ihn zu ihr brachte. Wenn der Birkhahn balzt -- die Erinnerung verwischte sich ein wenig in ihr, sie paßt sich ja so gern dem innigen Wunsche an! -- ganz sicher war Jutta jetzt, daß der Geliebte ihr eine feste Zusage gegeben hatte . . .

Und sie wartete, hoffte -- lebte in der Zukunftsfreude.

Eines Morgens erschien Klaus Börcke mit der Nachricht, daß die Balzzeit da wäre. Gestern hatte er schon den ersten Hahn geschossen. Ob Jutta nicht Lust hätte einmal wieder mit hinauszukommen. Und sie verabredeten einen Morgen, Ende der Woche, an dem Klaus bei nachtschlafender Zeit, halb vier Uhr früh, mit seinem kleinen Jagdwagen vor dem Portal des Eickener Herrenhauses halten würde.

Jutta versprach, ihn zu begleiten -- mit dem geistigen Vorbehalt: wenn nicht inzwischen schon ein anderer gekommen ist, mit dem ich an dem Wagen im Schirm auf Eickener Jagdgrund sitze und den Sonnenaufgang erwarte!


192 Und sie schrieb nach Berlin: "Birkenhahnbalz! Hoffentlich lockt die Kunde den Jäger in die Heide hinaus. Kommen Sie bald. Die gute Zeit geht schnell vorüber."

Von diesem Augenblick an war Juttas Dasein nur ein einziges, langes, freudig gespanntes, zu immer heißerer Ungeduld sich steigerndes Warten.

Festheiligabend war in ihrer Seele, andächtige Vorbereitung auf die große Feierstunde des Lebens.

Daß die Anmeldung nicht schneller kam? Aber er konnte ja nicht so frei über seine Zeit verfügen, wie irgendein müßiger Privatmann. Geschäftsüberhäufung hinderte ihn am Schreiben, ließ noch keine Festsetzung des Reisetermins zu.

Sie wartete, wartete.

Und dann kam ein Abend -- ungewöhnlich milde; ein Frühlingsvorgeschmack lag in der Luft. Jutta ging durch den Park und freute sich am Lichtgrün der jungen Knospen. Es war doch schön bei ihr, schön -- selbst zu dieser frühen Jahreszeit, da die Natur ihre süßen Reize erst ahnen ließ, da sie noch spröde ihren Reichtum verschlossen hielt.

Da schritt der Landbriefträger von der Straße her auf das Herrenhaus zu.

Jutta eilte ihm entgegen. Der Brief, endlich der Brief!

Hastig nahm sie ihn an sich und eilte der Laube zu. Sie wollte allein sein mit ihrem Glück. Eine kurze Weile zögerte sie noch, ehe sie den Umschlag erbrach,


193 ein künstliches Hinausdehnen der Vorfreude -- stürmisch klopfte ihr Herz. Und dann las sie:

"Liebe Freundin, liebe verehrte Frau! Das, was ich Ihnen heute sagen muß,wird mir unsäglich schwer. Nie hat vielleicht noch ein Mann so an die Frau geschrieben, die er liebt. Denn in der Frage, die ich an Sie richten muß, liegt eine Kränkung -- und doch ein höchstes Vertrauen.

Jutta, Sie wissen, daß ich Sie liebe, daß die Vereinigung mit Ihnen für mich das größte Erdenglück bedeuten würde. Sie wissen, daß dieses Geständnis mir schon lange -- lange auf der Seele gebrannt hat; und ich weiß, was Sie mir darauf geantwortet hätten. Eine andere Frau würde vielleicht die Achseln zucken über den allzu Selbstsicheren. Sie tun es nicht. Sie sind zu groß und ehrlich. Ich weiß es, daß Sie nicht mit mir gespielt haben, daß Sie im Herzen mein sind, so wie ich Ihnen gehöre -- gehören werde, selbst wenn das Schicksal uns getrennte Wege führen sollte.

Und nun muß ich Ihnen das sagen, was so schwer in Worte sich fassen läßt, so schwer, daß es vieler Tage, Wochen bedurft hat, bis ich mich zu dem Entschlusse durchgekämpft habe.

