Gottschedtitelseite1


Briefe
 

der Frau
 

Louise Adelgunde Victorie
Gottsched
 

gebohrne Kulmus.

Erster Theil

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Mit Ehurfürstl. Sächß. gnädigster Freyheit.
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Dresden, 1771.
Gedruckt mit Harpeterischen Schriften.
 


[This Text was Prepared and Edited by Sam Lindsey,
Brigham Young University]

 


[i]

Vorbericht.

Geneigte Leser!
Ihnen übergebe ich diese gesammleten Originalbriefe einer verewigten Freundin, deren Name auch in dieser Schreibart der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Es enthält diese Sammlung keine zusammenhängende Lebensgeschichte der Verfasserin, und ist denen gewöhnlichen Briefsammlungen, welche mehrentheils im Ganzen einen Roman ausmachen, keinesweges ähnlich. Ich hoffe, daß sie sich
 

[ii] von allen denen unterscheidet, die bisher im Druck erschienen; und daß unpartheyische Leser den Vorzug einsehen werden, den diese für jenen billig verdienet. Alle diejenigen, so besondere Nachrichten von dieser vortreflichen Frau zu wissen verlangen, verweise ich auf das, von dem verstorbenen Herrn Professor Gottsched, weitläuftig entworfene Leben seiner würdigsten Gattin, welches in Breitkopfs Verlag, 1763. zu Leipzig herausgekommen. Ich will nur kürzlich erwähnen, daß Danzig die Geburtsstadt unserer Gottsched gewesen, und daß sie eine gebohrne Kulmus war. Ihre Erziehung war vollkommen, weil sie das Glück hatte von Eltern gebohren zu seyn, die selbst Einsicht hatten, und die Bildung des Herzens und Verständes
 

[iii] ihrer Tochter, sich eifrig angelegen seyn ließen. Den Grund zu ihren Wissenschaften hatte sie also schon in ihrer Jugend gelegt. Als sie 1729. ihren Freund und nachherigen Ehegatten kennen lernte, übte sie sich immer mehr darinnen, und von diesem Zeitpunct gehen ihre Briefe an.
Sie schrieb reines Deutsch, ehe sie von dem Meister der deutschen Sprache unterrichtet wurde. Religion, Tugend, Wissenschaft, Belesenheit, alles was man von einem Frauenzimmer verlangen kann, findet man in ihren Briefen. Es herrschet mehr ein philosophischer Ernst darinnen, als der Scherz, und das tändelhafte, welches den Franzosen eigen ist, und nur selten den Deutschen in der Nachahmung gelingen wird. Nie würde unsere Kulmus
 

[iv] eine muthwillige Babet geworden seyn, aber in allen Stücken kann dieselbe einer Dacier, einer Scüderi, einer Deshoulieres und einer Beaumont an die Seite geseßet werden.
Ihre ersten Briefe sind in ihrem 19ten Jahre an ihren Freund geschrieben, und mit welcher anständigen Bescheidenheit drücket sie sich über alles aus, wovon sie sich mit ihm unterhält? Bald schreibt sie zärtlich, ohne in verliebte Schwachheiten zu verfallen; bald ist sie über verschiedene Gerüchte gerührt, ohne aufgebracht zu werden; bald will sie belehrt seyn, und bald fällt sie ihr Urtheil von denen Schriften, damit ihr Freund ihre Büchersammlung bereicherte. Alle diese Briefe sind Beweise ihrer wahren Tugend und ungeheuchelten Gottesfurcht; ihres reifen Verstandes in jungen
 

[v] Jahren; ihrer, von allen heftigen Leidenschaften gereinigten Zärtlichkeit; ihrer Ehrfurcht und Liebe gegen ihre Aeltern; ihrer Neigung zur Ordnung und Sparsamkeit; ihrer Abneigung von Eitelkeit und allem Ueberfluß; ihrer Aufrichtigkeit und Liebe zur Wahrheit; ihres Sieges über alle Vorurtheile; ihrer Beschäftigung mit nüßlichen Dingen; ihrer Kenntnis in allen Wissenschaften, und ihrer Begierde es einmal so weit zu bringen, als es einem Frauenzimmer möglich und erlaubt wäre. Diesen Zweck hat unsere Gottsched erreichet. Ich berufe mich auf das vielgültige Zeugnis vieler noch lebenden Personen und großer Gelehrten. Als sie sich verheyrathete, war sie sowohl der französischen als englischen Sprache mächtig. Nachher übte sie sich nicht allein noch mehr in diesen
 

[vi] beyden, sondern wendete auch viel Fleiß und Mühe auf die Erlernung der lateinischen Sprache, deren Unentbehrlichkeit sie bey der Begierde zu den Wissenschaften wohl einsah. Der noch lebende Herr Professor Schwabe in Leipzig hatte das Glück, der Meister dieser lehrbegierigen Schülerin zu seyn, und welche Ehre hat sie ihm gemacht! In einem prosaischen Schreiben vom Jahr 1737. rühmt derselbe mit Ueberzeugung "der Frau Gottsched ihren scharfsinnigen Geist, ihren geübten Verstand, ihre geläuterte Vernunft, ihr mit so manchen fremden Sprachen angefülltes Gedächtnis, (sie war auch in der griechischen nicht ganz unwissend:) ihre gründliche Erfahrung in den freyen Künsten, die Fertigkeit, ihre Gedanken lebhaft, richtig und zierlich
 

[vii] "auszudrücken, ihr von aller Eitelkeit entferntes Herz, ihre Stärke in der Musik, (darinnen sie es bis zur Composition gebracht, und das Clavier und die Laute mit vieler Fertigkeit spielte:)" Er sagt weiter: "daß sie sich gewaget, den Herodot, Homer, Longin, Plutarch und Lucian zu lesen, Bücher, die auch vielen Studirenden verschlossen, und manchen sogenannten Gelehrten kaum den Titel nach bekannt wären. Daß ihre Feder die Ausarbeitung einiger Reden mit glücklichem Erfolg unternommen, daß sie die Säße der Weltweisen untersuchet, und sich diejenigen zugeeignet, deren Wahrheit sie am besten gegründet zu seyn befunden. Daß sie besondere Neigung gehabt, den tiefen und wahren Grund der Philosophie, nämlich die Lehren
 

[viii] "der Mathematik einzusehen." Kurz zu sagen, unsere Gottsched suchte ihren Ruhm und die wahre Ehre darinnen, immer vollkommner und immer klüger zu werden.
Dieses ist die Abschilderung meiner Freundin, und wer findet nicht, daß es ihr Bild ist, wenn man das wesentlichste, ich meyne die Eigenschaften ihres Geistes, an ihr betrachtet. Wie viel Beweise ihrer Geschicklichkeit hat sie der Welt, durch viele Ueberseßungen aus dem Französischen und Englischen, nicht vor Augen gelegt? Wie unermüdet hat sie gearbeitet? Oft hat ihr schwächlicher Körper unter der Last gelehrter Beschäftigungen, die doch die Nahrung ihres Geistes waren, geseufzet. Sie war bey allen gelehrten Arbeiten immer die eifrigste Gehülfin ihres Mannes. Ein Ruhm,
 

[ix] den ihr derselbe selbst beygelegt, und den ihr niemand streitig machen wird. Ich behalte mir vor, künftig ein genaues Verzeichnis aller ihrer Werke anzuführen.
Herr Pastor Brucker in Augspurg drückt sich in einem Brief an meine Freundin vom 1. Nov. 1745. also aus:
"Ich habe billig Ursache, unserm Vaterlande Glück zu wünschen, daß es durch Dero geübte Feder, den Aufseher, eine Sittenschrift erhalten hat, aus der es sich durch den Inhalt in den Sitten bessern, und durch die Ueberseßung in den Schönheiten seiner Sprache bereichern kann. Wie mancherley Ursachen findet Deutschland nicht, sich einer Tochter zu rühmen, Deren ausbündige Gelehrsamkeit ihm so viel Ehre
 

[x] "bringt, und deren Verdienste durch das Anbellen der Neider immer kennbarer werden."
Alles dieses war aber nicht der einzige Werth unserer Gottsched. Auch durch ihre Tugend und untadelhaften Sitten konnte sie ihrem Geschlechte zum Beyspiel dienen. In allen ihren Reden und Handlungen beobachtete sie den strengsten Wohlstand. Oft, wenn sich in den Schriften, die sie überseßte, etwas fand, was ihr anstößig zu seyn schien, so wußte sie solches geschickt zu ändern, um kein Aergernis zu geben. Eine solche vollkommne Frau konnte nicht anders als gut und unterrichtend schreiben, und im Jahr 1734. war ihren Briefen schon das Schicksal, gedruckt zu werden, bestimmt. Sie lehnte es damals ab, und wollte es bis nach ihrem Tode ausgeseßt wissen. Im Jahr
 

[xi] 1752, erlangte ich die mir ewig werthe Bekanntschaft mit meiner Freundin. Bis dahin hatte ich sie als eine gelehrte Frau, als Schriftstellerin, und als Dichterin bewundert; nunmehr lernte ich ihr zärtliches Herz kennen, das ganz zur Freundschaft gebildet war. Ihre freundschaftlichen Briefe, davon ich künftig welche liefern werde, sind Zeugen ihrer Gesinnungen, und brachten mich so, wie meine Freundin selbst, auf die Gedanken, der Welt solche mitzutheilen. Wenn jemals meine Briefe gedruckt werden, (waren ihre eigenen Worte:) so sollen Sie die Besorgung davon übernehmen. Ich habe diesen Auftrag erfüllt. Möchte ich doch bey der besten Absicht auch meinen Zweck erreichen, und meiner Freundin den Beyfall der Leser zuwege
 

[xii] bringen! Man fordert von den Deutschen sie sollen gute deutsche Briefe schreiben, und aus Mangel guter Originalbriefe in unserer Sprache, empfiehlet man dem Frauenzimmer Ueberseßungen zu lesen, um ihren Styl darnach zu bilden. Die meisten, und die besten darvon, sind Liebesgeschichten, woraus jungen Personen unbeschreiblich viel Nachtheil zuwächst. Ihr Herz wird verderbt, und ihr Styl wird immer unnatürlich seyn, wenn sie ihren Vorbildern nachzuahmen suchen. Diesem Uebel habe ich abzuhelfen gewünscht, und eine Sammlung liefern wollen, die nirgends einen schädlichen Eindruck machen wird. Unsere Gottsched lehrt, ohne Regeln darüber zu geben, bey mannigfaltigen Gegenständen, den, einem jeden angemessenen Styl. Jeden Brief, und
 

[xiii] jeder Sache, darüber sie schreibt, giebt sie eine eigne Wendung, und das natürliche, das ungezwungene, leuchtet durchgängig hervor. Diese Briefe haben noch den vorzüglichen Werth, daß es wirklich Originale, und theils an noch lebende, theils an verstorbene Personen geschrieben sind.
Ich statte hierdurch denen würdigen Personen, die meine Sammlung, durch die Einsendung einiger Briefe von meiner Freundin, bereichert haben, öffentlich den verbindlichsten Dank ab. Sie werden alle in den folgenden Theilen, auf künftige Michaelismesse erscheinen, und beyde dadurch interessanter, als dieser erste seyn. Man wird die Verfasserin immer mehr bewundern, und immer höher schäßen. Ich freeue mich der
 

[xiv] Freundschaft, mit welcher wir im Leben verbunden gewesen, dieses Denkmal errichtet zu haben; und werde die reichlichste Belohnung darinne finden, wenn ich durch meinen freundschaftlichen Eifer, etwas zur Verewigung der Verfasserin beytragen kann.
Dresden,
den 19. April 1771.
Dorothee Henriette von Runckel.

ERSTER THEIL - 1

 

  [1]

Erster Brief.

An Ihren Freund und nachherigen Ehegatten.
Danzig den 12. Jul. 1730.

Hochzuehrender Herr,

Sie sind also glücklich nach Leipzig gekommen! Sehn Sie was unsere Wünsche für gute Wirkung gehabt haben. Von diesen sind Sie aber auch zu Wasser und zu Lande begleitet worden. Und gewiß wäre es auch das erstemal, daß die


2 Wünsche treuer Freunde und die Bitten einer Freundin unerhört vom Himmel zurücke gekommen wären. Eine, und gewiß nicht die kleinste meiner Hoffnungen wäre also erfüllt. Aber - - - doch mein unzeitiges Murren mächte nur mein Verlangen später befriedigen. Wer weis, ob nicht das Zeichen ihres Schiffs von glücklicher Vorbedeutung gewesen ist? Lassen Sie uns der Vorsicht trauen, die unsre Bekanntschaft selbst gefüget hat; ist es ihr Wille, so wird die reinste und zärtlichste Freundschaft durch sie beglücket werden. Ihr Segen ruhet auf den Tugendhaften. Lassen Sie uns tugendhaft seyn: so haben wir einen Anspruch auf ihre Hülfe. Erzeiget sie uns dieselbe später als wir wünschen: so ist es Prüfung, die wir verehren wollen. Leben Sie wohl, schreiben Sie mir oft, und beruhigen dadurch Ihre treuste Freundin

Kulmus.

 

  3

Zweyter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 20. Sept. 1730.

Hochzuehrender Herr,

Ich kann Ihnen nicht beschreiben, mit welcher Ungedult wir eine Nachricht von Ihnen erwartet haben. Ihr Stillschweigen, daran wir nicht gewohnt sind, machte uns vielerley Kummer, und jeder der in unserm Hause Antheil an Ihrem Wohl nimmt, bemühte sich die Ursache davon zu errathen. Endlich, da wir eben in einer langen Unterredung von Ihnen noch beysammen waren, erhielten wir Ihre Briefe. Urtheilen Sie von unsrer Freude. Jedes war begierig den seinigen zuerst zu lesen, und eben so begierig die andern zu hören; Stellen Sie sich die angenehme Verwirrung dabey vor. Alles was Sie mir gefälliges in Ihrem Schreiben

4 sagen, ist eine Vorschrift wie ein tugendhaftes Frauenzimmer seyn soll, und auch zugleich ein Beweis wie viel mir, und den meisten meines Geschlechts an dieser Vollkommenheit fehlt. Die Beschreibung, die Sie von dem sächsischen Frauenzimmer machen, ist sehr vortheilhaft. Glücklich ist das Land, das viel solche Töchter aufweisen kann, aber auch diese finden sich belohnt, wenn sie von einem Verehrer der Tugend bemerkt werden, der sie auch Ausländern so schön zu empfehlen weis. Ich hoffe auf dem Wege der Tugend nicht zurücke zu bleiben, sondern darauf immer weiter zu kommen. Hierbey ist das Herz allein geschäftig, und es darf sich nur um eine Kenntniß seiner Pflichten bemühen, und deren Ausübung sich lassen angelegen seyn, so wird' es seinen Zweck nie verfehlen. Andere Vorzüge zu erlangen ist weit schwerer. Darzu werden Talente und Fähigkeiten des Geistes erfordert. Sehr schüchtern und furchtsam habe ich zuweilen einen Blick

5 in das Reich der Wissenschaften gewaget, aber ich bin noch nicht weit darinnen gekommen. Sie haben schon oft den Wunsch bey mir erreget, daß Sie mein Mentor und näher bey uns seyn möchten, alsdann hofte ich den Grad der Vollkommenheit zu erlangen, den Sie mir schon jetzt so freygebig beylegen. Ich bin mit aller Hochachtung ie.
Kulmus.

Dritter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 27. Octobr. 1730.

Hochzuehrender Herr,

Wie viel Dank bin ich meinen Eltern schuldig, daß sie mir einen so lehrreichen Briefwechsel erlauben. Die Bücher, die Sie mir zu lesen empfehlen, sind vortreflich. Ein Fenelon, ein

6 Fontenelle haben sich viel Mühe gegeben, unser Geschlecht zu unterrichten und zu bessern. Vorzüglich aber gefällt mir die Marquise von Lambert. Welche unvergleichliche Mutter! Sie lehrt ihre Tochter nicht auf den äußerlichen Reiß ihrer Jugend, ihres Geschlechts sich zu verlassen, sondern ihr Herz zu bilden, ihren Verstand aufzuklären, und sich wirkliche Vorzüge zu verschaffen. Ich werde Ihrem Rathe folgen, und mich an die Uebersetzung wagen.
Aber warum wollen Sie mir nicht erlauben, daß ich französisch schreibe? Zu welchem Ende erlernen wir diese Sprache, wenn wir uns nicht üben und unsere Fertigkeit darinnen zeigen sollen? Sie sagen, es sey unverantwortlich, in einer fremden Sprache besser als in

7 seiner eigenen zu schreiben, und meine Lehrmeister haben mich versichert, es sey nichts gemeiner als deutsche Briefe, alle wohlgesittete Leute schrieben französisch. Ich weiß nicht, was mich verleitet, Ihnen mehr als jenen zu glauben, aber so viel weis ich, ich habe mir nun vorgesetzt, immer deutsch zu schreiben. Sie werden mich tadeln, und dieser Tadel wird mich bessern. Dieses ist doch Ihre Absicht? Die englische Sprache hat vielen Vorzug in meinen Augen. Wenn ich mehr davon wüßte, schrieb ich Ihnen lauter englische Briefe. Ich hoffe es noch so weit zu bringen, und Sie sollen die Erstlinge meines Fleißes erhalten.
Jetzt lese ich Les hommes illustres de Plutarque. Ich bin begierig zu wissen, welches Ihr Held ist, und ob wir in unserer Wahl gleichförmig sind? - - Ich versichere Ihnen meine beständige Hochachtung.
Kulmus

8

Vierter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 7. Januarii 1731.

Hochzuehrender Herr,

Wenn ich geneigt wäre mich zu rächen, so würden Sie hier einen englischen Brief lesen. Ich wüßte Sie nicht besser zu strafen, als in der Sprache zu antworten, darinnen ich noch eine Schülerin bin. Sie haben mir neulich einen Verweis gegeben, daß ich lieber französisch schriebe; Sie stellten mir die Mannigfaltigkeit des Ausdrucks und die männliche Schönheit meiner Muttersprache so lebhaft vor, daß ich sogleich den Entschluß faßte, mich mehr darinne zu üben, und ich fieng schon an, gerne deutsch zu denken und zu schreiben. Kaum lege ich der englischen Sprache ein schwaches Lob

9 bey, so glauben Sie, ich bin auf englischer Seite, und verweisen mir mein Unrecht. Auch dieses lasse ich mir gefallen; Sie sind aber damit noch nicht zufrieden und zeigen mir einen Verdacht, der mir nahe geht. Ihr beygelegtes Geschenk läßt mich vermuthen, daß sie mich für eigennützig halten; ein Laster, das ich verabscheue. Nein, bester Freund! Nie werden Sie mich durch Geschenke gewinnen. Wenn die Vorzüge des Verstandes und Herzens nichts bey mir ausrichten; so werden alle Schätze der Welt mir gleichgültig seyn, so magnetisch auch diese Kraft bey vielen seyn mag. Führen Sie mein Herz nicht in die Versuchung, daß es auf solche Sachen falle, davon ich es ganz zu entwöhnen gesucht habe. Schriften, die den Verstand bilden und das Herz bessern, werden mir allemal ein sehr angenehmes Geschenk seyn. So eines, aber kein anders erwarte ich künftig von Ihrer Güte. Plutarch beschäftiget mich immer noch; Aristides ist unvergleichlich in

10 seinen Handlungen, und ein Muster der Versöhnlichkeit gegen seine Feinde.
Ich wünsche Ihnen im neuen Jahre alles Glück, was die Vorsehung rechtschaffenen Seelen nicht versagen kann. Auch Sie werden gewiß Ihr Theil erhalten. Ich bin unverändert Ihnen ganz ergeben
Kulmus.

 

Fünfter Brief.

An eben Denselben.
Danzig im Octobr, 1731

Hochzuehrender Herr,

Ich danke Ihnen für das aufrichtige Mitleid, so Sie mir über den Verlust meines besten Vaters bezeigen, auf das verbindlichste. Wie gerne möchte ich Ihnen aber auch zugleich sagen, daß mich Ihre Vorstellungen beruhiget hätten!

11 Aber alles, was Sie mir darüber sagen, ist nicht hinreichend meinen Schmerz ganz zu stillen. Mein Verlust ist zu groß, und meine Klagen zu gerecht, als daß solche sogleich aufhören könnten. Es ist wahr, Gott hat mir noch eine Mutter gelassen, deren Beystand mir sehr zum Troste gereicht, und die bey ihrem Verstande und vortreflichen Herzen auch Vaterstelle an mir vertreten wird. Allein einen rechtschaffenen, einen liebreichen Vater zu verliehren, ist ein Schmerz, der länger dauert, als die seelige Stunde seiner Auflösung dauerte. In dieser empfand ich alles das nicht, was ich nach seinem Tode erst empfunden habe, und noch täglich empfinde. Sein Andenken, jede gute Lehre, so er mir gegeben, seine Warnungen, und was weit mehr ist, sein unterrichtendes Beyspiel, alles ist vor meinen Augen und vor meinen Ohren. Möchte ich ihn doch bald in die seeligen Wohnungen folgen, wo er mich vielleicht schon mit

12 väterlicher Freude erwartet! Dieses ist jetzt mein einziger Wunsch. Ich bin mit vollkommener Hochachtung u.s.w.
Kulmus.

 

Sechster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 15 Decbr. 1731.

Hochzuehrender Herr,

Die vortheilhafte Meynung, so Sie von mir gefaßt, hat ungemein viel schmeichelhaftes für mich, und Ihre Wahl macht mir Ehre. Wie glücklich wäre ich, wenn mich meine Verdienste darzu berechtigten. Ihr Beyfall macht meinen einzigen Werth aus, und ich würde stolz darauf, wenn ich nicht von meiner eigenen Ueberzeugung gedemüthiget würde. Eins bitte ich Sie H. H. lassen Sie meine Trauer ungestört zu Ende gehen, ehe ich an vergnügte Tage gedenke. Ich rechne mir es zur Pflicht, gegen

13 meinen Vater auch im Tode die Ehrfurcht nicht zu mindern, die ich ihm im Leben schuldig war; und ich kann die Trauer meines Herzens eben so wenig verkürzen, als es der Wohlstand erlaubt, die Farbe der Kleider zu verändern. Erlauben Sie mir immer, eine Freude, zu welcher der Verstorbene mir großen theils selbst geholfen, so lange auszusetzen, bis die Zeit meinen Schmerz besieget und mir gestattet, dieselbe mit der Traurigkeit über meinen Verlust zu verwechseln. Es ist dieser Aufschub das geringste Opfer, das ich dem Andenken meines Vaters schuldig bin.
Ihr Bild wird mir angenehm seyn: ich werde mich oft mit demselben unterhalten, und ihm alles klagen, was ich dem Originale nicht sagen kann. Jetzt bin ich zum Denken, Reden, und Schreiben ungeschickt, aber auch in diesem fast leblosen Zustande, dennoch Ihre

ergebenste Kulmus.

 

14

Siebenter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 9. Januar. 1732.

Hochzuehrender Herr,

Kein angenehmeres Geschenk, als Ihr Bild, konnte ich von Ihnen bekommen. Ich danke Ihnen recht sehr dafür. Das Gemählde ist vortreflich. Es ist dem mir ewig werthen Originale durch den Mahler weder ein Abbruch, noch durch seine Kunst ein unnöthiger Zusatz geschehen. Aber was haben Sie diesem leblosen Bilde sonst für eine besondere Eigenschaft mitgetheilet? Ein jeder, der mich siehet, will in meinen Augen eine gewisse Zufriedenheit lesen, und alle sagen, daß ich seit wenig Tagen viel vergnügter und munterer geschienen, als ich seit meines Vaters Tode gewesen wäre. Sehen Sie, was Ihr Schatten vor Wunder

15 thun kann. St. Evremond mag Ihnen meine Gedanken darüber sagen.

Votre image fera mon plaisir le plus doux,
A toute heure, en tous lieux j'aurai sa Compagnie
Et mon fidèle Esprit, qui demeure avec Vous,
Entretiendra souvent Votre aimable Genie.

Sie Verlangen, daß ich Ihnen auch eine Copey von meinem Gesichte schicken soll, und vermuthen, daß ich mich in zwey Jahren sehr verändert haben würde. Davon sagt mir mein Spiegel nichts. Meine Länge hat einen Zusatz von einer Viertel Elle bekommen; weil ich aber keinen Mahler finden kann, der Ihnen diese Veränderung (wäre es auch der größte Meister) auf dem Bilde zeigen kann, so kann ich mich nicht entschließen, Ihnen mein unvollkommnes Bild zu schicken.
Ich danke Ihnen für alle gute Wünsche zum neuen Jahre. Vieles davon ist mir ganz entbehrlich. Ich wünsche mir kein Glück, als die Fortsetzung Ihrer beständigen Neigung

16 gegen mich. Alles andere werde ich als Abwechselungen eines wandelbaren Schicksals mit gleichgültigen Augen ansehen. Ich bin fest überzeuget, daß alle scheinbare Glücksumstände gewisse Seelen nicht würklich glücklich machen. Nur die Zufriedenheit des Gemüths ist in meinen Augen das einzige wahre Glück, das wir auf dieser Welt erwarten können. Und da diese aus einen reinen Herzen und tugendhaften Wandel entspringt; so ist sie, als das wesentlichste Gut, aller unserer Bemühung und aller unserer Wünsche werth.
Es ist mit meinem Claviere ein vierwöchentlicher Stillstand gemacht: so bald ich es anrühren werde, soll das überschickte Stück zu Ihrem Andenken ertönen. Ich bin mit wahrer Hochachtung Ihnen ganz ergeben.

Kulmus.


17
 

Achter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 3. May 1732.

Hochzuehrender Herr,

Niemals bin ich von der Richtigkeit des Satzes, daß Schweigen eine Kunst sey, so sehr überführet worden als jetzt. Aber niemals hat mir auch eine Uebereilung mehr Reue gekostet als eben jetzt. Warum ließ ich mich doch durch meine Leichtgläubigkeit so hinreissen? und da es geschehen war, warum übte ich nicht die wichtige Kunst aus? Wie viel hätte ich durch Schweigen gewonnen? Ich muß gestehen, Sirach, der gute Sirach hat mich diesmahl verführet: "Es ist besser frey strafen, als heimlich Haß tragen." Ich hätte diesem vortreflichen

18 Sittenlehrer, aber erst, darinnen folgen sollen: "Sprich deinen Freund drum an, vielleicht hat er es nicht gethan etc." Vergeben Sie meine Uebereilung, sie hat einen gar zu guten Grund. Mein empfindliches Herz konnte nicht gleichgültig bleiben, und ich schrieb Ihnen sehr aufrichtig, was mich rührte, und fast zu Boden schlug. Mein Geburtstag, dessen Sie sich so gütig erinern, ist mir wegen der traurigen Beschaffenheit meines Gemüths in dieser stillen Woche, und durch den feyerlichen Tag, an welchem er fiel,*) auf mehr als eine Art merkwürdig geworden. Ich habe an demselben aufs neue den Entschluß gefaßt, der Tugend noch ferner ein Leben zu widmen, welches durch diese allein die heiligen Absichten seines Schöpfers und seines Erlösers erfüllen kann. Ich werde übrigens in Gelassenheit von der Vorsehung erwarten, worzu sie dasselbe bestimmt hat. Sind sie mit diesem Vorsatz zufrieden?
Kulmus.

19

Neunter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 19. May 1732.

Hochzuehrender Herr,

Nachdem wir uns einander überführt, daß wir beyde Unrecht haben, so wird die Versöhnung nicht weit entfernet seyn. Die meinige versichere ich Ihnen hierdurch. Ich soll, sagen Sie, in Zukunft nicht jedem rauschenden Blatt Gehör geben. Kein rauschendes Blatt hat mich zitternd gemacht, es war ein recht gewaltiger Sturm, der meine ganze Seele erschütterte. Man sagt von dieser Bewegung in der Natur, daß sie gewohnt sey, dasjenige am ersten niederzureissen, was sich ihr am heftigsten widersetzet. Ich war nicht hartnäckigt und beugte mich gedultig unter ihre Gewalt. Der Sturm legte sich, und ich stehe noch feste. Nichts soll jemals

20 meine Gesinnungen ändern, in allen Fällen sollen Sie mich stets finden als Ihre beständige Freundin
Kulmus.

Zehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 30. May 1732.

Dir mein versöhnter Freund, Dir tönen meine Saiten;
Dir will ein zärtlich Herz sein erstes Opfer weyhn.
Ich fühle wiederum die Freude vorger Zeiten,
Und kein geheimer Gram nimmt meine Seele ein.
O säng ich so wie Du! Mein Meister, Freund und Lehrer!
Komm! zeige mir den Weg nach Pindus Höhen hin,
 

21 So weit war meine Muse gekommen, und sie wollte Ihnen noch mehr sagen, als ich Ihren Brief erhielt, und mit diesem den Brutus vom Voltaire und Junkers Briefsteller. Ich legte meine Feder nieder, und las begierig, was Sie mir schickten. Voltaire ist groß, sehr groß in meinen Augen, ob ich ihm gleich nicht immer Recht gebe. Im Discours sur la Tragoedie beschwert sich der Verfasser über die Strenge der französischen Poesie und über das schwere Joch des Reims. Wenn diese Klagen einem französischen Dichter erlaubt sind, was sollen die deutschen thun?
Brutus ist und bleibt ein wohlgerathnes Stück des Verfassers. Nur die Prinzessin Cullia gefällt mir nicht. Sie bedient sich ihrer Gewalt über ein unschuldiges Gemüth zu einen sehr lasterhaften Verfahren. Dieses ist keine römische Handlung. Ich möchte an einer Römerin nicht gerne etwas zu tadeln finden.
Junkers Briefsteller mag gründlich genug in seiner Anweisung seyn, wenn die Exempel

22 besser wären. Es macht mehr Eindruck, wenn nicht allein die Muster nach allen Regeln richtig sind, sondern sich auch durch den Wiß, der darinnen herrscht, und durch eine gute Wahl der Ausdrücke empfehlen. Neukirchs Briefe sind nicht das Muster, nach welchem ich mich bilden möchte. Er hat dem Voiture sehr nachgeahmt. Allein von Todten und Abwesenden - - -
Die überschickten Stücke zum Clavier von Bach, und von Weyrauch zur Laute, sind eben so schwer als sie schön sind. Wenn ich sie zehnmal gespielet habe, scheine ich mir immer noch eine Anfängerin darinnen. Von diesen beyden großen Meistern gefällt mir alles besser als ihre Capricen; diese sind unergründlich schwer. Wie gefällt Ihnen Donna Laura Bassi, welche neulich den Doctorhut in Bologna erhalten? Ich vermuthe, daß wenn dieser junge Doctor Collegia lesen wird, solcher in den ersten Stunden mehr Zuschauer, als in der Folge Zuhörer bekommen möchte.

23 Sie verlangen meine Meynung über die Schrift:La Femme Docteur ou la Théologie Janseniste tombée en Quenonille? Ich finde viel Aehnlichkeit unter den französischen Jansenisten und den deutschen heuchlerischen Frömmlingen. Weder die einen noch die andern haben meinen Beyfall. Ich werde mich hüten auf Nebenwege zu gerathen und darauf irre zu gehen. Auf den Weg der Aufrichtigkeit und Freundschaft werden Sie immer finden, Ihre

Kulmus.
 

Eilfter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 28. Junius 1732.

Hochzuehrender Herr,

Die Vergleichung in Ihrem leßten Brief ist zu schmeichelhaft um in allen ihre Richtigkeit zu haben. Ich habe den Bayle gefraget, was er von der Laura und von der Sappho

24 gutes sagt? Auf die erste antwortet er mir gar nichts, weder von ihr noch von ihren Petrarch. Bey der Sappho hält er sich länger auf. Er erzählt so viel Vollkommenheiten von dieser Dichterin, daß ich mir niemals werde einfallen lassen ihr nachzuahmen: so sehr ich wünschte, Sie mein bester Freund, Sapphisch zu besingen und Ihren Werth zu verewigen.
Die Gleichheit unserer Meynung über die gelehrte Donna Bassi hat mich sehr erfreuet. Möchten doch unsere Gesinnungen künftig allemal so gleichförmig seyn.
In der Wahl der Plutarchschen Helden sind wir doch unterschieden. Ich lasse dem Alexander alle Gerechtigkeit wiederfahren, er war ein großer Feldherr und bewieß ein gutes Herz an der Gemahlin und den Kindern des Darius. Ich lasse Ihnen Ihren Julius Cäsar, er hatte erhabene Tugenden, und begieng wichtige Fehler. Ihren Cicero, er war ein großer Redner wie Sie, Ihren Demosthenes, und alle die Sie belieben. Ich wähle den Aristides, Seneca,

25 Epaminondas, Cäsar Augustus, Marcus Cato, Phocion und Plutarch. Dieses sind meine Helden. Alle Handlungen dieser großen Männer haben aus der besten Quelle ihren Ursprung, und werden von der Tugend und Gerechtigkeit immer geleitet.
Wenn Ihre gute Sophonisbe Ihnen so viel Zeit läßt sich Ihrer entfernten Freundin zu erinnern, so empfiehlet sich diese Ihrem Andenken durch meine Feder. Sie wissen, daß dieses ganz unentbehrlich ist Ihrer

Kulmus.

 

Zwölfter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 19. Jul. 1732.

Hochzuehrender Herr,

Ich bin Ihnen für Ihr letztes Schreiben mehr Dank schuldig, als Sie vielleicht vermuthen. Sie haben mich dadurch von einer Bahn zurücke

26 gerufen, darauf mich mein Vorwitz zu weit würde geführet haben. Sie haben mir gezeiget, wie leicht unser Geschlecht seine Schwäche vergißt, und wie oft es sich unterfängt seinen Meister zu tadeln; Wie es an denjenigen Fehler zu suchen sich bemüht, mit deren Erlaubniß wir uns zu einer Stufe erheben, dahin wir ohne ihre Hülfe uns nicht wagen dürften. Ich erschrack über meine Kühnheit und verspreche Ihnen mich niemals wieder so sehr zu vergessen. Alles was Sie mir mit so vieler Gutheit überschicken, will ich zur Vermehrung meiner Kenntnisse mir zu Nuße machen, und bey zweifelhaften Stellen will ich Sie mein Mentor um Ihr Urtheil bitten.
Die Frau von Z. kann mit Recht die Aufnahme in die deutsche Gesellschaft eben so hoch schätzen, als wenn sie von irgend einer Academie den Doctorhut erhalten hätte. Aber gewiß, Sie halten mich für sehr verwegen, wenn Sie mir zutrauen, an dergleichen Ehre zu denken. Nein, dieser Einfall soll nicht bey mir aufkommen.

27 Ich erlaube meinem Geschlechte einen kleinen Umweg zu nehmen; allein, wo wir unsere Grenzen aus dem Gesichte verlieren, so gerathen wir in ein Labyrinth, und verliehren den Leitfaden unserer schwachen Vernunft, die uns doch glücklich ans Ende bringen sollte. Ich will mich hüten von dem Strom hingerissen zu werden. Aus diesem Grunde versichere ich Sie, daß ich meinen Nahmen nie unter den Mitgliedern der deutschen Gesellschaft wissen will.
Sie haben neulich für einen Ihrer Bekannten von allen meinen Capricen eine einzige begehret. Dies ist eben die beste und erträglichste von allen übrigen. Ich werde sie aber nicht überschicken. Warum nicht?

Ein Lied, das ich nur Dir, und keinem andern singe,
Das ist kein Ständgen, Freund, das ich der Straße bringe.

28 O! ich bin auf meine Capricen so eifersüchtig, als kein Mann auf die schönste Frau seyn kann. Ich will Sie solche einmal in aller Vollkommenheit hören lassen, so bald sie wieder nach Danzig kommen. Wie sehr wünsche ich Ihren Beyfall zu erhalten, wenn Sie mich in der Music vollkommner finden, als Sie mich verlassen haben. Wenn wird es doch geschehen, daß ich Ihnen mündlich und durch alle Töne einstimmig versichern kann, wie sehr ich Ihnen ergeben bin?
Kulmus.

Dreyzehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 23. Aug. 1732.

Hochzuehrender Herr,

Meine Begierde ist viel zu groß, als daß ich die mir überschickten Schriften nicht bereits

29 durchgelesen hätte. Die Trauerrede auf den Herrn Rabner ist sehr gut gerathen. Da diese aus der Feder eines die Wahrheit liebenden Mannes geflossen; so halte ich alles für wahr, was er von seinem Freunde gesagt. Ich glaube der Verstorbene sey von denen gewesen, die aus einem heftigen Eifer für die Tugend, die ganze Welt so vollkommen wünschten, als sie seyn sollte, als sie nicht ist, und als sie nimmermehr werden wird.
Die Vorschläge zur Verbesserung der deutschen Sprache sind recht gut; allein der Verfasser scheint mir sehr sonderbar. Er schilt auf die, welche das deutsche mit so viel fremden Wörtern mischen, und seine Blätter sind Muster dieser vermischten Schreibart. Ich will hier nicht die Orthographie, die Etymologie, die Syntax angreifen; er wird sagen, das sind Kunstwörter. Ich schenke ihm diese. Aber worzu sind die andern? Z. E. construiren, Nation,

30 Auctores, excoliren, reformiren, burlesque, Direction u.a.m. Warum schreibt der Verfasser durchgehends teutsch für deutsch, da er doch sein Werk der deutschen Gesellschaft zueignet? Wie kann er begehren, daß alle Provinzen in Deutschland ihre ganze Sprache dem Urtheil dieser Gesellschaft unterwerfen sollen, und er selbst ist so widerspenstig in einem Hauptworte? Sein Schluß heißt: aut fic, aut nunquam! Vortreflich! Mir ahnt es, daß diese Worte mit jenes Herzogs Cäsar BorgiaWorten: aut Cæsar, aut nihil, einerley Schicksal haben werden. Verzeyhen Sie, daß ich mich so lange hierbey aufgehalten, er hat mich ganz aufgebracht.
Ich kann mich nicht rühmen die ungereimte Uebersetzung des verlohrnen Paradieses durchgelesen zu haben. Jede Zeile ist mir eine Kluft, darinnen ich stecken bleibe. Das deutsche Ohr verliert gar zu viel, wenn der Wohlklang des Reimes fehlt.

31 Mit der Uebersetzung des Cato, davon in den Beyträgen zur critischen Historie einige Zeilen beygefüget sind, ist es ganz anders. Es wäre zu wünschen, daß Deutschland alle seine theatralischen Gedichte so abfassen möchte. Ich finde es sehr unnatürlich, daß in der Oper der Zornige, so gut wie der Gelassene, der Held und der Feigherzige, der Gebieter und der Sclave, alle ihre Handlungen nach dem Tacte einrichten müssen. Eben dasselbe findet auch bey andern Schauspielen statt. Alles was der Wohlklang dabey verlöhre, würde durch das natürliche vollkommen ersetzet.
Der Anfang zum Trauergedichte auf meines Vaters Tod ist wohl gemacht, aber ich bin noch nicht weit darinnen gekommen. Hier ist er:

Verklärter Greiß, der Tag ist kommen,
Da du der Welt und mir entnommen;
Der Tag, vor den ich längst gebebt.
Die Stunde, da dein Geist genesen,
Ist mir die schrecklichste gewesen,
Die ich in meinem Lauf erlebt.

 

32 Ich bleibe darbey, ein heftiger Schmerz läßt sich so wie alle heftige Gemüthsbewegungen wohl empfinden, aber nicht beschreiben. Eben so geht es mir, wenn ich Ihnen die Freundschaft versichern will, mit welcher ich Ihnen gang ergeben bin.

Kulmus.

 

Vierzehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 3. Sept. 1732.

Hochzuehrender Herr,

Ich habe in diesen Tagen eine Uebersetzung des Seneca gefunden, woraus ich mich sehr erbauet habe. Der Titel heißt: L. Annæi Senecæ schönes Büchlein von der göttlichen Providenz, Vorsehung und Regierung, durch Jacobum Stoltershofum. Lübeck Ao. 1642. Welches deutsch! Ein überzeugender Beweis, wie hoch diese Sprache in einer Zeit von neunzig Jahren

33 gestiegen. Bald werde ich den Werth meiner Muttersprache einsehen. So weit haben Sie mein gütiger Lehrmeister mich gebracht; ich hoffe noch weiter durch Ihren Unterricht zu kommen. In wenig Wochen werde ich Ihnen ein Gedicht von meiner Muse verfertiget übersenden. Dies ist ein Räthsel. Ihr Hausgeist wird Ihnen dasselbe auflösen helfen. Ohne einen so verborgenen Ohrenbläser wäre es nicht möglich, daß Sie so genau wissen könnten, was ich rede, thue, und so gar denke. Weil er Ihnen doch alles von mir plaudert, so fragen Sie ihn doch einmal, in welchem Grad der Hochachtung ich Sie verehre, und wie sehr ich Ihnen ergeben bin?
Kulmus.

 

34

Funfzehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 6. Octobr. 1732.

Hochzuehrender Herr,

Sie verlangen die Uebersetzung des Seneca, die ich neulich erwähnet. Hier ist sie. Meine Meynung darüber möchte einem Urtheil ähnlich sehen, und dieses wage ich nicht, über die Schriften gelehrter Leute zu fällen. Ich unterwerfe dieses Werk dem Ihrigen. Alles was ich Ihnen in dergleichen Fällen zu schreiben pflege, sind Gedanken, die nur für Sie und mich allein gelten. Ihre Nachsicht macht mich so dreiste, daß ich Ihnen oft, sehr oft schreibe, was ich nur denken sollte.
Die Criticken in den Beyträgen zur critischen Historie sind so gründlich und so bescheiden, daß auch diejenigen, die sie treffen, sehr zufrieden

35 seyn können, auf eine so glimpfliche Art beurtheilet zu werden. Das überschickte prosaische Trauerschreiben ist sonderbar. Der tiefgebeugte Wittwer sagt von der verstorbenen Helfte seines Lebens: Du setztest dein Christenthum nicht ins Wissen, sondern Gewissen; nicht im Schein, sondern Seyn; nicht ins Lesen, sondern Wesen; nicht in Brausen, sondern Sausen; nicht in Formalität, sondern Realität etc. Vortreflich! Was werden die Echo Liebhaber hier für einen Schaß finden. Wenn wird doch die deutsche Prosa von solchen Zierrathen und Wortspielen gereiniget werden?
Die Trauerrede des Herrn Löw ist recht schön, ohne ganz wahr zu seyn. Ich weis nicht, wie er seinen Satz behaupten möchte, daß alle und jede Tugenden den hohen und fürstlichen Häusern erblich seyn sollen. Es würde an Beyspielen nicht fehlen, etwas darwider einzuwenden, und die Geschichte aus allen Jahrhunderten könnten ihm Beweise des Gegentheils anführen.

36 Sagen Sie mir doch, woher es kömmt, daß ich bey Lesung jedes schönen Stücks, es sey in Versen oder in Prosa, immer wünsche, es möchte aus der Feder meines Freundes geflossen seyn? Es gieng mir noch vor kurzen mit einer Ode der deutschen Gesellschaft im IV. Buche so, und wie erfreut war ich, als ich erfuhr, daß Sie wirklich der Verfasser davon waren. Die Ursache dieser Freude ist mir selbst verborgen. Ich entdecke Ihnen die verborgensten Gedanken meines Herzens, davon der meiste Theil auf Sie gerichtet ist. Sind Sie mit dieser Aufrichtigkeit zufrieden? Von Ihrer
Kulmus.

37

Sechzehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 15 Octbr. 1732.

Hochzuehrender Herr,

Vor allen Dingen danke ich Ihnen für die überschickten Musicalien. Die schöne Symphonie von Hasse soll das nächstemal im Concert gespielet werden. Ich werde meine Finger fleißig üben um das trefliche Stück dieses großen Meisters nicht unkenntlich zu machen. Die Zusäße bey dem herausgegebenen Cato haben mir zu vielerley Gedanken Anlaß gegeben. Besonders hielt ich mich bey dem Artickel der Eifersucht lange auf. Ich behalte mir vor Ihnen einmal die Anmerkungen bekannt zu machen, damit ich ihre Zusätze vermehrt habe. Jetzt lege ich meiner Feder ein Stillschweigen darüber auf. So viel muß ich Ihnen aber sagen, daß

38 alle Kenner diesen Cato für ein Meisterstück halten. Deutschland könnte stolz seyn, wenn es noch ein paar Dutzent dergleichen Stücke aufweisen könnte.
Warum ich Ihnen mein Bild noch nicht geschickt? Sie sollen es gleich hören. Ich schrieb Ihnen zwar neulich, daß sich mein Gesicht in nichts verändert hätte; aber dazumal, da redete die Eitelkeit, jeßt sollen Sie ein aufrichtiger Bekenntniß lesen; ich habe mein armes Gesichte noch keinem Mahler in dem Zustande zeigen wollen, worein es durch die lange Trennung von meinem Freund gesetzet worden. Der größte Künstler möchte in seinem Colorit die Farben nicht finden, welche die Traurigkeit und der Gram in die Farben meines Gesichts gemischet haben. Haben Sie nur eine kurze Zeit Gedult. Die Hoffnung Sie bald, und Sie vergnügt zu sehen, wird mein ganzes Gemüth aufheitern, und einen starken Einfluß in meine

39 Züge haben. Aller Gram wird verschwinden, Freude und Zufriedenheit werden Sie aus meinen Augen lesen, und in dieser Verfassung will ich Ihnen mein Bild schicken. Es soll der stumme Redner meiner Empfindungen seyn.
Ich schlösse meinen Brief heute gar zu gerne poetisch; aber alle neun Musen sind bey meiner Anrufung taub; ich muß also nur in der gemeinen Sprache der Menschenkinder sagen, daß ich Sie sehr hoch schätze, daß ich alles was von Ihrer Feder kömmt mit doppeltem Vergnügen lese, und daß ich Ihnen ganz ergeben bin.
Kulmus.

 

  43

Achtzehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 10. Sept. 1732

Hochzuehrender Herr,

Sie scheinen mit der Versicherung meiner Gedult in Erwartung verbesserter Umstände nicht ganz beruhiget zu seyn, und thun mir gewisse Vorschläge, diese bald zu verändern, und unsere Verbindung zu beschleunigen. Ich gestehe Ihnen mit aller Aufrichtigkeit, daß ich von allen diesen nichts vortheilhaftes für Sie finde. Ich suche mein Glück in Ihnen und nicht in Ihren Würden. Sie allein werden mir so, wie Sie seyn, immer werth und immer schätzbar bleiben. Keine Entschlüssung soll mich mehr erfreuen, als wenn Sie dem Zustand Ihres Glücks um meinetwillen nicht eine ganz andere Lage geben wollen. Der Erfolg könnte fehlschlagen und ich

44 würde mir einen ewigen Vorwurf machen, die unschuldige Ursache darzu gegeben zu haben. Ich verlasse mich auf die Fügung des Höchsten, und auf meine Gedult. Bey diesem Vorsatz kann es nicht fehlen, es wird noch alles nach Wunsch gehen.
Der Herr ** zeigt vielen Schmerz über den Tod seiner Gemahlin. Nach der Abschilderung des Wittwers verdienet diese auch seine Klagen. Ein Ausdruck verhindert, daß ich diesen Verlust nicht so sehr beklage, als mein mitleidiges Herz es sonst zu thun geneigt wäre. Der Verfasser sagt, er habe seine Frau mehr angebetet als geliebet. Ist dieser Ausdruck einem Christen, und noch darzu einem Geistlichen wohl anständig? Ein höheres Wesen zeiget ihm, wie hinfällig sien Abgott gewerfen. Er wünschet Ihnen ein besser Schicksal. Ich kenne zwar die Kette seines Verhängnisses nicht. Meynt er aber den Tod seiner Ehegattin dadurch und wünscht er Ihnen, daß Sei nicht Wittwer

45 werden möchten, so nehme ich mir die Freyheit nicht seiner Meynung zu seyn. Nein, mein theurer Freund! ich wünsche Ihrer künftigen Gattin, (sie sey wer sie wolle) nimmermehr, daß sie Ihren Tod erleben möge.
Die Blätter des Bürgers habe ich ganz durchgelesen. Dies ist keine Kleinigkeit, und die Zeit dauerte mir ziemlich lange dabey. Der gute Mann wirft Fragen auf, die er oft ganz unrecht beantwortet. Er nimmt Materien vor, die er nicht abhandelt, oft widerspricht er sich selbst, und kurz, er hat mir lange Weile gemacht.
Die Lobrede auf den D. Philippi, und das andere Stück die gefrorne Fensterscheibe find zwey scharfsinnige Schriften. Man kann dem Verfasser derselben mit dem D. Swift in eine Classe seßen. Es ist recht gut, daß

46 Deutschland in allen Arten große Schriftsteller hervorbringt. Ich will Ihre Gedult nicht mißbrauchen und Ihnen in aller Kürze sagen, daß ich die Ihrige bin.
Kulmus.

Neunzehnter Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 12. Januar. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Sie senden mir immer gute und lehrreiche Schriften aus Ihrem glücklichen Sachsen, allein so etwas vortheilhaftes, als ich Ihnen hier beyfüge, ist doch noch nicht dort ans Licht getreten. Pommern ist der Ort, wo diese Vorschläge zur Errichtung eines Heyraths-Collegii sind erdacht und ersonnen worden. Sie lauten also:
1) Müssen tausend Personen männlichen und weiblichen Geschlechts, so alle noch unverheyrathet

47 sind, darzu angeworben werden; weil die Anzahl der geschlossenen Gesellschaft aus tausend Personen bestehen soll.
2) Jede von diesen erleget beym Eintritt 7 Thlr. von welchen der Fond gemacht wird. Dieses Geld wird auf gute Sicherheit ausgeliehen, und von den Zinsen werden die damit beschäftigten Personen für ihre Bersorgung bezahlt.
3) So oft eine Person aus dieser Gesellschaft heyrathet, muß ein jedes Mitglied einen Thaler Beytrag geben, welches Geld der verheyratheten Person nach vier Wochen, wenn sie ihre Heyrath bekannt gemacht hat, ausgezahlt wird. Sie erhebt also gleich 1000. Thlr.
4) Damit diese Gesellschaft bestehen möge, so ist nöthig, daß allemal Expectanten vorhanden sind, und jeder, so sich verheyrathet, ist verbunden ein Mitglied an seine Stelle zu schaffen.
5) Weil auch eine genaue Ordnung höchstnöthig ist, so sollen zehn Inspectores erwählt werden,

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davon jeder hundert Personen unter sich hat; an diese werden die Heyrathen gemeldet, und diese sammlen die Gelder.
6) An einen von der Gesellschaft einstimmig erwählten Hauptdirector werden die eingehobenen Gelder geliefert, und von ihm an die verheyratheten Personen ausgezahlet. Man setzet zum Voraus, daß dieser Hauptdirector ein sicherer Mann sey.
7) Stirbt einer aus der Zahl der unverheyratheten, so wird von jedem Mitgliede 12 Gr. gegeben. Diese Summe wird dem nächsten Verwandten des Verstorbenen als ein Erbtheil ausgezahlt, doch wird von dieser Summe der Vierte Theil zur Casse abgezogen.
8) Alle Jahr zahlet jedes Mitglied 12 Gr. freywilligen Beytrag zur Casse.
9) Wer mit seinen Beyträgen länger als einen Monat zurücke bleibt, wird ausgestrichen.
10) Die Expectanten bezahlen die Hälfte von allen Beyträgen.

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11) Alle Jahre den Tag nach Michaelis, kommt das Collegium zusammen, da denn die Rechnung der Gelder abgeleget, und ein Theil des Ueberschusses an Nothleidende gegeben wird.
12) Die ganze Einrichtung wird denen Mitgliedern, so in diese Gesellschaft treten wollen, bekannt gemacht, auch können diejenigen die was zur Verbesserung dieses Ordens beytragen wollen, ihre Meynung in der ersten Versammlung sagen.
Wie gefällt Ihnen dieser pommerischer Einfall? Ich finde den Anschlag sehr nützlich und für viel Partheyen vortheilhaft. Zumal wenn zwey Personen aus der Gesellschaft sich heyrathen, so ist diese Ausstattung ein ganz guter Anfang zu ihrem Glücke, und was meynen Sie, wenn? -- -- --
Sie haben mir die Wochenschrift der vernünftige Träumer zugeschickt, und ich wünschte als ich ihn las, daß er wieder aufwachen möchte, ich bildete mir ein, ich läg selbst im

50 Traum, so ermüdete mich seine Erzählung. Aber gleich will ich abbrechen, um meinen Brief nicht ein gleiches Schicksal zuzuziehen. Erlauben Sie mir nur, ihn noch mit der Versicherung einer ewigen Freundschaft zu schlüssen.
Kulmus.

 

Zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 16. Januar. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Ich habe diese Woche eine traurige Woche gehabt. Meine Anverwandten finden für gut, unsern Briefwechsel wohl nicht ganz zu unterbrechen, doch aber mir aufzulegen, nicht so oft wie bisher an Sie zu schreiben. Es ist eine der stärksten Proben die man von mir fordert. Doch es sey auch dieses. Man machet mir eine Pflicht daraus, so will ich sie erfüllen, es koste was es

51 wolle. Ich eile Ihnen diese Nachricht zu geben, damit Sie mein Stillschweigen nicht etwa zu meinem Nachtheil auslegen. Die Last wird mich am meisten treffen und mein Gesicht wird später als bisher aufgeheitert werden. Wie lange werde ich müssen in Ungewißheit bleiben, ob Sie gesund oder krank, zufrieden oder mißvergnügt sind? Dieses ist ein Opfer, welches ich auf meine Kosten unserer Freundschaft bringen soll.
Die Censur der Lohensteinischen Trauerrede im dritten Stück der critischen Beyträge ist recht nach meinem Sinne, aber was werden die Lohensteinischen Verehrer darzu sagen?
Die Ode an den König ist ein Meisterstück ihrer Muse. Ich wünschte daß meine Ode an die Kayserin nicht länger gerathen wäre; sie würde vielleicht eher gelesen oder angehöret worden seyn; jetzt ist es zu spät. Ein andermal werde ich mein poetisches Feuer nicht ganz ausbrennen lassen, sondern es zu rechter Zeit auslöschen.

52 Ich lege Ihnen hier diese Arbeit meiner Muse bey und erwarte Ihr Urtheil mit Ungedult darüber. Schreiben Sie mir oft und schreiben Sie mir lange Briefe, ob ich solche gleich sparsamer als sonst beantworten werde. Doch wer weis wie lange dieses Verbot dauert. Ich bin úberzeuget, daß es eher wieder aufgehoben wird, als ich aufhören werde Ihnen ganz ergeben zu seyn.
Kulmus.

 

Ein und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 15. Febr. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Sie haben Recht, bald wäre ich gestorben. Die Klagelieder, die Ihnen die Freundschaft gegen mich in die Feber geflößet, erweckten mich aus meiner Leblosigkeit. Aber welch Unrecht

53 thun Sie mir, wenn Sie mein voriges Schreiben für eine Erklärung meines Willens, nicht aber für das annehmen, was ich der Vorschrift meiner Anverwandten schuldig bin? Was würden Sie von einer Person halten, die in dem Hause Ihrer Mutter sich derselben widerspenstig erzeigte, und dieser nicht ihren ganzen Willen ausopferte? Würden Sie nicht vermuthen, daß diese Person in Zukunft auch eine widerspenstige Frau seyn würde? Wie unbillig sind also Ihre Verweise? Sie nennen mich grausam, Sie beschuldigen mich meines Versprechens vergessen zu haben -- -- -- Doch ich will von allen nichts mehr erwähnen, was Sie mir beymessen. Haben alle Versicherungen einer beständigen und ewigen Freundschaft nichts mehr ausgerichtet, als daß Sie bey jedem rauschenden Blatte solche in Zweifel ziehen? Meynen Sie daß ich fähig sey, einen so ernsthaften Briefwechsel zu führen, wie der meinige gewesen? solche Versicherungen zu geben, wie ich mündlich und schriftlich

54 gethan, und demohngeachtet mein Wort nicht zu erfüllen? Halten Sie mich keiner so unedlen Gesinnung fähig, ich beschwöre Sie darum, oder hören Sie auf sich meinen Freund zu nennen. Meynen Sie, daß es mir nicht schwer geworden, Ihnen die Nachricht von unsern gehemmten Briefwechsel zu geben, und das Verbot hernach zu erfüllen? Sie irren sehr, wenn Sie mich ganz gelassen bey dieser Sache glauben, die einen wesentlichen Theil meiner Glückseeligkeit ausmachte; Glauben Sie mir, es hat mich viel Ueberwindung gekostet diesen Schritt zu thun. Wäre unsre Freundschaft ein Feuer, das erstickt werden könnte, so wäre es längst geschehen. Wäre meine Mutter Ihnen ganz abgeneigt, so hätte Sie Ihnen alles abgeschlagen, und ihre Tochter nicht auf gewisse Bedingungen versprochen. Diese hängen von der Zeit und einigen günstigen Umständen ab, und müssen von unserer Gedult erwartet werden. Fürchten Sie also nichts, wo nichts zu fürchten

55 ist; und lassen Sie uns eine Probe unserer Gedult ablegen, so werden wir endlich herrlich belohnet werden.
Ich war krank, traurig, sterbend; aber diesen Augenblick erhalte ich ein neues Schreiben, und so werde ich wieder munter, gesund und ganz neu belebt. So viel Gewalt hat ein Brief von Ihnen über Ihre
Kulmus.

 

Zwey und zwanzigster Brief.

An eben Denselben
Danzig den 7. März 1733.

Hochzuehrender Herr,

Sie hören nicht auf meine Büchersammlung zu bereichern. Das musicalische Lexicon war mir noch ganz unbekannt. Ich habe schon viele Zweifelsknoten dadurch aufgelöset, und jedesmal

56 erinnere ich mich dabey an Ihre Güte, die mir solches zugeschickt hat. Auch für die Anmerkung meiner Fehler in der Ode an die Kayserin, danke ich Ihnen recht sehr. Ueber die eine Stelle aber werde ich mich gleich rechtfertigen.
Ich habe der Kayserin den Titel der Großen beygeleget. In Ihren Patenten führt Sie diesen Titel, folglich nennte Sie die Kulmus auch also. Es ist der Kayserin Ihre Sache, sich diesen Namen von der ganzen Welt zu erwerben, oder Ihren großen Nachkommen dieses Werk zu überlassen. Mit dieser und noch einigen kleinen Criticken bin ich durchgekommen, und kann mit einer so gnädigen Strafe wohl zufrieden seyn.

57
Man hat dabey meinen Vers noch viel unverdiente Ehre angethan. Sie selbst sollen diese Ode verfertiget und mir zugeschickt haben. Aergern Sie sich hierüber nicht, mein philosophischer Freund! Gönnen Sie mir die Freude, daß meine Blätter einer Schrift ähnlich sehen, die ein Gottsched (und sollte es auch im Schlafe seyn) könnte gemacht haben. Weniger Tadel hoffe ich einst ausgesetzt zu seyn, wenn ich unter Ihren Augen etwas verfertigen werde. Immer sollen Sie mein bester Lehrmeister, und ich immer Ihre lehrbegierige Schülerin seyn
Kulmus.

58

Drey und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 19. März 1733.

Hochzuehrender Herr,

Sie verlangen meine Beschäftigungen, meine Gesellschaft zu wissen? Ihr Hausgeist muß Ihnen also nicht viel Nachricht von mir geben können. Was kann er Ihnen auch von meinem Thun sagen, da ich mit nichts als Gedanken beschäftiget bin? Ich selbst will Ihnen auf Ihre Fragen am besten antworten. I) Ob ich vergnügt bin? --- Nur zuweilen des Posttages, die übrige Zeit bin ich ruhig und nicht unzufrieden. 2) Ob ich oft an Sie denke? --- Mein Geist schwebt immer um Sie. 3) Wie ich meine Tage zubringe? --- Mit allem, was meine Pflichten von mir fordern. 4) Mit wem ich umgehe? --- Mit zwey einzigen vertrauten

59 Freunden, die mich seit einiger Zeit keinen Augenblick verlassen, sondern mich wechselsweise auf unterschiedene Art beständig unterhalten. Sie heißen Furcht und Hoffnung. 5) Was die D. Seladons für Eindruck auf mein Gemüthe machen? - So lange ich der Meynung seyn werde, daß Socrates mir mehr als ganz Athen ist, so lange werden mir alle zierliche Statüen sehr gleichgültig seyn. Hier haben Sie mein Bekenntniß. Ich hoffe, daß alle Ihre Zweifel gehoben seyn. Die meinigen werden durch die gute Meynung, die ich von Ihrer Redlichkeit habe, alle in den ersten Augenblicken ihres Ursprungs erstickt. Nichts, wie es Nahmen hat, soll die Gesinnungen mindern, mit welchen ich Ihnen ganz ergeben bin
Kulmus.

60

Vier und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 11. April 1733.

Hochzuehrender Herr,

Ich erfahre bey den Zuschriften der Jgfr. - die Wahrheit des Sprüchworts: Wodurch man sündiget, dadurch wird man gestraft. Hätte ich mich nicht an den Musen versündiget, und ein Gedicht zu machen mich gewaget, so wäre ich nimmermehr dieser Dichterin bekannt worden, und mit ihren Briefen wäre ich verschont geblieben. Meine Antwort war freylich einigermaßen im Eifer geschrieben: das verwünschte Quodlibet hatte mich im Ernst böse gemacht. Ich halte dafür daß die Ehre der Gelehrsamkeit noch

61 auf sehr schwachen Füßen steht, und daß eben nicht weibliche Federn das mit vieler Mühe erbaute Gute wieder niederreissen sollen.
Wie gefällt Ihnen die französische Schrift Le Glaneur? Da der Verfasser im Haag lebet, so kann er in diesen critischen Wochenblatt seine Gedanken frey und ohne Furcht erklären; ein Vortheil, dessen sich nur die Einwohner in Republicken bedienen können. Seine Meynungen über die Schauspiele sind Lobreden Ihres Trauerspiels Cato. Möchte doch der vernünftige Verfasser dieser Wochenschrift so viel ausrichten, daß Ihre Feder zu mehr Meisterstücken solcher Art verleitet würde! Die Ehre Ihres Vaterlandes rühret Sie viel zu sehr, als daß Sie sich nicht einer Beschäftigung widmen sollten, die so rühmlich für Sie und so nüßlich für Ihre Mitbürger ist.
Sie haben die Güte gehabt, sich meines Geburtstages zu erinnern und mir dabey sowohl in englischer als deutscher Sprache gefragt, wie

62 ich seyn sollte, und wie ich zu meinem Leidwesen nicht bin. O! hätten Sie die Uranie nicht so vollkommen geschildert; so wüude mir es leichter seyn ihr nachzuahmen. Das angenehmste Geschenk, so Sie mir gemacht, ist dieses, daß Sie meine Bitte haben statt finden lassen, mir gar keins zu geben. Was ich aus Leipzig wünsche, ist auf keiner Messe zu Kauf. Ihre Freundschaft, Ihre Liebe, kann in keinen stärkern Grad seyn als ich Ihre ergebenste Dienerin und Freundin bin.
Kulmus.

63

Fünf und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 6. Junius 1733.

Hochzuehrender Herr,

Meine Ode auf die Rußische Kayserin ist glücklicher als ich gewesen; sie hat der hier residirenden Herzogin von Curland ehre als ich, sich gezeiget, und was noch mehr? sie ist mit Beyfall aufgenommen worden. Die Herzogin hat hierauf verlangt mich zu sprechen. Die Baronesse von Frensdorf hatte den Auftrag erhalten, mich zu dieser Fürstin zu bringen, und wir fuhren zusammen dahin. Die Herzogin sprach mit ganz besonderer Gnade und recht viel mit mir. Sie that mir sehr viel Fragen: Ob ich mit der Frau von Ziegler im Briefwechsel wäre? Ob nach ihrer Aufnahme in die deutsche Gesellschaft, noch einem andern Frauenzimmer diese

64 Ehre wiederfahren wäre? In was für einer Verfassung die deutsche Gesellschaft jetzt stünde? Ob sie sich des Schutzes eines regierenden Fürsten zu erfreuen hätte? Ob die deutsche Gesellschaft viel auf den Tod des Königs geschrieben? Ob ich selbst meine Muse nicht hätte klagen lassen? Ob ich die Music liebte? Ob ich die italienische Sprache verstünde? Ob ich beschlossen hätte in Danzig zu leben und zu sterben? - - Ich beantwortete diese und noch mehr Fragen mit ehrerbietiger Freymüthigkeit, und der Herzogin gnädiges Bezeigen erheiterte mich ganz, und machte mich aufgeweckter, als ich es vermuthet hatte.
Endlich schlug die Glocke halb 7 Uhr. Die Herzogin sagte: "es ist mir lieb, daß ich sie gesehen habe, wenn künftig was von Ihnen herauskommt, so kenne ich doch die Verfasserin. Kann ich ihnen jemals eine Gefälligkeit erzeigen, so werde ich mir eine Freude

65 daraus machen. Hierauf fuhr ich sehr zufrieden mit meiner Begleiterin wieder nach Hause.
Sie haben mir durch meinen Bruder eine lange Bußpredigt halten lassen. Diese hat eine so schnelle Wirkung gethan, daß ich Ihnen seit 4 Tagen den zweyten Brief schreibe, und in so kurzer Zeit schon zum zweyten mahl wiederhohle, daß ich Ihnen ganz ergeben bin.
Kulmus.

Sechs und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 8. Jul. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Sie sind mit mir zufrieden. Sie versichern mich solches in Ihrem letzten, mit vielen freundschaftlichen Ausdrücken angefüllten Schreiben; das ist fast alles was ich wünsche. Denn unmögliche

66 Dinge zu wünschen, bin ich wirklich zu philosophisch. Ich fasse also meine Seele in Gedult und wünsche, was denn? Daß die Tage, die wir nach dem Schluß der Vorsehung noch von einander getrennt zubringen sollen, bald, bald vergehen mögen. Möchten es doch lauter kurze Wintertage seyn, so verschlief ich doch einen Theil meines Kummers mehr als jetzt in den langen Sommertagen, wo ich sehr früh und sehr spät, mit dem Andenken an Sie beschäftiget bin. Auf die Frage, wegen der Wahl meines Aufenthaltes, antworte ich Ihnen: ich hoffe allenthalben glücklich zu seyn, wo ich ein gutes Gewissen zu rinnerlichen Befriedigung, die Tugend zu Gefährtin und Sie, als meinen aufrichtigsten besten Freund, stets um mich haben werde. Ich kenne Leipzig so wenig wie G. Wer weis, durch welchen glücklichen Zufall diese neue Akademie in größeres Aufnehmen kömmt. Wahrscheinlich ist es, und die Zeit wird es lehren, wie weit diese Muthmaßung gegründet sey.

67 Der Hr. Abt M., Ihr Freund, wird Ihnen gewiß nichts übles rathen. Meine Wünsche begleiten Sie bey allen Ihren Unternehmungen. Die Vorsicht wird sie so gewiß erfüllen als ich bin Ihre aufrichtige Freundin.
Kulmus.

 

Sieben und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 20 Octbr. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Die Biedermännische Eintheilung Ihrer Stunden hat meinen ganzen Beyfall. Die zwey übersetzten Reden habe ich mit vielem Vergnügen gelesen. Von der einen, welche unsere gute Stadt Danzig insonderheit angehet, wird schon viel gutes vermuthet.
Meine Ode hat kein besser Schicksal verdient, als ganz mit Stillschweigen übergangen zu werden.

68 In der besten Welt hat es so seyn müssen, um mich nicht zu verderben. Wer weis - - ob ich nicht stolz geworden wäre. Indessen trägt man sich hier mit einer Zeitung, daß ich ein ansehnlich Geschenk erhalten hätte. Der Beyfall der Herzogin von Curland ist mir viel schätzbarer, als mir tausend Rubel gewesen wären. Ich wünsche nur eine Gelegenheit zu finden, dieser menschenfreundlichen Fürstin einen öffentlichen Beweis meiner Ehrfurcht zu geben.
Entdecken Sie mir doch, was das Verzeichniß der Nahmen, die sich auf mann endigen im vierten Stück der critischen Beyträge für einen Nußen haben soll? Wer zweifelt wohl, daß deutsche Männer auch deutsche Nahmen und Endigungen durch das ganze Alphabet haben? Welche kostbare Zeit wird auf solche Kleinigkeiten verschwendet! Ich für mein Theil weis jeden Augenblick gut anzuwenden. Wollen Sie die Berechnung meiner Stunden lesen?

69 Gleich bey Anbruch des Tages beschäftige ich mich mit geistlichen Betrachtungen, die meine Seele zu ihren Schöpfer erheben; Die Seele, die den Anfang ihres Wesens eben so wenig als ihre Unsterblichkeit ergründen kann, genügt bey diesen heiligen Empfindungen einen Vorschmack der künftigen Seeligkeit der fröhlichsten Hofnung.
Hierauf ergötzet sich mein Geist an den vortreflichen Werken der Natur. Das kleinste davon zeigt mir die Größe des Schöpfers, neue Schönheiten, und neue Wunder. Dieses ist die allerangenehmste Beschäftigung für mich. Ich verliere mich darinnen und rufe voller Bewunderung aus: Welch eine Tiefe des Reichthums! Zuleßt werde ich traurig, wenn ich denke, wie kurz meine Lebenszeit seyn kann, und wie wenig ich von dieser mir so wichtigen Wissenschaft entdecken werde.
Will ich mein Gemüth wieder aufheitern, so seße ich mich ans Clavier, und übe mich so vollkommen

70 zu werden, als Sie 1729 wünschten, daß ich seyn möchte. Hier denke ich mit doppeltem Eifer an meinen Freund und wünsche seinen Beyfall zu erlangen, und daß die Tage unserer Prüfung zu Ende seyn möchten, und daß unsre Gedult belohnet würde. Die übrige Zeit bringe ich mit Lesung nützlicher Bücher hin. Jetzt lese ich den la Bruyere, und den Horaz, und beneide einen Dacier alles Vergnügen, so er bey dieser Arbeit gefunden.
So vergehen meine Tage, und meine Stunden, unter welchen ich diese vorzüglich glücklich schätze, in welchen ich mich mit Ihnen unterhalte und die Versicherung meiner ewigen Ergebenheit wiederhole.
Kulmus.

71

Acht und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 12. Aug. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Ich weis nicht Worte zu finden, Ihnen meinen Dank für Ihr Andenken und Ihre Sorgfalt vor das Wachsthum meiner Kenntnisse und Wissenschaften abzustatten. Ich bin Ihnen dafür ewig verpflichtet. Hier haben Sie schon wieder die gewöhnliche Formul. Zu der wohlgerathenen Uebersetzung der französischen Lobrede auf den großen Cürenne wünsche ich Ihnen aufrichtig Glück. Es ist ein Meisterstück und wird Ihnen nach langen Zeiten noch Ehre machen. Ich wünsche Sie gedruckt zu lesen. In Ihrer Lehre der Weltweisheit bin ich im ersten Hauptstücke des II. Theiles vom Nutzen der Vernunftlehre. Ich bewundere die dritte

72 Eigenschaft der guten Lehrart, und die schöne Ordnung, dadurch der Inhalt sehr erleichtert wird. Der Erweis, daß es besser sey unter einem Fürsten, als in einer Republick zu leben, ist so ein Erweis, den man einem Sachen bey der glücklichen Regierung eines Augusts verzeihen muß. Sind die Regierungen der Fürsten durchgängig so glücklich, als der Verfasser sie beschreibt? Oder treffen die Unordnungen in einer Republick allemal in einem so hohen Grad ein, wie er sagt? Ich bleibe dabey, daß sein Erweis schwer zu behaupten sey. Die Regierung eines Salomo ist freylich des Ruhms der Nachwelt werth; doch ist eine Römische Freyheit, ehe sich die ungezähmte Begierde zum herrschen der Gemüther bemeisterte, auch unter die glücklichsten Epoquen zu zählen.
Das Gedicht des Hrn. Mag. May an den Herrn Bennemann ist so schön, als man es von der geschickten Feder eines so glücklichen Genies vermuthen kann. Ich glaubte es wäre

73 kaum möglich, nach dem, was Sie dem betrübten Vater schon gesagt hatten, noch etwas zu dichten und zu sagen, was mit Recht Lob verdiente. Ich habe mich aber geirret. Ein Irrthum, den Sie mir in Absicht auf Ihren Freund verzeihen können.
Mit dem Sethos bin ich zwar aus der großen Pyramide glücklich heraus, aber auch nicht viel weiter. Dieser Spaziergang ist uns beyden ziemlich sauer worden, es ist billig, daß wir ein wenig ausruhen. Ich muß gestehen, daß es mir leichter und angenehmer seyn wird, die ersten Gründe der Weltweisheit von Ihnen, nach Anleitung Ihres neuen Werks zu erlernen, als von diesen morgenländischen Prinzen. Gleichwohl will ich ihm nicht aus der Schule laufen, sondern bis ans Ende aushalten. Sie verlangen es ja, und ich erfülle Ihren Willen mit Freuden.
Orpheus Reise, so wie ich sie im Sethos gelesen, kommt mir nicht recht wahrscheinlich

74 vor. Nein ich mag keine Euridice und Sie sollen nicht mein Orpheus seyn. Lassen Sie uns unsern Bund nie brechen, so werden Sie immer mein auserwählter Freund, und ich immer Ihre ewig treue Freundin seyn.

Kulmus

 

Neun und zwanzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig, im Sept. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Sie haben verlangt, daß meine Muse sich an die Verdienste der Frau von Ziegler wagen soll. Auch diese leistet Ihnen Gehorsam, und ich lege Ihnen ein poetisches Schreiben an diese verehrungswürdige Frau bey. Kein Gedicht kann ich es nicht nennen, denn es sind lauter Wahrheiten von der einen Seite, und Empfindungen von der andern, obwohl sehr schwach ausgedrückt.

75 Ich werde auch nie ein Gedicht verfertigen. Ein Dichter muß reich an Erfindung seyn und muß vieles schön zu sagen wissen, was er nicht empfindet. Diese Gabe habe ich nie gehabt, und entsage also aller Ehre, die damit verknüpft ist. Entschuldigen Sie meine Freyheit und empfehlen Sie mich dieser Musenfreundin auf das beste. Bey Ihnen bitte ich um Nachsicht meiner Fehler und wünschte unter Ihrem Antheil es besser gemacht zu haben. Ich bin mit wahrer Hochachtung Ihnen ergeben.
Kulmus.

Dieses poetische Sendschreiben ist in dem Ehrenmaal der seel. Frau Gottsched gedruckt und dieserwegen nicht hier eingerückt worden.

 

  76

Dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 7. October. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Die Anfangsgründe Ihrer Philosophie sind mir sehr angenehm, und ich habe bereits das Vte Hauptstück beendiget. Ich würde viel weiter seyn, wenn die Unruhen, welche der Republick Pohlen drohen, mich nicht auch beunruhigten. Ich bin icht stark genug, das Ungemach des uns so nahen Krieges und die vielleicht entfernte Hoffnung zum Frieden aus einerley Gesichtspuncte zu betrachten, und eines wie das andere mit gleicher Gemüthsruhe zu erwarten. Wie glücklich sind scharfsichtige Beurtheiler, die durch alle Finsternisse hindurch das hellste Licht erblicken. Diese sind ruhig, weil sie den Ausgang der verwickelsten Dinge, gleich im Anfang

77 einsehen. Ich will in Gedult erwarten, was die Vorsehung beschlossen hat. Indessen will ich in Ihre Schule zurücke kehren. Von Ihnen unterrichtet, werde ich mich bemühen als ein vernünftiges Geschöpf in der Welt zu leben und zu handeln. Den practischen Theil dieses Werks erwarte ich mit Ungedult.
Lesen Sie doch beyliegendes Gedicht von der Jgfr. B. Die Wahrheit, die in allen Zeilen herrscht, hat meinen ganzen Beyfall. Daß der Himmel dieser Welt weit vorzuziehen ist; daß uns Gott nicht über Vermögen züchtiget; daß er der beste Freund im Himmel und auf Erden ist; dies sind lauter Wahrheiten, die kein Christ läugnen wird. Meine Mutter bestätiget diesen Satz durch ihr Beyspiel. Sie findet in der Freundschaft mit Gott die Ruhe, die so viele Menschen in dem Getümmel dieser Welt vergeblich suchen. Wenn Ihr Gemüth viel Unruhe erfahren, so kehret endlich ihre Seele in die Stille zurücke, in welcher sie das innere

78 Gefühl ihres Glücks aufheitert. Ihr Cörper wird bey dem Eifer, mit welchem Ihre Seele arbeitet, geschwächet, allein er gewöhnt sich daran, und wird von einer höhern Kraft unterstützet. Dieser Beystand ist das größte Guth des Gemüths, der Seelen, und des Leibes. Sie empfiehlet mir diese Mittel bey allen künftigen Vorfällen meines Lebens. Ich werde Ihren Lehren folgen, und mich alsdenn der guten Hand Gottes ganz überlassen. Von dieser geleitet, wird es niemals fehlen Ihrer
Kulmus.

79

Ein und dreyßigster Brief

An eben Denselben.
Danzig den 11 Novbr. 1733.

Hochzuehrender Herr,

Es scheint daß Sie nicht müde werden mich mit Geschenken zu überhäufen, ich fürchte eher, daß meine gewöhnliche Danksagungen Sie ermüden möchten. Ihre Freygebigkeit findet immer neue Arten sich mir zu zeigen, die Ausdrücke aber, wodurch ich Ihnen meine Erkenntlichkeit versichere, sind allgemein und fast erschöpft. Ich bin oft so bestürzt, daß ich nicht weis, was ich Ihnen sagen soll.
Sie verlangen mein Urtheil über Ihr neues Trauerspiel? Meiner Meynung nach, gleicht es den großen Schönheiten, die, sobald sie sich zeigen, aller Augen auf sich ziehen. Ich habe es mit Vergnügen gelesen, und alle Beredsamkeit

80 darinnen gefunden, die mir fehlet um seinen Werth zu erheben. Am Ende dieses Trauerspiels habe ich herzlich lachen müssen. Sie haben in der Vorrede zu Ihrem Cato sich erkläret, daß Sie in theatralischen Stücken die Heyrath nicht leiden könnten; Gleichwohl haben Sie es nicht lassen können hier Ihre Iphigenia zu verheyrathen. Sie thaten auch Recht; und da des guten Kindes Schicksal in Ihrer Gewalt stand, so konnte es sich nicht anders als glücklich endigen. Diese Anmerkung ist eine süße Rache für die Beschuldigung, die Sie mir in Ihrem letzten Brief aufbürden. Ich habe mich niemals erkühnet das wichtige Geheimniß der großen Pyramide in Sethos zu errathen; oder eine Sache klar einzusehen, wo die größten Philosophen kein Licht finden. Das nenne ich schalkhaft, die unschuldigsten Ausdrücke anders auszulegen und ein Räthsel darinnen zu finden, was ich ohne alle Zweydeutigkeit gesagt habe. Ich räume Ihrer Philosophie die Ehre willig

81 ein, daß ich etliche, für mich ganz unbegreifliche Stellen darinnen gefunden. Ich erkühne mich auch nicht, jemals einen Anspruch auf den Grad von Kenntnissen in der Weltweisheit zu machen, welcher erfordert wird, alle Theile derselben zu verstehen. Dieses ist den Meistern dieser Lehre vorbehalten. Ich will, wie die Frau von Sevigne sagt, diese Wissenschaft wie das l'Ombrespiel lernen, nur zum Zusehen, nicht zum Mitspielen. Ich will durch diese Wissenschaft, mich selbst zu kennen, und durch diese Kenntniß meine Fehler zu verbessern, mich bemühen. Würde Sethos, wenn er noch lebte, nicht vielleicht selbst gestehen, daß, ohngeachtet seiner Fackel, welcher er sich auf dem Wege in seiner Pyramide bediente, er gleichwohl oft im Finstern getappet, und daß er nur froh war mit dem Leben davon zu kommen? Dieses ist ohngefehr ein Theil meiner Geschichte, und ich glaube der meisten Leser ihren ebenfalls. Das Buch vom D. Swift hat meinen ganzen Beyfall,

82 wenn er nur unsern Seelen eine andere Gestalt gegeben hätte.
Das kleine Lustspiel ist recht gut gerathen. Ich antworte Ihnen dabey auf Ihre Frage, daß ich einen einzigen Erast allen gefälligen Männern vorziehen würde.
Leben Sie wohl, bester Freund, und erlauben Sie mir, in Zukunft Ihnen allemal diesen Namen beyzulegen. Ich bitte mir eben dasselbe von Ihnen aus; ich weiß nichts reitzenders für mich, als Ihre Freundin zu seyn. Denn diese Würde wünschet sich bis ins Grab zu behaupten Ihre
Kulmus.

