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"Dulden"

Aus der Lebensbeschreibung einer Armen

von

Dr. Hedwig Bleuler-Waser.

Herausgegeben
von Prof. G. Bleuler
Direktor der Irrenanstalt Burghölzli in Zurich

Verlag von Ernst Reinhardt in München

 
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Vorrede

Von einem armen, ungebildeten, intellektuell schwach entwickelten, ja zurückgebliebenen Mädchen, dem Kinde einer unstät herumziehenden Fabrikarbeiterfamilie, stammen die folgenden Aufzeichnungen, die einen Blick in das Leben unterster Volkschichten, der Angehörigen eines Trinkers zumal, aufschließen, wie er sich kaum aus irgendwelchen andern schriftlichen Zeugnissen mit solch' furchtbarer Deutlichkeit gewinnen läßt.

So unverkennbar trägt die ganze Darstellung den Stempel der Wahrhaftigkeit, daß niemand, der sie recht gelesen, an eine jener gegenwärtig immer häufigeren Mystifikationen denken wird, da ein Schriftsteller sein eigenes Produkt als dasjenige eines Verschollenen oder einer Verlorenen ausgibt, nicht poetische Wahrheit, sondern Wirklichkeit vortäuschend.

Bei der vorliegenden Lebensgeschichte jedoch, die also durchaus nicht als literarisches Erzeugnis angesehen werden darf, sondern einfach als nackte nüchterne Wiedergabe von Tatsachen, hat der Herausgeber nichts anderes gemacht, als daß er einige Dialektausdrücke in verständliches Deutsch übertrug, da und dort inhaltslose Weitschweifigkeit unterdrückte, und einige Szenen wegließ, deren Roheit die Veröffentlichung unmöglich gemacht hätte. – Übrigens ist die Glaubwürdigkeit der Erzählerin

4 durch eine genaue Untersuchung zutage getreten, wobei viele Angaben durch Akten und Zeugnisse anderer belegt werden konnten. Für den Druck mußte natürlich auch allerlei Nebenfächliches verändert oder weggelassen werden, um ein Wiedererkennen zu vermeiden.

Nicht aus eigenem Antrieb ist diese Autobiographie entstanden, Kathrin wurde dazu von den Ärzten der Anstalt veranlaßt, wo sie Aufnahme fand. Sie begann widerstrebend, unter Tränen; nach und nach aber, durch freundlichen Zuspruch ermutigt, erzählte sie mit dem Mitteilungsbedürfnis des aus seelischer Einsamkeit hervorgeholten Menschen, eifrig wie ein Kind, das zum erstenmal im Leben teilnehmendes Lob erntet, vielleicht auch mit der Luft einer gewissen vorher nie zum Bewußtsein erwachten Begabung. Einmal in der Arbeit schrieb Kathrin, ohne sich zu besinnen, ohne je etwas zu korrigieren, fast ohne Interpunktion, links vorn beginnend bis rechts ganz ans Ende der Linie unaufhaltsam weiter, als ob ihr diktiert würde. Sie kennt nicht die Wahl, die Qual des Besinnens, des Gruppierens und Stilisierens, sie schreibt einfach, wie ihr die Erinnerungen emporquellen. Ihr Gedächtnis reproduziert die Erlebnisse (wie das oft auch bei eigentlich Schwachsinnigen beobachtet wird) mit der Genauigkeit einer photographischen Platte. Die Momentaufnahmen nach der Wirklichkeit sind eine nach der andern unverändert in die Vorratskammer des Gehirns hineingeschoben worden, woher sie nun in chronologischer Reihenfolge hervorgeholt werden können. Während geistig entwickelte, gebildete Leute ihre Erinnerungen verarbeiten, sie nach bestimmten Gesichtspunkten ordnen und beleuchten, vergleichen und kontrastieren, zusammenziehen und abstrahieren,