Ganz zart, ganz veschleiert möchte ich es ausdrücken, um Ihnen nicht wehe zu tun. Und doch ist es nötig, daß Sie mich klar verstehen: Jemand hat mir Dinge aus Ihrem Leben erzählt, die sich nicht vereinigen lassen mit den Anforderungen, die ich an meine künftige Frau stellen muß. Sie werden fragen: hast du das Recht, solche Anforderungen zu stellen? Und ich muß bekennen: mit dem Maße strenger Gerechtigkeit


194

gemessen, rein abgewogen, Mensch gegen Mensch: nein. Und doch ist mein Anspruch begründet, begründet in dem tief einschneidenden, nicht wegzuphilosophierenden Unterschied der Geschlechter. Mein Denken über diesen Punkt ist Ihnen offenbar geworden in einem unserer letzten Gespräche -- an jenem Morgen im Museum. Die Frau, der ich meinen Namen gebe, der ich die Erziehung meiner Söhne anvertraue, muß so dastehen, daß ich jeden Hauch einer Verleumdung mit Einsetzung meiner Persönlichkeit, meiner Ehre von ihr abwehren kann. Und wie Sie selber denken? An jenem Morgen sprachen Sie über das, was mir heilig ist, in einem Ton, der mich schmerzlich befremdete. Es war nicht die erste Erfahrung dieser Art, die ich im Verkehr mit Ihnen machte. Häufig schon hatten Sie Äußerungen getan, die mir einen Mangel sittlichen Empfindens bewiesen haben würden -- bei jeder anderen, nicht bei Ihnen. Zu sehr widersprachen diese Worte dem Frauenideal, das ich in Ihnen erblickte und auf das ich auch heute noch nicht verzichten will. Noch heute klammere ich mich fest an meinen Glauben. Ich sage mir: die leichten Worte waren ein Spiel mit dem Verbotenen, Rebellenlust -- nichts weiter. Nicht aus dem Herzen kamen sie der lieben Frau; sie ahnte nicht, wie wehe sie mir damit tat. Und das, was boshafte Zungen von ihr erzählen, ist eitles Geschwätz, Verdrehung der Tatsachen, neidischer Klatsch ohne Wirklichkeitshintergrund. Rein ist die geliebte Frau geblieben, stolz, unantastbar. Leichten Fußes, hocherhobenen Hauptes, lachend im Frohgefühl ihrer


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Kraft und Überlegenheit, ist sie an dem kleinen Menschenvolk vorübergeschritten. Und ihre lachende Gleichgültigkeit hat manchen verletzt. Ihr Reiz hat viele angezogen, die Tage einer solchen Frau konnten nicht ohne Erlebnisse dahingehen: gern hat sie die Wonne gekostet, über Menschenherzen zu siegen -- manchmal vielleicht ist sie selber nicht kalt geblieben bei diesem Liebesspiel -- aber erniedrigt hat sie sich nie. Die Vorsicht der kleinen Bürgersfrau, die nach rechts und links schielt, ist ihr fremd. Ihr freier Verkehr mit den Freunden, die ihr lieb waren, hat manchmal wohl Anstoß erregt bei böswilligen Spürnasen. Aber das hat sie wenig berührt. Sie war unvorsichtig -- weil sie nichts zu verstecken hatte.

So ist es, geliebte Frau, so soll es sein.

Oft bin ich wunderbar getrost und sicher in meinem Zutrauen.

Dann aber kommen auch andere Stunden, Angststimmungen, in denen häßliche, widerwärtige Möglichkeiten vor mir auftauchen. Aber selbst wenn ich mir das Schlimmste vergegenwärtige -- das, was eine Verbindung zwischen uns unmöglich machen würde -- in dem einen schwankt meine Überzeugung nie: im Vertrauen zu Ihrer Wahrhaftigkeit.

Ich weiß, daß Sie unsere Zukunft nicht auf eine Lüge aufbauen werden. Und darum komme ich zu Ihnen, Jutta. Sie allein, Sie selber können mich von meiner Qual befreien.

Sie wissen jetzt, was ich Sie fragen will. Und ich danke Ihnen im voraus für die Antwort -- wie sie


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auch lauten mag. Und wenn sie meinem Herzensglück das Todesurteil spricht -- auch dann, Jutta, küsse ich Ihnen die Hände in Dankbarkeit und Ehrfurcht. Auch wenn Sie mir den Glauben an Ihre Frauenreinheit zerstören -- der Glaube an den großen, guten Menschen bleibt.