 

83

Zwey und dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 6. Jan. 1734.
Nein, bester Freund, ich habe Sie keines Kaltsinns, keiner Nachläßigkeit beschuldiget. Diese Fehler argwohnet mein Herz niebey einer Person, die ich liebe und hochschätze. Ich will Ihnen den Trost sagen, den ich mir zu meiner Beruhigung über Ihr Stillschweigen erdachte; er war schwach, aber es war doch ein Trost. Ich bildete mir ein, daß bey den jeßt unordentlich gehenden Posten, vielleicht ein Schreiben sey liegen geblieben: Oder, daß Sie, mit Geschäften überhäuft, verhindert würden, mich Ihres Andenkens zu versichern. Wie glücklich aber habe ich mich geirret. Den 31sten Decbr. erhielt mein Vetter Nachricht aus Königsberg, daß Herr Professor Bock die Stelle des Herrn

84 Pietsch erhalten. Wie traurig ich also das alte Jahr beschlossen, können Sie sich leicht vorstellen, denn ich glaubte, daß nunmehro keine Hoffnung zu einer baldigen Beförderung übrig wäre. Nimmermehr hätte ich vermuthet, daß ich zwey Tage drauf einen so frohen Morgen erleben würde. Ich erschrack über die mir so angenehme Zeitung eben so sehr, als man sonst über eine traurige Begebenheit erschrecken kann, bald aber empfand ich das vollkommenste Vergnügen, welches unter uns allen gemein ward. Mein Bruder hat sich vorgenommen Ihnen dieses recht lebhaft zu schildern; ob es ihm gelingen wird, steht dahin. Mein ganzes Herz ist voll Freude, erst über die Erfüllung unserer Wünsche, und denn auch, daß man Ihren Verdiensten an eben dem Orte, wo man so wenig darzu geneigt zu seyn schien, endlich hat Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Ich schätze den Mann unendlich hoch, der es gewagt, Ihre Talente, Ihren Eifer und die Vorzüge Ihres redlichen

85 Herzens zu unterstüßen und zu belohnen. Hier könnte ich noch viel sagen, wenn Sie es nicht wären, mein bester Freund! würde ich aber nicht partheyisch scheinen, wenn ich aus der Fülle meines Herzens redete? Sie wünschen dasselbe ohne allen Anstrich, ohne Verstellung zu sehen. Ich zeige es Ihnen so wie es ist, voller Freude und Vergnügen über Ihre Beförderung; seine reinste und vollkommenste Zufriedenheit wird es nur in Ihrem Wohl suchen und finden. Das Bild des Glücks, welches die Welt unter seinen Füssen liegen hat, scheint mir weit unter einer durch die Tugend über ihre Feinde siegenden Seele zu seyn. Genüßen Sie dieses Sieges, bester Freund! Aber denken Sie auch in ihren zufriedenen Stunden oft an Ihre
Kulmus.

 

86

Drey und dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 26. Jan. 1734.

Hochzuehrender Herr,

Sie verlangen Nachricht von dem Zustand meines Gemüths. Ich eile Ihnen zu sagen, mein bester Freund, daß ich noch immer nicht ganz beruhiget bin, und es auch nicht eher seyn werde, bis ich weis, ob alle Ihre Geschäfte in Dresden glücklich geendiget sind. In den Augenblicken, da ich mein letztes Schreiben abfaßte, hatte sich die Freude meiner ganzen Seele bemeistert, und alle meine Hoffnung schien erfüllt zu seyn. Kaum aber war mein Brief abgegangen, so stellten sich hundert mögliche Hindernisse meinem Gemüthe vor. Glauben Sie, bester Freund, wer schon oft die Abwechselungen des Schicksals erfahren, der ist so schüchtern, so

87 ängstlich, daß der glücklichste Zufall ihn nicht ganz zufrieden macht. Man fürchtet immer, daß ein neuer Unfall uns drohet. In ähnlichen Umständen befinde ich mich ---
Sie sagen, dieses sey der entscheidende Punct unsers Schicksals und verlangen von mir aufrichtig zu wissen, wie weit die Erfüllung Ihrer Wünsche noch ausgesesetzt seyn solle? Ich überlasse Ihnen dieses einzig und allein, und ich habe keinen Willen als den Ihrigen, Ihre Bestimmung soll meine Vorschrift seyn. Wie lange habe ich diesen Zeitpunct mit Gelassenheit erwartet? Sollte ich jetzt ungedultig werden, da das Schicksal versöhnt scheint, und die Zeit unserer Verbindung näher kömmt? Nein, bester Freund, diesen Fehler sollen Sie nicht an mir tadeln.
Ihr poetisches Meisterstück ist schön. Es hätte einen hohen Preis verdient, wo anders eine größere Belohnung seyn kann, als das Lob und der Beyfall so vieler scharfsinningen

88 Kenner. Die Reisen des Cyrus (Les voyages de Cyrus) gefallen mir sehr. Ich wünschte, daß dieses Buch allgemeiner, und der Jugend zu lesen empfohlen würde, um sich darnach zu bilden. Leben Sie recht wohl, bester Freund! Ich wünsche Ihnen viel Gesundheit zu denen Verrichtungen, die mit Ihrer neuen Würde verbunden sind. Erinnern Sie sich aber auch bey allen Ihren Geschäften, Ihrer
Kulmus.

 

89

Vier und dreyßigster Brief

An eben Denselben.
Danzig den 3. Februar. 1734.

Bester Freund,

Ihr Stillschweigen auf meine beyden letzten Briefe fieng mich schon an zu beunruhigen. Auf einmal machen Sie mir eine doppelte Freude. Ihre Geschäfte sind also glücklich geendiget, und meine Wünsche erfüllt. Ich zweifle nicht, daß Ihre Neider sich bey dieser Gelegenheit noch zuletzt werden geregt haben. Wir wollen ihnen diese traurige Freude nicht mißgönnen; Die unsrige ist gegründeter und verspricht glücklichere Folgen. Ihren Freunden bin ich vielen Dank schuldig, daß sie bey diesem erfreulichen Zufalle Ihnen mein Andenken erneuern, und mich nicht unwerth schäßen, Theil an Ihrem Glück zu nehmen. Hier bemühet sich jeder, der mich sieht,

90 von meinen Gesichtszügen auf die innern Bewegungen meiner Seele zu schlüssen: Ob das Glück mich eines Freundes berauben werde, den mir so manche Widerwärtigkeiten zu entziehen nicht vermögend gewesen? Die meisten wünschen mir Glück zu Ihrer neuen Würde, und vermuthen nicht ohne Grund, daß ich viel Theil an Ihrer Wohlfahrt nehme. Die Veränderung meiner Gesichtsfarbe verräth bey dieser Gelegenheit alles, was in meinem Herzen vorgeht. Diese entdeckt Ihre Wahl und meine Neigung, die mir bey allen Vernünftigen Beyfall und Ehre bringen, und künftig mein ganzes Glück ausmachen werden.
Die Meynung Ihres sehr würdgen Vaters ist viel zu vortheilhaft für mich, als daß sie mich nicht ausnehmend erfreuen sollte. Wer ist wohl fähiger, Ihren Werth und Ihre Verdienste besser einzusehen, als derjenige, welcher den ersten Grund darzu zu legen so glücklich bemühet gewesen? Hält dieser mich nun Ihrer Wahl

91 nicht ganz unwerth, so bin ich beruhiget. Sein Beyfall wird mir, der stärkste Antrieb seyn, solchen immer mehr zu verdienen.
Die Vollziehung unsers Bündnisses überlasse ich Ihnen, liebster Freund, und meiner Mutter. Sie haben ihre Einwilligung und ihren Segen, beydes war zu unserer künftigen Glückseligkeit unumgänglich nothwendig. Ich ertheile Ihnen hierdurch ebenfalls mein freudiges Jawort. Die von Ihnen selbst erwählte Mittelsperson wird Ihnen dieses schon gemeldet haben; ich glaube aber, daß es Ihnen noch lieber seyn wird, solches von meiner eigenen Hand zu lesen. Jenes ist ein Zoll, den man nach der Gewohnheit bringen muß, denn mein Herz ist Ihnen schon längst eigen. Möchte doch dieses Geschenk Ihnen nach vielen Jahren so viel Freude machen, als es Sie in den ersten Augenblicken entzückte! Es gehöret dieser Wunsch unter die wenigen, um deren Erfüllung ich die Vorsehung bitte. Meine Gesinnungen soll keine Zeit, kein

92 Zufall verändern: so lange ich lebe, und noch jenseit des Grabes werde ich Ihnen ganz eigen seyn.
Kulmus.

 

Funf und dreyßigester Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 17. Febr. 1734.

Allerbester Freund,

Ich erfülle Ihr Verlangen und sende Ihnen mein Bild.

Blickt Treu und Zärtlichkeit hier nicht aus allen Zügen;
Der einzge Werth, der mich dir einst empfahl:
So strafe die Copey nur Lügen,
Und glaube dem Original.

Ich fürchte die bevorstehenden Kriegsunruhen möchten mich vielleicht verhindern, so oft als

93 sonst zu schreiben, destomehr aber werde ich an Sie denken und nur für Sie zu leben wünschen. Mein Bild soll mir bey dieser Gelegenheit den Dienst thun und Sie oft meiner erinnern; in dieser Absicht habe ich Ihnen meinen Schatten nicht eher als jetzt überschicken wollen.
Bey allen Veränderungen, die sich auf den Erdkreyß ereignen könnten, werde ich stets als Ihre treuste Freundin leben und sterben.
Kulmus.

 

  94

Sechs und dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 13. März 1734.

Bester Freund,

Ich habe nicht gezweifelt, daß mein Bild würde gut aufgenommen werden. Ich danke Ihnen für alle Schmeicheleyen, die Sie mir darüber sagen. Ich erfahre täglich, daß die Posten zwar noch sicher, aber langsamer, als gewöhnlich gehen, und wir sehen und beyderseits genöthiget, uns mit viel Gedult auszurüsten. Unser Zustand ist, Gott Lob! noch erträglich. Was aber die Umstände unserer guten Stadt betrift: so verzeyhen Sie mir, wenn ich Ihnen hiervon nichts ausführliches, nichts besonders, und nichts zuversichtliches schreibe, da dieses bey jetziger Lage der Sachen zu gefährlich ist. Daß die Rußische Armee so nahe vor

95 unserer Stadt liegt, als es nur möglich ist, und daß nichts fehlt, als solche einzunehmen, dieses ist richtig. Daß die vier Generale, Lascy, Biron, Libensky und Lion, worzu noch der General von Münnich gekommen seyn soll, nichts unterlassen werden, zu ihrem Zwecke zu gelangen, daran ist kein Zweifel. Daß aber auch in unserer Stadt alle nur mögliche und nützliche Anstalten, so vorsichtig als schleunig, gemacht worden; daß es uns noch an keiner Gattung von Lebensmitteln fehlet; daß die Thore bisher noch nicht geschlossen sind; daß in dreyen Wochen, da der General Lascy schon hier ist, außer den kleinen Scharmützeln, die zwischen den Cosacken und unsern Vorposten vorgefallen, doch noch keine förmliche Attaque geschehen ist, dieses können Sie sicher glauben. Die Vorstädte sind noch nicht abgebrannt, und wenn es ja geschehen sollte, so wird die Garnison aus der Stadt solche selber anzünden, damit die Flamme der letztern keinen Schaden

96 zufügen könne. Eins bitte ich: glauben Sie ja nicht allen Zeitungen, die Ihnen aus dieser Gegend zu Ohren kommen werden. Wir selbst zweifeln hier an vielen, was gesagt wird. Die Rußische, Französische, und Schwedische Flotte sind, dem Gerüchte nach, schon so oft in unserm Hafen gewesen, daß es ein Wunder ist, warum noch kein einzig Schiff sichtbar geworden. Tausend anderer Erdichtungen zu geschweigen, die man in unsern Mauern einander selbst aufbürdet. Wir sind also bisher noch in keiner großen Gefahr gewesen; allein es ist auch noch nicht ausgemacht, was uns noch begegnen kann; wir fürchten nicht alles, womit uns von unsern Nachbarn gedrohet wird, und hoffen noch immer das Beste. Jetzt dürfen Sie noch nicht besorgt seyn, daß ich in Rußische Hände gerathen bin, aber beten Sie, mein bester Freund, daß es nicht in der Folge geschiehet.
Meine, oder vielmehr unsere gute Mutter, (denn Sie gehöret nunmehro Ihnen, sowohl

97 als mir,) empfiehlt sich Ihnen. Sie hat Ihnen den 10. März geschrieben und erwartet nunmehro Ihre Antwort. Ich, die ich mich Ihnen schon so oft empfohlen, empfehle mich Ihnen aufs neue, und versichere, daß ich, trotz allen Begebenheiten, und noch später als bis zu letzten Bombe, niemals aufhören werde Ihnen ganz eigen zu seyn
Kulmus.

 

Sieben und dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 8. April 1734.

Bester Freund,

Ihr letzter Brief ist voller Unwillen, daß unsre Verbindung so lange aufgeschoben worden, bis sich nunmehro neuere Hindernisse gefunden, die solche noch länger verzögern würden. Ich antworte Ihnen darauf, daß man alles dieses

98 nicht vorher gesehen oder vermuthet hat. Die Hauptsache stieß sich an kleine Nebenumstände, die nicht sogleich gehoben werden konnten, und jetzt ist nichts übrig, als das Ende unsrer Unruhen in Gedult zu erwarten. Ich bin in der Lehre Ihrer Weltweisheit bis auf die göttlichen Eigenschaften gekommen.
Im 1122. §. von der Gerechtigkeit Gottes, sagen Sie: "Gott theilet nach seiner Güte zwar alles Gute unter seine Geschöpfe aus, sie, seiner Absicht nach, vollkommner zu machen; doch thut er solches nach seiner Weisheit. Diese sieht aber in jedem Falle, was für Mittel sich zu Erlangung der Absichten und des Hauptzwecks am besten schicken. Nun giebt auch die Entziehung gewisser Güter zuweilen ein Mittel ab, die vernünftigen Geschöpfe zu etwas Guten zu lenken; und Gott bedienet sich zuweilen dieses Mittels, dieselben vollkommner zu machen, etc."

99 Diese Betrachtung hat mich ungemein beruhiget. Lassen Sie uns die Absichten Gottes verehren; der alles soweit zu Stande gebracht; "der vermöge seiner Güte an alle dem ein Wohlgefallen hat, was zum Besten der ganzen Welt und ihrer Theile gereichet etc." Der wird auch, zu seiner Zeit und Stunde, seiner Geschöpfe ihr Bestes berfördern, und das beendigen helfen, was seine Weisheit angefangen und seine Güte bisher unterhalten hat. Sehn Sie mein philosophischer Freund, wie ich Ihren theoretischen Theil schon praktisch anzuwenden weis? Sie sehen, daß ich mit Nutzen Ihre Schriften lese, eine Sache, die mir nicht bey allen Schriftstellern wiederfährt. Sie besitzen die Kunst, alle meine Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. Leben Sie wohl, Sie sind ruhiger als wir, an Gedult und Hoffnung aber soll niemand übertreffen Ihre gelassene
Kulmus.

 

  100

Acht und dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 20. März 1734.

Mein einziger Freund,

Ich glaube es Ihnen, daß Sie bey Verzögerung meiner Antworten vielerley Kummer haben, und ich kann Sie unmöglich mit ruhigem Gemüthe länger darinnen wissen. Ich eile also Ihnen zu sagen, daß wir noch zwischen Furcht und Hoffnung leben, daß wir noch nicht überwunden, noch von aller Gefahr nicht ganz frey sind. Wir sind eingeschlossen und müssen unser Schicksal in Gedult erwarten. Wie kömmt es wohl, daß mir seit wenig Monaten alles viel erträglicher als sonst ist? Ich finde so viel Erleichterung in allen Plagen, wenn ich sie nur Ihnen erzehlen kann, daß ich keine einzige weniger zu haben wünsche, weil ich alsdenn schon einen Theil Ihres Mitleidens verlieren

101 möchte. Die Rede, welche der Hr. Professor May ins Deutsche übersetzet hat, ist ein vortrefliches Stück. Man kann nichts schöners, gründlichers und beredters lesen. Wenn doch diese Uebersetzung in Deutschland ausrichtete, was sie in Frankreich in Vorschlag gebracht hat.
Welchen Anschlag haben Sie auf meine Briefe gemacht? Es ist am besten, daß diese ganz im Verborgenen bleiben. Ich habe keinen Roman schreiben wollen. Tugend und Aufrichtigkeit sind die Richtschnur meiner Handlungen und meiner Gesinnungen von je her gewesen; diese sollen auch immer meine Führerinn bleiben. Von ihnen geleitet, will ich die Bahn meines Lebens muthig durchwandeln. Aus der Fülle meines Herzens habe ich geschrieben, und wem die Art unserer Freundschaft nicht gefällt, der wird an diesen Briefen viel zu tadeln finden.

102 Nur wenig Leser würden ihnen Beyfall geben. Ein falscher Anstrich, ausgesuchte, nichtsbedeutende Worte sind der Mode Styl; diesen werde ich niemals nachahmen, und wenn Sie nur mit meinen Briefen zufrieden sind, so mögen solche der ganzen Welt unbekannt bleiben. Sie fragen, was ich übersetze? Viel, sehr viel, mein bester Freund. Zuerst nenne ich Ihnen: Le triomphe de l'éloquence de Madame Gometz. Ehe aber alles zu Stande kommt, habe ich Sie noch viel zu fragen. Sobald die Posten sicherer gehen, werde ich den Anfang machen. Jetzt wünsche ich nur, daß dieses Blatt schleuniger in Ihre Hände komme als die vorigen, damit Sie, sobald als möglich, erfahren, daß ich nur für Sie zu leben wünsche und ganz die Ihrige bin
Kulmus
Ihr Brief vom 12. März ist mir auf eine besondere Art zugestellt worden. Das ganze feindliche

103 Lager hat ihn gelesen. Möchten doch diese unsere Feind andere Gesinnungen daraus lernen. Leben Sie wohl, und ruhiger als mir.

 

Neun und dreyßigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 5. Junius 1734.

Mein einziger Freund,

Wo soll ich anfangen, Ihnen beym Abgang der ersten Post, die man für sicher hält, alles das zu erzählen, was mir seit dem 16. April begegnet ist? Allen Verlust, den ich erlitten, und allen Schmerz, den ich darüber empfinde? Meine beste Mutter ist nicht mehr. Die Führerin meiner Jugend, die Mutter, die mir jederzeit mehr mit der Zärtlichkeit einer vertrauten Freundin, als mit der Strenge einer so nahen Blutsverwandtin begegnete, die habe ich

104 verloren, und mit ihr alles, alles, was mir die jetzigen Umstände erträglich machen könnte. Beklagen Sie mich, mein bester Freund; theilen Sie meinen Schmerz mit mir; helfen Sie mir die beste Mutter betrauren, die Ihnen Ihren Segen zurück gelassen! Auf diese Weise werde ich einige Linderung finden, die ich bisher vergebens gesucht habe.

Ich will Ihnen die letzten Tage der Verstorbenen erzählen, denn in ihren letzten Stunden bin ich selbst am Rande des Grabes gewesen . Es hätte nicht, viel gefehlt, so hätten Sie auch mich, und in mir Ihre treuste Freundin verloren. Den Anfang der Krankheiten in unserm Hause machte ich und meine Schwester. Es befielen uns die Masern, die den ganzen Winter in Danzig gewütet hatten. Ich bekam noch ein heftiges Fieber und einen starken Ausschlag, so daß mein Leben einige Tage in Gefahr war. Es besserte sich gegen den ersten May. Wir erhielten diesen Tag die Nachricht,

105 daß der Generalfeldmarschall Münnich grobes Geschütz erhalten, und die Stadt bombardiren würde. Es war nicht rathsam in unserm Hause zu bleiben, und mein Vetter suchte uns irgendswo in Sicherheit zu bringen. Er erfuhr, daß der Graf Münnich den hier residirenden Holländischen Commissarius, Hrn. von Bleyswick, hatte sagen lassen, die Holländischen Schiffe sollten sich alle an einem Ort versammlen, daß er sie verschonen könnte. Diese nun hatten sich an die Brabank geleget. Mein Vetter, der einen Schiffer daselbst kannte, besprach sogleich ein Zimmer für uns, und bat, uns nicht lange zu verweilen. Meine Mutter, die nunmehro bettlägerig war, befand sich nicht im Stande, sich auf den Weg zu ihrer Sicherheit zu begeben, sie verlangte, daß wir voraus gehen sollten. Den andern Tag wurde sie in einer Sänfte nachgebracht, und ihr Zustand verschlimmerte sich jede Stunde. Den folgenden Morgen verkündigte sie mir ihren nahen Tod, nahm Abschied von

106 mir, und diese rührende Scene machte meinen noch ohnedem entkräfteten Körper vollends müde. Und ach Gott! Was empfand meine Seele? Sie wurde von Gram und Schmerz ganz zu Boden geschlagen, und meine Thränen matteten mich so ab, daß ich wieder das Bette hüten muste.

Den 10. May gefiel es Gott, diese meine ewig geliebte Mutter alles Leidens zu befreyen, und ihr in jenem Leben die Crone zu ertheilen, wornach sie hier so sehnlich gerungen hat. Ihre letzten Augenblicke sollen, wie man mir berichtet, ruhig, und ihr Tod sanft gewesen seyn. Ich sage, wie man mir berichtet; denn die zwey leßten Tage ihres Lebens war ich mir selbst ganz unbewust. In den Stunden, da meine Krankheit aufs höchste gestiegen war, uns so zu sagen, Tod und Leben mit einander kämpften, war ich mit lauter Sterbensgedanken beschäftiget. Ich lag, und erwartete meine Auflösung im Stillen. In diesen Augenblicken fielen Sie,

107 mein bester Freund, mir ein, und mein Herz wurde bey dieser Erinnerung noch beklemmter. Ich bat Gott sehnlich und mit Thränen, er möchte Ihnen wieder eine Braut zuführen, welche, wo es möglich, Sie so zärtlich liebte als ich, und alle Glücksgüter besäße, die Sie verdienen, und mir mangeln. Ich erinnerte mich unter meinen wenigen Juwelen eines Ringes, den ich Ihnen, zum Andenken unserer reinen Liebe, übersandt wissen wollte. Dieses unterbrach mein Stillschweigen. Ich rief meinen Bruder, gab ihm diesen Auftrag als die letzte Bitte einer sterbenden Schwester, und nahm von den Anwesenden Abschied. Alle waren bestürzt, und in dieser Bestürzung ließ man mir noch eine Ader öffnen. Dieser Aderlaß that die schleunigste Wirkung, meine Seitenstiche verschwanden, und ließen mir nur eine unbeschreibliche Mattigkeit zurück. Ich erwartete immer noch den Tod, und wünschte von meiner geliebten Mutter auch im Sterben

108 nicht getrennt zu seyn, aber jetzt muste ich diese Trennung erfahren. Mein blutendes Herz seufzte mit leiser Stimme, was ich sonst oft so freudig ausgerufen hatte: Herr, dein Wille geschehe! Aber bald wird dieses Herz sich unter die Hand des Allmächtigen beugen, und dadurch die Ruhe finden, die ich bisher verloren gehabt. Das ganze Haus kömmt mir als eine Wüste vor, weil ich diejenige nicht mehr finde, die ich darinnen über alles schätzte.

Der Abschied dieser sterbenden Mutter wird sich nie aus meinem Gedächtniß verlieren. Noch jeßt fließen Zähren, gerechte Zähren, die ich ihrem Andenken weyhe. Sie rief mich zwey Tage vor ihrem Ende zu sich; “Mein Kind, sagte sie: ich gehe zum Vater; Gute Nacht! aber nicht auf ewig. Dort wollen wir uns wieder sehen, und denn soll unsere Vereinigung ungetrennt und vollkommen seyn. Ich lasse dich in einer Welt, darinnen die Gottlosigkeit aufs höchste gestiegen, und ich danke Gott,

109 daß er mich dir bis jetzt erhalten, da du hoffentlich das Böse von dem Guten zu unterscheiden weißt. Hasse das erste und hange dem letzten an, weiche nie von der Bahn der Tugend. Treue Arbeit bringt herrlichen Lohn. Lebe wohl, mein Kind! Sey getreu, Gott und deinem Geliebten! Liebe Gott über alles, und zuerst, deinen Freund als dich selbst, so wird er euch segnen. Gott bringe euch bald zusammen, und sey euch gnädig. Ich habe das Vertrauen zu deinem Freunde, er werde dich künftig so weislich und liebreich führen, als er dein Herz mit Klugheit und Redlichkeit gelenket hat. Ich freue mich, ihm noch, ehe ich sterbe, meinen Segen und meine Einwilligung ertheilt zu haben. Vergiß mich nicht, mein Kind! so lange du lebest, und verlaß Gott und die Tugend nimmermehr.” Hierauf ertheilte sie mir den Segen, und noch einige Befehle, die ich nach ihrem Tode ausrichten sollte. — In Thränen fast zerfließend verließ ich ihr Bette, und

110 habe diese rechtschaffene Mutter nicht mehr gesehen.

Nur die Hoffnung, in Ihnen den redlichsten, besten, treusten Freund zu besitzen, kann mich einigermaßen über meinen Verlust trösten. Unter den schmerzlichsten Empfindungen ist mein Brief länger gerathen, als ich gedacht. Ich habe unter diesen Klagen meinem Herzen Luft geschafft, und ich erfahre den Trost, daß ich einem Freund meinen geheimen Gram entdecken kann. Ich weis, Sie haben Mitleiden mit Ihrer
Kulmus

 

111

Vierzigster Brief

An eben Denselben.
Danzig den 9. Julii 1734

Mein einziger Freund,

Jede Gelegenheit ist mir angenehm, durch welche ich Ihnen Nachricht von mir geben, und Nachricht von Ihnen erhalten kann. Schreiben Sie mir also immer auf geradewohl. Sagen Sie mir in Ihren Briefen, wie Plinius verlangt, nur mit wenig Worten: “Ich lebe, und bin gesund.” Die Hoffnung, diesen oder jenen Tag einen Brief von Ihnen zu erhalten, ist schon tröstlich; denn die sichere Ungewißheit über Ihr Schicksal ist mir ganz unerträglich. O! möchten doch die jetzigen stürmischen Zeiten durch einen baldigen Frieden wieder ruhig werden! Möchte doch das menschliche, das mitleidige Herz der Monarchen, durch die Vorstellung

112 eines blutigen Krieges, erweichet werden! Möchten diese doch, um so vieler unschuldiger Seelen willen, (die nur allzu oft das Schlachtopfer des Krieges werden) einen Frieden eingehen, ehe durch die strenge Ausübung ihrer Befehle, Länder und Völker verarmten, und aufgerieben würden.

Ich läugne nicht, daß ich um mein selbst willen mit doppeltem Eifer den Frieden wünsche. Wenn aber mit dem eigenen Besten auch die Beforderung des allgemeinen Wohls sich verbindet, ist es alsdenn nicht erlaubt, doppelte Wünsche dafür zu thun? — Ich erwarte mit Sehnsucht ein Schreiben von Ihnen, und Nachricht, was Sie in Ihren Gegenden zu fürchten oder zu hoffen haben. Unter der Regierung eines Augusts müsse Sachsen von keiner Unruhe bestürmt werden. Gestern, den 8. Julius, ist den Sächsischen Völkern das Olivische Thor eingeräumt worden, nachdem am 24. Junii die Weichselmünde capituliret,

113 und Sächsische Trouppen eingenommen hatte. Leben Sie wohl, mein bester Freund! Es mag nun gehen wie es will, ich bleibe doch ewig die Ihrige
Kulmus.

Ein und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 4. Aug. 1734.

Mein theurer Freund,

Wie geht es Ihnen? Leben Sie noch ruhig, oder sind alle die fürchterlichen Nachrichten, so man uns aus Sachsen erzählet, gegründet? Keine derselben will ich wiederholen, sie sind mir ängstlich zu hören gewesen, warum sollte ich mich bey ihrer schriftlichen Wiederholung aufs neue beunruhigen? Die schleunige Abreise des Königs nach Dreßden bestärkte uns in der Meynung, daß es gefährlich in Sachsen aussehen

114 müsse. Mit tausend Wünschen für die Wohlfarth seines treuen Landes habe ich diesen Monarchen begleitet. Ihr letzteres Schreiben brachte mir den Trost, daß meine Besorgnisse nicht ganz gagründet wären. Gott lasse es nie so weit kommen. Ich wünsche Ihren guten Mitbürgern, welche ich mit den meinigen in gleichem Grad hochschätze, eine dauerhafte, von denen Gefahren des Kriegs nie gestörte Ruhe. Sie fragen mich wegen Ihrer zu unternehmenden Reise nach Danzig; Allein meinen Einsichten nach, kann die Hauptabsicht derselben auf dieses Jahr nicht erreichet werden. Die Belagerung hat dem hiesigen Magistrat so viel überhäufte verdrüßliche Geschäffte aufgebürdet, und zurückgelassen, daß gegenwärtig einheimische Gerichtssachen gar nicht vorgenommen werden können. Gleichwohl muß ich meine Vermögensumstände zuförderst in Ordnung bringen, weil von selbigen unsere künftige Einrichtung abhängt. Meine Trauer ist noch sehr

115 tief; ich trage ein ordentliches Wittwenkleid. Nach der hiesigen Verfassung kann ich solche im geringsten nicht ändern, bis ein volles Jahr nach meiner Mutter Tod verflossen ist; und wie gerecht ist diese geringste Pflicht eines Kindes, das seine Mutter nie genug betrauern kann! Würde sich also wohl ein thränendes Auge, ein blutendes Herz, und ein Brautkleid zusammenschicken?

Endlich muß ich Ihnen noch sagen, daß ich meine Gesundheit noch nicht für stark und wiederhergestellet genug halte, um eine weite Reise unternehmen zu können. Gott habe ich Ursache zu danken, daß ich von einer so schweren Krankheit in so weit genesen bin, allein ich möchte auch nicht gerne mich neuen, und allemal gefährlichern Rückfällen, durch eigne Schuld aussetzen, und Ihnen dadurch die Reise mit beschwerlich machen. Sie sind allemal mein erstes Augenmerk, und ich rechne die Ihnen daraus unfehlbar zuwachsende Unruhe höher,

116 als meine eigenen Unbequemlichkeiten seyn würden.
Dieses sind die Schwierigkeiten, welche meine Vernunft der Vollziehung unserer Heyrath auf dieses Jahr entgegen setzet. Mein Herz hingegen findet gar keine, und dieses wird alles möglich zu machen suchen, was schwer und unbequem zu seyn scheinet. Ich erwarte Ihre Meynung, und Ihren Willen, den ich dem meinigen ganz unterwerfe; denn für mich will ich keinen behalten, als nur Ihnen bis ins Grab eigen zu seyn.
Kulmus.

 

117

Zwey und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 8. August 1734.

Mein bester Freund,

Ihr letzter Brief vom 19. Julii hat mich sehr gerühret. Sie sagen mir, daß die Religion uns in solchen Gefahren, welchen ich sowohl am Leibe als Gemüthe ausgesetzt gewesen, die beste Hülfe erzeigte. Sie führen mir die stärksten Gründe aus derselben zu meinem Troste an, und diese richten mich ungemein auf. Eben da ich dieses Schreiben erhielt, las ich den vortreflichen Abbadie und seine Wahrheiten der christlichen Religion. Ich finde dieses Buch so schön, daß ich Ihnen eine ganze Stelle daraus hersetzen will. Er sagt:
"Die Religion zeiget uns alle Sachen in einer Gestalt, unter welcher sie uns vorher

118 niemals erschienen waren. Sie macht, daß wir unsere Krankheit gedultig ertragen, indem sie uns ihren Endzweck und Ursprung entdecket. Sie tröstet uns bey unvermutheten Unglücksfällen damit, daß sie uns überführt, daß nichts ohne göttliche Zulassung geschehen könne, welche allemal alles zu unserm Besten wendet. Sie demüthiget uns im Glück, und unterstützet uns im Unglück. Sie befreyet unser Gemüthe von aller Quaal und Unruhe, indem sie die Heftigkeit seiner Bewegung mäßiget. Sie stärket uns wider die Schrecken des Todes, und zeigt uns ihn als einen Uebergang zu einem besserm Leben. Sie tröstet unser Gewissen durch ihre Verheißungen. Sie begleitet uns in allen Gefahren, um uns Muth einzusprechen; in der Einsamkeit, um uns vor der Traurigkeit zu beschützen, die bey der Betrachtung unsers Wesens, und deß, was wir werden sollen, uns befallen könnte. Am herrlichsten zeigt sie sich auf dem Sterbebette, wo

119 sie anfängt unser Alles zu werden. Hier, wo die Bezauberung der Sinnen aufhört, und der Schauplatz der Welt mit allen seinem Reitz verschwindet.”
Eben dieses laß ich, als ich Ihr Trostschreiben erbrach. Meine Seele empfand alles, was Sie mir mit der Ihnen ganz eignen Beredsamkeit über das Absterben meiner Mutter, über die ausgestandende Gefahr des Krieges, über meine eigne harte Krankheit sagten, mit doppelter Rührung. Lange konnte ich die Bewegung meines Gemüths, die diese Empfindungen in mir erregten, nicht stillen. Ja, bester Freund! ich habe den Beystand der Religion erfahren. Die Lehren meiner sterbenden Mutter habe ich durch das feste Vertrauen auf die Hülfe des Herrn erfüllet. In diesen Gesinnungen wünsche ich bis an mein Ende zu beharren, und durch Sie hoffe ich immer mehr darinnen bestärkt zu werden.

120 Leben Sie wohl, mein tugendhafter Freund! Ich werde auch Ihre Lehren befolgen, die so nützlich, so vortreflich sind, und nie aufhören Ihnen dafür zu danken.
Kulmus.

Drey und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 21. Aug. 1734.

Mein erzürnter Freund!

Diesen Augenblick erhalte ich ein Schreiben von Ihnen, worüber ich ungemein bestürzt bin. Scherz und Ernst, Liebe und Kaltsinn finde ich darinnen so künstlich vermischt, daß ich nicht weis, was ich denken soll. Nichts als die unvermeidlichen Umstände, die mich länger, als ich wünsche, hier aufhalten, sind die Ursache Ihres Unwillens. Ich bin bereit, Ihnen alle Vortheile aufzuopfern, und nichts, es mag so wichtig

121 seyn als es will, soll mich abhalten, Ihr Verlangen buchstäblich zu erfüllen. Aber wie können Sie mein Herz so empfindlich angreifen, und es beschuldigen, daß ihm der Aufschub, den die Umstände erfordern, lieb wäre? Wie beleidigend wäre dieser Verdacht, wenn ich Ihren Eifer nicht für eine zärtliche Ungedult ansähe, die so schmeichelhaft für mich ist. Ist es denn meine Schuld, daß das Schicksal gleich im Anfange unserer Bekanntschaft so viel Hindernisse ihrem Fortgange im Weg gelegt, zu deren Ueberwindung Zeit, und viel, viel Gedult erfordert wurde? Verschonen Sie mich, bester Freund, mit dem Vorwurf des Kaltsinns, oder lehren Sie mich die Kunst, ihn mit Gelassenheit zu ertragen.

Die zwey Gedichte, so Sie während unserer Belagerung verfertiget, sind schön. Ich danke Ihrer Muse für den Dienst, den Sie mir bey dieser Gelegenheit geleistet, und für alles Zärtliche, was Sie Ihnen eingegeben hat. Es ist

122 kein größerer Trost in Widerwärtigkeiten, als einen Freund zu finden, der Theil an unserm Schicksal nimmt.

Ich bin jeßt mit einem Risse beschäftiget, den mein Wißbegierde nachzumachen versuchet hat. Es ist mir mit Hülfe eines guten Reißzeuges gelungen, und ich habe mir ganz unvermuthet einen Feind dadurch gemacht, weil ich als ein Frauenzimmer etwas unternommen, was nur für Gelehrte und Künstler gehöret. Es schadet nichts, endlich wird man mir diese Beleidigung vergeben.

Doch was schreibe ich Ihnen für unnützes Zeug? Es ist ein Beweis meiner Ueberwindung bey Ihrem eifrigen Brief. Wenn dieses nicht wäre, würde ich um Verzeihung bitten. Jetzt ist es an Ihnen, mein bester Freund! mir Ihren übereilten Eifer schön abzubitten. Ich werde Ihnen sodann herzlich und aufrichtig vergeben, und nach geschehener Versohnung mit doppelter Freundschaft, Zärtlichkeit, und wie

123 Sie diese Neigung weiter nennen wollen, Ihnen ganz ergeben seyn
Kulmus.

 

Vier und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 30. Aug. 1734.

Mein bester Freund!

Sie sind an dem Inhalt meiner Klagelieder selbst Schuld. Künftig bitte ich, mich nicht mehr eines Kaltsinns zu beschuldigen. Diesen Angriff auf mein Herz kann ich unmöglich aushalten. Wie ist es möglich, daß diese ungerechten Vorwürfe mit Ihrer Freundschaft und Billigkeit zusammen stimmen können? Ich freue mich von Herzen, daß Ihnen meine Aufrichtigkeit, in Ansehung meiner Vermögensumstände, gefallen hat. Konnte ich wohl daran zweifeln, da Sie eben so aufrichtig gegen mich handeln?

124 Was würden wir auch beyderseits dabey gewinnen, wenn wir uns verstellten, und unsern Gesinnungen und Handlungen einen falschen Anstrich gäben? Endlich würde sich die Wahrheit entdecken, und wir würden beklagen und zu spät bereuen, daß wir uns hintergangen hätten. Nein, bester Freund! Sie sollen mich niemals einer Falschheit beschuldigen können. Mein Herz hat sich Ihnen gleich im Anfang gezeigt, wie es immer seyn wird und seyn soll. Ich finde nichts unangenehmer in der menschlichen Gesellschaft, als wenn Freunde, immer versteckt für einander, in einem heimlichen Mißtrauen leben; und ich halte diese Verstellung für die Hauptursache vieler unglücklichen Ehen. Wie sehr habe ich mich gefreuet, daß, da die Vorsicht uns für einander bestimmt hat, sie mir in Ihnen einen aufrichtigen Freund gezeiget, mit welchem ich diese mir vorzüglich schätzbare Eigenschaft bis an das Ende meines Lebens ungestört fortzusetzen gedenke.

125 Les bains de Thermopyles habe ich durchgelesen. Melicrite kömmt mir zu mißtrauisch vor, aber ich kann mich irren. Mein jetziger Gemüthszustand erlaubt mir nicht, die Uebersetzung zu unternehmen. Kaum setze ich mich nieder, mich mit einer oder der andern Arbeit zu zerstreuen, so fallen mir alle die Ursachen ein, warum ich Zerstreuung suche. Alle Angst und Gefahr, der ich voriges Jahr ausgesetzt gewesen, der Verlust meiner Mutter, meiner Leherin und besten Freundin, alles, alles stellt sich mir so lebhaft vor Augen, daß ich zu allem ungeschickt bin, und träge und traurig meinem ganzen Schicksal nachhänge. Ich habe einen Versuch gewaget, einige Oden aus dem Horaz zu übersetzen. Sobald ich mit abschreiben fertig bin, werde ich Ihnen diese Frucht meiner traurigen Muse zuschicken.
Versichern Sie Ihrem gelehrten Freunde, den Herrn Pr. May, mit aller Beredsamkeit, die seiner würdig, und Ihnen ganz eigen ist,

126 meinen Dank für die Uebersetzung seines neuen Werks. Ich schließe von der Vortreflichkeit des Originals auf die Uebersetzung. Ich habe ihn jederzeit hochgeschätzt, und er ist mir doppelt werth, wenn ich ihn als den treusten Freund meines geliebten G. betrachte.

Für die Gewährung meiner Bitte in Absicht auf meine Briefe, danke ich ihnen recht sehr. Die guten Zeilen haben das ihrige gethan; Sie haben Ihnen mein ganzes Herz gezeiget, lassen Sie solche nunmehro vergessen seyn. Wenn sie ganz Deutschland lesen möchte, so würde ich diese Ehre nicht mehr empfinden, als daß sie von Ihnen gelesen worden. Alles, was ich Sie bitte, ist dieses: Verhindern Sie den Druck dieser Briefe, oder verschieben ihn, bis nach meinem Tode.

127 Leben Sie wohl! fahren Sie fort, mein bester Freund zu bleiben, so werde ich die Plagen dieses Lebens nur halb fühlen. Schreibe ich nicht sehr lange Briefe? und heißt dieses nicht buchstäblich, daß ich Ihre gehorsame Dienerin bin?
Kulmus.

 

Fünf und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 4. Septbr. 1734

Mein aufrichtiger bester Freund,

Ich weis keinen Ausdruck zu finden, Ihnen die Bestürzung zu beschreiben, die mir Ihr letztes Schreiben verursacht hat. Sie erzählen mir darinnen eine Lästerung, die mir an sich selbst nicht empfindlich seyn kann; weil sie gleich andern, die ich bisher erfahren, ganz ohne

128 Grund ist. Aber Sie, mein bester Freund, sind dadurch beunruhiget worden, und dieses rührt mich. Ich weiß nicht, warum sich so viel Leute Mühe geben, unsere Freundschaft zu zernichten? Aber das ist gewiß, daß man bey mir eben so sehr daran arbeitet, als bey Ihnen. Ich bin noch im Zweifel, wem ich diesmal für den Stöhrer unserer Ruhe ansehen soll. Es ist mir leid, daß Sie den Brief verbrannt haben, vielleicht hätte man an der Hand den Verläumder errathen. Doch wer schon so boshaft ist, der wird auch die nöthige Behutsamkeit brauchen, die darzu erfordert wird.

Sie, einziger Freund, wissen am besten, daß ich selbst die erste gewesen, die Ihnen alle Umstände meiner Familie entdecket. Meine heimliche Eigenliebe freuet sich recht, durch diese Aufrichtigkeit meinem Feinde zuvorgekommen zu seyn. Vielleicht würden tausend Personen meines Geschlechts mit eben so großer Sorgfalt verborgen haben, was ich Ihnen

129 alles, auch das Widrige zu offenbaren, mich bemühet. Dieses macht also den ersten Punct der Verläumdung zu Schanden. Was den zweyten wegen meiner Gesundheit betrift; so habe ich niemals kränklicher und entstellter ausgesehen, als bey meines Vaters Tode, und 6 Monate hernach. Es war eben um die Zeit, da die Reihe an mir war, eine Probe der Beständigkeit gegen Sie abzulegen. Ich bin standhaft geblieben, ohngeachtet ich von allen Seiten heftig bestürmet wurde. Ich hatte den Tod eines sehr liebreichen Vaters, und eine ganz unvermuthete Zerrüttung unserer Umstände zu bedauren. Nun zitterte ich selbst vor dem Verluste meines besten Freundes. Dieses schlug mich fast darnieder. Damals legte ich den Grund zu meiner letzten Krankheit. Dieses und alles allgemeine Elend sowohl, als der besondre nagende Kummer über den Tod meiner Mutter, hätte mir beynahe das Leben gekostet. Jetzt aber hat ein so heftiges Fieber meinen Körper

130 gereiniget, mein Gemüthe ist viel heiterer, und mein Körper viel gesünder als jemals. Vor vier Jahren hätte man Ihnen schreiben sollen, daß ich übel aussähe; da kam ich aber meinen Neidern zuvor. Und warum hätte ich das nicht thun sollen? Sie waren nicht nach Danzig gekommen, schöne Gesichter und schöne Körper zu suchen; diese hatten Sie in Sachsen näher. Oder hätten Sie diese auch hier verlangt, so würde Ihre Wahl nicht auf mich gefallen seyn. Gesetzt auch, daß ich jetzt die Blattern gehabt hätte; gefetzt, daß mich diese sehr übel zugerichtet; so hätte ich Ihrer Standhaftigkeit doch so viel zugetrauet, daß Sie die treue Beschreibung meines narbigen Gesichts ohne widrigen Eindruck würden gelesen haben. Ich glaube, ich hätte die Gruben gezählet, um Ihnen alles genau zu melden. Aber nein, bester Freund! diese Krankheit hat schon im vierten Jahre ihre Wuth an mir ausgeübet. Meine theure Mutter hat mich damals dem Himmel abgedrungen,

131 weil ich eben sehr krank war. Diese Nachricht ist also jetzo ganz falsch. Mein Gesicht ist noch in eben der Verfassung, als ich Ihnen solches im Februario, durch die Hand eines guten Meisters verfertiget, zugeschickt habe. Was wollen wir aber, treuster und theuer geschätzter Freund, mit unsern gemeinschaftlichen Feinden machen? Ich zittere, wenn ich denke, daß sie noch sechs Monate Zeit haben, ihre Lästerungen aufs listigste fortzusetzen. Doch, ich hoffe, sie sollen an uns zu Schanden werden. Sollten sie fähig seyn, das Band zu lösen, welches die Tugend geknüpfet hat? Nein, Theuerster, an meiner Seite sollen sie diese Ehre nimmermehr erleben. Mein Herz wird sich bei den scheinbarstern Verläumdungen jederzeit auf die Tugend stützen, der ich bis in Tod treu bleiben werde. Meine Liebe wird zu Ihnen das beste Zutrauen haben; und kein Zufall wird den Entschluß ändern, bis ins Grab Ihnen ganz eigen zu sein,
Kulmus.

 

132

Sechs und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig, den 10. Sept. 1734.

Mein theuerster bester Freund!

Lassen Sie Sich Ihren letzten Brief nicht reuen. Es ist nichts billiger, als daß ich den Verdruß mit Ihnen theile, den Ihnen unsere Freundschaft verursachet. Fürchten Sie nicht, daß dergleichen Lästerungen mich zu sehr kränken möchten. Ein gutes Gewissen beruhiget sich sehr leicht, und so lange ich diesen, mir ewig theuren Schatz besitze, so werde ich nichts scheuen, und über alles bald zufrieden gestellet seyn. Glauben Sie, liebster Freund, daß ich Ihnen lieber meine guten Eigenschaften (wenn ich deren besäße,) verheelen würde, als meine Fehler. Nach meiner Denkungsart wünsche ich geliebt zu seyn, so wie ich bin, und nicht, wie

133 ich seyn sollte. Alles, was Sie mir zu meiner Beruhigung darüber schreiben, ist so schön, so sinnreich, so gefällig, daß ich für die ganze Verläumdung sehr reichlich belohnt bin. Sie ist der Bewegungsgrund, der mir diese angenehmen Zeilen zugezogen hat, und ich weis meinen Lästerern recht viel Dank. Eins bitte ich nur von Ihnen, machen Sie Ihren Freunden kein gar zu reitzendes Bild von mir. Man verliert zu viel, wenn die Beschreibung zu vortheilhaft gemacht ist, und ich möchte um alles in der Welt, in den Augen Ihrer Freunde nicht geringer scheinen, als die Vorstellung ist, so Sie Sich von mir gemacht haben.

Wie angenehm sind Ihre Briefe, bester Freund! Ich mag so traurig, so betrübt seyn als ich will, so werde ich heiter, munter, getröstet und zufrieden, sobald ich diese lese. Besonders danke ich Ihnen für den letzten, der so schön ist, daß ich ihn nicht genug lesen kann. Sie drücken Sich über alles so vortreflich aus,

134 daß beydes, was Sie fühlen und nicht fühlen, gleich angenehm zu lesen ist.

Wer ist die Schöne, die, wie Sie sagen, so viel Vorzug in gewissen Stücken vor mir hat, und in andern so weit unter mir ist? Sie bringen auf diese Art, wie ich sehe, die Zeit, da wir noch getrennt seyn müssen, sehr angenehm zu. Es freuet mich Ihrentwegen, liebster Freund; denn oft wünsche ich, daß Sie mich weniger lieben möchten, als ich Sie liebe, um nicht so viel zu lieden, als ich leide. Sagen Sie einmal, ob dieses eine kaltsinnige, gleichgültige Liebe ist, wie Sie so oft die meinige nennen? Das Gedicht, welches der zärtliche Bräutigam S. auf seine verstorbene Geliebte gemacht, habe ich aus bloßer Neugier gelesen; ich wollte wissen, ob dieses eine Sache sey, darüber man so viel schreiben könne, als man wirklich empfindet. Aber, Himmel! was hat der gute Mann alles gesagt, ich glaube viel mehr, als er empfand. Findet er vielleicht eine zweyte und eine dritte Braut,

135 so wird er eben so schön und zärtlich singen, als er bey jener Gelegenheit schmerzlich gegirret und geklaget hat. Ein Poet ist doch ein unerschöpflicher Mann, es quillt Wahres und Falsches aus einem Brunnen, und das Sprüchwort ist untrüglich: Le Poëte n’eft jemais heureux qu’en fiction.

Versichern Sie doch der Frau von Z. aller meiner Hochachtung. Streuen Sie zuweilen unter Ihren Weyhrauch etwas von dem meinigen, so wird dieser letztere einen angenehmen Geruch geben. Ich wünschte wohl einigen Antheil an ihrer Gunst zu haben, und Sie, die Sie geneigt sind, meine Fehler zu entschuldigen, Sie können mir solche verschaffen. Leben Sie wohl, mein gütiger Freund, ich will Sie nicht länger ermüden, nur dieses erlauben Sie mir noch zu sagen, daß ich Ihnen von ganzem Herzen ergeben bin.

Kulmus.

136

Sieben und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 22. Septbr. 1734.

Mein allertheurester Freund!

Vergangenen Sonnabend habe ich das wichtigste Schreiben, welches ich noch von Ihren Händen erhalten, mit Vergnügen erbrochen, und mit der reinsten Freude, die ein redliches, ein zärtliches Herz empfinden kann, gelesen. Fünf freudenlose Jahre haben mich durch mancherley Widerwärtigkeiten zu dessen frohen Empfange bereitet. Diese langen Prüfungen haben mich die Beschaffenheit meiner Liebe, und die gerechten Gründe darzu, in ihrem ganzen Lichte sehen lassen. Diesen habe ich nun auch die Freimüthigkeit zu danken, womit ich nicht allein Ihre, mir ewig theure Zuschrift erhalten, sondern mit welcher ich auch diese Zeilen aufsetze.

137 Ich habe nichts von alle dem zu fürchten, was Sie, mein einzig Geliebter, zu erwägen mir anrathen. Ist es meinem Herzen schon damals unmöglich gewesen, den Eindruck zu vergessen, so Sie bey Ihrem Hierseyn auf selbiges gemacht, da ich, ohne eine sträfliche Treulosigkeit zu begehen, meine Neigungen noch ändern konnte; wie sollte es sich künftig eines Wankelmuths schuldig machen? Eines Fehlers, der nicht anders, als mit der Verknüpfung des schändlichen Lasters begangen werden könnte, und der mich selbst in meinen Augen verächtlich machen würde? Das beständige Andenken an meinen einzigen und besten Freund, wird mich alle Augenblicke an meine Pflichten erinnern. Ich bin niemals durch Zwang zur Tugend genöthiget worden; man hat mir ihre Vortreflichkeit und ihren Werth sehr lebhaft vorgestellt; ihr zu folgen aber, hat man meiner eigenen Wahl überlassen. Indessen ist mir dieselbe immer so unendlich schätzbar vorgekommen, daß ich sie

138 aus eigenem freyen Willen erwählet. Ich hatte mir fest vorgesetzt, alles Ungemach, was ihr und ihren treuen Nachfolgern oft zu begegnen pfleget, lieber zu ertragen, als daß ich auf eine lasterhafte Art glücklich zu seyn, hätte erwählen sollen. Die Tugend führet die, so sich ihr überlassen, und ganz zu eigen geben, auf den besten Weg; sie zeiget ihnen Glückseligkeiten, die, wenn sie nicht so sehr in die Augen fallen, dennoch von längerer Dauer sind, als alle flüchtige scheinbare Güter dieser Welt. Ich nehme hierbey unsere Freunschaft zum Zeugen. So herrlich hat zuletzt das Ende derselben werden müssen. Unsere Wünsche sind erfüllt. Jetzt liegt es nur noch an mir, Ihnen, mein auserwählter Freund, ein Herz völlig zu übergeben, das Ihnen die Vorsehung schon zugedacht hat, und welches durch mancherley Proben Ihrer Liebe würdig gemacht worden ist. Ich bin fest überzeuget, daß wir beyde von Gott selbst einander bestimmt sind; Ich schlüße dieses sowohl aus

139 der wunderbaren Art, die unsere Bekanntschaft veranlasset, als auch aus dem geheimen freudigen Verlangen, damit ich immer gewünschet, Ihnen auf ewig anzugehören.

Nun, im Namen Gottes, verspreche ich mich also Ihnen, mein theuerster und bester Freund, auf mein ganzes Leben mit dem festen Vorsatz, Sie über alles in der Welt zu lieben, und Ihnen treu zu seyn bis in den Tod. Bei der Fortsetzung Ihrer Liebe wird mir alles Leiden erträglich seyn, und in meinem Gemüthe keine Veränderung verursachen können. Nächsten Posttag sollen Sie ebenfalls ein sichtbares Zeichen zur Bestätigung dieser unserer Verlobung erhalten, weil ich heute nicht damit habe fertig werden können. Ich habe Sie nicht einen Posttag über die Gewißheit meiner Gesinnungen unruhig lassen wollen. Gott lasse den Segen meiner und auch Ihrer theuersten Eltern auf uns ruhen, so werden auch unsere äußerlichen Glücksumstände der innern Zufriedenheit unserer Gemüther

140 gemäß sein. Ich bitte mir die beständige Fortsetzung Ihrer Liebe aus; Die meinige verspreche ich Ihnen nochmals bis in mein Grab, und mit welchem Vergnügen unterschreibe ich mich heute zum erstenmal meines innigst geliebten Freundes
verlobte Braut
und ewig treue Freundin

Louise Adelgrunde Victoria Kulmus.

 

  141

Acht und vierzigster Brief.

An eben Denselben.
Danzig den 29. Sept. 1734.

Mein auserwählter Freund,

Hier ist endlich das glaubwürdigste Zeugnis unserer Verbindung, und der ewigen Liebe, die ich Ihnen, mein Theurester, in meinem letzten Schreiben mit Freuden versichert habe. Alles, was ich Ihnen darinnen gesagt, bestätige ich durch beyliegenden Ring. Bey gutdenkenden Seelen ist alles dieses überflüßig. Aber es ist der Gebrauch; und um in den Augen der Welt recht heilig verbunden zu seyn, muß man sich solcher äußerlichen Zeichen bedienen. Sie haben den Anfang damit gemacht, ich folge Ihrem Beispiel. Glauben Sie, bester Freund, mein Herz würde Ihnen ohne alle diese Ceremonien

142 auf ewig eigen seyn; denn meine eigenen Gesinnungen stimmen gar zu sehr damit überein.

Ich lege noch eine Dose von Bernstein bey, die in Ihrer Gegend Beyfall finden wird. Dieser bei uns einheimische Stein ist bey Ihnen ein Fremder, welche allemal in Sachsen gut aufgenommen werden. Es steht Ihnen auch frei, solche einer oder der andern Ihrer Bekannten zum Geschenk zu machen. Loben Sie mich doch, wie gefällig ich bin. Doch sehe ich am liebsten, wenn Sie solche der Frau von Ziegler bestimmten. Es gehöret zu dem Weyhrauch, den ich Ihren Verdiensten streue.

Herr Mag. S. giebt der Welt einen Beweis von der gewöhnlichen Denkungsart der meisten Mannspersonen. Ist es möglich, über eine Verstorbene so viel Klagen auszuschütten, und, so zu sagen, Himmel und Erde zu bewegen, und in kurzer Zeit die Verstorbene, seinen Schmerz und seine Klagen zu vergessen, und eine andere

143 Person zu wählen. Sollte man wohl glauben, daß ein Mann, der über den Verlust seiner Theodore untröstlich zu seyn scheinet, sich jemals wieder verheyrathen könnte? Wie wenig Männer finden sich in dieser besten Welt, die den Herrn von Besser gleichen!

Eins bitte ich Sie noch. Stellen Sie mich Ihrem würdigen Vater, in Ihrem nächsten Schreiben, als seine künftige Schwiegertochter vor, damit ich seines Gebets und seines Segens mit theilhaftig werde. Sobald ich erfahre, daß Sie ihm unsere Verbindung gemeldet, sobald werde ich ihm meine kindliche Ergebenheit eigenhändig versichern. Es ist nichts billiger, als diesem verehrungswürdigen Greis zu zeigen, daß er bey mir eben die Gesinnungen und die Ehrfurcht finden soll, die eine leibliche wohlgeartete Tochter für ihm hegen könnte. Eine Pflicht, die ich gewiß aus wahrer Neigung entrichten werde.

144 Die Lehre Ihrer Philosophie ist durchgehends schön. Ich bin bey jeder schönen Stelle mit meinem philosophischen Freunde immer zufriedner. Lassen Sie nur der Welt durch unser Beyspiel zeigen, daß die wahre Glückseligkeit nicht auf zeitliche Güter beruhet. Wie zufrieden werde ich im mittelmäßigen Stande mit meinem Freunde leben und sterben als Seine ganz eigene
Kulmus.

145

Neun und vierzigster Brief.

An die Frau von Ziegler.
Danzig den 13. Oct. 1734.

Gnädige Frau,

Ich wage es schon wieder Ew. Hochwohlgeb. schriftlich aufzuwarten, und die Verehrung zu versichern, die ich Ihnen und Ihren erhabnen Eigenschaften gewidment habe. Schon oft habe ich den dichterischen Geist und die geübte Feder bewundert, die Ihrem Geschlecht so viel Ehre macht. Oft habe ich gewünschet, Ihnen nahe, und wo möglich, ein Augenzeuge dieser rühmlichen Beschäftigungen zu seyn; Niemals aber habe ich geglaubt, daß die Erfüllung meiner geheimen Wünsche sobald erfolgen würde.

Ja, gnädige Frau! ich bin der Ehre, Sie bald kennen zu lernen, sehr nahe. Mein Freund wird Ihnen die Gelegenheit gemeldet

146 haben, die mir dieses Glück verschafft. Er hat mich oft versichert, daß Sie mich der Ehre Ihres Andenkens würdigten, und ich werde mich bemühen, Ihre Huld und Gewogenheit zu verdienen. Ich weis, wie viel Antheil Ew. G. an meinem Glücke nehmen, und ich bin zufrieden und stolz, wenn die Wahl meines Freundes Ihres Beyfalls nicht unwürdig ist. Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen. Stets werde ich dieses zu verdienen suchen, und Ihnen Beweise meiner unumschränkten Hochachtung geben etc.
Kulmus.

 

  147

Funfzigster Brief.

Danzig den 21. Oct. 1734.

Mein bester, liebster Freund,

Zwey Posttage habe ich der Ankunft Ihres Briefes sehnlich entgegen gesehen. Ich machte mir über sein Außenbleiben viel Sorge, die auf einmal verschwand, da ich mit einem großen Paquet, gestern, so früh erfreuet wurde, daß es mich noch schlafend fand. Alles mir überschickte nehme ich als Beweise Ihrer Freundschaft, Ihrer Zärtlichkeit, und Ihrers guten Geschmacks an. Sie überführen mich täglich mehr von Ihrer Freigebigkeit, eine Tugend, die mir im Anfange unserer Bekanntschaft oft zur Last geworden. Jetzt scheint es, daß ich ganz daran gewohnt bin. Seit Sie mir Ihr Herz völlig übergeben, und Sich selbst mir geschenkt haben, seit ich dieses Geschenk mit Freuden angenommen,

148 seitdem finde ich alles übrige weit unter diesem Werth. Den Gebrauch von allem, was Sie mir geschickt, sollen Sie erfahren, wenn ich Sie sehen, und zum erstenmal in meinem Leben umarmen werde. Nur für Sie allein wünsche ich reitzend, schön und angenehm zu seyn.

Für die beyden Bücher danke ich Ihnen verzüglich. Fontenelle ist mir sehr lieb, es ist ein schönes Werk. Das galante Sachsen hat so viel Reitz für meinen Bruder, und für eine meiner Bekannten, daß sie Tag und Nacht darinnen lesen. Jeder Zeile geben sie lauten Beyfall, und ich habe das Vergnügen, Ihnen Händel darüber zu machen. Es ist auch wirklich keine geringe Veränderung, wenn ein Mädchen mit eben dem Eifer, als sie bisher Jacob Böhmen gelesen, nunmehro das galante Sachsen liest. Sie sagen, Sachsen sey unter der Regierung des jetzigen Königs ganz verändert, allein ich kann mir nicht vorstellen, daß eine Veränderung in den Sitten, auch sobald

149 die Leidenschaften verändern sollte, und daß dieses das Werk eines einzigen Jahres seyn könnte. Das Herz wird nicht so geschwind gebessert, als es verderbt wird, wenn auch gleich die Vernunft den Handlungen der Menschen Zügel anlegt, solche nicht in ihrer Heftigkeit zu zeigen. Oft dient diese Verstellung der Jugend zum Verderben, die von dem Schleyer der Tugend, worunter das Laster sich nicht selten versteckt, gar leicht kann hintergangen werden. Vergeben Sie diese Betrachtung, mein geliebter Freund, Ihr galantes Sachsen, und die Erinnerung, so sie dabey gemacht, hat solche hervorgebracht. Glauben Sie fest, Sie sollen mir lieber als der ganze Rest der Sterblichen seyn. Gebe doch der Himmel, daß ich immer von der ununterbrochenen Dauer Ihrer zärtlichen Liebe so gewiß versichert seyn möge, als ich in mir selbst fühle, daß Ihnen mein Herz lebenslang treu und ergeben seyn wird. Sind sie nun mit allen Versicherungen zufrieden? Werden Sie noch

150 über mein Stillschweigen klagen? Die Liebe, die Zärtlichkeit hat mich beredt gemacht. Das erstemal hat es mir eben so viel Ueberwindung gekostet, als es mir jetzt Freude macht, Ihnen aufrichtig zu versichern, daß ich ewig die Ihrige bin.
Kulmus.

 

Ein und funfzigster Brief.

Hochehrwürdiger Herr!

Zärtlichgeliebter Herr Vater,

Mit tausend Freuden spreche ich heute einen mir so theuren Namen aus, da die Vorsehung mir in Ihnen den vor wenig Jahren erlittenen schmerzhaften Verlust ersetzet. Sie, mein theurester Herr Vater, sollen in mir die kindlichsten Gesinnungen finden. Erlauben Sie mir, mich zu Ihren Kindern zu zählen. Mit Ihrer Erlaubnis und Ihrer Einwilligung habe

151 ich mein Herz Ihrem geliebtesten Sohn überlassen. Ich weis, daß er Ihres Segens theilhaftig geworden, und wie würdig ist er desselben! Allein, hast du denn nur einen Segen, mein Vater? segne mich doch auch! Dieses erbitte ich mir von Ihrer Güte, und erwarte es von Ihrem väterlichen Herzen. Ihr gemeinschaftlicher Segen, theuerstes Paar, soll die Stütze unsers gemeinschaftlichen Glücks seyn. Ich küsse Ihnen die segnenden Hände, und bin mit kindlicher Ehrfurcht und Liebe, Ihnen, würdigste Eltern beyderseits, bis an das Ende meines Lebens ganz ergeben, als Ihre
gehorsamste Tochter
Kulmus

 

Zwei und funfzigster Brief.

Danzig den 6. Nov. 1734.

Mein einziger Freund,
Der unordentlichte Lauf der Posten bey Anfang des Winters macht auch eine Unordnung in unserm Briefwechsel. Meine Einbildungskraft ist so sinnreich, daß sie mich glaubend machet, ich sey um Sie, wenn Sie meine Briefe mit einer gewissen Ungedult erbrechen, die ich der späten Ankunft der Posten gewissermaßen zu danken habe. Dieses geistige Vergnügen, ergötzet mich sehr oft, und ich erfahre, daß es in einer so weiten Entfernung das beste Mittel ist, sich mit dergleichen Vorstellung eine kleine Erleichterung zu schaffen.

Rathen Sie, auf welche von den überschickten Schriften meine Neugier zuerst fiel? Die Uebersetzung der Griechischen Briefe war es, die ich mit großer Begierde las, aber ich fand nicht,

153 was ich erwartete. Glycera kömmt mir als ein hochmüthiges, von sich eingenommenes Geschöpfe vor. Menanander soll sich nicht einmal lange besinnen, ein Königreich um sie zu vertauschen? Was ist Menander ohne die Glycera? sagt sie: Ich aber sage, was würde Glycera ohne den Menander der gewesen seyn? Es ist sehr warscheinlich, daß sie alle ihre Wissenschaftediesem zu danken hatte. Oder hat nicht vielleicht der Vorsatz, ihm zu gefallen, sie darzu aufgemuntert? Sie lebte in den glücklichen Zeiten, wo Tugend und gute Eigenschaften allein den Preis erhielten; wo Ueppigkeit und Pracht die Herzen der Jünglinge nicht eingenommen hatte; und eben deswegen das weibliche Geschlecht nicht zu lauter Eitelkeiten verleiteten, und geputzte Puppen aus ihnen machten. Sie hätte also billig ihrem tugendhaften Freunde auch einigen Antheil an der Liebe zur Tugend, die er ihr eingeflößt, lassen, und nicht alles auf ihre Rechnung schreiben

154 sollen. Die Schreibart dieser beyden Briefe hat im übrigen meinen ganzen Beifall, sie ist unverbesserlich.

Ich freu mich, daß das Rectorat Sie diesesmal vorbeygehen wird; und wenn ich ohne einen Glycerischen Hochmuth glauben darf, daß Sie sich einige Mühe darum gegeben, um einige Wochen eher hier zu sein, bin ich Ihnen ungemein verbunden.
Die Dame, an welche ich neulich geschrieben, wie Ihnen Ihr treuer Hausgeist so prophetisch

155 geplaudert hat, ist eine Baronesse von Kielmannsegg, eine Hollsteinische von Adel. Sie ist in beständigem Briefwechsel mit meiner Mutter gewesen, und ich meldete derselben meinen Verlust. Es ist eine sehr gelehrte Frau, die viel Vorzüge besitzt. Sie spricht die französische, italiänische, dänische und holländische Sprache, alle mit gleicher Fertigkeit. Der lateinischen ist sie ebenfalls sehr kundig. In allen diesen Sprachen hat sie sehr viel, und was das wichtigste ist, mit Nutzen gelesen. Sie hat einen durchdringenden Verstand, und dabei das redlichste Gemüth. Kurz zu sagen, sie ist eine Person voller Vollkommenheiten, die ein besser Schicksal verdient. Sie hat viel Creutz und vielen Gram in der Welt gehabt.

Tis not in mortals to command of Fate;
but we’ll do more we’ll de ferve it.

  

156 Verzeihen Sie mir dieß englische Blümgen, mein gütiger Freund! wenn es nicht schon da stünde, so wollte ich es nicht hinschreiben.

Hier folget die Liste von den Bomben, so wie man sie auf unserm Hagelsberge gehalten hat. Eine von denen, die den 14. März geworden sind, schlug in ein Grab zu St. Marien, neben demjenigen, wo unsere sel. Mutter geleget worden. Die Bombe hat daselbst die Särge zersprengt, und die Leichen zerstückt in der Kirche herum geworfen. Ich dankte Gott, daß der Körper unserer Mutter unbeschädiget geblieben, für welche mein Herz zitterte, sobald ich die erste Nachricht erhielt. Leben Sie wohl, liebster Freund, ich bin ewig die Ihrige.
Kulmus.
 

157

Drei und funfzigster Brief.

Danzig den 10. Nov. 1734.

Bester Freund,

Nein, ich will Ihnen keine Antwort schuldig bleiben, und in dein Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Zärtlichkeit und ihre Freundschaft versichern, nichts nachgeben. Es ist zwar sehr gewiß, daß Sie in vielen Stücken den Vorzug vor mir haben, und es ist auch billig; allein wenn es auf die Stärke der Freundschaft ankömmt, so werde ich gewiß den Ruhm meines Geschlechts nicht schwächen; hier wird dieses immer den Vorzug vor dem Ihrigen behaupten, und ich, ich werde mein ganzes Geschlecht in diesem Stücke suchen zu übertreffen.

Alles, was Sie mir in Ihrem Schreiben über die Geschenke sagen, ist richtig. Der meiste Theil der Mannspersonen sucht das Herz

158 seiner Geliebten damit zu gewinnen, oder zu erkaufen. Und wie oft geschiehet es, daß viele, eine kurze Zeit darnach, doppelt so viel darauf wendeten, wenn sie das so theuer erkaufte Herz wieder los werden könnten? Unsere wechselsweise Neigung wird niemals nöthig haben, durch ein so schwaches Mittel angefeuert zu werden. Wenn Sie mir einen Theil der Welt schenken könnten, so würde ich solches weit unter das Geschenke Ihres Herzens setzen. Dieses ist mir kostbarer als alles, was die reichsten Handelsstädte in ihren Läden verschließen. Sie sind das Glück meines Lebens. So lange ich Ihr Herz besitze, und Sie mich Ihrer Neigung würdig finden werden, so lange werde ich mich glücklich preisen; das Ende aber derselben wünsche ich auch nicht einen Augenblick zu überleben. Eine Betrachtung über die Vergänglichkeit aller irrdischen Dinge, die mich heute beschäftigte, bringt mich auf diesen Einfall. Sie würde mich traurig machen, wenn mein Herz nicht von

159 der Hoffnung, einst ein unvergängliches Gut zu besitzen, belebet würde. Sie allein fesseln mich noch an die Erde; allen übrigen entsage ich mit Freuden. Die lange Prüfung, der unsre Freundschaft ausgesetzt gewesen, hat mich oft in der Hoffnung und im Zweifel geübt. Endlich hat doch die erste gesieget, und viele Hindernisse hat unsre Gedult überwunden. Wir empfinden nunmehro doppelt stark das Vergnügen unserer unauflößlichen Verbindung, welche nur der Tod trennen soll.

Alle Uebersetzungen, die Sie mir anrathen zu unternehmen, verspare ich, bis ich ruhiger und weniger zerstreuet, als jetzt, seyn werde. Gleichwohl habe ich den 23. Psalm aus dem englischen des Addison übersetzet, den ich Ihnen hier beylege. Streichen Sie aus; verbessern Sie jeden Ausdruck, zeigen Sie mir meine Fehler, Ihr Tadel ist mir so schäßbar als Ihr Beyfall. Leben Sie wohl, bester Freund. Ich bin ewig die Ihrige.
Kulmus.

160
Der 23. Psalm.

Herr! dessen Güte mich, mit Hirtentreue weidet,
Bey deiner Gegenwart bin ich beglückt und reich.
Du, dessen Vaterhand mir einen Tisch bereitet,
Du schützest, du erhältst und nährest mich zugleich.
Du bist mein Schild und Schirm bey schwüler Mittagshitze,
Und bist mir Sonn und Licht, wenn ich im Dunkeln sitze.
Wenn ich in meinem Lauf oft ganz entkräftet ächze,
Und manche lange Nacht von Seufzen müde hin;
Wenn ich auf steiler Höh der dürren Berge lechze,
So führet mich mein Hirt auf frohe Auen bin:
Da seh ich Berg und Thal und sanfte Bäche fließen,
Die sich durch Wald und Feld auf sein Geheiß ergießen

161

Wenn ich aus dieser Welt den Weg des Todes gehe,
So führt mich dieser Weg, mein treuer Hirt zu dir.
Wenn ich mit Finsterniß mich ganz umhüllet sehe,
So bist und bleibest du, o Gott und HErr, bei mir;
Auf deinen Stab gelehnt werd ich niemals ermatten,
Du führst mich durch die Nacht der fürchterlichsten Schatten.

Wenn ich in Berg und Thal in rauhen Wüsten irre,
So macht mich deine Huld von Noth und Mangel frey;
Wenn ich in Einsamkeit gleich einer Taube girre,
So segnet deine Hand die öde Wüsteney,
Mit Nahrung angefüllt, mit Strömen ganz durchwässert,
Zeigt sich das dürre Land, das deine Huld vergrößert.

 

  162

Vier und funfzigster Brief.

Danzig den 1. Decbr. 1734.

Mein bester Freund!

Sie nennen mich hartnäckig, daß ich nicht die Geschichte der Thermopylischen Bäder übersetzen will, und Sie thun mir Unrecht. Der Anfang ist schon gemacht, weil es Ihr Wille ist, ich habe nur nicht Luft es zu vollenden. Ich liebe keinen Roman, und ich finde so viel in diesem kleinen Werke, was dem ähnlich sieht, daß ich ohne Geschmack an oder Uebersetzung gearbeitet habe. Ich möchte nicht gerne die Anzahl dieser Schriften vermehren helfen, und dieses ist die Ursache, warum ich Sie gebeten, nicht auf dieser Areit zu bestehen. Nächstens sollen Sie eine Uebersetzung lesen, die ich nach meiner Neigung gewählt. Wie sehr werde ich mich belohnet halten, wenn sie Ihnen nicht

163 mißfallen wird. Glauben Sie ja nicht mich eher zu bewegen, wenn Sie eine Dacier, eine Scüderi aus den Elisäischen Feldern zurückrufen, und mich auf dieses Beispiel weisen. Sie, bester Freund, haben mehr Gewalt über mich, als der ganze Weltkreyß; und kein Capuciner soll während seines Noviciats mich an Gehorsam übertreffen; lassen Sie nur in diesem Stücke meine billige Einwendung gelten. Erlauben Sie mir den Sieg der Beredtsamkeit von der Frau von Gomez zu wählen. Sie lobten dieses Stück in einem Ihrer Briefe, ich las es, und fand einen Trieb in mir, es zu übersetzen. Dieses sollen Sie erhalten. Vergeben Sie mir immer diesen kleinen Eigensinn. Sie haben mir schon viel Fehler verziehen. Ich bin Ihnen auch dafür, so lange ich lebe, verbunden.
Kulmus.

164

Fünf und funfzigster Brief.

Danzig den 15. Decbr. 1734.

Bester Freund,

Wir sind also versöhnt. Ich freue mich darüber, und wenn Sie Zeuge von meinen Bemühungen im Uebersetzen sein könnten, so würden Sie sehen, wie sehr ich mich bestrebe Ihnen gefällig zu werden. Ich bin sehr begierig Ihr Urtheil von meiner Arbeit zu erfahren. Addisons Cato und meine Gomez sollen Ihnen gewiß gefallen. Aber nur noch um ein wenig Gedult bitte ich.

Ich soll Ihnen auf verschiedenes noch antworten, allein, mein bester Freund, es betrift Geschenke für mich, und dieses ist ein Punct, den ich nie beantworten werde. Ich bin beschämt, wenn ich sehe, daß ich selbst die erste Sache bin, die Sie über ihren Werth Bezahlen;

165 und ich fürchte, daß Ihre Freigebigkeit mit den übrigen Nebendingen auch so handeln möchte.Ich überlasse Ihnen also nur den Schlafhabit für mich zu bestellen, den Ihrigen werde ich zu besorgen übernehmen. Das männliche Geschlecht hat uns die meisten Eitelkeiten und Spielwerk längst überlassen, und wir beschäftigen uns zu unserer Schande noch so emsig damit. Ich werde also durch allerley Anstalten zu unserer Hochzeit meinem Geschlechte den Zoll entrichten, den ich ihm schuldig bin. Von dem Augenblicke aber, da ich zu Ihrer Fahne werde geschworen haben, sollen die meisten Eitelkeiten aus meinem Sinn und Hause verbannet seyn. Es giebt deren doch noch unvermeidliche genug, welchen man nicht ganz entsagen kann. Bringen Sie mir nur meinen Gottsched, meinen einzig geliebten Freund, gesund und wohl. Dieses soll mir das angehmste Geschenke seyn, und in Ihm werde ich die ganze Welt besitzen. Meine Trauer ist auf Ostern erst halb

166 zu Ende, und um keinen Strich durch die Gesetze zu machen, werde mich Ihnen nicht anders, als in schwarz seidenem Zeug in meinem grösten Putz zeigen können. Wenn Sie bloß das äußerliche reitzte, so würde ich viel in Ihren Augen verlieren; denn auch zu der Zeit, da mein Geschlecht sich bemüht am reitzensten zu seyn, muß ich des Wohlstandes wegen ganz einfältig erscheinen. Vielleicht würde meine Eitelkeit alles hervorgesucht haben, Sie noch einmal zu fesseln. Allein es soll nicht seyn, sondern mein Herz soll Ihnen ohne allen äußerlichen Zierrath zu eigen übergeben werden.
Kulmus.

167

Sechs und funfzigster Brief.

Danzig den 27. Decbr. 1734.
Mein bester Freund,
Eben wollte ich wegen meiner Nachläßigkeit um Verzeihung bitten, da mir Ihre Gütigkeit entgegen eilet, mich darüber mit einem so schönen Weyhnachtsgeschenke zu bestrafen. Haben wir nicht feyerlich Abrede genommen, unsre Liebe, unsre Freundschaft nicht durch Geschenke zu unterhalten? Waren wir nicht beyderseits darüber einig, daß dergleichen Mittel bey Gemüthern von unserer Art ganz überflüßig wären? Sie aber, mein bester Freund, Sie, der mit männlicher Standhaftigkeit diesen Vorsatz behaupten sollten, Sie sind der erste, der das Versprechen aufhebt. Sollten Sie, mein künftiger Herr und Gebieter, mir nicht bessere Beyspiele geben? Das Schöne Schreibzeug giebt

168 mir einen feinen Verweis über meine Nachläßigkeit! es zeiget die Geschicklichkeit der Sächsischen Künstler und es würde mir angenehm seyn und meinen Fleiß erregen, wenn es gleich von geringerm Werth wäre.

In den beyden Calendern habe ich die Tage genau angemerket, wenn die Posten aus Leipzig abgehen, und ich bin nunmehro jedesmal in sicherer Erwartung Ihrer Briefe. Sehn Sie, daß ich alle Erinnerungen gut anzuwenden weis. Nur eins bitte ich, bester Freund! Haben Sie mich nicht in dem Verdacht des Eigennutzes oder der Eitelkeit; zwey Fehler, die ich Zeitlebens verabscheuen werde. Sie haben alles für mich gethan, was Sie thun können, was bleibt mir noch zu wünschen übrig? Es ist eine üble Gewohnheit, daß man den Grad des künftigen Glücks von ein paar Versprochenen, nach dem Werth der Geschenke zu schäßen pfleget, die der Braut in den vergnügten Tagen ihres Noviciats gemacht werden. Kaum ist

169 die Einkleidung in den Orden des Ehestandes vorbey, so hören die Verschwendungen auf. Wie viele Frauens halten sich vor unglücklich, und ihre Männer für kaltsinnig, weil sie ihre übertriebene Freygebigkeit nicht fortsetzen, die sie doch bald ins Elend stürzen würde, wenn sie lange dauern sollte. Worzu dienen alle solche Misbräuche? Lassen Sie uns denen nicht gleich stellen, die ihre Neigungen auf nichts als Eitelkeit und Thorheit gründen. Die Unsrige hat einen bessern Ursprng, ich glaube, ich hoffe, ich wünsche, daß sie auch glücklichere Folgen haben wird. Alles werde ich darzu beytragen, Sie immer zufriedener zu machen mit Ihrer
Kulmus.