5 gibt Kathrin die einzelnen Eindrücke, deren ihr beschränkter Geist nur eine beschränkte Zahl, diese aber deutlich bis in alle Einzelheiten, fest umgrenzt und unverwischbar aufgenommen hat, genau so wieder, wie sie sie empfangen. Die Reflexion hat nichts daran verändert, ebensowenig jener andere Faktor, der beim Kulturmenschen, besonders dem weiblichen, oft so sehr verhüllt und entstellt, das persönliche Schamgefühl. Kathrins Naivetät ist es fremd – eben diese Naivetät schützt sie aber auch vor dem andern, in neuester Zeit häuftigen Extrem der forcierten Exhibitionssucht, die schließlich eben so sehr lügt, wie der Prüderie. Auch die persönliche Eitelkeit, jene mächtige Retoucheuse der Wahrheit, hat in unserer Darstellung wenig zu tun. Zwar zeigt Kathrin etwa das Bestreben, sich in gutes Licht zu stellen – welches Kind von fünf Jahren verriete das nicht schon? Sie tut es aber in so bescheidener, so durchsichtiger Art, daß es die Wirklichkeit nirgends entstellt. – Dies alles wirkt zusammen, um diese Lebenserinnerungen zu einem psychologischen und kulturhistorischen Dokument hohen Ranges und einziger Seltenheit zu machen. So reflexions- and absichtlos, so anschaulich, wahrhaft und treuherzig schrieben noch die Biographen des 16. Jahrhunderts (ein Thomas Platter z. B.), heute bringt das kein Kulturmensch mehr fertig – höchstens ein begabter Idiot. – Möge aber ob dieses fast altertümlich naiven chronikartigen Eindrucks niemand vergessen, daß es Wirklichkeit, schreckliche Gegenwart ist, die eben jetzt nicht nur in diesem, sondern in tausend Schicksalen durchgelebt und gelitten wird. Solange z. B. Alkoholgenuß Volkssitte bleibt, werden stets unzählige Frauen und Kinder durchmachen müssen, was

6 Kathrin und ihre Mutter. Das sollte jedem Leser, besonders jeder Leserin auf der Haut brennen, solange, bis sie das Ihrige getan haben, diese Gegenwart zur Vergangenheit zu machen.

Zürich, im Oktober 1910.

Dr. Hedwig Bleuler-Waser.
 

Kathrins Aufzeichnungen

This Text was Prepared and Edited by Blaine Evanson, Brigham Young University

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Kathrins Aufzeichnungen

Geboren wurde ich in den Z. 30. Sept. 1860, da wurde ich nach E. verkostgeltet zu zwei alten Leuten, die keine Kinder hatten. Bei denen hatte ich es gut. War verkostgeltet, bis ich vier Jahre alt war. Von Z. zogen meine Eltern nach D., da gingen sie wieder in die Fabrik. Über Tag mußte ich meinen Bruder und meine Schwester pflegen, so gut ich konnte; meine Mutter machte jeden Morgen alles bereit, denn der Bruder war damals erst ein halbes Jahr alt, meine Schwester drei Jahre alt. Meine Mutter sagte und zeigte es mir, wie ich es machen müßte, bis sie wieder heim komme. Ich mußte immer auf einer Bank oben stehen, mochte lange nicht in das Wägelein hineinlangen, wo mein Bruder lag, es war manchmal keine schöne Ordnung. Dort waren wir etwa ein halbes Jahr, dann zogen sie nach W, auch dort gingen sie wieder an die gleiche Arbeit. Ich und meine Schwester mußten meinen Bruder wieder pflegen, bis ich fünf Jahre alt war. Da mußten wir Schwestern in den Wald mit einem Wägelein, den Tag zwei- bis dreimal eine Stunde weit, manchmal mußten wir den ganzen Tag allein drausen sein und einen großen Haufen Holz suchen; am Abend kamen dann Vater und Mutter mit einem größern Wägelein und holten uns. Einmal waren wir auch wieder den ganzen Tag allein im Wald, hatten nicht so gar einen großen Haufen Holz, wie es der Vater gern hatte. Da fragte der Vater, was wir heute getan haben; wir sagten

8 nichts. Da nahm er mich über einen abgehauenen Stock, schlug mich mit einem vierfachen Seil, bis ich ganz blau war; nachher nahm er meine Schwester and gab ihr auch Schläge. Die Mutter wollte immer abwehren, aber er wollte sie auch schlagen.