Sprechen Sie, geliebte Frau. Und möchte es das Wort sein, das ich aus heißem Herzen ersehne! Der Ihre. Herger."

Der Brief entsank den Händen, die ihn eben noch so ungeduldig, freudebebend entfaltet hatten.

Und die Herrin von Eicken starrte mit großen, glanzlosen Augen in die Ferne, hinaus über die wohlgepflegten Parkwege und zart ergrünenden Büsche, nach dem Kiefernwald im Westen. Dort war eben die Sonne versunken. Alle Wärme hatte sie mit sich genommen; und ein Schauer flog durch die Natur, etwas Kaltes, Feindseliges. Jutta hüllte sich fester in ihren Mantel; ihr war, als ob sie sich schützen müßte. Vernichtet, zertreten die tausend bunten, in lichter Hoffnungsfarbe leuchtenden, süß duftenden Freudenblumen, die eben noch so herrlich sie umblüht hatten. Alles zerstört, alles erfroren. Eine neue Welt richtete sich um die Einsame auf, streng und finster, eine Welt, die sie nicht verstand . . .

Der Diener kam vom Hofe herüber: "Da ist der Reitknecht aus Wispingen. Ob gnädige Frau morgen früh bereit wären. Punkt halb 4 Uhr würde der gnädige Herr dann mit dem Jagdwagen hier sein."

Jutta nickte. "Jawohl, es ist gut."


197 Sie hatte kaum hingehört. Dann fiel ihr plötzlich ein: Ach so, zur Birkhahnbalz. Ein schrecklicher Gedanke, morgen früh mit Klaus Börcke in die Heide hinaus zu müssen! Aber schließlich -- weshalb nicht. Es war ja doch alles gleichgültig.



XXXI

[198]

XXXI.

Noch lag die Heide in tiefem Schlummer. Der Morgen war kalt und vollkommen windstill. Kein Blätterrascheln, kein Tierlaut störte das abgrundtiefe Schweigen.

Wenn der Blick über diese weiten, welligen Flächen mit ihrem fernen Horizont dahinglitt, dann war es, als ob er eine ausgestorbene Welt umfaßte. Undenkbar schien es, daß jemals wieder Licht und Leben diese stumme Einsamkeit durchfluten könnte. Todesfinsternis, Todesschweigen. Jutta Hadersloh saß, in ihrem Pelz zusammengesunken, auf dem harten, schmalen Wagenpolster neben Klaus Börcke. Sie sprachen nur selten ein Wort. Klaus war zu früher Morgenstunde stets mundfaul und legte sich keinen Zwang auf, der besten Freundin gegenüber.

Jutta aber hatte keine Zeit zum Plaudern. Sie mußte ja denken -- denken, immer noch einmal durchdenken das Schwere, Unbegreifliche . . .

Zum erstenmal in ihrem Leben hatte sie eine ganz schlaflose Nacht verbracht. Denn die kurze Lösung heute morgen war kein wirklicher Schlaf gewesen, nur eine Pause der schrecklichen Gedankenarbeit, eine Ausspannung, die sie stärkte zu neuer Pein.


199 Was war das für eine Nacht gewesen! Dieses wilde, wirre Gewoge widerstreitender Stimmungen. Manchmal glaubte sie, Rettung in ihrem Stolz zu finden. Das konnte er ihr antun, er, den sie liebte -- geliebt hatte, wie keinen. Diese furchtbare Beleidgung einer Frau ins Gesicht zu schleudern: Ich fürchte, daß dein Leben nicht makellos war, daß du nicht wert bist . . .

Dann lachte sie höhnisch und richtete sich empor, als ob sie in der aufrechten Haltung Kraft zum Verachten gewönne . . .