 

  170

Sieben und funzigster Brief.

Danzig den 10. Januar 1735.

Mein einziger Freund,

Hier folget die Uebersetzung, die ich Ihnen statt der Thermopylischen Bäder versprochen. Es ist der Sieg der Beredtsamkeit von der Frau von Gomez . Ich überlasse Ihnen diese Blätter, machen Sie alles damit, was Sie denken zu verantworten.

Wegen der neuen Ausgabe der Lambertschen Betrachtungen wünchte ich sehr, daß es bey den vorigen beygefügten Gedichten bliebe. Die neuern sind nicht von dem Werth, daß sie

171 den Druck verdienen, und ihre Anzahl ist auch geringe. Unsere beyden Calenderschreiber haben uns hier einen schlechten Winter gemacht. Die eifrigen Schlittenfahrer lassen sich diesesmal auf leicht beschneyten Steinen herumschleifen. Ich sehe der Wuth dieser Menschn ganz gelassen aus meinem Fenster zu, setze mich an meinen Schreibtisch, und ergötze mich in meinem geheitzten Zimmer und mit meinen Büchern mehr, als alle Schlittenfahrer mit ihrer frostigen Lustbarkeit.

Ich werde Ihnen künftig Rechenschaft von der Anwendung meiner Stunden geben. Alle schöne Stellen aus verschiedenen Büchern habe ich aufgezeichnet, und ich werde Ihnen bey Ihrer Ankunft eine Sammlung überreichen, aus welcher Sie meinen Geschmack und meine Beschäftigung beurtheilen werden. Auszüge aus dem Abbadie, Addison, Steele, Bellegarde, la Brüyere, St. Evremond,

172 Seneca, Horaz u.s.w. erheitern meine ganze Seele und sind meine Ergößlichkeiten. Was meynen Sie zu dieser Arbeit? Durch alle meine Handlungen suche ich mir Ihren Beyfall zu erwerben, und immer suche ich zu überzeugen daß ich bloß für Sie lebe.
Kulmus.

 

Acht und funfzigster Brief.
Danzig den 24. Jan. 1735.

Bester Freund,

Endlich habe ich das Vergnügen Ihnen meine Arbeit zu übersenden und zuzueignen. Sie, mein bester Freund, haben mich darzu verleitet, und Ihrem Urtheil übergebe ich diese Blätter. Wie sehr werde ich mich freuen, wenn Sie mit meinem Unternehmen zufrieden seyn. Ihr Beyfall ist mir schätzbarer als der laute Beyfall

173 einer Welt. Ich habe einige Oden vom Horaz und ein Stück von Sammler (Glaneur) gewählt. Beides war nach meinem Geschmack, und das letzte haben Sie mir selbst sehr angepriesen. Jetzt bin ich noch mit dem Cato von Addison beschäftiget; es scheint aber, daß dieser erst gegen Ihre Ankunft und unter Ihren Augen vollkommen werden soll. Mag doch die Welt immer sagen, daß Sie meine Fehler darinnen gebessert, ich schäme mich nicht, die Schülerinn eines solchen Meisters zu seyn. Ich will unwissend, einfältig, ungeschickt in den Augen der Welt scheinen, wenn ich nur sicher bin, daß mein Freund diese Fehler nicht an mir findet. Sie sollen und werden diese Blätter den 2. Febr. erhalten. Bey allen andern Geschenken wäre die Hand des Künstlers geschäftig gewesen, aber dieses ist von meiner, wie ich weis, eigenen und Ihnen angenehmen Arbeit. Jede Zeile ist mit der heimlichen Freude, Sie angenehm zu überraschen, geschrieben worden.

174 Was soll ich Ihnen zu Ihrem Jahrstage sagen, das nicht auch ein Glückwunsch für mich wäre. Es ist ein Tag des Dankens, des Betens und der Freude für mich. Alles, was die Vorsehung ihren Verehrern gewähren kann, wünsche ich Ihnen, mein bester und einziger Freund. Für mich erbitte ich von eben dieser Vorsehung Ihr langes Leben und die Dauer Ihrer Freundschaft, Ihrer Liebe, Ihrer Zärtlichkeit. Wie froh und wie gut angewendet werden die Tage meines Lebens verstreichen, die ich bis ans Ende Ihnen ganz ergeben zubringen werde
Kulmus.
Folgende 7 Oden des Horaz, und das Stück aus dem Sammler, waren bei diesem Brief, und sind also hier eingerückt. Die Wahl der ersten wird der Uebersetzerinn ihre Neigung zur Tugend zeigen, und überhaupt dienen sie zum Beweis ihres reinen Geschmacks.

175
II. Ode des Horaz I. B.
(Als zu Rom wegen Ermordung des Cäsars viel Unruhe entstund, wobey man die einzige Hoffnung zu der Aufrechthaltung des Reichs auf den August setzte.)
___________________________
Schon lange had Schnee und greulicher Hagel die Erde gedrückt. Schreckliche Strafen, welche der Vater der Götter uns zuschickte! Er schüttelte seine mit flammenden Donner gewaffnete Rechte, traf die Tempel, und setzte Rom in Schrecken. Erschrockne Völker zitterten und fürchteten jene angstvollen Zeiten, welche Pyrrha bey Ueberschwemmung der Erde durch

176 unerhörte Wunder erfahren mußte; als Proteus seine Wasserheer den aus der Tiefe des Meeres auf die höchsten Berge führte, die Fische auf den Gipfeln der Bäume, dem gewohnten Sammelplaße der Turteltauben, hiengen, und die schüchternen Gemsen auf den mit Wasser bedeckten Wiesen herumschwammen. Wir sahen den gelbfärbigen Tyber, wie er in seinem Laufe von dem Meere aufgehalten, gestoßen zurückströmte, aufschwoll, seinen gewöhnlichen Gang verließ, das linke Ufer überströmte, und des Pampilius Pallast nebst der Vesta Tempel den Umsturz brachte, als er wider Willen des Jupiter die Tränen seiner geliebten doch schmerzlichklagenden Ilia rächen wollte. Die römische Jugend, deren Anzahl durch die Wuth ihrer Vorfahrer sehr verringert worden, wird einst von unsern Schlachten hören; sie wird erfahren, wie Bürger gegen sich selbst wütend die Schwerdter geführet haben, welche sie doch nur zur Niederlage der Perser gebrauchen sollen.

177 Welche unter den erzürnten Gottheiten sollen wir wohl bey dem drohenden Untergange des Reichs anrufen? Durch was für Gebethe werden wohl die geheiligten Jungfrauen die erzürnte Vesta zum Mitleiden gegen uns bewegen können, die Vesta, die jetzt alle unsere Gesänge nicht achtet? Wen wird Jupiter ausersehen, durch Verbüßung unserer Verbrechen seinen Zorn zu versöhnen? Komm endlich, (nachdem wir genug ausgestanden haben,) komm, allwissender Apoll, wir flehen, steige in einer glänzenden Wolke über deinen Schultern zu uns hernieder! Oder, willst du, lächelnde Ericina, von Liebe und Scherz begleitet, lieber zu uns herunter kommen? Oder du, kriegerischer Gott, den nur der Klang der Waffen, ein glänzender Helm, und der Anblick eines maurischen Kriegsmanns ergötzt? O Vater des Volks, welches du ganz aus der Acht gelassen hast, bist du noch nicht müde, diesem grausamen und schon zu lang gedauerten Spiel zuzusehen? Oder wirst

178 du es endlich seyn, geflügelter Sohn der erhabenen Maya, welcher unter angenommener Gestalt des Augusts eines jungen Helden auf Erden wandeln, und uns würdigen wird, den Tod des Cäsar zu rächen? Möchtest du doch spät in die Höhen zurückkehren, und lange unter den Nachkommen des Quirinus wandeln. Laß dich unsere Laster nicht sogleich zur Rückkehr bewegen! Genieße dagegen unter uns die Früchte deiner Siege! Laß dir die Namen, Vater und Beherrscher, gefallen, und gieb nicht zu, daß des Meders Roß ungerächt ein Land durchstreife, wo August herrschet.
_____________________________
Diese Ode hat unsere Kulmus nach der Belagerung von Danzig übersetzt.

179
XXII. Ode im ersten Buch des Horaz.
(Daß ein redlicher Mann allenthalben gesichert sey, beweißt Horaz mit seinem eignen Beyspiel.)
Ein redlicher und unbescholtener Mann, mein lieber Fuskus, bedarf keines Maurischen Wurfspießes, keines Bogens, noch eines mit vergifteten Pfeilen angefüllten Köchers. Er gehe gleich durch brennende Lybische Wüsten, oder über den unwirthbaren Caucasus, er wandle durch die Gegenden, welche der, durch fabelhafte Erzählungen der Dichter, berühmte Hydaspes wässert. Mich selbst, da ich meine Lalage in dem Sabinerwald besang, und sorgenlos und unbewafnet über die Gränzen heraus mich verirrte, mich flohe ein Wolf, ein Ungeheuer, dergleichen das kriegeriche Apulien in seinen Eichwäldern nicht nähret, noch das heiße Numidien (die Mutter der Löwen) zeugt. Das Schicksal seße mich

180 hin, wo auf trägen Fluren kein Baum jemals von einer Sonnenluft erfrischet wird, in einen Welttheil, voller Nebel und dicker schädlichen Dünste; es setze mich in eine Oede, wo der, über unsrer Scheitel nahe Sonnenwagen keinen Aufenthalt verstattet. Immer werde ich meine Lalage lieben, das süß lächelnde Mädchen, das plaudernde Kind.

181
XXVI. Ode im ersten Buch.
An seine Muse.
So lange ich Freundschaft mit den Musen pflege, so lange werde ich alle Traurigkeit, alle Gemüthsunruhe mit schnellen Winden über das weiteste Meer schicken. Unbesorgt, welcher König in den Nordischen Gegenden gefürchtet wird; bleibt alles, was den Tiritades äugstiget, mir sehr gleichgültig und wird meine Ruhe nie stören. Du, meine stille Muse, die du dich an reinen Bächen ergötzest, setze dich an die den Musen geheiligte Quellen; winde Kränze von frischen Blumen für meinen geliebten Lamia. Ohne deinen Beystand wird mein Gesang keinen Werth erhalten. Durch dich und deine Schwestern hat er die Unsterblichkeit zu gewarten. Auf, Musen! weyhet ihm auf neuen Saiten ein Lesbisches Lied, auf! helfet mir seine Tugend verewigen.

182XXXI. Ode im ersten Buch.
An den Apoll.
Was für Wünsche heischt der Dichter von dem Apoll, an dem Tage der Einweyhung seines neuen Tempels? Was verlangt er wohl bey dem Opfer, das er diesem Gotte durch Ausgießung der Erstlinge seines Weins auf seinen Altären darbringt? Ich wünsche mir nicht die fette Saaten des fruchtbaren Sardiniens; nicht die schönen Heerden des heißen Calabriens, nicht Gold, noch indisches Elfenbein, noch die reißenden Campanischen Gefilde, welche die stille Liris sanfte durchströmt. Derjenige mag die Trauben des Weinstocks auf dem Gebürge zu Cales lesen und pressen, dem das Glück solche geschenkt hat. Der begüterte Kaufmann trinke aus goldenen Schalen seinen köstlichen Wein, den er vor syrische Waaren erhandelt: er ist ein Liebling der Götter, er, der zu verschiedenenmalen

183 im Jahre die entferntesten Meere ohne Gefahr durchseegelt. Mich soll die Olive sättigen; an der erweichenden Pappel und Cichorie laß ich mich begnügen. Alles, was ich von dir, du Sohn der Latona, erbitte, ist, daß du mir nur diese geringen Güter bey stets muntern und gesunden Kräften mögest genießen lassen! schenke mir dabey ein heiteres Gemüthe, und bewahre mich für einem trägen mürrischen Alter, das bey dem Klang der Leyer nicht mehr gereitzet, nicht mehr gerühret werden sollte.

184
II. Ode im zweyten Buch.
An den Sallustius.
Lieber Sallustius! Du, als ein Feind der verscharrten Reichthümer, du weißt, daß Gold und Silber keinen Werth hat, als den es durch einen mäßigen Gebrauch erhält. Proculejus wird noch bey der spätesten Nachwelt leben, weil er sich gegen seine Brüder väterlich bezeigte; das Gerüchte wird seinen Ruhm in alle Gegenden verbreiten und ihn unsterblich machen.

Größer und rühmlicher wird die Herrschaft seyn, sich selbst zu regieren und seine Begierden zu zähmen, als das entfernte Lybien mit Spanien unter einer Bothmäßigkeit zu vereinigen, und das alte und neue Carthago dem Befehlen eines Einzigen zu unterwerfen.

Ein Wassersüchtiger trinkt unaufhörlich seinen Durst zu stillen: anstatt aber sich damit zu helfen, vermehrt er nur sein Uebel, wenn er nicht vielmehr dagegen die Ursache der Krankheit

185 angreifen, und die überflüßigen Feuchtigkeiten, welche die Adern aufschwellen, abführen wird.

Die strenge Tugend urtheilet nicht wie der Pöbel. Sie zählt dem Phrates, der des Cyri Thron vom neuen besteigen konnte, nicht unter die Glücklichen, sie entwöhnt das Volk, falschen Beyfall zu achten, indem sie eine sichere Krone und dauerhaften Lorber demjenigen verspricht, der gehäuftes Gold mit gleichgültigen Augen ansehen, und ungerührt vorüber gehen kann.

186
X. Ode im zweyten Buch.
An den Licinius
Wilt du glücklich leben, mein Licinius, so hüte dich, nicht immer mit vollen Seegeln das hohe Meer zu durchfahren, noch auch, aus zager Vorsicht für einem Sturm, dich zu früh einem gefährlichen Ufer zu nahen. Wer die güldne Mittelstraße wählet, lebt ruhig. Er meidet even so sehr eine unsaubere alte Hütte zu bewohnen, als er sich des beneideten Hoflebens enthält, und entgeht dem Tadel und dem Neide. Die höchsten Tannen werden von den Winden am meisten beweget; erhabne hohe Thürme stürzen mit heftigen Geprassel nieder, und die höchsten Berge trifft der Donner am ersten. Ein standhaftes Herz verzweifelt nicht im Unglück, es hofft im Widerwärtigkeit, und fürchtet im Glück ein ander Schicksal. Denn eben der Gott, welcher den traurigen Winter herbeyführet, schicket auch den Frühling an

187 dessen Stelle. Nicht, weil wir jetzt unglücklich leben, wird es künftig auch so seyn. Apoll spannt nicht immer seinen Bogen, er weckt auch zuweilen die schweigende Muse wieder auf, und stimmt seine Leyer im sanften Ton.

Laß uns daher stets weise, stets beherzt und standhaft im Unglück seyn. Doch fordert die Klugheit, daß wir bey dem günstigsten Winde die aufgespannten Seegel etwas einziehen.

IX.
Ode im vierten Buch.
An den Lollius.
(Horaz erhebt die Dichtkunst, und rühmt des Lollius Tugenden.)
Glaube nicht, mein Lollius, daß die Gesänge des Dichters von den Aufidischen Gestaden, die in einer ganz neuen, bisher noch unbekannten Art, in die Töne meiner Leyer erschallen, jemals in Vergessenheit gerathen werden. Homer

188 nimmt, ich gestehe es, zwar die vornehmste Stelle unter den Dichtern ein, und dennoch ist neben ihm die Pindarische Muse nicht unbekannt geblieben. Man schäßt den Simonides, Alcäus und Stechifores sehr hoch, welche eben wie Homer erhabne Gegenstände in ihren Gedichten geschildert haben; selbst Anakreons Scherze bestehen noch. Die Liebe wird noch oft saphisch besungen, und das Feuer, das diese Dichterinn ihren Liedern mittheilte, behält seine Anmuth nich in den jetzigen Zeiten. Helena, die Prinzessinn von Lacedämon, war nicht die erste, die von den schönen Haarlocken ihres Geliebten entbrannte, und von seinen mit Gold gewürkten Kleidern, von seinem prächtigen Aufzuge und zahlreichem Gefolge in Verwunderung gesetzet wurde.

Teucer ist nicht der erste Bogenschüße gewesen. Troja ist mehr als einmal belagert worden. Weder Idomeneus noch Stenelus sind die einzigen, die ihrer Kriege wegen

189 von den Musen besungen zu werden verdienen, noch der streitbare Hektor und der tapfere Deyphobus die ersten, die sich ihrer keuschen Weiber und ihrer Kinder wegen aufopferten. Es gab Helden vor Agamemnons Zeiten, Helden, die unbeweint und unbekannt mit ewiger Nacht bedecket werden; denn kein Dichter hat sie besungen und der Vergessenheit entrissen. Der verborgene Held und der vergessene Feigherzige haben beynahe einerley Schicksal. Du, würdiger Lollius, Du sollst in meinen Gedichten leben. Der Neid soll nicht ungerochen wagen, Deine Thaten in die Vergessenheit zu bringen. Du zeigest Weisheit und Muth in deinen Handlungen, und deine standhafte Seele ist im Glück und Unglück sich immer gleich. Geitz und Betrug wird von dir ernstlich bestraft. Das reitzende Gold, das so viele dahin reißt, rührt dich nicht. Alle Tugenden der richterlichen Würde übst du nicht nur das kurze Jahr ihrer Dauer, sondern beständig aus. Du lässest

190 die Billigkeit dein einziges Augenmerk seyn, und weißt das Anständige stets dem Nützlichen vorzuziehen. Deine Großmuth verachtet die Geschenke der Verbrecher, du bahnest dir mit gewaffneter Seele einen Weg durch die aufrührischen Laster und triumphirest über sie. Derjenige kann nicht glücklich genennet werden, der viel Güter besitzt: nein, nur der behauptet diesen Namen, der das ihm von den Göttern geschenkte Gut weislich anwendet, der die harte Armuth ertragen kann, der das Laster mehr als den Tod scheuet, der aber dennoch muthig dem Tod entgegen gehet, wenn er seine Freunde oder sein Vaterland retten soll.

191
Aus
dem Sammler (Glaneur)
vom Jahr 1733. den 26. März.
Vergleichung des Theophrasts
und
des Hrn. v. la Bruyere.
Diese beyden Schriftsteller haben den Vorzug, daß jeder in seiner Sprache, und beyde über einerley Gegenstand vollkommen wohl schreiben. Den Tirtarnes nennt man Theophrast, welches einen Mann bedeutet, der göttlich spricht. Wären bey uns die Zunamen so gebräuchlich wie bey den Griechen, so würde la Bruyere Goldmund heißen. Der eine hat

192 mehr sanftes in seiner Schreibart, mehr Anmuth in seinem Ausdrucke; der andere hat kühnere, lebhaftere und beißende Züge. Man liest den Theophrast gern, um sich unterrichten zu lassen, jedoch muß er mit diesem Vorsatz gelesen werden. Den la Bruyere liest man zur Ergötzung; indem er vergnüget, unterrichtet er zugleich, und, ohne daß man es merkt. Sein Werk ist eine unterhaltende Critik, die man begierig liest. Der Grieche zeigt sich einförmig; der Franzos ist weit prächtiger, weit mannigfaltiger. Er liefert ein großes Gemälde von Leidenschaften. Bey dem einen sind die Abbildungen einer großen Anzahl Menschen nur im Grundrisse entworfen; der andere hat seine Gegenstände alle nach dem Leben geschildert. Könnten die Charactere erschöpft werden, so hätte la Bruyere nichts übrig gelassen. Theophrast hat eine allgemeine Schilderung von den Tugenden und Lastern geliefert; es giebt aber ein gewisses Original, welches weder

193 Laster noch Tugend ist; dieses hat la Bruyere zu seinen Gegenständen gewählet und glücklich getroffen. Der erstere ist fruchtbar an metaphysischen schönen und glücklichen Beschreibungen; es war der Geschmack seiner Zeit: der andere arbeitete ebenfalls nach dem Geschmacke der seinigen, und übergieng jene. Kurz, Theophrast war auch seinen Sitten nach, ein wahrer Philosoph; er hatte dieses der Lebensart zu danken, die er in des Plato und Aristoteles Schule angenommen hatte, und bey diesem Character suchte er vielleicht mehr als jener das Laster auszurotten, welches er mit so ausgesuchten und lebhaften Farben schildert. Er ist ein Prediger der Tugend. La Bruyere, der die Menschen mehr kannte, war vielleicht auf die Menschen selbst mehr unwillig, von welchen er das meiste erdulten mußte. Er ist ein ergötzender Menschenfeind.

Diese Vergleichung ist der Entwurf einer scharfen Feder. Sie schildert uns sowohl den

194 Theophrast, als la Bruyere sehr lebhaft. Man kann ohne Schmeicheley sagen, daß sie zwey verschiedene Originale geliefert hat; allein sie schildert uns dieselben nur von der schönen Seite, und verfällt dadurch gewissermaßen in eben den Fehler, welchen la Bruyere selbst getadelt hat. Aller Werth, den man uns beylegt, sagt er an einem Orte, ist Vorurtheil, wenn man uns unsere Schwäche nicht zugleich mit zeiget; so wie hingegen der Tadel, der nicht die geringste gute Eigenschaft an dem andern sehen will, Haß oder Bosheit ist. - - Alle Lobsprüche, die man diesen beyden berühmten Sittenrichtern giebt, scheinen uns gerecht, diejenigen ausgenommen, welche sie von allen, auch von dem geringsten Fehler freysprechen. Die Kenner haben allerdings Fehler im Theophrast bemerkt, und man kann dieselben nicht anders als mit der gewöhnlichen Entschuldigung: es war der Geschmack seiner Zeit, vertheidigen; eine Ausflucht, die mit einemmale die

195 vollständigste Schutzschrift für die unvollkommensten Schriftsteller des Alterthums abgeben kann. Mit la Bruyere aber ist es ganz anders, man kann die Unregelmäßigkeiten in seinen Characteren nicht auf diese Weise entschuldigen; denn als seine Zeitgenossen müssen wir den Geschmack unsrer Zeiten kennen. Man hat diesen Schriftsteller heftig genug angefochten; man hat seine Schilderungen als unnatürlich tadeln wollen, "es sind Grotesken, sagt man, wahre Ungeheuer, er übertreibt alles; er schildert Hirngespinste, nicht die wahre Natur; seine Gemälde sind nur mit groben Zügen entworfen; seine Sprache ist weder rein, noch sein Ausdruck gewählt; die Schreibart ist bald gezwungen und übertrieben, bald niedrig und kriechend; kein gesetzter Styl! er schreibt aufs Geradewohl, und will sich, indem er den Ausschweifungen seines eigensinnigen Genies folgt, zum Erhabnen schwingen, welches ihm doch ganz verborgen ist." - -

196 Den la Bruyere so zu beurtheilen, ist keine Critik, es ist ein Pasquill. Er hat freylich seine Fehler, allein es ist unbillig, wenn man sie bis zum höchsten Grade übertreibt. Allerdings schrieb er in dem Enthusiasmus, von welchem er so oft begeistert ward, nicht mit derjenigen Richtigkeit, die ein Schriftsteller bey kaltem Blute beobachten kann, dessen Bemühung nur hauptsachlich darauf gehet, wie er seine Perioden recht zierlich ausputzen, wohlklingend und passend machen will. Eine so feurige Einbildungskraft aber, als desla Bruyere, ist von den Gesetzen so einer genauen und gewissenhaften Regelmäßigkeit frey. Seine natürlichen Einfälle und seine Ideen, welche denen Begeisterungen gleichen, sind schätzbarer als die richtigsten, ausgesuchtesten Gedanken, deren ganzes Verdienst die Kunst ist. Mit allen diesen aber, muß man doch gestehen, daß seine Schilderungen ein wenig zu übertrieben seyn. Er setzte sie aus Zügen zusammen,

197 die er hier und dort entlehnte; daher machen sie zwar ein Gemälde aus, dessen einzelne Theile alle wahr sind, allein das Ganze ist nicht wahrscheinlich. Ein wesentlicher Fehler, von welchem man diesen berühmten Schriftsteller niemals ganz wird freysprechen können.
Ueber den Nutzen der Schauspiele.
Freylich dürfen wir bey unserer Schutzschrift für die Bühne nicht auf den Beyfall der Stoischen Weltweisen, der Geistlichen, der Tansenisten, Schwärmer, Misantropen und andrer solchen widrigen Leute hoffen. Diese vermeynten Weisen runzeln ihre ernsthaften Stirnen, und schaudern schon bey dem Worte Lust; und eben auf die Nothwendigkeit dieser Lust, wollen wir den Nutzen der Schauspiele jetzt gründen.

Wir müssen also vielmehr erwarten, daß dieser mürrische Haufe uns für Epicurer, Molnisten, Freygeister schilt, und uns mit einem Heere alter und neuer Beweisstellen zu Boden

198 zu werfen sucht. Allein wenn unsere Meynungen auf die Natur selbst sich stützen, wozu werden ihnen ihre Schimpfnamen, und ihre strengen Schriftsteller helfen? Und wenn wir ihnen in aller Form Rechtens beweisen, daß die Schauspiele dem Privatmanne, dem gemeinen Wesen, dem Staate nützlich sind, ja, daß sie selbst mehr als alle andre Menschen Nußen daraus ziehen könnten; sind sie alsdenn nicht doppelt strafbar, wenn sie uns tadeln, und die Kraft unsrer Beweise läugnen? Dieß vorausgesetzt, will ich also urtheilen: Alle Menschen wollen glücklich werden. Glückseligkeit ist der Gegenstand unserer lebhaftesten Begierden, der Endzweck unserer emsigsten Sorgen und aller unserer Bestrebungen sind dahin gerichtet. Nun lehrt uns die Erfahrung, daß diejenigen Moralisten, welche das Glück auf die Vernunft haben gründen wollen, dem Anscheine nach weise, aber sehr wenig glückliche Leute gemacht haben; vielmehr hat diese Vernunft

199 nur noch mehr zu ihrer Betrübniß durch Ueberlegnungen gedient, welche allemal strenge Ermahnungen sind.

Die Ruhe des Gemüths, welche diese Moralisten als die schätzbarste Frucht der Vernunft anpreisen, ist, wenn wir es recht untersuchen, nichts anders, als ein Stand der Gleichgültigkeit und Schläfrigkeit, welche mehr ähnliches mit der Traurigkeit und Betrübniß, als mit dem Vergnügen hat; oder vielmehr, er besteht in einer wahren Unthätigkeit, welche kein Vergnügen voraussetzßt. Ein Mensch also, dessen Leidenschaften nicht erregt werden, kann keine Lust empfinden, folglich nicht glücklich seyn. Denn sobald man ohne Begierden ist, ist man auch ohne Vergnügen, und gäbe es nicht eine erlaubte Erregung der Leidenschaften, so würde das Leben nichts als ein Gewebe von langer Weile seyn, und zum unerträglichen Eckel werden. Man muss indessen nicht glauben, daß derjenige Mensch, welcher glücklich seyn

200 will, die Vernunft schlechterdings verbannen müsse; Nein! aber er soll sie nur zum Beystande rufen, um die übermäßige Hitze der Leidenschaften zu dämpfen, nicht, sie zu ersticken; er soll sich ihrer zur Mäßigung einer ausschweifenden Wollust, nicht zur Unterdrückung des gänzlichen Gefühls bedienen. Mit einem Worte: das einzige Geschäfte der Vernunft ist, die übermäßigen Begierden zu mildern, und ihre gar zu heftigen Aufwallungen zu besänftigen.

Ist also das innere Gefühl ordentlicher und gemäßigter Leidenschaften, zu dem Glücke des Menschen nöthig, so wird man uns einräumen, daß nichts so geschickt sey, als die Bühne, diese Wirkung hervorzubringen.

Die Bühne, wo der Geist angenehm unterhalten, und das Herz auf die reizendste Art bewegt wird; wo mitten unter Schrecken und Mitleiden die Vergnügungen der Seele entspriessen; Vergnügungen, welche freylich zwar

201 nur Früchte des Irrthums und eines angenehmen Blendwerks sind; allein, was schadet es, daß es Täuscherey ist, wenn die durch sie hervorgebrachte Empfindung noch reitzender ist, als die Empfindung des Wesentlichen. Ja, die Schauspiele sind allen denjenigen nützlich, welche nach einer erlaubten Glückseligkeit streben, und von diesem Leben den vortheilhaftesten Gebrauch, welcher zu wünschen erlaubt ist, zu machen suchen. Man kann sogar versichern, daß, je vernünftiger ein Mensch ist, desto unentbehrlicher ihm die Bühne wird; denn nach unserm angenommenen Grundsatze herrscht die Melancholie in dem Temperamente und Gemüthe in desto stärkerm Grade, je mehr die Vernunft den Geist bemeistert. Um also die schädlichen Wirkungen abzuwenden, welche eine verbrannte Galle hervorbringen könnte, ist kein kräftigeres Mittel als die Schauspiele.

In der That haben die, in der Vernunft grübelnden Leute mehr als andre nöthig, sich

202 aufzumuntern, und von dem düstern Nachdenken sich abzukehren, in welches sie die Vernunft stürzet. Nichts ist hierzu nützlicher, als daß man ihrem Geiste, der sich lediglich in Betrachtungen vertieft, angenehme Gegenstände vorstelle, und daß man sie durch alles dasjenige zu zerstreuen suche, was ihren finstern, gallsüchtigen Humor in etwas erheitern, oder ihn in seinen Wirkungen stöhren kann; nun ist die Vorstellung der Leidenschaften auf der Bühne ein Vergnügen, welches sehr geschickt ist, sich ihnen selbst zu entreissen, vergnügte Ideen zu erwecken und ihr Herz zu vergnügen. Auch denenjenigen, deren zügellose Leidenschaften nicht durch die Vernunft gedämpft werden können, sind die Schauspiele nützlich. Auf der Bühne werden diese Leute Grundsätze hören, die ihre Rauhigkeit mildern, ihre Aufwallungen mäßigen können. Sie werden bemerken, daß das Laster sich hier allemal sehr schüchtern und beschämt zeiget, oder doch in einer solchen

203 Gestalt erscheint, der man das Widrige und Schrecklichste benommen hat. Z. E. die Liebe wird ihnen nicht anders als eine erlaubte, zärtliche Empfindung vorgestellt werden, nicht als eine thierische unordentliche Leidenschaft, sondern als eine erlaubte Neigung, die zur Tugend reizt, und zu großen Handlungen aufmuntert. Man sieht wohl, daß so eine gereinigte Leidenschaft niemals lasterhaft seyn kann.

Immittelst ist der Nutzen der Bühne für Privatpersonen noch nicht hinreichend, wir müssen denselben auch in Absicht auf das gemeine Beste zeigen.

Die Monarchen, die Prinzen, die Ministers, die immer von Schmeichlern umgeben sind, finden fast niemals einen Menschen, der ihnen die Wahrheit sagt; die Wahrheit, die ihnen doch so unentbehrlich zu wissen nöthig ist. Nur die Bühne hat dieses Recht. Im komischen oder tragischen Gewande tadelt man ungestraft auch ihre verborgensten Fehler. Hier also erhalten

204 die Großen die nützlichsten Lehren, welche sie für den Lastern, die der Gegenstand der Satyre sind, schützen. Das Volk hingegen lernt hier Gehorsam und Pflicht. Es findet hier in den Widerwärtigkeiten und dem geheimen nagenden Kummer, mit welchem das Leben der Großen durchflochten ist, einen Trost für seine Unterwürfigkeit und Niedrigkeit. Es tröstet sich über die Verborgenheit, in welcher es lebt, wenn es siehet, wie jene ein Spiel des Glücks werden, oder wie Ihre Größe durch tausend Unruhen und tausend Gefahren erkaufet wird. Sind dergleichen Gedanken, welche das Volk von der Bühne nothwendig mit zurückbringen muß, nicht allerdings geschickt, ihnen ihr Joch gedultig ertragen zu helfen? Allein diese sind noch nicht die einzigen Vortheile der Bühne.

Wird nicht jeder Zuschauer, von was für Stande er auch seyn mag, von den großen und edlen Gesinnungen, die man dem Helden in den

205 Mund legt, ermuntert und angefeuert werden? Ohne Zweifel erheben diese schönen Beyspiele die Seele, und erfüllen sie mit edler Nacheiferung, und alles dieses fällt am Ende zum Nutzen des Staats aus. Man bemerke die Veränderungen in den französischen Sitten seit einem Jahrhunderte, und man wird sie größtentheils dem Theater zuschreiben müssen. Die Zeiten der Corneillen, der Racinen, der Molieren ist die Zeit großer Männer gewesen . Die Ehre der Nation war dazumal auf dem höchsten Gipfel, weil die heldenmäßigen Gesinnungen, welche die Bühne hervorbrachte, sowohl den Muth des höhern und niedern Adels, als des Volks, anfeuerten und unterhielten. Wir müssen nun nur noch den mannigfaltigen Nutzen der Schauspiele in Absicht auf die Religion beweisen, ohne daß sie derselben den geringsten Nachtheil bringen.

Fast in jedem theatralischen Stücke setzt man eine alles regierende Vorsehung, die Unsterblichkeit

206 der Seele, Strafen und Belohnungen jenseit des Grabes voraus. Man lehrt hier die Ehrfurcht für die Götter, man zeigt gar deutlich den Unterschied, welchen die Tugend unter den Menschen hervorbringt, und gemeiniglich hängt von der Ausübung tugendhafter Gesinnungen das gute oder böse Schicksal der Helden des Stücks ab. Die Tugend wird hier oft gekrönt, und ist sie unglücklich, so geschieht es nur, um sie durch ihre Standhaftigkeit noch mehr zu erheben, und ihre Würde durch die Bewunderung der Zuschauer zu vermehren, die fast allemal für die eingenommen sind, welche unverschuldetes Unglück standhaft aushalten. Die Erfahrung bestätiget dieses; denn gemeiniglich haben diejenigen, welche die Bühne besuchen, mehr Rechtschaffenheit und Religion, als diejenigen, welche sehr darwider schreyen. Man bemerkt in den erstern gemeiniglich nur Fehler, welche Folgen der menschlichen Schwachheit sind; allein, jene bittere Eiferer sind gemeiniglich

207 Schwärmer oder Heuchler, welche in ihrem Innern die schädlichsten Laster für die Ruhe der menschlichen Gesellschaft nähren. Verleumdung, Treulosigkeit, unversöhnlicher Haß sind die gewöhnlichen Fehler dieser gefährlichen Scheinheiligen.

 

208

Neun und funfzigster Brief.

Danzig den 16. Aug. 1734.

Mein bester Freund,

Ihr letztes Geschenk ist mir so unerwartet gekommen, daß ich glaube, es ist eine Verrätherey meiner Anverwandten mit im Spiele gewesen. Eben da ich im Begriff war, meine nöthigen Spitzen zu kaufen, die unserm Geschlecht ganz unentbehrliche Zierde, eben in der Stunde erhalte ich solche von Ihnen. Sie haben sehr gut gewählt, und zeigen auch bey dieser Gelegenheit Ihren guten Geschmack, ich danke Ihnen doppelt dafür. Der ganze Reitz, den ich durch diesen Putz erhalte, soll Ihnen gewidmet seyn. Ihre Verse, liebster Freund, sind mir das angenehmste Geschenk. Sie kosten Ihnen am wenigsten, und ich gebe diesen den Vorzug vor allen Kostbarkeiten, die ich von Ihnen erhalten

209 könnte. Ich wünschte, daß Ihre Muse aufrichtiger spräche, und meinen Fehlern nicht immer so einen guten Anstrich gäbe. Sie haben den Sieg uber den Tod mit Recht besungen, da dieser Menschenfeind Ihnen ein Leben nicht rauben dürfen, das mir Ihrentwegen die Verlängerung gewünscht hat. Ich danke Ihnen, daß Sie meinem Namen bey dieser Gelegenheit so viel Ehre gethan, und ihn zum Feldgeschrey Ihres Gedichtes gemacht haben.

Meine Uebersetzung hat also Ihren Beyfall? Die Art, mit welcher Sie solche loben, übertrift alle meine Wünsche. So viel Mühe ich mir gegeben, vor den Augen eines so scharfsichtigen Kenners nicht voller Fehler zu erscheinen, so wenig hoffte ich doch, daß es mir ganz gelingen würde. Entschuldigen Sie darinnen

210 noch befindlichen schwachen Stellen, in Zukunft soll alles besser werden. Bleiben Sie gesund, mein bester Freund, damit nichts unsere baldige Zusammenkunft stöhre.
Kulmus.

 

Sechzigster Brief.

Danzig den 26. Febr. 1735.

Liebster Freund,

Bald werde ich einer - - gleichen, die mit gereimten und ungereimten Schriften Sie überhäuft. Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so viel Gedult hätten, alle die Papiere durchzulesen, die ich mir deswegen nach Leipzig schickte, weil ich eben so viel Platz fand, sie gelegentlich mit fortzubringen. Es sind Entwürfe, die ich noch vor unserer Belagerung gemacht, davon ich aber das meiste dem Feuer geopfert habe. Die Lehren meiner Mutter habe ich aus Liebe für

211 Dieselbe verwahret. Wie oft hat sie mir befohlen, diese Blätter zu verbrennen, und wie oft habe ich sie gebeten, mich dieses zu überheben? Endlich hat sie mir erlaubt, diese Schrift zu behalten, aber nie gestattet, daß solche durch den Druck bekannt würde. Ich handelte also ganz ihrem Willen und Absicht zuwider, wenn ich dieses geschehen ließe.

Sie war von den reichen Seelen, die einen Schatz besitzen, der ewig währet, und die nur einen Zeugen im Himmel, ihres Verhaltens wegen, brauchen und suchen. Ihre Lehren von der Gottesfurcht, von der Sanftmuth, von der Unschuld im Leben und Wandel, sind in mein Herz gepräget. Ich bitte Gott, alle Bemühungen dieser rechtschaffenen Mutter an ihrer Tochter zu segnen, so werden sie noch die Früchte davon in unserer künftigen Ehe erfahren.

Ihre Zimmer sind zu Ihrer Ankunft fertig und bereit. Kommen Sie, bester Freund, und

212 sehen Sie alle Anstalten, die ich Sie zu empfangen, gemacht habe. Aber bringen Sie mir auch das ädle, zärtliche, rechtschaffene Herz mit, ohne welches ich Sie selbst nicht zu sehen wünschte. Das Herz, dessen Besitz mir über alles geht; Ich erwarte dieses mit der zärtlichsten Ungedult.
Kulmus.
_________________________

Ein und sechzigster Brief.

Danzig den 1. März 1735.

Bester Freund,

Sie haben Recht, daß Sie unsere Liebe eine philosophische Liebe nennen. Sie ist von den so oft gewöhnlichen Bündnissen, welchen man zwar auch diesen Namen beyzulegen pfleget, sehr unterschieden. Unsere Herzen waren einig, und wir hatten nicht an die äußerlichen Zeichen unserer Verlobung gedacht. Um andrer Willen,

213 bestätigen wir unsre Verbindung auf die gewöhnliche Art; wie oft kann die genaueste Beobachtung der feyerlichsten Ceremonien den Bruch vieler Bündnisse doch nicht verhindern? wie oft geschieht es, daß diese, der erstern ohngeachtet, vor geistlichen und weltlichen Gerichten für nichtig erkläret werden? Wir sind dergleichen Zufällen nicht unterworfen. Wo die Herzen für einander geschaffen sind, sollte da wohl eine Trennung möglich seyn? Von Ihnen, mein tugendhafter Freund, hoffe ich das beste, und von mir versichere ich alles. Ich mag mich nicht einmal mit der traurigen Möglichkeit eines Unbestandes beunruhigen. Ich erwarte Sie mit Ungedult. Werden Sie auch alle meine, mit einer gewissen Oeconomie gemachten Anstalten billigen? Alle überflüßige Pracht, die nur allzuoft bey dergleichen Festen verschwendet wird, halte ich für ganz unnöthig. Zu einer wohleingerichteten Haushaultung gehöret nothwendig eine vernünftige Sparsamkeit,

214 und man kann nicht zeitig genug anfangen vorsichtig zu handeln. Wie viele verschwenden bey dergleichen Gelegenheit in wenig Stunden eines ganzen Jahres Einkünfte. Unser Hochzeittag soll nicht mehr als 100 Thlr. kosten. Mein Aufwand für ganz unentbehrliche Dinge, beläuft sich nicht viel höher. Wir haben eine weite Reise zu thun, und dabey ganz unvermeidliche Ausgaben. Wir müssen auf unsere Einrichtung in Leipzig denken, und dieses sind nöthige Erfordernisse, bey denen keine Ersparnis statt finden kann. Ich habe es also bey denen entbehrlichen und eingebildeten Nothwendigkeiten abzubrechen gesucht. Nicht mehr als achtzehn Personen sollen Zeugen von unserm Feste, die ganze Stadt aber von unserm Glücke seyn.

Im Fall Ihre würdigen Eltern Ihres Alters und Ihrer schwachen Gesundheit wegen nicht dabey zugegen seyn können: so erbitten Sie uns Ihren Segen, den Gott seinem treuen Knechte

215 für das Wohl seiner Kinder nicht versagen wird. Endlich wird nach langem Warten der glückliche Augenblick kommen, da ich Sie mit der reinstem Zärtlichkeit umarmen, und Ihnen mit der vollkommenstem Freude versichern kann, daß ich kein irrdisches Glück sonst kenne, als ganz die Ihrige zu seyn,
Kulmus.
___________________________

 

Zwey und sechzigster Brief.

Danzig den 12. März 1735.

Mein erzürnter Freund,

Sie sind unwillig, daß ich dem Feuer aufgeopfert, was nicht aufbehalten zu werden verdiente? Alle diese unnütze Schriften, worunter ich auch die Prinzeßin von Cleve rechne, waren nicht werth, Ihnen vorgelegt zu werden.

216 Ich glaubte Ihnen selbst einen Gefallen durch die Vernichtung dieser Maculatur zu erzeigen, und darum habe ich dis Freudenfeuer angezündet. Wäre es wohl erlaubt, daß eine Person, die Ihnen so eigen zugehörte, als ich, der Welt solche sehr geringe Schriften lieferte? Ich hoffe, daß Sie, in Betrachtung dieses einzigen Umstandes, sich besänftigen werden.

Diesmal bin ich doch mit den Eingebungen Ihres treuen Hausgeistes zufrieden. Er hat Sie verleitet einen Abdruck von dem Sieg der Beredsamkeit, den ich der Herzogin von Curland zugedacht, sauber einbinden zu lassen. Ich fürchtete die Plauderhaftigkeit der hiesigen Buchbinder; und ich hätte nicht gerne gesehen, wenn es erst von den meisten andern Einwohnern wäre gelesen und beurtheilet worden, ehe es vor die Augen der Herzogin gekommen wäre. Die Freude ist sehr groß, so Sie mir auf diese Art gemacht, und ich danke

217 Ihnen auf das verbindlichste dafür. Dergleichen Gefälligkeiten haben einen großen Reitz für mich; ich nehme sie ohne Weigerung an, und ziehe sie allen überschickten Kostbarkeiten weit vor.

Dieses ist vielleicht der letzte Brief, den ich an Sie nach Leipzig schreibe. Er wird noch zu rechter Zeit ankommen, Ihnen die glücklichste Reise und die baldigste Ankunft in meinem Nahmen zu wünschen. Fünf gramvolle Jahre einer langen harten Prüfung sind vergangen. Aber wie lange, wie lange werden mir die wenigen Tage bis zu Ihrer Ankunft dauern? Freude und Ungedult wechseln unaufhörlich mit einander ab, und meine Wünsche sind Ursache, wenn die Räder Ihres Wagens geschwinder als sonst rollen. Sie sagen, Sie wünschen sich Flügel, ich thue ein gleiches, auf diese Art muß Ihre Reise sehr schleunig geendiget werden. Ihre theuresten Eltern erwarten noch einen Zuspruch von Ihnen, den Sie Ihnen

218 nicht abschlagen können. Eilen Sie, eilen Sie, mein bester Freund, die sehnende Ungedult dieses würdigen Paares, und meine Wünsche zu befriedigen. Mit gerührtem Herzen, mit offenen Armen, mit dem heitersten Gesichte werde ich Sie empfangen, und mit Freudenthränen Ihnen versichern, daß nichts als der Tod unsere Liebe trennen soll.
Kulmus.

 219
 

Drei und sechzigster Brief.

Danzig den 4. April 1735.

Mein unschätzbarer Freund,

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihr Andenken, zu einer Zeit, da ich glaubte, das Vergnügen Ihre würdge Eltern zu sehen, würde Sie an nichts weiter denken lassen. Nichts auf der Welt kann mich über Ihre Abwesenheit zufrieden stellen. Dieses aber soll Sie nicht unruhig machen. Es ist nichts billiger, als daß ich Ihren besten Eltern auch etwas aufopfere, da ich das besitze, was diesem würdigen Paare das theuerste und schätzbarste ist. Ich will die kurze Zeit Ihrer Abwesenheit mit Gedult ertragen. Bleiben Sie, liebster Freund, die wenigen Tage von mir entfernt, denken Sie aber auch dabey an mich. Erzählen Sie unsern liebsten Eltern, wie aufrichtig ich sie verehre

220 und hochschätze, und wie zärtlich ich Sie, mein bester Freund, liebe. Diese Gesinnungen sind die sichersten Aufseher ihrer Victorie, und werden sie besser in Acht nehmen, als alle andere, denen Sie diese Aufsicht übertragen könnten.

Morgen erwarte ich Sie mit Freuden. Empfehlen Sie mich Ihrer Gesellschaft, und kommen Sie bald, vergnügt, gesund, und ja bald, in die Arme Ihrer zärtlichen und treuen Braut zurücke.
Kulmus.

221
 

Vier und sechzigster Brief.

An den Hrn. von Steinwehr.
Danzig 1735.

Hochwohlgebohrner Herr,

Sie beehren mich mit einem mir ungemein schmeichelhaften Schreiben. Ich habe dieses Glück meinem Freunde in Leipzig zu danken, und ich wünschte mir einen Theil seiner Wohlredenheit, um Ew. Hochwohlgeb. in Ausdrücken, die Ihrer eignen Stärke in der Beredsamkeit nicht ganz unwürdig wären, meine Hochachtung versichern zu können. Jetzt danke ich Ihnen in ganz gewöhnlicher Schreibart auf das verbindlichste für den Antheil, den Sie an meinem Glücke nehmen. Ich empfinde den Werth desselben täglich mehr, und täglich wiederhole ich den Wunsch, mich dessen und des Beyfalls aller Gönner und Freunde meines

222 geliebten Gottscheds immer würdiger zu machen. Fahren Sie fort, hochzuehrender Herr, uns beyderseits Ihre Freundschaft zu erhalten. Es ist dieses die erste Bitte, die ich an Sie ergehen lasse, und dieser füge ich die Versicherung bey, daß ich nie aufhören werde mit der vollkommensten Hochachtung zu seyn

E. H.
gehorsamste Dienerin

Kulmus.

223
Briefe
der Frau Gottsched
nach Ihrer Verheyrathung
an verschiedene Personen.

____________________________

Fünf und sechzigster Brief.

An die Freyinn von Fr.
Leipzig den 25. Jul. 1735.

G. F.

Ich bin beschämt, daß ich so spät Ew. Hochwohlgeb. Nachricht von meiner Ankunft in Leipzig gebe; ich bin aber auch von Ihrer Gütigkeit überzeuget, daß Sie mir diesen

224 Fehler verzeyhen werden. Die Veränderung des Standes, meine Reise, die ganze Einrichtung an einem fremden Orte, den man mit seiner Vaterstadt verwechselt, alles dieses giebt Verhinderungen von verschiedener Art, daß man sich oft selbst vergißt, und die nöthigsten Pflichten verabsäumet. Endlich sollen doch Ew. H. erfahren, daß ich noch lebe, daß ich mich in dem vortreflichen Leipzig wohl, sehr wohl befinde, und in meiner Ehe die glücklichste und beste Wahl getroffen habe. Ich beschäftige mich recht nach meiner Neigung. Mein Freund hat selbst einen guten Vorrath der besten Bücher, und alle große Büchersammlungen sind zu seinem Gebrauch offen. Bedenken Sie einmal, wie viel ich Zeit und Gelegenheit zum Lesen habe; ich will mir auch gewiß alle diese Vortheile zum Nutzen machen. Nur meine Muse ist noch nicht erwachet, die Muse, von der Ew. H. glaubten, sie würde niemals stille schweigen. So viel ist gewiß, ich werde sie schlafen lassen,

225 bis zu Ihrem Beylager, meine theure Baronesse. Aber alsdenn soll sie alle die Vollkommenheiten der reitzensten Braut in der erhabensten Sprache, die ihr nur möglich ist, schildern.

Jetzt will ich Ihnen noch was von Leipzig sagen. Es ist ein angenehmer, schöner Ort; so klein er ist, so viel reitzendes hat er in seiner Ringmauer sowohl als außer derselben. Die schönsten Gärten gehören den hiesigen Kaufleuten, und ein Spaziergang längst der Pleiße ist einer der angenehmsten um die Stadt. Die Leipziger sind sehr bescheidene, gesittete Leute; alles, bis auf die geringste Art Menschen, besitzen ein, ich weis nicht, was, das man an andern Orten nicht findet, und nur den Sachsen eigen seyn soll. Sobald ich etwas mehr als bisher gesehen habe, so will ich Ihnen mehr schreiben. Ich warte mit Ungedult auf die Messe, in welcher ich Nachricht von Ihnen erhalten soll. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich Ew. H. näher wäre, und oft in Ihrer

226 Gesellschaft seyn könnte. Ein Vorzug, den ich vor einiger Zeit gehabt, den ich gewiß zu schätzen gewust, den ich aber leider auf meine ganze künftige Lebenszeit entbehren muß. Leben Sie wohl und glücklich, theuerstes Fräulein! Ich thue für Ihr Wohl die aufrichtigsten Wünsche. Sie haben mir die Erlaubnis gegeben, Ihnen oft zu schreiben, und ich werde mich dieser bedienen, denn ich kann Ihnen nicht oft genug die vollkommene Hochachtung versichern, mit welcher ich beständig seyn werde
E. H.

gehorsamste Dienerin
Gottsched.

 

  227

Sechs und sechzigster Brief.

An die Freyfrau von Kielmannsegg.

Leipzig den 15. Aug. 1735.

Gnädige Frau,

Ich folge dem Befehl, den Sie mir ertheilet, Ihnen Nachricht von meiner Ankunft in Leipzig zu geben. Verzeyhen Sie, gnädige Frau, daß ich zwey Monate vorbey streichen lassen, ohne mich an die Erfüllung dieser mir so angenehmen Pflicht zu erinnern. Soll ich von der Schilderung des Glücks anfangen, das ich in der Gesellschaft eines gelehrten und aufrichtigen Mannes genieße; oder soll ich Ihnen die Vorzüge erzählen, welche Leipzig für vielen andern Städten berühmt machen? Ich sehe, gnädige Gönnerin, Sie wünschen gleich im Angange etwas von mir zu erfahren. Ich bin gesund, vergnügt, und recht, nach meiner Neigung, glücklich. Unsere

228 Beschäftigung sind, so wie unsere Gedanken, immer gleichförmig. Wir lesen sehr viel; wir machen über jede schöne Stelle unsere Betrachtung; wir theilen oft zum Schein unsere Meynung, und bestreiten einen Satz, bloß um zu sehen, ob die Meynungen gegründet sind, die wir von unsern Schriften fassen. Ich werde täglich die geringe Anzahl meiner Kenntnisse gewahr, und entdecke immer mehr Mängel meines Verstandes. Nichts, als der Wille alles zu verbessern, kömmt jenem gleich. Addisons Cato ist jetzt noch einmal unter die Feder genommen, und er soll soviel möglich von allen Fehlern befreyet werden. E. G. wissen, daß der Anfang schon in Danzig gemacht war.

Ich komme auf Leipzig, und seine Annehmlichkeiten. Es gefällt mir sehr. So klein als der Ort in seiner Ringmauer ist, so reinlich sind die Straßen, und wohlgebaut die Häuser. Die Lebensart der Einwohner ist artig und einnehmend, ein Lobspruch, den die Sachsen sich fast

229 durchgängig erworben haben. Die hohe Schule ist zahlreich, und die vielen Fremden, so sich hier befinden, bringen der Stadt Nahrung und Ehre. Leipzig hat schöne Kirchen und gute Prediger, ein Vorzug, der in meinen Augen sehr wichtig ist. Der Handel ist in großem Flor, und es fehlet dieser Stadt nichts als ein schiffbarer Fluß, um mit den größten Handelsstädten um den Vorzug streiten zu können. Die Gärten sind schön, und für die Gärtener einträglicher als für die Eigenthümer.

Es bleibt dem menschlichen Witz, und der menschlichen Neugier wenig zu verlangen übrig, das in Leipzig nicht zu haben wäre. Wollen Sie mich mit Ihren Befehlen beehren, so werde ich solche mit dem größten Vergnügen ausrichten, und alle Gelegenheiten suchen E. H. von der ehrfurchtsvollen Hochauchtung zu überzeugen, mit welcher ich beständig seyn werde

E. H.

gehorsamste Dienerin
Gottsched.

230

Sieben und sechzigster Brief.

An die Frau von K* * *.
Leipzig den 12. Febr. 1736.

Hochwohlgebohrne Frau,

Ew. H. beschämen mich mit der so gütigen und wiederholten Erinnerung, Ihnen öfter zu schreiben. Ich muß bekennen, daß ich alle meine Stunden so eingetheilt habe, daß mir nur sehr wenige zu diesem Geschäfte, einem der angenehmsten meines Lebens, übrig bleiben. Um Ihnen aber Rechenschaft von meinem Beschäftigungen zu geben, so muß ich sagen, daß ich noch eine Schülerin geworden bin. Ich finde, daß die lateinische Sprache ganz unentbehrlich ist, wenn man die alten Schriftsteller völlig kennen will. Mein Gottsched wünscht, daß ich auch diese gründlich verstehen möchte. Er hat mir also den Vorschlag gethan, gewisse Stunden

231 auf ihre Erlernung zu wenden. E. H. sind mein Vorbild bey dieser Bemühung. Ich wünsche eifrig Ihnen nachzukommen, und halte die Kenntnis der lateinischen Sprache für nothwendig, seit Sie mich überzeuget haben, daß man mit der Latinität bekannt seyn könne, ohne pedantisch zu seyn und zu scheinen. Darf ich wagen, Ihnen hierbey einen Abdruck von meiner Uebersetzung des Cato zu überreichen, da Sie dieses schöne Stück in seiner Grundsprache lesen, und Addison oft bewundert haben? Ich werde mich freuen, wenn ich Ihren Beyfall erhalte. Hin und wieder finde ich, daß Verbesserungen nöthig sind. Sollte eine zweyte Auflage gemacht werden, so werde ich vieles ändern. Ich bin jeßt mit einer Arbeit beschäftiget, darüber ich E. G. zu meiner Richterin wählen werde. Es soll eine deutsche Ausarbeitung, und eine Nachahmung der Frau von Gomez seyn. Diese hat den Sieg der Beredsamkeit zugetheilet: ich habe mich für die

232 Philosophie erkläret, und habe den Triumph der Weitweisheit under der Feder. Der Anfang ist gemacht, da ich aber durch verschiedene andere Arbeiten gehindert werde, möchte es nicht so bald zu Stande kommen. Die Erlernung der lateinischen Sprache raubt mir viele Stunden.

Nichts aber soll mich abhalten, E. H. von Zeit zu Zeit Nachricht von meinen Beschäftigungen zu geben. Ich bitte mir die Dauer Ihrer Wohlgewogenheit aus, und bin mit der vollkommensten Verehrung
E. H.

gehorsamste Dienerin
Gottsched.

233

Acht und sechzigster Brief.

An die Freyfrau von K* * *.
Leipzig den 14. Nov. 1736.

Hochwohlgebohrne Freyfrau,

Nein, gnädige Frau, die Vorsehung hat noch nicht für gut befunden, mich mit einem Kinde zu begnadigen. Ich würde es gewiß als ein Geschenk des Himmels ansehen, allein auch im Fall ich keins von ihm erhalten soll, ergebe ich mich in dem Willen Gottes. Ich habe oft gehöret, daß nichts schwerer sey, als Kinder zu erziehen, und gut zu erziehen: wer weis, ob ich die Geschicklichkeit besitze, die dazu erfordert wird? Ich will, im Fall mir die Vorsehung diese Wohlthat, aus weisen und mir ersprießlichen Absichten, versagen sollte, mich desto eyfriger bemühen, meinen Beruf auf andere Art treulich zu erfüllen. Ich arbeite viel, und

234 lerne noch mehr. Ich übe mich in der Musik, und möchte wo es möglich, mich in der Composition festesetzen. An allen diesen würde ich verhindert werden, wenn ich ein Kind hätte, denn auf dieses würde ich meine ganze Zeit verwenden. Doch, da noch alles möglich, verspreche ich E. Gnaden einen Gevatterbrief, aber das Kind müßte auch einige, nur einige Volkommenheiten von Ihnen erhalten. Ich bin mit aller Ehrfurcht
E. H.

gehorsamste Dienerin
Gottsched.

  235

Neun und sechzigster Brief.

Leipzig den zweyten Tag nach meiner
Wittwenschaft 1737.

Mein lieber Mann,

Die Glocke schlägt even fünfe, und das Verlangen nach einem Brief von Ihnen, weckt mich schon früh aus dem Schlafe, worinne Sie vielleicht noch tief vergraben liegen, ohngeachtet ich mich erst um 1 Uhr zur Ruhe begeben habe. Ich kann mir diese Schlaflosigkeit nicht besser zu Nutze machen, als mit der mir einzig werthen, und einzig geliebten Person auf der Welt, zu unterhalten. Ich muß gestehen, daß ich, so lange ich lebe, nicht so viel Unruhe und Furcht ausgestanden, als seit dem traurigen Augenblicke Ihrer Abreise. Ach! mein geliebter Mann, mein zärtlicher Freund! was ist Ihnen alles auf dieser Reise begegnet? Was haben Sie für

236 Wetter, was für Weg gehabt? Ich zittre für jedem Schlag, den Sie in Ihrem Wagen, bey dem sehr üblen Wege mögen empfunden haben; und ich habe niemals geglaubet, daß sie Zärtlichkeit unsers Geschlechts so schwach seyn könnte, sich über alle, über die geringste Kleinigkeiten zu beunruhigen. Geben Sie mir doch so bald als möglich Nachricht von Ihrer Ankunft in Dresden. In der besten Welt muß man über das, was uns am liebsten ist, sehr lange in Ungewißheit leben. Mein Herz kann sich in diesem Stücke mit der Wolfischen Philosophie nicht vereinigen. Sagen Sie aber dem Herrn M - - r, ja nichts von meiner Schwäche: Dieser möchte zur Vertheidigung der gerechten Sache Sie noch öfterer nach Dresden berufen. Kaum spreche ich mit Ihnen, mein Bester, so wird mein ganzes Gemüth heiter, und kaum lege ich die Feder nieder, so versinkt es in seine vorige Traurigkeit. Vermehren Sie diese kurze Heiterkeit durch baldige Nachricht von der Dauer Ihres Wohlbefindens,

237 und Ihrer Liebe gegen mich. Zehn- und mehrmal will ich abbrechen, um Ihnen alle Empfindungen meiner Seele, bey jeder Zeile darüber zu schreiben. Dieses ist noch das einzige Mittel, mir Ihre Abwesenheit einigermaßen erträglich zu machen. Leben Sie wohl, mein geliebter Mann, aber denken Sie auch abwesend an Ihre zärtliche und treue ergebne
Louise.

Siebenzigster Brief.
 

Leipzig den vierten Tag meiner Einsamkeit 1737.
 

Mein allerliebster und bester Freund,


Ihr vortreflicher Brief, den ich heute früh erhalten, hat mir einen sehr angenehmen Morgen zuwege gebracht. Ich freue mich herzlich über Ihr Wohlseyn, und daß Ihnen alle Ihre Verrichtungen, alle Ihre Zerstreuungen noch so

238
viel Zeit lassen, Ihrer zärtlichen, Ihrer über Ihre Abwesenheit klagenden Frau, so viel, und so viel angenehmes zu schreiben. Sie haben mir befohlen alle Briefe zu erbrechen, und nur die wichtigsten Ihnen zu schicken. Ich habe also gethan, was ich mich sonst nicht erkühnet hätte, und lege hier ein erbrochenes Schreiben von Hrn. P. bey. Sein scherzhafter Ton wird Sie zum Lachen bewegen, und eben darum schicke ich Ihnen diesen Brief. Ich habe noch nichts zu unterschreiben gehabt, absente marito. Ich habe noch keinen Brief von Danzig erhalten, und nur einen, einen einzigen von Dresden.
Ihre Frau befindet sich wohl, sie ißt für dreyßig Personen, (die nicht viel Appetit haben:) und es scheint, als ob sich ihr Magen über ihren Gemüthskummer trösten wollte. Die angenehme Gesellschafterin, zu welcher mir die gütige Frau Werner*), während Ihrer Abwesenheit
_______________
*)Die berühmte Hofmalerin, welche jederzeit eine wahre Freundin des Gottschedischen Hauses gewesen, und aus Danzig gebürtig war.

239
verholfen, wendet alle Heiterkeit ihres aufgeweckten Geistes an, meine Traurigkeit zu zerstreuen. Aber nichts, nichts kann mich über die Trennung von meinem einzig geliebten Freund ganz zufrieden stellen; ob ich gleich die Verbindlichkeiten, die ich dieser angenehmen mitleidigen Freundin schuldig bin, nie vergessen werde.
Bis zu Ihrer Rückkunft bleibe ich immer die traurige, die unzufriedene
 

Adelgunde.

 

Ein und siebenzigster Brief.

Leipzig 1737.

Mein allerbester Mann,

Nach Ihrem Willen soll ich heiter, vergnügt, zufrieden seyn. Sagen Sie mir wie ich es anfangen soll, da ich von Ihnen getrennt bin. Sie trösten mich als Philosoph, diß sieht Ihnen, und der Würde, die Sie bekleiden,

240 sehr ähnlich. Ich klage, seufze, weine, wünsche, und dieses ist wieder einer zärtlichen, von ihrem Manne getrennten Frau, sehr natürlich. Wir haben beyde Recht. Sie würden bey Ihren wichtigen Verrichtungen eine sehr lächerliche Rolle spielen, wenn Sie traurig und niedergeschlagen darüber seyn wollten, daß es Ihr Beruf erfordert, sich einige Wochen von Ihrer Gattin zu trennen. Bin ich nicht sehr reich an Erfindungen, mich über Ihre Abwesenheit zu trösten? Gleichwohl versichere ich Sie, mein bester Mann, alle diese Eingebungen meiner Vernunft thun nicht den geringsten Eindruck auf mein Herz. Dieses leidet, und leidet ganz allein.

Sie verlangen Neuigkeiten zu wissen, und ich kann Ihnen keine sagen. Das üble Wetter hat uns bisher immer noch verhindert, die Gärten zu besuchen. Es scheint, als wenn alles mit mir trauerte, um mich meines Verlusts immer mehr erinnerlich zu machen.

241 Der verehrungswürdigen Frau Werner bin ich für alle Freundschaft, die sie Ihnen und mir erzeiget sehr verpflichtet. Nehmen Sie alle Ihre Beredsamkeit zu Hülfe, ihr in meinem Namen für den guten Einfall zu danken, der mir das einzige Mittel verschaffte, was den Gram über Ihre Abwesenheit einigermaßen lindern kann. Ich wünsche Ihnen, liebster Gottsched, alle die Gelassenheit, die mir fehlet, und die einem Mann, einem Philosophen so anständig ist. Lassen Sie mir meinen geheimen Kummer, der eine gar zu gute Quelle hat, als daß ich ganz gleichgültig zu seyn, mir wünschen möchte. Ich werde bis zu Ihrer Zurückkunft eben so gewiß Ihre traurige, als bis zu dem leßten Augenblick meines Lebens Ihre zärtliche Frau seyn
Adelgrunde.

 

242

Zwey und siebzigster Brief.

Leipzig 1737.

Mein liebster Gottsched,

Ich danke Ihnen für die öftern Nachrichten die Sie mir geben, um mich über Ihr Befinden zu beruhigen. Der leßte Brief ist mir ungemein lieb gewesen, da ich sowohl die Versicherung Ihrer Zärtlichkeit, als auch Ihrer baldigen Rückkunft darinnen gefunden. Wenn es möglich wäre, sich über eine Sache, die erst geschehen soll, so lebhaft zu freuen, als wenn sie bereits gegenwärtig ist; so wäre ich außer mir für Freuden über Ihre baldige Ankunft gewesen. Aber Sie mangeln mir immer noch, und ehe ich nicht meinen geliebten, besten Freund umarme, ehe bin ich nicht froh. Ich bin fleißig, um mich zu zerstreuen. Mein Lehrmeister wird mir das

243 beste Zeugnis geben. Ich wünschte alle Sprachen zu wissen, um in allen Sprachen Ihnen meine Liebe, meine Zärtlichkeit zu versichern. Leben Sie wohl, mein geliebter Mann, kommen Sie bald, in die Arme Ihrer über Ihre Ankunft sehr vergnügten
Victoria.

 

Drey und siebenzigster Brief.
 

An die Frau Werner in D.
Leipzig 1737.
 

Hochzuehrende Frau,


Die Höflichkeit, so Sie meinem Freund erzeiget haben, ist so ausnehmend groß, daß ich solche unmöglich mit Stillschweigen übergehen kann. Ich danke Ihnen, gütigste Freundin, mit gerührtem Herzen dafür, und wünsche mir eine Gelegenheit, Sie eben dem Grade zu
 

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verbinden; alsdenn, und nicht eher, werden Sie die Empfindungen meines Herzens recht lebhaft erfahren. Ihre Gütigkeit hat sich auch auf mich erstreckt. Sie haben mir die artigste Gesellschafterin verschafft, und mir die Trennung von meinem Freund dadurch erträglicher gemacht. Wir haben unsre Stunden und Tage sehr gut zugebracht. Bald hat uns das Lesen nüßlicher und angenehmer Bücher, bald die Musik, bald die Gesellschaft einiger Bekannten und Freunde unterhalten, und die Zeit ist unvermerkt verstrichen. Ich wünschte, daß wir beyde so glücklich gewesen, von Ihnen bemerkt zu werden, welche anmuthige Grouppe hätte der vortrefliche Griffel einer Wernerin nicht entwerfen können. Der geringste Gegenstand wird unter der Hand eines großen Meisters wichtig.
Ich wünsche recht eifrig, das schöne Dresden und alle seine Merkwürdigkeiten zu sehen. Ich habe die Beschreibung der vortreflichen Gebäude, des grünen Gewölbes, der königlichen Luftschlösser,

245
und alles, was diese Residenz herrlich macht, recht mit Entzückung, theils gelesen, theils aus dem Munde meines Freundes gehöret. Welch Glück für die Künfte und schönen Wissenschaften, die von einem August beschüßet und genähret werden. Aber auch Dresden allein wird die hohe Schule der Mahlerey und der Musik bleiben, so lange der Regent diese beyden schönen Künste durch seinen Beyfall und Belohnungen unterstüßt und anfeuert.

Ich bin mit der vollkommensten Hochachtung und zärtlichsten Freundschaft Ihnen ergeben,

Gottsched.
 

  248

Fünf und siebenzigster Brief.

Schreiben der Wahrheit
an Se. Hochgebohrne Excellenz
dem Hrn. Reichsgrafen v. Manteufel
bey
Uebersendung einer deutschen Uebersetzung
von Plutarchs Schrift: daß ein Weitweiser
hauptsächlich mit Königen und Fürsten
zu thun habe.
 

den 22. Jul. 1740.

Du wunderst Dich vielleicht geprießner Mäcenat,
Warum Die Wahrheit Dir noch nicht geschrieben hat?
Wie, da Dein hoher Geist ihr Wachsthum täglich treibet,

249

Die Dir den treuen Dank so lange schuldig bleibet?
Allein ich habe mich der Sprache fast entwöhnt,
Seitdem die Welt mich haßt und meine Früchte höhnt;
Seit meine Feinde mich von Hof und Stadt getrieben,
Und mir nur hier und da ein redlich Herz geblieben.
Ich schweige, daß Dein Amt und Deines Standes Pracht
Noch mehr als alles dieß, mich blöd und scheu gemacht.
Wer ist es doch gewohnt, daß Große dieser Erden,
Voll Einsicht und Verstand der Wahrheit Freunde werden?
Die durch Geburt und Glück dem Fürst zur Seite gehn,
Die pflegen meinen Werth sehr selten einzusehn;
Und wenn sie für den Flor vertrauter Länder wachen,

250

Der Wahrheit Grillenwerk nur spöttisch auszulachen.
Dieß hat mich, großer Graf, bisher noch abgeschreckt:
Der Staatsmann hatte mir den Wahrheitfreund verdeckt.
Doch hab ich Dich geliebt, und schon aus Deinen Thaten,
Womit Du Fürsten dienst, und Ländern hast gerathen,
Den hohen Geist bemerkt, den nichts Gemeines rührt,
Und den ein Weisheitstrieb zu meiner Quelle führt:
Zum höchsten Wesen selbst. Hier hab ich dich gelehret,
Wie mancher Irrthum noch, der Sachen Werth verkehret;
Den Schöpfer selber schmäht, und ihn aus Unbedacht,
Zum Ursprung aller Noth, und alles Uebels macht.
So hast Du, großer Graf, Dein Wissen stets vergrößert,

251

Und Dein erhabnes Herz, wie Dein Geschlecht verbessert.

Erlauchter, denke nicht, daß dieses Heucheley,
Und jede Zeile nicht von mir entsprungen sey,
Die Wahrheit schreibt dieß Blatt, und nicht ein knechtisch Heucheln;
Die nie geschmeichelt hat, die wird auch Dir nicht schmeicheln.
Man sieht Dich als den Schuß von allen Künsten an:
Ists möglich, daß ich mich des Danks entbrechen kann?
Man sieht Dein eifriges, Dein redliches Bemühen,
Die Menschen aus dem Schooß des Vorurtheils zu ziehen.
Wenn solch ein Arm mich stüßt und meine Würde zeigt,
So wird mir jedes Herz und jede Brust geneigt.
So wird kein Großer mehr sich meiner Lehren schämen;

252

So werd ich Ehr und Glanz wie vormals übernehmen.

Was ist doch wohl ein Mensch, dem mein Erkenntnis fehlt?
Ein unvernünftig Thier, das Wahn und Blindheit quält;
Ein Knecht der Sinnlichkeit, der seine Jahre kürzet;
Und eh er sichs versieht, in Gruft und Unglück stürzet.
Ein Freund der Tyranney, die alles das verdammt,
Was nicht aus ihrem Sinn, aus ihrer Lehre stammt.
Die, was sie nicht versteht, aus Bosheit unterdrücket,
Die Weisheit stets bekriegt, und in der Blüth ersticket.

Was war wohl Schuld daran, daß ein verblendetes Land,
Zuerst das Gaukelspiel des Götzendiensts erfand?

253

Vor Kälbern niederfiel, vor Mond und Sonne tanzte,
Und seiner Schande Maal bis auf die Nachwelt pflanzte:
O! hätte sein Verstand mein innres Wort gehört,
Wie schleunig hätte sich dieß tolle Thun verkehrt!
Wie tief hätt ich den Satz in seine Brust geschrieben:
Ein Gott ist Herr der Welt, und diesen mußt du lieben.

Doch, wenn ein blinder Mensch ohn alle Lehren irrt:
So ist es ein Versehn, was sonst zum Laster wird.
Wie aber, soll man die nicht ungleich ärger hassen,
Die meinen Werth gesehn, und meine Bahn verlassen?

Hier klag ich, großer Graf, blos unsre Zeiten an,
Wo weder die Vernunft, noch Wahrheit siegen kann.

254

Der eine kennt mich nicht, und mag mich auch nicht kennen,
Der andre scheuet sich, sich meinen Freund zu nennen.
Den nimmt die Finsternis der Alterthümer ein;
Wer Wolfens Schüler ist, muß gleich ein Ketzer seyn;
Er wiese gern die Welt, um meinen Flor zu hemmen,
Zu der verworfnen Schaar von den getrennten Stämmen.

Dieß, dieß hat mich gequält; doch da Du, Graf, erwachst,
Und auch durch Deinen Kiel mein Ansehn schöner machst:
So wächst mein matter Muth, den Neid und List bekämpfen,
So will ich mit der Zeit auch meine Feinde dämpfen.

Ich sehe schon voraus, daß mit mein Wunsch gelingt,
Daß Wahrheit und Vernunft die Finsternis durchdringt?

255

Und ist mir nicht bereits in Friedrichs weiten Staaten
Ein ungleich schönrer Sieg, als irgendswo gerathen?
Die Stadt, wo alles jauchzt, wo Mars und Pallas blühn,
Die Königliche Stadt, das prächtige Berlin
Ahmt seinen Fürsten nach, und ehrt mit edlen Trieben,
Was die Vernunft uns lehrt, und sucht es auszuüben.
O wem vergleicht man dich, du Preiß der deutschen Welt!
Wenn sich der Wahrheit Siß in deinen Mauren hält?
Wofern kein Wankelmuth den weisen Eifer wendet,
Und ein gleich starker Trieb das schöne Werk vollendet.

Geprießner Mäcenat! Hier sieht mein treuer Blick
Auf Dich und Deinen Fleiß mit Dankbegier zurück.

256

Du hast zu meinem Flor, der sich anjetzt verneuet,
Vorlängst mit weiser Hand den Saamen ausgestreuet.
Und da Dich Dein Geschick den Fürsten zugesellt,
Zuerst in ihrer Brust den Wohnplatz mir bestellt.
Denn, wenn erst Könige mir Weg und Mittel bahnen,
So folgt mein größter Flor bey allen Unterthanen,
Weil immer sich ihr Trieb nach jener Beyspiel mißt,
Und Länder weise sind, wenn es ihr König ist.

Sehr selten kann mein Kiel der Großen Lob beschreiben;
Dir wird durch Dein Verdienst der Vorzug übrig bleiben.
Da soll die Nachwelt Dich in stetem Glanze sehn;
Da wird die Weisheit Dich, so wie Du sie erhöhn.

257

Und gehen Dir gleich Wolf und Reinbeck an der Seiten,
So sind sie würdig gnug, Mäcenen zu begleiten.
Wer sich mit treuen Fleiß zur wahren Tugend kehrt,
Ist allen Großen gleich, und Kron und Zepter werth.
Und wer durch Lehren erst, den Menschen Mensch seyn lehret,
Geht dem Gekrönten vor, den mir das Schmeicheln ehret;
Doch innerlich die Furcht von meinem Urtheil schreckt.
Es ist der Weisen Pflicht mit Fürsten umzugehen.
Dieß hat vorlängst Plutarch, mein Schüler, eingesehen.
Hier schick ich Dir sein Blatt, und wünsche nur dabey,
Daß es Dir angenehm und überzeugend sey.
Und daß für meinem Flor Dein Eifer ferner wache,
Der Fürsten Antrieb sey, und Staaten glücklich mache.
 

  258

Sechs und siebenzigster Brief.

1740.

Hochgeehrtester Herr,

Was soll ich Ihnen von uns und unserm Befinden sagen? Es ist immer einerley, voller Unruhe und wenig Mußse. Eine neue Beschäftigung wartet auf ihren Freund und mich. Sie wissen, daß wir jetzt mit noch einer dritten Person an der deutschen Uebersetzund des Zuschauers arbeiten; eine Arbeit, die viel Nutzen bringen kann, wenn unsere Absicht erreichet, und die Lesung dieser moralischen Blätter allgemeiner dadurch wird. Ehe diese aber zu Ende kommen möchte, ist schon eine neue veranstaltet. Es hat Herr Königslöwe die Uebersetzung des Dictionnaire von Bayle unternommen. Der Verleger dieses an sich selbst sehr nützlichen Werks wünscht, daß es

259 von meinem Freund durchgesehen und mit Anmerkungen von seiner Feder vermehret werden möchte. Dieses ist eine Aufgabe, die uns eben so viel Arbeit verursachen wird, als die Vortheile groß sind, die der Litteratur durch dieses Unternehmen zuwachsen. Es gehöret das Bewußtseyn, etwas zum allgemeinen Besten beyzutragen, zu meiner Beruhigung; und die Zufriedenheit des Geistes, die so oft gestöret wird, suche ich auf einer andern Seite zu befördern. In dieser Absicht, verwende ich den größten Theil meines Lebens auf Arbeiten, die vielen meines Geschlechts ganz fremd sind; und meine Gesundheit würde vielleicht besser seyn, wenn ich mehr Bewegung und angenehmere Zerstreuung hätte. Dies sagt mein Arzt, den ich über die Schwächlichkeit meines Körpers zuweilen um Rath frage. Mein eigner Trieb hingegen sagt mir, daß die Beschäftigung mit allem, was meine Neigung befriediget, und meinen Geist zufrieden stellt, meiner Gesundheit nicht schädlich

260 seyn kann. Diesen Trieb will ich folgen, so lange meine Maschine nicht ganz baufällig wird. Ich bin mit wahrer Hochachtung
E. H.

ergebenste
Gottsched

 

  258

Sechs und siebenzigster Brief.

1740.

Hochgeehrtester Herr,

Was soll ich Ihnen von uns und unserm Befinden sagen? Es ist immer einerley, voller Unruhe und wenig Mußse. Eine neue Beschäftigung wartet auf ihren Freund und mich. Sie wissen, daß wir jetzt mit noch einer dritten Person an der deutschen Uebersetzund des Zuschauers arbeiten; eine Arbeit, die viel Nutzen bringen kann, wenn unsere Absicht erreichet, und die Lesung dieser moralischen Blätter allgemeiner dadurch wird. Ehe diese aber zu Ende kommen möchte, ist schon eine neue veranstaltet. Es hat Herr Königslöwe die Uebersetzung des Dictionnaire von Bayle unternommen. Der Verleger dieses an sich selbst sehr nützlichen Werks wünscht, daß es

259 von meinem Freund durchgesehen und mit Anmerkungen von seiner Feder vermehret werden möchte. Dieses ist eine Aufgabe, die uns eben so viel Arbeit verursachen wird, als die Vortheile groß sind, die der Litteratur durch dieses Unternehmen zuwachsen. Es gehöret das Bewußtseyn, etwas zum allgemeinen Besten beyzutragen, zu meiner Beruhigung; und die Zufriedenheit des Geistes, die so oft gestöret wird, suche ich auf einer andern Seite zu befördern. In dieser Absicht, verwende ich den größten Theil meines Lebens auf Arbeiten, die vielen meines Geschlechts ganz fremd sind; und meine Gesundheit würde vielleicht besser seyn, wenn ich mehr Bewegung und angenehmere Zerstreuung hätte. Dies sagt mein Arzt, den ich über die Schwächlichkeit meines Körpers zuweilen um Rath frage. Mein eigner Trieb hingegen sagt mir, daß die Beschäftigung mit allem, was meine Neigung befriediget, und meinen Geist zufrieden stellt, meiner Gesundheit nicht schädlich

260 seyn kann. Diesen Trieb will ich folgen, so lange meine Maschine nicht ganz baufällig wird. Ich bin mit wahrer Hochachtung
E. H.

ergebenste
Gottsched

 

Sieben und siebenzigster Brief.