Wir mußten manchmal, ohne gegessen zu haben, ins Bett, wenn wir nicht viel Holz hatten, und am Morgen mußten wir dann manchmal schon um halb 5 Uhr ungegessen ins Holz; meine Mutter gab uns manchmal im verstohlenen jedem ein großes Stuck Brot mit Butter und Honig und einen Krug voll warme Milch mit; wir verzehrten es dann, wenn wir etwa eine halbe Stunde gelaufen waren.

Als ich sechs Jahre alt war, mußte ich in die Schule, ging sehr gern, führte mich gut auf; ich weiß nie, daß ich wegen lachen oder schwätzen, oder sonst Dummheiten Schläge bekommen habe, ich weiß nur noch, daß mich der Lehrer gern hatte. Nebst der Schule mußten wir auch ins Holz. Im Winter mußte ich, als ich aus der Schule kam, in die Fabrik, dem Vater helfen weben, mußte auf ein Kistlein hinaufstehen, aufpassen; denn es waren Wechselstühle, und zwar für Nastücher. Wenn es einen Fehler gab, da bekam ich links und rechts Püffe. Meine Mutter sagte oft zu ihm: Du bist doch grob! Zu Hause war er auch nicht der feinste mit der Mutter; denn er trank sehr gern Schnaps, fast jeden Tag einen halben Liter, an einem Sonntag noch mehr. Er aß selten mit uns zu Mittag, trank schon Morgens früh einen Rausch; wenn die Mutter sagte, Er solle mit uns essen, da sagte Er zu Ihr, ihr: I . . mir i . . . A . . . und fing zu fluchen an. Sie mußte ihm dann Geld geben; gab sie keins, so trank er auf den Knebel, kam dann den

9 ganzen Tag nicht heim, bis nachts 12, 1, 2, 3 Uhr. Dann, wann er spät heim kam und schon genug hatte, so mußten ich und meine Schwester aufstehen, und sollten ihm noch Schnaps holen in der Wirtschaft; wir mußten manchmal nachts um 12 Uhr noch gehen und die Leute wecken. Wir durften nicht zurückkommen, ohne daß wir etwas hatten. Wir zitterten am ganzen Leibe und fürchteten uns vor ihm.

Es war einmal an einem Karfreitag. Da hatte er auch wieder genug, die Mutter warf einen fetzen Papier nach ihm im Spaß; da wurder er so bös, holte aus der Kammer den Säbel und wollte sie erstechen. Wir schrien, da kamen Nachbarsleute und konnten abwehren, mußten den Säbel und das Gewehr unter die Matratze im Bett verstecken. – Ein andersmal kam er auch wieder betrunken heim und wollte immer eine Schnur, die Mutter gab ihm keine, er wollte selbst eine suchen, und sagte immer von Aufhängen, kam aber nicht dazu, denn die Mutter holte den Nachbar. So ging es ein paar Studen, zuletzt brachten sie ihn doch noch ins Bett. Wieder einmal kam er nachts spät heim, fluchte und schimpte, ging in die Küche und holte die Axt und rannte damit fort. Da kamen vier Männer mit ihm zurück und hatten Streit und war ein Lärm. Meine Mutter und wir weinten. Er wurde verklagt, mußte hundert Franken zahlen und ins Gefängnis.

Meine Eltern waren in C. etwa neun Wochen, da zogen sie wieder nach U., dort ging ich wieder in die Schule. Da ging es nicht so gar gut, denn ich bekam da viel Schläge wegen dem Rechnen. Der Lehrer zählte mit dem Lineal alle mal auf drei, wenn ich rechnen mußte. Ich wußte es manchmal, aber vor Furcht

10 wußte ich es nicht mehr; mußte nach der Schule oft eine halbe Stunde rechnen.