Nicht wert, sie, Jutta Hadersloh, die von so vielen Geliebte, von vielen Begehrte? Nicht die Schlechtesten waren es gewesen, deren heißes Sehnen sie zum Weibe verlangt -- was hatte der Mann vor ihnen voraus, daß er zögerte, daß er Bedenken trug -- war das Ehrenschild jener anderen weniger kostbar gewesen als das seine? Tor, schwerblütiger, verblendeter Tor. Sie liebte ihn mit großer, heißer, schrankenloser Liebe. Ihr ganzes Leben wollte sie umgestalten um seinetwillen, alles bot sie ihm freudig dar, was das Weib dem geliebten Manne zu bieten vermag -- ganz sicher war sie, daß er in der Ehe mit ihr alles finden würde, was er erwartete, ersehnte -- und er -- statt jauchzend das Glück an sich zu reißen -- er zögerte, fragte. Was gab ihm die Befugnis, ihr diese Kränkung anzutun? Er forderte sie auf, sich selber anzuklagen oder vom Vedacht sich zu reinigen -- unerhört -- Wahnsinn. Darauf gehörte nur eine Antwort: ein kaltes Lebewohl.

Und weshalb sträubte sich alles in ihr gegen diese verdiente Antwort? Was gab ihm diese große, diese grausame Macht über ihr Leben?


200 Meine Liebe, schluchzte es in ihr, meine unendliche, nicht zu ertötende Liebe. Der männlichste Mann ist er mir, der einzige, der mir das große Weibesglück schenken kann: die Wonne demütiger Hingabe.

Von der ersten Stunde an hatte sie es erkannt: die starke, tiefe Empfindung, die sie zu Franz Herger hinzog, war etwas anderes als die Leidenschaften, die sie früher durchlebt, etwas Reines, Echtes, Großes. Nicht in den Sinnen allein wurzelte sie, noch in der regsamen Phantasie - nein, reine, glühende Sehnsucht war ihr Wesen und ein andächtiges Vorempfinden des großen Glückes, das da heißt: Eins sein mit dem geliebten andern. Vielleicht ein frommer Wahn, vielleicht ein Glück, das keiner Menschenseele je zuteil wird. Und doch -- schon das gläubige Ahnen der Seligkeit gießt eine Flut von Wärme über ein Menschenleben aus, eine Wärme, die verschwenderisch ausstrahlt über vergangenes und künftiges Sein . . .

"So, Jochen, nun halt' mal an", rief Klaus Börcke seinem Kutscher zu. "Hier geht das nicht weiter mit dem Gefährt. Nun müssen wir 'raus, meine Gnädigste. Eine Büchse haben Sie nicht mit. Also leisten Sie mir nur Gesellschaft in meinem Schirm? Schön. Sie sind ja die einzige Frau, die man auf der Birkhahnbalz brauchen kann, weil Sie fähig sind, eine Stunde und länger als stummes Steinbild neben einem zu sitzen."

Jutta lächelte matt über das Kompliment. "Übrigens einen viel schlechteren Weg hätten Sie nicht aussuchen können, lieber Börcke", meinte sie dann, nachdem sie etwa zehn Minuten neben ihm hergewandert war, "bis über die Knöchel steck' ich schon im Morast."


201 "Ja, der verdammte Schlick", brummte Klaus Börcke, "aber es hilft nichts. Dort hinüber müssen wir. Bei den Torfstichen ist der Balzplatz. Wir sind ja gleich drüben."

Sie hatten den Schirm erreicht, der mitten im Heideland errichtet war. Zwei Stühle fanden gerade Platz in der primitiven kleinen Behausung.

Da saßen sie nun dicht nebeneinander, die Knie mit Reiseplaids bedeckt, still und geduldig, nur selten ein Wort wechselnd, Klaus Börcke und seine beste Freundin -- wie sie schon manchesmal gesessen hatten in früheren Jahren -- und warteten auf den Morgen.

Noch lastete die Nacht auf der Heide, farblos traurig, und die Kälte, die dem Sonnenaufgang vorangeht, machte sich unangenehm fühlbar. Jutta empfand sie besonders peinlich nach der durchwachten Nacht.

"Sie frösteln?" fragte Klaus. "Kein Wunder bei der Hundekälte. Na, warten Sie, ich habe hier noch eine Reisedecke." Und er wickelte sie ein wie ein Paket. Seine Sorglichkeit tat ihr gut. Sie schloß die Augen. Und etwas wie Frieden zog in ihr Herz -- neues Zutrauen zum Schicksal. Mußte sie denn überhaupt die kränkende Frage so schwer, so vollgewichtig auffassen? Erwartete er das wirklich? Seine anerzogenen pedantischen Ehrbegriffe bedrängten ihn. Er quälte sich und wollte von ihr Beruhigung, Befreiung haben. Nichts anderes verlangte er, als daß sie seine grämlichen Bedenken mit frohem, festem Sinn zum Schweigen brächte. Er kannte sie ja so ganz - ihr innerstes Wesen lag offen vor ihm da. Wenn sie ihm antwortete, nach ihrer vollen Überzeugung: "Ich habe nichts getan, dessen ich


202 mich zu schämen hätte!" dann würde er sie jubelnd in seine Arme schließen, zu seinem Glück, zu ihrem Glück.