Schreiben an die Marquise die Chatelet.
1741.

Frau,
deren kühner Geist mit Männerstärke denkt,
Frau, deren Fähigkeit sich in die Tiefen senkt,

261

Wo Gott, was die Natur sich heimlich vorgesparet,
Den Grund deß, was man sieht, nur Weisen offenbaret.
Vernimm von deutscher Hand ein wahrheitsliebend Lied,
Das, so wie Du gethan, die Vorurtheile flieht;
Und wenn es nicht mit Recht Dich zu verehren dächte,
Wärst Du auch Königin, kein Schmeicheln vor Dich brächte.
Vernimm, was einem Kiel Dein Werth entwerfen lehrt,
Der sonder Heucheln lobt, und ohne Neid verehrt:
Und Dich, (so schwach man auch den niedern Beyfall schätzet,)
Hoch über Dein Geschlecht, und Ludwigs Bürger, setzet,
Du selbst für Dich bist groß. Den nenn ich noch sehr klein,
Der bloß durchs Vaterland vortreflich denkt zu seyn:

262

Der, was der Ahnen Fleiß den Kindern übergeben,
Durch eigenes Verdienst nicht weis empor zu heben:
Und, da er jener Ruhm mit trägem Stolze sieht,
Ihn lebend nie erreicht, und dann zur Grube zieht.
Denn, läßt sich erst ein Volk am alten Glanze gnügen,
So liegt das Vaterland mit ihm in letzten Zügen,

Als jeder Römer noch sich selbst um Ruhm bewarb,
Im Leben römisch war, mit Römermuthe starb,
Durch nimmer müdem Fleiß die Nebenbürger lehrte,
Und jeder Sohn den Stamm mit einem Helden mehrte:
Da blieb das große Rom der Erden Königin,
Da war sein hoher Ruhm ein billiger Gewinn.
Als aber Stolz und Lust die ernste Zucht verhöhnten,
Und jene Lorbern bloß die leeren Köpfe krönten,

263

Da ward das stolze Rom, der Erden schönste Pracht,
Geschwinder in Verfall, als sonst empor gebracht.
So wie ein leichter Ball, den Lusterfüllte Knaben
Mit froher Munterkeit empor geworfen haben,
Der Lüfte Hindernis im Steigen schwer durchdringt,
Im Fallen aber mehr, als doppelt schneller sinkt.

O dörft ich, (da mein Schluß auch jetzund noch muß gelten)
Das Volk der Gallier durch keinen Vorwurf schelten!
Erhabne Chatelet, Du selber siehst es ein,
Der Ahnen großet Ruhm wird durch die Enkel klein.
Dein Land, das Vaterland so vieler großen Geister,
Zählt jeßt nur einzelne, und doch nur halbe Meister.
Was dem Cartesius des Forschens würdig schien,

264

Was Pascal und Rohault versucht ins Licht zu ziehn,
Was Regis und Gassend, und vieler Fleiß gewesen,
Dem forscht kein Franzmann nach, er glaubt es ungelesen.
Dagegen bricht er sich ein neues Lorberreis,
Aus Possen, die bey uns ein Kind zu höhnen weiß.
Der kühnen Ritterzunft, und niedre Liebesgrillen,
Die müssen täglich fast Papier und Läden füllen.
Die Dichtkunst soll zwar auch ein Weg zur Ehre seyn;
Doch nicht wie Boileau schrieb, erhaben, lehrreich, rein,
Der keinen Satz erwählt, den nicht sein Reim vergrößert,
Und der durch seinen Kiel sein Vaterland gebessert.
Der Logogryphen Schwarm, des Endreims Gaukelspiel,
Die sind in Frankreich jetzt fast aller Dichter Ziel.

265

Jedoch, ich geh zu weit; ganz Deutschland hats gelesen,
Es wäre mancher stets ein großer Mann gewesen;
Wenn sich sein reiner Kiel der Dichtkunst vorgespart,
Für höhrer Wissenschaft mit kluger Scheu bewahrt.
Denn hätt er nie der Welt zu eigner Schmach gezeiget,
Wie weit ihm Dein Verstand im Denken übersteiget.

Du wunderst Dich vielleicht, daß dieses fremde Blatt,
Indem es Dich erhebt, dein Volk getadelt hat.
Allein, Du weißt es wohl, die Wahrheit kann nicht heucheln,
Und wer ihr dient, muß nie dem Unrecht sclavisch schmeicheln.
Ganz Deutschland denkt wie ich, seit eine Afterbrut
Auf Frankreichs alten Ruhm so keck und trotzig thut,

266

Und da nicht Witz, nicht Recht das kalte Blatt begeistert,
Sich selbst zum Midas setzt, und beßre Völker meistert.
Man spricht uns Witz und Kunst, Verstand und Tugend ab,
Man bricht uns ungehört und ungekannt den Stab:
Als würd ein ganzes Land sich einst nach Köpfen richten,
Die ihrer Väter Ruhm durch eignen Schimpf zernichten.

Du siehts, wie wehe dieß dem deutschen Volke thut,
Das eigner Lorber krönt; dem kein entehrtes Blut
In seinen Adern schlägt. Wir gehn die Bahn der Alten,
Und putzen ferner aus, was sie so schwer erhalten.
Was Keppler, was Hugen und Hevel ausgedacht,

267

Hat keine neue Zeit noch in Verfall gebracht.
Und was die halbe Welt von Leibnitz neu gelernet,
Hat unser großer Wolf noch besser ausgekörnet.
Was Tschirnhaus sich erwarb, was Gerkens Nachruhm nährt,
Hat Hermanns tiefer Geist durch Trägheit nicht entehrt.
Kurz, Deutschland steiget stets, und hat nicht zu besorgen;
Daß es sein Wissen darf von seichten Nachbarn borgen.

O hätte manches Werk, das Deutschlands Fleiß erzeugt,
Vor funfzig Jahren nur in Frankreich sich eräugt!
Und wäre Sturm bey uns, ein Gallier gewesen,
Was würde nicht die Welt von seiner Säule lesen!
Jetzt war sein ganzer Lohn der Tugend innrer Werth,

268

Die den, der edel denkt, mit wahrer Ruhe nährt,
Dort wär aus diesem Grund ihm Glück und Preis entstanden:
In Deutschland war für ihn kein Mazarin vorhanden!

Du weißt es, große Frau, daß unser Vaterland
So groß als Deines ist. Doch nur den Unverstand
Vergnügt ein solcher Ruhm. Wir selbst, wir müssen ringen,
Und unsern Ahnen nach mit kühnem Eifer dringen.
Zwar Leibnitz war ja groß, doch nicht die Vaterstadt,
Er selbst, er war es selbst, was ihn verherrlicht hat:
Und hätt ihn sein Geschick zum Gallier erlesen;
So wär er doch nichts mehr, als was er war, gewesen.
Und wäre Civey gleich Dein wahres Vaterland,

269

So würd es doch durch Dich, nicht Du dadurch bekannt.
Denn Geister, welche Gott zur Weisheit auserkohren,
Sind für kein enges Land, sind für die Welt gebohren.
Dem Pöbel aber fällt der eigne Ruhm zu schwer,
Und wer wie dieser denkt, der ist so schlecht als er.

Du, die Du jeßt den Ruhm des Vaterlandes stüßest,
Frau, die Du ihm weit mehr als tausend Männer nüßest,
Erhabne Chatelet, o fahre ferner fort
Der Wahrheit nachzugehn. Sie hängt an keinem Ort:
Und wer in Afrika, und in beeisten Norden
Auf ihre Spuren lauscht, gehört zum Weisenorden.
Verdenkt es Dir der Neid, daß Deine Feder frey
Die Wahrheit Wahrheit nennt, sie sey von wem sie sey:

270

So bist Du groß genug, die Scheelsucht zu verlachen;
Sie wird eh sich verhaßt, als dich partheyisch machen.

Dieß ist auch bloß der Trieb, der Dir dieß Blatt gebracht.
Hier hast Du nun Dein Werk in einer deutschen Tracht.
Es soll die deutsche Welt Dein gründlich Wissen lehren;
Und jeder Leser wird Dich so wie ich verehren.

 

271

Acht und siebenzigster Brief.

Dresden 1742.

Hochzuehrender Herr,

Mein Freund trägt mir auf, ich soll E. H. Nachricht von unserm Aufenthalte geben? Dieses würde ein Tagebuch von lauter Ergötzungen, Zerstreuungen und Arbeiten seyn. Alles, was unsere gefällige Freundin finden kann, uns das an sich selbst vortreffliche Dresden noch angenehmer zu machen, das sucht sie hervor, und kein Tag vergeht, wo wir nicht eine Seltenheit mehr kennen lernen. Die Stunden, welche mein Freund auf seinen Beruf verwendet, bringe ich mit der Arbeit zu, die uns nach dem Ruhesitz der Musen begleitet hat. Diese

272 Vorstellung machte ich mir von der Residenz, ehe ich nach Dresden kam. Ich glaubte, hier könnte man sich von allen überhäuften Arbeiten erholen; ich erfahre aber, wer so gewohnt ist sich zu beschäftigen, wie mein Freund, der findet aller Orten seine Neigung zu befriedigen. Alles Merkwürdige habe ich hier gesehen, und ich würde Ihnen eine Beschreibung von vielen Bogen machen, wenn ich alles das erzählen sollte, was mir im grünen Gewölbe, im Zeughause, in der Kunstkammer, auf der Bildergallerie, im Holländischen Palais, und aller Orten, wo Kenner, Bewunderer und Neugierige sich befriedigen können, vorzüglich gefallen hat. Die Natur hat aber auch bey der Lage von Dresden nichts vergessen. Ehe ich in die Residenz kam, und die Kunst, die ein Heer ihrer Anhänger daselbst verschwendet hat, bewunderte, ward mein ganzes Gemüth bey dem Anblick der angenehmen Gegend von Meißen bis Dresden, erheitert. Mit welcher Ruhe und

273 Vergnügen (dachte ich bey mir selbst) muß es sich in einem so angenehmen Landhause gelehrten Arbeiten obliegen? Wie viel Verhinderungen, sagte mein Freund, den ich meine Beobachtung erzählte, ist man bey so vielen Gegenständen, die das Auge reitzen, auch ausgesetzt. Er hat nicht unrecht, ich glaube nunmehro daß es sich auf dem Sperlingsberge in Leipzig ruhiger und ungestörter arbeiten läßt, als auf irgend einem der geringsten Weinberge in dieser reitzenden Gegend.

Bayle beschäftiget und beyde, in allen Stunden, da wir uns der Arbeit widmen, und der Gesellschaft entziehen können. Von allem, was die versammleten Landesstützen, zum Wohl des Landes berathschlagen werden, will Ihnen mein Freund selbst Nachricht geben. Jetzt habe

274 ich diesen Auftrag von ihm mit Vergnügen erfüllt, weil ich bey dieser Gelegenheit Ihnen die Versicherung meiner Hochachtung geben kann etc.
Gottsched.

 

Neun und siebenziger Brief.

Leipzig 1742.

Hochzuehrende Frau,

Meine erste Beschäftigung hier in Leipzig, ist die Erfüllung einer der vornehmsten Pflicht gegen Sie, meine verehrungswerthe Freundin. Sie haben uns zu einer ewigen Dankbarkeit verpflichtet, und von dieser finden Sie hier die lebhafteste und heiligste Versicherung. Mein Freund wird ein gleiches für sich thun; denn in Wahrheit, Ihre Verbindlichkeiten, damit Sie uns die unträglichsten Beweise Ihrer Freundschaft gegeben, sind jedem Theil zu wichtig, als daß einer für beyde den Dank übernehmen, und

275 doppelten Regungen Gnüge leisten könnte. Geben Sie mir Gelegenheit Ihnen die Empfindung meines dankbaren Herzens, anders als in bloßen Worten zu zeigen, denn werden Sie sagen, daß die Freundschaft und die Erkenntlichkeit eines fühlenden Herzens alle Proben auszuhalten fähig sind. Wenn ich an unsern Abschied gedenke, so ruft mein Herz noch heute aus:

O Tag! o Augenblick, so reich an Lust als Leiden,
O theurer Gegenstand des Schmerzens und der Freuden!

Aber ich werde nicht beruhiget dadurch. Hier warteten die Drucker mit Ungedult auf unsere Ankunft. Alle Muße, die wir in Dresden gehabt, hat sich in eine ununterbrochne Kette von Arbeit verwandelt. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, sind wenig Stunden übrig, auf die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu wenden. Ich muß an das vergangene,

276 und in Dresden auf so vielfältige Art erhaltene Gute zurückdenken, um mich über die gegenwätigen Beschwerlichkeiten eines gelehrten Lebenswandels zufrieden zu stellen. Doch es ist mein Schicksal, diesen will ich mich mit Gelassenheit unterwerfen. Es ist mein Wunsch gewesen, und da ihn die Vorsehung in reichern Maaße, als ich jemals geglaubet, erfüllet hat, will ich nicht murren, sondern nach allen Kräften meinen Beruf gleichfalls erfüllen. Dieser Vorsatz wird alles leicht machen, was mir in den finstern Augenblicken meiner Hypochondrie oft schwer scheinet. Bey dem Andenken an Ihre Güte, und an Ihre Freundschaft, werde ich wieder heiter, und in dieser Verfassung des Gemüths, versichre ich Ihnen meiner ewigen Ergebenheit,
Gottsched.

278 

Achtzigster Brief.

Leipzig den 17. April 1743.

Hochzuehrende Frau,

Ich danke Ihnen aufrichtigst für den Antheil, den Sie an meiner schwächlichen Gesundheit nehmen; diese ist so, wie Sie vermuthen, und wie mein Freund Ihnen eine weitläuftige Beschreibung davon gemacht hat. Die Aerzte beschäftigen sich, meine Maschine aufrecht zu erhalten, die leider nicht alle Erwartung von ihren Bemühungen erfüllet. Nur die Kräfte meines Gemüths stehen einigermaßen in meiner Gewalt, und ich suche alles hervor, dieselben nicht sinken zu lassen, sondern immer mehr zu stärken. Gesetzt aber auch, daß mein Lauf in der Hälfte meiner Tage vollendet würde; gesetzt, daß ich mein Leben eher, als viel tausend meiner Zeitgenossen beschließen soll; was ist es anders,

278 als viel eher zu der Ruhe zu gelangen, wohin wir alle zu kommen wünschen, und den seligen Ort nach einer beschwerlichen Reise bald zu erblicken, wornach wir auf der mühseligen Wanderschaft dieses jammervollen Lebens so oft seufzen? Ich sage mit Addison: “Die Vorstellung eines künftigen Lebens ist der geheime Trost, und die Erquickung meiner Seele. Sie machet, daß die ganze Natur um mich herum munter und freudig aussieht. Sie verdoppelt alle meine Vergnügungen, und stärket mich in allen meinen Trübsalen. Ich kann die Widerwärtigkeiten und Unglücksfälle, Schmerzen und Krankheit, den Tod selbst, und was noch ärger ist als der Tod, den Verlust derjenigen, die mir auf der Welt am liebsten sind, mit Gleichgültigkeit ansehen, solange ich die Freude der Ewigkeit, und dasjenige Leben vor Augen habe, in welchem weder Furcht noch Schrecken, weder Sorge noch Pein, weder Krankheit noch

279 “Trennung mehr seyn wird etc.” Sehen Sie, liebste Freundin, die Beschaffenheit meines Gemüths, unter den Beschwerlichkeiten eines siechen Körpers. Wer weiß, ob er nicht bald von der gütigen Hand Gottes seine völlige Genesung erhält. In allen Fällen ergebe ich mich seiner Vorsorge, und ich mag leben oder sterben, so bin ich immer Ihre treuste Freundin
Gottsched.

 

Ein und achtzigster Brief.

Leipzig 1743.

Hochwohlgeborne Frau,

Mir thränenden Augen und einem beklemmten Herzen eile ich Ew. Hochwohlgeb. über den Verlust zu trösten, den Ihnen die Hand der Vorsehung erfahren läßt. Ich leide mit Ihnen, gnädige Frau, ob ich gleich die unaussprechliche Glückseligkeit des Verstorbenen einsehe, und

280 über diese mich mit Ihnen freuen möchte. Sie haben keinen Sohn verlohren, sondern Ihre christliche Ergebung in den göttlichen Willen, hat solchen in die treuen Vaterhände zurück geliefert, von welchem Sie dieses theure Pfand vor wenig Jahren erhalten hatten. Lassen Sie hier Ihrer sonst so geläuterten Vernunft nicht zu viel Gewalt; die Religion allein muß sprechen. Diese hat mächtigere Trostgründe, solche Wunden zu heilen, als alle Mittel und alle Zerstreuung, so die Weisheit der größten Geister, und ihre Freunde hervorsuchen könnten. Opfern Sie Ihren Schmerz, und die gerechte Ursache Ihres Schmerzens dem Gott, der Ihre Seufzer, und Ihre Thränen für die Genesung eines geliebten Kindes erhöret, und Ihren Sohn völlig geheilet, und ewig glücklich gemacht hat. War dieses nicht die Absicht Ihrer Wünsche, und aller Ihrer Bemühungen? Diese innerliche Ueberzeugung wird Ihnen zum Trost dienen, Sie werden über sich selbst so viel gewinnen, mit

281 dem Sohn Gottes auszurufen: Vater! nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Sind Sie nur so weit gekommen, so haben Sie überwunden, und Ihre Religion hat über alles, was die Zärtlichkeit einer Mutter schmerzliches sagen kann, gesieget: Sie werden Ruhe und Trost in demjenigen finden, der unser Alles ist. Ihre Gottesfurcht wird Ihnen mehr Trost einflößen, und Sie eher zufrichten, als die Weisesten Ihrer Freunde nicht zu thun vermögend sind. Sie sind überzeugt:

Daß Ihr verklärter Sohn jeßt alles das besitzet,
Was unser Glaube hofft, und hier kein Auge kennt.

Dieß ist der einzige Trost, den ich zu E. H. Beruhigung anführen wollen. Ich thue die eifrigsten Wünsche für dieselbe, und für das dauerhafte Wohl Dero ganzen Hauses.
Gottsched.

282
 

Zwey und achtzigster Brief.

Leipzig den 27. April 1744.

Hochwürdiger etc.

Den Augenblick erhält mein Freund ein Schreiben, welches in einer Gemüthsverfassung geschrieben zu seyn scheinet, daraus er Ew. Hochwürd. gern je eher je lieber ziehen wollte. Da ihn indessen, theils die letzten Bogen der Muschenbrockischen Physic, deren Ausgabe diese Woche noch zu Stande kommen soll; theils der Befehl vom Hofe, zu einer morgen bevorstehenden akademischen Vorlesung vor unsers Churprinzens Königl. Hoheit, ganz außer Stand setzet diese Pflicht eigenhändig zu beobachten; so hat er mir, als seinem unwürdigen Secretair, dieses aufgetragen. So ist in der menschlichen Gesellschaft kein Vorfall so geringe oder seltsam, der nicht irgend einem Mitgliede derselben, zum Vortheil ausschlüge. Und so muß eine Begebenheit,

283 welche viele scharfsinnige Personen noch unschlüßig macht, ob sie solche unter die lächerlichen Ebentheuer zählen, oder in die Zahl neuer Erfahrungen setzen sollen, sich in ein gedrucktes Meßmährchen verwandeln, um mir Gelegenheit zu geben, E. H. diejenige Hochachtung zu versichern, die ich Ihnen längst gewidmet.

Was die Hauptsache Dero Schreibens betrift, so hat mein Freund die bewußte Geschichte kaum in ihrem Maculaturkleide erblicket, als er sogleich den Drucker holen lassen, und ihn befraget, wer ihm die Freyheit ertheilet, diese Schrift bekannt zu machen? Er antwortete, wie alle Leute zu thun pflegen, die ein böses Gewissen haben, und nahm den Verweis, welchen ihn mein Freund zu geben Macht hatte, gedultig an. Da nun bey Durchlesung des Gedruckten kein Umstand gefunden wurde, welcher nach der Vorschrift des Hofes, die Bekanntmachung eines Werks verhinderte, so konnte mein Freund dem Drucker nicht abschlagen sein

284 Vidit auch noch auf das gedruckte Blatt zu schreiben, und der Sache ihren Lauf zu lassen.

So wenig nun mein Freund hierinnen etwas gethan haben soll, welches wider die tiefe Ehrfurcht stritte, die er dem Durchlauchtigen B. Hause schuldig ist, noch dessen preiswürdigsten Stiftungen nachtheilig seyn könnte; so wenig haben Ew. H. inskünftige dergleichen von ihm zu besorgen. Gesetzt, es wäre auch schon eine ganze Ausarbeitung fertig, in den Büchersaal eingerückt zu werden, so würde ein einziger Wink eines Fürsten, der die Liebe zur Gelehrsamkeit unter seine Erbrechte zählet, hinlänglich seyn, alles zu zernichten. Indessen glaube ich, daß das Ansehen des Verfassers bey Vernünftigen nicht leiden wird. Man kann ein starker Philosoph, ja ein tiefsinniger Mathematicus, und dennoch ein Mensch seyn, dessen Seele ihre Erfahrungen durch gar zu betrügliche Werkzeuge machen muß. Die Geschichte ist voller Beyspiele von großen Leuten, die nur in einer einzigen

285 Sache sich selbst nicht ähnlich gesehen. Und denn sagt mein Freund Buttler in seinem Hüdibras:

Obstinacy’s is néer so stief
as whentis in a wrang belief.

und ich gebe ihm Recht. E. H. sehen wohl, daß ich troß meiner Hypochondrie den Gespenstern unmöglich die Ehre erweisen kann, sie in die Reihe derer Wesen zu setzen, vor denen man sich zu fürchten hätte.

Sobald das Meßgetümmel die verscheuchten Musen wieder zu ihrer Ruhe kommen läßt, wird mein Freund seiner Pflicht gegen E. H. selbst nachkommen, bis dahin empfehle ich ihn Ihrer Gewogenheit, und versichere, daß ich mit ganz besonderer Hochachtung beständig seyn werde

E. H. Gottsched.
 

 

  286

Drey und achtzigster Brief.

An den Herrn Cabinetsminister Grafen
von Manteufel.

Leipzig den 8. October 1745.

Vor Ew. Erc. Mitten unter den Bemühungen der wichtigsten Staasgeschäfte mit einem Werke zu erscheinen, welches sowohl bey den Verfassern, als bey der Uebersetzerin eine Frucht der Muße, und eines unbeschäftigten Lebens gewesen, ist allerdings viel gewaget. Allein Ew. Excell. haben sich ehemals auf die gnädigste Art für einen Beschützer der Wahrheit und der Musen erkläret, und da Dieselben solches auch bey den ansehnlichsten Veränderungen gewiß allezeit bleiben werden, so gewinnt mein Unternehmen ein ganz ander Ansehen, und meine Kühnheit

287 ist entschuldiget. Ich darf mir kaum schmeicheln, daß Ew. E. Dero kostbare Zeit auf die Durchblätterung dieses Werks wenden sollten; und ich bitte mir deswegen nur die Erlaubnis aus, dieses Merkmal meiner Ehrfurcht auf die äußerste Ecke ihres Schreibtisches zu legen. Ich hoffe der lobenswürdigen Neigung des Fräul. v. P. dadurch Gelegenheit zu geben, einige Ihrer Nebenstunden auf dasselbe zu verwenden. Ihr schon frühzeitig geläuterter Witz, wird aus so vielen Materien, die in diesem Werke vorkommen, diejenigen am besten ausfindig zu machen wissen, die E. E. am angenehmsten seyn möchten, und die natürliche Anmuth Ihres mündlichen Vortrags, wird meiner Schreibart die Schönheit ertheilen, die ich ihr nicht zu geben gewußt habe. Auf diese Weise wünsche ich, daß meine Arbeit E. E. bekannt werde, hauptsächlich der Vorrede wegen. Ich möchte gerne, daß E. E. die menschliche Schwachheit, die ich darinnen begangen, mit gütigen Augen ansähen. Ich habe

288 mich nicht enthalten können, den ungesitteten Vorredner der Königschen Gedichte, (er heiße nun Rost oder Liscov) ganz kurz zu sagen, daß ich sein Verfahren gegen mich, so wie ihn selbst verachte. Dieses habe ich darum gethan, damit die Welt sich nicht wundere, wenn ich ihm auf alle Thorheiten, die er künftig wider mich noch vornehmen könnte, nicht ein Wort antworten werde. Diese geringe Rache habe ich meiner Ehre schuldig zu seyn erachtet. Sie wird mich hinlänglich befriedigen, wenn sie E. E. nicht mißbilligen.

Mein Freund, der E. E. seine unwandelbare Ehrfurcht versichert, hat sich bey der letzten Zusammenkunft der Collegiaten so bezeiget, wie es E. E. begehret, und wie es die Pflichten eines treuen Clienten erfordern. Er hat sich allerdings wider einige Feinde gemacht, allein es ist nicht das erstemal, daß er aus Eifer gegen Dero Befehle sich darüber hinaussetzet. Die ganze Akademie beneidet dem Professor W.

289 den mächtigen und ganz außerordentlich seltenen Beystand, welchen er in dieser Sache bey den Großen findet. Ich beneide nicht ihn, sondern seine Frau. Es muß ein großes Vergnügen seyn, einen Gatten zu haben, dessen Verdienste um das gemeine Wesen, wider alle Anfälle so gewaltig beschützet werden, und ich wüßte sehr wohl, wem ich ein gleiches Glück wünschte, wenn nicht schon seit langer Zeit die billigsten Wünsche auch die fruchtlosesten wären. Ich würde noch mehr sagen, wenn ich nicht an E. E. zu schreiben die Ehre hätte, die ein gar zu genauer Kenner der menschlichen Gemüther sind, und also die Empfindungen des Herzens einer Person einsehen werden, die sich in solchen Umständen, wie ich, befindet. Seit zwey Jahren ist nunmehro meine philosophische Gelassenheit fast erschöpfet. E. E. kennen auch die Bosheit der Gegner meines Freundes, und seine Unschuld, (da er sich L. Haß blos auf höhern Befehl zugezogen) gar zu wohl, als

290 daß Dieselben mir diesen Ausbruch meines geheimen Grams verdenken sollten.
Es würde dieser Aufseher nicht in einem so schlechten Kleide sich E. E. darstellen, wenn die überhäuften Meßarbeiten die Buchbinder nicht verhindert hätten, ihm ein besseres zu verfertigen. Ich wollte meinen Endzweck erreichen E. E. dieses Werk zuerst vor Augen zu legen, ich bitte für den Aufseher um Verzeihung, und bin mit der tiefsten Ehrfurcht

E. E.

Gottsched.

291

Vier und achtzigster Brief.

An eben Denselben.
Leipzig den 29. Oct. 1745.

Je weniger mein Aufseher die Gnade verdienet hat, womit ihn E. E. aufgenommen, desto ehrfurchtsvoller und eifriger ist der Dank, welchen ich Ihnen dafür schuldig bin. Hätte ich mir bey denen Staatsgeschäften, womit E. E. überhäufet sind, den für meine Uebersetzung so vortheilhaften müßigen Abend voraus vermuthen können; so würde ich mir die Freyheit genommen haben, einige Stücke besonders auszuzeichnen, die vielleicht E. E. Aufmerksamkeit vorzüglich verdienen. Doch vielleicht hat der gut Geschmack der Fräul. v. Putkammer diesem Mangel abgeholfen. Diese junge Muse würde mich gar zu stolz machen, wenn ich ein Merkmal erhielte, daß sie mitten unter der

292 Pracht, und den Ergötzungen des Hoflebens, sich noch einer entfernten Pedantin erinnerte.

Dürfte ich E. E. im vollkommenen Vertrauen auf Ihre Gnade, uns eine abermalige Probe davon zu geben, bitten; so wäre es diese: daß E. E. bey Gelegenheit der Fürstin L. versichern möchten, daß Dieselbe Ihren jungen Prinzen in die Hände eines redlichen Mannes geliefert hätte, der sich eine wahre Freude daraus machte, der studierenden Jugend nach allen Kräften zu dienen. E. E. haben ihm dieses Zeugnis der Wahrheit schon oft aus eigener Bewegnis gegeben; und wie eifrig wird sich mein Freund an gelegen seyn lassen, dieser vielfältigen Empfehlung sich immer würdiger zu machen. Ich werde mit vollkommenster Ehrerbietung lebenslang beharren

E. E.

Gottsched.

293

Fünf und achtzigster Brief.

An eben Denselben.
Leipzig den 3. Nov. 1745.
Nicht nur die gnädige Aufnahme meiner leßten Bitte, sondern auch die schleunige Erfüllung unsers Wunsches, verbinden mich E. E. meine vollkommenste Erkenntlichkeit zu bezeugen. Zugleich wird mein Freund sich selbst von dem Verdachte zu befreyen suchen, den man auf ihn hat bringen wollen. Es kann niemand mehr, als E. E. bekannt seyn, wie wenig mein Freund zur Zahl der Proselytenmacher gehöre. Dieses Angeben komme nun aus Bosheit oder aus Unwissenheit her, so macht es seinem Urheber sehr schlechte Ehre, der Ungrund wird sich zeigen.

Ich bein beschämt, daß E. E. meinem Aufseher noch einige Stunden zugetheilt haben.

294 Auf Dero Befehl nehme ich mir die Freyheit zu melden, daß das 3. 4. 27. 39. 52. 55. 70. 83. 89. 93. 115. 119. 122. und 170. Stück der Aufmerksamkeit eines großen Staatsmanns und Beschützers der Wahrheit nicht unwürdig seyn möchten: Die meisten davon sind Arbeiten des großen Staatssecretairs Addison, und im französischen Mentor ausgelassen worden.

Es ist ganz neulich eine Theodicee zum Vorschein gekommen, zu der man wohl sagen möchte: aut nomen aut mores muts. Es ist eine nichtsbedeutende Schrift; und die bündigsten Gründe, womit der Verfasser den Herrn v. Leibnitz übertreffen will, sind alle aus einer gewissen Disputation genommen, mit welcher sich der Verfertiger derselben so lächerlich gemacht hat.

Die übersetzte Predigt ist richtig in die bestimmten Hände gekommen. Beykommendes Danksagungsschreiben für die Alethophilische Schaumünze, hat der Hofprediger I . . . an

295 meinen Freund zu bestellen übersandt. Er ist sehr begierig zu wissen, wer doch der Uebersetzer seiner Predigt gewesen seyn mag? Indessen giebt er demselben das Lob, daß er durch die Uebersetzung die Predigt noch verschönert habe; so weit sich solches, ohne vom Original abzuweichen, hätte thun lassen. Diesen lauten Beyfall werden E. E. also, aus einem die Wahrheit liebenden Munde annehmen und statt aller Lobeserhebungen gelten lassen, die so oft dem Range, oder der Geburt, oder aus andern Absichten ertheilet werden, und gemeiniglich den Verdacht einer Schmeicheley auf sich haben.

Ich werde nie aufhören mit der tiefsten Ehrerbietung zu seyn etc.
Gottsched.

 

296

Sechs und achtzigster Brief.

An eben Denselben.

Leipzig den 7. April 1746.

Daß E. E. ein Exemplar Dero ausnehmend schönen Uebersetzung der Jerusalemischen Predigten, für mich gnädigst bestimmt, habe ich erst vor wenig Tagen erfahren. Die unverdiente Ehre, die E. E. hierbey meiner Uebersetzung des Guardian’s erzeiget, hätte schon längst meinem gehorsamsten Dank verdienet; allein ich bin meinem Geiste und Körper nach, seit einiger Zeit in so verdrüßlichen Umständen gewesen, daß ich mich nicht getrauet etwas aufzusetzen, das würdig gewesen wäre vor die Augen eines so erleuchten Kenners schöner Ausdrücke zu kommen.

Was wäre wohl zum Aufnehmen der Wahrheit, der Religion, und zur Ehre der Gelehrsamkeit

297 in Sachsen, jetzt bessers zu wünschen, als daß die erledigte Stelle eines Hofpredigers, mit dem Verfasser dieser herrlichen Predigten ersetzet würde? Seine Verdienste um die deutsche Wohlredenheit, sind durch E. E. Bemühung in ein so helles Licht gesetzet worden, daß er bereits durch seine Predigten allen Großen bekannt ist. Er ist über dieses von ansehnlicher Person und guten Sitten, und überhaupt ein Mann, der sich sehr wohl an dem Hof schickt, und mit Beyfall schon einige Zeit daselbst gelebet hat. Wie viel würden Kirchen, hohe Schulen und die Philosophie, in Sachsen nicht gewinnen, wenn wir ihn zum Hohenpriester bekämen? Vielleicht ist es eben jetzt der rechte Zeitpunct gewesen, daß E. E. seine Reden bekannt gemacht. Aus reiner Absicht, und als ein Mitglied der Alethophilischen Gesellschaft, habe ich für die Aufnahme der Wahrheit, diese Gedanken E. E. eröffnen wollen. Ich bin mit aller Ehrfurcht
Gottsched.

298
 

Sieben und achtzigster Brief.

An eben Denselben.

Leipzig im April 1746.

E. E. mit diesen Zeilen aufzuwarten, verbindet mich ein feines Meisterstück meines geistlichen Wohlthäters Herrn D. K. in W. welcher mich vor einigen Jahren aus gerechtem Eifer über den Verfasser des Horazianischen Zurufs an alle Wolfianer etc. mit seinem theologischen Fluche beleget hat. Ich habe bisher diesen neuen Chrysostomus, nur nach seiner Stärke und Eifer im orthodoxen Strafamte, zu kennen die Ehre gehabt; bis ich in beyliegender Probe, auch das ihm verliehene Pfund im Segnen kennen gelernt. Ich sehe daraus, daß derjenige eben nicht viel einbüßet, wem er dieses Gut versaget. Das immerwährende Andenken, darinnen E. E. bey allen Liebhabern der wahren

299 Beredsamkeit, als ein eifriger Beförderer und würdiger Kenner derselben stehen, hat mich bewogen, dieses Meisterstück Ihnen vor Augen zu legen, und E. E. bis in den Sitz der Staatsklugheit, wo die Schicksale ganzer Völker erwogen und bestimmt werden mit dem unreifen Gedanken dieses geistlichen Redners zu verfolgen. Eines Mannes, der sich alle ersinnliche Mühe giebt, daß Omen und Nomen bey ihm nicht einerley sey. Der schon hundert dankvolle Seufzer verschwendet hat, daß ihm sein seeliges Geschick des Unglücks überhoben, eben so zu reden wie der blinde Heide Cicero ; oder der vom calvinischen Irrthumsgifte angesteckte Saurin; oder Werenfels; oder endlich die neuere Quelle alles Seelenkummers der Orthodoxen, unser unsterblicher Reinbeck. Vielleicht hat er das Glück E. E. nach Dero wichtigen Geschäften

300 ein paar vergnügte Augenblicke zu machen. Eine Ehre, die ihm weit bessere Schriftsteller misgönnen werden, welches mir aber Gelegenheit giebt, nicht zu bereuen, E. E. mit dieser Schrift einige Augenblicke geraubet zu haben. Ich bin etc.
Gottsched.

 

Acht und achtzigster Brief.

An eben Denselben.

Leipzig 1746.

Eu. Excellenz verlangen den Aufsatz zu lesen, welchen ich über die wahre Ehre entworfen? Ich kann solchen vor keinen bessern Richterstuhl niederlegen, und erwarte E. E. Urtheil darüber; ich werde mich glücklich schätzen, wenn meine Arbeit des Beyfalls eines so erleuchteten kenners nicht ganz unwerth seyn wird.

301

Von der wahren Ehre.
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Wird Cato auch erschreckt
Um daß Vatinius, der Abschaum aller Thoren,
Zum Bürgermeister Amt vor ihm wird auserkohren, Und sitzet oben an?
Opitz.

Die Ehre ist allemal ein Endzweck edler Seelen gewesen, und die Begierde nach Ruhm, ist die fruchtbare Quelle, der wir die größten Thaten der Sterblichen zu verdanken haben. Nichts ist natürlicher, als daß wir bey allen unsern Handlungen zuvor den Vortheil erwägen, den sie uns zuziehen können.

Die Ehre ist unstreitig ein Trieb, welcher nur erhabne und große Seelen reitzen kann, bloß in Absehen auf dieselbe, und ohne allen fernern Gewinn, schwere und wichtige Sachen zu unternehmen. Niemand argwöhne, daß ich hier von

302 thörichten und unvernünftigen Leuten rede, die weder einen rechten Begriff von der wahren Ehre haben, noch die Mittel kennen, welche man zu deren Erlangung anwenden muß. Nein, ich rede von Leuten, welche Verstand und Klugheit genug besitzen, das wahre vom falschen, und diejenige Ehre, welche sich auf die unstreitige Tugend gründet, von dem falschen Glanze zu unterscheiden, den die Schmeicheley oder das blinde Glück manchen Personen ertheilt. Der gleichen Leute sind in meinen Augen ganz bewunderswerth. Der Trieb, welcher sie zum Guten führet, ist einer der edelsten und uneigennützigsten, denn was ist billiger, als daß Ruhm und Ehre der Tugend auf dem Fuße folgen? Und was ist unsträflicher, als daß man die Tugend auch um dieser ihrer angenehmen Folgen liebe? Da uns indessen die tägliche Erfahrung lehret, daß die Umstände der Zeit, die Gemüthsbeschaffenheit unserer Mitbürger, und auch die Fügung des höchsten Wesens, aus

303 weisen Absichten, der Tugend oftmal das ihr gebührende Lob versagen; da es uns fast keinen Tag unsers Lebens an Beyspielen einer unterdrückten Tugend, und geschmäheter Verdienste fehlet; da die Liebe zum Guten aber, und die Ausübung der Tugend, gleichwohl nothwendig sind: so muß man auch bey der Begierde nach Ruhm sehr behutsam seyn. Es ist zwar gut die Vortheile zu lieben, die aus der Tugend zu entspringen pflegen; es ist aber noch viel besser, wenn man sie bloß um ihr selbst willen liebet. Die innere Vortreflichkeit der Tugend, und ihr selbst eigener Werth, überwiegt noch weit alle Ehre, die uns jemals aus ihr entstehen kann. Die Begierde nach Ruhm muß uns also nur zu einer Wegweiserin dienen, durch deren Beyhülfe wir zur Tugend gelangen; niemals aber muß sie die Hauptabsicht unserer Handlungen werden. Wir müssen uns in gewissen Fällen zufrieden stellen, wenn wir gleich durch unsere Tugend keine Ehre erlangen; wenn gleich unser

304 guter Wille mit ungegründetem Verdachte, unser patriotisches Bestreben mit Leichtsinnigkeit, und alle unsere Verdienste um das gemeine Wesen mit Undank belohnet werden. In diesen Fällen müssen wir der Tugend ihr Recht wiederfahren lassen, und zugestehen, daß sie uns, auch bloß durch sich selbst völlig glücklich macht.

Auf diese Betrachtungen ward ich gestern geleitet, da ich einen Besuch bey einer meiner Freundinnen abgestattet hatte. Ihr Sohn, der vor wenig Tagen von seinen Reisen zurücke gekommen war, hatte genug zu thun einem jeden von den Anwesenden, seine Fragen über alles was er gesehen zu beantworten. Unter andern beschrieb er uns die berühmte Bildsäule des Erasmus inRotterdam. Alle waren der Meynung, daß dieselbe der Stadt nicht weniger Ehre bringe, als diesem großen Gelehrten. Dergleichen Denkmäler der Dankbarkeit ehren allemal denjenigen, der sie aufrichtet, eben so sehr, als den, dem zu Ehren sie aufgestellet,

305 worden. Vielleicht würde man mehrere Muster außerordentlicher Vorzüge unter uns sehen, wenn nicht dergleichen öffentliche Belohnungen der Tugend in neuern Zeiten, so sehr in Verfall und Abnahme gerathen wären. Nichts war natürlicher, als daß die Gesellschaft sich bey dieser Gelegenheit des größten deutschen Weltweisen, des Freyherrn von Leibnitz erinnerte, und sich einstimmig verwunderte, daß dessen Vaterstadt sich gegen seinen unsterblichen Namen nicht eben so dankbar bewiesen hätte; da gewiß in den Augen aller Verehrer wahrer Verdienste, Leipzig nicht weniger Ehre von diesem seinen vortreflichen Sohne hat, als von allen seinen übrigen Vorzügen. Der jüngst zurückgekommene Sohn des Hauses, nahm sich, ich weiß nicht aus was für Ursachen, in diesem Stücke der Stadt Leipzig an. Er meynte Leibnitzens Ruhm stünde fester, als daß er Steine und Metall zu seiner Verewigung brauche. Einem Mann, dem die gegenwärtigen

306 und zukünftigen Zeiten, das Licht, was sie erleuchtet, ganz allein zu danken hätten, der würde ohne alle Ehrensäulen niemals vergessen werden, solange noch Künste und Wissenschaften in einigem Flore bleiben. Der bekannte sinnreiche Einfall eines solchen öffentlichen Undanks ward nicht vergessen; daß es nämlich rühmlicher sey, wenn man fraget: Warum einem großen Manne keine Ehrensäule gesetzet werde? als die Frage: Warum ihm eine sey gesetzet worden?

Bey dieser Vertheidigung hatte er nun zwar nicht alle Stimmen auf seiner Seite, und man fand vieles darwider einzuwenden. Calliste, die mit mir war, und gerne, wenn es sich thun läßt, das Gespräch auf einen festen Saß lenket, brachte die Frage vor: Ob es angenehmer sey eine Ehre zu verdienen, die man nicht erhält? oder eine Ehre zu erlangen, die man nicht verdiene? So ausgemacht dieser Satz bey allen Tugendhaften von rechtswegen seyn

307 sollte: so vielen Bejahungen und Widersprüchen war er hier gleichwohl unterworfen. In langer Zeit habe ich kein Gespräch so lebhaft und mit einem so partheyischen Eifer fortsetzen hören. Da wir nun lauter vertraute Freunde unter einander waren, so sagte auch ein jeder die unverstellte Meynung seines Herzens; und eben daher kam es, daß nach einem zweystündigen Gefechte, der Streit noch nicht entschieden war, und keiner von beyden Theilen sich des Sieges rühmen konnte. Diese Materie scheint mir der Mühe werth zu seyn, daß man sie etwas näher untersuche, und ich werde meine Gedanken darüber ausdrücken.

Die Zufriedenheit des Gemüths ist ohne allen Streit ein wesentliches Stück unserer irrdischen Glückseligkeit; und dieser Satz ist in der Natur unserer Seele selbst gegründet. Es giebt kein Vergnügen in der Welt, das uns nicht zur Last fallen sollte, wofern wir es für kein Vergnügen halten. Einer hält sich bey der Feder, der andere

308 bey dem Degen für glücklich. Cajus liebt das Hofleben, Sempronius die Stadt, und Titus das Land. Chloris ist gern auf dem Tanzplatze, Sylvia in ihrem Zimmer, und Chloe kann ohne ihre Laute nicht vergnügt seyn. Diese alle schätzen sich glücklich; diese alle würden sich für die mühseligsten Personen des Erdkreißes halten, wenn man ihre Glückseligkeiten vertauschen, die Sylvia zum Tanze, die Chloris zur Musik, den Titus zum Hofleben, den Cajus zum Landleben zwingen wollte. Wir müssen also nicht nur glücklich seyn; das heißt, wir müssen nicht nur in einem Zustande leben, den hundert andre Menschen für beglückt halten würden; sondern wir selbst müssen uns auch beglückt schätzen, wofern wir bey unsern Umständen einer wahren Gemüthsruhe und Zufriedenheit genießen wollen. Noch nie haben die größten Ergötzungen dieser Erden, die Kraft gehabt ein unruhiges Gemüth zu besänftigen. Die heimlichen und unverstellten

309 Vorwürfe unsers Gewissens, wissen sich durch Stand, Vermögen, ja durch unsre Leidenschaften selbst, einen Weg zu bahnen; und wenn uns gleich das Urtheil der Leute, unsere Eigenliebe, und andere Umstände eine Zeitlang verblenden; so vergiebt doch unser Gewissen nichts von seinem Vorrechte. Es fängt dereinst an, mit uns die Sprache der Wahrheit zu reden, und diese ist oftmals um desto lauter und furchtbarer, je länger wir schon im Irrthum gesteckt haben, und je tiefer wir in einem Labyrinthe irren, dessen Ausgang uns je länger, je schwerer wird. Ein ruhiges Gewissen ist also das höchste Glück, und diejenige Ehre, die mit dieser Ruhe am besten bestehen kann, wird ohne allem Zweifel für uns die angenehmste und vortheilhafteste seyn.

Das gute Urtheil, welches die Welt von unsern Thaten fället, wird insgemein unter den Namen der Ehre verstanden. Dieses nun erlangen wir gemeiniglich, theils durch allgemeine

310 und besondere Lobsprüche, theils durch wirkliche Belohnungen. Keines von beyden aber, kann uns in ein wahres Vergnügen setzen, solange wir noch einen Richter in unserm Herzen tragen, der uns beständig unsere Unwürdigkeit vorrücket. Wir wissen, daß die Anzahl der Klugen und Verständigen zu allen Zeiten die kleinste gewesen ist. Die wenigsten Menschen sind vermögend, die innere Natur des Guten und diejenigen Handlungen zu unterscheiden, die aus einer wahren Tugend entspringen. Daher ist auch nichts unsicherers als ihre Beyfall. Furcht, Unverstand, Schmeicheley, und hundert andere Umstände sind nur gar zu oft die Quellen des allgemeinen Beyfalls. Diese oder jene That wird bis an den Himmel erhoben, weil man albern genug ist, sie von einer vortreflichen Tugend herzuleiten; da doch wohl ein ungefährer Zufall, oder gar ein Laster die Mutter derselben ist. Jenen Mann vergleicht man mit den größten Helden des Alterthums:

311 Warum? Weil er aus einem Hause entsprossen ist, dem nach den feinen Sitten der neuern Zeiten kein gemeinerer Name beygeleget werden darf. Einer wird gerühmet, weil sein großes Vermögen nicht Vielen geholfen hat; sondern weil es Vielen helfen könnte. Ein anderer wird erhoben, weil sein großes Ansehen, denen die ihn nicht vergöttern, zu schaden pflegt, u. s. w. So unsicher ist es also mit dem allgemeinen Beyfalle beschaffen, mit dem Beyfalle, von dem schon einer der vortreflichsten alten Schriftsteller sagt: Daß er gerade anzeige, eine Sache tauge nichts. Kann nun wohl eine solche Ehre unser Gemüth in Ruhe setzen? Wird unser Herz sich an einem unverdienten Ruhm gnügen lassen? Nimmermehr! Wir wollen aus dem Beyspiele desJulius Cäsar sehen, wie wenig auch der eitelste Mensch mit einem allgemeinen Lobe zufrieden sey, wenn sein Gewissen ihn überzeuget, daß er es nicht verdiene.

312 Keiner von allen Römern ist wohl jemals der Ehrsucht mehr ergeben gewesen, als Julius Cäsar. Die Liebe zum Vaterlande, zur Freyheit, zu seinen Mitbrüdern, ja gar zu seinem eigenen Leben hat er dieser gewaltigen Leidenschaft aufgeopfert, sogar daß er auch vergaß, daß er ein Römer war, und ein Wütrich seiner eigenen Mitbürger wurde, die doch nichts schlechter waren als er selbst. Sollte nun dieser Mensch nicht vollkommen zufrieden gewesen seyn, als er seinen Zweck erlangte? Sollte der allgemeine Beyfall, den er mit so großer Begierde gesucht hatte, ihn nicht befriedigen, gesetzt daß er von seiner Unwürdigkeit innerlich überzeuget wäre? Wir wollen bald das Gegentheil sehen, wenn wir ihn auf der Stelle betrachten, wo ihm an dem Tage seines Todes der gottlose Antonius die Krone aufseßte. Cäsar bemerkte die mürrische Stille des ganzen Volks. Der Unwillen freygebohrner Seelen bey dem Anblick eines Königs, blieb ihm nicht verborgen.

313 Er legte also aus verstellter Großmuth die Krone wieder ab. Sogleich entstunden tausend freudige Zuruffe. Man lobte ihn einhällig, und mit lauten Stimmen. Hat nun dieser Beyfall ihn zufrieden gestellet? Hat ihn dieses, obgleich unverdiente Lob, ergötzet? Keinesweges. Cäsar ergrimmte über einen Ruhm, wozu sein Gewissen ihn für unwürdig erklärte. Er entrüstete sich sehr, daß ihm das Volk eine Großmuth zuschrieb, die ihm nie in den Sinn gekommen war. Als nach abermaliger Aufsetzung der Krone, das Volk ebenfalls stille schwieg, und bey der zweyten Ablegung derselben, ein noch stärkeres Freudengeschrey, als das vorige entstand: So ergrimmte dieser Ehrsüchtige auf das äuserste, und alle seine Verstellungskunst, darinnen er es in seinem Leben so hoch gebracht hatte, konnte ihm diesesmal die Wuth seiner Seelen nicht verbergen helfen.

Gesetzt auch, daß es dem Cäsar gelungen wäre; gesetzt das römische Volk hätte sich

314 aus Liebe zu ihm, und in der Zuversicht, daß er die oberste und unumschränkte Gewalt nicht mißbrauchen würde, gefallen lassen, ihn zum Könige anzunehmen: Wie lange würde seine Verstellung gedauert haben? Wie bald hätte sich seine Herrschsucht und sein Ehrgeitz nicht verrathen? Wie bald würden seine wahren Absichten sich entdeckt, und das ihm unverdient erbaute Ehrenmaal wieder eingerissen haben?

So und nicht anders gehet es mit einer jeden Ehre, die uns ohne unser Verdienst zu Theile wird. Wie können wir doch nur einen Augenblick bey solchen falschen Schimmer zufrieden seyn? Die Wahrheit behält ihr ewiges Recht! Sie kömmt endlich an den Tag; und die größten Meister in der Verstellungskunst, haben es doch dahin nicht bringen können, daß sie die künftigen Zeiten mit ihren künstlichen Larven betrogen hätten. Alsdenn aber, wofern es nicht eher geschiehet, rächen die Enkel ihre Vorältern; sie reißen mit rächerischen Händen die

315 Ehrenzeichen von den Grüften solcher Feinde des menschlichen Geschlechts, und nennen sie und ihre Thaten der Nachwelt bey dem rechten Namen. Verdruß, Furcht, Unruhe, Scham und Zorn, sind also die Folgen und Begleiter einer Ehre, die wir nicht verdienen: und da sie unser Gemüth in Unruhe seßen, wie können sie unsre Glückseligkeit befördern?

Wir wollen hingegen einen gerechten Aristides betrachten, den sein undankbares Vaterland ins Elend verweiset. Wie ruhig verläßt er nicht die Thore einer Stadt, die ihm die verdiente Ehre nicht erweiset. Er hatte stets für ihr Bestes gesorget. Er hatte ihren Flor seinem eigenen Wohl vorgezogen. Aus ihrem Sohne war er ihr Vater und Versorger geworden. Er hatte sie bereichert und war arm geblieben; er hatte sie zu Ehren erhoben und ward verachtet; er liebte sein Vaterland und jederman haßte ihn. Er beschützte die Nothleidenden, und man verfolgte ihn. Da er seine

316 Vaterstadt zu einer der glückseligsten und angenehmsten Wohnungen gemacht hatte, so verweiset man ihn ins Elend. Er geht auch: aber wie? ist er traurig? ist er verzagt? ist er trostlos? vergießt er Thränen, daß ihm das Volk keine Ehrenseulen seßet? ringet er die Hände, daß sich die Seinigen, so wie er gethan, bloß durch die Tugend allein werden forthelffen müssen? beklagt er sich, daß sein Name möchte vergessen werden, und nicht auf den Lippen der Schmeichler schweben? O nein! Aristides geht ganz unbekümmert von dannen; ich sage mehr: er geht vielleicht ruhiger und unbekümmerter davon, als er zuvor in Athen gelebt hatte. So standhaft blieb er in diesem Unglücke, welches er mit weisen Augen betrachtete. Gerechter Aristides! wie ist das zugegengen? Ach! dein gutes Gewissen gieng mit dir. Dieses versicherte dich, daß du alle die Ehrenbeziegungen verdienet hättest, die dir das undankbare Griechenland versagte; daß alle deine

317 Lästerer dich nicht strafbar machen konnten, da du dir eines bessern bewußt warest; und daß du in dem Elende, wohin dich ein ruhiges Gemüth, ein unsträfliches Herz, und das Andenken deiner edlen Thaten begleiteten, nicht elend seyn konntest.
Man erblicket allerdings das menschliche Geschlecht auf einer sehr häßlichen Seite, wenn man es nach seiner Neigung betrachtet, wie oft es pfleget Wohlthaten mit Undank zu belohnen, und die durch wahre Verdienste errichteten Ehrenmäler mit neidischen oder boshaften Händen einzureißen. Indessen können alle Menschen, die nur ihrer innern Tugend gewiß versichert sind, ungezweifelt glauben, daß es nicht in der Lästerer Macht stehe, die Würde eines weisen und rechtschaffenen Mannes zu beschmitzen.

- - - - Der todtenbleiche Neid
Kömmt nur bis an das Grab, thut keinem weiter Leid,

318

So viel von Lügen auch durch falsche Lästerzungen
Der Sachen Billigkeit kann werden aufgedrungen,
Hat mißlichen Bestand, bleibt in die Länge nicht.
Die bloße Wahrheit dringt doch endlich an das Licht;
Reißt durch der Bosheit Dampf, gleichwie der Sonnenwagen
Durch aller Wolken Dunst pflegt unverletzt zu jagen,
Und treibt den Nebel fort, wie sehr man sie versteckt,
So bleibt sie von der Zeit doch nicht unaufgedeckt.
Die nach uns kommen wird, die nichts weiß von Schmarotzen,
Die nicht bestochen wird, die weder Gunst noch Trotzen
Betreugt, und wiederum betrogen werden kann.

319

Da wird der ganzen Welt ohn allem Scheu verkündet
Was sunst vertuschet wird: die Fackel angezündet,
Die klärlich offenbart, was beydes schlimm und gut
Gehandelt worden ist, die keinem Unrecht thut.
Opiz.

Freylich haßt ein Narr den Weisen, und ein Schwelger einen mäßigen Mann. Der Rechtschaffene und Tugendhafte geht deswegen seinen Gang immer fort, und strahlet wie die Sonne am Firmamente; die sich in ihrem Laufe durch nichts irre machen läßt, die Sonne, die mit ihren Wohlthaten nicht aufhöret, auch sogar gegen diejenigen fortzufahren, die sich hiernieden den Kopf zerbrechen, ob sie nicht die Hölle, und der Wohnplatz der bösen Geister sey. Ein Lästerer aber wird ewig gehaßt, und geschiehet es auch, daß er um große Leute gedultet

320 wird, so geschiehet es mehr um seine Satyren zu hören, als aus Achtung für seine Person. Man liebet den Witz der Spöttereyen, und hasset und fürchtet den Spötter.

Oft finden sich Gelegenheiten, daß man alles Gute, was die Leute von einem sagen können, gerne aufopferte, daß sie nur nichts Uebels sagen möchten. Da nun aber die Welt sich nicht ändern wird, da sie gewohnt ist den Verdiensten die Gerechtigkeit zu versagen, und Ehre und Ruhm nach Vorurtheilen, und sehr partheyisch auszutheilen; so ist der beste Rath, daß ein jeder sich der erstern um ihrer selbst willen befleißige, und in Absicht auf die letztere, lieber wünsche mit dem gerechten Aristides verachtet, als mit dem Cäsar vergöttert zu werden; daß jeder lieber eine Ehre zu verdienen trachte, ob er solche gleich nicht erhält, als nach einem Ruhme streben, den er nicht verdienet. Wem dieses zu hart vorkömmt, der kehre nur die

321 Frage um, und prüfe sich, ob er lieber eine Schmach ertragen wolle, die er nicht verdienet: oder ob er aller bösen Handlung schuldig und aller Schande werth seyn wolle, und derselben auf eine Zeitlang entgehen? Ich halte die allermeisten von meinen Lesern für viel zu tugendhaft, als daß sie hier einen Augenblick bey ihrer Wahl zweifelhaft, oder unschlüßig seyn werden.
Phyllis.

322
 

Neun und achtzigster Brief.

1748.

Hochgeehrtester Herr,

Eu. H. haben vor gut befunden, in den Erfurtischen Abendstunden einen Brief an mich einzurücken, in welchem Sie mich zur Beurtheilung Ihrer orthographischen Regeln auffordern. Ich kann nicht begreifen, was Sie zu diesem Entschlusse bewogen hat. Unter so mancherley Gestalten ich auch der Welt durch, oder ohne mein Verschulden, bekannt seyn mag: so ist es so viel ich weiß, doch niemals unter einer grammatikalischen geschehen. Es ist, deucht mich, genug, wenn ein Frauenzimmer, das, was sie schreibt, richtig zu buchstabiren weis: und ich habe oft mit Betrübniß gesehen, daß der Himmel diese Gabe, so wenig allen Dero Mitbrüdern, als allen meinen Mitschwestern ertheilet

323 hat. Allein von einem Frauenzimmer Rechenschaft ihrer Rechtschreibung zu fordern: ja sie so gar zur Richterin einer neuen Orthographie zu machen, das ist, nach meiner Meynung zu viel gefordert.

Ich halte es für etwas sehr schweres eine Orthographie zu schreiben; zumal jetzo, da ein jeder sich, so zu reden, eine eigene Leib- und Hausorthographie machet; und ohne, daß er eben anderer Gründe geprüfet hat, die Sache dennoch besser wissen will, als die Vorgänger; und dieses bloß um das Vergnügen zu haben, etwas neues auf die Bahne zu bringen. E. H. sehen wohl, daß ich nicht dieser Meynung bin. Eine Wissenschaft oder Kunst, sie scheine so geringe zu seyn, als sie wolle, auf feste Regeln zu setzen, das ist keine Kleinigkeit. Es ist vielmehr ein sehr wichtiges Werk im Absehen auf alle diejenigen, denen durch eine solche Vorarbeitung unsäglich viel Mühe und Ungewisheit ersparet wird. Die Rechtschreibung aber,

324 ist eine Wissenschaft, ohne die man heut zu Tage auch fast nicht einmal ein elender Scribent seyn kann.

Alles was man jetzt für Kleinigkeiten hält, ist vor Zeiten einmal groß gewesen. Wer ist Bürge dafür, daß sie nicht wieder einmal wichtig werden können? Zu König Alfreds Zeiten, war in ganz England kein Mensch, der diesen jungen Prinzen konnte buchstabiren lehren, und man muste einen eigenen Grimbald, mit großen Kosten übers Meer kommen lassen, dem man neben dem Vortrage des ABC nichts minders aufzutragen wußte, als die Regierung des Landes. Damals hatte die Barbarey die erwünschte Wirkung für die Herren Orbilios. Wenn ein Grammatikus durch ein Land zog, war es nicht anders, als wenn ein Likurg, Solon oder Numa ankäme, das ganze menschliche Geschlecht durch neue Gesetze glücklich zu machen.

325 Dem sey wie es wolle: gewissen Leuten gelingt es durch Kleinigkeiten groß zu werden. Wer weis, ob nicht auch mir dieser glückliche Weg noch offen steht; da es sonst auf keine Art recht fort will. Nur das richterliche Amt verbitte ich auf das äußerste. Mein Geschlecht und meine Fähigkeit, schließen mich davon ganz aus, und wir leben in einer Zeit, wo man keinem Ausspruche gehäßiger ist, als dem entscheidenden Machtspruche: so soll es seyn!

Eu. H. haben daher alles, was ich bey Gelegenheit Ihrer Rechtschreibung sagen werde, vor nichts anders anzusehen, als vor das, was etwa dem Vorwitze oder der Erfahrung dabey einfallen könnte. Ich werde aber nichts sagen, was ich dem allgemeinen Frieden, den ich mit der ganzen Welt zu halten wünsche, so sehr vorziehen sollte, daß ich mich in den geringsten Krieg darüber einlassen würde. In dem kleinen Pfunde, das mir der Himmel verliehen, ist nicht ein Quentgen von derjenigen

326 Halsstarrigkeit befindlich, die zur orthographischen Märtyrerkrone erfordert wird. Ich lebe in Obersachsen, und gehe alle Abende mit ruhigem Gewissen zu Bette, ungeachtet ich den ganzen Tag das s vor den Mitlauten wie ein sch ausgesprochen, und schtehlen, schterben, schprechen, schrampfen u.s.w. gesaget habe. Lebte ich in Niedersachsen, so würde ich freylich das Vergnügen der innern Ueberzeugung genießen, wenn ich das s scharf aussprechen dürfte. Allein daß ich dieses Vergnügen, auch allemal der Furcht ein Sonderling zu seyn, nachsetze, das würde ich damit beweisen, daß ich an eben dem Orte, ohne alles Bedenken mit andern auch sagen würde, der Swerdtfegerjunge hat dem Sneider ein Fenster eingesmissen und ihn einen Slingel geheißen; ungeachtet diese Aussprache gewiß falsch ist.

Was will ich nun mit allem diesen sagen? Nichts weiter, als daß ich in meinem Leben

327 mich allemal befleißigen werde so zu buchstabiren, wie ich es bey den besten Schriftstellern finde, und bey denen ich den meisten Grund ihrer Rechtschreibung zu finden glaube. Ich werde also weder den Cajus noch den Sempronius zu meinen Götzen machen; sondern in einem Worte wie jener, in einem andern wie dieser schreiben, auch wohl die Meynung beyder verlassen, wenn ich in der Rechtschreibung eines dritten mehr Grund finde.

Allein, eine Rechtschreibung für die Deutschen überhaupt zu entwerfen, würde mir nicht in den Sinn kommen; gesetzt, daß ich die allein richtige Orthographie ganz unstreitig ausgefunden hätte, und gesetzt, daß ich dieses auch so deutlich beweisen könnte, als daß 2 mal 2. 4 ist. Ich werde alle Schriften, die anders buchstabiret sind, als ich es für recht halte, mit aller Unpartheylichkeit lesen, eines gewissen Gelehrten, D. Baumgartens Werke aber, lebenslang ungelesen lassen; indem

328 seine Rechtschreibung mit seiner sonst großen Gelehrsamkeit, ein offenbarer Widerspruch ist. Jedoch werde ich deswegen diejenige Hochachtung im geringsten nicht mindern, die ich seinen Verdiensten schuldig bin.

E. H. wagen es, eine Rechtschreibung für die Deutschen zu schreiben. Sie werden erfahren, ob man selbige so gelassen annehmen wird: und damit Sie je eher je lieber einen Beweis davon erhalten mögen, so will ich mit Ihrer Erlaubnis die erste seyn, die in den allerwenigsten Stücken mit Ihnen zufrieden ist.

Bey dem ersten §. des ersten Artickels, finde ich den Satz, daß alle Niedersachsen das Hochdeutsche gleich aussprechen. Wann dieses auch wäre, so ist es darum nicht ausgemacht, daß sie es auch besser aussprechen. Vielleicht würde ein Niedersachs, der funfzehn, zwanzig und mehr Jahre in Obersachsen gelebt hat, das Hochdeutsche besser, als ein gebohrner Obersachs sprechen; daß aber diejenigen Niedersachsen,

329 die wenig oder gar nicht aus ihrem Lande gekommen, das Hochdeutsche besser, als die eingebohrnen Obersachsen, selbst aussprechen sollten, das ist ein Satz, dazu ein besonderer Glaube gehöret. Niedersachsen hat sowohl, als Oberdeutschland, in jeder Landschaft eine besondere Aussprache, wenigstens in vielen Wörtern; und es wird uns hier eben so leicht, in einer Gesellschaft bloß nach der Aussprache zu urtheilen: Der ist ein Hannoveraner, der ein Hollsteiner, dieser ein Braunschweiger, jener ein Mecklenburger, dieser ein Westphäler, jener ein Pommer u. s. w. als es ihnen allerseits anzuhören, daß sie Niedersachsen sind.

Das Ende dieses §. scheint mir dem Anfange desselben ins Gesicht zu widersprechen. Es heißt oben: Man soll so schreiben, wie man ausspricht; hier aber sagen Sie: Man soll keinen Buchstaben weglassen, der in der Aussprache auch gleich nicht gehöret wird.

330 Muß ich alsdenn nicht auch das schreiben, was ich nicht ausspreche?

Dieser Widerspruch zeiget sogleich einen Sohn, der dem Vater gleiches mit gleichem vergilt, und ihn auch Lügen strafet. Es heißt im 2ten §. Alle überflüßige Buchstaben, die im Reden nicht gehöret werden, müssen im Schreiben wegbleiben. Hierbey habe ich nur ein paar kleine Fragen zu thun: Wo bleibt die Analogie? wo die Etymologie? Wollen wir so undankbar seyn, und sie für nichts rechnen? sie, denen wir gleichwohl den Verstand der Wörter, ja oftmals wichtige Entdeckungen zu danken haben? E. H. sagen: Was man mit einem Buchstaben verrichten kann, dazu soll man nicht zween nehmen. Wie aber, wenn die Etymologie widerspricht? Wo wollen Sie Schutz wider dieselbe finden? Wenn ich z. E. hier in Leipzig täglich höre sagen, ich globe, (für ich glaube), wenn man die Kleeder, die Steene, die Beene (für Kleider, Steine,

331 Beine spricht: Sollte ich auch so schreiben? Sie wollen ferner Lam, und nicht Lamm geschrieben haben. Ich wäre es gern zufrieden, wenn nur der Pluralis auch Lämer, und nicht Lämmer hätte. Da es aber in augmento vocis (wie wir Grammatici reden,) Lammes und Lämmer hat; so muß es auch nothwendig im Nominativo singulari ein doppelt m haben. Nicht nur zur Verlängerung des Vocalis; denn die deutschen Selbstlauter sind schon an sich selbst lang, wenn kein doppelter Consonans folget, sondern nach der obigen Regel, daß ich schreiben soll, was ich in der Aussprache höre. Nun höre ich in dem Worte Lamm was anders als Lam, z. E. ein lahmes Lamm. Es kömmt auch das verdoppelte m nicht zum Zeichen des Genitivi, denn dieses ist die bloße Sylbe es; sondern weil es keinen stummen Buchstaben gewinnen kann, der nicht schon im Nominativo gewesen: Z. E. von Mann, Mannes, von Weib, Weibes, von Mensch,

332 des Menschen, von Herr des Herrn, und so mit allen sonder Ausnahme. Ganz anders ist es mit dem Worte Ambt vom alten Ambacht, welches einen Diener, oder eine Bedienung bedeutete. Hat man nun schon die Sylbe acht weglassen können, so mag das b sich auch abführen. Daß es aber deswegen wegbleiben sollte, weil der zehnte die Etymologie des Worts nicht weiß; das klingt unbarmherzig. Eben aus der Orthographie müssen die neun übrigen die rechte Sippschaft der Wörter lernen: Daß z. E. der Aermel von Arm, Aeltern von alt, der Vätter vom Vater, die Wälschen von Wallen, Wahlen, Wallonen, Wallonischen, Wällischen herkommen, das zeigt das ä an, womit man sie schreibt. In diesem Stücke zünden die alten Handschriften oft ein Licht an, daß man den Ursprung der Wörter einsieht, davon man oft gar keine Ableitung erforschen können. So findet man in alten MStis. des XIV. Jahrhunderts, das

333 Wort Becher mit dem ä geschrieben. Es kommt vom Bache, daraus man ehedem mit einem Bächer geschöpft, und wie Opitz sagt, Bach getrunken. Was in eben diesem Absatze, von den Wörtern am und an gesaget wird, daß muß ganz allein von Niedersachsen gelten: Alle Thüringer, Schlesier und Meißner sagen ahn, wie gethan, die Bahne, der Wahn. Die Schlesier sagen gar ich bihn; weil bin nur ein einfaches n hat. Kann aber muß eben darum ein doppeltes n haben, weil das a einen kurzen und scharfen Ton hat; zu geschweigen, daß können ausdrücklich eine Verdoppelung erfordert. Jedoch was suche ich eine Sache von neuem zu beweisen, die in den kritischen Beytragen 2. B. a. d. 669. S. bereits gegen allen Widerspruch gerettet ist, auch seitdem von allen Sprachkennern beobachtet worden.

Bey der vierten Nummer dieses §. erschrecke ich über einen unerhörten Fremdling,

334 der so ausländisch aussieht, daß ich fast zweifle, ob er mit zu unserer Welt gehöret. Sie merken vielleicht, daß es der Kontext ist; jedoch ich werde weiter unten, von ihm und seinen Landsleuten, ein Wort mit E. H. sprechen.

Von der 5ten Nummer gilt eben das, was von der zweyten galt. Muß man sollen, und nicht sohlen sprechen; so muß man auch soll, und nicht sol schreiben, so wie oben Lamm, und nicht Lam. Die Verlängerung verdoppelt die Consonantes nicht, und wo einerley Ursache ist, da muß auch einerley Schrift seyn. Die Tonne klingt ganz anders als die Tone.

Bey der 6ten Nummer kann allerdings aller Barden und Druiden Beyspiel, das ff im Worte auf nicht nothwendig machen. Au ist ein langer Doppellaut, und macht die Sylbe schon an sich selbst lang genug: welches meines Erachtens, die wahre Ursache ist, so hier hätte angegeben werden können.

335 Bey der 7ten Regel bitte ich mir eine Erklärung aus, von welchem Lande E. H. reden. Alle Provinzen verschlucken einen oder den andern Buchstaben. Die Herren Niedersachsen habe ich oft ganze Sylben verschlucken hören, und sie sind Ihnen ganz wohl bekommen. Aber dagegen verlängern sie auch bisweilen die Wörter mit ganzen Sylben. Z. E. ein Westphal saget für Menschen, Mensechen u. s. w.

Die Anmerkung, daß man Fra, und nicht Fraw schreiben soll, zeigt die schönen Früchte von der Folge der Aussprache. Mir kommt dieß Wort eben so vor, wie die schlesische Mahme für Muhme. Diese schreiben unfehlbar auch wie sie sprechen; aber ist es recht? Jener Bayer sagt: ich schraib wie ich sprich. Euge, belle, bene! Es fragt sich nur, ob man recht spricht? und aus welcher Landschaft man ist? Jedoch, es ist hoffentlich ein Spaß, und für mich ein Beweis, daß die werthesten Herren Niedersachsen, nicht nur Buchstaben, sondern

336 gar Vocales verschlucken; den Fra und Fraenzimmer sagt kein Obersachs auch kein Oberdeutscher.

Bey der 2ten Nummer dieses §. ist es gewiß, daß die Abkürzung Ew. von den Alten auf uns gekommen ist; nicht aber, daß diese Alten das w für ein u geschrieben. Sie brauchten es für ein u und v zugleich. So findet man in alten Handschriften, euver, Treuve. Sie sprachen es auch so aus, und von ihnen kömmt es her, daß die Engländer das w dubbel u nennen, und es auch so aussprechen. Die Anrede, Ihre Excellenz, Ihre Magnificenz, für Eure Excellenz, Eure Magnif. ist falsch; und wenn es auch alle Ober- und Niedersachsen so schrieben. Sie schreiben es aber nicht so; und ich berufe mich auf die besten Schriftsteller, in beyden Theilen unsers Deutschlandes. Die Kanzelleyen der großen Herren haben immer Eu. Liebden, Eure Gnaden, Eure Durchl. Eure Majestät, wie

337 ich selbst dergleichen Schreiben von Nieder- und Obersächsischen Höfen gesehen. Und wenn ja einige Schreiber aus Unwissenheit, oder aus übel angebrachter Höflichkeit, Ihre dafür setzen; so beweißt es doch nichts mehr, als wenn einige Niedersachsen sagen: Ich komme zu dich, oder einige Obersachsen, ich bitte Ihnen, oder ich komme zu Sie. Die dritte Person kann nicht eher die andere werden, als bis man 1. 3. 2. zählen wird. Zu geschweigen, daß das Wort Ihre bey einer Mannsperson einen Mißverstand machet; indem Ihre Majestät unstreitig der Königin Majestät bedeuten muß.

In dem 2ten §. ist die Anmerkung allerdings richtig, daß man gegenwärtig von Gegenwart, bändigen von Band, und so weiter schreiben soll: Allein wer hier die Etymologie verehret, der hätte es auch oben bey der 2ten Nummer thun sollen. Bey der Anmerkung aber, kommt schließen nicht von Schluß her,

338 und genießen nicht von Genuß; sonst müßte es schlüßen, genüßen, heißen: sondern weil es ein Verbum irregulare ist, das im Supino en hat. Diese Verba verändern die Vocales, wie alle Beyspiele zeigen. Z. E. ich spreche, ich sprach, sprich, gesprochen, der Spruch. Ich nehme, ich nahm, nimm, genommen. So auch, ich schließe, ich schloß, schleuß, geschlossen, der Schluß. Betrug ist auch nicht der Ursprung von von betrügen, sondern der Imperativus treug.

Bey dem 3ten §. ist noch ein Zweifel unbeantwortet gelassen, ob man nämlich Fürstlich oder fürstlich, Hannöverisch oder hannöverisch schreiben soll? Das letzte scheint mir den Vorzug zu verdienen, weil man ebenfalls göttlich, englisch und himmlisch als bloße Beywörter klein schreibet.
Bey dem 6ten §. versichere ich E. H. daß unser y ganz gewiß ein deutscher, und sehr nothwendiger Buchstabe, oder vielmehr Diphthongus sey: ungeachtet ich es weder ein geschwänztes

339 i, noch ein Endigungs i nennen kann. Es ist ein i und j auf einmal. So haben es die Alten gebrauchet, so finden wir es in den ältesten Manuscripten, und so brauchen es noch die Engländer und Holländer, wenn sie es wie ei aussprechen. Denn eben so, wie oben das w aus u und v zusammengesetzt war, so ist auch dieser Buchstabe aus i und j zusammengesetzt. Dieß ist leicht mit einem Exempel aus dem ältesten deutschen Dialekt, den wir noch kennen, ich meyne aus dem gothischen, zu beweisen. Wir schreiben das Wort freyen (einen Freyer) mit einem y, und das ist ganz recht. Die Ableitung des Wortes kömmt aus dem gothischen frijan, lieben, davon auch Frijond, (ein Freund oder Liebhaber) herkommt. Im 6ten Cap. des Evang. Lucä, im 27. v. heißt es: Frijod thans hatandans irvis, diligite inimicos vestros, freyet (d.i. liebet) die euch hassen. Davon ist die Göttin der Liebe Freya, ingleichen der ihr geweyhte Freytag,

340 dies Veneris hergenommen; und wir müssen also alle diese Worte mit einem Y schreiben. Das Ypsilon der Griechen hat hier nichts zu thun: und man hat unser deutsches Y nur darum dazu genommen, weil wir sonst keine andre Figur dazu hatten, man müste denn das ü dazu brauchen. An sich selbst ist es ein deutscher Buchstab, ja ein Doppellaut, der halb ein Vocal, halb ein Consonant ist, z. E. Eya klingt nicht anders, als Ei ja: und so in andern ; ob es wohl hernach bisweilen gelinder ausgesprochen worden.

Zum Beweise, daß die Alten das y wirklich an denen Orten gebrauchet, wo es die Stelle won ei vertreten sollte, will ich E. H. ein kurzes Exempel aus einer Handschrift, von der Hochfürstl. Gothaischen Bibliothek anführen; welche ich in gewisser andern Absicht, mir seit einiger Zeit bekannt machen müssen. Es ist der Friegedang oder Freydank, und die Stelle heißt so:

341

Wo ein Dorf ist one eyt
Do weiß ich daß es öde lyt
Niemand mag zu langer Zeit
Große Ere haben one Eyt etc.

Ich kann nicht läugnen, daß ich das Y für einen wahren Zierrath unserer Schriften halte. Ein Wort, das sich mit einem i schließt, das kömmt mir wie ein verächtlich kleines Städchen vor, so Tag und Nacht offen steht. Es wäre mir also leid, wenn E. H. an diesem guten Buchstaben zu einem andern Herostratus werden sollten. Doch das wird hoffentlich sobald nicht geschehen. Die besten berlinischen, hamburgischen und andere niedersächsische Schriftsteller haben es noch nicht verbannt; und das Ansehen, darinnen ihr guter Geschmack steht, ist mir Bürge wider meine Furcht.

Nunmehro komme ich an die Herren Ausländer. Mein Gott, welch ein Volk! Konsonant,

342 Kajus, Karzius, und wenn ich noch einige herbey rugen darf, Knejus, Paterkulus, Lakallus, Szipio, Zizero, Disziplin, Diskretion, konfisziren, korrigren, u. s. w. Diese und alle ihre unzähligen Mitgesellen, die man bey uns anführen will, scheinen mir verdächtige Leute zu seyn, die sich mit irgend einer heimlichen Absicht in unsere Schreibstuben einschleichen wollen. Ich habe sie ein wenig genau betrachtet, und mich dünket, sie sind Willens, das ungeübte Frauenzimmer zu überraschen. Als ich diese Wörter zum erstenmal ansah, so dachte ich bey mir selbst: Siehe, hier ist mehr denn Zesen! Ich wundere mich, wie E. H. die im Anfange Ihrer Orthographie einen so löblichen Eifer wider alle diejenigen blicken lassen, die die Reformation zu hoch treiben, und das deutsche Israel verwirren, an den ehrlichen Bruder Johann, in dem Mährchen von der Tonne nicht gedacht haben; der mit Vernichtung aller

343 Zierrathen so weit gieng, daß er sich Löcher ins Kleid riß. Ich halte es mit dem Bruder Martin, der blieb fein in der Mittelstraße. Diese Schleuse, die E. H. hier öffnen, wird unsere Muttersprache mit einer Sündfluth seltsam gestalteter Wörter überschwemmen, zu deren gedultigem Anblicke unsere Gesichtsnerven sich fast in andere Falten werden biegen müssen. Die römische Monarchie hat fast zwanzig Jahrhunderte gestanden, ihre Sprache ist, auch nach ihrem Verfalle, von den Gelehrten über die tausend Jahre geredet und geschrieben worden; und sie hat sich immer noch ohne das griechische E behelfen können. Warum wollen Sie denn jetzt dieselbe mit einem Schatz bereichern, den niemand von ihren Händen fodert? Warum wollen sie ihr ein Geschenk darbringen, dafür sie sich nicht einmal bedanken kann? Wie wäre es aber, wenn man auf diesem Wege fortgienge, und nicht nur das c, als einen lateinischen Gast in unserer Sprache, sondern

344 auch das x und ph als einen griechischen vertrieb; und folglich nicht Kontext, sondern Kontekst, Konveks, Kserkses, Ksanthus, Ksantippe, Ksenofon, Konneksion, Kruzifiks, u. s. w. schriebe? Was sagen Sie selbst zu diesem Zigeunergesindel?

Was E. H. bey der 8ten Regel setzen, das gehöret für den Sprachlehrer, und kann von dem Orthographo nicht ausgemacht werden: als welcher nicht bestimmet, wie die Wörter heißen und abgeändert werden; sondern nur bloß, wie man die einmal festgesetzten schreiben soll.