An jedem Morgen mußte ich mit meinen Eltern in die Fabrik, bis ich die höchste Zeit zur Schule hatte, am Mittag, wenn die Schule aus war, auch, und wenn es nur noch eine halbe Stunde war, bis er abstellte. Nachmittags nach der Schulle mußte ich auch wieder in die Fabrik, durfte nicht umherstehen auf der Straße, sonst bekam ich eine Tracht Prügel; am Abend mußte ich manchmal bis nachts 8 Uhr arbeiten beim Vater. Er hatte auch wieder Webstühle und zwar ganz breite, es gab Bett-Anzüge, es waren nur vier solche Stühle. Die Augen taten mir oftmals weh und den Schlaf bekam ich, sah dann die Nester nicht; wenn es aber ein solches gab, dann schlug mich der Vater mit dem Schifflein über den Kopf, stieß mich weg, mußte dann eine Zeitlang bei meiner Mutter weben; denn ich getraute mich nicht so geschwind wieder zu ihm zu gehen. Ich sah aber auch, daß er der Mutter die Schifflein nachwarf, sie weinte oft mit mir. Wenn er die Wut in der Fabrik nicht auslassen konnte, so sagte er zu mir, ich solle nur warten bis am Abend. Es machte mir dann Angst, durfte fast nicht heim, ging manchmal ungegessen ins Bett. Dann fragte er die Mutter, wo ich sei. Sie sagte dann zu ihm, es sei mir nicht wohl. Sie sagte ihm die Meinung auch, bis sie dann wieder hintereinander kamen. So gings oft.

Auch an diesem Ort mußte ich in den Religionsunterricht nach R., es war etwa dreiviertel Stunden, ich ging gern, hörte gern das Wort Gottes an. Am

11 Sonntag mußten wir mit unserer Mutter gehen in die Kirche, auch daheim mußten wir jeden Abend und jeden Morgen beten. Die Kleider waren immer sauber und ganz einfach, auch zu essen hatten wir genug und recht. Der Vater war auch wieder gut, er mochte uns das Essen gönnen; an einem Sonntag ging er auch oft mit uns morgens um 4 Uhr spazieren auf die Alpen, nahmen dann rauhe Eier mit und Brot, dann tranken wir von den Sennen Geißen-Milch. (Hier, als die Schreiberin neun Jahre alt war, machte ein Bauer, bei dem sie Milch im Stall holen mußte, den ersten Notzuchtsversuch.) „Ich schrie und sagte, ich sage es dem Vater. Ich weiß nicht mehr, ob ich da Prügel bekommen habe; ich war damals neun Jahre alt. Durfte die Milch nicht mehr holen." Aber auch da gingen wir bald wieder fort. Meine Mutter schimpfte oft mit dem Vater, daß er an keinem Ort bleiben wollte. Er machte eben oftmals Blauen an einem Montag; dann kündeten ihn die Fabrikherren.

Von da kamen wir nach K., gingen auch wieder in die Fabrik. Ich und meine Schwester waren in der gleichen Klasse, in der vierten. Aber da war der Lehrer gut, er gab mir nie Schläge wegen dem Lernen; im Gegenteil, er hatte mich gern. Er nahm mir manchmal die Tafel und zeigte es den andern Schülern. Wenn wir rechnen mußten im Kopf, machte es mir schon Angst, wenn er mir rief, so fing ich an zu weinen. Dann kam er zu mir und sagte, ich müsse nicht weinen, er tue mir ja nichts, ich solle jetzt rechnen. Dann ging es ganz gut. Meine Schwester hatte er aber nicht so gern; denn sie lernte nicht gern. Ich bekam in der Schule oft das Herzklopfen. Der Lehrer schickte mich in den

12 Gang hinaus, ich saß auf der Stiege. Der Lehrer kam dann heraus und wollte mir dann das Mieder öffnen. Ich schlug ihm auf die Hände, denn es schämte mich vor ihm. Da rief er die Frau. Sie trug mich in ihre Wohnung, legte mich jedesmal aufs Sopha, gab mir etwas in einem Löffel, ich schlief dann etwa eine Stunde. Nachher ging ich wieder herunter in die Schule. Der Lehrer sagte dann zu mir, ob es wieder besser sei. Ich sagte ja und mochte wieder lachen. Sagte es auch der Mutter. Sie kaufte mir ein paar Fläschlein Disbacherbalsam, es half mir auch.