Etwas von ihrem alten Wesen, von ihrer sicheren Schwindelfreiheit kam über sie. Aber nur für ganz kurze Zeit, wie eine schöne Erinnerung. Dann fühlte sie von neuem den Druck auf ihrer Seele, der das sorglose Aufflackern nicht mehr zuließ. Wie war das Leben doch sonst so leicht und einfach gewesen für die schöne Frau von Hadersloh. Wohl hatte sie entbehrt, gelitten, gekämpft, aber es war doch immer fester Boden gewesen, auf dem sie gestanden hatte. Ihre Seele war nie aus dem Gleichgewicht gekommen. Sie war immer den Antrieben ihrer starken Natur gefolgt -- damals, als sie trotzig mit dem Schicksal rang, und ebenso in den glücklichen Stunden, da sie unbekümmert in heißem Lebensdrange Liebe empfing, Liebe genoß, da sie den süßen Trunk bis auf die Neige schlürfte -- unschuldig froh. Ja, unschuldig. Eine Sünderin, die nichts von Sünde weiß. Auch die Erfahrungen, die sie an anderen machte, hatten sie nie ernstlich berührt.

Es gab Menschen, die über ihr Leben entrüstet waren, gewiß. Aber diese kleinlichen Seelen belächelte man . . . Jetzt, zum erstenmal stieg die Erkenntnis einer Macht in ihr auf, gegen die ihre heitere Lebensphilosophie vergeblich sich wehrte, einer Macht, die man nicht einfach verneinen, fortlächeln konnte -- leise, ganz leise und ferne hatte sie ein Mahnen dieser Macht empfunden, als nach dem Tode des armen Elfchens die Vorwurfsschatten einer Schuld sie umschlichen, die ihr Verstand doch nicht als Schuld anerkennen wollte -- seitdem war etwas von ihrem alten freien Selbst verlorengegangen --


203 eine Vorbereitung war jene Stunde gewesen für die bittere Erkenntnis, die heute schwer lastend auf ihre Seele sich legte . . .

"Hören Sie wohl? Die Heide erwacht", sagte Klaus Börcke.

Aus ihrem Sinnen aufschreckend, sah Jutta vorsichtig aus der Öffnung des Schirmes heraus. Im Osten, dort, über dem braunen Heidehügel, zeigte sich ein hellerer Schimmer, das zarte erste, leise Grauen des anbrechenden Tages, und mit dem Licht erwachten die Töne. Von fernher scholl der meckernde Ruf der Bekassinen, dann das Pfeifen des Pipers im Moor, das Flöten der Drossel -- und in dieses helle Konzert stimmte ein dumpfer Klageton ein, der aus dem Föhrengehölz herüberdrang; so äußerte die Ohreule ihre Gefühle. Es flatterte durch die Luft, es regte sich im Heidekraut.

Dort -- etwas Braunrotes, ganz fern, am Waldrand: ein Rehbock, der hervortrat, auf der Wiese seine Äsung zu suchen.

Ein leises, ganz mählig ansteigendes Kreszendo des Lebens -- und dann das große Ereignis: sieghaft herrlich, in königlicher Pracht steigt die Sonne hinter dem Heidehügel empor -- das Kreszendo ist zum Forte angewachsen, sie ist da, die Sonne, die große, heiße, gütige Lebenspenderin!

Und das mit wachen Sinnen wahrzunehmen: wenn die ernste, stille Heidenatur ihr Auge öffnet dem neuen Tage, um dieses Erlebens willen weit mehr, als aus Jagdlust, war Jutta so oft schon hinausgegezogen


204 zu nächtiger Stunde. Und wenn dann die Lichtquelle hervorbrach und unter ihrer Berührung alle grauen, kalten, stumpfen Töne sich wie im Zauberspiel zur Farbe entzündeten, dann war helle Freude in Juttas Herzen erwacht -- damals -- heute nicht. Heute schreckte sie zurück vor dem aufglühenden Tage. Der Tag war die Wirklichkeit, die Wahrheit -- die unerbittliche Notwendigkeit.