Es ist Zeit, daß ich aufhöre, oder der Buchbinder muß meinen Brief eher zu lesen bekommen, als E. H. Finden Sie meine Anmerkungen unnütze und zu weitläuftig, so sind Sie mit mir völlig einerley Meynung. Finden Sie dieselben zu vorwitzig, so belieben Sie ihr strenges Herrschaftsrecht an ihnen auszuüben, und vernichten sie solche, ehe sie das Licht der Welt

345 erblicken. Finden Sie dieselben aber erträglich, und sind Sie begierig mehrere zu lesen: so kann ich Ihnen vielleicht künftig auch über die Folgen Ihrer Orthographie meine Gedanken mittheilen.

E. H. aber fällen von diesen Blättern welches Urtheil Sie wollen, so soll mich keines abhalten allezeit zu seyn etc.
Gottsched.
 
Dieser Brief ist von der Verfasserin im Jahr 1748. geschrieben worden, ehe noch die Gottschedsche Sprachkunst das Licht der Welt erblickte, und war die Antwort auf ein Schreiben, darinnen Sie zur Richterin der Orthographie aufgefordert wurde.

346
 

Neunzigster Brief.

An den Herrn S.
Leipzig den 28. Octobr. 1748.

Hochzuehrender Herr,

Ich habe wohl gedacht, daß das poetische Feuer endlich in helle Liebesflammen ausschlagen würde, und ich habe mich nicht geirret. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück, und traue Ihrem guten Geschmack so eine gute Wahl zu, daß wir Ursache haben werden, uns über Ihr Glück zu freuen. Die Vorsicht lasse Ihre Verbindung noch in späten Jahren das Beyspiel glücklicher Ehen seyn, und gewähre Ihnen alle die angenehmen Folgen, die Sie von selbiger wünschen und hoffen.

Den Punct unsers kleinen Freundes übergehe ich jetzt mit Stillschweigen, um Ihre Vergnügen nicht zu unterbrechen. Ich werde

347 nicht eher mir Ihren Beystand erbitten, als bis meine Ermahnungen nicht mehr fruchten wollen. Aber alsdenn hoffe ich auch an Ihnen einen unpartheyischen Freund und bewährten Beystand zu finden.

Ich will die angenehme Person, in deren Gegenwart Sie dieses lesen werden, nicht länger hindern, Ihnen viel schönes zu sagen, und schlüsse also mit der Versicherung meiner wahren Hochachtung, und daß ich Ihnen ganz ergeben bin
Gottsched

 

  348

Ein und neunzigster Brief.

An eben Denselben.
1748.

Hochgeehrtester Herr,

Wie beschämen Sie mich, daß Sie mich an ein Versprechen erinnern, welches ich mir zur Schande ganz vergessen hatte. Sie finden hier also nicht allein Popens Lockenraub, sondern auch noch zwey andere ganz neue Werke, von welchen Sie die Uebersetzerin kennen, die aber der ganzen Welt unbekannt bleiben will. Ein ganzer Orden würde sich wider mich auflehnen, und ich wüßte nichts als meine Neugier vorzuschützen, die mich verleitet hat, eine Arbeit vorzunehmen, die mir

349 aufgetragen worden. Marivaur hat den Abscheu, den ich vor allen, was ein Roman heißt, so lange ich denken kann, gehabt, so weit besieget, daß ich mich überwunden, seinen Païsan parvenu zu übersetzen, und den Deutschen einen glücklich gewordenen Bauer geliefert habe. Der Verleger hat mir ein heiliges Stillschweigen versprochen, ich zweifle aber, daß es unbekannt bleiben wird. Mein Freund findet vor gut, mich keine Stunde unbeschäftiget zu lassen. Der Auftrag, auf alle seine Pergamentbände die gehörigen Titel zu schreiben, ist keine geringe Aufgabe; und ich habe deren schon eine gute Anzahl verfertiget. Jetzt habe ich den Vorsatz, eine Uebersetzung zu unternehmen, die nach meiner ganzen Neigung ist. Le Spectacle de la Nature ist das Buch, was ich den Deutschen bekannter, und allgemein zu machen wünsche. Es ist Schade, daß ein solches Werk nicht in alle Sprachen übersetzet wird. Gelehrte und Ungelehrte finden Unterricht

350 und Ergötzung darinne, und wie nützlich wäre es nicht dem Frauenzimmer, von den Werken der Natur besser unterrichtet zu werden. Ich hoffe in Berlin einen guten Verleger zu finden. Wenn nur meine Gesundheit nicht so baufällig wäre, so würde der Geist mit mehrerer Heiterkeit seinen Beruf obliegen. Vielleicht wird künftiges Jahr eine Reise ins Carlsbad unternommen. Die Aerzte sagen, daß dieser Heilbrunnen auch meine Hypochondrie heilen würde, ich wünschte es, und werde alles darzu beytragen, was zur Cur erfordert wird. Die Bewegung auf der Reise, die Zerstreuung, welche jeder neue Gegenstand verursachet, die Entfernung von vielen unangenehmen Dingen, und endlich die gute Gesellschaft, welche gemeiniglich bey Gesundbrunnen und Bädern sich versammlet, pfleget nach meiner Meynung die Genesung zu befordern. Vielleicht thut alles dieses auch bey mir die gewünschte Wirkung; ich weiß, wie viel Sie

351 Theil an meinem Befinden nehmen, und ich werde Ihnen sowohl den Entschluß melden, wenn wir unsere Reise anzutreten Willens sind, als auch den Nutzen, den meine Gesundheit davon erfahren wird. Ich wünsche Ihnen alles Glück zu Ihrem Vorhaben, und bin mit aller Hochachtung Ihnen ergeben.
Gottsched.
Ende des ersten Theils.

ZWEITER THEIL

Gottschedtitelseite2

Briefe
 

der Frau
 

Louise Adelgunde Victorie
Gottsched
 

gebohrne Kulmus.

Zweiter Theil

____________________

Mit Ehurfürstl. Sächß. gnädigster Freyheit.
______________________

Dresden, 1771.
Gedruckt mit Harpeterischen Schriften.

 


[ii]

Vorbericht.

 
Der Beyfall, mit welchem der erste Teil dieser Briefe von dem Publico aufgenommen worden, ist mir die schmeichelhafteste Belohnung für meine Bemühung gewesen. Ich habe ihn gleichsam als ein Opfer angesehen,
 

[iii] das Deutschland dem andenken meiner Freundin gebracht hat, und ich habe mit Vergnügen erfahren, daß man den Verdiensten einer Gottsched so viel Gerechtigkeit wiederfahren läßt, als man ihrem Werthe schuldig ist. Ich liefere hier den zweyten Theil ihrer Briefe, ohne weitere Empfehlung desselben. Diese würde in meinem Munde doppelt partheyisch klingen; in dem Munde der Herausgeberin, der

[iv] Freundin. -- Findet man auch in diesen Briefen nicht die originelle Schriftstellerin, die scharfsinnige Kunstrichterin, die erhabenste Dichterin in der strengsten Bedeutung dieser Vorzüge: so wird man doch die zärtliche Tochter, die tugendhafte Ehegattin, die treuste Freundin, die Christin, die Philosophin darinnen nicht verkennen. Sollten diese auch von Seiten der litterarischen Nachrichten damaliger Zeit nicht für wichtig
 
[v] genug geachtet werden: so hoffe ich doch, daß dieser und der künftige Theil, welcher in wenig Wochen folgen wird, von Kennern, als ein nützlicher Beytrag zu der kleinen Anzahl wohlgeschriebener deutscher Briefe, werden beurtheilet: und meinem Geschlechte durchgehends empfehlungswürdig gehalten werden. Unter welch einem vortheilhaften Lichte müssen diese meine Gottsched nicht den Augen derjenigen darstellen, die entweder
 

[vi] ihren Character gar nicht, oder aus nachtheiligen Urtheilen nur kannten; kurz ihre Feinde werden nun billiger denken, und ihre Leser eine Frau verehren, die sie vorhero nur bewunderten. Das hier beygefügte Vorspiel ist ein Originalstück, und ein Beweis von der Geschicklichkeit der Verfasserin, für welche die trockensten Arbeiten eben so viel reitzendes hatten, als für andre, oft für Männer, für Gelehrte, abschreckendes.

[vii] Es zeiget, in wie viele Spähren sich meine Freundin wagte; und sollte ihr Geschlecht nicht einige Nachsicht verdienen, wenn ihr nicht lauter Meisterstücke gelungen sind?
Dresden, am 6. Sept. 1771.

  [1]

Zwey und neunzigster Brief.

An Hrn. S. In E.
Leipzig den 9. May 1749.

Hochzuehreder Herr,

Dieses Schreiben bekommen Sie aus den Händen unsers Freundes M. Ich danke Ihnen, da er nunmehr in ihre Auficht zurücke geht, für das Vertrauen, so Sie bey Seinem hiesigen Aufenthalte, auch in mich gesetzt hatten. Ich bin in meinem Gewissen überzeugt, daß ich meine Pflichten gegen ihn

2 erfüllet habe. Diese Ueberzeugung beruhiget mich ganz allein, selbst alsdann, wenn der Erfolg meiner Bemühungen nicht so glücklich seyn sollte, als ich es wünsche. Ist er nicht so gesittet, als er nach einem so langen Aufenthalte allhier billig seyn sollte: so hat es nicht an Ermahnungen, sondern bloß an seinem Willen gefehlet, denselben Gehör zu geben. Wird er seine üblen Gewohnheiten, entweder gar nicht, oder mit der äußersten Mühe abschaffen, so ist dieses blos seinem unbiegsamen Eigensinne zuzuschreiben. Ernst und Scherz, Belohnungen und Strafen, ja selbst seine eigene Einsicht, daß sie lächerlich und unanständig wären, nichts konnte ihn davon abbringen. Ich habe ihn immer mit unpartheyischen Augen angesehen, und von seiner ersten Kindheit an, immer als einen Menschen betrachtet, der einmal sein Glück in der Welt selbst und durch eigene Verdienste machen soll. Eins muß ich Ihnen als seinen besten Freund noch entdecken, worauf Sie bey

3 seiner fernern Erziehung nie gnugsame Aufsicht anwenden können, wofern er sich nicht selbst unglücklich machen will. Das ist seine Neigung, von seinen besten Freunden und Wohlthätern, ja überhaupt von allen Menschen böses zu reden. Er richtet dadurch unter den besten Freunden gewaltige Händel an, zeigt sein Herz von einer üblen Seite, und macht sich selbst bey allen Menschen verhaßt.
Sie sehen wohl, daß ich Ihnen diesen unverzeyhlichen Fehler, aus keiner andern Absicht als zu Ihrer Nachricht und des jungen Herren Wohlfarth schreibe. Ich hoffe, er wird sich meiner allezeit im Besten erinnern, und wenn auch zuweilen Ernst gebrauchet worden, so ist es in der besten Absicht geschehen. Auch bey dieser Gelegenheit habe ich Ihnen Beweise meiner Freundschaft und Hochachtung geben wollen. In diesen Gesinnungen werde ich beständig verharren, Ihre ergebenste Dienerin

Gottsched.

  4

Drey und neunzigster Brief.

An das Frl. T. In N.
Regenspurg den 6. Sept. 1749.

Hochwohlgebohrnes Fräulein,

Mit noch blutendem Herzen und einer Wehmuth, die mir nur allein der Verlust meiner unschätzbarsten Freundin verursachen konnte, melde ich E. H. unsre Ankunft in dem unangenehmen Regenspurg. Ich nenne es so, weil ich hier von dem angenehmsten Orte entfernet bin, in welchem ich mein Leben stehts zuzubringen wünschte, wenn mein Verhängniß mich dieses Glücks werth hielte. Erwarten Sie hier nicht, liebstes Fräulein, die Zeugnisse meiner Dankbarkeit und Zärtlichkeit; diese hat mein Herz schon lange vorher empfunden, ehe ich noch die Hoffnung hatte, es Ihnen jemals versichern zu können, und zu jener wird meine

5 ganze Lebenszeit (wenn sie gleich länger und glückseliger wäre, als ich sie hoffen und wünschen darf) kaum zureichend seyn. Seyn Sie versichert, theureste Freundin, daß ich diejenigen Tage, so ich bey Ihnen zugebracht, für die glücklichsten meines Lebens achte. Nicht in dem gewöhnlichen Verstande, wie man diese Redensart zu brauchen pflegt, ich pflege mich derselben sehr selten und nur alsdenn zu bedienen, wenn mein Herz völlig davon überzeugt ist. Ich schmeichle mir, daß Sie nach diesem Eingange neugierig sind, die Schicksale Ihrer wandernden Freundin zu erfahren. Hier ist also mein Tagebuch!
Unsre Reise ist bis hieher beständig durch Klippen, Steine und Abgründe gegangen. Da wir die Nacht in einer elenden Herberge, die ein Posthaus heißt, zubrachten, hat mein Reisegefährte sich mit einem vortreflich gesunden Schlafe erquickt, ich aber mich mit wachenden Träumen ergötzt, und heute Mittag sind wir

6 glücklich in Regenspurg angekommen. Unser Wirth, ein sonderbarer Mann, und gelehrt wie ein ABC, sagte, er sähe lieber, daß wir bey ihm herbergten, als wenn ein Fürst bey ihm eingegkehret wäre. So gut haben es die gelehrten auf Reisen! Er hat meine Alzire gelesen, und fragte mich, ob ich des Herrn Professors rechte Gemahlin wäre? Ich erwiederte: Es sollte mir nicht lieb seyn, woferne es noch eine unrechte gäbe. Er schien damit sehr zufrieden und reichte mir mit einem besonders heitern Gesichte einen reinen Teller. Sehen Sie liebste Freundin, mit solchen Kleinigkeiten muß ich dieses Blatt füllen, weil uns nichts wichtiges begegnet ist. Die Geschichte meines Herzens auf dieser Reise, entwerfe ich Ihnen erst auf der Donau. Von hier können wir nicht eher als Sonntags früh abgehen. O! wer das in Nürnberg gewusst hätten. Mein lieber Gefährte hat schon eine kleine schwere Stunde mit mir verwegen ausstehen müssen. Allein, was soll

7 ich antworten, wenn er mich fragt, ob wir uns der Gefahr hätten aussetzen wollen acht Tage hier liegen zu bleiben? welches sehr oft geschiehet.
Leben Sie wohl meine auserwählte theureste Freundin! Die Dinte, das Papier und die Feder, alles bittet um Gnade und Nachsicht. Die Post eilet, und ich bin bis in mein Grab

Dero

ganz eigene
Gottsched.
Dieses und das folgende Schreiben ist bereits gedruckt. Ich habe aber kein Bedenken getragen, solche so hier ein einzurücken, wie sie mir die sel. Frau Gottsched zugeschickt, und wie sie in der Zeitordnung auf einander folgen. Der sel. Hr. Professor Gottsched er fuhr zu spät, daß sich noch eine verbesserte Abschrift in meinen Händen befand.

  8

Vier und neunzigster Brief.

An Fräulein Thomasius nach der Abreise aus Nürnberg.

Auf der Danau unweit Wilshofen
den 8. Sept. 1749.

Ich weine noch um Dich, du Muster edler Seelen!
Mein Auge thränet noch von Schmerz und Zärtlichkeit.
Und dieser bittre Schmerz, dies sehnsuchtsvolle Qualen
Ist noch das einzige, was mir jetzt Trost verleiht.
Ich ehre Gram und Leid in den gequälten Herzen,
Die Thränen sind mir mehr als tausend Freuden werth.
Was ich an Dir verlohr, daß kann ich nie verschmerzen,
O wie so schleunig hat, sich meine Lust verkehrt!

9
Wie sehnlich wünscht ich oft das Glücke Dich zu sehen!
Wie stark riß mich der Trieb zu Deinen Mauren hin!
Nun hab ich Dich erblickt; nun ists um mich geschehen!
Nun schwebt Dein rührend Bild mir stündlich in dem Sinn.
Ihr Spötter ächter Treu, empfindungsleere Seelen,
Die ihr den wahren Werth der Freundschaft selten schmeckt.
Vor eurem Hohne sollt ich meinen Gram verheelen,
Ihr lacht des Schmerzens nur, der meine Seele schreckt.
Doch kenntet ihr das Gut, das mir der Himmel schenket,
Dies auserlesne Herz, das mir die Freundin gab.
So lobtet ihr den Gram, den ihr zu tadeln denket:

10
Und sprächet selbst zu mir: Bewein Sie bis ins Grab.
Ein andrer Griffel mag, Dich nach Verdienst erheben.
Der bey der Nachwelt mehr als meine Feder gilt.
Ich sehe, daß der Harm, der meinen Geist umgeben,
Zwar zärtlich fühlen lehrt, doch keinen Dichter bildt.
Der Freundschaft heilig Band, das uns so fest gebunden,
Eh als Du mich gesehn, eh als ich Dich gekannt.
Das eben schlägt mir jetzt die allertiefsten Wunden,
Weil ich weit mehr an Dir, als ich gehoffet fand.
Dein ungemeines Bild will ich stets um mich haben;
Ein ewig theures Gut, wird durch kein Schicksal klein,
O Freundin! Dich gekannt und Dich umarmet haben,

11
Soll mir bis in mein Grab stets im Gedächtniß seyn.
Eilst Du bey heitrer Zeit zu Deinen Bücherschäzen,
Wo Deines Vaters Geist gedoppelt groß erscheint:
So wird sich auch mein Geist an Witz und Kunst ergötzen,
Die Dein erhabnes Herz in gleichen Maas vereint.
Die Welt verehret ihn, die Zierde seiner Zeiten,
Mir soll sein Aschenkrug beständig heilig sein:
Mich muß der stärkste Trieb zu reger Dankpflicht leiten;
Er bildete Dein Herz, und dieses Herz ist mein.
Wird Lunens Silberschein, den blauen Himmel zieren,
Betritt alsdenn Dein Fuß Dein kleines Lustrevier:
So wirst du da um Dich, auch meinen Schatten spüren
Der voll Vergnügen seufzt: Auch hier war ich bey Ihr.

12
Und wird bey dunkler Nacht, Dein Zimmer Dich umschließen,
Wo, was Du denkst und schreibst, viel Kluge neidisch macht,
So werd ich bey Dir seyn, und mich erinnern müssen.
Hier wünscht ich Freundin Dir, die letzte gute Nacht.
Gehab Dich ewig wohl, Du Kleinod edler Seelen:
Gieb keinen Zweifel statt, mein Herz bleibe ewig Dein.
Wer so vortreflich wählt, der kann nur einmal wählen;
Und Deine Freundschaft muß mir mehr als tausend seyn.
Komm [ ] fern vom Hof und seinem leeren Scheine
Sey meine Brust bey Dir, der reinsten Freude voll;
Was trübt der Augenlicht? Wie kommt es, daß ich peine?
Ach ich bin fern von Dir! mein Engel lebe wohl!

13
Die wahre Freundschaft braucht keine Entschuldigung. Wo würde ich sonst Worte genug hernehmen, dieses Gespräch meines Herzens mit E.H. zu rechtfertigen? Es hat unter den Anordnungen einer Wasserreise, in einem engen Raume der sechs Ellen lang und drey Ellen breit ist, nicht besser gerathen können. Dieser kleinen Platz haben wir mit der Gemahlin eines Bayrischen Cammerherrn, gemein; Sie hat einen Pater und eine kleine wilde wüste Tochter, (das naturliche Ebenbild von meiner Nanette in der Haußfranzößin) zu ihrer Gesellschaft, wo alle Augenblicke eine Abwechselung vorgenommen und bald gebetet, bald gehüpfet, bald gelärmet wird. So, wie indessen mein Klagelied gerathen ist, so übersende ich es Ihnen, meine Theuerste! Es soll Ihnen zum Beweis dienen, daß ich meiner Wehmuth auf irgend eine Art Luft machen müssen; wobey mir denn meine, vielleicht zur Unzeit gefällige Muse gerne zu Hülfe kam. Sie kennen mich nunmehro

14 und werden an der Aufrichtigkeit meines Herzens nicht zweifeln.
Daß wir in Regenspurg gewesen, habe ich Ihnen von dort aus berichtet. Wir giengen den Sonntag früh zu Schiffe. So angenehm mir diese Fahrt vorhin beschrieben worden; so melancholisch kommt sie mir vor. Doch vielleicht ist nur mein Zustand Schuld daran. Den ersten Tag fuhren wir sechs Meilen; den andern wegen widrigen Windes nur vier, und heute haben wir acht Meilen gemacht. Warlich eine sehr langsame Post. Mein Leben ist mir von Kindheit an so kurz vorgekommen, daß ich nie Zeit übrig zu haben glaubte, und jetzt muß ich sie mit Vorsatz verschwenden. Sechs Wochen bin ich von meinem Hause entfernt, und in dieser ganzen Zeit habe ich nur fünf Tage gelebt, die übrigen muß ich für ganz verlohren schätzen. Wie wird es noch werden, ehe ich in meinen geliebten Winkel zurückkomme? Der Schiffer tröstet uns, daß wir den 12. Sept. in

15 Wien seyn sollen. Ich wünsche es von Herzen aus keiner andern Ursache, als desto eher wieder in Leipzig zu seyn, und meinen vertrauten vier Wänden alles zu erzählen, was ich nicht allen Menschen sagen kann. Diese Nachricht schreibe ich in Passau, dem letzten Orte in Bayern; vielleicht daß ich sie noch mit einigen Zusätzen vermehre. Ich glaube, es ist nichts billiger, als Ihnen von allen was mich betrift, Rechenschaft zu geben. Leben Sie wohl, recht wohl, auserwählte Freundin! Ich lebe nur halb.
Passau den 9. Sept. 1749,
Anjetzo sind wir in Linz und noch sechs und dreyßig Meilen von Wien; da indessen dieser Brief von hier abgeht, so beneide ich ihm das Glück in Ihre Hände zu kommen. So bald es möglich, schreibe ich E. H. von Wien. Wo nicht, so versagen Sie mir den Trost nicht,

16 daß ich in Leipzig ein paar Zeilen von Ihrer werthen Hand antreffe.
Gottsched.
Vor Linz den 10. Sept. 1749, auf
dem Schiffe und einem verwünschten
wackelnden Tische.

 

 

Fünf und neunzigster Brief.

An Sr. Exc. dem Herrn Grafen von
Seckendorf

Wien im Octobr. 1749.
Hochgebohrner Reichsgraf
Gnädiger Herr,

Ew. Excellenz habe ich vor meiner Abreise ins Carlsbad gestanden, wie sehr ich wünschte, das glänzende Wien zu besuchen und die Monarchin zu sehen, die noch mehr Herzen beherrscht, als die Gränzen ihrer weiten Reiche in sich

17 fassen. Dieses ist geschehen. Ich habe das Glück gehabt, das mir Neider bringen wird, und das ich für viele Schätze nicht missen wollte. Ew. Exc. sind dieser großen Frau so sehr ergeben, daß ich versichert bin, die Nachricht, die ich Ihnen von Ihrem so außerordentlich gnädigen Bezeigen jetzt geben will, wird alle freudige Regungen erneuern, die das Andenken Theresiens allemal bey Ew. Exc. verursachet, und davon ich so oft Zeugin zu seyn das Glück gehabt habe.
Nach unserer Carlsbader Cur, giengen wir über Beyreuth, Erlangen, Nürnberg bis Regenspurg zu Lande, wo wir uns denn an allen diesen Orten etwas aufhielten, um unsre Freunde und Handwerksgenossen, nach Handwerksgebrauch zu sehen und zu grüßen. Den 7. Sept. giengen wir von da ab, zu Schiffe auf der Donau, und kamen über Straubingen, Deckendorf, Passau, Linz und Stein, den 12. Sept. glücklich in Wien an. Die Reise zu Wasser hatte

18 uns nicht sehr ermüdet, und wir brauchten also nicht lange Zeit uns zu erholen. Den folgenden Tag genoß ich zum erstenmal das Glück, das ich so sehnlich gewünschet: ich sahe die Kayserin bei der öffentlichen Procession aus der Burg zur Stephans-Kirche, um Gott im Angesicht des ganzen Volks, für den im vorigen Jahrhundert verhängten glücklichen Entsatz dieser Residenz, öffentlich zu danken. Die majestätische Schönheit dieser Monarchin, die aller Herzen und aller Augen, (gleich als sähen sie Dieselbe das erstemal;) auf sich zog, rührte meine ganze Seele. Ich rief die biblischen Worte aus: selig sind alle deine Knechte, die immerdar vor dir stehen. Von dieser Stunde an kam das Bild Theresiens nicht aus meinen Gedanken. Ich weis E. E. billigen meine Entzückung!
Wir besahen alle Seltenheiten; die Kayserl. Bibliothek, das Münzcabinet und die Bildergallerie. Hier fand ich das Bild der Kayserin,

19 und mein Herz gab also dieser schönen Sammlung den Vorzug, da mein Geist den vorherigen alle seine Bewunderung gewidmet hatte. Wir besahen Kloster Neuburg so wie auch das Keyserl. Lustschloß Hetzendorf; und alle Tage wurden unsere Calender mit Besuchung neuer Merkwürdigkeiten bezeichnet. Der Graf Lasey war so gütig, uns gleich bei unserer Ankunft ein Freybillet zu den öffentlichen Schauspielen, für die ganze Zeit unsers Daseyns zu ertheilen. Ich nahm solches mit Freuden an; denn hier hoffte ich mich an der Kayserin in Ihrer Loge, (wenn ich so sagen darf) satt sehen zu können, ohne durch Ihren majestätischen Blick gestöret und schüchtern zu werden. Es gelung mir dieser Kunstgriff einmal in der Oper; und ich habe nichts von den reitzenden Tönen gehöret, nichts von den besten Schauspielerinnen gesehen: Theresia hatte meine ganze Aufmerksamkeit an sich gezogen.

20 Des Grafen [ ] [ ] [ ] bemühten sich, uns eine Audienz zu verschaffen und alle meine Wünsche wurden übertroffen. Wir erhielten Befehl, Sonntags den 28. Sept. früh um 10 Uhr uns zu Schönbrunn im Vorzimmer einzufinden; und wir gehorchten mit freudiger Ahndung diesem Befehl. Ich ward hier auf der Fürsten Trautson vorgestellt, welche mich denen drei ältesten Durchl. Erzherzöginnen unter einer sehr vortheilhaften und also sehr partheyischen Empfehlung vorstellte, und wir erhielten mit dem huldreichsten Blicke die Erlaubniß, Ihnen die Hände zu küssen. (Hierauf wurden wir in ein Zimmer gerufen, welches an der Keyserin Zimmer sties, und die Fürstin Trautson unterhielt uns, bis zur Ankunft Ihrer Majestät. Nun erschien Sie, die größte Frau von Europe, die durch ihre Regierung nicht allein viele Nationen jetzo glücklich macht, sondern in Ihren Kindern noch glücklich machen wird. Ich wollte auf das linke Knie fallen, und der Kayserin

21 Königen mit dem redlichsten deutschen Herzen ein spanisches Compliment machen: aber bald hätte ich ganz niedergekniet, und mit den christlichsten Gesinnungen einer Abgötterey können beschuldiget werden. Ew. Excel. werden hierbey lachen, allein ich wurd würklich von den lebhaftesten Regungen bestimmet. Bestürzt, gerührt, voller Ehrfurcht und Freude über die Gegenwart dieser großen Frau, voll Begierde Ihr mein Herz zu Füßen zu legen, und voller Schmerz, daß diese gnädigste Erscheinung nur einen Augenblick dauern möchte. Alles dieses machte mich ganz kraftloß. Die Kayserin Königen sprach sehr viel, theils mit mir, theils mit meinem Manne, bis eben jemand ins Zimmer trat, den ich für den ersten und liebenswürdigsten Staatsmann vom Kayserl. Hofe würde gehalten haben, wenn die Kayserin nicht gesagt hätte: 'dies ist der Herr.' Hier legten wir uns beyde in der vorigen spanischen Stellung, den Kayser zu Füßen. Sr. Majestät

22 gaben meinem Manne die Hand zu küßen und hießen uns beyde aufstehen. Auch des Erzherzogs Königl. H. kamen mit Dero Oberhofmeister Grafen Bathyani in dieses Zimmer, worauf auch noch die Prinzeßin Charlotte folgte. Nach einer kurzen Unterredung über den Hoffnungsvollen Erben so vieler Cronen: sagte die Kayserin voller Gnade und Güte: Nun! Sie müssen meine andern Kinder auch sehen. Worauf wir von der Fürsten von Trautson zu den übrigen drey kleinen Engeln geführet wurden; die wir in Ihren Zimmern unter der Aufsicht der Gräfin Saura beym Frühstücken fanden.
Ich verspare den weitläuftigen Bericht dieser Unterredung bis ich die Ehre habe Ew. Exc. selbst zu sehen. Dann will ich Ihnen, gnädiger Graf! durch meine Erzählung die vergnügteste Stunde machen, und die Freude, die Sie allemal bey der Erinnerung dieser großen Frau zu haben pflegen, erneuren. Ich habe die Erlaubniß

23 erhalten, meine Uebersetzung; die Geschichte der Pariser Academie der schönen Wissentschaften, Ihro Maj. der Kayserin zu Füssen zu legen: so bald ich dieses gethan und erfahren habe, wie mein Opfer aufgenommen worden, werden wir Wien verlassen und nach Sachsen zurückkehren. Ich habe nur Ew. Exc. diese für uns so glückliche Begebenheit vorläufig melden wollen. Der gnädigen Gräfin Exc. versichere ich meine ehrfurchtsvolle Ergebenheit und ich bin mit vollkommner Verehrung

Hochgebohrner Reichsgraf
Ew. Excellenz
unterthänige Dienerin
Gottsched.

24
 

Sechs und neunzigster Brief.

An die Frau Feldmarschallin,
Gräfin v. Seckendorf.

den 11. April 1750.

Ew. Excellenz haben mich, durch Dero gnädige Einladung nach M. auf künftige Feyertage, ungemein erfreuet; ich soll dort einen guten Prediger hören, und bin bereit Ihren Befehl zu erfüllen. Ich finde auf dem Lande nichts unentbehrlicher, als einen Mann, der alle Eigenschaften eines rechtschaffenen Seelsorgers besitzt. Es ist ein unerlaubtes Vorurtheil, daß ein Landprediger eben nicht der gelehrteste seyn dürfte, weil die meisten seiner Zuhörer, einfältige Bauren, denen die sogenannten gelehrten Predigten mehr schadeten als nützten. Ew. Excellenz haben sich einmal darüber gegen mich erkläret, und ich erinnere mich noch mit Vergnügen an

25 diese Unterredung. Dieselben behaupteten damals mit Recht es sey ein viel wichtiger Amt und erforderte mehr Einsicht, mehr Gelehrsamkeit, Mühe und Fleiß; einem unwissenenden und blinden Volke den Weg zu Gott zu zeigen, als gelehrte und erfahrne Leute nur auf dem Wege fortzuführen, den sie schon kennen, und von dem sie nur nicht abweichen dürfen.
Welch Unglück für eine Gemeine, die nur einen Prediger hat, und oft eine ganze Lebenszeit hindurch keinen andern höret! Welch Unglück, wenn dieser Mann seinen Zuhörern die erhabensten Wahrheiten auf eine niedere unordentliche und seichte Art vorträgt, und also ein ganzes Volk ohne Rührung, ohne Ueberzeugung, die ihm selbst mangelt, aus dem Hause des Herrn gehen läßt. Diese Laüligkeit ist unverantwortlich. Ich wünsche, und ich thue diesen Wunsch nicht zuerst, daß jeder Guthsbesitzer seinem Prediger die Freyheit erlaubte, eine auf die Zeit und Umstände sich schickende,

26 von einem guten Prediger abgefaßte Predigt, jedesmal vorzulesen, wenn er selbst einmal nicht Trieb genug, oder Verhinderung zu Abfassung einer wirklich erbaulichen Predigt fände. Es würde dieses mehr Nutzen stiften, als eine schlechte Canzelrede in der Gemeine anrichtet.
E. E. haben die Meynung, die Sie von der Nothwendigkeit eines guten Predigers hegen, durch die Wahl des rechtschaffenen Mannes bestätigt, dem Sie das wichtige Geschäft, die Führung Ihrer Unterthanen anvertrauet; Gewiß, diese sind in den Augen Gottes so schätzbar, als Seelen der Fürsten und Großen. E.E. vergeben meine Schwatzhaftigkeit, ich weiß aber, daß Dieselben solche, wegen der Gelegenheit, die solche veranlasset, entschuldigen.
Mit verlangen sehe ich den Tagen entgegen, in welchen Sie, gnädige Gräfin, mir die Erlaubnis

27 gegeben, Ihnen mündlich die Ehrerbietung zu versichern, mit welcher ich bin

Ew. Excell.
unterthänige Dienerin
Gottsched.

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Sieben und neunzigster Brief.

An Mademoisell Schulz in D.
Leipzig den 9. Aug. 1750

Die Zufriedenheit, so Madame Werner über Ihren Fleiß bezeiget, ist mir überaus angenehm, und ich verspreche Ihnen den glücklichsten Erfolg von Ihren Bemühungen, wenn Sie darinnen fortfahren. Ich kann Ihnen keinen bessern Beweis meines Andenkens geben, als wenn ich mein Versprechen bald erfülle, und Ihnen Gottscheds deutsche Sprachkunst übersende. Es ist nichts billiger, als daß Sie auch Ihre Muttersprache gründlich wissen, da Sie

28die französische sprechen und schreiben. Sie besitzen viel Vorzüge vor vielen Ihres Geschlechts, die mit der eckelhaften Entschuldigung, ein Frauenzimmer dürfe nicht viel lernen, ihre Unwissenheit noch unerträglicher machen. Fahren Sie fort, liebenswürdige Wilhelmine, auf einige Wissenschaften so viel Zeit zu wenden, als es Ihr Beruf erlaubet: Ich meyne, daß Sie Ihre häusliche Wirthschaft, deren Sie sich so rühmlich annehmen, dabey nicht hintenansetzten. Ihre Bestimmung ist vielleicht, an keinen Gelehrten verheyrathet zu werden. Sie würden alsdenn mit allen Wissen, eine gelehrte Frau, und keine angenehme Gesellschafterin für Ihren Mann seyn. So wie Sie sind, werden Sie immer glücklich seyn, und jedem Stand Ehre machen, in welchen Sie die Vorsicht einmal setzen wird. Sie thun sehr wohl, daß Sie Ihre müßigen Stunden aufs Lesen wenden, aber noch besser thun Sie, daß Sie einen klugen Freund über
 

29die Wahl Ihrer Bücher zu Rathe ziehen. Glauben Sie mir, Mademoisell, es ist einer der größten Fehler junger Personen beyderley Geschlechts, daß so viele ohne Wahl Bücher lesen und also auch ohne Nutzen viele, an sich selbst nützliche Schriften, durchblättern. Gar keine Neigung zum Lesen ist nicht so übel, als nachtheilige, der Religion, oder den Sitten anstößige, Schriften, zu lesen. Ich behaupte sogar, daß eine tiefe Unwissenheit, zumal bey unserm Geschlecht, viel eher zu entschuldigen und zu heben, als eine schädliche Kenntnis gefährlicher Bücher, die gleich einem schleichenden Gift, im Verstande und Herzen unheilbare Wunden zurücklassen. Beharren Sie bey dem Vorsatze, der Tugend so treu, wie ihrer Religion zu bleiben, und versprechen Sie sich dafür die süßeste Belohnung der innern Zufriedenheit, und des Beyfalls aller Rechtschaffenen. Ich schätze Sie, und Ihre artige Schwester ungemein hoch; Ihr Beyspiel wird vieles Frauenzimmer

30aufmuntern, Ihnen nachzuahmen, und Ihre Vollkommenheiten zu erreichen.
Gottsched.
 

Acht und neunzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 4. Nov. 1750.

Mademoiselle,

Dero beyde Schreiben, die ich kurz nacheinander erhalten, verbinden mich zu einer aufrichtigen Danksagung. Beyde sind bewährte Proben Ihrer Gewogenheit gegen mich, und zeigen den Eifer, mit welchem Sie meinen wohlgemeynten Rath, zu Erweiterung Ihrer Kenntnisse, in Uebung bringen. Es wäre unverantwortlich, wenn Personen, die so viel Verstand und Geschicklichkeit, als Sie, lobenswürdige Wilhelmine, besitzen, nicht damit wuchern, und ihre Fähigkeiten vermehren wollten. Sie

 

31haben meine Absicht erfüllet, die ich bey Uebersendung der schönen Handschrift der verstorbenen Frau Foßin hatte. Ihre Copie kommt dem Original meiner Landsmännin ganz nahe, und ich habe schon viele Mannspersonen über ihre schöne Handschrift in Verwunderung gesetzt. Möchten Ihnen doch die meisten Ihres Geschlechts nachahmen, und besser zu schreiben sich bemühen.
Beyliegendes Buch, welches ich vor wenig Jahren übersetzt, wird Ihnen zu einem unterrichtenden Zeitvertreib dienen.
Auch den Zuschauer empfehle ich Ihnen zu lesen. Unter allen Stücken werden Sie das 6. 7. 15. 19. 33. 34. 37. 38. 45. 49. 54. 55. 57. 58. 66. 68. 73. 79. 80. 93. 99. 100. 101. 104. 107. 110. 111. 123. 133. 139. 143. 146. 147. 153. 163. 169. 172. 177. 188. 192. 195. 201. 206. 207. 210. 213. 216. 222. 224. 225. 230. 231. 237 238. 243. 245. 248. 255. 256. 257. 

32   260. 263. 280. 282. 289. 292. 293. 302. 307. 312. 313. 316. 337. 342. 346. 348. 349. 350. 352. 353. 356. 368. 373. 374. 375. 379. 381. 382. 385. 391. 400. 404. 408. 411. 414. 431. 441. 447. 448. 453. 459. 465. 471. 472. 483. 487. 494. 499. 505. 506. 522. 531. 532. 535. 537. 549. 564. 565. 574. 580. 587. 600. 606. 607. 610. 615. 621. 622. 628. 631. 633. 634. 635. Ihrer Aufmerksamkeit werth finden. Ich habe diesen Auszug für Sie gemacht, um Ihnen gleich zu zeigen, was nach meiner Meynung, der Kern aller 8 Theile des Zuschauers ist. Ich erwarte von Ihnen einen andern Auszug, welche Stücke sowohl in diesem, als in dem Aufseher, Ihren Beyfall vorzüglich erhalten haben.
Wie geht es mit dem Zeichnen? Ein so glückliches Genie muß nicht auf dem halben Wege zur Vollkommenheit stehen bleiben. Die Hand, die so meisterhaft die Feder führet, muß auch die ganze Kunst der Malerey fassen. Von

33einer solchen Schülerin hat eine Werner sich zu versprechen, und ich zweifle nicht, daß Sie alle unsere Hoffnung übertreffen werden. Ich bin mit aller Hochachtung, die Sie verdienen, Ihnen ganz ergeben.
Gottsched.
 

Neun und neunzigster Brief.

An den Herrn S.

Hochzuehrender Herr,

Die erfreuliche Nachricht, so Sie mir von der glücklichen Niederkunft Ihrer lieben Frau gegeben, hat einen meiner liebsten Wünsche erfüllet. So aufrichtigen Antheil ich an Ihren bisher so betrübten Entbindungen genommen; so sehnlich habe ich einer freudigen Erfüllung ihrer mütterlichen Hoffnung entgegen gesehen. Gott lasse Sie dieses erste lebendige Pfand Ihrer Liebe, bis in späte Jahre mit ungestörter Freude

34 umarmen. Ueber das Vergnügen, welches mir diese Nachricht gemacht, hätte mich nichts empfindlicher rühren können, als die vorzügliche Ehre, so Sie mir bey dieser Gelegenheit erwiesen, daß Sie mich zu einer Taufzeugin erwählet. Ich wünschte gegenwärtig zu seyn, um Ihnen meinen Dank dafür abzustatten, und mich des Vertrauens werth zu bezeigen, das Sie in mich gesetzt. Ich behalte mir vor, so wie ich meine Pflichten gegen dieses liebe Kind durch ein eifriges Gebet an dessen Tauftage angetreten, künftig demselben würkliche Proben meiner Zuneigung und Fürsorge zu ertheilen. Gott lasse es an Kräften zunehmen, bis sein Verstand fähig wird, das löbliche Beyspiel seiner würdgen Eltern einzusehen und nachzuahmen. Ich umarme Mutter und Kind von ganzem Herzen und bin
Ihre
ergebenste Dienerin
Gottsched

35

Hunderter Brief.

Mademoiselle S.
Leipzig, den 12. Jul. 1751.

Mademoisell,

Es wäre kein Wunder, wenn mein langes Stillschweigen mich bei Ihnen in dem Verdacht der Undankbarkeit gesetzt hätte. Allein, da ich bereits Ihrer Frau Schwester die Ursache gemeldet, die mich bey derselben in eben diesen Fehler verleitet hat: sowill ich Ihnen hier nicht mit Wiederholungen beschwerlich fallen. Ich hoffe von Ihrer Güte alle Nachsicht.
Für die übersandten schönen Zeichnungen statte ich in beyder Nahmen, denen sie zugedacht sind, den verbindlichsten Dank ab. Sie machen der Meisterin und Schülerin gleich viel Ehre, und es wäre ewig Schade gewesen, wenn Ihre Geschicklichkeit unbearbeitet hätte bleiben sollen.

36 Wir hätten also beyde keinen glücklichern Einfall haben können, als Sie selbst, und nachher Madame Werner, auf die Gedenken zu bringen, einen Theil Ihrer Fähigkeiten in der Zeichen- und Malerschule zu üben. Sie verleiten mich fast zum Stolz, eine Vollkommenheit mehr in Ihnen ans Licht gebracht zu haben. Ihr schönes Geschenk hat mich in eine Schuld begracht, die meine Feder abzutragen sich bemühen wird; aber nie wird es Ihrem Bleystifte oder Ihrem Pinsel gleich kommen. Ich bin mit aller Hochachtung, die man so vielen Verdiensten schldig ist, Ihnen ganz ergeben.
Gottsched.

37

Hundert und erster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 20. Nov. 1751.

Mademoisell,

Ihre schöne Handschrift hat mich in Verwunderung gesetzt. Jeder Brief gleichet einer Vorschrift, die eine Meisterhand verfertiget hat; so wie die Schreibart selbst die feinste Denkungsart verräth. Ich bin dabey auf einen Einfall gerathen, den ich Ihnen entdecken will. Viele große Häuser wünschen Personen zu finden, denen Sie ihre Kinder anvertrauen können; und ich habe nur neulich einen Auftrag gehabt, eine Person zu suchen, die zwar eine Französin seyn, aber noch so viel andre Eigenschaften dabey besitzen sollte, die ich nirgends vereinigt finden können. Die gute Ausprache, die man gemeiniglich bey einer Französin vermuthet, fehlet

38 vielen, und jede Provinz, die uns solche Personen liefert, hat ihren besondern Dialect, der von der reinen Mundart oft sehr merklich abweichet, und den nichts entschuldiget, als das Vorurtheil, eine Französin könne nicht anders als gut fransösisch sprechen. Ihre Aussprache, liebste Wilhelmine, und Ihr Ausdruck sind so vollkommen, daß Sie sicher die Lehrmeisterin adelicher Jugend seyn können. Ihre schöne Hanschrift, Ihre Geshicklichkeit im Zeichnen, Ihre Fertigkeit auf dem Claviere, geben Ihnen gerechte Ansprüche auf eine der besten solcher Stellen, in so ferne von den Vollkommenheiten des Verstandes die Rede ist; und Ihr gutes Herz, Ihre untadelhaften Sitten, werden gewiß Tugend und Weisheit in die Gemüther Ihrer Untergebenen prägen. Darf ich Ihnen einen Vorschlag thun? Nehmen Sie eine solche Stelle an, liebste Wilhelmine. Sie werden Ehre und Vortheil, so wie Ihre Untergebenen mehr Nutzen als von den meisten gebohrnen

39 Französinnen haben. Wie viele schlecht erzogene Personen kommen nach Sachsen, um einen reichlichen Gehalt zu ziehen, und die Plage des Hauses zu seyn, wo man ihre Mängel noch mit vielem Gelde bezahlet. Diese Klagen sind fast allgemein. Ich nehme diejenigen Personen von dieser Zahl aus, die ihre Stellen mit Ruhm begleiten, und würdige Gouvernantinnen sind. Ich kenne verschiedene derselben, die sich von der erwehnten Art ganz auszeichnen, und vortrefliche Proben ihrer Erziehungkunst abgeleget haben, und für diese habe ich eben so viel Achtung, als ich mit denen jungen Personen Mitleiden habe, die in schlechte Hände fallen.
Oft habe ich gewünscht, daß rechtschaffene Prediger, Kaufleute, oder auch Gelehrte, die in ihrem Beruf nichts weiter als ihr Auskommen vor sich bringen, und oft einen Anzahl hülfloser Töchter hinterlassen, so viel auf ihre Erziehung wendeten, daß diese hernach, wenn ihre Väter

40 stürben, auf eine anständige Art ihren Unterhalt fänden. Dieses würde ungemein viel Nutzen stiften, und unsre Landestöchter würden jenen Ausländern vorgezogen werden, die nur allzu oft schlechte Sitten, eine schlechte Aussprache, und schlechte Neigungen ihren Untergebenen beybringen.
Machen Sie den Anfang eine solche Stelle zu übernehmen, auch in diesem rühmlichen Entschluße werden Ihnen viel folgen, ob andre gleich weniger Vollkommenheiten als Sie besitzen. Ueberlegen Sie meinen Einfall reiflich, liebste Wilhelmine, und wo möglich, lassen Sie es nicht bloß bey meinem Wunsche bleiben. Ich umarme Sie und bin Zeitlebens Ihnen ergeben.
Gottsched.
 
41

Hundert und zweyter Brief.

An die Frau S. In C.

Leipzig den 4. Jan. 1752.

Sehr werthgeschätzte Freundin.

Nichts hätte mir angenehmer seyn können, als daß ich von Ihrem Wohlseyn und zwar durch Ihre eigne Feder versichert worden. Ich danke der kleinen Caroline, welche mir zu diesem Vergnügen gewißermaßen verholfen, und freue mich, daß sie sich in den Verlust, ihres vormaligen ganz unentbehrlichen Zeitvertreibes, so wohl zu schicken weis. Ich wünsche Ihnen sehr viel Glück zu dieser vollbrachten Arbeit. Sie haben die ersten Pflichten einer rechtschaffenen Mutter erfüllet, indem Sie selbst die Säugamme Ihres ersten Kindes gewesen, und ich wünsche, das Mutter und Kind Lebenslang die angenehmsten Folgen davon erfahren mögen. Ich

42 bin von der Vorsehung nicht mit so einem Segen beglücket worden. Aber so viel ist gewiß, ich würde meine Kinder nie Miethlingen anvertrauet haben; wenn nicht die aüßerste Schwachheit, und aller Mangel an Nahrungsmitteln für ein so kleines Geschöpfe, mich darzu genüthiget hätten. Ich bewundere, daß man in hiesigem Lande die Gewohnheit, Ammen zu nehmen, noch nicht abschaft; ohngeachtet unzählige unglückliche Folgen es uns täglich anrathen. Die Prinzeßin von Oranien hat allen Müttern ein so vortrefliches Exempel gegeben, daß alle und jede nachfolgen sollten. Tillotson sagt, daß die Versäumniß dieser Pflicht unter die großen Himmelschreyenden Sünden gehöre, welche bey der heutigen Welt auch unter uns im Schwange gehen. Die schlimmen Wirkungen dieser versäumten mütterlichen Schuldigkeit sollten die besten Warnungen seyn, und wie viele vornehme Häuser erfahren dieselbe? Eben die Mütter, die sich am besten

43 warten und pflegen, die alle Bequemlichkeiten bey dieser angenehmen Pflicht haben könnten, eben diese, vernachläßigen solche am ersten. Ich wünschte, daß alle Prediger wider den Mißbrauch der Ammen eifern möchten, vielleicht fänden sich noch mehr liebreiche Mütter, die Ihrem löblichen Beyspiel nachahmten, und zärtliche Säugammen ihrer Kinder würden. Wie sehr wird die kleine Caroline ihrer geliebten Mutter einmal für diese Wohlthat danken. Ich schätze Sie doppelt hoch, und bin mit zärtlicher Freundschaft Ihnen ergeben
Gottsched.

44
 

Hundert und dritter Brief

An die Fr v. R.
Leipzig den 19. Juni. 1752.

Hochwohlgebohrne Frau,

Sie sind, wie ich aus Ihrem unschätzbaren Schreiben sehe, glücklich an den Ort, wo Sie zu seyn wünschten angekommen; ich aber habe mich noch nicht von dem Schmerz über Ihre Abreise erholet; und ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß mich dessen Eindrücke noch jetzt quälen. Das tiefe Stillschweigen, worinnen Sie mich die drey letzten Tage Ihres Hierseyns gesehen haben, war ein Zeichen aller traurigen Empfindungen über unsre bevorstehende Trennung. Warum muste ich E. H. auf eine so kurze Zeit kennen lernen? Warum muste ich in Ihnen alles entdecken, was ich bisher so eifrig gesucht, und noch nie vereinigt gefunden hatte? Warum

45 musten Sie mir sogleich Ihre Freundschaft schenken? ein Glück, daß ich in dem Augenblicke Ihrer Bekanntschaft wüschte, aber nicht so gleich hoffte.

Mein stilles Glück, die Lust von wenig Stunden,
Ist wie das Glück von einer Sommernacht,
Ist ohne Spur, ist wie ein Traum verschwunden.

Alles, alles dieses verursachet mir jetzt das kummervollste Andenken. Zugleich ist es mir eine so angenehme Traurigkeit, daß ich sie nicht verbannen mag; und Sie nähren solche in mir durch Ihr rührendes Schreiben. Sie haben Recht, es ist nichts reitzender als die Freundschaft zweyer redlichen Seelen. Lassen Sie die unsrige ungetrennt und ewig seyn. Erlauben Sie mir Ihnen oft zu schreiben, und oft meinen Kummer, davon Sie die unschuldige Ursache sind, zu klagen. Ich werde allen Ihren

46 Briefen mit freudiger Ungedult entgegen sehen, und sie als eine kleine Genugthuung für Ihre Abwesenheit mit Vergnügen empfangen. Der Himmel lasse es Ihnen aller Orten so wohl gehen, als ich es wünsche: so werden Sie die glücklichste Frau seyn. Ich bin mit Zärtlichkeit und Hochachtung, beydes in dem Grad, da Sie es verdienen, Ihnen ganz ergeben.
Gottsched.

Hundert und vierter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 18. Jul. 1752.

Hochwohlgebohrne Frau,

Ich danke Ihnen von Herzen für die treue Nachricht von Ihrem Befinden und von der Beschaffenheit Ihres Gemüths. Sie wissen, wie unentbehrlich mir diese ist. Es freuet mich, daß Sie das Vergnügen haben mit einem der

47 grösten Geister von Sachsen, täglich in Gesellschaft zu seyn. Dieses ist eine Nahrung des Geistes, der eben so wie der Cörper Erquickung braucht. Wenn ich Ihnen etwas beneiden könnte, so wäre es dieses, und sodann das angenehme Landleben, die schönen Spaziergänge, der wohlangelegte Garten, die belaubten Hecken, die mir in allen Gärten eben so vorzüglich reitzend sind, als die nahen Gehölze, Sie klagen über den Mangel der Nachtigallen, und Sie haben Recht; Ihre schöne Gegend verliert viel, da diese fehlen. Doch bleiben Sie nur lange dort; dieses melodische Geschöpf wird Ihnen zu Gefallen sich bald einfinden. Sie werden Sie vor dem Raub schützen, Sie werden ihr die Freyheit lassen, welche diese reitzende Sängerin in dem kleinsten Busch des ärmsten Bauers, dem herrlichsten Kefig in königlichen Gemächern weit vorziehet. Sie wird Ihnen ihren Dank vorschlagen, und alsdenn finden Sie alles, alles, was Ihr Gemüth erheitert,

48 und ich fürchte, Sie vergessen in dieser Entzückung Ihrer treusten Freundin in Leipzig.
Der Besitzer dieses irrdischen Paradieses ist also ein Verehrer des Tacitus, und unterhält sich mit diesem, so wie mit den besten englischen Schriftstellern? es wundert mich also nicht, ihn in der Classe der schönen Geister zu finden, in welche Sie ihn setzen. Aber handelt er auch wie ein Engländer? Ich werde mir alle Mühe geben, Ihnen allemal die neuesten engländischen Schriften für Ihren Freund zu schicken. Sehn Sie nur, welche List Sie brauchen, sich aller Herzen zu bemeistern? Sie haben Recht, den guten ehrlichen Alten sich gefällig zu machen; aber was sagt der Herr Gemahl? daß ich ein Asmodi sey, nicht wahr? aber zu meiner Schande nichts ausrichten würde? Gut, gnädige Frau, ich werde mich rächen und Ihnen noch behülflich seyn, Ihre Absichten zu erfüllen, und ich habe den Vorsatz schon ins Werk gerichtet. Sie verlangen den Cromwell mit

49 einen, ihm ähnlichen Kupferstich. Hier folgt er. Seine funkelnden Augen, seine spröde Rase und seine drohenden Lippen sollen sehr ähnlich seyn. Die königliche Gallerie in Dresden verwahret sein Bild von einem großen Meister gemahlt. Wenn ich gewust hätte, daß Ihnen und Ihrem weisen Freunde so viel daran gelegen wäre, so hätte ich seine Geschichte mit nach Dresden genommen, um den Kupferstich gegen das Gemälde zu halten. Jetzt kann ich Ihnen die Gewähr nicht leisten, daß es nach jenem Bilde gestochen ist. Voltaire hat folgende Zeilen auf den Tod des Cromwell aus dem englischen übersetzt:

Il n'est plus, c'en est fait, soûmettons nous au fort;
Le Ciel a signalé ce jour par des tempétes,
Et la voix du tonnére éclatant sur nos tétes
Vient d'annoncer sa mort.

50

Par ses dernier soupits ai ébranle cette Isle,
Cette Isle, que son bras fit trembler tant de fois;
Quand dans le cours de ses exploits
Il brisoit la tête des Róis,
Et foumettoit un peuple, à son joug seul docile.
Mer! tu t'en est troublée? Oh Mer! tes flots émus
Semblent dire en grondant, aux plus lointain rivages,
Que l' effroi de la terre & tôn maitre n'est plus.

Ich schreibe Ihnen eine deutsche Uebersetzung hierbey, für die ich um Nachsicht bitte wo ich gefehlt:

Er ist nicht mehr; schon ist der Schlag geschehen;
Das Schicksal will, wer kann ihm widerstehn?
Von oben her kam uns an diesem Tage
Der wilde Sturm, ein Bothe naher klage,

51

Und unser Ohr taub vor des Donners Schall
Erwacht, und horcht und höret Cromwells Fall;
Sein letzter Hauch erschütterte dies Land,
Die Insel, die so oft den strengen Arm empfand,
Wann in dem Lauf von seinen Heldenthaten
Die stolzen Füß' auf Königs Scheitel traten,
Wann er ein Volk, das blos nach Freyheit ringt,
Mit kühner List ins Joch der Knechtschaft zwingt.
Meer du bist selbst bestürzt! die bangen Wellen
Erkühnen kaum noch brausend aufzuschwellen,
Und rauschen jetzt von deinen Ufern her:
Die Furcht der Welt, mein Herrscher ist nicht mehr.

52 Fahren Sie fort G. F. mich mit Ihren Zuschriften zu erfreuen. Sie sind das einzige Mittel mir die Trennung von Ihnen erträglich zu machen. Ich bin mit wahrer Verehrung
Ihre
gehorsamste Dienerin

Gottsched.

 

Hundert und fünfter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 7. Aug. 1752

Hochwohlgebohrne Frau,

Sie befinden sich also nunmehro in G.? Ich wünsche viel Glück zu Ihrer neuen Einrichtung, und daß Ihnen der Ort so gefallen möge, als Sie und Ihr ganzes Haus Beyfall bey den dortigen Einwohnern finden werden. Sie widmen sich der löblichsten Beschäftigung, wenn Sie die Muse, die Ihnen in einer solchen Stadt

53 übrig bleibt, auf die Erziehung Ihrer Kinder wenden wollen. Ich wünschte nur, daß Sie einige Lehrmeister mehr hätten, die Ihnen ohnfehlbar abgehen, und welche Ihnen viel Nutzten schaffen könnten. Wie kömmt es doch, daß zwey solche einsehende Männer ein R. und ein B. der Stadt und der Schule nicht dadurch aufzuhelffen suchen, daß Sie Leute dahin ziehen, die der Jugend ganz unentbehrlich sind? Alle junge Leute können nicht studiren, und in den Classen das ewige Latein lernen; aber in Wissenschaften können alle einige Kenntniß erhalten. Die französische Sprache ist der Jugend beyderley Geschlechts fast unentbehrlich geworden und diese sollte man allgemein machen. Ein Sprachmeister, ein Schreibe- und Zeichenmeister, ein Tanzmeister ist an Orten, wo eine Schule ist, sehr nöthig. Dergleichen Personen müßen die nöthige Wohnung frey haben. Sie müßen einige unentbehrliche Lebensmittel unentgeldlich von der Stadt erhalten. Der Gehalt

54 kann mittelmäßig seyn, nur etwas müßen Sie bekommen, um denen Armen ihre Wissenschaft auf Kosten der Stadtväter zu lernen; das übrige muß ihr Fleis und ihre Geschicklichkeit zu erwerben suchen. Der Landadel wird seine Kinder eher in solche Städte schicken, wo man verschiedene Lehrmeister findet, als einen mittelmäßigen Informator ins Haus nehmen. Der wohlhabende Bürger wird die seinigen alles lernen lassen, worzu er Gelegenheit findet, und der Arme kann es auf kosten der Stadt genüßen. Nur eins ist noch zu erinnern, daß nemlich wohlgesittete und rechtschaffene Leute zu Lehrmeistern an solche Orte ausgesucht werden müßen. Wo dergleichen Menschen in Menge sind, kann man wählen, aber wo nur ein einziger in jeder Art ist, so soll er billig keine groben Fehler haben. Er wird zu sehr bemerkt, und es thut einen gar zu widrigen Eindruck auf die Jugend, wenn ihr Lehrmeister lasterhaft ist. Es muß also kein Mann gewählet werden der

55 um eines kümmerlichen Unterhalts willen, so eine Stelle annimmt; er muß sein reichliches Einkommen finden. Ich verirre mich, und eifere über eine Sache, die mich nichts angeht. Die Sorge für das Wohl ihrer zwey geliebten Kinder hat mich auf das Beste vieler andern gebracht. Vergeben Sie diese Ausschweifung. Ich bin E. H. ganz ergeben.
Gottsched.

Hundert und sechster Brief

An eben Dieselbe.
Leipzig den 22. Aug. 1752.

H. F.

Cromwell hat also Ihres Freundes Beyfall erhalten? das ist mir sehr lieb; aber noch lieber, daß ich nicht unter seiner Regierung gelebet habe. Nein, ich ziehe die jetzige Zeit der vergangenen weit vor. Sie, theuerste Freundin,

56 sind meine Zeitgenoßin, dies ist mir genug. Ich besinne mich, daß ich Sie einmal bey der engländischen Historie fand; Sie beklagten mit Thränen das Schicksal einer Maria Stuard, und einer Johanna Gray, aber gleichwohl wünschten Sie unter der Regierung einer Elisabeth gelebt zu haben. Eben so demüthigend (dachte ich damals bey mir selbst) ist dieser Wunsch für ihre Freundin, als rühmlich für die Engländer!
Daß der Aufseher nach Ihrem Geschmacke seyn würde, habe ich vermuthet; und eben die von Ihnen bemerkten Stücke, haben auch mir vorzüglich gefallen. Es ist ein trefliches Buch und für junge Leute hauptsächlich

57 von einen größern Nutzen, als, (lassen Sie mich es ganz sachte sagen) als manches dunkles philosophisches System. Es lehrt die Tugend, zeigt das verabscheuungswürdige des Lasters und das lächerliche der Thorheiten beyderley Geschlechts, die sich leider nur allzuoft in die menschlichen Handlungen einschleichen, in dem gefälligsten Tone, und auf die überzeugendste Art.
Sie werden eine weitläufige Nachricht von der bevorstehenden Crönung des Freyh. v. S. erhalten. Dergleichen Feyerlichkeiten müssen vielleicht auf hohen Schulen nicht ganz in Vergessenheit gerathen. Nur ich, ich möchte nicht die Person seyn, die sich dadurch unvergeßlich machte.
Lesen Sie nicht zu eifrig die Nachtgedanken; doch Sie dürfen mehr wagen als ich. Bey einer Anlage zur Hypochondrie, würde sich mir jedes Bild in noch schwärzern Farben zeigen, und mich mit mehr Schwermuth erfüllen,

58 als der Verfasser selbst zu erregen wünscht. Ich wundre mich nicht, daß Ihr Freund in S. bey dem ähnlichen Schicksal, das er mit Young durch den Verlust seiner Tochter erlitten, so lebhaft bey seinen Klagen gerührt wird. Diesen Vortheil hat jeder Autor, der mit unsern Empfindungen sympathisirt. Ich umarme Sie liebste Freundin mit aller Zärtlichkeit.
Gottsched.

107

Hundert und siebenter Brief.

An den Herrn S. in C.
Leipzig den 26. Septbr. 1752.

Hochzuehrender Herr,

Ihr Geburtsfest ist nicht unbemerkt bey uns geblieben, ob ich gleich solches gegen Sie selbst mit Stillschweigen übergangen habe. Ich war eben damals sehr matt und schwach, aber ohngeachtet aller Mattigkeit und Schwachheit,

59 habe ich kräftige Wünsche für Ihr Wohl und Ihre Erhaltung gethan. Ich wünschte unter andern, daß Sie über funfzehn Jahr meine liebe Pathe vortheilhaft verheyrathen, und denn in gehöriger Zeit bey ihrem ersten Sohne Gevatter seyn möchten. Heißt dieses nicht Ihnen und Ihrem ganzen Hause alles mögliche Glück gewünschet? Mehr Titel, mehr Reichthümer und andre dergleichen Herrlichkeiten hätte ich gewis hinzugesetzt, wenn ich den Werth derselben nicht kennte, oder weniger Ihre Freundin wäre, als ich bin. Im Ernst, ich halte es nicht für freundschaftlich, jemanden um die wahre Gemüthsruhe zu bringen, oder diese nur auf die Probe zu stellen. Ich glaube also Ihnen einen Beweis meiner wahren Zuneigung auch dadurch zu geben, daß ich Ihnen keinen Ueberfluß wünsche.
Gottsched.

60

Hundert und achter Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig den 23. Jänner 1753.

H. F.

Bald sollte ich auf die Gedanken kommen, daß Ihres Gemahls Zorn seiner Freundschaft vorzuziehen wäre: wenigstens müssen alle diejenigen so denken, die gerne mit ihm in Briefwechsel stehen. So lange er unwillig über mich war, erhielt ich diese Zeugnisse von seiner eignen Hand; jetzt läßt er mir seine friedfertige Gesinnungen durch ihre Feder berichten. Ich will ihm seine Trägheit im Schreiben gar nicht übel nehmen, wenn sie nur nicht ansteckend ist. Ich brauche zu meiner Zufriedenheit nur eine einzige Correspondenz in G. diese ist mir aber auch ganz unentbehrlich, und so lange mir Ihr Gemahl diese erhält, will ich seine Gluckseligkeit

61 nicht beneiden, um einer Freundin, die ich über alles schätze, näher als ich zu seyn.
Alles, was Sie von der Beschaffenheit der Männerherzen sagen, scheint mir seine gute Richtigkeit zu haben, ohngeachtet ein gewisser Mann gar sehr den Kopf darüber schüttelt. Indessen, da die Männer, so wie ihr Herz gegenwärtig beschaffen ist, unsre ganze Neigung an sich zu ziehen wissen; was bliebe uns übrig, Ihnen aufzuopfern, wenn sie uns an Redlichkeit und Treue überträfen? Sie sind darzu geschaffen, unser lebhaftestes Vergnügen, und unsern bittersten Gram zu veranlassen; darzu mußten sie recht so seyn, wie sie sind. Ich weiß nicht, wie Ihnen diese Philosophie vorkommen wird, aber so viel ist gewiß, daß man über kurz oder lang darauf verfallen muß; dieß ist das Vorrecht der Erfahrung.
Herr A. will in Dresden sein unbestimmtes Schicksal abwarten. Vor einigen Monaten wollte er nach Dännemark gehen; es scheinet

62 aber, daß seine Muse sich vor den nordischen Gegenden scheuet. Die Rangordnung, in welche ihn der Marquis *** stellet, wird er nicht streitig machen. Man ist nicht ganz klein, wenn es der Welt noch gefällt, uns auch im verjüngten Maaßstabe, neben große Leute zu setzen. Vielleicht würde ein wenig Bescheidenheit ihm manche Unruhe ersparen. Die Welt wird durch seltne Verdienste beleidiget, und laßt sie dem, der sie besitzt, nur so lange, als sie glaubet, daß er selbst daran zweifle. Die wahre Bescheidenheit ist nach meinen Gedanken von wirklichen Vorzügen untrennbar.
Die überschickten Schriften gehören Ihnen alle eigenthümlich zu. Sie sollen solche nicht abschreiben, und mir dadurch die Zeit entziehen, die Sie zu einer schriftlichen Unterredung mit mir anwenden könnten. Ist aber der Anfang schon gemacht, so bitte ich um denselben, und keinen Buchstaben mehr hinzuzusetzen. Ich will diese Blätter zu den übrigen Heiligthümern

63 legen, die ich von Ihrer Hand besitze; mein unersättlicher Geitz nach allem, was mir daher kömmt, ist nur schwer zu befriedigen. Geben Sie mir ja nichts wieder zurücke, beste Freundin! ich beschwöre Sie, was ich Ihnen jemals anvertrauet habe, besonders denjenigen Theil meines Herzens nicht, darinnen Sie so unumschränkt regieren, und wie deutlich spüre ich, daß es nur für Sie geschaffen ist! Mit dem grausamen Verhängnisse, das Ihnen und mir dieses zu spät bekannt lassen werden, bin ich noch nicht versöhnt. Den Rest meiner Tage soll mich nichts stören Ihnen ganz ergeben zu seyn.

Gottsched.
 

  64

Hundert und neunter Brief

An eben Dieselbe.
Leipzig den 27. Jänner 1753.
G. F.
Ihr freundschaftliches Schreiben hat mich abermals an den ganzen Verlust erinnert, den ich durch Ihre Abreise von hier erlitten. Ich danke Ihnen für jedes Andenken, das Sie mir schenken. Aber wieviel fordern Sie von mir? Ich soll Ihnen in dem Schmerz über unsere Trennung den Vorzug einräumen? ...Ist es auch möglich, daß ich Ihnen etwas abschlagen kann? ist es möglich nur einen Augenblick anzustehen, Ihnen den Vorzug in allen Arten der Vollkommenheiten zuzutheilen? und ist es möglich, daß ich dieses bey einer Sache thun soll, die zwar sehr schmeichelhaft für mich ist; dennoch aber mir unmöglich scheint; weil ich

65 nicht glauben kann, daß irgend ein zärtlicher Schmerz weiter gehen sollte, als der meinige über Ihren Verlust? Ueber dieses so gedultet sich mein Gram auf Ihre Verdienste, so hingegen Ihre Freundschaft gegen mich nur Grossmuth ist. Sie versichern mich, daß ich Ihnen nicht gleichgültig gewesen, auch ehe Sie alles noch gekannt haben. Sie haben mir also Ihre Freundschaft geschenket, ehe Ihnen noch die treue Verehrung bekannt war, so die erste Stunde in mir erwachte, da ich das Glück hatte, sie kennen zu lernen. Nun schließe ich so.

Eine Freundschaft, die sich auf die Kenntnis wahrer Verdienste gründet, schlägt tiefere Wurzel, als eine die auf lauter unverdienter Großmuth beruhet. Nun gründet sich aber meine Freundschaft gegen die Frau von R. auf ihre Verdienste.

Atqui, ergo, sagen die Logici: (aber ich wage nicht, mit solchen Zauberformeln vor Ihnen zu erscheinen.) Indessen soll dieser Syllogismus

66 nichts mehr gelten, als was Sie ihn wollen gelten lassen. Ach! warum ist mir denn von so vielen Versuchen, die ich gethan, Sie kennen zu lernen, kein einziger gelungen? Warum mußte erst die ganze französische Nation in Gefahr gerathen, für Freuden  närrisch zu werden, ehe ich erfahren konnte, daß die Person, die ich 15 Jahr in Sachsen gesucht hatte, und zu finden verzweifelte, wenige Straßen von mir anzutreffen wäre? Mein Herz ist zur Freundschaft mehr, als zu irgend einer andern Leidenschaft geschaffen. Derselben Vorsehung aber, die es mir gegeben hat, hat es zugleich gefallen, mein Schicksal so zu bestimmen, daß diese seine einzige Fähigkeit ganz müßig bleiben sollte. Sie hat mir bey meinem

67 Aufenthalte allhier, einige sehr würdige Personen gezeiget; allein entweder machte eine Trennung, oder der Tod alle Hoffnung zu nichte, und eben so geht es mir auch jetzt. Bald sollte ich anfangen verdienstvolle Personen zu fliehen, um mir eine unnütze Marter zu ersparen. Was helfen mir diese, wenn sie nicht in Leipzig sind, und was hilft es mir, wenn sie hier sind, und davon reisen?
Sie haben Le Siecle de Louis XIV. von Voltaire gelesen; aber ist ihnen auch bekannt, daß jetzt neuerlich in Frankreich eine neue Auflage davon, mit sehr beißenden Noten vom la Beaumelle herausgekommen ist? die den Hrn.von Voltaire eben so schmerzen müssen, als der Akakia den Hr. von Maupertuis.
Ich weiß nicht, was ich heute für eine Gabe besitze, Bücher zu schreiben? Verzeihen Sie doch meinem Geschwätze, gütigste Freundin! Lassen Sie ja mein Andenken bey dem Weisen in S . . . nicht verlöschen, es ist ihrer Hände

68 Werk, und ich überlasse es Ihrer Vorsorge. Insonderheit erhalten Sie mir die Liebe und Freundschaft der liebenswürdigen Mutter eines aller liebsten kleinen Paares, von welchen ich lange nichts gehört habe; versichern Sie dieselbe, daß unsre reiche Muttersprache, uns vielleicht keine andere einen Ausdruck hat, der mir stark genug scheinet Sie von meiner Ergebenheit zu überzeugen; denn ich bin ewig Ihre ganz eigene

Gottsched.

 

Hundert und zehnter Brief.

An aben Dieselbe.
Leipzig den 10. Febr. 1753.

H. F.

Wie viel Ueberwindung hat es mich gekostet, Ihnen in langen zehn Tagen nichts von meiner Ergebenheit, von meiner Hochachtung,

69 von meiner Freundschaft zu sagen! Ihre Gütigkeit beschämt mich, und übertrift alle meine Wünsche. Sie beehren mich mit ausführlichen, mit baldigen Antworten, und es scheinet, daß Sie eine geheime Ahndung von der Ungedult haben, in die ich allemal gerathe, sobald ein Schreiben von mir an Sie abgegangen ist. Mein Gewissen sagt mir, daß ich mit Ihnen im Briefwechsel einen eben so eigennützigen Handel treibe, als die Holländer nach der neuen Welt, welche Gold für Tändeleyen einholen. Dieser Eigennutz und die Freundschaft stritten heute in mir, die letztere wollte meine Freundin zu einer Zeit nicht beunruhigen, die Sie zu einer Reise ausgesetzt hatte, allein der Eigennutz behält die Oberhand, und ich schreibe.
Sie verlangen etwas von dem Hrn. zu V. zu wissen? Ich will Ihnen alles sagen, was ich weiß. Dieser behauptet gegen alle seine Correspondenten, daß die Diátribe und der Brief eines Marquis an eine Marquise von seiner

70 Feder, aber keine Schmähschriften wären. Ein paar Anecdoten von diesem großen Dichter werden Ihnen nicht zuwider seyn.
Als der Akakia vor seinem Fenster verbrannt ward, war eben der Prinz von W. bey ihm; Ce n'est pas le premier de mes ouvrages sagte er zu ihm: à qui l' on fait cet honneur là.
Ein gewisser Hr. v. Prenrontval dessen Name Ihnen nicht unbekannt seyn kann, und dessen Verdienst nicht bloß darinnen besteht, daß er ein Franzos ist, kommt zum Voltaire, und sagt ihm in einem etwas gebieterischen Tone: Avoués Monsieur que Maupertuis est un grand homme, dans son genre: Nach einem boshaften Einhalten von einer halben Minute fähret er gegen den ganz erstaunten Voltaire fort: et Vous étes aussi un grand homme dans le Votre. Hier springt V. ganz aufgebracht vom Stuhl auf; moi? erwiedert er, comment serois je un grand homme? Mr. de Maupertuis est un grand homme, lui, qui applatit la terre et mange avec

71le Roi. Dieses sind die wichtigen Beyträge zu der geheimen Geschichte dieses Dichters, die das Gespräch aller Gesellschaften ansmachen.
Doch etwas interessanters! Die Predigten des sel. Coste sind nunmehro gedruckt. Sein Bruder hat solche, wegen der Zwistigkeit mit der W. Handlung, der Armencasse hiesiger reformirten Colonie geschenkt. Wenn sie nun gute Predigten lesen, und ein gutes Werk thun wollen, so können Sie solche gegen I Thlr. erhalten. Hier ist die Grabschrift, die man auf ihn gemacht, davon Sie den Verfasser in Dresden haben.

Coste couche dans ce tombeau,
fut un modele de prudence,
de bonnes moeurs et d'eloquence;
Mais son éloge le plus beau
sont les larmes de son troupeau.

Wollen Sie die Uebersetzung davon lesen? Hier ist sie:

72

Er war, wird Costens Grab dich lehren.
Ein Muster von Rechtschaffenheit,
Von Weisheit und Beredsamkeit!
Doch schöner loben ihn die Zähren,
Die ihm noch seine Heerde weyht.

Er verdient sie, und sein Andenken wird nicht allein bey seiner Gemeine, sondern bey allen, die ihn gekannit, unvergeßlich seyn. Es ist zu wünschen, daß unsere Sprache mit einer guten Uebersetzung seiner vortreflichen geistlichen Reden möge bereichert werden. Leben Sie wohl liebste Freundin! denken Sie oft an
Ihre

Gottsched.

73
 

Hundert und eilfter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 25. Febr. 1753.

H. F.

Wie viel Stunden hat der Tag bey Ihnen liebste Freundin? So viel ist gewiß, daß Sie mehr arbeiten können, als ich, in den gewöhnlichen Stunden unsers Tages. Sie haben mehr Zerstreuungen, als ich, und beschämen mich doch mit Ihrem Fleiße! Aber was bewegt Sie mich in Versuchung zu führen? Sie verlangen einen Aufsatz von der Kinderzucht von mir, und ich behaupte, daß ich ganz unfähig darzu bin. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß ich die Absichten der Vorsehung, warum sie mir keine Kinder gegeben, auf keiner andern Seite betrachte, als daß ich sie für ein sicheres Markmal halte, daß ich mich zur Erziehung der Kinder gar nicht schicke. Es ist eine Materie, über die ich oft gedacht, in der ich aber nie die Feder

74 angesetzt habe. Wenn es geschähe: so würde ich Sachen sagen, die vielleicht der Welt sehr paradox vorkämen, weil ich die meisten Erziehungen tadeln möchte. So viel ist indessen ausgemacht, daß ich nie etwas sagen könnte, was Ihnen nützlich wäre. Sie besitzen die treflichen Gaben, die darzu erfordert werden, um aus Ihren beyden Kindern ein paar vollkommene Weltbürger zu machen. Die glückselige Probe, die Sie an Ihrem eigenen Herzen gemacht haben, setzet alle diejenigen in den Verdacht einer Verwegenheit, die Ihnen den mindesten Eingriff thun wollten. Unser Professor May hat vor einiger Zeit ein Werk von der Erziehung der Kinder geschrieben, darinnen alles vorkommt, was von dieser Materie gemeiniglich gesagt wird. Sie urtheilen recht, daß die Theorie das leichteste, die Ausübung aber das schwerste ist. Nur Sie allein, beste Freundin! Sie wissen beyde glücklich zu verbinden. Machen Sie sich Ihren eignen Plan; lassen Sie sich

75 durch nichts irren, was schon so oft gesagt und geschrieben worden, und was man noch oft sagen und schreiben wird. Folgen Sie Ihren Meynungen, es sind die besten, dieses sage ich ohne Schmeicheley, auf mein Gewissen. Sie werden unter dem Beystande Gottes die glücklichsten Folgen in Ihrer Erziehung erfahren. Gott und die Natur haben in Ihre Kinder alles geleget, was die Bemühung einer so guten Mutter und Führerin reichlich belohnen wird. Sie haben völlig recht, daß Sie nur die nöthigen Lehrmeister zum Unterricht zu Hülfe nehmen; es wäre auch unverantwortlich, wenn Sie bey Ihrer Einsicht, und bey der Muse, die Sie haben, jemand anders diese theuren Pfänder anvertrauen wollten. Sie haben an Ihren würdgen Gemahl den treusten Beystand. Hier fällt mir doch etwas bey, was ich Ihnen eben so freundschaftlich erinnern will, als Sie gewohnt sind alle Erinnerungen aufzunehmen. Ihr Gemahl weiß aus Erfahrung, wie nöthig

76 die lateinische Sprache einem jungen Edelmanne ist, auch wenn er sich dem Soldatenstanden widmet. Lassen Sie also diese Sprache Ihren Sohn nicht seichte erlernen. Ich wünschte allen jungen Edelleuten entweder auf Schulen, oder von ihren Informatoren recht fleißig im Latein unterrichtet zu werden. Die Grammatik, und alles was darzu gehöret, diese vortrefliche Sprache zu verstehen, müssen sie vom 6ten Jahre bis in das 10te erlernen. Die galanten Wissenschaften begreifen sie mit wenig Mühe. Ihr Sohn wird ein wenig scheel aussehen, aber es schadet nichts, er wird in Zukunft den Nutzen davon erfahren, und nachher gestehen, daß ich ihm gut gerathen habe.
Der weise Aristippes sagt: man sollte den Kindern in der Jugend lernen, was Ihnen im Alter zu wissen nöthig wäre. Dieser Meynung sind Sie gewiß auch, so wie Ihre
gehorsamste Dienerin

Gottsched.

77
 

Hundert und zwölfter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 4. März. 1753.

Hier haben Sie Rousseaus Briefe. Es sind Stücke darinnen, die würdig sind von meiner scharfsinnigen Freundin mehr als einmal gelesen zu werden. Dieß ist alles gesagt. Dieser vortrefliche Dichter und noch mehr dieser rechtschaffene Mann, hat zwölf und mehr Jahre nach seinem Tode den Proceß wider seine Feinde und Verläumder gewonnen, die ihn aus seinem Vaterlande vertrieben hatten. Welche Ehre für seinen Namen! die er aber leider zu spät erhält. Es ist ein Trost für alle diejenigen, die von ihren Zeitgenossen, ein gleiches Schicksal erfahren. Vielleicht ertheilen auch diesen die folgenden Zeiten die Gerechtigkeit, die ihnen die jetzige Welt versagt.