Es war einmal Silvester, am Vormittag mußten ich und meine Schwester mach E. Den Leuten das Neujahr anwünschen. Als wir am Abend heimgingen, da kam der Lehrer. Ich sprang fort in den Wald, der an der Straße war, versteckte mich hinter einer Tanne. Der Lehrer kam auch, rief mir den Namen und sagte, ich solle nur hevor kommen. Ich kam aber nicht, er ging weiter, ich schaute ihm nach, bis er ein großes Stück weit weg war. Dann ging ich wieder heraus, meine Schwester wartete auf mich, weil wir diesen Nachmittag nicht in die Schule durften. Ich sagt es daheim, ich dürfe am Montag nicht in die Schule; da sagte die Mutter zu mir, ich sei doch ein Fürchgreth (Angsthafe). Als wir am Montag in die Schule gingen, da schaute ich den ganzen Vormittag nie auf, damit es dem Lehrer nicht in den Sinn komme vom Silvester. Aber ich mußte eben gerade an die Wandtafel und eine Rechnung machen, bevor wir heim konnten. Da sagte der Lehrer, ich müsse dann aus der Schule noch da bleiben.

13 Als die Schule aus war, da sagte der Lehrer zu mir, warum ich weggesprungen sei. Da erzählte ich alles warum. Er tat mir nichts; sagte nur, ich müsse es nicht mehr so machen.

Wir waren da an einem Ort zu Hause, wo drei Parteien in der gleichen Küche kochen mußten. Da gab es zwischen meinem Vater und dem Hausherrn Streit. Mußten alle drei Parteien zur gleichen Haustür hinein. Da schloß einmal der Vater die Türe, bevor der Hausherr daheim war. Er wußte es eben nicht. Da ging es nicht lange, so kam der Hausherr heim und mußte klopfen. Da machte ihm meine Mutter auf, ging wieder in die Stube, wir waren noch nicht im Bett. An der Stubentür schloß sie zu, denn sie haßte den Streit. Da kam der Hausherr an die Türe, rief immer meinen Vater heraus. Er wollte hinausgehen, aber meine Mutter konnte es ihm abwehren; aber der Hausmeister schlug mit den füßen die Türe ein. Dann machte der Vater auf und als er herauskam, da standen schon vier Weiber und zwei Männer da, die packten meinen Vater, aber er bückte sich, sie schlugen ihm nur auf den Rücken. Da erblickte er auf unserm Herd eine Glaslampe mit Petroleum gefüllt. Die nahm er, warf sie einem Mann ins Gesicht, da flog alles auseinander. Dieser Mann hatte das ganze Gesicht verschnitten vom Glas. Er klagte meinen Vater ein, mußte aber die Kosten selbst zahlen. Ich mußte auch vor Verhör; als das Verhör fertig war, bekam ich ein Glas Wein und zwei Fünfer-Wecklein.

Von da an ging es nicht mehr gut, es war immer eine Reiberei. Im Jahr 1870 Mitte März zogen die Eltern dann wieder fort, nach N.

14. Da gingen sie auch wieder in die Fabrik. Ich mußte da nicht mehr in die Schule, denn das Examen war bald, der Vater sagte, ich müsse nicht mehr in die Schule bis im Maien. War aber immer noch in der vierten Klasse. Als das Schuljahr wieder anging, konnte ich in die erste Klasse Ergänzungsschule, warum weiß ich nicht mehr, ob der Vater dem Lehrer einen Brief geschrieben hat, damit ich in die Fabrik könne, wenn ich 14 Jahre alt sei. Nebst der Schule mußten wir auch wieder in den Wald und zwar auch wieder weit, eine und eine halbe Stunde, mußten das Holz auf dem Kopf tragen. Meine Schwester mußte aber noch alle Tage in die Schule, sie kam in die fünfte Klasse. Der Bruder war in der zweiten. Er war ziemlich geschickt in der Schule. Auch meine Schwester lernte in N. gut. Ich mußte sie manches fragen aus der Schule; denn sie wußte in der fünften und sechsten Klasse mehr als ich in der Ergänzungsschule. In der Geographie, Geschichte, Naturkunde konnte ich fast nichts, auch im Rechnen war ich wieder nicht die Erste.