Mit kalter Helle füllte er ihre Seele.

Sie wußte jetzt, was sie zu tun hatte.

Klar lag das Schicksal vor ihr.

Den Forderungen seiner Natur mag folgen, wer sich stark genug fühlt, ein eigenes Leben zu leben, so hatte ihre Devise gelautet, aber vor einem darf er nicht zurückscheuen: die Folgen seiner Handlungen auf sich zu nehmen.

Ein reiches Leben hatte sie gelebt, erfüllt von der flutenden Bewegung, von dem reizvollen Auf und Nieder, das alle Möglichkeiten des Daseins erschöpft, alle Kräfte des Körpers und der Seele in Schwingung erhält.

Viele, unendlich viele Glücksstunden hatte sie genossen, aber . . . das eine Glück war ihr versagt -- das höchste:

Ein Heiligtum sein dem geliebten Manne . . . das Glück, das nur ganz reinen Händen erreichbar ist.

Ein Jammer glühte auf in Juttas Seele, heiß und schmerzlich, ein Zorn auf das Leben, auf ihr Leben . . .

"Da -- sehen Sie?" Klaus Börcke hauchte es kaum hörbar vor sich hin. Sie folgte seinem scharf gespannten Jägerblick.


205 Ssst! ein Hahn sauste vorbei. Jetzt war er eingefallen auf der Wiese neben den Torfstichen. Ganz deutlich meinte Jutta den blau und schwarzen Schimmer zu erkennen, die Rose über dem Auge. Ein langgezogenes Zischen, die wohlbekannten Kollerlaute beim Hochspringen, er schlug mit den Flügeln, tanzte, rodelte -- hochaufgerichtet, in höchster Erregung der Kampflust und Liebesbegierde trippelte er über die braune Heide . . .

"Jetzt!" sagte Jutta.

Klaus Börcke legte an, aber er schoß nicht. "Ich will ihn schonen." Das war oft seine Art. Er wollte das Wild nur sicher vor dem Schuß haben. Aber die Jagdbeute lockte ihn nicht.

Da kam etwas über Jutta -- etwas Hartes, Wildes -- sie riß dem Freunde die Büchse aus der Hand -- ein Knall -- der Hahn schlug mit den Flügeln, dann lag er, das herrliche Spiel weit ausgebreitet, im Heidegras.

"Ein guter Schuß", sagte Klaus Börcke, sich erhebend, und schritt auf den toten Hahn zu.

Jutta folgte ihm nicht.

Sie biß sich auf die Lippen und Tränen stürzten ihr aus den Augen.

Klaus Börcke sah die Tränen, als er zurückkam, ihr die Jagdbeute zu bringen. Ein erstaunter Blick. Aber er fragte nicht. Mit dem Instinkt echter Freundschaft fühlte er: die Frau trug ein Leid, das er nicht von ihr nehmen konnte. -- -- -- --

Noch an demselben Morgen saß Jutta an ihrem Schreibtisch und schrieb die Worte: "Lieber Freund,


206 ich blicke ohne Reue auf mein Leben zurück. Alles, was ich getan habe, kann ich vor mir selber verantworten. Aber das, was Sie von Ihrer künftigen Frau verlangen, bin ich nicht. Leben Sie wohl."

Sie schloß den Brief und trat an das Fenster. Weit riß sie die beiden Flügel auf. Vom frisch gepflügten Acker her wehte ein kräftiger Wind. Der Atem der Scholle stieg zu der einsamen Frau empor und neue Kraft erfüllte ihre Seele.

Ein Glück lag zertrümmert zu ihren Füßen, das kostbarste, am heißesten ersehnte . . . aber dort draußen breitete die Natur ihre unendliche Fülle aus, das unerschöpfliche, starke Leben. 

Bibliographic Information
Publication Date
1912
Publication Place
Dresden
Press
Verlag von Carl Reißner
Gedruckt beo Petzschke & Gretschel, Dresden-A