78 Was habe ich denn gesündiget, daß ich mit einem dreywöchentlichem Stillschweigen bestrafet werde? Ich suchte meine Ungedult zu bemeistern; ich hielt die Besuche, die Sie während dem Carneval, von den nach Dresden gereißten Fremden bekommen für eine Abhaltung, sich mit Ihrer Freundin schriftlich zu unterreden; ich schrieb Ihnen ganz kurze Briefe mit wahrer Selbstverleugnung um Ihr Vergnügen nicht zu unterbrechen; ich habe nicht geirret. Nunmehro melden Sie mir, daß Sie vor vielen Verhinderungen keinen Augenblick finden können, mir zwey Worte zu schreiben. Ach, beste Freundin, Sie wissen es recht gut, wie leicht es zween Freunden ist, den angenehmsten Briefwechsel zu führen, wenn das Herz der Vertraute von beyden ist. Wie leicht war es Ihnen bey allen Geschäften, mir vor vierzehn Tagen das zu sagen, was ich heute erst erfahren? Sie wissen... doch was wissen Sie nicht, von der Freundschaft, von ihrer

79 Gewalt, von ihren Empfindungen? nur jetzt haben Sie dieses nicht befolget und mich drey Wochen schmachten lassen. Der Gott der Freundschaft vergebe Ihnen dieses. Ich werde Ihnen trotz allen Hindernissen oft schreiben, daß Ihnen mein Herz ganz zugehört, und ich wünsche Ihnen so viel Gedult es so oft unermüdet zu lesen, als ich einen geheimen Trieb in mir finde es Ihnen recht oft zu sagen.
Erinnern Sie sich ja, wenn Sie die Briefe des Rousseau lesen, daß ich sie nicht alle für lesenswerth angepriesen. Es werden Ihnen viele darunter gar nicht gefallen; einige aber sind der Uebersetzung in allen Sprachen werth.
Sie haben den Cato des Addison begehret, und dieser hat seine Wiedererscheinung in der Welt, lediglich diesem Ihren Verlangen zu danken. Wenn Sie an dieser Versicherung zweifeln wollen, so wird es nun nicht mehr das

80 erstmal seyn, daß Sie mir Unrecht thun. Er bringt ein Frauenzimmer mit, das Ihnen bekannt ist, und ich verspreche ihn, um der angenehmen Genie willen, die Ihren ganzen Beyfall hat, die beste Aufnahme. Beyde sind glücklicher als ich, sie sind bey Ihnen, und werden sich nicht von Ihnen trennen, wenn Sie ihnen nicht selbst den Abschied geben; ich lebe entfernt mit den zärtlichsten Gesinnungen, und werde nie aufhören Ihnen ganz ergeben zu seyn

Gottsched.
 

  81

Hundert und dreyzehnter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 31. März. 1753.

Ich erscheine so wie Sie es befehlen, beste Freundin, ohne alles Gepränge. Ich bitte Sie aber feyerlich, sagen Sie nur mit der Aufrichtigkeit, die Ihnen so wohl ansteht, und Ihnen so natürlich ist, wie es mir läßt, so nachläßig vor Ihnen zu erscheinen? Nur Schönheiten pflegen im Neglige noch reitzender zu seyn. -- Wem aber die Natur diesen Vorzug versaget hat, der wird fast unerträglich, wenn er die Reitzungen vernachläßiget, die der Witz des Schneiders, des Friseurs und der Putzmacherin zu ertheilen weis. Nichts weniger als

82 eine Neigung zur Bequemlichkeit ist Ursache, daß ich Ihrem Verlangen, beste Freundin, sogleich gehorsame. Eine gewisse Flüchtigkeit im Denken, die Begierde Ihnen alle meine Gedanken zu entdecken, und das Schreibejoch, welches mir täglich aufliegt, erlaubet mir nicht in diesem Stücke allemal zu thun, was ich soll. Im ersten Falle, jagt immer ein Gedanke, Einfall, Nonsense (nennen Sie es wie Sie wollen) den andern, die Feder kann nicht nachkommen und siehe, da stehet was auf dem Papiere, das eben so viel Nachsicht erfordert, als die Frau von R. gegen mich bezeiget, um nicht ungelesen zu Papilloten bestimmt zu werden. In dem andern Falle ist meine Maschine gewohnt etwas aufzuschreiben, das heute von meinen Setzern gelesen und morgen in den Ofen geworfen wird, daß ich also mit dem besten Vorsatze keine zierliche Schrift herausbringen kann.

83 Addisons Cato thut mir mehr Dienste, als ich um ihn verdienet habe, wenn er meine Freundin bey so viel Stellen meiner erinnert. Mit doppeltem Eifer habe ich den dritten Aufzug, und die darinnen angemerkte Unterredung vom Marcus und Portius gelesen. "Die meisten Freundschaften dieser Erden sind oft nichts anders als Verschwörungen der Laster, oder Bündnisse der Wollust; aber unsre Freundschaft hat die Tugend zum Grunde, und diese endet sich nur mit dem Leben." Dieses unterzeichne ich mit freudigem Herzen. Aber auf die Frage des Marcus, "ob ich Ihnen in der Liebe nicht nachgeben will?" antwortet mein Herz mit einem stillen tiefen Seufzer: Wollte Gott! Ich habe es Ihnen oft gesagt, und ich wiederhole es noch jetzt: mein Glück überträfe alles mein Hoffen, wenn ich diesen Proceß gegen Sie verlöre. Ich sage oft darüber mit Molierens Misantrope:

84 - - je voudrois, m'en coutât - il grand chose, Pour la beautè du fait, avoir perdu ma cause.

Gottsched.

 

Hundert und vierzehnter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig, den 4. April. 1753.

Sie haben mir eine unbeschreibliche Freude durch das Geständniß gemacht, daß Sie die Vorrede zum Aufseher nicht gelesen, und überhaupt keine Vorreden lesen. Nun bin ich Ihnen, beste Freundin, doch in einem Stücke ähnlich! ich habe diese langweiligen ersten Seiten eines Buchs, so lange ich lesen kann, für sehr überflüßige Ohrenbläser gehalten, sie auch einmal öffentlich so genennet. Mein Freund hat mich über diese Nachläßigkeit oft ausgescholten, aber nun mag er mir noch ein Wort sagen --- Es lebe der Aufseher! --- Gleichwohl habe

85 ich etwas in dieser Vorrede gesagt, welches Sie lesen sollen, und jetzt bitte ich darum, auch den Verehrer der Engländer bitte ich Stelle zu lesen.

86 Sie verlangen meine Meynung, über die, am Friedrichstag in G. feyerlich gehaltenen Reden, hier ist sie. Die französische ist sehr mittelmäßig, die deutsche etwas besser. Die lateinische aber hat nicht anders als schön seyn können. Erstlich hat vermuthlich ein Baumeister daran gearbeitet, dem es an gründlicher Wissenschaft

87 und Zierlichkeit in dieser Sprache nicht fehlet. Daß aber auch ein Graf E . . . . eine solche Sache nicht gut machen, und schon jetzt zeigen sollte, was er in Zukunft seyn wird, daran ist nicht zu zweifeln. Die E . . . sind gemeiniglich vortrefliche Köpfe, es gehöret zu den Vorrechten ihres Geschlechts.

88 Mein Sohn hat am Friedrichstag abermal öffentlich Ehre eingelegt. Sie werden es meinen mütterlichen Vorurtheilen vergeben, wenn ich Ihnen nächstens seine Ritterthat gedruckt schicke. Wissen Sie, daß ich mit einem zweyten Sohne schwanger gehe? Ich werde, Ihnen meine Niederkunft melden.
Beyliegende drey Lettres au Public werden hier und in ganz Europa mit Aufmerksamkeit gelesen.
Aber etwas ganz neues. Voltaire ist hier, er selbst ist hier, ganz gewiß! Er stieg zuerst bey dem Hrn. Breitkopf ab. Ich wuste es, wollte mich aber nicht sehen lassen, weil mein Freund ausgegangen war, und ich seinen Entschluß erwarten wollte. Er kommt -- Hr. Breitkopf führet ihn zum Voltaire

89 hinein, dieser fraget: ob es in Leipzig bequeme Zimmer gäbe? ---Oui Monsieur, je Vous menerai dans une auberge où Vous serez parfaitement bien. - - - Man gieng hierauf mit dem ganzen Gefolge fort, der blaue Engel hätte die Ehre diesen Gast aufzunehmen. Voltaire hätte vielleicht lieber bey einem Dichter geherberget; allein es war allerley dabey zu bedenken, davon mein Herr und seine Frau schon lange vorher geredet hatten. --- Er ist krank, und ob er gleich vielleicht nicht so krank, als er sich stellet, so ist er doch eine zerbrechliche Maschine,un homme cassé qui a le malheur d'avoir 60. ans. Ich habe ihn noch nicht gesehen: er geht nicht aus, weil er kränker thut als er ist, und ein Buch wider den M . . . und wider die ganze Welt will drucken lassen. Mein Mann besucht ihn täglich, und findet mehr Tugend, Gelehrsamkeit, Gründlichkeit und Billigkeit gegen die Deutschen bey ihm, als er gedacht hat. Wo ich ihn nicht eher sehe,

90 so geschiehet es künftigen Donnerstag, da wir zusammen nach Meuselwitz fahren. Tout Voltaire qu'il est, weis ich wohl, mit wem ich unendlich lieber dahin führe! Er ist mit Bewilligung des Königs von Berlin abgereiset, weil er krank und fast dem Tode nahe gewesen und die Bäder zu Plombieres nöthig zu haben glaubt. ---
Leben Sie wohl, meine einzige, beste Freundin! Ihre Abwesenheit fällt mir noch immer unerträglich, und ich sehe nichts auf der Welt, was mir dieselbe einigermaßen lindern kann, als wenn Sie fest überzeuget seyn wollen, daß Ihnen niemand mehr ergeben ist, als Ihre treuste Freundin
Gottsched

 

Hundert und funfzehnter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 18. April 1753.

Nimmermehr hätte ich vermuthet, daß der letzte von meinen Geburtstagen auf eine so feyerliche Weise sollte verherrlichet werden. Sie thun mir die Ehre, die Freundschaft in einem angenehmen Gedichte unter meinen Nahmen zu besingen. Es ist eine Verleitung zum Hochmuthe, allein meine Bescheidenheit ist zu standhaft, um sich bey dieser Gelegenheit zu verläugnen. Eine wahre Schande ist es für mich, daß ich Ihnen in der Sprache der Sterblichen beantworte, was Sie mir in der Sprache der Götter gesagt haben. Ich kann Ihnen meine Dankbarkeit heute durch nichts zeigen, als daß ich meine liebste Freundin mit unausprechlicher Zärtlichkeit umarme und diejenigen Stunden

92 für die rühmlichsten meines Lebens halte, in welchen Sie so vorsetzlich, und so gütig an mich gedacht haben.
Lesen Sie doch, ich bitte Sie darum, die neue Schrift des Hrn. v. V. die in der Waltherischen Buchhandlung in Dresden zu haben ist. Sie heißt: Suplement au Siecle de Louis XIV. Sie ist voller Bitterkeit wider den Beaumelle und alle seine Feinde; aber stets in ihrer Art lesenswerth. --- Alles ist zu seiner Abreise von hier veranstaltet, ich habe ihn noch nicht gesehen, und das geht so zu; Er hat bisher noch immer den Kranken vorgestellt, und ich eine Person die eigensinnig genug ist, diesen Kranken, in seinem Quartiere nicht zu besuchen. Sein Secretair vertrat also die Stelle eines Gesandten. Er bekam allemal eben so viel Klagen über den Unstern, daß ein paar so außerordentliche Leute einander nicht kennen sollten, (dieses war sein Ausdrück) mit zurücke, als er mir überbracht hatte. Endlich bestimmte

93 ich diesen eingebildeten Kranken den Tag, wenn ich wollte gesehen seyn, und ihn bey mir sehen.
Lachen Sie nicht über diesen verwegenen Ausdruck! ich muste bey dieser Gelegenheit die Ehre der Deutschen behaupten, denen die Franzosen alle Kraft zu denken absprechen, und ich wollte den Stolz eines V. nicht vermehren. Eine ausgesuchte Gesellschaft sollte diesen Tag bey uns speisen, und Hr. v. V. sollte die grösseste Zierde meines Tisches seyn. Er hatte es auch versprochen, und ich, ich hatte mich gefaßt gemacht ihn mit französischer Höflichkeit zu empfangen. Wer aber außen blieb, war der Hr. v. V. und wer über diesen Eigensinn böse ward, bin ich. Nunmehro setzte ich mir vor, mich nicht sehen zu lassen, er möchte kommen, wenn er wollte. Dieses habe ich gehalten, und bey seinem Abschiede, den er in aller Form genommen hat, bin ich nicht zum Vorschein gekommen. So bin ich denn wie viele Adamskinder Schuld an meinem Verlust,

94 einen V. nicht gesehen zu haben. Er ist gleichwohl noch hier. Seine Staatskrankheit überfällt ihn sehr oft, und wenn diese morgen vorbey ist, so sehen wir uns auf dritten Orte, wie die streitigen Gesandten, nemlich in Meuselwitz, wo wir acht Tage zubringen und übermorgen dahin abgehen werden. Ich hoffe dort eine ruhige Stunde, um Ihnen auch da ungestört zu sagen, wie sehr ich Sie liebe und ewig lieben werde.
Gottsched.

95
 

Hundert und sechzehnter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 28. April 1753.

Liebste Freundin,

Sie haben mich mit einem dritten Sohne recht zu lachen gemacht. Werde ich nicht eine fruchtbare Mutter, mit andrer Leute Mühe, Arbeit und Kosten werden? Von Ihnen nehme ich alles an, Söhne oder Töchter, kleine oder große, ich weis, daß sie aus guten Händen kommen. Das kleine Paar ist sehr glücklich, daß es in Ermangelung eines fremden Hofmeisters, sich in den besten Händen seiner eignen Eltern befindet, die darzu gemacht sind, junge Herzen zu bilden. Wie schwer würde es Ihnen

96 aber auch bey Ihrer Einsicht fallen, einen guten Hofmeister zu finden, der Ihre Erwartung erfüllte, und Ihr Verlangen befriedigen würde? Sie haben völlig Recht, bey einer solchen Wahl, mehr auf Religion, Tugend und gute Sitten, als auf große Gelehrsamkeit und mannichfaltige Wissenschaften zu sehen, weil der Einfluß, den ein gutes Beyspiel bey der Jugend wirkt, den Nutzen auf die ganze Lebenszeit verbreitet.
Sie sagen ferner mit gutem Grunde: daß viele Gelehrte nicht die Gabe zum Unterricht haben, und daß viel zu wissen, nicht für den ersten Verdienst eines Hofmeisters gehalten werden sollte. Aber sagen Sie mir, scharfsinnige Freundin, wie viele finden sich unter dem großen Haufen derer, die so gerne Hofmeister seyn wollen, die durch ihre Tugend und Sitten, jungen Leuten die wohl erzogen werden sollen, zum Muster vorgestellt werden könnten? Die meisten suchen ein besseres Auskommen, wenn sie einige Jahre kümmerlich auf

97 Universitäten gelebt und ihr Selbst, ist das erste Augenmerk ihres Unternehmens. Die Sparsamkeit vieler Aeltern haben diese sonst wichtigen Stellen so unbedeutend gemacht, daß ein armer Candidat, der eben im Begriff war um die vacante Dorfschulmeisterstelle demüthig anzuhalten, das Herz hat, sich zu der ebenfalls unbesetzen Hofmeisterstelle des kleinen Junkers anzubieten; er glaubet, daß es viel bequemer sey ein Kind zu unterrichten, als dreyßig Kinder in der Schule zu haben. Dieses sind seine ganzen Begriffe von dem Amte, das er noch überdieses um des guten Herrschaftlichen Tisches willen dem sauren Schulmeisterdienst vorzieht. Ich habe selbst vor ein paar Jahren einen solchen Auftrag gehabt; wobey man nichts weniger als Ihre Meynung hegte: Daß ein guter Hofmeister nicht reichlich genug belohnet werden könnte. Man schreib mir die Ersparnis als eine Hauptsache vor, und mehr als 40 Thlr. wollte man nicht daran wenden. Dieses war der

98 eigne Ausdrück: dabey sollte derselbe gut rechnen und schreiben können, um im Nothfall die Verwalterrechnungen zu verfertigen. Ich blieb also bey der untersten Classe der Candidaten; denn ich hatte nicht das Herz einen Antrag einem von der Art zu thun, den ich mit billigen Vorschlägen gewählet hätte. Es meldeten sich dem ungeacht sehr viel; und ich ward müde, alle Augenblicke Leute zu sehen, die entweder ein besser Schicksal verdienten und erwarteten, als ich ihnen bestimmen konnte, oder andere, die ich mit gutem Gewissen nicht empfehlen konnte, weil mir diese so geringe scheinende Stelle vielleicht wichtiger war, als den Personen, die mich mit diesem Auftrag beehrten. Ich schrieb ihnen, daß der bestimmte Gehalt für einen tüchtigen Hofmeister viel zu geringe, und für ein schlechtes Subject noch zu stark wäre; ich wollte durch die Wahl eines unwürdigen Lehrers nicht Gelegenheit, zu dem vielleicht daraus folgenden Verderben ihrer Kinder geben.

99 Und ich ward mit fernern Aufträgen von daher verschont.
Fahren Sie in der lölichen Bemühung fort, liebste Freundin! Ihre Kinder selbst zu erziehen. Fällt Ihnen dieses zuweilen schwer; so bedenken Sie, daß es die edelste Beschäftigung vernünftiger Wesen ist, der Welt und dem Himmel würdige Bürger zu erziehen. Welche Bemühung kömmt dieser gleich? und welche belohnet so reichlich wie diese?
Ich freue mich, daß der Musenfreund in S . . einen Aesculap gefunden, der seine Gesundheit wieder hergestellt hat. Alles was R . . . . heißt, rührt mich so sehr, daß Sie unbillig wären, wenn mir dieses nicht für etwas angerechnet würde. Niemand kann Sie zärtlicher lieben als

Ihre

Gottsched.

100

Hundert und siebenzehnter Brief.

Zueignungsschrift
 

bey Ueberreichung der königlichen Academie
der Aufschriften und schönen Wissenschaften
zu Paris, ausführlicher Schriften.
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den 1. May 1753.

Durchlauchtigste Königl. Churprinzeßin
Gnädigste Fürstin und Frau.

Ew. kön. Hoh. gegenwärtigen ersten Band, eines der gelehrtesten und gründlichsten Werke, die das witzige Frankreich aufzuweisen hat, unterthänigst zu Füßen zu legen, geschiehet lediglich in der reinen Absicht, der Welt ein öffentlich Merkmal von der tiefen Verehrung zu

101 geben, die ich schon einige Jahre her, gegen Ew. königl. Hoh. geheget habe. So gerecht auch die Ursachen gewesen sind, die mich bisher von einem dergleichen Unternehmen abgehalten, und die sich bloß auf die Kenntniß meiner Schwäche gründen; so billig ist auch die Furcht, daß die Welt endlich mein Stillschweigen für eine strafbare Unempfindlichkeit auslegen möchte. Mein eigen Herz, dessen Vorwürfe ich allezeit am meisten zu scheuen gewöhnt bin, dröhete mir schon mit einem Verweise der Undankbarkeit. Die ausnehmende Gnade, deren Ew. Königl. Hoh. mich mehr als einmal gewürdiget haben, erforderte von mir ein öffentliches Opfer und ein lautes Geständnis: daß ich eben so lebhaft davon gerühret worden, als überzeuget ich bin, daß ich sie keinesweges verdiene. -- Ich weiß indessen so sehr, als irgend jemand, daß aus meiner eigenen Erfindung nichts entspringen kann, welches die scharfsichtige Prüfung einer so erleuchteten Prinzeßin ausstehen, und würdig

102 seyn könnte, vor Dero Augen zu kommen. Ich ergreife daher mit Freuden die Gelegenheit, an meiner Statt einige der gelehrtesten und scharfsinnigsten Männer eines Landes auftreten zu lassen, dessen geschickten Söhnen es schon lange Zeit geglückt hat, den Beyfall deutscher Fürsten davon zu tragen. Sie werden Ew. Kön. H. zwar von keiner Materie unterhalten können, die Denenselben nicht bereits bekannt, und oftmals geläufiger seyn sollte, als jenen selbst. Sie werden aber auch keine vorbringen können, die Höchstdieselben deswegen verachten sollten, weil Sie dieselben tiefer einsehen, als so viele, die ihr ganzes Leben den Wissenschaften widmen.
Hier muß ich abbrechen, und den wesentlichsten Theil der Schriften von dieser Art übergeben. Ew. königl. Hoh. erhabnes Lob überlasse ich derjenigen Feder, die von der Vorsehung bestimmt seyn wird, einst der würdigere Herold Dero vortreflichen Eigenschaften, und eben dadurch die Ehre ihrer Zeiten zu seyn. Ich, die

103 ich die Unfähigkeit meiner Feder nur gar zu oft empfinde, besitze nicht Verwegenheit genug, mich an das Meisterstück der Musen zu wagen. Zudem so sind die seltenen Vorzüge der Schutzgöttin sächsischer Musen, der Welt viel zu bekannt, als daß sie eines anderen Zeugnisses bedürfte, als die unsterblichen eigenen Werke einer Maria Antonia. Ew. Königl. Hoheit werden also gestatten, daß ich die gnädigste Erlaubnis, welche ich erhalten habe, Dero höchsten Nahmen diese Werke vorzusetzen, durch ein Unterfangen nicht entweihe, zu welchem ein Griffel gehöret, der über die besten seiner Zeit so erhaben ist, als Ew. Königl. Hoheit durch Dero vortreflichen Eigenschaften über die mehresten Personen Dero Standes erhaben sind.
Geruhen Sie, Durchlauchtigste Gnädigste Frau, mich ferner eines Schutzes und einer Gnade zu würdigen, die alle Geschicklichkeit ersetzen werden, welche mir fehlet. Mein ganzes Verdienst werde ich lebenslang in den
104 eifrigsten Wünschen für das höchste Wohlseyn Dero allertheuresten Person, und in der tiefsten und treuesten Verehrung suchen, mit welcher ich bis an das Ende meines Lebens beharre
Ew. K. H.

unterthänigste Dienerin
Gottsched.

 

Hundert und achtzehnter Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig den 22. May 1753.
Liebste Freundin,
Es ist mir ganz unmöglich länger in der Ungewißheit zu bleiben, wie Sie sich befinden; und ob Ihr langes Stillschweigen eine Frucht des Kaltsinns, oder eine Strafe für mein letztes gar zu weitläuftiges Geschwätze sey? Wäre das erste

105 so würde ich das jetzige Jahr unter die unglücklichsten meines Lebens rechnen. Seit dem Anfange desselben quält mich ein Verdruß und Gram nach dem andern, und das bey einer solchen Ueberhäufung von Arbeiten, daß meiner Gesundheit dieses nicht anders als nachtheilig seyn kann. Wäre aber das letztere, so strafen Sie mich nur nicht so hart. Sie können sich nicht vorstellen, liebste Freundin, wie mir bey Ihren Stillschweigen zu Muthe ist.
In Meuselwitz habe ich zwar keinen Augenblick zugebracht, ohne an Sie zu denken, aber auch keinen finden können, Ihnen solches zu melden. Sechs lange Predigten beschäftigten uns die drey Feyertage, und die täglich ab- und zufahrenden Visiten bey der Frau Feldmarschallin, den übrigen Theil der Woche bis zu unserer Abreise. Als ich hier ankam, warteten meine Setzer mit leeren Händen auf mich, denen ich Dedicationen, Vorreden, Einleitungen usw. zu siebenzig gedruckten Bogen schaffen mußte,

106 die diese Messe von meiner Feder herum laufen. Es sind die ausführlichen Abhandlungen der schönen Wissenschaften der königl. Academie zu Paris, davon ich den ersten Band Ihro Königl. Hoheit der Churprinzeßin an vergangener Messe zu überreichen, die Ehre gehabt. Da habe ich auf der gelehrten Galeere gesessen, und bin doch noch nicht fertig. Ich lasse aber alles liegen, um nur Ihnen, liebste Freundin zu sagen, daß mein Kopf vor Geschäfte ganz zerrüttet ist, daß ich keine Nachricht von G.. habe, daß mich dieses noch mehr beunruhiget, daß ich ohnerachtet ihres Stillschweigens dennoch die Versicherung wiederhole, bis an das Ende meines Lebens Ihnen treu und ergeben zu seyn.
Gottsched.

 

  107

Hundert und neunzehnter Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 26. May 1753.

Beste Freundin,

Nichts ist billiger, als die förmliche Abbitte, die Sie von mir fordern; so billig, daß ich Ihnen selbst die Wahl der Ausdrücke überlasse. Ich unterschreibe alles nach allen Sylben und Buchstaben, und trage meinem gar zu glücklichen Kupferstiche auf, die demüthigste und reuigste Stellung bey dieser feyerlichen Handlung anzunehmen. Werfen Sie ihn in Ihr Schreibepult, oder gar voller Umwillen auf einige Stunden in eine Ecke Ihres Zimmers: er wird noch allemal an einem Orte seyn, den sein Original ihm beneidet. Ich betheure Ihnen, unschätzbare Freundin, daß meine Unruhe außerordentlich war, als ich in dem unglücklichen

108 schreiben, welches Ihren Umwillen erregt hat, einige Linderung suchte.

Wer viel verlieren kann, der hat auch
viel zu scheuen.

werden Sie einmal bey einem schlechten Dichter oder Dichterin gefunden haben, und mein leidiges Temperament läßt mich allemal bey jeder Unruhe das ärgste besorgen. Ihre Freundschaft meine Theuerste, rechne ich unter die wesentlichsten Glücksgüter, die ich gegenwärtig in der Welt besitze, und ich gerieth über die Vorstellung, daß ich solche verlohren hätte, in einen Kummer, über den ich nicht mehr Meister war. Sobald mir aber nur Ihr unschätzbares Schreiben eingehändigt ward, that ich solchem mit hundert Küssen die erste Abbitte, und ich wiederhole diese jetzt mit dem aufrichtigsten Herzen. Verzeihen Sie der Zärtlichkeit einen Fehler, in Absicht der redlichsten Gesinnung. Das [] mehr thun will ich Ihnen zwar versprechen,

109 allein ich fürchte bey meiner täglich zunehmenden Ergebenheit gegen Sie, daß ich nicht genug Stärke besitzen werde, ein langes Stillschweigen zu ertragen, wenn man mich nicht bald von den Ursachen desselben unterrichtet.
Die kleine Abgötterey, welche Sie mit meinem Bilde treiben, ist schmeichelhaft für mich. Ihr Gemahl könnte mir dabey einen großen Gefallen thun, wenn er diesen Kupferstich in den Camin würfe; und auf diese Weise ein Blatt aus der Welt schaffte, darüber ich von Herzen neidisch und eifersüchtig bin.
Ich habe Ihnen noch nichts von unsern Voltaire gesagt. Dieser ist in Gotha, befindet sich daselbst ungemein wohl, und wird noch eine kurze Zeit daselbst bleiben. Hier sende ich Ihnen eine Schrift, die M. im Namen des V. wider den Hrn. v. V. in Cassel hat drucken lassen. Diese beyden Leute beleidigen sich selbst und ihre eigene Ehre so sichtbarlich, daß diese in den Augen der vernünftigen Welt immer

110 Flecken behalten wird. Ich erwarte mit Verlangen, welche von diesen drey sich streitenden Mächten zuerst Friede machen wird. Es ist hier nicht die Frage, wer das meiste Recht hat: sondern nur wer das seinige behaupten wird. Wessen Parthey wählen Sie? Ich glaube, es kommt hier nicht auf den Grund der Sache an. Die geschickteste Feder wird den Sieg erfechten. Ich verschweige meine Meynungen, aber ich werde mich hüten, mich zu der unbilligen Parthey zu schlagen. Das Unrecht sey so schön als es wolle gesagt, so bleibt es doch Unrecht. Ich liebe die Wahrheit, und unter dem Schutz derselben, versichere ich Sie, daß ich Ihr eigen bin.
Gottsched.

111
 

Hundert und zwanzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 21. Junii 1753.

Keine Krankheit, sondern eine ununterbrochene Kette von Arbeit und Zerstreuungen, wozu unsere nahe Abreise Gelegenheit giebt, ist die Ursache meines dreywöchentlichen Stillschweigens. Ich wollte Ihnen den eigentlichen Tag meiner Abreise bestimmen, und mir Ihre Antwort an einem dritten Orte erbitten. Jetzt kann ich nur einen Theil meines Vorsatzes erfüllen.
Ihre Betrachtung über den Tod würde mich erschrecket haben, wenn ich solche nicht eher für eine Frucht der Stärke Ihres Geistes, als der Schwäche Ihres Cörpers ansähe. Sie verwundern sich, daß betagte Leute meistentheils den Tod mehr scheuen, als junge Personen; ich glaube die Gewohnheit zu leben, oder das Verlangen

112 alle gefaßten Anschläge aufs zukünftige noch erfüllet zu sehen, ist die einzige Ursache dieses geheimen Grauens. Ich kenne keinen unseligern Zustand, in welchen der Mensch gerathen könnte, als die Furcht vor dem Tode, und es ist einer der wichtigsten Bewegungsgründe, warum ich mir kein hohes Alter wünsche, um zuletzt nicht auch in diese Schwachheit zu verfallen. Wenn alle Menschen richtige Begriffe von der Nichtigkeit irrdischer Dinge, und von der aus erwartenden grenzenlosen Seligkeit hätten, wenn unsere Maschine in Nichts zerfällt: oder biblisch zu reden; wenn der irrdische Bau unserer Hütte zerbrochen wird; wie wäre es möglich, daß so viele sich vor dem Tode scheueten, und oft ein sieches Leben einer baldigen Befreyung weit vorzögen? Es ist eine wahre Schande für manche Christen, daß sie von vernünftigen Heiden hierinne beschämt werden. Mit welchem Muthe lößten jene die Bande dieses Lebens, um der Ewigkeit

113 entgegen zu eilen? Sie haben mich einmal heute zu Betrachtungen des Todes verleitet, so lesen Sie noch folgende trefliche und unterrichtende Stelle aus einem der scharfsinnigsten und gründlichsten englischen Schriftsteller, welche Ihnen mehr sagen wird, als noch etliche Bogen von Ihrer schwatzhaften Freundin.
Addison im Guardian sagt:

“Der Anblick des Todes ist so erschrecklich und finster, daß er, wenn er beständig vor unsern Augen wäre, uns alle Süßigkeiten des Lebens vergällen würde. Der gnädigste Schöpfer hat uns daher so geschaffen, daß wir mancher angenehmen Empfindung und Betrachtung fähig sind; und vielerley Vergnügungen und Kümmernisse erleben können, damit unsere Gedanken abgehalten werden, einem Uebel nachzudenken, welches wegen seiner anscheinenden Entfernung, in das Gemüthe nur schwache Eindrücke macht. Allein die Zeit unsers Todes sey so fern sie immer wolle, so ist es doch

114

nöthig, weil es gewiß ist, daß wir sterben müssen, einen Theil unsers Lebens zur Betrachtung des Endes desselben zu bestimmen. Es ist ungemein dienlich, daß man eine gewisse bestimmte Zeit, den Betrachtungen über den letzten Zeitpunct unsers hiesigen Daseyns aussetze. Die Selbstliebe wird uns, da wir Menschen sind, schon anlocken zu erforschen, was wohl nach unserer Auflösung aus uns werden möchte? und unser Gewissen wird uns, da wir Christen sind, unterrichten, daß wir nach Beschaffenheit unserer guten oder bösen Thaten allhier, in die Wohnung der ewigen Glückseligkeit oder Quaal versetzet werden sollen. Wenn man dieses ernstlich erwäget, so muß man es für eine Thorheit halten, gegen diesen finstern Augenblick sich nicht genug vorzubereiten. Wenn wir vollends gar bedenken, daß dieser finstre Augenblick vielleicht heute noch kommen kann, wie wachsam sollen wir denn nicht seyn?

115

“Mich hat ein gewisses Gespräch, welches ich unlängst mit einem bekannten Geistlichen über dieser Sache hatte, ungemein gerührt. Die Erwägung, sagte dieser fromme Mann, daß mein Wesen nur gleichsam ein Darlehn ist, hat mich schon vor vielen Jahren zu einem Entschlusse gebracht, den ich sorgfältig gehalten, und dem ich die gröste Zufriedenheit verdanke, die ein Sterblicher genießen kann. Alle Abende, ehe ich mich zu meinem Schöpfer wende, durchsuche ich mein Herz und frage mich selbst: ob ich, wenn Gott diese Nacht meine Seele von mir fordern sollte, wohl Gnade von ihm hoffen könnte? Die herbe Angst, die ich bey dieser meiner ersten Selbstprüfung auszustehen hatte, war nicht fähig, mich in Verzweiflung gegen das Erbarmen zu bringen, welches über alle Werke Gottes waltet. Sie war vielmehr ein neuer Bewegungsgrund zu einer größern Behutsamkeit in meiner künftigen Aufführung. Je, öfter ich mich nachher

116

auf dergleichen Prüfungen beflissen, je mehr nahm meine Angst ab; und da ich mir die Todesgedanken bekannter machte, so ist nunmehro dasjenige, was mir im Anfang so furchtbar und anstößig vorkam, das wahre Vergnügen meines Lebens geworden. Freylich haben mich diese Betrachtungen ernsthaft gemacht, aber doch nicht mürrisch; ja sie haben meine Gemüthsart so wenig verdrießlich gemacht, daß, da ich von ganz gesetztem Geiste bin, und eine gewisse verborgene Quelle der Freuden im Herzen habe, auch mein Geist beständig heiter und mein Umgang angenehm ist. Ich schmecke alle unschuldige Vergnügungen des Lebens, lauter und so wie sie sind; ich nehme keinen Theil an denen Ergötzungen, die eine Reue hinter sich lassen, und keine Art von Lust erfreuet mich, darinnen lauter Angst verborgen ist.”

Ich weis nichts weiter hinzuzusetzen, als daß ich wünsche, diese Gesinnungen möchten

117 allgemein werden! Wie glücklich würde das Leben der Menschen, und wie glücklich, setze ich kühnlich hinzu, ihr Sterben seyn. Ich bin auf alle Fälle bereit, und immer Ihr eigen.
Gottsched.

 

Hundert und ein und zwanzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 26. Junii 1753.

Ich komme Ihnen mit einer Abschiedsumarmung entgegen, liebste Freundin, weil ich nur noch wenige Tage Ihnen so nahe seyn werde, als ich in diesem Augenblick bin. Mein Herr und Gebieter will mich noch weiter von Ihnen führen, als Ihr Gemahl, (dem ich mich bey dieser Erinnerung unmöglich empfehlen kann,) Sie vor einem Jahre von hier führte. Leben Sie wohl, beste und einzige Freundin! Vergessen

118 Sie mich nicht, wenn ich Sie gleich künftig einige Posttage später meiner erinnern werde, als bisher geschehen ist.

Das Andenken des Besitzers von Sch . . ist mir sehr schmeichelhaft; allein seine Gunst durch Uebersetzung der Visionen im höchsten Grad zu verdienen, ist mir nicht möglich. Ich bin auf dieses Jahr, und also auf meine ganze Lebenszeit, (welche ich bey meiner schwachen Gesundheit jedes Jahr zu endigen hoffe,) mit Arbeiten überhäufet. Ich muß zu einem Werke von sechs und dreyßig Bogen, Manuscript hier lassen, damit es in meiner Abwesenheit gedruckt, und künftige Messe unsrer Durchlauchtigsten Chorprinzeßin übergeben werden könne. Geben Sie acht, man wird mich einst mit der Feder in der Hand begraben, damit sie, wie Addison von den Zungen der Französinnen sagt, auch im Grabe nicht ruhe. Eine Zerstreuung ist meinem Geiste und meinem Körper höchstnöthig, und ich werde meine Reise

119 mit Vergnügen antreten, wenn ich gewiß hoffen kann in Cassel einen Brief von Ihnen zu finden. Diese angenehme Erwartung, wird mich auf allen grundbösen Wegen, die ich vor mir habe, begleiten, und mir das unangenehme davon unmerklich machen. Dann will ich mich ganz ungestört meiner besten Freundin erinnern. Mit welcher süßen Zufriedenheit will ich diesen Gedanken nachhängen! Ja, liebste Freundin, unsre Herzen und unsere Gedanken sollen immer vereiniget bleiben, ob wir gleich dem Körper nach immer von einander getrennt leben müssen. Zweifeln Sie also getrost zuweilen an meinem Leben; es ist nichts unmögliches, in einer fremden Gegend krank zu werden und zu sterben, zweifeln Sie aber ja niemals an meiner zärtlichsten Ergebenheit, denn diese nehme ich mit ins Grab, und werde auch noch jenseit des Grabes Ihnen eigen seyn.
Gottsched.

120
 

Hundert und zwey und zwanzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Gotha den 5. Jul. 1753.

Theureste Freundin,

Was mir in Leipzig, so sehr mein Herz sich auch darnach sehnte, ganz unmöglich gewesen ist, das thue ich hier, wo wir vor zwey Stunden angekommen sind. Ich nehme von Ihnen auf ein paar Monate Abschied. Das bedeutet aber nichts mehr, als daß ich meine Zuschriften nicht so ordentlich absenden, und Ihre Briefe nich so zuversichtlich erwarten kann als bisher. Kreutz genug für mich! Alles was ich Ihnen noch sagen kann ist dieses: Vergessen Sie mich nicht ! ! !
Nunmehro will ich Ihnen Bericht von meiner bisherigen Wanderschaft abstatten? Wollen

121 Sie ihn hören? Wir reisten --- aber nein! ich muß zuvor wegen meiner schlechten Schreiberey um Vergebung bitten. Sie haben mich zuvor schon oft im Neglige gesehen, lernen Sie mich also auch in meinem Reisehabit kennen. Feder, Dinte und alles ist vom Wirthezur Schrappe (das ist verdollmetschet: eine Pferdestriegel.) Die Feder mag, wie ich aus ihren Zügen sehe, wohl zuweilen die Stelle der doppelten Kreide vertreten haben. Wir reiseten also den 2ten Jul. früh aus Leipzig, und kamen denselben Abend nach Naumburg. Den folgenden Tag brachte ich mehrentheils bey der Frau Geheimdenräthin von S... zu, die eben halb krank war. Wir redeten viel von Ihnen, liebste Freundin, und Sie bedauerte, daß Sie sich nicht hätten bewegen lassen, auf des Hrn. Feldmarschalls Jubelhochzeit zu bleiben --- Ich seufzte sehr bey dieser Klage, und wenn es

122 Ihnen nicht einfällt weswegen; so sollen Sie es zur Strafe auch nicht erfahren.
Die Mittwoche kamen wir in der Nacht in Erfurt an; wo ich ungefehr sechs und dreyßig kostbare Stunden verschwendet habe, weil ich keine Seele daselbst kenne; das abscheuliche Regenwetter verhinderte mich auszugehen, um die Merkwürdigkeiten des Orts auszuspähen. Mein lieber Reisegefährte hat indessen auch für mich alle Erfurtische Seltenheiten besehen, und mir eine genaue Beschreibung von allen gemacht. So viel habe ich wohl bemerkt, daß es ein Ort voller alter gothischen Gebäude ist, darinnen ich nicht einmal nach meinem Tode wohnen möchte. Eine dasige Poetin habe ich als die einzige Merkwürdigkeit kennen lernen, eine überaus stille, niedergeschlagene Frau, die irgend ein heimlich Hauskreuz zur Dichtkunst gebracht hat, denn viel poetisches Feuer habe ich an ihr nicht bemerkt. Heute zu Mittage sind wir bey erschrecklichem bösen Wege hier angekommen,

123 und ich mache mir das Vergnügen, mich gleich nach unserer Ankunft mit meiner liebsten Freundin, von der ich neun und dreyßig Meilen entfernet bin, eher zu unterhalten, als die Personen zu sehen und zu sprechen, von denen ich mir so viel Schritte entfernet bin. Solche unmöglich scheinende Dinge stehen in der Macht der Freundschaft. Und das ist die Geschichte meiner Reise von Leipzig bis Gotha.
Ich lache über mich selbst, und zwar über die Aehnlichkeit, die ich mit einer gewissen deutschen Gesellschaft habe. Diese hat vor kurzen ihre Geschichte im Druck herausgegeben, ungeachtet niemand glauben will, daß sie bereits Geschichten erzählen kann, so jung ist sie. Ich schreibe Ihnen die Geschichte meiner Reise, und bin erst fünf Tage von Hause weg! Cela se ressemblo comme deux goutes d’eau. Aber es thut nichts. Soll sie doch auch niemand lesen, als Sie, beste Freundin; und hier soll sie auch auf heute beschlossen werden. Da ich nicht die

124 geringste prophetische Gabe besitze; so will ich mich in die Geschichte der zukünftigen Zeit gar nicht einlassen, und meine fernern Abentheuer sollen Sie erfahren, sobald es mir möglich seyn wird, geschehene Dinge zu erzählen.
Leben Sie wohl, meine einzig geliebte Freundin. Versagen Sie mir den Trost nicht, in Cassel einige Zeilen von Ihrer Hand zu finden. Ich werde es als einen Beweiß, daß ich Ihnen auch abwesend nicht gleichgültig bin, aufnehmen.
Gottsched.

125
 

Hundert und drey und zwanzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Cassel den 16. Julii 1753.

Die freundschaftlichen Zeilen, welche mich in Leipzig antreffen und gegen die Entfernung von meiner Freundin waffnen sollten, habe ich erst in Cassel erhalten, wo wir nach überstandenen abscheulichen Wegen, den 10ten des Abends sehr spät angekommen sind. Unser Kutscher hatte die Geschlicklichkeit uns sehr glücklich umzuwerfen, denn wir sind unbeschädigt wieder aufgestanden. Empfangen Sie hier den Dank für die guten Wünsche, womit Sie mich begleitet haben; sie sind die Folge einer Zärtlichkeit, deren ganzen Werth ich fühle. Ich will Ihnen noch mehr sagen: ich schreibe Ihren Wünschen den größten

126 Theil der glücklichen Begebenheiten zu, die mir seit meiner Abreise von Leipzig begegnet sind, und die ich in aller ihrer Stärke fühlen würde, wenn ich bey der immer weitern Entfernung von meiner besten Freundin, ein reines Vergnügen zu empfinden fähig wäre.
Aus Gotha habe ich Ihnen eine sehr unordentliche Beschreibung meiner Reise zugesandt. Dies Blatt wird in allen Stücken der Compagnon zu jenem werden. Bey der Lebensart, die ich jetzt führe, ist es nicht möglich meine Gedanken in Ordnung zu bringen. Eine Luftfarth, eine Schmauserey, wird von der andern abgelöset, und meine Begierde alle Seltenheiten hier zu sehen, beschäftiget mich sowohl als meine Freunde, die so gefällig sind, meine Neugier zu befriedigen.
Jetzt da ich dieses schreibe, sitzt mein Mann und läßt sich malen. Etliche Kinder schwärmen um ihn herum wie kleine Liebesgötter, damit die Langeweile in seinen Gesichtszügen

127 nicht Wurzel fasse. Bey mir würkt ihre jugendliche Freude just das Gegentheil ---Schliessen Sie also, wie dieser Brief gerathen kann und wird. Den Tag als mein Schreiben aus Gotha abgegangen war, erhielt ich die Erlaubniß, der Herzogin aufzuwarten. Mein Freund war in gleicher Absicht nach Hofe gegangen. Ich hatte die Ehre, eine lange und sehr gnädige Audienz bey dieser Fürstin zu erhalten. Sie sprach viel vom Hrn. von Voltaire und schien, so wie die Frau von B . . ganz eingenommen für ihn zu seyn. Wie schmeichelhaft ist dieser Beyfall nicht für den Hrn. von Voltaire! Von der Frau von Buchwald muß ich Ihnen noch sagen, daß sie ihrem Geschlechte und ihren Zeiten wahre Ehre macht, und ungemeine Kenntnisse, weitläufige Belesenheit, reife Einsicht, kurz, alles besitzt, was einen erhabnen Geist bezeichnet. Ich zähle die Bekanntschaft mit dieser Dame unter die glücklichsten Begebenheiten meiner Reise. Nach einer guten

128 Stunde, die ich hier zugebracht, sagte mir die Prinzeßin Louise, daß ich mit Ihr speisen sollte, und ich folgte diesem Befehl. Ihre Herren Brüder, einige Dames und Cavalliers machten die Gesellschaft aus; und mein Mann ward nach gehabter Audienz bey des regierenden Herzogs Durchl. ebenfalls an diese Tafel gezogen. Wir hatten hier Gelegenheit die Glückseligkeit künftger Völker, unter der Regierung gütiger und leutseliger Fürsten, in unsern Gedanken zu betrachten.
Nach einigen Tagen setzten wir unsern Weg nach Cassel fort---

Den 20sten Jul.

So weit war ich in meinem Schreiben gekommen, als ich gestöret ward. Bisher haben wir hier nichts gethan, als die seltensten Wunder der Natur und der Kunst betrachtet. Die gleich an diese Stadt stoßende Aue, der Carlsberg oder sogenannte weiße Stein, die Kunstkammer, das fürstliche Bad, des Erbprinzen

129 Garten, das Modellhaus, haben theils ihres gleichen würklich nicht, theils sind sie so merkwürdig, daß es eine Schande für einen Fremden wäre sie nicht zu sehen. Doch die fürstlichen Personen, die ich zu sehen das Glück gehabt habe, werden Sie mehr als diese leblosen Schönheiten interessiren. Die verwittwete Prinzeßin Max war die erste, die uns rufen ließ, und in einer gnädigen Audienz uns den vortheilhaften Begriff von den fürstlichen Personen dieses Hauses machte. Ihre zwo Prinzessinnen waren zugegen. Die Prinzeßin Braut kann ohne Schmeicheley eine Schönheit genennet werden. Dabey ist Sie leutselig, witzig und auf eine ihrem Range anständige Art munter und lebhaft. Auch zu Wilhelmsthal sind wir gewesen, wo der regierende Herr sich befindet und die Natur seinen Befehlen unterwürfig

130 macht, um der Nachwelt ein Muster eines fürstlichen Lustschloßes und Gartens zu hinterlassen. Mein Mann hatte die Ehre an des Landgrafens Tafel gezogen zu werden, und ich mit der übrigen Reisegesellschaft, wurden in unserm Quartiere aus der fürstlichen Küche und Kellerey bewirthet. Nach der Tafel giengen wir in den Garten, wo ich die Ehre hatte den Landgrafen zu sprechen und den großen Fürsten in ihm zu finden, für den er mir von Kennern beschrieben worden ist. Des Erbprinzens Durchl. war auch dabey und luden uns nach Geismar ein, wohin wir morgen abgehen werden. Gestern ließ Ihro Hoheit die Erbprinzeßin mich zu sich rufen. Jetzt erfahren Sie von dieser Unterredung nichts; ich verspare diese Erzählung bis ich das Vergnügen erlebe, Sie zu sehen und zu sprechen. Von hier gehen wir nach Göttingen, und alsdenn wird unsere Rückreise angetreten. Lassen Sie mich nicht bis dahin nach einer Nachricht von Ihnen

131 schmachten! Leben Sie wohl, vortreflichste Freundin! ich bin fern und nah mit einer Zärtlichkeit, die ihres gleichen nicht hat, Ihr eigen
Gottsched.

 

Hundert und vier und zwanzigster Brief.

An die Frau S.
Hannover den 7. Aug. 1753.

Hochzuehrende Frau,

Ich müßte sehr undankbar seyn, wenn ich Ihnen für die überaus liebreiche Aufnahme, deren Sie mich in Ihrem Hause gewürdiget haben, nicht die verbindlichste Erkenntlichkeit versicherte. So lebhaft ich bereits in -- davon gerühret worden bin: so kann ich doch nicht leugnen, daß ich nachhero noch die Wahrheit des alten Sprüchworts erfahren: Man erkennet das Gute nicht eher, als bis man es

132 verlohren hat. Unzählige eckelhafte Gegenstände erinnerten mich an das Vergnügen, welches ich in Ihrem Hause und bey Ihrer angenehmen Bewirthung genossen habe. Doch es ist nicht meine Absicht, mir oder Ihnen das Herz schwer zu machen, und die Betrübniß zu erneuern, davon Sie mir bey meinem Abschiede so rührende Proben gegeben haben. Ich habe diese als Zeugnisse Ihrer freundschaftlichen Gesinnung angenommen, welcher ich mich auch ferner auf das eifrigste empfehle.
Ich will Ihnen hier eine kurze Geschichte meiner Lebensart entwerfen; urtheilen Sie selbst, ob ich mich verbessert oder verschlimmert habe.
Sobald wir unter anhaltenden Regen in * * * gegen 8 Uhr des Abends angelanget waren, setzten wir uns zu Tische. Nach einer kurzen Mahlzeit, legten wir uns in das uns angewiesene Schlafgemach, in welchem wir vor großer Müdigkeit, das Getöse der Mäuse verschliefen. Die folgenden Nächte wurde ich von

133 meinen Todfeinden, bis gegen Morgen vom Schlaf abgehalten, eine Sache die mir höchst unangenehm gewesen ist. Alle Tage unsers Aufenthalts haben wir uns durch die * * *er Küchenzedöel durchgeschmaußet. Wenn ich Ihnen sage, daß wir fast täglich vierzehn warme Speisen und einen weitläufigen Nachsatz gehabt, dabey aber auch über fünf Stunden bey Tische gesessen: so werden Sie leicht schlüßen, daß wir nicht Hungers gestorben sind. Wie oft habe ich an diesen reich besetzten Tafeln, an die * * *ischen Mahlzeiten mit Wehmuth zurücke gedacht! Sonnabends früh, erschien endlich die von mir so lange gewünschte Stunde, da wir unsern Stab weiter setzten. Hier dachte ich ebenfalls an Ihre liebreiche Fürsorge zurücke. Es ward uns zwar ein sehr artiges Frühstück aufgetragen, allein da es erst sieben Uhr war, konnten wir keinen Bissen davon genüssen. Es würde uns besser auf der Mittagsstation zu statten gekommen seyn, wo wir nichts als alter

134 Butter und verdorbenen Käse bekommen konnten. Die Landstrasse führte uns endlich auf verzweifelte böse Wege. Sie können errathen, wer darüber ungedultig ward, schimpfte und schmählte: ich habe treulich geholfen. Diese Wege sind ordentlich zum Räderbrechen gemacht. Sie werden jährlich mit 20,000 Thlr. nicht verbessert, sondern verschlimmert. In allen Städten sind wir bis über die Achsen im Kothe gefahren, aber hier in Hannover ist das Pflaster kostbar. Wenn in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe, der Herr Geh. R.v.M. nicht einen gewissen Dichter zur Tafel hätte, und in allen Stücken ein so gnädiger Herr wäre: so könnte den H --- Wegen, mit den Oberpfälzischen leicht einerley Ehre wiederfahren.
Den unermüdeten, fleißigen, dienstfertigen und redlichen Herrn R-- bitten wir beyde, ich und mein lieber Reisegefährte, uns auf das beste zu empfehlen. Seine Freygebigkeit hat uns sogar auf dem Wege begleitet, und wir

135 haben noch gestern auf sein Wohl, den edlen Rebensaft getrunken, den wir seiner Güte zu danken hatten. Wir werden uns alle Merkwürdigkeiten hiesiges Orts bekannt machen und auch Herrnhausen sehen. Leben Sie wohl, liebste Freundin, ich umarme Sie mit aller Zärtlichkeit und bin

verbundenste Dienerin Gottsched.

 

Hundert und fünf und zwanzigster Brief.

An die Fr. v. R..
Hannover den 8. Aug. 1753.

Liebste Freundin,

Hier bin ich nunmehro auf den höchsten Punct meiner Entfernung von Ihnen! Morgen früh

136 fange ich wieder an, mich meiner besten Freundin zu nähern. Wie sehr erheitert dieser Gedanke mein ganzes Gesichte! Sie haben viel Gewalt über meine Gemüthskräfte, das ist ganz gewiß. Mein Reisegefährte bemerket viel mehr Zufriedenheit an mir, da es zur Rückreise geht, als da wir in Leipzig unsere Ausflucht veranstalteten. Wir kehren über Braunschweig, Wolfenbüttel, Hildesheim, Quedlinburg und Halle, in unser Leipzig zurücke. Vermuthlich werden Sie, oder Ihre Briefe in drey Wochen mich wieder daselbst finden. Eins von beyden erwarte ich mit Sehnsucht. Ich weiß nicht, wo ich in meinem Tagebuch geblieben bin, und kann also nichts davor, wenn ich Ihnen von meinem Lebenslaufe, der auf dieser Reise wichtiger geworden scheint, etwas unterschlage. Um mich nicht selbst zu wiederholen, melde ich Ihnen, daß wir den 28. Jul. aus Cassel gereiset, und denselben Abend noch in Göttingen angekommen sind. Hier wurden wir von dem

137 Herrn Hofrath Richter, von dem Herrn Baron von Wallmoden, dem Herrn Canzler von Moosheim, dem Hrn. geh. Justitzrath Gebauer, den Hrn. Hofrath Gesner und noch vielen andern Gelehrten, ungemein gütig aufgenommen, und alle Tage herrlich bewirthet. Nachdem uns alles sehenswürdige gezeiget worden, sind wir den 4ten Aug. von dort abgereiset und den 5ten zu Mittage hier angekommen. Auch hier wiederfährt uns viel Ehre. Wir haben Herrenhausen, den königlichen Pallast und Garten mit allen daselbst befindlichen schönen Wasserkünsten gesehen. Ob diese gleich den Casselschen nicht beykommen, so sind sie doch in ihrer Art auch schön und sehenswürdig. Hier habe ich die Bekanntschaft des so berühmten Hofrath Werlhof und andrer würdiger Personen gemacht. Sie werden sagen: Warum fragen Sie doch diesen erfahrnen Arzt nicht um Rath über Ihre zweifelhafte Gesundheit? und ich antworte Ihnen, ich habe nicht Zeit genug,

138 ihm alle meine körperlichen Schwachheiten zu erzählen, und nicht Muße genug, die Mittel, die er mir vorschlagen möchte, zu gebrauchen; ich möchte also diesen würdigen Mann wenig Ehre mit meiner Cur machen.
Ich habe oft auf dieser Reise die Anmerkung gemacht: welchen Vortheil junge Leute von ihren Reisen zurückbringen könnten, den sie oft vernachläßigen, und bey reifern Jahren zu spät bereuen. Die Ursache ist vielleicht diese, daß man junge Edelleute zu zeitig in die Welt schickt, ehe sie den Werth des Umgangs mit verdienten Personen genug zu schätzen wissen. Man sollte keinen jungen Herrn reisen lassen, bis er vier und zwanzig Jahr in seinem Vaterlande alt geworden wäre. Ein Freund seines Hauses, kein Hofmeister sollte ihn begleiten. Vielleicht brächte dieses mehr Nutzen, als die meisten jungen Leute bisher von ihren Reisen gehabt haben. Ihr Umgang muß gewählt seyn. Die gelehrtesten Männer, die besten Patrioten

139 (jedes Land hat die seinigen) die größten Künstler in allen Orten müssen aufgesucht und fleißig gesprochen werden. Von diesen Unterredungen bleibt immer was gutes und nützliches zurücke, und dieses ist der wahre Vortheil, den die Reisen zuwegebringen. Wie wenige erreichen ihre Absicht?
Ich verliere mich, und werde die Post versäumen. Sie erfahren also vielleicht zwey Tage später, was ich Ihnen diesen Augenblick zu lesen wünschte; daß ich hier und aller Orten mit Ihrem Andenken beschäftiget bin.
Gottsched.

 

Hundert und sechs und zwanzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Braunschweig den 10. Aug. 1753.

Liebste Freundin,

Jetzt bin ich hier mit Ihrem Andenken beschäftiget, wo wir gestern Abends spät angekommen sind. Wir sind in dem Hause des Kayserl. Reichspostmeisters, Hrn. Baron von Münchhausen abzutreten genöthiget, und von ihm und seiner würdigen Gemahlin sehr gnädig empfangen worden. Hier sind wir nun in den Händen der Freundschaft, die uns mit Höflichkeit und Güte überhäufet. So viel vermuthe ich, daß wir sobald nicht wegkommen werden. Die eben jetzt eintretende Messe, die abwechselnden Lustbarkeiten, die Besichtigung der umliegenden Lustschlösser, und denn die freundschaftlichsten

141 Bitten der gütigsten und gefälligsten Wirthin, werden aus den vorgesetzten acht Tagen unsers Aufenthalts, wohl vierzehn machen.
den 18. Aug.
Ich weiß, daß Ihnen nichts gleichgültig ist, was mir begegnet; ich muß Ihnen also sagen, daß ich den 12. Aug. die Ehre hatte, eine lange Unterredung mit der Herzogin von Braunschweig Königl. Hoheit tête á tête zu haben, welche über eine Stunde dauerte. Sie war überaus gnädig und ihr Gespräch verrieth einen vortreflichen Verstand und eine weitläuftige Belesenheit. Den 14. hatte ich bey der Herzoglichen Frau Mutter und deren zwo Prinzeßinnen gleiche Ehre. Ich fand bey dieser Durchlauchtigen Frau, zugleich das Andenken der ganzen Kayserlichen Familie erneuert. Ein vortrefliches Gemälde erinnerte mich des glücklichen Tages, wo ich die Originale dieser, durch die Hand eines großen Malers glücklich getroffenen Copien, selbst sah und bewunderte. Sie können

142 sich leicht vorstellen wie vergnügt ich bey dieser Audienz war: Mein gegenwärtiges Glück und das vergangene heiterten mein ganzes Gemüth auf.
Einige Tage darauf gieng ich in Gesellschaft der Freyfrau von M. auf den Nocolinischen Schauplatz, die Maskerade anzusehen, weil niemand von uns Lust hatte, die Zahl der Masken zu vermehren. Wir standen in einer Loge, neben der Herrschaftlichen. Kaum waren die Herzoginnen herauf gekommen, so wandten sie sich nebst den vier Prinzeßinnen zu uns, und unterredeten sich lange auf das gnädigste mit uns. Die Gnade und Güte ist diesem Hause ganz eigen. Ein Vorzug, den alle Fürsten in ihrer Gewalt haben sich zuzueignen, dessen Vortheil aber nicht alle einsehen.

Voll Bewunderung werde ich diesen Ort verlassen, und das ehrfurchtsvolle Andenken dieses fürstlichen Hauses soll nie aus meinem Herzen kommen.

143 Von Leipzig werde ich Ihnen meine Ankunft daselbst melden. Sie werden mich doch mit ein paar Zeilen dort empfangen, liebste Freundin? Das hoffe ich von Ihrer Liebe, von Ihrer Freundschaft. Leben Sie wohl und immer so vergnügt, als ich hier gewesen bin. Aber Ihr Vergnügen sey von längerer Dauer, als das meinige.

Gottsched.

 

Hundert und sieben und zwanzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 27. Aug. 1753.

Alle meine Briefe sind Zeugen, daß ich ohngeachtet der vielen Zerstreuungen, an jedem Orte wo es mir nur möglich gewesen, Ihnen Nachricht von meinem Zustande gegeben habe. Drey Dinge haben mich auf meiner Wallfarth unaufhörlich

144 beschäftiget: Die Begierde mich mit Ihnen schriftlich zu unterreden, die Sehnsucht nach Ihren Briefen, und das Verlangen näher bey Ihnen zu seyn. Endlich ist dieses erfüllet. Ihr Andenken begleitete mich bis in die Zimmer der Fürstinnen, denen ich mich zu nähern das Glück hatte. Oft, wenn mein Verstand bemühet war, diesen auf ihre Fragen zu antworten, ist mein Herz mit Ihnen, beste Freundin! beschäftiget gewesen. Das meiste wissen Sie was mir in Braunschweig begegnet ist. Nach dreyzehn vergnügten Tagen, die wir daselbst zugebracht hatten, giengen wir von da ab. Die gewöhnliche Folge eines so angenehmen Aufenthalts war ein trauriger und thränenvoller Abschied, an welchen ich noch nicht ohne Wehmuth zurücke denken kann. Unsere übrige Reise hat wenig Annehmlichkeiten gehabt, außer, daß uns der Herr Regierungsrath Lichtwehr (den Sie als einen vortreflichen Fabeldichter kennen) in Halberstadt sehr wohl aufgenommen hat.

145 Meine erste Arbeit nach meiner Ankunft allhier, ist, Ihnen Nachricht davon zu geben, und meine erste Frage ist: ob ich noch meinen gewöhnlichen Platz in Ihrem Andenken habe? Halten Sie diesen Umstand für keine Kleinigkeit; er ist zu meiner Ruhe wesentlich nothwendig. Ich habe keine Zeile von Ihnen bey meiner Ankunft gefunden, und ich hatte Sie doch so sehr darum gebeten. Etwas wichtiges muß Sie abgehalten haben; Sie, die so gefällig sind, hätten Sie sonst diese Bitte Ihrer ergebensten Dienerin wohl abgeschlagen?

Gottsched.

 

Hundert und acht und zwanzigster Brief.

An den Hrn. Kr. Rath R. in M.
Leipzig den 2. Septbr. 1753.

Wohlgebohrner Herr,

Meine Freundin hat mir eine reitzende Beschreibung von Ihrem angenehmen Landsitze gemacht, und ich preise Sie, und alle diejenigen glücklich, die das würklich besitzen, was die Dichter stets als die bewundernswürdigste Glückseligkeit in ihren Gesängen preisen. Aber kennen Sie auch den ganzen Werth Ihrer Glückseligkeit? Wir in die Stadt vermauerten, wir seufzen oft nach der frischen Landluft; wir ergötzen uns an einem Gemählde, an einem Kupferstich, welcher uns allen Reitz nur schwach entwirft, den Sie beneidenswerthe Landherren ganz besitzen und oft undankbar genug nicht

147 bemerken. Wird nicht die prächtigste Scene der Natur, die aufgehende Sonne, von den meisten Menschen in der Stadt verschlafen? Nur der arbeitsame Landmann, scheint den entzückenden Anblick der aufgehenden und untergehenden Sonne, als einen Preis der sauren Arbeit seines Berufs zu genüßen. Ein eben so herrlicher Auftritt der unerforschlichen Natur, ist das gestirnte Firmament! Dieses hat meine Neugier in meiner ersten Jugend unzähligemal erreget. Mit welcher Aufmerksamkeit habe ich solches ganze Stunden lang betrachtet, mich dabey vergessen, aber meine Wißbegierde nie befriediget! Alle diese Vortheile beneide ich Ihnen, und wünschte sie nur die Stunden zu genüssen, da sie solche ganz vergessen. Hier muß ich meine Freundin verathen: Sie hat mir im Vertrauen gemeldet, daß Sie auf einem vortreflichen Landgute, in einem schön gebauten Hause, bey einer auserlesenen Büchersammlung, bey der angenehmen abwechselnden Beschäftigung

148 des Malens und des Drechselns immer misvergnügt wären. Sie hat mich gebeten, Ihnen Ihr Unrecht zu zeigen, und Sie zufriedener zu machen. Ich wünschte vier Wochen in Ihrer Gesellschaft zu seyn, so würde ich die Absicht meiner Freundin erfüllen. Ich würde Ihnen viel Bewegung anrathen. Sie sollten früh, sehr früh, aufstehen, und zu rechter Zeit schlafen gehen. Ich würde Ihnen das Anschauen der Morgenröthe als ein Mittel verordnen, Ihre Hypochondrie zu heilen. Ich würde Ihnen den vortreflichen Horaz vorlesen; Sie würden viel Aehnlichkeit mit Ihrem Zustand finden, Sie würden voller Entzückung ausrufen:


Wie mannigfaltig sind die Wunder der Natur,
O Mensch! Wohin du trittst, betrittst du ihre Spur.
Fahr weite Tiefen durch, ersteige grause Höhen,
Und überall wirst du, die Hand des Schöpfers sehen.

149

Für uns ist, was hier ist. Von keinem Ohngefähr
Entstand der Schöpfung Glück und stammt mein Antheil her.
Die Welt, dies große Buch, die Nachricht aller Wesen,
Ist allen aufgedeckt, und jeder kann es lesen.
Hier lernt das fromme Herz, den Satz: daß unsre Welt
Ein Gott hervorgebracht und auch ein Gott erhält.
Wer dies Erkenntniß übt, und hier sucht groß zu werden,
Den übertrift an Glück, selbst kein Monarch auf Erden.
Er glaubt, was er erforscht; und er erforscht entzückt,
Was längst sein Herz gefühlt: Wie Gott die Welt beglückt.
Er geht den sichern Pfad, der ihn zum Schöpfer führet:

150

Ihm seine Wunder zeigt, und zeigt wie er regieret.
Im Halm, den er zertritt, im Staube, der verfliegt,
Im zartesten Insect, erblickt er ihn vergnügt. --

Bey allen diesen Betrachtungen würden Sie Ihre Glückseligkeit ganz empfinden, und wer weis, ob Sie nicht Ihr Landgut, noch so wie Plinius sein Lauretanum beschrieben. Vielleicht bin ich noch einmal Zeuge Ihrer Zufriedenheit, und wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich den Vorsatz zufrieden zu seyn, in Ihnen erreget hätte.

Gottsched.

  151

Hundert und neun und zwanzigster Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig den 19. Septbr. 1753.

Ich nehme Ihren Glückwunsch zu meiner Wiederkunft mit der zärtlichsten Erkenntlichkeit an; aber nur einzig und allein in so fern unser Briefwechsel wieder ungestört fortgehen wird. Meiner Ruhe wegen hätte ich noch länger auf der Reise mich aufhalten sollen. Hier muß ich meinen Kopf täglich mit wahren Kleinigkeiten, mit Haus und Wirthschaftssorgen füllen, die ich von Kindheit an, für die elendesten Beschäftigungen eines denkenden Wesens gehalten habe; und deren ich gern entübriget seyn möchte. Allein ein wesentliches Theil der vorzüglichen Glückseligkeit des männlichen Geschlechts, sollte in der Ueberhebung dieser nichtsbedeutenden

152 Dinge bestehen; und wir dürfen nicht wider das Schicksal murren, daß uns diese beschwerlichen Kleinigkeiten vorbehalten hat. Sie verlieren nichts, liebste Freundin, daß wir in einer gewissen Entfernung leben, die Ihnen meine Schwäche nur von weiten erblicken läßt. Ich bin jetzt zuweilen so verdrüßlich, und so niedergeschlagen, daß ich alsdenn zu dem Umgange mit einer Person, der ich niemals mißfallen möchte, gar nicht fähig wäre. Sie haben gefürchtet, mich auf dieser Reise zu verlieren, und wem haben Sie mich zugedacht? Wenn irgend eine von denen fürstlichen Personen, die ich auf dieser Reise gesprochen, mir eine Lust zur Sclaverey des Hoflebens erwecken könnte: so wäre es die Herzogin von Braunschweig. Allein ich wünsche mir nie einen Hof genauer, als aus der Beschreibung, oder höchstens einem kurzen Aufenthalte zu kennen.
Meinen Mann habe ich niemals frömmer gesehen, als da er das Podagra hatte. Ich

153 möchte wohl wissen, ob dieses Uebel bey allen Männern gleiche Wirkung thut? In diesem Falle könnte manche Frau verleitet werden, diese Prüfung der Gedult ihrem Manne zu wünschen, die ihrige würde zugleich mit bewährt, und doppelter Nutzen aus einem einfachen Uebel entstehen. Ich bin Ihnen ganz eigen
Gottsched.

 

Hundert und dreyßigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 24. Octobr. 1753.

Ich will gleich mit meiner Rechtfertigung anfangen, damit ich nur bald, bald aus dem Verdacht komme, den Sie vermuthlich auf mich geworfen haben. Ich bin nicht länger als zehn Tage strafbar. Eine gewisse Begebenheit, hat

154 mein Gemüth dermaßen in Verwirrung gesetzt, daß ich mich alles Umgangs auf einige Tage entzogen habe, und dieses gieng so weit, daß ich auch nichts zu schreiben fähig war. So sieht meine Entschuldigung aus, beste Freundin, die Sie gewiß werden gelten lassen.
Die Beschreibung der Prager Kirchenschätze Reliquien und Heiligen, ist mir von Ihrer Feder weit angenehmer zu lesen gewesen, als wenn ich sie selbst gesehen hätte. Ich, die ich von Jugend auf bey Toden sehr furchtsam gewesen bin, und diese Furchtsamkeit bis jetzt noch nicht überwinden können, so viel Mühe ich mir darüber gegeben, und so wenig ich mich selbst vor dem Sterben scheue; ich hätte in der Gesellschaft der verstorbenen Electa nicht seyn können; ich würde Ihnen durch meine Furcht eben so viel Schrecken gemacht haben, als mir die seel. Electa auf ihrem Tragsessel gemacht hätte
155 Die Einkleidung der guten Prinzeßin von F, hat mich mit alle dem Mitleiden erfüllet, welches mich allemal bey dergleichen Nachrichten ganz einnimmt. Wie wenige erwählen das Clostergelübde aus freyen Willen? Wie viele hingegen werden theils von ihren Eltern, Anverwandten, Vormündern zu dieser geistlichen Knechtschaft überredet? und wie viele bringt ein geheimer Gram, ein verborgnes Leiden, auf die Gedanken, aus bloßem Ueberdruß den geistlichen Stand zu wählen? Ich weis mir keinen bejammernswürdigern Zustand, als eine aus verschiedenen irrdischen Absichten eingekleidete Closterfrau. Wie oft geschiehet bey der gleichen Fällen, was Haller sagt:

 

156Sie sagen zwar, daß die Prinzeßin von F viel Zufriedenheit bezeiget, und ihren geistlichen, ihren Carmeliterorden, mit keiner Crone hat verwechseln wollen. Darf ich aber eine Frage thun? Ist sie jemals in diesem Falle gewesen unter beyden zu wählen? Ich getraue mir zu behaupten, daß das gute Kind bey Anbietung einer irrdischen Crone, den Carmeliter Braut-Cranz entsaget, und aufrichtig bekennet haben würde, daß sie in demselben Augenblicke mehr Beruf bey sich spürete, in der Welt zu bleiben als sich vermauren zu lassen. Ich zweifle keinesweges, daß nicht einige Menschen aus eingener Bewegniß, mit wahrer Ueberzeugung in den geistlichen Stand treten: Diese zähle ich unter diejenigen, von denen der Apostel sagt: “welche er verordnet hat, die hat er auch berufen.” Ich selbst wünschte unter denen zu seyn, und meines Berufs würdig zu leben; allein ich bin es nicht. Ich sage auch hier mit meinem Lieblingsdichter:

157

Von dir, selbstständigs Gut! unendlich Gnadenmeer!
Kömmt dieser innre Zug, wie alles Gute her.
Das Herz folgt unbewußt der Wirkung deiner Liebe,
Es meynet frey zu seyn, und folget deinem Triebe.

Ich bin demjenigen gefolget, der mich nach Leipzig geführet hat. Dieser hat nach vielen müßigen Jahren mir das Glück Sie zu kennen verschaft; ich bin zufrieden mit seiner Führung, wenn er mir nur Ihr Herz erhält. Bleiben Sie meine Freundin, bis ich aufhöre für Sie zu leben.
Gottsched.

158
 

Hundert und ein und dreyßigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 10. Nov. 1753.

Hier folgetl’Esprit de Seneque par la Beaumelle. Da Sie das alte Werkchen dieses Namens haben, hätten Sie dieses ganz entrathen können. Beaumelle hat diesem nur eine neue Gestalt gegeben; die Gedanken sind immer die Gedanken des alten Weltweisen. Ihre Vergleichungen zwischen einem gewissen großen Componisten und dem Seneca sind unvergleichlich. Beyde haben ihre Einfälle herzlich lieb; des Weisen Wiederholungen kann ich doch noch eher leiden, als die von dem musicalischen Seneca. Lassen Sie uns aber davon ganz leise reden, man würde unsern Geschmack sehr tadeln. In dem neusten Stücke des Neuesten,

159 finden Sie Ihr vortrefliches Lob der Freundschaft. Dieses habe ich eben so ungern und mit ähnlichen Empfindungen zum Drucke gegeben, als die Frau von Sevigne das Bild der Gräfin Grignan zum abcopiren gab.
Ich umarme Sie, liebste Freundin, in Ihrer Einsamkeit. Oefter als sonst, verspreche ich mir Beweise Ihres Andenkens, welches ich über alles schätze. Ich verdiene diese Gütigkeit, wegen den redlichsten und zärlichsten Gesinnungen, mit denen ich Ihre eigene treuste Freundin bin.
Gottsched.

160

Hundert und zwey und dreyßigster Brief.

Im Novembr. 1753.

Mademoiselle,

Der Verlust Ihrer und meiner Freundin, unsrer verewigten Wernern, welchen Sie mir gemeldet haben, hat in mir einen Schmerz erregt, der sowohl ein Tribut der Freundschaft, als der Achtung für Ihre Verdienste ist. Und wie viele außer uns werden ihr nicht dieses Opfer bringen! Unser Geschlecht, unser Vaterland, die schönen Künste, alle werden sie eine Werner, und vielleicht noch lange vermissen. Sie, liebste Wilhelmine, bedaure ich unter Ihren Verehrerinnen am meisten! Sie war Ihre Lehrerin im Zeichnen, und schrieb ich nicht an Sie, so würde ich hinzusetzen, welche Schülerin sie in Ihnen erzog! allein warum

161 konnte die Selige nicht Sie an das Ende der glänzenden Bahne führen, die sie schon so weit und so rühmlich an Ihrer Hand gegangen waren? Warum lehrte nicht ein längerer Unterricht, Sie endlich Ihre Lehrerin selbst übertreffen? -- Doch die Vorsicht hat Sie uns entrissen, und so verräth jede solcher kummervollen Fragen ein Mißtrauen in deren ewig weise, ewig gute Wege. ---
Der Wink des Himmels führte mich und meine Wernerin aus unsrer gemeinschaftlichen Vaterstadt nach Sachsen und läßt mich nun hier zuerst über ihrer Asche weinen. --- Nur der Trost sie in einer bessern Welt, wer weis wie bald, wieder zu finden, und dann ewig sie lieben zu dürfen, richtet mich einigermaßen auf, und es ist auch nur der einzige kräftige, den Ihnen liebste Wilhelmine geben kann

Ihre  Gottsched.


162

 

Hundert und drey und dreyßigster Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig, den 8. Decbr. 1753.

Ich bin also glücklicher gewesen als ich glaubte, Sie haben mich zu einer Zeit Ihres Andenkens versichert, da ich besorgte, daß Sie mich gänzlich vergessen hätten. Aber mit dem Prager Jubelirer bin ich sehr unzufrieden. Dieser hat mich um Ihren Brief, und dadurch um ein Kleinod gebracht, so ich gegen das schönste aus seinem ganzen Vorrathe nicht vertauschet hätte. Ich müßte es denn für Sie, liebste Freundin, haben auslesen dürfen, diesen Fall nehme ich aus. Die Fasanen sind aus Ihren Händen gerade in mein Zimmer geflogen. Auch leblose Thiere, wissen Sie trotz der besten Fee abzurichten. Doch Sie mögen Hand und Siegel

163 verstellen wie Sie wollen, Sie verrathen sich allemal durch die reitzende Art, mit der Sie Ihre Freunde zu überraschen wissen. Ich danke Ihnen ganz öffentlich dafür.
Der Baron von S . . ist ein furchtbarer Gegner in dem Streit der Freundschaft. Er treibt es mit meinem Manne sehr weit, ich hoffe aber wir wollen doch den Sieg davon tragen. Meine unüberwindliche Begierde, die alles gerne wissen mag, was zwo scharfsinnige Personen an einander schreiben, möchte gar zu gerne Ihre beyderseitigen Briefe lesen. Vergeben Sie meine Neugier, wenn sie strafbar ist.

Hr. von Voltaire ist in Colmar. Was macht er da? Zweyerley. Er läßt daselbst seine Annales de l’Empire drucken, und führt vor dortigen Gerichten, einen Proceß wider einen Schuldner, den er 20,000 Thlr. geliehen hat. Dieser reiche Dichter, bleibt im eigentlichsten Verstande, der einzige in diesem Jahrhunderte.

164 Die neuvermählte Fürstin von Zerbst ist mit ihrem Gemahl hier durchgegangen. Die Herzogin von Curland hatte die feyerlichsten Anstalten gemacht, die würdge Tochter ihrer Freundin aufs beste zu bewirthen. Die gute alte Frau von Berglorn hatte ihren kranken Leiben Manteau gekleidet, und ihren bebenden Kopf mit einer Flügelhaube bedeckt. Die sämtlichen Fräuleins hatten in ihren Feyerkleidern sich vortreflich geputzt. Der General Harthausen, der sich ebenfalls auf die Verwirthung dieses fürstlichen Paares gefaßt machte, und dessen Küche und Zimmer voller Anstalten zum Empfange waren, erwartete in der größten Galla so wie die Herzogin, den ganzen Dienstag und die ganze Mittwoch, diese hohen Gäste. Den Donnerstag Nachmittag, kommt endlich die Fürstin. So viel weitläuftige Anstalten, das beschwerlichste Warten, die herrlichen Mahlzeiten, der prächtige Nachsatz, alles war verloren und vergebens. Ein halbstündiger

165 Besuch ward bey der Herzogin abgelegt, und alles Bitten konnte keinen längern Aufenthalt bewürken. Die Herzogin war von Hubertsburg gekommen, um in drey langweiligen Tagen eine einzige vergnügte halbe Stunde zu haben. So unvollkommen sind die Freuden der Großen, die mit allen Vorzügen oft viel Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind. Wer möchte sie wohl beneiden? Nein!

Das was allein mit Recht, beneidenswürdig heißt;
Ist die Zufriedenheit, und ein gesetzter Geist.

Gottsched.

166
 

Hundert und vier und dreyßigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 19. Decbr. 1753.
Ich bin ebenfalls Ihrer Meynung, daß der practische Theil von Gottscheds ersten Gründen der Weltweisheit der beste ist. Der Verfasser ist mit dem Verfall, den dieses Werk gefunden, sehr zufrieden, und doppelt vergnügt, daß Sie seinen theoretischen Entwurf von der Kinderzucht so viel Lob beylegen. Er sagt, er habe nur alles dieses esquissirt und überließe Ihnen, auf seinen Grundriß das herrlichste Gebäude aufzuführen. Sie haben Recht, daß der beste Plan, oft durch verschiedene Umstände ganz unbrauchbar wird, und daß man jeden derselben sich zu Nutzen machen muß, wenn man seinen Entzweck erreichen, und sich nicht vergeblich bemühen will.

167 Der ganze practische Theil bleibt doch immer nur Theorie, und weil sie es verlangen werde ich den Verfasser in Ihren Namen fragen, wie weit er selbst in der Ausübung seiner herrlichen Lehren gekommen? Ich wette, er wird uns die Antwort schuldig bleiben. Die Philosophen und Moralisten, scheinen das Vorrecht der Gesetzgeber bebaupten zu wollen; sie sagen wie es seyn soll, und glauben ihre Pflichten nach deren ganzen Umfange erfüllet zu haben, wenn sie durch Lehren unterrichten, ohne eben solche durch Handlungen, die mit diesen übereinstimmen zu unterstützten und zu bestätigen.
Voltaire ist noch unschlüßig, wo er seinen Aufenthalt erwählen will. Jetzt ist er noch in Strasburg und nach Frankreich möchte er schwerlich zurücke kommen. Seine Art zu denken und zu schreiben muß in einen republicanischen Boden versetzet werden. Holland oder die Schweitz wird für ihm die beste Gegend seyn. Irrthümer wird er allenthalben verbreiten

168 und fortpflanzen. --- Wir folgen der Lehre des Apostels: Prüfet alles und das Gute behaltet.
Ich vermuthe, daß Sie Ihre Feyertage in der Gesellschaft von lauter Weisen zubringen werden. Wenn diese sich bis auf ihre demüthige Schülerin herunterlassen, so erneuern Sie mein Andenken bey denselben. Keinen Neujahrswunsch finden Sie hier nicht. Alle Tage im Jahr sind mit Wünschen für Ihr Wohl, und mit Bitten um die Erhaltung Ihrer Freundschaft für mich bezeichnet. Was bleibet mir heute übrig Ihnen zu sagen, was Sie nicht schon so ofte gehöret haben? Wie sehr sind Sie doch überzeuget, daß ich heute und allezeit Ihnen ganz eigen bin?
Gottsched.