In N. mußte ich fast immer allein in den Wald; fürchtete mich immer. Wenn ich nur das Laub rauschen hörte, so meinte ich schon, es komme jemand und tue mir etwas; warum weiß ich nicht, daß es mir immer fürchtete. Einmal weiß ich auch noch, daß ich das Holz aus dem Schopf nahm, denn der Vater hatte den Schlüssel vergessen abzunehmen. Da machte ich eine Bürde Holz, denn es war ein großer Haufen; meinte, der Vater und die Mutter sähen es nicht, aber ich konnte sie nicht zum Narren halten. Sagte dann am Abend, ich habe es gesucht; da sagte der Vater, es sei nicht wahr, da wurde ich rot bis über die Ohren, bekam dann gehörig

15. Prügel, nicht zu Nachtessen, und dann sperrte mich meine Mutter noch die ganze Nacht in einen Keller, wo es viel Ratten und Mäuse gab. Ich hockte in einen Badezuber hinein, weinte die ganze Nacht bis am Morgen. Am Morgen, als die Mutter kam, sagte sie zu mir, ob es schön gewesen sei. Es sei nur fürs Lügen.

Ich weinte oft, denn ich war damals dem Kopfweh unterworfen, hatte es fast jeden Tag, mußte aber doch ins Holz; wenn ich klagte, so sagte der Vater, ich sei nur zu faul. Meine Mutter sagte oft, es mache ihr Angst, wenn ich in die Fabrik müsse, weil ich immer Kopfweh hatte. Ich zählte jede Stunde, bis ich gehen durfte, nur, daß ich nicht mehr allein sein müsse.

Die Zeit kam, wo ich in die Fabrik gehen durfte, ich mußte nur acht Tage Lernen, denn ich hatte schon einen Begriff von Weberei; bekam dann zuerst nur einen Stuhl, in der Woche nachher den zweiten, auf einer Seite war der Vater, auf der andern Seite die Mutter. Es freute mich, wenn ich einen großen Zahltag heimbringen konnte; aber da meinte der Vater nur, er könne jetzt noch mehr trinken.

(Von unflätigen Gewohnheiten des Vaters, der u. a. den Rinnstein als Abort benutzt.) Ich konnte das nicht ertragen, bekam manche Ohrfeige von ihm, weil ich immer schimpfte, auch die Mutter sagte es ihm immer, er solle sich schämen vor den Kindern. Aber es nützte nichts. Auch in der Stube sah ich manchmal Dr . . . . . von ihm, ich hätte ihm oft Schläge geben mögen vor Wut. Denn ich liebte es, wenn es sauber war, putzte aber auch gern im Hause, war damals schon etwas stolz. -- Meine Mutter sagte oft zum Vater: Als du noch ledig gewesen, warst du immer so aufgeputzt!

16 In N. mußte ich nach Z. In den Religionsunterricht. Ich ging sehr gern. Wenn wir heim gingen, so freute ich mich schon wieder auf das nächstemal, denn ich hörte es gern, wenn der Seelsorger erzählte. An Sonntagen mußten wir mit der Mutter in die Kirche. Der Vater ging fast nie, wenn er noch dergleichen tat, er gehe, so ging er nur ins Wirtshaus, bis die Kirche aus war. Dann stellte er sich neben die Kirche als ob er auch darin gewesen sei. Aber ich sah es ihm schon an. Im Winter, wenn wir nicht in die Kirche gehen wollten, weil es kalt war, da sagte der Vater, wir müssen nicht gehen. Dann sagte aber die Mutter, wir müssen gehen, es sei nur gesund, wenn man etwas frieren müsse, sie habe auch gehen müssen.

In G. wurde ich gefirmt.