169
 

Hundert und fünf und dreyßigster Brief.

An den Herrn S. in C.
Leipzig den 29. Decbr. 1753.

Hochzuehrender Herr,

Nach allen Regeln des Wohlstandes und der sehr alten Gewohnheit, sollte ich Ihnen billig zum Neuenjahre ein recht zierliches Compliment machen. Allein ich bekenne meine Armuth an sinnreichen Einfällen, und mein kleiner Vorrath ist bereits ganz erschöpft. Länger als acht Tage habe ich nichts als Neujahrwünsche gehört, gesagt und geschrieben. An guten Wünschen für meine Freunde, fehlet es mir das ganze Jahr nicht; nur kein förmliches Compliment verlangen Sie von mir. Die Erfindungen dergleichen zu drucken ist nicht übel. Ich lege Ihrer geliebten Frau zwey ganzen

170 Dutzend hierbey, darinnen blättern Sie nach Belieben;

Ließ alle Wünsche durch, den besten wähl und denke:
Daß ich dir diesen Wunsch zum Neuen Jahre schenke.

Gottsched.

Hundert und sechs und dreyßigster Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig den 2. Jänner 1754.

Bon jour! bonne année.

Könnte ich wohl meine Beschäftigungen in diesem Jahre angenehmer anfangen, als an Sie, meine liebste Freundin, zu schreiben? Ich thue es, und will wegen unserer Freundschaft aufs neue capituliren. Was werden Sie aber sagen, wenn? --- Rathen Sie einmal, was

171 ich auf meinen Herzen habe; etwas das mir schwer wird zu sagen, und noch schwerer werden wird zu thun? das mir viel Ueberwindung kostet, und das ich nicht werde ändern können? Ich sehe Ihre Ungedult, mit welcher Sie die Nachricht erwarten, die mir sehr unangenehm war, und die ich Ihnen gleich erzählen will. Ein böser Brief aus Wien, bürdet mir eine Arbeit auf, die meiner Feder bis Ostern wenig müßige Stunden übrig lassen wird. Wer weiß also, ob ich nicht seltener als bisher in diesen drey Monaten das Vergnügen haben werde, Ihnen zu schreiben. Doch gewiß, keinen Augenblick will ich vorbey lassen, der sich mir zu dieser süßen Pflicht darbietet. Sind Sie mit diesem Versprechen zufrieden?
Voltaire ist noch nicht eins, wo er sich und seine Muse hin versetzen will. Dieser reiche Dichter hat kein väterliches Vermögen, sondern alles dem Fleiße seiner Muse und der engländischen Freygebigkeit zu danken, die ihm seine

172 Henriade so theuer bezahlt. Kein großer Herr hat noch je einen Dichter zum reichen Manne gemacht. Sie erlauben ihnen dafür, sich die prächtigsten Palläste zu ihrer Wohnung, den Besitz der reitzensten Landgüter und den Genuß der herrlichsten Tafeln zu dichten. Es ist auch recht gut. Leute, die so reich an Erfindungen seyn, brauchen nichts weiter. Ihre Einbildungskraft schafft ihnen mehr in dieser Welt, als sie bekommen könnten. Ein Vorzug bleibt dem Dichter noch übrig. An allen Höfen hat ein Poet das alte Recht zu sagen was er will, ohne daß er verbunden ist, das geringste zu erweisen.
Wir lesen jetzt: Histoire universelle par Voltaire. Dieses ist voller Anmerkungen über die Päbste, die Kreutzzüge, die Reiligionsstreitigkeiten u. s. w. C’est l’histoire scandaleuse du genre humain. Allein, es ist sehr angenehm geschrieben. Man tadelt den heißenden Witz, der darinnen herrscht, kann aber nicht aufhören

173 das Getadelte zu lesen. Ich darf nicht fragen, wie Sie die Feyertage in S. zugebracht haben. Im Heiligthume der Musen, kann es da wohl der Musenfreundin an Zeitkürzungen fehlen? und im Angesicht einer schönen Büchersammlung, könnte da meine unersättliche Bücherfreundin Langeweile haben?
Ein bekannter hiesiger Prediger hat gestern über die gedruckten Neujahrswünsche eine große Strafpredigt gehalten. Nie hätte ich geglaubt, daß so viel verdammliches auf diesen Blättern zu finden wäre; einfältig und abgeschmackt habe ich die meisten immer gehalten, aber der theologische Eifer hat ihren Ursprung aus Sodom und Gomorra hergeleitet. Leben Sie wohl, theureste Freundin, und empfangen Sie tausend Küße zum Neuenjahre von Ihrer
Gottsched.

174

Hundert und sieben und dreyßigster Brief.

An die Frau von S.
Leipzig den 1. Febr. 1754.
Hochwohlgebohrne Frau,
Ich werde Ew. Hochwohlgeb. keinen bessern Plan, zur Erziehung Ihrer Söhne entwerfen können, als der ist, den Sie mir zugeschickt haben. Sie haben Recht! die meisten Eltern lassen die Kinderjahre ihrer Söhne und Töchter zu lange dauren, und fangen zu spät an, diese für vernünftige Wesen zu halten. “Jedes Alter, sagt die Marquise von Lambert, erfordert eine besondere Aufmerksamkeit,” ich setze hinzu, auch eine besondere Erziehungsmethode. Gewisse Grundsätze, müßen in der ersten Jugend gleich eingeflößt werden, weil die Jahre der Zerstreuung solche hernach oft nicht

175 statt finden lassen. Man fängt bey jungen Edelleuten, mit den sogenannten galanten Wissenschaften, eher als mit den höchstnöthigen und nützlichen an. Daher kommt es, daß nur wenige adeliche Knaben, im zwölften oder funfzehnten Jahre dasjenige wissen, was sie wissen sollen, ob sie gleich schon so viel gelernt haben, als wenn sie zwanzig Jahre gelebt hätten.
Wie oft ist nicht auch die Partheylichkeit des Hofmeisters ein trauriges Hinderniß? Hat derselbe zwey oder drey Untergebene: so wird gewiß der eine, der entweder angenehmere Gesichtszüge hat, oder gefälliger, geschmeidiger in seinem Betragen als der andere ist, den Vorzug erhalten; und jener der vielleicht ein besseres Herz, ein glücklicher Genie, mehr guten Willen, bey einigen äußerlichen Unvollkommenheiten besitzt, vernachläßiget, oder auf eine Art die seinen Neigungen ganz zuwider ist, erzogen werden. Der Hofmeister soll jeden seiner Untergebenen, nach dem Maase der, von der Natur
176 ihm verliehenen Kräfte bilden, und das, was diese Gutes in ihm geleget, ganz ausarbeiten. In dem muthigen, unternehmenden Knaben liegt der Keim zum treflichen Officier; so wie im Gegentheil, in dem stillen aufmerksamen Kinde, die Anlage des nachdenkenden Jünglings und in bürgerlichen Geschäften sehr brauchbaren Mannes. Beyde erfordern also besondere Aufmerksamkeit und Bemühung. Wo gerathe ich in meinem Eyfer hin? Sie verleiten mich meine Meynung über etwas zu sagen, darinnen ich selbst Unterricht brauche. Es ist allemal ein Beweis, wie gerne ich Ihnen gefällig bin, sollte ich Ihnen auch meine schwache Seite zeigen. Ich weis Ew. Hochwohlgeb. entschüldigen auch diese von

Ihrer

gehorsamsten Dienerin
Gottsched.

177
 

Hundert und acht und dreyßigster Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig den 9. März. 1754.

Ich laufe dem Plato und Sokrates, mit denen ich mich bisher unterhalten, aus der Schule, um in einem Gespräche mit meiner liebsten Freundin, mich von allen metaphysischen Grillen zu erholen, womit jene mir den Kopf angefüllet haben. Sie sind gar zu gütig, daß Sie meine Briefe so sorgfältig verwahren. Die Wunderkraft der Freundschaft kann also elende Ueberbleibsel in Reliquien verwandeln. Wollen Sie mir auch hierinnen nichts vorauslassen? Hier haben Sie abermals etwas aus der Feder Ihrer Freundin; der innere Werth der Urschrift, wird Sie vielleicht mit der Uebersetzung versöhnen. Es ist des Herrn Fontenelle Lobschrift

178 auf den Herrn von Tschirnhausen, einen gebohrnen Oberlausitzer. Werden mir auch Ihre dortigen Herren Landstände dieses für etwas anrechnen?
Hr. v. Voltaire lebt dem Leibe nach noch so gewiß, als sein Name in der Henriade, Zaire, Alzire und zwanzig Stücken, ihn und tausend Dichter überleben wird. Ist es aber möglich, daß ein Mann, der das Lächerliche des Geitzes kennt, und dieses Laster vortreflich schildern kann, daß diesen selbst der Geiste der übertriebenen Sparsamkeit ganz eingenommen hat? Gleichwohl ist nichts gewisser, als daß ihm dieser nicht erlaubt zu correspondiren; und dieses ist die Ursache, warum auch ich nicht viel von ihm weiß. Man hat indessen schon Grabschriften auf ihn gelesen, deren Hauptgedanke dieser ist: Er wäre zu früh für die Wissenschaften, und zu spät für die Religion gestorben. Welche Wahrheit!

179 Sobald ich Bolingbrocke gelesen, so will ich Ihnen meine Meynung sagen; aber ganz im Vertrauen: Nur dem Orakel kommt es zu, Urtheile zu sprechen.
Werden Sie künftig mein Herz von allem Verdacht ohne Bedenken frey sprechen, wenn ich nur wegen der Verhältnisse, darinnen ich mich befinde, zu beklagen bin? Werden Sie mich auch beständig lieben? Ich bin schon so durch Ihre Güte verwöhnt, daß sie mir ganz unentbehrlich geworden.
Gottsched.
 

Des Hrn. v. Fontenelle

L o b s c h r i f t

auf
den Hrn. v. Tschirnhaus.


Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus,

Erb- Lehn- und Gerichtsherr auf Kislingswald und Stolzenberg, ward den 10. April des 1651. Jahres zu Kislingswald in der Oberlausitz, von Christoph von Tschirnhaus und N. von Sterling, die beyde aus einem alten Geschlechte waren, gebohren. Das Haus derer von Tschirnhaus, welches aus Mähren und Böhmen entsprossen war, hatte dieses Rittergut, welches nahe bey Görlitz liegt, und

181worauf derjenige, von dem wir reden, gebohren war, damals bereits über vierhundert Jahre besessen.
Man hielt dem jungen von Tschirnhaus zu Erlernung der Wissenschaften alle Lehrmeitser, die man Leuten von seinem Stande zu halten pflegt; allein er selbst, verhielt sich bey ihrer Unterweisung ganz anders, als Leute von seinem Stande gemeiniglich zu thun pflegen. Sobald er nur hörte, daß es eine Geometrie in der Welt gäbe, so befliß er sich eifrig darauf, und eilte von derselben zu den übrigen Theilen der Mathematik, die, da sie ihm tausend angenehme Veränderungen darboten, sich um seine Nachforschung um die Wette bestrebten.
In seinem siebenzehnten Jahre schickte ihm sein Vater zu Vollendung seiner Studien nach Leiden, wo er eben zu einer Zeit hinkam, als eine ansteckende Seuche in diesem Ort herrschte, die den Herren von Tschirnhaus für sein Leben fürchten lassen mußte. Ungeachtet seiner

182Jugend, erlangte er doch bald unter den holländischen Gelehrten vielen Ruhm. Als aber im 1672. Jahre der Krieg ausbrach, so ward er ein Kriegsman, und zeigte, daß er eben so gut seiner Schuldigkeit nachzuleben, als seiner Neigung zu folgen wüßte. Ja, eben diese herrschende Neigung zu den Wissenschaften, veranlassete ihn zu dem Entschlusse, die Waffen zu ergreiffen. Sie hatte zwischen ihm und den Freyherrn von Neuland, der gleiche Neigungen hatte, eine vertraute Freundschaft gestiftet; und da dieser Freyheit in holländischen Diensten war, so bewog er den Herrn von Tschirnhaus, ebenfalls als ein Freywilliger in dieselben zu treten, damit sie sich nicht von einander trennen dürften. Der Herr von Tschirnhaus diente achtzehn Monate, worauf er in sein Vaterland zurückkehren mußte. Er verließ dasselbe wieder einige Zeit darauf, um nach der Gewohnheit seiner Landesleute zu reisen, welche glauben, daß sie um gesitteter zu werden des Umgangs

183mit andern Völkern nöthig haben, und also noch artiger werden müßen, als die andern selbst sind. Er besah England, Frankreich, Italien, Sicilien und Malta. In allen Ländern, wo er durchgieng, bemühte er sich die Gelehrten zu sprechen, und alles was nur die Augen eines Gelehrten reitzen kann, es mochten nun Merkwürdigkeiten aus der natürlichen Historie, außerordentliche Kunstwerke, oder besondere Manufacturen seyn, alles machte ihn aufmerksam. Bey guten Köpfen bleibt eine so große Menge verschiedener bemerkter Sachen, nicht bloß etwas Gesehenes, oder ein unnützer Zierrath des Gedächtnisses, sondern sie wird der Anfang zu unendlich viel Einsichten, worzu die allerfeinste Theorie, ohne Erfahrung niemals gelangen würde. Denn je mehr die Augen gesehen haben, je mehr sieht die Vernunft; und sucht den besten Gebrauch zu machen.
Herr von Tschirnhaus kehrte wieder nach Deutschland zurück, und brachte einige Zeit an
 

184dem Hofe des Kaysers Leopold zu: der Weltweise kann auch Höfe besuchen, gesetzt, daß er daselbst nur gewisse Sitten und eine gewisse Art zu denken bemerkte, darauf er sonst nicht gekommen seyn würde.
Mitten in dieser unruhigen, oder doch mit allerley Veränderungen vermischten Lebensart, beschäftigten dennoch die Wissenschaften, und insonderheit die Mathematik, allezeit unsern Herren von Tschirnhaus. Er hatte sich durch lange Uebung angewöhnt, sich nicht leicht stören zu lassen, und unter den Zerstreuungen war er abgehärtet. Im 1682. Jahre kam er zum drittenmale nach Paris, und brachte gewisse Entdeckungen mit, die er der Akademie der Wissenschaften vorlegen wollte. Dieses waren die berühmten Brenngläser, die man nach seinen Namen nennen, denn man sagt gemeiniglich die Tschirnhausischen Brennspiegel, so wie man sagt, des Archimedes Spirallinie, die Conchois des Nieomedes, die Cissois des

 

185Diokles, die Haygemische Evoluta; und ein Meßkünstler kann eben so stolz seyn, daß eine krumme Linie seinen Namen führet, oder eine ganze Gattung krummer Linien, als ein Fürst, wenn eine Stadt nach ihm genennet wird. Herr von Tschirnhaus ward, ungeachtet er noch nicht ein und dreyßig Jahre alt war, von dem Könige von Frankreich unter die Zahl eben dieser Mitglieder der Akademie aufgenommen, die er gekommen war um Rath zu fragen, undie er gewissermaßen zu Richtern annehmen wollte.

Man weis, daß die Brennspiegel diejenigen krummen Linien sind, welche aus dem Zusammenlauf derer Lichstralen entstehen, die von irgend einer andern krummen Linie zurückgeworfen, oder gebrochen werden. Sie haben eine merkwürdige Eigenschaft, nämlich, daß sie bekannten geraden Linien gleich sind, wenn die krummen Linien, daraus sie entstehen, geometrisch sind. Herr von Tschirnhaus fand also,

186daß der Brennspiegel, welcher in einem Quadranten durch zurückgeworfene Sonnenstralen entsteht, die gleich anfangs mit einem Durchmesser paralel liefen, dreyen Vierteln des Durchmessers gleich wäre. Die Recrificationes der krummen Linien, die noch heutiges Tages nicht sehr gemein sind, waren damals noch viel seltener; und was noch mehr ist, so gereicht es dieser Entdeckung zu großen Ehren, daß sie älter ist als die Erfindung der Infinitesimalrechnung, wodurch sie viel leichter geworden wäre. Die Akademie hielt diese Entdeckung für würdig, daß sie insbesondere von gewissen Gevollmächtigten untersuchet werden sollte, und diese waren die Herren Cassini, Mariotte, und de la Hire. Dieser letztere bestritte dem Herrn von Tschirnhaus eine Beschreibung, die er von dem Brennspiegel durch die Zurückprallung des Quadranten gab. Der Herr von Tschirnhaus, der den Grund seiner Methode
 
187nicht zeigte, gab dem Herrn de la Hire nicht gewonnen, der auf seiner Seite immer darauf bestund, daß die Erzeugung, davon die Rede wäre, sehr verdächtig sey. Der Herr von Tschirnhaus aber blieb so fest darauf bestehen, daß er sie in die Leipziger Acta doch ohne Demonstration einschickte.
Er begab sich wieder nach Holland, wo er seinen Tractat: de Medicina nemis et corporis fertig machte, und ihn in den Händen seiner Freunde ließ. Er hatte schon seit seinem achtzehnten Jahre angefangen Bücher zu schreiben, mit dem Vorsatze sie drucken zu lassen, welcher Vorsatz, als deren erste Belohnung, mit der Arbeit des Schreibens fast unzertrennlich ist. Er hatte zu verschiedenen Zeiten Werke verfertiget, mit denen er und seine Freunde sehr zufrieden gewesen waren; allein da sie zu allem Glücke nicht geschwinde genug gedruckt werden können, so hatten sie ihm, als er sie noch einmal übersah, dergestalt mißfallen, daß er sich
 
188fest vorsetzte, nichts eher drucken zu lassen, bis er dreyßig Jahr alt wäre, und alle Früchte seiner Jugend zu unterdrücken. Ein Opfer, welches um so viel seltener ist, da dieselben in einer Zeit hervorgebracht wurden, wo man heftiger und mit minderer Kenntniß seine Arbeit liebet. Das Alter, welches er sich vorgesetzet hatte, war vorbey, als sein erstes Werk, welches auch das einzige geblieben ist, 1687 zu Amsterdam herauskam. Er eignete es dem Könige von Frankreich zu, dem er dadurch seine Erkenntlichkeit für die Aufnahme in die Akademie, bezeigte. Der Titel dieses Buchs verspricht doppelt so viel als der Titel des Buchs Recherche de la Verité; denn dieses sucht nur den Verstand zu bessern, oder zu heilen, jenes aber unternimmt auch die Heilung des Körpers. Bey einer guten Vernunftlehre und einer guten Arzneywissenschaft würden die Menschen ferner nichts mehr nöthig haben.
 
189Um ein Exempel zu geben, wie man den Verstand in den Wissenschaften leiten soll, so daß man immer vom Einfacheren zum Zusammengesetzteren gehe, und die Wahrheiten nach dem Maase, wie sie entstehen, mit einander verbinde, so schlägt der Herr von Tschirnhaus eine allgemeine Erzeugung der krummen Linien durch Mittel oder Brennpuncte an, deren Zahl immer anwächßt und zugleich den Grad der krummen Linie vergrößert. Er meynt hieraus eine allgemeine Methode für die Tangenten, die er sehr lobet, und viel andere wichtige Aufgaben und Lehrsätze zu ziehen; und bey dieser Gelegenheit sagt er, daß er sich in Absicht auf den Brennspiegel vom Quadranten nicht zu betrügen glaube. Seitdem hat der Herr de la Hire im 1694. Jahre in seinem Tractate von den Epicycloiden bewiesen, daß dieser Brennspiegel ein Epicyclois wäre, daß sie zwar die vom Herrn von Tschirnhaus angegebene Länge hätte, daß sie aber nicht auf die Art, welche er
 
190angegeben beschrieben werden könnte. Es ist gar nicht zu bewundern, wenn man auf einer ganz neuen Bahn, und die man sich selbst zu erst eröffnet, Fehltritte thut. Ein Geist, der selbst erfindet, der feurig, lebhaft und kühn ist, kann wohl zuweilen zu heftig und nicht vorsichtig genug seyn. Man merkt in dem Buche des Herrn von Tschirnhaus diese Hitze und Kühnheit, die denen zur Erfindung geschickten Köpfen eigen ist, sehr deutlich. Hätte der Verfasser desselben nicht vieles geleistet; so würde man gar leicht glauben, daß er zu viel verspräche und unsere Hoffnung gar zu hoch triebe.
Die theoretischen Vorschriften, die er giebt, sind nicht so sonderbar als gewisse praktische, die er hinzufüget, oder vielmehr gewisse Gewohnheiten, dabey er sich wohl befunden. Wir wollen sie hier anführen; indem nichts sein Privatleben, in Absehen auf das Studieren, so gut vorstellig machen kann. Seine Versuche machte er des Sommers, im Winter aber, den er zum
 

191Nachdenken für geschickter hielt, brachte er sie in Ordnung, oder zog gewisse Folgen daraus, oder hieng seinen großen theoretischen Untersuchungen nach. Zu Ende des Herbstes, wendete er besondern Fleiß auf seine Gesundheit, und hielt gleichsam eine Musterung seiner Leibeskräfte, um diejenige Jahreszeit gesund anzutreten, die er den wichtigsten Arbeiten des Verstandes bestimmet hatte. Er überlas die Aufsätze des vergangenen Winters, brachte sich die damaligen Begriffe wieder ins Gedächtniß, erweckte in sich die Lust selbige fortzusetzen, und alsdann entzog er sich die Abendmalzeiten, ja auch das Mittagsessen verminderte er täglich ein wenig. Anstatt der Abendmalzeit las er entweder etwas von denen Materien, davon er handeln wollte, oder er redete mit irgend einem gelehrten Freunde davon. Um neun Uhr gieng er zu Bette, und ließ sich um zwey Uhr nach Mitternacht aufwecken. Er blieb einige Zeit in derselben Beschaffenheit, darinn er erwacht war,

92um den Traum nicht zu vergessen, den er eben gehabt hatte; und wenn dieser Traum, welches gar leicht kommen konnte, von derselben Materie handelte, davon er voll war, so ward es ihm desto leichter dieselbe fortzusetzen. Er arbeitete bey der Stille und Ruhe der Nacht. Um sechs Uhr schlief er wieder ein, aber nur bis sieben Uhr, und dann gieng er wieder an seine Arbeit. Er saget selbst, er habe es in den Wissenschaften niemals weiter gebracht, er sey niemals in seinem Denken stärker und in seinen Begriffen Geschwinder gewesen, als wenn er alles dieses auf das genaueste beobachtet. Man könnte daraus eine ungemeine Sorgfalt sehen, sich alle mögliche Vortheile zu verschaffen zu seinem Zweck zu gelangen; allein alle große Leidenschaften, gehen, in Absicht auf ihren Gegenstand, bis zu einer Art von Aberglauben.
Es begegnete ihm oft, daß er des Nachts eine große Menge sehr hellglänzender Funken sah, die in der Luft schwebten und spielten.
 
193Wenn er sie recht steif ansehen wollte, so verschwanden sie; allein wenn er sie nicht achtete, so daureten sie nicht nur fast so lange als sein Fleiß im Arbeiten, sondern sie wurden auch gedoppelt helle und glänzend. Endlich gelangte er so weit, daß er sie auch im hellen Tage sah, da er zu einem gewissen Grade der Fertigkeit im Nachsinnen gekommen war. Er sah sie auf einer weißen Wand, oder auf einem Papiere, das er neben sich gestellet hatte. Diese, nur ihm allein sichtbare Funken, waren zu gleicher Zeit eine Wirkung und eine Vorstellung der heftig bewegten Geister seines Gehirns.
Diese so brennende Begierde zum Studieren sollte natürlicher Weise einen ungemein ehrbegierigen Menschen anzeigen; denn man unternimmt keine schwere Arbeiten ohne große Bewegungsgründe, und die Gelehrten sind auf ihren Studierstuben voller Ehrsucht. Gleichwohl war es der Herr von Tschirnhaus nicht; mit allen seinen Wachen strebte er nicht
 

194nach derjenigen Unsterblichkeit, die uns so sehr rühret und auf die wir so wenig Anspruch zu machen haben: ja er hat zu seinen Freunden gesaget: er habe sich schon seit seinem vier und zwanzigsten Jahre von der Liebe zu den Ergötzlichkeiten, zum Reichthume und so gar zur Ehre, freygemacht. Es giebt Leute, die ein Recht haben, von sich selbst ein Zeugniß abzulegen. Er liebte also die Wissenschaften mit demjenigen reinen und uneigennützigen Triebe, der sowohl dem Gegenstande, der ihn veranlasset, als auch dem Herzen, welcher ihn empfindet, so viel Ehre bringt; die Art, wie er sich an gewissen Stellen von der Entzückung ausdrückt, die die Ueberzeugung der Wahrheit verursachet, ist so lebhaft und rührend, daß er nicht zu entschuldigen wäre, wenn er sich um einen andern Lohn beworben hätte.
Der Tractat de Medicina nemis et corporis enthält zugleich seine Gedanken von der Gesundheit. Seine Neigung zu den Wissenschaften

 

195beherrschte ihm nicht so gar sclavish, daß er nicht auch zuweilen mit andern Menschen, und zwar nach ihrer Art lebte, und daß er folglich zu viel essen und trinken mußte. Er lehrt aber vielmehr gewisse Behutsamkeiten, dieser Lebensart vorzubeugen, als daß er Mittel angäbe dieselbe zu heilen; es müßte denn seyn, daß der Schweiß, worauf er viel hält und zu dem er immer seine Zuflucht nimmt, zu gleicher Zeit ein Präservativ und ein Hülfsmittel wäre, Uebrigens hält er alles für Gift, was nicht eine Nahrung seyn kann. Er begehret, daß man dem einfältigen Geschmacke, der ohn alle künstliche Zusammensetzung ist, uns zu gewissen Speisen treibet, oder durch einem gleichen Eckel davon abhält, folgen soll; dieses sind heimliche Warnungen der Natur, wofern anders die Natur eine so genaue Sorge für uns trägt, der man sich sicher anvertrauen darf. Er sagt, daß wenn er ja viel essen müssen, er zum mindesten sehr widrige Dinge durch einander gegessen,

 

196warm und kalt, gesalzen und süß, sauer und bitter, und daß diese Vermischung, die den andern Gästen sehr seltsam geschienen, ja die sie für eine Unmäßigkeit gehalten, dazu gedienet, daß die zu strengen Eigenschaften eine durch die andere gemildert worden. Man muß zur Ehre des Herren von Tschirnhaus gestehen, daß diese Art der Seltsamkeit, dazu ihn die Sorgfalt für seine Gesundheit verleitet, nicht so groß gewesen als diejenige, wozu ihn die Liebe zum Studieren bewogen.
Nach der Ausgabe seines Werkes, und da er zu Hause in Sachsen war, dachte er auf die Ausführung eines großen Vorhabens, welches ihm schon lange im Sinne gelegen. Er glaubte daß, wofern man nicht erst die Optik vollkommner machte, unsere Versuche in der Physik ungefähr da würden müssen inne halten, wo wir jetzo wären, und daß man, um die Natur besser zu erkennen, dieselbe erst besser einsehen müßte. Uebrigens sah er, der der Erfinder der

 

197Brennspiegel war, besser als jemand zuvor ein, daß größere und bessere convexe Gläser, die man in die Sonne stellte, neue Oefen seyn und eine ganz neue Schmelzkunst an die Hand geben würden. Allein es gab in ganz Sachsen keine Glashütte, die zur Ausführung dieser großen Anschläge tüchtig gewesen wäre. Er erhielt also von dem Könige von Pohlen und Churfürsten zu Sachsen, seinem Herren, die Erlaubniß eine anzulegen, und da man gar bald den Nutzen einsah, den das Land davon hatte, so legte er bis drey solcher Hütten in Sachsen an. Aus diesen nun erschienen fast wunderbare dioptrische und physikalische Neuigkeiten. Wir haben sie, auf das Wort des Herren von Tschirnhaus, in den Histoires von 1699. (n. d. 89. u. f. S. und a. d. 110. u.f. S. der Amsterd. Ausg.) und von 1700. (a. d. 128. u. f. S. und a. d. 163. u. f. S. der Amsterd. Ausg.) angezeiget. Einige waren so beschaffen, daß sie wohl Ungläubige finden könnten; denn indem

 

198sie die Dioptrik verbesserten, so stießen sie dieselbe auch über einen Haufen; gleichwohl ist der Brennspiegel, den Sr. Hoheit der Herzog von Orleans von dem Herren von Tschirnhaus gekauft hat, ein untrüglicher Zeuge eines großen Theiles von dem was er vorgegeben.
Dieser Spiegel ist von beyden Seiten kohl; und ein Theil zwoer Sphären, deren Halbmesser zwolf Fuß ist. Er hat drey rheinländische Fuß im Durchschnitte und wiegt 160 Pfund, welches in Gegenhaltung der größten Holspiegel, die jemals gemachet worden sind, eine ungeheure Größe ist. Die Ränder sind eben so vollkommen geschliffen als das Mittel, welches daraus verhellet, daß der Brennpunct völlig rund ist. Dieses Glas ist ein Räthsel für die geschicktesten Leute. Ist er in Schüsseln gearbeitet worden wie die gewöhnlichen Gesichtsgläser? Ist er in einer Form gegossen? Man frage was man wolle; beyde Arten haben ihre großen Schwierigkeiten, und nichts gereichet der

 

199Mechanick, deren der Herr von Tschirnhaus sich dabey bedienet haben muß, zu größerm Lobe. Er hat gesaget, vielleicht aber hat er ein Geheimniß nicht entdecken wollen, daß er es in Schüsseln geschliffen, und daß der klumpen Glas, daraus er es gemacht, 700 Pfund gewogen, welches abermal ein Wunderwerk in einer Glashütte wäre. Er hatte auch noch ein ander Brennglas von 4 Fuß im Durchschnitte verfertigt, allein es ward durch einen unglücklichen Zufall beschädiget.
Er überreichte ein dergleichen Brennglas dem Kayser Leopold, welcher zur Erkenntlichkeit für dies Geschenk, und noch mehr wegen seiner Verdienste, ihm den Titel und die Vorrechte eines Freyherren ertheilen wollte; allein er schlug dieses mit aller der Ehrfurcht aus, die eine solche abschlägige Antwort begleiten muß, und nahm von aller Gnade des Kaysers nichts an, als das Gemälde Sr. Majestät nebst einer goldenen Kette. Damit diese That nicht so erdichtet

 

200scheine, wird es gut seyn noch eine anzuführen, die dieselbe bestätigen wird. Er schlug auch die Bedienung eines Geheimdenraths aus, damit ihn der König Augustus beehren wollte. Man kann zwar muthmaßen, daß derjenige, der die Ehrenstellen nicht sucht, sich entweder die Mühe oder die Schande, sie nicht zu erlangen, ersparen will; wer sie aber ausschlägt, wenn sie sich von selbst darbiethen, dem kann auch die allerlistigste Bosheit nichts anhaben.

Er kam im 1701. Jahre zum viertenmale nach Paris, und war ziemlich fleißig in der Akademie. Er trug darinnen verschiedene Methoden vor, die er zur allertiefsinnigsten Geometrie ausfündig gemacht hatte; allein er gab die Demonstrationen davon nicht an, und war zufrieden, daß er nur eine gewisse unruhige Neugierde und vielleicht Zweifel erweckte, die seinen [ ] Ehre brachten, wenn sie eine Gewißheit hätten. Wir haben in den Histoires von 1701. (a.d. 89. 90. 110. und 113. S. der Amsterd:

 

201Ausg.) ein Verzeichniß dieser Vorschläge kund gemachet. Er glaubte, er brauche die ganze Infinitesimalrechnung nicht, und übergab der Akademie von den Radiis euolutarum einen Entwurf über diejenige, welche er an die Stelle setzte. Nichts beweiset den großen Nutzen der unendlich kleinen Theilchen besser, als die Ehre, die man sich daraus macht, wenn man sie in gewissen Fällen nicht nöthig hat, Ueberhaupt wollte der Herr von Tschirnhaus die Geometrie leichter machen, indem er überzeugt war, daß die rechte Methode allezeit leicht und die spitzfündigste nicht die wahre sey, weil sie allzusehr zusammengesetzt ist, und die Natur etwas einfältigers hervorbringen muß. Alles dieses ist wahr, es bleibt nur übrig, daß man den Grad dieser Einfalt bestimme; und man glaubet anjetzt, man habe ihn ausfündig gemacht.
In während diesem Aufenthalte zu Paris theilte Herr von Tschirnhaus dem Herrn

 

202von Homberg ein Geheimniß (mit das man eben so bewundernswürdig fand, als die Kunst jene großen Gläser zu schleifen; dieses war ein Porcelan zu machen, das dem chinesischen ganz gleich kam und folglich den Europäern viel Geld ersparen würde. Man hat bisher geglaubt, das Porcelan sey ein absonderlich Geschenk, womit die Natur die Chineser begabt, und daß die Erde, woraus es gemacht wird, nur in ihrem Lande zu Hause sey. Das ist aber falsch, es besteht bloß aus der Vermischung gewisser Erden, die man an allen andern Orten findet, allein die man nur durch die Kunst mit einander vermischen muß. Der erste Erfinder kömmt gemeiniglich auf ein Geheimniß, ohne daß er es suchet; der Folgende aber, der dasjenige sucht, was der erste gefunden hatte, kann es schwerlich anders als durch Nachfinden herausbringen. Herr von Tschirnhaus hatte sein Porcelan dem Herrn von Homberg zur Vergeltung einiger andern chymischen Geheimniße mitgetheilet, die

 

203er ihn entdecket; allein er mußte ihm versprechen, bey seinen Lebzeiten sich desselben auf keine Weise zu bedienen.
Sobald er wieder zu Hause war, ward er beständig mit häußlichen Widerwärtigkeiten geplaget, und sein Leben war eine ganze Reihe von Unglücksfällen. Da die Gesundheit der Seelen von der Gesundheit des Verstandes abhängt, worauf er sein ganzes Augenwerk richtete, sind es für einen Menschen, der viel Ueberzeugung besitzt, viel wenigere, oder doch nicht so schmerzliche Uebel giebt, als für andere Leute; so ertrug er auch die seinigen standhaft, und zeigte das, was man in solchen Fällen fast niemals sieht, nemlich den Nutzen seiner Theorie und die Anwendung seiner Regeln. Seine Gemüthsart ward nicht verändert, noch sein Studieren unterbrochen. Er unterwarf sich derjenigen Vorsehung, der man sich umsonst

204wiedersetzt, und mit unendlichem Vortheile unterwirft. Kurz, nachdem er fünf Jahre seinen Gram zu bekämpfen und zu bestreiten gesuchet, ward er krank, vielleicht weil man ihn nicht so lange, ohne davon entkräftet zu werden, bestreiten kann. Er fürchtete weder das Fieber, noch die Schwindsucht, noch die Wassersucht, noch die Gicht, weil er gewiß glaubte, daß er dawider Mittel hätte, allein den Stein fürchtete er sehr, weil er ihm nicht gewiß zu widerstehen, oder ihn nicht so leicht zu heilen hoffte. Gleichwohl hatte er eine Zurichtung von Molken erfunden, die er für sehr gut hielt, und die er in einer deutschen Ausgabe seines Werkes mittheilet. Allein auch diese hinderte nicht, daß er im Monate September 1708, von sehr großen Steinschmerzen überfallen ward, denen eine Verhaltung des Urins folgte. Die Aerzte, die ihn in ihren Vorschriften nicht folgsam genug fanden, weil er sich selbst zum Arzte gemacht hatte, verließen ihn gar bald. Er curirte sich

 

205also so gut er wußte, und verlor niemals weder seine Standhaftigkeit, noch seine Ergebung in den Willen der Vorsicht, noch den Gebrauch seiner Vernunft, und starb endlich den folgenden 11. October. Seine letzten Worte waren Triumphf! Victorie! Unfehlbar sah er sich als einen Ueberwinder der Uebel des menschlichen Lebens an. Sein Körper ward mit aller Pracht auf eines von seinen Gütern beerdiget, und der König Augustus geruhete die Kosten dazu zu geben.
Er hatte den ihm bevorstehenden Winter zu großen Zusätzen bestimmt, die er zu seinem Buche machen wollte, und hatte ein ansehnliches Theil seines Vermögens zu seinem Vergnügen, das heißt, auf die Wissenschaften verwendet. Er schlägt in seinem Werke einen Plan zu einer Gesellschaft von vornehmen Leuten vor, die die Wissenschaften liebten, die den einsigern Gelehrten alles anschaffen sollten, was sie sowohl für sich, als zu Beförderung der

 

206Wissenschaften nöthig hätten, und man merket gar wohl, mit wie vielem Vergnügen er die Lasten dieser Genossenschaft über sich genommen haben würde. Er verwaltete sie mich wirklich schon, ehe diese Gesellschaft noch zu Stande war. Er suchte Leute auf, die sowohl in den nützlichen Wissenschaften, als in den Künsten vorzüglich geschickt waren; er zog sie aus der Finsterniß, in der sie gemeiniglich verborgen leben, hervor, und war zu gleicher Zeit ihr Mitarbeiter, ihr Aufseher, und ihr Wohlthäter. Er hat sehr oft die Mühe und Kosten auf sich genommen, anderer Leute Bücher drucken zu lassen, wenn er daraus einen Nutzen für das gemeine Wesen hoffte, unter andern hat er die Chymie des Herrn [Meniety?] deutsch übersetzen und drucken lassen, und dieses that er, ohne sich in den Vorreden die Ehre, die ihm zukam, und die ein jeder anderer nicht verabsäumen hätte, beyzulegen, oder beylegen zu lassen. In wichtigern Fällen, wofern sie anders für

 

207den Ehrgeitz nicht alle gleich wichtig sind, war er von aller Pralerey nicht minder entfernet. Er that seinen Feinden recht eifrig Gutes, und ohne daß sie es wußten, eine Tugend, welche kaum das Christenthum fodert. Er war nicht bloß ein Weltweiser wegen seltener Kenntnisse, und ein gemeiner Mensch wegen seiner Leidenschaften und Schwachheiten: die wahre Weltweisheit war bis in sein Herz gedrungen, und hatte darinne diejenige angenehme Gelassenheit erweckt, die das größte Gut ist, und am wenigsten gesucht wird.

 
 

Hundert und neun und dreyßigster Brief

An die Frau von W.

Im Februar. 1754.

Ich wünsche Ihnen tausend Glück zu ihrem ersten Sohne. Ich stelle mir die laute Freude des vergnügten Vaters, und die stille Zufriedenheit der Mutter recht lebhaft vor, und wünsche, daß kein widriger Zufall dieselben störet. Die Vorsicht hat Ihr Vertrauen erfüllet. Nach einer funfzehnjährigen vergnügten Ehe, erfahren Sie das Glück, was Sie oft gewünschet, aber nie mit Ungedult errungen haben. Wie oft habe ich Sie mit Gelassenheit die Wünsche beantworten hören, die Sie über diesen Umstand erhielten! Wenn es der Vorsehung gefällt, mir Kinder zu geben: so ist es immer noch Zeit --- Gott weis am besten, was uns gut

209 ist. Er siehet voraus, daß es vielleicht der Kinder ihr Glück nicht wäre, die mich zur Mutter hätten und also gebe ich mich zufrieden; auch Ungebohrnen möchte ich kein unglückliches Schicksal verursachen. --- Vielleicht soll ich alle Fehler so bey der Erziehung vorgehen, erst kennen, und mich dafür hüten lernen, ehe mich die Vorsicht Mutter werden läßt. --- Dieses waren Ihre Ausdrücke. Endlich ist das Verlangen Ihres zärtlichen Gemahls erfüllet. Wie oft pflegte er zu sagen: ein Kind, ein einziges wohlgerathnes Kind, nur das Glück den süßen Vaternamen zu tragen, erbitte ich von Gott. Gott hat diese Bitte erhöret; er hat Ihnen einen Sohn gegeben, und Einsicht genug und Mittel genug, diesen Neugebohrnen einst vollkommen gut zu erziehen. Jetzt sind Sie nur für des Säuglings Erhaltung besorgt. Sie thun recht, liebenswürdige Wöchnerin, Ihrem Kinde eigne Muttermilch zu geben. Gott segne dieses Vorhaben, und lasse es Ihrer

210 Gesundheit nicht nachtheilig seyn. Ich hoffe alles von Ihrer guten Gemüthsart, diese wird den glücklichsten Einfluß auf Ihren Cörper und den kleinen Säugling thun. Flößen Sie ihm doch alle die edlen Gesinnungen ihres guten Herzens ein, so wird die zukünftige Welt Ihnen noch Dank wissen, daß Sie sich jetzt schlaflose Nächte gemacht. Ich umarme die zärtliche Mutter und den ihr ganz gleichen Sohn von Herzen und wünsche, daß Sie ihm noch einst vermählt und beerbt umarmen, und seine Kinder segnen. Ich bin u.

Gottsched.

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Hundert und vierzigster Brief.

An die Fr. v. R.
Leipzig den 16. März. 1754.
Gestern bin ich von meiner Galeerenarbeit gekommen, und ich eile um die ersten Süßigkeiten der wieder erlangten Freyheit, in einer schriftlichen Unterredung mit meiner besten Freundin zu genüßen. Ach warum kann es nicht in Ihren Armen geschehen? Unter einer Menge Briefe, die sich während jener Kettentracht gesammlet haben, suche ich die Ihrigen zuerst vor; und meine Hand ist mit meinem Herzen so einstimmig, daß sie die geliebten Blätter gleich hervorzieht. Haben Sie auch über mein Stillschweigen gezürnet? liebste Freundin! Hat mich dieses etwa aus Ihren Herzen verdränget? Drey Wochen kein Wort von Ihrer Hand! Eine klägliche lange Zeit für

212 mich! Ich glaube immer Sie haben so viel Muse übrig als mir fehlet, und ich bin ungedultig wenn --- Nun wissen Sie abermal eine neue Unart von mir, werden Sit mich noch nicht hassen?

Sie sind also mit dem Namen Dorothea eben so wenig zufrieden, als ich mit den meinigen. Wenn ich an meinem Tauftage ein Wort hätte darzu sprechen dürfen: so würde ich meine drey Namen verbeten haben. Der freygebohrne Mensch muß gleich in den ersten Tagen seines Lebens, seinen Willen andern unterwerfen, und erfährt den meisten übrigen Theil seiner irrdischen Wallfahrt fast ein gleiches Schicksal. (Hätten Sie mir heute wohl eine so tiefsinnige Anmerkung zugetrauet?) Mir geht es bey Ihnen mit dem Namen Dorothea wie jenem Liebhaber, der in einem gewissen Gesichtsfehler seiner Schönen etwas recht reitzendes zu finden meynte. Cela lui sied mieux pourtant, sprach er,qu a toute autre.

213 Sie verlangen Zarine von meiner Feder als ein Trauerspiel zu lesen? Dieser Wunsch ist gewissermaßen schon erfüllet. Vorm Jahre habe ich einmal ein langes prosaisches Stück dieser Mordgeschichte, aus den Memoires de l academie des Inscriptions & belles Lettres übersetzet, die im 11ten Theil meiner Uebersetzung der ausführlichen Schriften dieser Akademie stehet. Hierauf hat der Freyherr von S. dem sie zuerst daraus bekannt worden, ein Trauerspiel in Versen verfertigt, welches ohnfehlbar schöner ist, als mir es gelingen möchte. Ich zweifle, daß er es Ihnen abschlagen sollte, wenn Sie es zum Durchlesen begehren. Berufen Sie sich auf mich, daß ich es ausgeplaudert hätte. Wenn der Dichter auch böse wird: so habe ich doch eine kleine Rache, für alle Eifersucht, die seine Muse mir verursacht. Sie saget meinem Freunde so viel zärtliches, und dieser hat das Herz, seine Freundschaft mit dem Herrn B. v. S. der unsrigen entgegen zu setzen.

214 Aber lassen Sie alles gut seyn. Es wird hier eintreffen, was unsre Sevigne von der Liebe sagt: c’eft une fievre trop violente pour durer. Das männliche Geschlecht ist in allen Leidenschaften heftig, aber um der menschlichen Natur nicht Gewalt anzuthun, geben sie bald nach. Wir wollen sehen wie diese neuen Oreste und Pyladen sich halten werden. Ich hoffe, ich hoffe, wir werden den Preis erhalten und unsere Freundschaft wird siegen. Jene erschöpfen die Rede und Dichtkunst bey den Versicherungen ihrer wechselseitigen Zärtlichkeiten; wir fragen nur unser Herz, das ist immer einerley, und das meinige sagt Ihnen alleweile mit einem stillen tiefen Seufzer, daß ich ganz Ihr eigen bin.
Gottsched.

215
 

Hundert und ein und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 24. März 1754.

Mein beste Freundin! Ich kann mich nicht überwinden, Ihnen den Sperates und Plato, die mich bisher in der Gedult geübet, zuzuschicken. Sollte ich Sie mit zwey und dreyßig gedruckten Bogen plagen? So viel beträgt meine Arbeit von der Neujahrmesse bis hieher. Ich will Ihnen den ganzen Inhalt sagen. Er betrifft lauter griechische, römische, egyptische, und kurz zu sagen, barbarische Alterthümer, das ganze Werk ist voller kritischen Grillen. Mitten unter denselben, finden Sie etwa auf drey Bogen, ein trockenes metaphysisches Gespräche des Socrates mit seinen Schüler Theatetus, die mit einander zanken, was

216 das Wissen ist, und ob es etwas anders als empfinden sey. Nein ich verehre Sie viel zu sehr und Ihre Zeit ist mir viel zu schätzbar, um Sie mit Lesung einer Schrift zu plagen, die mir selbst zum Eckel geworden ist. Nie habe ich einen ärgern Sophisten und einen dümmern Lehrling gesehen.
Lassen Sie uns lieber freundschaftliche Briefe wechseln. Dieses sey und bleibe unsere reitzenste Beschäftigung; so lange wir getrennt leben müssen. Die Vorsicht legt hier der Freundschaft aus weisen Absichten oft Fesseln an; die Zeit der völligen Freyheit hat sie erst in jener Welt zu gewarten. In diesem Noviciat befinden wir uns beyde.
Gottsched.

217

Hundert und zwey und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 24. May. 1754.

Niemals ist mir die Zeit nach einer Nachricht von Ihnen so lang geworden, als diesesmal. Ich suchte hundert Ursachen Ihres Stillschweigens, ich baute die schönsten Luftschlösser, und hoffte irgends eine unvermuthete Erscheinung auf unserer Messe, aber nichts von alle dem ist geschehen. Endlich fiel mir ein, daß ich mich für Ihren Liebhaber erkläret hatte, und ich fand in Ihrem Stillschweigen, daß diese Rolle Ihren Beyfall nicht hätte. Mir war dieser Einfall demonstrativisch gewiß, und da ich mich in diesen Zustand gar nicht schicken konnte, so setzte ich mich nieder und schrieb folgendes Billet:

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Madame,

Votre amie, qui ne vivoit qué par Vos lettres, se voit tuer par Votre Silence dont Vous la regales comme Votre amant. Si c’est ainsi que Vous Vous prenes a ceux qui Vous adorent, j’aime mieux ne pas Vous adorer & reprendre mon ancien caractere. Rendès moi Votre endresse Madame, reprennes Votre empressement à me donner de Vos nouvelles & soyés persuadés, que je n’ambitionnerai d’autre titre que celui de Votre amie. C’est dans les sentimens d’ une amitié pure & constante que je serai toute ma vie Votre trés devouée G.
Vielleicht ruhet Ihres Gemahls Fluch auf meinem verwegenen Antrage. Ist dieses? so soll derselbe künftig mit mir zufrieden seyn. Ich begehre seine Seufzer nicht auf mich zu laden. Mein ganzes Glück will ich in Zukunft darinne suchen, gegen seine und meine Freundin alle Empfindungen einer reinen und beständigen

219 Freundschaft bis ins Grab zu erhalten. Nach dieser Geschichte meines Herzens, welche ziemlich lang gerathen ist, schicke ich Ihnen dieNinon l’Enclos. Sie haben solche neulich verlangt. Setzen Sie diese unter die besten Schriftsteller, sie wird sich mit allen vertragen; ihr ganzes Leben brächte sie in der Gesellschaft gelehrter Leute und witzigen Köpfe zu, und doch ist sie so wenig meine Heldinn, als sie die Ihrige seyn wird. Lesen Sie doch einmal den hier beygefügten Amilec: er gefällt doppelt, wenn man den Schlüssel weis, daß es eine Satyre auf die Encyclopedie und des Buffens Philosophie ist.

Panthea erscheint auch hierbey mit allen ihren Fehlern. Sie sollen aber auch dieses Lieblingsstück von meiner Feder ausgebessert erhalten, ich finde viel zu tadeln an ihr, ehe ich sie mein wohlgerathenes Kind heißen kann. Der Anfang ist gemacht, da es aber nur meine Nebenarbeit ist, werde ich nicht sobald fertig

220 werden. Lieben Sie mich? so ist mein erster Wunsch erfüllet.
Gottsched.

Hundert und drey und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 15. Junii 1754.

Sie wollen Ihren Briefen einen neuen Werth beylegen, und mich dieselben länger als bisher erwarten lassen? Dieser Kunstgriff, meine Ungedult zu prüfen, ist nicht nöthig, Liebste Freundin. Man kann nicht mehr Vergnügen empfinden, als Ihre Zuschriften mir verursachen. Unzufrieden, grausam werde ich Sie nennen, wenn Sie noch mehr Empfindungen verlangen, und mein armes Herz quälen wollen, da Sie mir jetzt das reinste Vergnügen verschaffen.

221
Wir sind sechs Tage in Menselwitz gewesen, wo ich Ihr bittersüßes Andenken in allen Grotten, Alleen, Läuben, Cafeaden und Inseln herumgetragen habe. Kurz, Sie sind recht buchstäblichMein Wunsch bey Tag, mein Traum bey Nacht.
Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen von dort aus diese Empfindungen zu sagen; ich hatte meine kleine Reise-Canzley mit mir geführet, aber alles war umsonst. Man hat mir nicht einen Augenblick Zeit darzu gelassen. Die Besitzerin dieser ländlichen Annehmlichkeiten hat das Unglück, nicht mehr das geringste davon zu erblicken. Sie kennt alle Leute an der Stimme, und lieset den gröbsen Druck mit ihrem Glase dem Schein nach. Gemeiniglich aber weis sie schon alles, was sie lesen will.

222
Ihre Kräfte sind bey ihrem hohen Alter noch gut, und sie durchwandert ihren großen Garten ohne Beschwerlichkeit. Doch an ihren Gemahl kömmt sie nicht. Dieser ist an Gemüthe, Gedächtnis, Gehör, Gesicht, Appetit, an Kräften und Munterkeit 30 Jahre jünger, als das Kirchenbuch ausweist. Welch glückliches Alter hat sich eine vernünftiggebrauchte Jugend zu versprechen. Dieser würdige Greis ist der beste Beweis davon. Wissen Sie, wie er jetzt lebt?

Er weis, sein Gott kennt, wählt und wirkt das Beste:
Das einzusehn ist seine Lust und Pflicht;
Und bebte gleich der Welten Bau und Beste,
So zaget er bey ihrem Einfall nicht.
Er stirbt getrost: er segnet seine Zeiten
Und heiliget sein Theil den Ewigkeiten.

Soll ich Sie nicht einmal umarmen, Liebste Freundin? Ich erwarte dieses Vergnügen mit Sehnsucht.
Gottsched.

Hundert und vier und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 29. Jul. 1754.

Die Jeremiaden des Hrn. d'A . . haben also Ihrem Beyfall nicht? Sie denken wie ich. In einem Gedicht an den nordischen Galemon sagt er sehr wahr: Voltaire à son conchant Vaut mieux qu' un autre a son adrore! Gleichwohl bleibt er nicht lange so bescheiden, sondern bald darauf verspricht er sich selbst d'atteindre à l'eclat de Voltaire. Dieses gehöret nun zu der dichterischen Einbildung. Ich wünschte um Voltairens eignen Ruhms Willen, daß er seinem Witz niemals auf Unkosten seines Herzens gezeiget, und die Welt mit alle denen Stücken, just die Sie nicht lesen

224 wollen, und davon mich Ihre Weigerung muthmaßen läßt, daß Sie solche gelesen haben, verschonet hätte. Alsdenn hätte man ihn ohne Ausnahme als Schriftsteller eben so verehren, als bewundern müssen.
 
Der unglückliche Tod des Obristen von V. hat uns sehr gerührt. Mein Freund, der ihm gekannt hat, sagt mir, es sey eine der schönsten und angenehmsten Mannspersonen gewesen. Der Obristlieutenant M . . hat viel von der guten Meynung verlohren, die ich von [ ] gehabt. Ich habe in Meuselwitz viel von seiner Belesenheit, von seiner großen Geschicklichkeit auf der Violine, noch mehr aber von seiner ungemeinen Erkenntlichkeit für des Feldmarschalls Schutz gehöret. Die letztere geht so weit, daß ich nicht leicht ein Exempel weis. Weiter ist mir sein moralischer Caracter ganz unbekannt.  Nunmehro mag ich ihn auch nicht kennen lernen.
 
225
Unsere deutschen Fakultäten creiren, promoviren und krönen das deutsche Frauenzimmer trotz den Franzosen. Verschiedene haben ihre Wälder schon bald kahl gelorbert. Man hat vor kurzen ein Frauenzimmer zum Doctor der Arzeneykunst gemachet; vermuthlich wird sie auch das Vorrecht erhalten und behaupten einen neuen Kirchhof anzulegen. In Greifswalde wird das Frl. B. auch ehestens Doctor Juris werden. Ich für meinen Theil habe von dergleichen Ehrenbezeugungen meine eigenen Gedanken. Ich tadele niemand der sie annimmt, wenn er sie verdient; allein ich selbst, ich = = = Vor vielen Jahren wollte man mich zum Mitglied der hiesigen deutschen Gesellschaft erwählen; ich antwortete: ehe * * * drinnen war, wäre mir die Ehre zu groß gewesen, jetzt ist sie mir zu klein. Eine gewisse würdige deutsche Gesellschaft, hatte mein Weigern nicht für Ernst aufgenommen, und mich unter ihre Mitglieder setzen lassen, worüber ein ganzer
 
226 Bogen in ihren Schriften umgedruckt werden mußte. Sie sehen hieraus, daß man Ihren Wünschen zuvorgekommen ist, und bey unserer ersten Unterredung, hoffe ich Sie von meinen Gründen zu überzeugen. Wir haben den Conferenzrath von Bar hier gehabt; er ist nach Wien gereist, und die wenigen Stunden die er sich hier aufhielt, hat er bey uns zugebracht. Man kann den Verfasser der Epitres diverses sogleich aus der ersten Unterredung erkennen. Folgendes Sinngedicht auf den Baron von Hollberg, ist von seiner Feder auf meinem Schreibetisch liegen geblieben: Philosophe moqueur, comique atrabilaire, Il mord & divertit tour à tour son prochain. Des Danois copendant, il seroit le Moliere, S'il n'en etoit pas le Jourdain.
 
Er hat einen Proceß in Wien auszumachen, wobey er 175000 Thlr. gewinnen oder verlieren kann. Man hatte ihn an verschiedene Höfe
 
227 ziehen wollen, und an dem einen ihn 4000 Thlr. jährlichen Gehalt angeboten, allein der Kopf der dieEpitre à Sancho Pansa Pain bis & liberte &c. gemacht hat, konnte sich nicht entschließen einen Platz anzunehmen, der seiner Denkungsart so entgegen wäre.
 
Hier sind ein paar Briefe über den verunglückten Dichter. Sie wissen, daß die Jesuiten auf den Canzeln gewaltig wider ihn eifern. Insonderheit der P. Merat, über welchen er sich in den ersten Briefe beschweret. Die Antwort des Jesuiten ist so sein, daß sie dem Lojola noch in der Erde Ehre machet. Ich finde nichts billiger, als daß die von der Gesellschaft Jesu, die Irrthümer des Dichters bestreiten. Möchten sie ihm doch in gewissen Fällen auf andere Gedanken bringen! Wünschen Sie solches nicht auch? Ich umarme Sie mit aller Zärtlichkeit.
 
Gottsched.

Hundert und fünf und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 10 Aug. 1754.

Ich sehe von weiten, wie begierig Sie die Briefe des Grafen Teßin an den Cronprinzen von Schweden lesen und wie geschäftig Ihr Bleystift bey jeder schönen Stelle ist. Warum wird doch die Erziehung künftiger Regenten nicht lauter Teßins aufgetragen? jedes Land hat die seinigen. Die Vorsicht, die den Regenten eines Landes von jeher bestimmt hat, wird gewiß auch einen Führer seiner Jugend, einen Mann, der das junge Fürstenherz nach dem Herzen Gottes bilden kann, jedem Lande verliehen haben. Es ist zu bedauren, daß nicht allemal die Wahl der Großen dieser Erden, auf denjenigen fällt, der die Geschicklichkeit, die

229 Wissenschafts, und die Tugenden besitzt, die zu dem wichtigen Werke, der Erziehung eines Prinzen erfordert werden. Man wird die redlichsten, die einsichtsvollesten, die größesten Minister finden, die das Ruder des Staats mit Ruhm und Beyfall führen, und den Fürsten die vortreflichsten Rathschläge geben; allein ich getraue mir zu behaupten, daß ein vollkommener Mentor für einen Fürsten, seltner als ein vortreflicher Minister, als ein großer General ist. Das junge Herz eines Prinzen, ehe er Regent wird, in die Verfassung zu setzen, wie es das Wohl vieler Länder, und einer ganzen Nachwelt erfordert, ist warlich keine geringe Sache! Von allen Cattzeln, sollte ein Mann zu dieser Würde von der Vorsehung erbeten werden. = = = Eine Menge Schmeichler und sträfliche Leisetreter, (um mit Luthern zu reden) umgeben die Prinzen von der zartesten Jugend an. Sie lehren ihnen alle ihre oft eingebildete Vorzüge kennen, und verschweigen ihnen ihre Fehler und ihre wichtigsten

230 Pflichten. Teßin thut gerade das Gegentheil: Sans relache d'un Roi, je luis dis son devoir, Affés d'autres sans moi, lui diront son pouvoir. Ich wünsche, daß dieses großen Mannes Bemühung gesegnet, und alsdann andern Höfen zum Beyspiel dienen möge.
Sie laden mich so freundschaftlich ein, auf meiner Reise nach Dresden Sie in G. zu besuchen; daß ich alles empfinde, was die Freundschaft empfinden kann, die einen geheimen Trieb zu dem fühlet, was meine Freundin wünschet. Im Geiste habe ich schon Ihre feurigste Umarmung empfunden, in Ihrem Zimmer geschlafen, an Ihrem Tische gesessen, in hundert Unterredungen mit der gütigsten Wirthin, mich und die vorgelegten Speisen auf meinem Teller, für Vergnügen vergessen, und kurz, ich bin seit dem Empfang Ihres letzten Schreibens, schon

231 ganz bey Ihnen gewesen. Bey diesen metaphysischen Genusse wird es aber auch diesmal wohl bleiben, zur Strafe, weil mein Freund Professor der Methaphysick ist. Er ist aber auch Professor der Logick, und hier sind die Gründe die er meinen Bitten entgegen setzt: 1) Sechs und zwanzig Meilen sind gerade noch einmal so weit als dreyzehn. 2) Meine Geschäffte erlauben mir nicht länger als acht Tage von Leipzig abwesend seyn, da nothwendig vierzehn Tage zu einer Reise nach G. erfordert werden. ergo
Alles dieses ist wahr, liebste Freundin, und ich muß Ihnen noch einen Hauptsatz anführen, der alle meine Einwendungen vereitelt: Dein Wille soll deinen = = =
Ihre Freundschaft wird möglich zu machen suchen, was mir unmöglich scheint. Kommen Sie nach Dresden; mein dortiger Aufenthalt wird mir doppelt angenehm seyn; wir wollen uns die wenigen Tage, als wir uns sehen

232 können, nicht trennen. Fragen Sie Ihr Herz und antworten Sie mir, so wie ich wünsche. Leben Sie wohl, ich bin ewig Ihnen ergeben.
Gottsched.

Hundert und sechs und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Dresden den 11. Sept. 1754.

Liebste Freundin,

Mit unaussprechlichen Vergnügen melde ich Ihnen, daß mein bester Reisegefährte sich endlich bewegen lassen, meine liebsten Wünsche zu erfüllen, und künftige Woche mich in Ihre Arme zu liefern. Urtheilen Sie von meiner Freude, beschreiben läßt sie sich nicht. Auf Befehl der Durchl. Ermelinde, wird man auf ihrem deutschen Theater künftige Mittwoch ein gewisses Stück aufführen, und deswegen kann

233 unsere Abreise nicht eher als Donnerstags früh geschehen. Freytag Abends hoffe ich bey Ihnen zu seyn. Die Eile, die Freude, die mein ganzes Blut in Bewegung setzen, werden meine unleserliche Schrift entschuldigen. Ich wünsche den Tagen und Stunden Flügel, um den glücklichen Augenblick bald zu erleben, wo meine Zunge beredter, als meine Feder seyn, und Ihnen überlaut versichern wird, daß nichts denen Empfindungen gleicht, mit welchen ich leben und sterben will, als Ihre ganz eigene Gottsched.

 

Hundert und sieben und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Budissin den 28. Sept. 1754.

Liebste beste Freundin,
Was könnte mein beklemmtes Herz eher aufrichten, was meine Thränen über unsre abermalige Trennung eher stillen, als eine schriftliche Unterredung mit Ihnen, liebste Freundin? Ich kann Ihnen meinen Zustand nicht beschreiben. Hier bin ich traurig, unzufrieden und mürrisch. Sie sind hiervon die einzige Ursache. Wir sind beyde geschaffen uns zu lieben und zu quälen. Mein Kummer, und der Schmerz den ich bey unserer Trennung ebenfalls in Ihren Augen las, diese verleiten mich zu klagen und zu seufzen, da ich mich niedersetzte Ihnen zu danken. Ich thue es dennoch so gut ich kann,

235 und versichere Ihnen, daß Sie uns aufs neue ewig verpflichtet haben. Sie haben über alles mein Bitten und Vermuthen sich gefällig bewiesen. Nicht allein haben Sie uns alle Vorzüge von Görlitz gezeiget, und die Bekanntschaft seiner würdigsten Einwohner verschafft, sondern auch alles, was diese Stadt reitzendes in Ihrer Gegend hat, haben Sie uns kennen lernen. Sch[ ] * * und M * * sind zween auserlesene Landgüter, die durch ihre Besitzer noch mehr verherrlichet werden. Auch diesen Musenfreunden empfehlen Sie uns, und danken Sie ihnen für ihre gütige Aufnahme. Versichern Sie alle Ihre Freunde in dortiger Gegend, daß unsere Erkenntlichkeit eben so groß ist als jene verbindlich war. Leben Sie wohl! beste Freundin, ich bin mit der zärtlichsten Bekümmerniß
Ihre ganz eigene Dienerin

Gottsched.

 

Hundert und acht und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 2. Octobr. 1754.

Allerbeste Freundin,

Können Sie Wunder thun? Gestern da ich zum erstenmale wieder in Leipzig erwache, und mit blutenden Herzen die Kluft von sechs und zwanzig Meilen bedenke, die abermals zwischen der zärtlichsten Freundschaft befestiget ist, eben da finde ich auf meinem Theetische, den einzigen Trost der mir in diesen Augenblicke nöthig war. Ich umarme Sie dafür auf das zärtlichste. Sie allein sind fähig die Freundschaft so angenehm zu überraschen; Auch empfinde ich den ganzen Werth dieses angenehmen Morgengrusses mit der gerührtesten Dankbarkeit. Schmerz und Wehmuth machen mir den

237
heutigen Tag noch sehr trübe; in Görlitz waren die heitersten meines Lebens für mich aufgehoben. = = = Sie sind vorbey = = =
Ich finde in Ihrer Zärtlichkeit meine stärkste Beruhigung und ein Mittel wider mein übriges Leiden. Bis jetzt habe ich noch keine Minute an etwas anders denken können; auch die Nächte sind mir günstig gewesen. Ich habe sie entweder schlafloß mit Ihrem theuren Andenken, oder mit Träumen von Ihnen und Ihrem Hause zugebracht.
Hier folget der verlangte mir einzig ähnliche Kupferstich Kupferstich. Er bittet um Verzeihung, daß er en Saloppe erscheinet. Niemals hat er sich eingebildet in dem Tempel der Freundschaft einen so vorzüglichen Platz zu erhalten, sonst würde er sich von dem ersten Augenblicke seiner Existenz an, dieses Platzes werth zu seyn, geschonet haben *). Ich schließe mit einem Seufzer aus Voltairen: *) Dieser Kupferstich hatte einige Flecken bekommen.

238

Tendre amitié, don du Ciel, beauté pure, Porte un jour doux, dans ma retraite obseure. Puissai je vivre & mourir dans tes bras! Loin du mechant qui ne te connoit pas.

Gottsched.

Hundert und neun und vierzigster Brief.

An eben Dieselbe.
Leipzig den 2. Novbr. 1754.
 

Liebste Freundin,

Hier erscheinet Destouches der vortreflichste komische Dichter, welchen Frankreich und vielleicht ganz Europa aufzuweisen hat. Sie haben Recht, daß der Ruhmredige nicht sein einziges Meisterstück ist. Sein verheyratheter Philosoph ist eben so schön, und ich wenigstens bin zweifelhaft, welches von beyden Stücken den

239 Vorzug verdiene. Auch der Triumph der Weltweisheit eilet in Ihre Hände. Lesen Sie ja nicht die drey letzten Reden; es sind Stücke die wider meinen Willen angehängt worden. Aber da ist der Wundarzt, welcher mich zur Aderlaß aufruft ---
Sie ist vorbey; und hauptsächlich mit in der Absicht unternommen, ein Leben zu verlängern, dessen letzte Jahre, oder Tage, und wären es auch nur Stunden, Ihrem Andenken gewidmet sind. Man hat mich versichert, daß es zu deren Unterhaltung nöthig wäre. Werden Sie für Ihre Gesundheit eben so viel Sorgfalt tragen?
La Monarchie des Sollipsen, ist ein kleiner Tribut aus meiner Büchersammlung für meinen Schutzpatron, Ihren Gemahl. Ich vermuthe, daß es nach seinem Geschmack ist, und es braucht also keine weitere Empfehlung. Sie verlangen Rabners und Gellerts Schriften; auch diese folgen hier. Deutschland hat also

240 seinen eigenen Boileau, und mehr in der Satyre als Boileau, und seinen la Fontaine, die es Frankreich entgegen setzen kann. So weit gieng mein Bücherverzeichnis.
Ein paar gute Clavierpartien habe ich den Fleiß Ihrer Tochter bestimmt. O! was verliere ich, daß ich sie nicht hören soll. Sie können mit nie zu viel von diesen liebenswürdigen Paare schreiben. Unter der ganzen nächsten Nachwelt wird keins auftreten, an deren Jugend ich mehr Theil genommen, und deren Erziehung ich mehr gebilliget habe.
Ich freue mich, daß Kayser Carl V. Recept wider das Podagra Ihren Gemahl gute Dienste gethan. Und was sagen Sie? Ist Ihre Gedult auch ein wenig geprüfet worden?
Gottsched.

 

Hundert und funfzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 18. Novbr. 1754.

Seit den 9ten Novbr. haben wir die Gräfin B. hier. Eine Dame, die ungemein viel Verstand besitzt, ja man kann ohne Schmeicheley sagen: elle est rout esprit & un esprit des plus brillans. Sie hat ein erstaundendes Gedächtnis, welches alles behält was sie gelesen, und Sie hat sehr viel gelesen. Sie prahlet nicht mit ihrem Wissen, und nur bey den Gelegenheiten, da wir sie in den hiesigen Gärten, Cabinetten, Bibliothecken u. herumgeführet, sind wir erstaunet, welche Kenntniß in Naturalien, Mineralien, Schildereyen, Alterthümern, Münzen u. s. w. besitzt. Sie ist nichts weniger als stolz, und denkt keinen Augenblick dran, daß alle Aeste ihres Stammbaums mit fürstlichen und den

242 ältesten gräflichen Häusern prangen. Sie ist keine Schönheit, und auch jetzt schon in den Jahren, wo die größten Schönheiten ihrem Spiegel gram werden; allein sprechen Sie mit Ihr, so werden Sie beydes nicht vermissen. Ihre genaue, mehrentheils aus einem vertrauten Umgange entspringende Kenntniß fast aller fürstlichen Häuser in Europa, machet Ihre Unterredungen so interessant, ihren Witz und ihre Beredsamkeit aber so lebhaft und einnehmend, daß man nicht Zeit hat, an das äußerliche zu denken. Sie verläßt B. und begiebt sich zu ihrer Frau Mutter, der verwittweten Gräfin von A.
Daß Destouches meine Empfehlung nicht zu Schanden macht, ist mir sehr angenehm. Sein verheiratheter Philosoph, kann mit dem Ruhmredigen um den Vorzug streiten. Ersteres bezieht sich selbst auf die Schicksale des Verfassers; Er hatte sich in England mit einer Person vom Stande verheyrathet, sahe sich aber

243 genöthiget diese Verbindung einige Zeit geheim zu halten. Alle die darinnen aufgeführte: Personen sind nach Originalen geschildert, und nur wenige Umstände dem Theater gemäß eingerichtet. Konnte es ihm also fehlen, ein Meisterstück zu liefern, da Empfindung und Wahrheit seine Feder führten? Eben so konnte die Schilderung des Undankbaren in keine bessern Hände gerathen. Ihm, der das Laster des Undanks verabscheuete, dessen großmüthige kindliche Liebe seinen Vater, der eine zahlreiche Familie hatte, mit vierzigtausend Livres beystand, konnte ihm wohl das Bild des Undanks mißlingen?
Mit dem Cid von Corneille bin ich auch Ihrer Meynung, und ich erkläre mich nicht allein vor seine Horazen, sondern ich gebe mich noch seinem Cinna den größesten Anspruch auf meinen Beyfall. Wie oft ist der große Corneille Critiquen ausgesetzt gewesen? Der Cardinal von Richelieu selbst, gab Gelegenheit

244 zu dem, was Boileau nachher sagte:

En vain contre le Cid un Ministre se ligue Tout Paris pour Chimene a les yeux de Rodrigue.

und bis jetzt bleiben seine Arbeiten Meisterstücke des Theaters. Paris hat lange das Sprichwort gehabt: Cela est beau comme le Cid. Und nur seit eine Jaire und ihr Gefolge auch die gerechtesten Ansprüche auf eine allgemeine Bewunderung machen, und sie von allen Nationen erhalten, seitdem ist es nicht mehr gebräuchlich. Was haben Sie und die Weisen in S. gesaget, daß ich Ihnen le Palais du Silence schickte? Es wurde mir als eine seine Satire angepriesen, aber wie erschrack ich, als ich in den ersten Bogen nichts als einen ziemlich abgeschmackten Roman fand! Niemals hat mich das qu' en dira-t- on? mehr beunruhiget. Es ist eine Satyre, die sehr weitläuftig gerathen ist. Im zweyten

245 Theile finden Sie auf der 59ten Seite, die Ursache von dem Daseyn dieser Schrift. Unter dem Pythagoras wird Maupertuis, unter dem Xenophon Voltaire, und unter dem Thales der Herr von Leibnitz verstanden. Dieses Stück ist das beste im ganzen Buche. Ich umarme Sie, liebste Freundin, auf das zärtlichste und bin noch jenseit des Grabes

Ihre eigne treue

Gottsched.

Hundert und ein und funfzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 23. Octobr. 1754.

Beste Freundin,
Ich habe vermuthet, daß des Grafen Schaftsbury Characteristik's dem Freund der Engelländer nicht anders als gefallen könnten.

246
Es ist einer der größten Geister, die diese philosophische Insel jemals hervorbrachte; und Ihr Freund hat sehr viel verloren, daß er diese Schrift, welche den hohen Begriff, den man sich gemeiniglich von der englischen Tief- und Scharfsinnigkeit macht, vollkommen rechtfertiget, erst so spät hat kennen lernen. An die Uebersetzung dieses treflichen Werks, hat sich noch bis hieher weder ein Deutscher, noch in Frankreich jemand gewaget; vermuthlich aus Gründen, die dem Verfasser Ehre machen. Welche anständige Beschäfftigung also für den Philosophen zu Sch . . . wenn er diesen erhabenen Britten, den Franzosen oder Deutschen bekannt machen wollte! An seinem Verleger wird es Gewiß nicht fehlen, da die französische Nation jetzt sehr begierig auf die engländischen Schriftsteller ist, die ihr aber mehrentheils in sehr unvollkommenen Uebersetzungen geliefert werden. Alsdenn aber müßte man dieser Arbeit auch die Kupferstiche beyfügen, die man in

247 der großen Londonschen Ausgabe findet. Sie sind allegorisch, Gedankenreich und voller Satire. Ich besitze diese Ausgabe. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich etwas zu diesem Unternehmen beytragen könnte! Soll ich das Original schicken? Ein paar einzelne Stücke aus diesem Werke sind zwar schon einmal übersetzt worden, allein diese sind längst vergriffen.
Hier ist der dritte Theil der Epitres diverses. Ich habe eine Stelle darinnen ganz auswendig gelernt. Der Verfasser sagt, was ich Ihnen längst so schön gesagt hätte, wenn ich könnte; aber was ich schon längst für Sie empfunden:

Sage Henriette, en Votre histoire
Rien ne peut borner Votre gloire;
Aimés les Decrets eternels.
Vantés Vous, Chretienne intrepide,
D' avoir fait le bonheur solide,
Du plus solide des mortels.
Vantés Vous d'etre mere heureuse;
Et songés que ces Rejettons

248

De Votre tige vertueuse,
Sont du Ciel même autant de dons;
Des dons de la bonté divine
Qui deja de leur origine
Les rend si dignes sous Vos mains.

Eine Seite  werden Sie finden, wobey Sie von ganzem Herzen lachen werden, und zwar auf Kosten Ihrer gehorsamen Dienerin.   Ich sage nicht wo sie solche finden werden, Sie sollen das ganze Buch vom Anfang bis zu Ende durchlesen.
Beehren Sie mich doch ja, so oft es Ihnen möglich ist, mit Ihren schriftlichen Besuchen. Erheitern Sie durch Ihre Briefe die trüben Tage eines Lebens, das ich noch überdieses fern von Ihnen zubringen muß. Kein Geschäft ist mir so wichtig, keine Zeit so besetzt, die hier nicht weichen müßte. Was nennen Sie matte  

249 Ausdrücke? Die Freundschaft kennt dergleichen nicht. Ihre Sprache unterscheidet sich eben durch dergleichen Ausdrücke, die allem Witze und allen gekünstelten Drechseleyen der Einbildungskraft weit vorzuziehen sind. So lange ich die Züge Ihres edlen, Ihres freundschaftlichen Herzen darinnen finde: so lange werden Sie immer für mich die schönsten seyn.
Hier folgen ein paar Briefe, so die Gräfin von B. an den Herrn von Voltaire geschrieben. Sie sagt in dem einen: le plaisir d'etre regretté est le second plaisir, après celui de posseder ce que l'on aime, --- Helas! elle ditvrai, mais ce second plaisir n égale pas l'autré. Lesen Sie diese Briefe, Sie schreibt unvergleichlich. Es sind einige Gedanken darinnen, die ich der Gräfin beneide, und andere, die ich für alle Schätze der Welt nicht gedacht und geschrieben haben möchte. Ich bin mehr als ich sagen kann, aber niemals so sehr als Sie verdienen, Ihr eigen.
Gottsched.

Hundert und zwey und funfzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig, den 22. Novbr. 1754.

Sie nehmen Condolenzen an, das weis ich, liebste Freundin, der Herr v. Hagedorn ist in Hamburg an der Wassersucht gestorben. Wie viel Sinngedichte und Grabschriften wird man bey dieser Gelegenheit schreiben und drucken lassen? Ich gestehe Ihnen, daß ich nichts beschwerlicher finde, als bey dergleichen Fällen etwas neues und sinnreiches zu sagen. Sie erwarten also hier vergebens einige Reime über diesen Verlust, aus der Feder Ihrer Freundin. Hier haben Sie dafür einige Zeilen, die dieser Dichter noch auf seinem Krankenbette gemacht hat:

251

Mein Auge füllt sich leicht mir freundschaftlichen Zähren:
Jetzt flößet mir die Dauer eigner Pein
Die Thräne der Betrübniß ein;
Die Weisheit wird sie nicht verwehren,
Es ist erlaubt sein eigner Freund zu seyn.

Die Beantwortung findet der Dichter von seiner eigenen Feder: ich verweise ihn auf dieselbe!

Mein Sophron nichts geschieht vergebens,
Uns witziget, uns übt die Widerwärtigkeit
Im Prüfungsstande dieses Lebens;
Die Seele siegt nicht ohne Streit.
Wenn wir auch nicht den Sieg erwerben:
So hat dennoch das Unglück seinen Werth;
Weil es die größte Kunst uns lehrt,
Die, Glücklichen so schwere Kunst, zu sterben.

Sie müssen wissen, daß dieses ganz neue Stücke Ihres Helden sind, die ein hiesiger Hamburger in seine Schreibtafel aufgezeichnet hatte; vielleicht daß sie einer künftigen Auflage seiner

252
Schriften beygefüget werden.  Um mich gefällig bey Ihnen zu machen, schreibe ich alles, was Ihr sterbender Lieblingsdichter aufgesetzet hat.
Sie vermuthen, daß die Gräfin B. Sie aus meinem Herzen verdrängen wird? Nein, beste Freundin, fürchten Sie nichts. Sie hat bisher ihr Herz nur mit Fürstinnen getheilt, und ihr Stand setzet sie in eine solche Entfernung mit mir, daß nichts, was unserm Bunde nachtheilig wäre, sich in diese Bekanntschaft mischen kann. Außer der Ehrerbietung, die ich ihrem Stande, und der Bewunderung, die ich ihren Verdiensten schuldig bin, wird sie keine andern Gesinnungen von mir verlangen. Die arme Sapho! ist oft in großer Verlegenheit. Sie können leicht denken, wie einem so feurigem Witze, als der Gräfin ihrer, den man mit  

253
einem beständigen Feuerwerke vergleichen möchte, das stille und dunkle Brennen einer düstern Nachtlampe vorkommen mag. Auch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer Sympathie findet hier statt. Mein Hausherr sucht der Gräfin Leipzig auf alle mögliche Art angenehm zu machen, und es gelingt ihm. Alles was sie bey mir gewonnen hat, ist eine gnugsame Kenntniß ihrer Vorzüge: und daraus fließet eine gegründete Hochachtung, die ihr niemand versagen wird. So sehr ich wünschte, bey meiner einzigen Freundin etwas besser zu stehen als die übrigen Erdbürger: so gewiß werden Sie den Platz in meinem Andenken behaupten, wo Ihnen niemand beygefüget werden soll. Sehen Sie, wie glücklich Ihre Ariadne Ihnen aus dem Labyrinthe freundschaftlicher Zweifel hilft; seyn Sie mir aber auch getreuer als Theseus war? Im Ernst beschwöre ich Sie, liebste Freundin, mir die Empfindungen Ihres besten Herzens beständig zu erhalten. Die

254
lebhafteste Erwiederung von meiner Seite ist zwar nur eine schwache

Ihrer

Gottsched.