Als ich in die dritte Klasse Ergänzungsschule kam, zogen meine Eltern nach Z., ging da noch ein Jahr in die Schule und in Unterricht, mußte da auch zur Beicht und zum erstenmal zum Tische des Herrn. Das war der glücklichste Tag in meinem Leben, ich fühlte es auch. Der Pfarrer hatte eine schöne Predigt an die Kommunikanten. Er sagte, wir müssen Vater und Mutter ehren, auf daß es uns wohl gehe und wir lange leben; weiters, wir müssen die Tugend der Unschuld bewahren, immer Gott vor Augen haben, geduldig sein, demütig, sanftmütig, und noch vieles mehr; weiß nicht mehr alles. Aber auch an die Eltern sagte er ein ernstes Wort, daß sie ihre Kinder gottesfürchtig erziehen müssen. Er sagte: Wehe dem, der Ärgernis gibt; wenn dich dein Auge ärgert, so reiß sie aus und wenn dich deine Hand ärgert, so haue sie ab, denn es ist besser, wenn du mit einem Auge, und einer Hand in das Himmelreich eingehst,

17 als ewig verdammt werden. Da dachte ich bei mir selber, wenn nur der Vater auch in der Kirche wäre, die Tränen rollten mir über die Wangen. Als ich am Mittag heim kam, fragte mich meine Mutter, was der Pfarrer gesagt, da wiederholte ich ihr fast die ganze Predigt. Als ich aber sagte, ich habe für den Vater auch gebetet, da fing sie zu weinen an, konnte nicht mehr reden, denn es tat ihr zu weh. Ich mußte damals bei meiner Mutter schlafen, ich sah sie oftmals knieen an einem Abend, betete. Denn sie war nie so gar lustig, immer etwas zurückgezogen, sie floh die Lustbarkeiten, sie trug alles mit Geduld, verschimpfte den Vater nie bei andern Leuten, denn sie liebte ihn. Wenn er noch so grob war mit ihr. Die Leute hatten meine Mutter überall gern, denn sie wußten, daß sie von morgens früh bis abends spät arbeitete, Ordnung hatte und sparte. Ich hörte manchmal sagen von den Leuten, es sei schand für ihn, daß Er eine solche Frau habe.

(Mit 16 Jahren wird sie menstruiert, versteht nichts davon. Versteckt sich am Morgen im Bette. Als die Mutter nach wiederholtem vergeblichem Rufen mit dem Stecken in ihre Kammer kommt, kriecht sie unter die Decke und schämt sich.)

Meine Schwester mußte bald auch in die Fabrik. Da konnten wir einen schönen neuen Hausrat anschaffen. An dem hatte ich Freude, putzte und ordnete gern. Wenn der Vater so gespart hätte wie die Mutter, so hätten wir ein paar tausend Franken in die Kasse legen können. Aber der Vater trieb es noch ärger. Er gab der Mutter

18 manchmal fast nichts. Wir mußten fast alle 14 Tage 12 bis 15 Franken zahlen fürs Trinken, ohne das, was Er am Sonntag brauchte; die Mutter durfte jetzt gar nichts mehr sagen.

Ich und meine Schwester durften einmal auf Besuch zu Pfingsten zu der Mutter ihrem Bruder; er war nämlich verheiratet. Als wir am Montag wieder heim kamen am Abend, da war der Vater auch etwas angestochen, er giftete immer mit mir wegen der Verwandten meiner Mutter. Da sagte ich zu ihm: du hast ja einen Rausch! lachte aber dazu, meinte es nicht so bös. Es lag gerade ein Messer auf dem Tisch, er zog es gegen mich, ich konnte aber entfliehen. Er rief mir zu, diese Nacht komme ich nicht ins Bett; dann ging er wieder in die Stube, schlug mit dem Messer acht Löcher in einen neuen Tisch. Meine Mutter nahm mich in Schutz, ich konnte bei ihr schlafen, denn der Vater und der Bruder schliefen in einer andern Kammer. Der Vater kam zwei, drei, viermal in die Kammer, suchte mich, unter dem Bett und im Kasten, hob bei der Mutter die Decke ein wenig auf und sagte dann, es sei gut, daß ich nicht da sei. Ich war aber doch in diesem Bett, denn wenn ich und meine Mutter ihn kommen hörten, da sagte sie, ich solle zu ihren füßen herunter, deckte mich recht zu, daß er es nicht sah; ich wußte nicht vor Angst ob ich im Bett oder unter dem Bett war.