Hundert und drey und funfzigster Brief.

An den Herrn von * * *.
Leipzig den 24. Novbr. 1754.

Hochwohlgebohrner Herr,

Sie wollen Sich vermählen. Sie sind gütig genug mir dieses zu melden; allein Sie verlangen, daß ich Ihnen Ihre zukünftige Gemahlin schildern soll? Eine harte Forderung, in der That. Gesetzt, Sie haben schon gewählt. Was werden Sie sagen, wenn meine Schilderung Ihrem Originale gar nicht gleichet?

255
Gesetzt dieses ist noch nicht geschehen, und Sie sind mit meinem Gemälde zufrieden; so werden Sie mir auftragen, Ihnen das Original zu schaffen: dieses möchte mich in neue Verlegenheit setzen. Es mag seyn wie es wolle, ich wünsche Ihnen das beste Glück in Ihrer Ehe: Sie verdienen es, und um ganz glücklich zu werden, so müße Ihre künftige Gemahlin folgendem Bilde ähnlich sehen.
Da die Vorsicht Ihnen so viel Mittel gegeben, als eine ordentliche Wirthschaft erfordert, so sollen Sie nicht auf großes Vermögen sehen; eine Neigung, die, (mit Ihrer Erlaubniß zu sagen,) Ihrem Geschlechte so sehr eigen ist, daß es oft der Hauptverdienst der Person seyn soll, die sie zu wählen pflegen. Ihre Geliebte sey nicht so heßlich, daß man an ihrer Gestalt, in ihren Zügen merkliche Fehler zu tadeln finde; aber durchaus nicht so schön, daß jeder sie für eine Göttin halte, und ihre Eitelkeit durch seinen Weyrauch erwecke oder vermehre. Ihr

256 Herz müße ihre äußerliche Gestalt übertreffen und ganz vollkommen gut seyn Ihr Verstand heiter, richtig und gut gebildet. Sie wird in diesem Falle eine Kenntniß von allen nöthigen Wissenschaften zu erlangen suchen, sie wird die rechte Anwendung von ihrer Einsicht zu machen wissen; nicht zur Unzeit weise seyn, sondern die Bescheidenheit bey den Gaben ihres Verstandes niemals aus dem Gesichte verlieren. Ihr Anzug sey nie prächtig, aber nach der Jahreszeit und der anständigsten Mode eingerichtet. In ihrem Hause soll sie am reitzensten scheinen; und in allen die Ordnung und Reinlichkeit bis zum Eigensinn behaupten. Ihr Tisch soll mäßig, und ihre Vorräthe nicht überflüßig seyn, sondern wie es eine wohl eingerichtete Wirthschaft erfordert, in welcher alles zu rechter Zeit eingekaufet, deswegen aber von dem Vorrath kein verschwenderischer Gebrauch gemacht wird. Ihre Bedienten soll sie sorgfältig wählen, und unter diesen auf Treue und Ordnung vornemlich

257
halten. Sie sey diesen weder zu gelinde noch zu strenge; sie lasse sie niemals müßig, sondern gebe ihnen ihr gutes Auskommen und viel Arbeit; ihr Auge wird selbst alles in acht nehmen, und sie wird ihren Bedienten nur so viel anvertrauen als sie verwalten können; sie wird sie als unentbehrliche Glieder ihres kleinen Staats ansehen, selbst aber immer das Haupt seyn. Dieses wird sie beständig in Ansehen bey denselben, und ihr Haus in Ordnung erhalten. Für ihre Kinder soll sie von den ersten Stunden ihrer Existenz an, viel Sorge tragen, und solche mit ihrer eigenen Milch nähren, wenn nicht besondere Umstände sie daran verhindern, und es ihre Gesundheit erlaubt. Sie wird sie zur Furcht Gottes und zum Gehorsam von Tugend auf gewöhnen und ihnen das beste Beyspiel geben. Auf diese Art wird ihr die Erziehung nicht schwer werden. Ihren Gemahl wird sie für den treusten Freund und die vornehmste Stütze ihres ganzen Hauses halten, und ihre

258 Pflichten als seine treue Gehülfin genau erfüllen. Kurz Religion und Tugend werden der Grundsatz aller ihrer Handlungen seyn. Wie sehr wünsche ich, daß Ew. Hochwohlgeb. Wahl mit meiner Beschreibung vollkommen übereinstimme oder selbige gar noch übertreffe; dieses wird die Zufriedenheit vermehren von

Dero
gehorsamsten Dienerin

Gottsched.

Hundert und vier und funfzigster Brief

An die Fr. v. R.
Leipzig den 24. Decbr. 1754.

Liebste Freundin,

Alles wollen Sie haben was von meiner Feder berührt? Glauben Sie mir, beste Freundin!

259 meine Feder hat viel unnützes Zeug geschrieben, und wenig, sehr wenig, würde von dem vielen Ihren Beyfall erhalten. Sie finden hier sieben Oden vom Horaz, die ich 1735 übersetzt und lange nachher verbessert habe. 
Von meinen poetischen Arbeiten, sind das Schreiben an die Marquise von Chatelet, das Danksagungsschreiben an die römische Kayserin, sodann die Panthea und einige kleine Gedichte, diejenigen meiner poetischen Kinder, deren ich mich noch am wenigsten schäme. Der Reim macht mir Mühe, und kostet mir oft einen guten Gedanken, den ich einen schlechtern ausopfern muß. Gleichwohl liegt es nicht an meiner Strenge gegen meine sogenannten Gedichte, und ich wünschte, daß ich nur bey allen übrigen Arbeiten, und besonders bey meinen Uebersetzungen eben so gewissenhaft gewesen wäre: so würden 

260 sich nicht so viel Fehler eingeschlichen haben, wie mir Ihre Freundschaft noch neulich entdecket hat. Die Menge der Geschäffte nöthigten mich zuweilen, wenn mich die Setzer ängstigten, mich fremder Hülfe zu bedienen; die freylich, nach Art aller Hülfstruppen, nicht so getreu, wie in ihrem eigenen Interesse, ihre Pflicht thaten. Die Stelle in der Geschichte der königlichen Academie der schönen Wissenschaften zu Paris, da für couvert de cuir Kupfer, und für cuir jaune Messing übersetzt worden, ist ein Beweis davon. Es soll mir zur Lehre dienen, in Zukunft entweder lieber weniger und allein zu arbeiten; oder doch in meiner Wahl vorsichtiger zu seyn.
Hr. v. S . . . mag schreiben was er will; Man weis, daß er ein falscher Freund ist. Seine Feder weis die Züge der Freundschaft vortreflich zu malen, aber das Original ist nicht in seinem Herzen, folglich wird er nur immer copiren, und nie ein Original liefern. Ich habe

261 mich dies ganze Jahr durch, in Wünschen für Ihr Wohl so erschöpft, daß ich mich jetzt beym Schlusse desselben, auf keine Art der Glückseligkeit besinnen kann, die Ihnen mein Herz nicht schon zugetheilt hätte. Nehmen Sie also nur jetzt die theure Versicherung von mir an, daß Ihre Freundschaft ein unschätzbar Gut für mich ist und bleiben wird, und daß der Tod diese nur unterbrechen, aber nicht aufheben kann
Gottsched.

Hundert und fünf und funfzigster Brief.

An den Herrn Hofrath v. M. in H.

Leipzig den 2. Jänner 1755.

H. H.
Die Nachricht von der glücklichen Verbindung Dero ältesten geliebtesten Tochter, ist mir so angenehm gewesen, als E. H. vermuthet. In

262 dem Augenblicke, da ich sie erhielt, wünschte Ihnen mein Herz Glück, und mehr als meine Feder auszudrücken vermögend ist. Diese Wahl macht allen Personen, die daran Theil haben, Ehre. Der Herr Baron von W* hätte den ersten Schritt, aus freyem Triebe und als sein eigner Herr, auf keine Ihm rühmlichere Art thun können, als hier geschehen ist; und lebte sein großer Vater noch, er würde auf die Wahl seines Sohnes stolz seyn. Ich bitte, den liebenswürdigen Verlobten, meinen aufrichtigsten Antheil an ihren gleichseitigen Glücke, zu versichern. Ich wünsche, daß diese Verbindung für das vergnügte Paar eine unerschöpfliche Quelle der süßesten Zufriedenheit werde, und E. H. von den angenehmen Folgen noch späte Jahre ein Augenzeuge seyn mögen.  Ich verharre mit vorzüglichster Hochachtung.

E. H.

Gottsched.

Hundert und sechs und funfzigster Brief.

An die Fr. v. R.

Leipzig den 4. Jänner 1755.

Jetzt nehme ich endlich die Feder mit Freuden in die Hand, da ich mit meiner einzigen Freundin die Sprache meines Herzens reden kann. Jetzt erhole ich mich von den Complimenten, die der Gebrauch um diese Zeit bestimmt hat; wo die Feder beredter als das Herz ist, und welche von den meisten Menschen unter die wesentlichen Pflichten des Wohlstandes gerechnet werden. Wie unterschieden ist unsere Denkungsart von allen denen, die sich jährlich wenige Tage zwingen, ihren Freunden, ihren Gönnern, ihren Beschützern mit vielen Worten sehr wenig zu sagen? Unser Herz ist immer voller Wünsche; wir sagen uns täglich dasjenige,

264 was andre kaum des Jahres einmal denken, und was sie ganz vergessen würden, wenn der Neujahrstag sie nicht daran erinnerte.

Der zwölfte Tag im Monat May
War mir der glücklichste vor allen;
Dich sah ich, und gestand Dir frey:
Daß Dir mein Herz ergeben sey.
Da mein Geständniß Dir gefallen,
So ist der zwölfte Tag im May,
Für mich der glücklichste von allen.
Sehn Sie, das ist mein Festtag.

Wie findet man den Schaftsbury? Ist er noch immer in Ansehen? Er war gewissermaßen ein Freygeist, aber nicht von denen, die nur zweifeln um gar nichts zu glauben; die nur einreissen, und keine Materialien haben, etwas anders an die Stelle zu bauen. In unsern aufgeklärten Zeiten, hat sich die Seuche der Freygeisterey nur gar zu sehr eingeschlichen. Es giebt viele Leute, welche glauben, ein großer Geist und ein Freygeist, ein wißiger Kopf und ein Religionspötter

265 wären einerley; und das eine könne ohne das andre gar nicht bestehen. In verschiedenen engländischen Schriftstellern, finden die Anfänger im Zweifeln viele Nahrung: diese Schriften werden begierig übersetzt, gekauft und gelesen. Ich habe darüber meine Gedanken in der Vorrede zum Aufseher gesagt. Es ist ein Unglück für viele Sterbenden, wenn sie ihr Leben philosophisch endigen wollen, und nicht in den letzten Stunden ihre Zuflucht zur Gnade nehmen. Der Gott, dem sie so oft durch ihre Zweifel beleidiget haben, stehe allen bey. Möchte doch auch ein Voltaire noch hier von dem Lichte der ewigen Wahrheit erleuchtet werden. Lesen Sie, was er darüber sagt: O Dieu de verité, pour qui seul je soupire, Uni moi donc à roi, par des forts & doux noeuds. Je me lasse d'ouir, je me lasse de lire; Mais non pas de te dire: C'est toi seul que je veux.

266 Bleibt er bey diesen Gesinnungen, so hoffe ich noch alles von ihm. Leben Sie wohl, liebste Freundin, und vergessen Sie nicht Ihre
Gottsched.

Hundert und sieben und funfzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 29. Jänner 1755.

Nein ich weis es nicht, und außer Ihnen würde ich es niemand glauben, so unwahrscheinlich ist mir die Sache selbst: daß ich Ihnen ganzer vier Wochen nicht geschrieben habe. Erstlich bin ich krank, beste Freundin, und seit drey Wochen nicht aus meinem Zimmer gekommen, und in zwölf Tagen habe ich keine Feder angerühret. Haben Sie Mitleiden mit mir, und loben Sie mich auch, wie folgsam ich bin. Sie

267 haben mir die Nachtgedanken vom Young so angepriesen, daß ich mich, ohngeachtet meiner Neigung zur Melancholie, und ohngeachtet des Vorsatzes sie nicht zu lesen, doch überwunden, so sehr ich darwider mit mir selbst stritte, und diese gelesen habe. Ich finde lauter Nahrung für meine Traurigkeit darinnen.
"Die ebenste Bahn der Natur hat ihre Beschwerden; und die treusten Freunde verwunden aus Versehen (oft unwissend) unsere Ruhe. Die Reyhe menschlicher Trübsalen sind unendlich, eher könnten uns Seufzer mangeln, als Ursachen zu seufzen.
"Wir verschwenden unsere Zeit, aber wir brauchen sie nicht. Wir athmen, aber wir leben nicht - - -"  
Sind dieses nicht traurige Wahrheiten? Allein in der Folge richtet mich eine ganz vortrefliche Stelle wieder auf.
"Wenn die himmlische Glückseligkeit einmal herabsteigt um die Erde zu besuchen, so findet

268 sie ein Heiligthum, und nur eins, daß ihr den abwesenden Himmel angenehm ersetzen kann - - die Brust eines Freundes; wo ein herz dem andern entgegen wallt, wo zu einer göttlichen Ruhe eins dem andern wechselsweise zum sanften Hauptküssen dienet. In der Flamme der Leidenschaft schmelzen Herzen freylich auch, aber sie schmelzen wie Eis, um gleich darauf härter zu gefrieren. - - - Die Tugend allein rührt uns aufs ganze Leben - - - sie rührt uns auf ewig. - - - Kann Gold Freundschaft gewinnen? Thörichte Hoffnung! Die Liebe allein, ist das Darlehn für die Liebe. Hoffe in niemand einen Freund zu finden, als wer einen Freund in dir gefunden hat. Alle wollen dies Gut gerne besitzen, wenige wollen es bezahlen; und dieß macht eben, daß Freunde auf Erden solche Wunder sind. - - - Der freundlose Herr einer Welt, ist arm. Eine Welt für einen Freund hinzugeben, ist Gewinn."

269
Diese Stellen haben mich doppelt aufmerksam gemacht, und mein Glück doppelt bemerken lassen. Ja, liebste Freundin, ich habe in Ihnen die Glückseligkeit gefunden, die den Engländer angefeuert hat, so vortreflich von ihr zu singen. Diese Betrachtungen sind die Beschäfftigungen in meinem Krankenzimmer gewesen, und haben mein ganzes Herz in Bewegung gesetzt. Kurz, ich lebe nur für Sie, um Sie zu lieben, und mein ganzes künftiges Leben aller Freude und allem Schmerze, aller Zufriedenheit und aller tödlichen Unruhe, kurz allen Empfindungen zu überlassen, die die Begleiterinnen dieser göttlichen Leidenschaft sind.
Leben Sie wohl, einzige Freundin; Schreiben Sie mir öfter als ich, und längere Briefe als ich, weil Sie mehr Muße haben als ich. Jedes Wort ist mir theuer, was mir Ihre Feder sagt. Ungedultig bey jedem Anfang Ihrer Briefe, eile ich das Ende zu wissen; und fange sie wieder an zu lesen, weil ich zu bald fertig

270 damit werde. Lachen Sie, aber lieben Sie mich nur. Ich lebe und sterbe Ihre ganz eigene Freundin.
Gottsched.

Hundert und acht und funfzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 30. Jänner 1755.

Sie haben den Menschen verlangt. Eine Schrift, von welcher ich viel gehöret hatte. Ich war begierig, dieses Werk ein wenig durchzublättern; aber wie bin ich über alles, was ich darinnen gefunden, erstaunet. Von den Versen halte ich mein Urtheil zurücke, sie waren für mich zu hoch. Die Prosa aber ist darneben so niedrig und platt, als ob sie bloß für die geringsten Leser geschrieben wäre. Sie erinnerte mich der Alpinnischen Gegend, wo die Berge

271 den Himmel berühren, und die Thäler der Abgrund selbst zu seyn scheinen. Wie sehr sind die Menschen zu Widersprüchen geneigt! Zu einer Zeit, wo alles von matten schalen Dichter und von gereimter Prosa schreyet; kann man solche niedrige und kriechende Prosa leiden!Ich weis, daß sie an den Nachruhm des Herrn von Hagedorn viel Theil nehmen; also lege ich Ihnen das Ehrenmal bey, welches die Redlichkeit, durch des Herrn Baron v. Bar Feder ihm aufgesetzet hat; ich verspreche ihm Ihren Beyfall. Der Verfasser hat zu Wien in einer Zeit von fünf Wochen Wunder verrichtet. Er hat vier Processe gewonnen, die ohngefähr 175000 Rthlr. betragen. Il reviendra en Croesus & sera reparation d’honneur à Danne Justice.
Unser lieber Feldmarschall von Seckendorf und seine Gemahlin, sind beyde zugleich vom Schlage gerühret. Allein, ein so versuchter Feldherr stirbt vom ersten Streiche nicht, und eine so geprüfte treue Ehegattin, trennt sich

272 auch nicht sogleich bey der ersten Gefahr. Der Tod hat also für diesesmal nichts ausgerichtet, wenn er wiederkömmt, wird vermuthlich eine neue Kriegslist auf ihn lauren. Ich wünsche, daß ihm noch oft sein Angrif nicht gelinge. Rechtschaffene Leute können nie zu lange leben.Der Hr. v. S. hat ein falsches Herz. Wir haben die Beweise davon in den Händen. Dergleichen Verlust kann man ohne Kränkung erfahren. Es geht solchen Geschöpfen, wie den Hummeln: diese stechen und verlieren das Werkzeug ihres Zorns. Jene haben die Freude einen witzigen Einfall auszuhecken, und verlieren einen Freund darüber. Ist das auch wohl ein Aequivalent?
Gottsched.

273

Hundert und neun und funfzigster Brief.

An den Herrn Professor Schöpflin in Strasburg.
Leipzig den 7 März 1755.

Wohlgebohrner Herr,

Hochzuehrender Herr Professor,

Meine Verbindlichkeiten gegen Ew. Wohlgeb. werden täglich größer. Wem anders, als Dero vielgültigem, aber hier gewiß allzupartheyischem Zeugnisse, könnte ich es zuschreiben, daß die preißwürdigste Akademie der Aufschriften und schönen Wissenschaften zu Paris noch fortfährt, mir Proben ihres Andenkens zu geben? Die abermalige Uebersendung eines neuen Theils ihrer vortreflichen Werke, ist mir davon ein neuer Beweis. So lebhaft ich diese Ehre empfinde, so wenig hoffe ich jemals im Stande

274 zu seyn, soche zu verdienen. Ich wage es Ew. Wohlgeb. zu bitten, dieser vortreflichen Gesellschaft meine lebhafteste Danksagung dafür, mit der Ihnen so eigenen Beredsamkeit abzustatten. Ich selbst kenne meine Pflicht gar zu wohl, als daß ich es allezeit blos bey einem, obgleich so vortreflichen Fürsprecher, sollte bewenden lassen. Das Ende meiner Uebersetzung kann mich erst in den Stand setzen, die Versicherung meiner Erkenntlichkeit, zugleich mit einem Beweise darvon, zu verbinden. Bis dahin bitte ich, die Akademie meiner vollkommensten Verehrung zu versichern, selbst aber von der vorzüglichen Hochachtung überzeugt zu seyn, mit welcher ich die Ehre habe mich zu nennen.

Ew. Wohlgeb.
gehorsamste Dienerin
Gottsched.

  275

Hundert und sechzigster Brief.

An die Fr. v. R.

Leipzig den 9. März. 1755.

Eben jetzt, da ich in meiner Carthäuserzelle recht sehnlich zu wissen wünsche, was meine beste Freundin macht, liest, denkt, erhalte ich ein Schreiben, das mich sehr erheitert hat. Es ist in eben der Stunde geschrieben, da ich Ihnen einen weitläuftigen Brief (der nur für Sie und mich ist,) schrieb. Ein neues Zeichen der Sympathie, die unter uns herrscht!
Alle Menschen sind zum Carneval gereiset, und die Gräfin B. wollte durchaus, daß wir sie begleiten sollten. Es giebt gewisse Ergötzungen, die meiner Jugend nicht gefallen haben, und meinen jetzigen Jahren gar nicht aufstehen würden; unter diesen ist die Masquerade. Ich habe oft meinen Eifer darüber ausgelassen und

276 bin oft getadelt worden, nur wenige habe ich gebessert. Jetzt lasse ich mit philosophischer Gleichmüthigkeit jedem seine Meynung, und behalte die meinigen für mich.Der Hr. v. Voltaire hat sich bey Genf angekaufet, wo er noch lange zu leben, und spät zu sterben sich vorsetzt. Es werden Wallfahrten zu dem Orte seines Aufenthaltes angestellet werden; er hat eine ungezählte Menge Anhänger und Verehrer, aber auch viel Feinde und viel Tadler.
Je mehr ich Menschen kennen lerne, je mehr finde ich Unterschied unter den Sterblichen. Wie sehr freue ich mich, meinen Lauf bald geendiget zu haben! Wären Sie nicht noch so nöthig auf der Welt, und hätten Sie nicht Kinder, die Ihren Beystand und Ihre Führung nicht entbehren können, und einen Gemahl, den Sie nicht zurücke lassen müssen: so würde ich Sie bitten meine Reisegefährtin in jene beßre Welt zu werden. Auch auf diesem Wege möchte ich

277 nicht von Ihnen getrennt seyn. Die Creutzträger haben den Vorzug, daß sie die unruhige Herberge in dieser Welt freudiger verlassen, als andre, denen dieser Erdenball ein Paradies zu seyn dünket, und die nur für denselben geschaffen seyn sollten. Aber auch nur alsdenn, wenn jener ihre Trübsalen sich hier endigen, alsdenn geht ihre Glückseligkeit dort an. Wundern sie sich nicht über mein ernsthaftes Schreiben. Es ist in einer melancholischen Stunde abgefaßt, aber auch in dieser, bin ich so wie in freudigen, vergnügten Tagen und Stunden ganz die Ihrige.Gottsched.

278

Hundert und ein und sechzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 12. April 1755.

Ich erscheine vor Ihnen mit zweyerley Neuigkeiten. Erstlich, Gellerts Fabeln in französischer Kleidung. Sehen Sie, ob Sie Ihren Freund ganz darinnen finden werden; hier sind die Urtheile darüber sehr getheilet. Zum andern, folget eine neue Erfindung von Notendruck, wodurch der jüngere Breitkopf seinen Namen verewigen wird. Es hat ihm diese viele Mühe gemacht, und ich wünsche, daß der Beyfall der Welt ihn belohnen möge.
Den Uebersetzer vom Schaftsbury, wünsche ich viel Glück und viel Gedult zu seiner Arbeit. Er hat ein schönes Original unter den Händen; es ist aber auch wahr, daß die Uebersetzung in vielen Stücken große Schwierigkeiten finden

279 wird. Trockne Materien, lassen sich mit aller Mühe nicht in die bündige, kurze Schreibart übersetzen, die man von dem Uebersetzer verlangt. Jetzt ist mein Freund mit einer Lebensbeschreibung des Freyherren von Wolf beschäftiget. Aber wie viel giebt dieser große Mann seinem Geschichtschreiber zu thun! Wie viel wird unangemerkt bleiben? Seine eigenen Schriften sind seine besten Lobredner und der ganze Entwurf seiner Lebensgeschichte. Sie zeigen seinen frühen Fleiß, sein unermüdetes tiefes Nachforschen, seine dadurch erlangten Kentnisse, seine erhabene Wissenschaften, seine unablößlichen Beschäfftigungen, die allgemeinen Nutzen gestiftet haben. Was will sein Geschichtschreiber mehr sagen, das Beyfall finden könnte? Dergleichen Werke sind schwere Aufgaben. Ich lasse Sie in den Betrachtungen über unsers Weltweisen Verdienste, und bin dessen Verehrerin und Ihre ewige FreundinGottsched.

280

Hundert und zwey und sechzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 10. May 1755.

Wie unglücklich bin ich nicht! Ihr letztes Schreiben läßt mich fürchten, daß Ihre Unpäßlichkeit noch dauert, ob Sie gleich meine Leiden darüber vermindern, und mir nichts schreiben wollen. Ich fürchte, daß Ihre nicht allzudauerhafte Leibesbeschaffenheit, bey so vielen Anfällen endlich erliegen möchte! Welch ein tödtender Gedanke! Reissen Sie mich doch je eher, je lieber, aus meinem entsetzlichen Zustande! Mein Freund und die Gr. B. sind Zeugen, wie viele und ungeheuchelte Thränen Sie mir kosten. Sie können sich, liebste Freundin, die Größe meines Kummers nicht besser vorstellen, als wenn Sie sich aller zärtlichen Augenblicke,

281 die mir ein günstiges Schicksal vorigen Herbst geschenket, und des bittern Schmerzes meiner zweyten Trennung von Ihnen, recht lebhaft erinnern wollen. Ihr fühlendes Herz wird Ihnen sagen, was man leidet, wenn man weis, daß eine Person leidet, die man hochschätzt. Wen aberWen hab ich mehr, als Dich, geschätzet?
Wer hat es so, wie Du verdient?
Ich erwarte die nächste Nachricht von Ihren Befinden mit Ungedult. Lassen Sie mich nicht lange nach dem Bericht von Ihrer Genesung schmachten. Ich kann für Wehmuth und Unruhe, die mich fast verzehret, nichts mehr hinzufügen, als daß ich immer mehr empfinde, wie sehr ich Ihnen ergeben bin.
Gottsched.

282

Hundert und drey und sechzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 18. May 1755.

Keine angenehmere Nachricht konnten Sie mir geben, als die Nachricht von Ihrer Besserung, und die so reitzende Versicherung, daß Sie das Mitleiden, das ich Ihnen bezeiget, so stark empfinden, als es in mir rege war. Ihre Krankheit hat mir viel schlaflose Nächte gemacht, und Ihre Genesung habe ich erseufzet. Niemals, soll ich es es Ihnen aufrichtig gestehen? habe ich die Stärke meiner Freundschaft gegen Sie so stark empfunden, als diesesmal, und schwerlich würde ich für irgend jemand anders dergleichen gefühlet haben. Dem Himmel sey Dank, daß Sie sich erholet; Ihr Leben muß noch für Ihre Angehörigen Freunde und Freundinnen,

283 (unter welchen ich die erste zu seyn verlange,) auf späte Zeiten verlängert werden.Hier folgen die übersetzten Bogen vom Schaftsbury, nebst einem Brief von dem selbst erwählten Kunstrichter zurücke. Es läßt sich von jeder Uebersetzung mit Grund der Wahreheit viel Gutes und viel Böses sagen; ich kann Sie im Vertrauen versichern, daß ich dieses Buch für unmöglich zu übersetzen gehalten habe. Die Gedanken sind treflich, aber kein Addison hat die Feder geführet. Wenn nun ein Uebersetzer, die ungemeine Weitschweifigkeit des Originals, nicht mit gehöriger Zusammenziehung und Abtheilungen der Absätze, (wobey er aber freylich beyder Sprachen, darinnen er übersetzt, völlig Meister seyn muß,) zu verkürzen und angenehm zu machen weiß; so arbeitet er umsonst. Er liefert eine Schrift, daran die heutigen Leser, die alle über kurzen Othem klagen, kein Vergnügen finden. Die französische Lesewelt ist noch schwerer zu befriedigen als die

284 deutsche, und es ist allemal ein schweres Werk, was Ihr weiser Freund unternommen hat. Dennoch muß man ihm große Kenntnisse beyder Sprachen, eine vertraute Bekanntschaft mit seinem Originale und seiner Philosophie zugestehn. Ich wünschte, daß der würdige Verfasser seine Uebersetzung selbst drucken liesse, aber verhüten Sie ja eine deutsche Uebersetzung nach der französischen. Leben Sie gesund und wohl, wenn ich ruhig seyn soll
Ihre

Gottsched.

285
 

Hundert und vier und sechzigster Brief.

An die Frau von L.

Leipzig den 27. May 1755.

Hier haben Sie die Antwort von der Gräfin B. Ich weis so wenig was darinnen steht, als ich weis, was Dero Zuschrift enthalten hat. Die beyderseitige scharfe Versiegelung sieht mir einer Pulververschwörung nicht unähnlich, und wie viel hat meine Neugier nicht dabey ausgestanden? Ich hoffte zum wenigsten, da zwey scharfsinnige Personen mich zum Postillon machten, ich würde auch zugleich der Vertraute von beyden seyn; wie sehr habe ich mich geirret! Von Ihnen, meine liebste Freundin, hätte ich am wenigsten vermuthet, daß Sie mir Ihren Brief an die gefährliche Gräfin würden versiegelt zusenden. Worzu aber sollen die Entschuldigungen

286 dienen, die Sie mir beyderseits aufgetragen über Fehler zu machen, die Sie nicht begangen haben. Ich kenne Sie beyderseits und Dero Vorzüge, ich werde also meine geringe Beredsamkeit für mich selber, und meine eigenen Schwachheiten zu entschuldigen, behalten. Wollen Sie mein geringes rednerisches Pfund in Ihrem Dienst verwenden: so tragen Sie mir einmal auf, Ihre Vollkommenheiten zu erzählen, und sie mit den übrigen Sterblichen, die durch Ihre Vorzüge beleidiget sind, wieder zu versöhnen, denn sollen Sie Wunder sehen!
Heute kann ich Ihnen nichts mehr schreiben, ich bin so unzufrieden, daß ich fürchte, Sie möchten es gewahr werden, und so gar die Ursache errathen, und dieses möchte ich nun gerne als ein Geheimniß für mich behalten. Leben Sie wohl, nicht ein Wort sage ich Ihnen heute mehr.
Gottsched.

287

Hundert und fünf und sechzigster Brief.

An die Fr. v. R.

Leipzig den 29 May 1755.

Ich kann es Ihnen nicht leugnen, daß mein Freund der Verfasser des Sonnets auf die Durchl. Ermelinde ist. Er gesteht Ihnen hinwiederum sehr aufrichtig, daß er bey dessen Abfassung keinen Beystand von seiner Hausmuse gehabt hat. Wie hätte er es auch machen sollen? Seine eigene Muse gab ihm so viel ein, daß er viel Mühe gehabt, diese Eingebungen und die Ehrfurcht gegen seinen erhabenen Gegenstand in die engen Schranken eines Sonnets zu zwingen. Denn einmal sollte es nur ein Sonnet und keine andere Art von Gedichte seyn. Ich bin schüchtern vor dieser Meistersängerin mich hören zu lassen, dies gestehe ich

288 Ihnen, immer würde ich furchtsam singen, wenn auch alle Ihre erhabene Eigenschaften sich meiner Muse darböten. Der Reim kostet mir viel Mühe. Meine Panthea hat mich sechs Monate beschäfftiget, und ich fand noch viel, viel zu tadeln, da sie gedruckt war; auf Ihre Ausbesserung habe ich wieder viel Zeit gewendet. Doch so bald ich ein poetisches Feuer in mir finde, so will ich Ihnen den Versuch eines Sinngedichtes übersenden, weil Sie meine Muse darzu aufbieten.

Erlauben Sie mir, ein Wort mit Ihrem Gemahl zu sprechen:
“Ich danke Ihnen für Ihre Apostille heute nicht mein theurer Herr v. R. Aber dann wären Sie mir ein großer heiliger gewesen, wenn Sie mir alle Posttage von dem Befinden meiner und Ihrer besten Freundin, zwey Worte Nachricht gegeben hätten; Wie sehr hätten Sie mich beruhiget! Die Gr. B. hat Ihnen diese Federfaulheit recht übel genommen,

289 und ich, ich sagte ihr: Né vous étonnés pas, Madame! les hommes connoissent rarement la delicatesse de l’ amitié.

Gehorsame Dienerin.

Leben Sie wohl, meine auserwählte Freundin, und denken Sie oft an Ihre treueste
Gottsched.

Hundert und sechs und sechzigster Brief.

An die Fr. v. H.

Leipzig den 12. Jul. 1755.

Was habe ich gesündiget, liebste Freundin, daß Sie vor drey Wochen in Leipzig gewesen und nicht zu mir gekommen sind? Ich! in Leipzig? werden Sie sagen. Ja, ja in Leipzig. Die ganze gestrige Gesellschaft, die mit mir der S . . Hochzeit beygewohnet, wollte mich dieses

290 versichern. Ich behauptete dargegen, daß ich die Hand aufs Feuer legen wollte, daß dieses nicht möglich seyn könnte: Sie müßten sich denn sichtbar und unsichtbar machen können. Und auch von Ihrem Schatten sagte ich, daß er mich nicht unbesucht lassen würde. Habe ich recht gesagt? Sollte es noch eine Person geben, aus deren Augen so viel Geist, so viel Aufrichtigkeit, so viel Gefälligkeit spräche? Ich sage nein!
Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem neu erwählten Aufenthalt in Dresden, und mir gewiß nicht weniger. Ich hoffe Sie daselbst öfters zu umarmen, und Sie werden denn auch zuweilen so gefälling seyn, bey mir eine freundschaftliche Zusammenkunft zu veranstalten. Die Freundschaft überwindet eben so viel Hindernisse als die Liebe.
Das Sinngedicht des Herrn von Voltaire über den Tod der vortreflichen Marquise von Chatelet, so Sie mir neulich zugeschickt,

291 hat meine Muse verleitet eine Uebersetzung davon zu machen; hier ist sie: ich erwarte Ihre Meynung darüber.

Früh hat des Todes Hand Emilien entrissen,
Um sie weint Wahrheit, Scherz, und aller Künste Chor.
Die Götter zierten sie mit allen ihrem Wissen,
Nur die Unsterblichkeit behielten sie sich vor.

Von dem Leben des Freyherrn von Wolf wird fast durchgängig ein sehr gütiges Urtheil gefället. In langer Zeit hat mein Freund nicht so viel Beyfall und Dank eingeerndtet, als über dieses Werk. Eine Ehre, die mehr dem

292 Freyherrn von Wolf, als seinem Geschichtschreiber beyzumessen ist. Unterdessen ist auch ein solcher Beyfall, für den Verfasser allemal eine Belohnung. Ich erwarte die Arbeit des la Beaumelle, welcher die Geschichte der Frau von Maintenon verfertiget, mit Ungedult. Es ist ein weitläuftiges Werk, und er hat Stoff genug, seine Heldin in ihrem besten Lichte zu zeigen.
Gottsched.

Hundert und sieben und sechzigster Brief.

An den Herrn Hofrath von M.

Leipzig den 29. Jul. 1755. H. H.

Den feyerlichsten Dank, soll ich E. H. im Namen der Frau Gräfin von B., für die

293
geneigte Besorgung der Hamburgischen Münzen abstatten. Diese große Kennerin machet sich eine außerordentliche Freude auf die Eroberung dieser Alterthümer. Sie wünschet den Tagen und Stunden Flügel, um bald zu erfahren, wie viel Denkmäler des alten Griechenlands und Roms in Ihre Hände fallen werden. In Deutschland wird man wenig ihr ähnliche eifrige Liebhaber finden, und ich glaube, in ihrem Geschlechte ist sie beynahe die einzige. Da ich die Ehre habe, in dieser Sache die Stelle eines Secretairs der Frau Gräfin zu bekleiden, so bitte alles an mich zu senden, was dahin einschlägt. Ich wollte nicht gerne die Freude entbehren, die Zufriedenheit dieser Dame bey dem Empfang der Sachen zu sehen, die sie mit so brennendem Verlangen erwartet. Gewiß die wichtigsten Bemühungen könnten keine angenehmere Belohnung verdienen und erwarten; als die gnädige Art ist, mit welcher die Gräfin diese geringen Dienstleistungen anzunehmen

294 pflegt. Gegen E. H. welche bey dieser Gelegenheit alle Mühe gehabt, so wie ich allen Vortheil dabey haben werde, wird sich meine Verbindlichkeit um ein großes vermehren. Möchte ich nur bald Gelegenheit finden, Dieselben von der vollkommenen Erkenntlichkeit zu überzeugen, womit ich die Ehre habe zu seyn
E. H.

gehorsamste Dienerin
Gottsched.

Hundert und acht und sechzigster Brief.
 

An die Fr. v. R.
Leipzig den 16. August 1755.

Die Gräfin B., der ich nichts abschlagen kann, hat meine Bereitwilligkeit auf eine starke Probe gesetzt, und mir eine sehr ärgerliche Arbeit

295 aufgegeben. Aergerlich? werden Sie sagen. Ja, hören Sie nur, liebste Freundin! Ich soll Verse machen, und zwar nicht weniger als drey bis vierhundert Verse. Die verdrüßlichste, die unangenehmste Beschäfftigung, die ich auf der Welt für mich kenne, und der ich schon oft ausgesetzt gewesen. Ein Vorspiel, das auf dem Geburtstag der verwittweten Fürstin von Zerbst (einer ganz vortreflichen Dame,) an dasigem Hofe aufgeführet werden soll, ist diese Aufgabe. Dieses macht mich so unruhig, daß ich mich oft vor dem morgenden Tage fürchte. Sie glauben nicht wie sauer mir die Sprache der Musen wird, und wie wenig mir hernach meine Arbeit der Mühe zu lohnen scheint, die ich in Ihrer Schule zugebracht. Werden Sie diese traurige Entschuldigung gelten lassen, wenn ich Ihnen seltner als bisher schreiben kann?
Wie sehr freue ich mich, daß Ihre Tochter den Zuschauer liest! aber eben nur die, von Ihnen ausgezeichnete Stücken, sind ihr vorzüglich

296 nützlich zu lesen. Welche Nahrung für ein aufblühendes Genie, und für ein so viel versprechendes junges Herz! Sagen Sie ihr: sie solle bald englisch lernen, damit sie ihrer Freundin, (denn diesen Platz hoffe ich auch bey Ihrer Tochter zu behaupten,) alle die im Uebersetzen von ihr begangenen Fehler zeigen könne. Wie zärtlich will ich diese für ihren Tadel umarmen!
Vor wenig Tagen hatte ich Gelegenheit den Professor Gellert zu sprechen. O! (höre ich Sie sagen,) wie sehr beneide ich Sie! Eben diese Schwachheit bey Ihnen zu erregen, liebste Freundin, melde ich Ihnen dieses. Sie können nicht glauben, wie sehr ich mich freue, wenn ich Sie eines kleinen Fehlers überführen kann. Beneidet, oder unbeneidet, bin ich mit diesem Manne in Gesellschaft gewesen. Wir haben von der Eramerischen Psalmen Uebersetzung gesprochen, die ich schön finde, gleichwohl Sprengs übersetzte Psalmen Davids auch für schön halte. Lesen Sie beyde, und schreiben

297 Sie mir Ihre meynung, zu dieser will ich mich gesellen. So lange ich lebe, bin ich Ihre eigene
Gottsched.

 

Hundert und neun und sechzigster Brief.

An den Herrn von M. in H.

Leipzig den 3. Septbr. 1755.

Die Gefälligkeit, so E. H. der großen Münzenfreundin und Kennerin durch Uebersendung der alten Münzen erzeiget, ist sehr wichtig. Die Gräfin hätte die Versicherung ihrer Erkenntlichkeit, einem beredtern Secretair, als mir auftragen sollen, denn ich fühle mein Unvermögen. Die Freude war sehr lebhaft. Sie sagt: der Herr Hofrath wären der feinste, artigste, höflichste unter allen Sterblichen; und Sie sey E. H. für Dero angenehmen Besuch

298 eher Dank schuldig, als daß sie eine Danksagung annehmen könne. Die Gräfin empfiehlet sich und ihr Münzcabinet Dero fernerm gütigen Andenken. Ich habe bey Gelegenheit dieser letzten Uebersendung ein neues Ansehen bekommen. Meine Würden sind vermehrt, und ich bin auf die feyerlichste Weise mit dem Titel eines Hochgräflichen Münzjuden beehret worden. Ich fühle, daß mir sehr viel abgehet, um diese Würde würdig zu bekleiden. Den Eigennutz, der dieser Nation eigen ist, habe ich von Jugend auf gehasset; gleichwohl hat die Gräfin nicht ganz unrecht, wenn Sie diesen Fehler bey mir argwohnet, und mich der eigennützigen Judenschaft einverleibet. In Absicht Ihr zu dienen und Gefälligkeiten zu erweisen, bin ich eifrig und eigennützig; ich will die Vortheile ihrer dankbaren Empfindungen mit niemand, als mit E. H. theilen. Sie, mein theurester Herr Hofrath, haben mir bisher so treulich beygestanden, und Sie allein haben die gerechtesten

299 Ansprüche auf der Gräfin ihre Dankbarkeit. Ich versichere Ihnen dieselbe, und zugleich die vorzügliche Hochachtung, mit welcher ich bin
E. H.

gehorsamste Dienerin
Gottsched.

 

Hundert und siebenzigster Brief.

An die Fr. v. R.

Leipzig den 5. Septbr. 1755.

Liebste Freundin,
Der morgende Tag, an welchem Sie dieses Schreiben erbrechen, ist ein feyerlicher Tag für mich. Dankbarkeit und Hochachtung würden mich beredt machen, wenn die Empfindungen der Zärtlichkeit und Freundschaft sich jemals besser, als durch ein beredtes Stillschweigen ausdrückten. Ohne alle beyhülfe des Witzes

300 und der Wohlredenheit, umarme ich Sie, an diesem mir so heiligem Tage, mit der reinsten Zärtlichkeit. Mit Thränen im Augen, die so oft die stummen Redner meiner Regungen gewesen sind, die mir so oft die Sprache unterbrochen, wenn ich Sie sahe und Ihnen viel sagen wollte, mit diesen versichere ich Ihnen, daß mein Herz doppelt schlägt, wenn es Wünsche für Sie und Ihr Wohl thut.

Dort, wo die Seligkeit im reinsten Glanze thronet,
Steigt mein Gebet zu jenen Höh’n:
Und betet vor dem Gott, der Tugend gern belohnet;
Für Dich um jedes Wohlergehn.
Wie freudig seh ich schon, der frohen Zeit entgegen,
Die aus der dunkeln Zukunft eilt,
Wie über Dein Geschlecht, ein ganzes Meer voll Segen,
In vollen Bächen sich verweilt.

301
Sie würden Mitleiden mit mir haben, wenn Sie mich unter der Last meiner Arbeit und Zerstreuung sehen sollten. Kaum ist die Beschäfftigung vorbey, die mir die Gräfin B. auftrug, so ist eine andre wieder angefangen. Der Abt Terrasson, soll künftige Messe in deutscher Tracht erscheinen, und mir ist seine Einkleidung aufgetragen. Ich werde Ihnen solchen als ein Sühnopfer meiner Saumseligkeit übersenden, und ich hoffe, daß die Einfälle dieses sonderbar sinnreichen Kopfs, Sie angenehm unterhalten werden. Haben Sie also bis zur Messe mit mir Gedult, liebste Freundin! Unter dem Schutze dieser Gedult, verschonen Sie mich auch mit dem Verdachte eines Kaltsinns. Argwohnen Sie eher, daß ich nicht mehr athme, denn das wäre wohl möglich; aber zu athmen und Sie nicht herzlich zu lieben, das ist bey mir widersprechend. Sie glauben nicht, was eine Gräfin B. und eine Druckerey die Stunden verkürzen, wie viel Sie deren rauben können.

302
Sie meynen, daß die poetische Geburt, welche die Gräfin befördert, auch der Welt unter die Augen treten wird? Nichts weniger, liebste Freundin! Es werden nur zwölf Exemplare gedruckt, so dem Zerbstischen Hofe bestimmt sind. Das Dreyzehnde soll eine Person bekommen, der ich auch meine geheimsten Gedanken nicht verheelen kann. Wenn Sie diese nicht errathen, sollen Sie solche zur Strafe auch nicht erfahren.
Wie lange werden Sie noch sechs und zwanzig Meilen von mir entfernet seyn? Wie bald wird mein Wunsch gewähret werden, Sie die Hälfte näher zu wissen? Ich zähle Tage und Stunden, und bin so schwach zu glauben, daß ich viel dabey gewinne; gleich als ob dreyzehn Meilen, nicht eben noch weit genug für mich, ich will hoffen, für uns beyde wären?
Gottsched.

303

Hundert und ein und siebenzigster Brief.

An eben Dieselbe.

Leipzig den 4. Octobr. 1755.

Meine einzige Freundin,
Brauche ich Ihnen wohl alle die Verhinderungen zu meiner Entschuldigung anzuführen, die mir schon oft die Feder, selbst alsdenn aus den Händen gerissen, wenn ich im Begriff war, Ihnen dieselben zu erzählen? Doch ich eile mich und Sie schadlos zu halten, ich komme jetzt, Sie, meine liebste Freundin, noch einmal in G * * zu umarmen, in dem G * * welches mir nur um Ihrentwillen schätzbar ist; in dem G * * welches ich in meinem Leben nicht gesehen haben würde, wenn es nicht der Aufenthalt meines andern Ichs gewesen wäre. Fühlen Sie auch das Vergnügen, welches dieser Gedanke

304 in mir erregt, so lebhaft wie ich?--- Ich verdiene die Unruhe nicht, welche Ihre Zärtlichkeit über mich gelitten. Mein Herz bleibt Ihnen einzig und allein ganz eigen. Die G * * hat nichts weniger im Sinn, als neue Eroberungen zu machen, da ihr die F. v. Z * * statt allem ist. Ich sage es noch einmal, unser Asmodi ist ein böser Bube. Kehren Sie sich an nichts, was er sagt; er hat den alten Groll von der überlegenen Freundschaft des Frauenzimmers noch auf dem Herzen; und wofern Sie ihm trauen, so wird er mit List gewinnen, was er durch die Zweydeutigkeit seiner Sache nicht erlangen kann. Sein Versprechen mich noch dies Jahr nach Dresden zu führen, hat er schon unter vielerey Vorwand aufgehoben. Geben Sie nur acht, ob die Asmodie Wort halten. Künftig werde ich, trotz aller Hindernisse, fleißiger schreiben als bisher geschehen, es wäre schlecht, wenn zwo Seelen, die sich so lieben wie wir, die Grundregeln der Freundschaft

305 von jenem meyneidigen Geschlechte lernen sollten.
Wissen Sie, daß wir ganz vortreflich jubilieret haben? Am hellen Tage haben viele Stimmem, zum Beweis ihres eifrigen Lutherthums, Vivat Doctor Luther geschrien, des Abends hat der Lärmen bis in die späte Nacht gedauert.
Alleweile habe ich einen Besuch von einer Frau von * * * gehabt. Die gute liebe Frau, hat mir zwar in einer fünfviertelstündigen Unterredung nicht gesaget, daß sie bey Erfindung der Druckerey keine von den Hauptrollen mitgespielet hat; aber ich vermuthe es zuversichtlich. Der Abschied von ihr ist mir nicht schwergeworden, ich sahe immer mit meinen Augen auf dieses Blatt, und nur meine Ohren überließ ich ihrer Unterredung, sobald sie aber vom Stuhl aufstund, war ich ganz bey ihr, um bald wieder bey Ihnen zu seyn, um Ihnen noch etwas zu sagen, was ich in dieser Zeit nur gedacht

306 habe. Doch Sie sollen es errathen, und den Schluß selbst machen.
Gottsched.

Hundert und zwey und siebenzigster Brief.

An die verwittwete Fürstin von Zerbst.

Leipzig, den 4. Decbr. 1755.

Durchlauchtigste Fürstin,
Gnädigste Frau,

E. H. D. gnädigstes Schreiben hat mich nicht anders als in die freudigste Bewunderung setzen können. Wie konnte ich vermuthen, daß eines der mittelmäßigsten Werke, welches die deutsche Poesie aufzuweisen hat, eine Belohnung erhalten sollte, auf welche kaum der vortreflichste Dichter sich hätte Rechnung machen dürfen? Doch ich bescheide mich gerne, wie wenig Antheil ich selbst und meine geringe Arbeit,

307
an der vorzüglichen Ehre, so E. H. D. mir erzeiget, haben. Mein Herz hat es mir schon längst gesaget, daß ich den Auftrag der bewußten Arbeit unter die ersten Gütigkeiten zu zählen hätte, womit die Frau Gräfin von [Bentink] mich täglich beschämet. Diese hat mir den Weg zur Unsterblichkeit zeigen wollen, und mit Recht geglaubet, es wäre dieses nicht anders möglich, als wenn Sie mir das Lob einer Fürstin übergäbe, welche die künftigen Jahrhunderte dem unsrigen beneiden werden. Daß doch nur die Erinnerung von E. H. D. strengen Bescheidenheit mich nicht verhindert hätte, alles zu sagen, was mein Herz von Ihnen, gnädigste Frau, seit der Zeit denket, da ich diese Dero erhabene Freundin kenne. Ich leugne nicht, daß außer der tiefen Ehrfurcht, die man allen Personen schuldig ist, welche zum herrschen gebohren worden, seitdem ich das Glück habe, ein oftmaliger Zeuge von allen Empfindungen zu seyn, die E. D. erhabne Eigenschaften in

308 den Herzen der Gräfin erregen, ich eine nocht größere Verehrung in mir hege, die durch nichts weniger als Dero erhabenen Stand bewirket worden. Ich gebe dieselben offenherzig für ein Werk der Gräfin [Bentink] aus, und glaube, daß sie als ein solches, E. D. nicht misfällig seyn wird. Dieses ist, Durchlauchtigste Fürstin das Königreich über Herzen, zu welchen Dieselben gebohren sind, und welches Sie, gnädigste Frau, noch eher überkamen, als Sie den Fürstenstuhl bestiegen. Wie glücklich bin ich, daß es mir bey dieser Gelegenheit erlaubet worden [und] der Zahl Dero stillen Bewunderer heraus zu treten, und öffentlich die reine und tiefe Verehrung zu bekennen, welche man der höchsten Tugend noch mehr, als dem höchsten Range schuldig ist. Wie gefährlich aber war es auch für mich; mit einer unreifen Arbeit vor dem scharfsichtigen Auge einer Prinzeßin zu erscheinen, die eben so sehr eine Beschützerin, als die feinste Kennerin schöner Künste ist? Einer

309 meiner eifrigsten Wünsche wird immer dieser seyn, mich bis in mein Grab mit unwandelbarer Verehrung nennen zu dürfen
E. H. D.
unterthänigste Dienerin
Gottsched.

Hundert und drey und siebenzigster Brief.

An die Frau von R. Leipzig
den 23. Decbr. 1755.

Ich habe Ihnen einen Abdurck von dem Vorspiel zugedacht, hier ist er, beste Freundin. O wie glücklich wäre der Mensch, wenn er

310 bloß den Empfindungen seines Herzens nachgehen könnte! Allein dieses ist für eine bessere Welt aufgehoben: in der jetzigen muß er zuweilen das, was ihm am liebsten wäre, demjenigen aufopfern, was die Pflichten der bürgerlichen Gesellschaft und die Umstände der Zeit ihm vorschreiben. Dieses ist meine Entschuldigung, liebste Freundin! reichet diese nicht zu, so lasse ich ihr edles Herz meinen Sachwalter seyn; ich weis, daß ich mich keinen bessern Händen anvertrauen kann. An dem Vorspiel würde ich viel ändern, wenn ich es einmal nach meinem eigenen Kopfe drucken lassen und freye Hände haben sollte. Die Gräfin hat über diesem poetischen Kinde gewachet, wie eine Henne über den Küchlein. Bald werde ich den Trieb zur Dichtkunst ersticken, sie belohnt meine Mühe nicht reichlich genug; Es ist eine undankbare Muse, der ich oft gefröhnet habe.

311
Jetzt, wo auch eine neue Mode in der Poesie sich hervorthut, mit der ich nichts zu schaffen haben will, jetzt ist es besser, daß ich dieser Arbeit ganz entsage. Nur die Freundschaft, die wahre Freundschaft hat das Glück, nicht durch die Mode gestöret zu werden, und von ihrem Werth etwas zu verlieren. Das Vergnügen wird in der Wiederholung neu, und wir ermüden nie, wiederholte Versicherungen davon zu lesen. Diese scheinen in Prosa nicht matt, und die Dichtkunst kann sie nicht stärker sagen, als sie unser Herz fühlt. Alle Jahrszeiten, alle Zufälle sind der Freundschaft gleich. Glück und Unglück rührt uns gleich heftig: kurz ich weiß mir keinen glücklichern Zustand, als die glückliche Uebereinstimmung zweener Freunde, die alle, auch die verborgensten Regungen ihres Herzens einander entdecken, und wie viel Trost, Rath und Beystand, finden diese bey allen Fällen, in ihrer wechselseitigen Neigung? Ganz voll dieser süßen Empfindung,

312 schlüße ich das zu Ende eilende Jahr, und gleiche Regungen sollen den Anfang des folgenden heiligen. Leben Sie wohl, liebste Freundin. Ich brauche Sie nicht zur Nacheiferung aufzumuntern, aber ich will Ihnen auch gewiß nichts nachgeben.
Gottsched.

Der beste Fürst.
--------------

Ein Vorspiel
auf das hohe Geburtsfest

Ihrer hochfürstl. Durchl.
der Durchlauchtigsten Fürstin und Frau
Frau
Johannen Elisabethen
verwittweten Fürstin von Anhalt Zerbst u.

den 24. Octobr. 1755.
 


Personen:

Die Staatskunst.
Die Wahrheit.
Die Menschenliebe
Die Geschichte.
Der Schutzgeist von Zerbst.
Das Schicksal.

———————————
Im Jahre 1758. schickte mir die selige Verfasserin dieses Vorpiel, so geändert wie ich es hier liefere. Der Herr Professor hatte vergessen, daß ich eine verbesserte Abschrift in Händen hatte, und rückte also dasselbe, nach dem ersten Abdruck, in das Leben seiner seligen Gattin ein. Ich hoffe man wird finden, daß die Veränderung zum Vortheil des Stückes gerathen ist.

[315]

Der beste Fürst
Ein Vorspiel
Erster Auftritt
Die Wahrheit. Die Staatskunst.

 

Die Staatskunst.
Gerechte Wahrheit! gieb auf meine Klagen acht!
Ein bittrer zwift hat mich an diesen Ort gebracht:
Die Menschenliebe will mir alles Recht versagen,
Sie sucht mich von dem Thron der Fürsten zu verjagen.

316
Die Wahrheit.
Die Menschenliebe, die, seit je die Sanftmuth ziert?
Hat dich dein Eifer auch vielleicht zu weit verführt?

Die Staatskunst
Der Eifer treibt mich nie die andern zu entehre,
Du kansts, hier kömmt sie selbst, aus ihrem Munde hören.
Ihr allzuweichlich Herz ist nur von Mitleid voll.
Wenn sie die Führerin der Fürsten werden soll:
So wird es stets an Muth, an Macht, an Nachdruck fehlen;
Unnütze Thränen stets den besten Fürsten quälen.
Wer, wo man herrschen soll, von lauter Wohlthun spricht,
Der muß in Tempel gehn; regieren kann er nicht.

Die Wahrheit.
Vergönne, daß ich jetzt, mein Urtheil noch verschiebe.
Sieh deine Gegnerin! hier kömmt die Menschenliebe.

317

Zweyter Auftritt.
Die Menschenliebe und die Vorigen.
 

Die Menschenliebe.
Des Himmels schönstes Kind, o Wahrheit! sey gegrüßt.
Du weist, ich seh es schon, was unser Zwiespalt ist:
Die Staatskunst, die ich nie um ihren Ruhm beneide.
Dass sie der Länder Wohl durch Schwerd und Stahl entscheide,
Verwirft die Menschlichkeit in jeder Fürstenbrust,
Als wär uns außer ihr, was göttlichers bewußt.
Mein wohlgemeinter Rath macht aus den Fürsten Väter,
Durch ihren werden sie, der Länder Untertreter,
Du Wahrheit sprich uns Recht! Dein Auspruch soll allein,
Wer von uns beyden irrt, die sichre Richtschnur seyn.

318
Die Wahrheit.
Wer recht entscheiden will, muß sich nie übereilen,
Drum soll ich meinen Spruch, Göttinnen euch ertheilen,
Und werth seyn des Vertrauns, das eure Wahl mir gab:
So schildre jede mir den besten Fürsten ab.
Die strenge Wahrheit wird, nie einem Theile schmeicheln.
Die nie geheuchelt hat, wird jetzt auch euch nicht heucheln.

Die Menschenliebe.
Ein wirklich weiser Fürst, des Himmels ächter Sohn,
Verehrt den Herrn der Welt, durch die Religion.
Er übt auf senem Thron der Herrschkunst große Pflichten.
Lebt jetzo für sein Volk und einst in den Geschichten.
Er weis der Völker Treu beruht auf Frömmigkeit;

319
Wer keinen Gott verehrt, der höhnet Pflicht und Eyd.
Ihn ruft kein Staatsgeschäft von heilger Andacht Chören.
Er hält sich nicht zu hoch, Gott demuthsvoll zu ehren.

Die Staatskunst.
Was ein verjährter Wahn als Gottesdienst erdacht,
Hat keinen Sterblichen noch tugendhaft gemacht.
Dem Volke kömmt es zu, für Herrn und Land zu beten,
Dafür muß sie der Fürst mit weisen Rath vertreten.
So stimmt des Himmels Gunst mit ihren Flehen ein:
Ihr Wohl wird eine Frucht von seiner Sorgfalt seyn.
Er täuscht die Länder nicht: sucht nicht durch milde Gaben
Das Unrecht gut zu thun, das sie erlitten haben.

320
Die Menschenliebe.
Nein sie sind nie die Frucht bereuter Grausamkeit,
Er giebt mit voller Hand, wenn Pflicht und Noth geben.

Die Staatskunst.
Ein weiser Fürst verlacht die bittern Zänkereyen,
Die um ein Hirngespinst die Geistlichkeit einzweyen.
Sein weiser Arm erstickt in ihrer ersten Brut,
Verfolgung, Haß und Krieg, die Früchte frommer Wuth.
Wer recht, wer unrecht lehrt, das läßt er unentschieden.

Die Menschenliebe.
Ein Fürst, in dessen Brust die Menschenliebe spricht,
Berechtige durch sein Schwerd die Glaubenshändel nicht.

321
Ihn lehrt die Gottesfurcht nur Huld, nur Sanftmuth üben,
Wer Gott von Herzen liebt, den wird auch er stets lieben.

Die Staatskunst.
Ein wirklich großer Fürst kennt mehr als eine Pflicht.
Der Länder Flor und Heil blüht durch die Andacht nicht.
Im Frieden furchtbar seyn, in Schlachten glücklich siegen;
Dies ist sein erster Wunsch, sein edelstes Vergnügen.
Doch daß er furchtbar sey, wirkt blos sein Herdenmuth,
Und seiner Länder Ruh erwirbt er nur durch Blut.
Und dies lehrt ihn mein Rath. Er kann in langen Jahren,
Was wahr ist, selber sehn, was recht ist, selbst erfahren.
Was andrer Beyspiel zeigt, das kann auch ihm geschehn.

322
Drum lehrt die Klugheit, auf seinen Vortheil sehn.
Die Zeiten wollen dies: die Sicherheit der Frieden,
Wird nicht durch sanfte Huld, sie wird durch Macht entschieden.
Wer andre Fürsten sich zu sehr verstärken läßt,
Sitzt auf dem Throne nur, so lang sie wollen, fest.
Drum bringt sein scharfer Blick auch in entfernte Sachen,
Um nicht durch Schläfrigkeit den Nachbar groß zu machen.
Der Handel trägt das Gold in seiner Länder Schoos;
Dies macht die Nachbarn arm, und meinem Fürsten groß.
Der fremden Handel wehrt. Man führt ihm nicht auf Meeren,
Die theuren Waaren zu, die seinen Schatz verzehren.
Indeß, daß seine Macht die äußern Feinde schreckt,

323
Blüht, wächst sein innres Land, durch Sicherheit bedeckt.
Er straft durch strengen Ernst die murrenden Rebellen,
Die frech von seinem Thun ein frevelnd Urtheil fällen;
Der Last, die jeder trägt, den starren Hals entziehn.
Und was der Herr gebeut aus Eigendünkel fliehn.
Hier läßt er seinem Volk die freye Macht empfinden,
Durch Sanftmuth würde er, nie dessen Wohlfarth gründen.
Er straft um wohl zu thun. Was nützt der Kinderzucht
Die Sanftmuth? sie verzeiht, wenn sie zu bessern sucht.
Er muß, dem Arzte gleich, bey lauten Klagen schweigen,
Nicht sonder Mitleid seyn; jedoch kein Mitleid zeigen.

324
Oft hält ein herber Schnitt den nahen Brand zurück,
Und lange Martern scheucht ein böser Augenblick.
Die Folge zeigt zuletzt, wie edel ders gemeynet,
Der feiger Weichlichkeit als ein Tyrann erscheinet.
Die Nichtschnur seines Thuns, ist seine Fürstenbrust;
Was er beschleußt und sucht, ist ihm allein bewußt.
Er fraget nie um Rath; so wird er nie verrathen
Er herrscht durch sich allein, lehrt durch erhabne Thaten.
So stimmt sein Regiment mit seiner Hoheit ein,
Und in Geschichten wird sein Ruhm unsterblich seyn.

Die Menschenliebe.
Und dieses lehrest du? O schäme dich der Lehren!
Durch Blut und Thränen nur schwingt sich dein Held zu Ehren;
Der einem Wüthrich gleich auf seinem Thron erscheint,
Und selten eher lacht, bis alles um ihn weint.

325
Was fühlt sein Volk für ihn? nur scheuer Knechtschaft Triebe;
Und der Gehorsam stammt aus Schrecken, nicht aus Liebe.
Der Unschuld furchtbar Blut, der Wittwen lauter Schmerz
Rührt zwar des Fürsten Ohr, doch nicht sein steinern Herz.
Nur dann ist er vergnügt, wenn die gestäupten Rücken
Sich vor dem stolzen Thron mit stummen Thränen bücken.
Wenn bey dem Unterthan nur das Gebis noch fehlt,
Daß man sein Sclavenvolk nicht zu den Thieren zählt.
Und endlich dünkt ihn noch bey der Begierden Menge,
Wie dort Philippens Sohn, die ganze Welt zu enge.
Sein Herz, wo Ehrgeitz, Wuth und Rach im Aufruhr stehn,

326
Nährt der Tyrannen mehr, als ehemals Athen.
Gott der die Fürsten schuf, gab ihnen nicht die Waffen
Den Völkern weh zu thun, nein, Ruh und Glück zu schaffen.
Dich, Freyheit, die du uns so unentbehrlich bist,
Daß man mit dir zugleich sein höchstes Gut vermißt.
Ein freudiges Vertraun wohnt nie bey stillem Kränken;
Wer frey und ruhig lebt, nur der kann edel denken.
Was hilft des Fürsten Macht, die ihn so furchtbar zeigt?
Dies, daß er auf den Hals gebückter Sclaven steigt.
Stahl, Foltern und ein Heer verbürgen keine Cronen:
Nur wer im Herzen herrscht, herrscht sicher auch auf Thronen.
Ist denn ein Fürst nur groß, wenn alles vor ihm bebt,

327
Und ein zertretnes Volk an seinen Stufen klebt?
Sein drohender Befehl gleicht schrecklichen Gewittern:
Sein Volk wird so vor ihm, wie seine Feinde zittern.
Sein Volk, das in sich selbst der Knechtschaft Rache sucht,
Zwar seinen Zepter küßt, doch seinem Herzen flucht.
Der Himmel über uns, zeigt sich in andern Werken;
An milder Gnade nur, kann man die Gottheit merken.
Ein wahrer Menschenfreund, der seinen Thron besteigt,
Macht Volk und Nachbarn sich auch ohne Schwerd geneigt.
Sein Herz ist voller Ruh; drum herrscht sie auch im Lande:
Nur Sanftmuth schließt sein Volk in leicht und feste Bande.
Denn da, wo Furcht und Schwerd den freyen Geist nicht drückt.

328
Wird schon in der Geburt die Zwistigkeit erstickt.
Gewissenhaft hält er, den Nachbarn sein Versprechen:
Wie sollten sie mit ihm den sichern Frieden brechen?
Selbst gegen seinen Feind verletzt er nie die Treu.
Er weis, daß Falschheit auch den Cronen schimpflich sey.
Die Rache kennt er nicht; dies Vorrecht niedrer Seelen!
Sein Herz, das fürstlich denkt, kann nur durch Grosmuth quälen;
Wie Gott den Bösewicht, der seinen Zorn erregt,
Mit schonender Gedult, mit sanfter Güte trägt.
Muß ja sein Vaterarm auch nach dem Schwerde greifen,
Was ist sein Zweck dabey? die Laster nicht zu häufen.
Der Bosheit Untergang verschaft der Tugend Ruh;
Er straft, damit er viel und mehrern Gutes thu.
Er traut nicht sich allein; er fragt auch weise Räthe,
Die er von seinem Gott zu Führern sich erflehte.

329
Sein Mund, wo Redlichkeit von frommen Lippen spricht,
Macht kein Geheimniß kund, doch täuschen kann er nicht.
Die Wahrheit, wär sie auch verbannt von unsrer Erden;
Es würd’ in seiner Brust ihr eine Freystatt werden.
Zwar wird sein Innerstes nicht allen offen stehn;
Doch seine Vorsicht wird nur bis zum Schweigen gehn.
Dies, Wahrheit, ist mein Fürst! Er ist nach diesen Zügen
Einst später Zeiten Neid, jetzt seines Volks Vergnügen.
Die Nachbarn ehren ihn; ihn liebt der Unterthan:
Ein jeder blicket ihn, als seinen Schutzgott, an.
Man hört den frommen Wunsch auf tausend Lippen schweben:
Herr! nimm uns alles hin; nur laß den Fürsten leben!

330
 

(Zur Wahrheit)

Du, Wahrheit, magst nunmehr den großen Ausspruch thun:
Was du entscheiden wirst, dabey soll es beruhn.

Die Staatskunst. (zur Wahrheit.)
Entscheide Göttin denn, doch wirst du es wohl wagen;
Wird deine Einsicht auch, den Beyfall mir versagen?

Die Wahrheit.
Wohlan, weil ihr mich denn zur Richterin erwählt;
So hört der Wahrheit Spruch: ihr beyde habt gefehlt.

(Zur Menschenliebe.) Dein Fürst ist zu gelind;
(Zur Staatskunst.) Der Deine ist zu strenge:
(Zur Menschenliebe.) Dem ist sein Land zu groß;
(Zur Staatskunst.)

Dem ist die Welt zu enge.
Den sieht der Erdkreis nicht mit wahrer Ehrfurcht an,
Der mehr erobern will, als er beherrschen kann.

331
Und wollt er sich auch gleich zum Herrn der Welten schwingen,
In Joch und Fesseln läßt sich jedes Volk nicht zwingen.
Der Nacken beugt sich zwar; der Geist bleibt immer frey,
Er wartet nur der Zeit, dann bricht er Pflicht und Treu.
Ein Friedsam Land mit Huld und Billigkeit beschützen,
Gilt mehr als Menschenblut um eine Welt verspritzen.
Ein Vater seines Volks spart seiner Kinder Blut,
Der schönste Sieg macht nicht des Sieges Unrecht gut.
Er überlegt mit Ernst die Folgen seiner Thaten;
Und findet nur sein Glück, im Glücke seiner Staaten.
Dann klopft sein edles Herz, so oft es wohlgethan;
Dann sieht er sich mit Lust als Landesvater an;

332
Und glaubet, daß er dann dem Himmel näher rücket,
Wenn sich sein Volk durch ihn in freyer Ruh erblicket.
Wer Reiche zwar verdient, doch gleichwohl nicht begehrt,
Geht allen Siegern vor, ist jeder Crone werth;
Erobern macht nicht groß! In öden Wüsteneyen
Sind solche Tyger gnug, die nur der Macht sich freuen;
Den Schwächern neben sich, nicht ohne Mordlust sehn,
Und durch das Würgen nur, zum Stärkern sich erhöhn.
Ein guter Fürst erlaubt von seinem Thun zu schließen.
Wer andrer Urtheil scheut, der fürchtet sein Gewissen.
Die Großmuth schützet ihn; sein Urtheil spricht die Zeit,
Der Tugend Rächerin; ihn krönt die Ewigkeit.

333

(Zur Menschenliebe)

Du, Göttin! glaube nicht, daß nur die Menschenliebe,
Nur Gütigkeit und Huld, auf Thronen sicher bliebe.
Wo ist das sel’ge Land, da lauter Tugend wohnt?
Der Menschen größter Theil ist, der den Lastern frohnt.
Und wollte sich ein Fürst der Strenge gar entwöhnen,
So wird die Bosheit bald den steten Glimpf verhöhnen.
Und meynst du, daß Betrug, List und gebrochne Treu,
Entfernt vom Purpur nur, den Neidern eigen sey?
O nein! der scheele Neid, ruht nahe bey den Thronen;
Wer eine Crone trägt, blickt oft nach fremden Cronen.
Die Staatskunst sprach mit Recht: ein Fürst hat auch auf Macht,
Zu seiner Sicherheit, mit weisen Augen acht.

334
Er selbst hält allemal den Nachbarn Treu und Glauben;
Doch darf ihm die Gewalt von seinem Recht nichts rauben,
Und wenn ein falscher Freund nicht länger ruhen kann:
Nimmt er, voll Tapferkeit, sich seiner Länder an.
Sein Volk beschwert sich nicht, bey so gerechten Kriegen:
Ein jeder wagt sein Blut, und hilft dem Fürsten siegen.
Das ist ein weiser Fürst, der so auf Erden lebt.
Daß er den Fuß zum Thron, das Herz zum Himmel hebt;
Den mehr sein hoher Sinn, als seine Würde krönet;
Der seines Zepters Glanz nur von der Tugend lehnet.
Der seine Krone so mit jener Welt verbindt,
Daß er sie, wenn er stirbt, dort ewig wieder findt.

335
Er läßt die ganze Welt sich um den Erdball streiten
Und hofft ein beßres Reich in jenen Ewigkeiten.

(Zu Beyden).

Göttinnen! so voll Ruhm, so voller Billigkeit
Herrscht eine Fürstenbrust, wo ihr vereinet seyd.
Drum gebt, als Schwestern, euch die freundschaftlichen Hände
Und machet eurem Zwist, der Welt zum Heil, ein Ende.
Nimm, Staatskunst, den Verstand, der Erden Götter ein;
Doch laß die Menschlichkeit im Herzen Meister seyn.
Ihr holdes Wesen wird dein strenges Herrschen mildern;
So kann die späte Welt den besten Fürsten schildern.

Die Staatskunst.
Jedoch, wo findet sich ein solches Fürstenhaupt,
Das uns um seinen Thron den Aufenthalt erlaubt?

336
Kannst du, o Wahrheit, uns dies Wunder kennen lehren;
Gewiß wir wollen es den Göttern gleich verehren.

Die Wahrheit.
Ich weis ein Fürstenherz, das nimmt euch willig an:
Ich Wahrheit sag es euch, die niemals trügen kann.
Hier kommt sein Schutzgeist her, den können wir befragen,
Er wachet für sein Wohl, er wird den Namen sagen.
 

Dritter Auftritt.
Der Schutzgeist von Zerbst. Die Vorigen.

Der Schutzgeist.
Es ist Elisabeth, die alle Welt verehrt,
Mit welcher innern Lust hab ich euch zugehört!
An diesen Tugenden kann man sie nicht verkennen;
Wer einmal sie genannt, der kann nichts größers nennen.
Ich denke noch der Zeit, als dies verwayßte Land,
In Ihr die Herrscherin, in Ihr die Mutter fand;
337
Als sich des Staates Last auf Ihre Schultern senkte,
Und sie des Volkes Wohl mit weisen Händen lenkte.
Die Stütze unsers Heils, die aller Sorgen trug.
Die weder Sturm noch List, noch Schicksal niederschlug.
Dem Niedrigsten, wenn ihm ein Ungemach betroffen;
Stand immer Ihr Pallast, gleich einem Tempel offen.
Dies ists, warum man Sie voll treuer Liebe nennt,
Und Ihr erhabnes Lob der Neid selbst nicht verkennt.
Was könnt ein Fürstenhaupt auch glücklichers erwählen,
Als das, was Sie erwarb, die Herrschaft über Seelen?
Das mindeste an Ihr ist Ihr erhabner Stand.
Die Weisheit macht Sie groß, der Welt ist dies bekannt.
Was du, o Staatskunst! lehrst, das hat Sie ausgeübet,

(Zur Menschenliebe.)

Wie du die Menschen liebst: so hat Sie uns geliebet.

338
Sie sieht das ganze Volk als Ihre Kinder an;
Das treue Land ist Ihr, Sie selbst sich unterthan.
Den großen Geist hat nie ein niedrer Trieb bezwungen,
Nur Tugend hat Ihr Herz, Ihr göttlich Herz durchdrungen.
Wohin Ihr Fuß sich lenkt, wohin Ihr Auge blickt,
Da wirkt Ihr großer Geist, da macht Sie auch beglückt;
Sie will durch Gütigkeit zur Gottheit sich erheben:
Sie straft mit so viel Huld, als andere vergeben.
So glücklich ist das Land, so selig ist die Stadt,
Die diese Fürstin jetzt zu seiner Mutter hat!
Wie klopft mein freudig Herz! wenn ich Sie in der Nähe
Von Ihrem treuen Volk vergnügt umringet sehe;
Wenn jeder Unterthan sich sehnsuchtsvoll bemüht,
Bis er sein Schutzgestirn Elisabethen sieht.

Die Wahrheit.
Was hier Ihr Schutzgeist sagt: das kann auch ich bezeugen,
Der Undank nur allein kann Ihren Werth verschweigen;
Der bey der Tugend Lob von innerm Neide brennt,
Und was er nicht besitzt, an andern auch verkennt.

339
Der Schutzgeist.
Der Tag, der Sie der Welt zum wahren Glück gegeben,
Versprach uns Fried und Heil, und ein geruhig Leben.
Wie freudig wird das Herz bey Ihrem Wohl erweckt.
Da Sie des Himmels Schutz mit Allmachtsflügeln deckt.
Der Sie so himmlisch schuf, erhalte Sie der Erden,
Daß Ihre Tugenden noch spät verehret werden.

Die Wahrheit.
Mein Geist, der unbemerkt auf Ihre Thaten wacht,
Hat die Unsterblichkeit zum Lohn Ihr zugedacht.
Dort nähert sich bereits die Göttin der Geschichte.
Sie ist von mir bestimmt, daß sie dies Werk verrichte.
 

Vierter Auftritt
Die Wahrheit. Die Staatskunst. Die Menschenliebe.
Der Schutzgeist Zerbsts. Die Geschichte.

Die Wahrheit.
Geschichte bist du noch der Nachwelt Lehrerin;
So führe du jetzt aus, was ich entschlossen bin.

340
Du sollst ein Fürstenherz in treuen Zügen preisen,
Um späten Enkeln einst ein Muster aufzuweisen.

Die Geschichte.
Gebeut, o Wahrheit mir, ich kenne meine Pflicht;
Ich muß gehorsam seyn, und schweigen darf ich nicht.
Allein dir ists bekannt, wie man mich pflegt zu richten:
Wie oft vermischt man mich mit schmeichelnden Gedichten.
Die Wahrheit.
Wie oftmals hast du auch dein Vorzugsrecht verletzt?
Wie oft die Schmeicheley der Wahrheit vorgesetzt?
Damit nur nimmermehr, der gnug verblendten Erde,
Der Menschen Schwachheit auch auf Thronen kenntbar werde.
Doch dies Bemühn spricht dich von aller Falschheit loß,

Elisabethens Ruhm ist ohne dich schon groß.
Sey voller Muth, ich selbst, will mich zu dir gesellen;
Es soll kein falscher Zug dies schöne Bild entstellen.

341
Bey unsrer Fürstin trift mein ganzes Wünschen ein;
Ich will mein Vorrecht ihr, und meine Züge weyhn.
Schreib, wie Ihr großer Geist den Fürstenstab regieret,
Und ein verwayßtes Volk zum Flor und Ruhe führet.
Wie Sie den Unterthan durch Huld und Ernst geschützt,
Und durch Ihr Beyspiel mehr, als Strengigkeit genützt.
Und wie Ihr großes Herz die eigne Ruh verwachte;
Damit nur Ihr Bemühn die Völker glücklich machte.
Und wie als Mutter Sie, durch weise Kinderzucht,
Der späten Enkel Glück zu gründen noch gesucht.
Die Völker, die entfernt, am Wolgastrome wohnen,
Sehn Ihrer Weisheit frucht dereinst auf Kayserthronen;
Und zeichnen, was Sie hier zu ihrem Heil gethan,
In ihrer Kinder Brust, mit regem Danke an.
Schreib, wie Sie ämsig ist, die heiligste der Pflichten,
Die man den Eltern zollt, voll Ehrfurrcht zu entrichten.

342
Wie Sie, der Gottheit gleich, auch Ihre Feinde liebt,
Und wo Sie strafen kann, aus milder Brust vergiebt.
O! daß der beste Lohn die besten Thaten ziere,
Und sie im Tode selbst, die Welt nicht ganz verliere.

Die Geschichte.
Wie freudig stimm ich nicht in dein Begehre ein!
Hier werd ich, was ich soll, der Wahrheit Herold seyn.
Gern nehme ich auf mich, was du mir aufgetragen.
Schon eil ich, Ihrem Werth der späten Zeit zu sagen.

Der Schutzgeist.
O Himmel höre du der treuen Länder Flehn!
Laß ein so theures Haupt in deiner Obhut stehn!
Laß dieses große Herz das größte Glück erreichen,
Und Ihres Körpers Kraft des Geistes Stärke gleichen.
Ach stimmtest Vorsicht du mit unsern Wünschen ein,
O könnte, wie Ihr Ruhm, Sie selbst unsterblich seyn!
Doch, da der Menschen Lauf das Ziel nicht überschreitet,
Und ein zu kühn Gebeth mit deiner Fügung streitet;

343
So schlag o Vorsicht! nur den heißen Wunsch nicht ab:
Es bau der Enkel Hand einst Ihr bethräntes Grab!
 

Fünfter Auftritt.
Die Wahrheit. Die Staatskunst. Die Menschenliebe.
Der Schutzgeist Zerbsts und das Schicksal.
(Der hinterste Vorhang öffnet sich und das Schicksal zeiget
sich auf einem erhabenen Sitze.)

 

Das Schicksal.
Du bist erhört, getreues Land!
Der Himmel willigt in dein Bitten:
Elisabethen soll mehr Gutes überschütten,
Als je Ihr Herz begehrt, als noch kein Wunsch erfand.
Sie sehe einst in kummerfreyen Tagen,
Ihr Cronenwerth Geschlecht auf Thronen auch verehrt;
Und dennoch wird die Welt von dieser Fürstin sagen:
Ihr Glück war kleiner als ihr Werth.

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Der Schutzgeist.
O Zerbst, beglücktes Land! wenn dich die Himmel hören.
Wie wird sich nicht dein Glück mit jedem Tage mehren!
Es ziere Zerbtens Thron, bis Zeit und Welt entweicht,
Ein Haupt, wie Ihres ist, ein Herz, das Ihrem gleicht.
Schlußrede des Schutzgeistes an Ihro
Hochfürstl. Durchlaucht.
Durchlauchtigste, so weit erhob die Ehrfurcht sich
Mit mattem Flug empor: sie wagte sich an Dich,
Und stammelte Dein Lob; doch frommer ehrfurcht Lieder
Sind selbst der Gottheit nicht, so schwach sie sind, zuwider.
Dich rührt ein treuer Wunsch, vom kleinsten Unterthan.
Sieh auch der Kinder Trieb mit milder Nachsicht an.

Ende des zweyten Theils

Bibliographic Information
Publication Date
1771
Publication Place
Dresden, Germany
Number of Pages
695 page(s)