Ich klagte es den Verwandten meiner Mutter. Diese konnten ihn nicht leiden, weil er so grob mit der Mutter war, nie ein rechtes Wort zum Maul herausließ, immer nur fluchte und saumäßig schwatzte gegen das sechste Gebot. Denn sie waren es nicht gewohnt. Meine Mutter stammte aus einer brauen Familie. Alle ihre

19 Geschwister waren etwas zurückgezogen – nur die jüngste Schwester ist eine lustige – alle waren geschickt. Sie sagten mir, wenn mein Großvater gelebt hätte, so hätte meine Mutter den Vater nicht heiraten dürfen, warum weiß ich jetzt noch nicht. Sie hatten mich immer lieber als meine Schwester und Bruder; sie sagten immer, ich gleiche ins Muttergeschlecht hinein. Aber auch meine Mutter hatte mich am liebsten, warum weiß ich nicht. Meine Mutter erzählte mir auch: Er habe es schon so gemacht im Anfang, als sie geheiratet waren. Wie sie schwanger gewesen sei, habe Er ihr immer die Schifflein angeworfen, und ein anders mal habe Er sie über eine große Treppe herabgestoßen, als sie auch wieder schwanger war. – Eines Sonntags kam einmal ein junger Verwandter von der Mutter zu Besuch. Dieser war 20 Jahre alt und ich 18. Ich mußte da am Mittag den Tisch decken; meine Mutter war in der Küche, die andern alle in der Stube. Als ich da tischte, kitzelte dieser Bursche mich unter den Armen. Ich wurde ganz rot, denn ich war noch scheu. Am Nachmittag gingen wir alle zusammen spazieren, wir schauten einander immer an, sahen einander gern, denn es war ein hübscher Bursche, hatte ihn zum erstenmal gesehen, dachte gar nichts Böses dabei. Am Abend gingen seine Mutter und er wieder heim nach T. Er sagte zu uns, er werde uns bald wieder besuchen, und ich schrieb ihm, aber nur, was mir meine Mutter angab, denn sie wollte keine Bekanntschaft. – Ich sah das Mannsvolk damals schon gern, verkehrte aber noch nicht mit ihnen. Ich hörte eben viel von meinem Vater und dachte manchmal, ich möchte auch wissen, wie das wäre, sah auch, daß der Vater meine Freundinnen, die ich

20 am Sonntag heimbrachte, herumziehen wollte, und wüst mit ihnen reden, aber nur, wenn es die Mutter nicht sah. Diese Mädchen sagten oft zu mir, mein Vater sei ein Schlimmer. Er wollte es auch mit mir probieren, aber ich hatte kein Gefühl für ihn, denn es ekelte mich, warum weiß ich nicht. Er rupfte immer an mir herum, meinte, er bringe mich dazu, aber es half nichts, ich sagte dann zu ihm, er habe eine Frau. Ich sagte es aber auch der Mutter. Sie sagte mir, ich solle immer fliehen, wo ich könne. Ich hatte aber auch wirklich nie etwas mit ihm, nicht im geringsten, denn der Stolz und Charakter gab mir solches nicht zu. Ich weiß nicht, ob es die Mutter dem Vater gesagt hat; er sagte zu mir nie mehr etwas deswegen, sah mich immer nur schief an. – Jener Bursche kam bald wieder zu uns auf Besuch. Ich hatte ihn wirklich gern und er mich; er war anständig, aufrichtig und sehr geschickt. Er hätte mich wirklich geheiratet, aber meine Mutter wollte es nicht haben, weil wir noch zu jung seien und blutsverwandt. Wir durften nie allein aufbleiben, wenn er bei uns übernachtete, denn ich mußte mit meiner Mutter ins Bett. Wir hatten uns fürs Leben gern, ich weinte oft ganze Nächte, weil meine Mutter immer sagte, es gebe nichts draus. Er schrieb mir viel Briefe aus T., aber die Mutter las sie alle zuerst.

Dieser Bursche sagte einmal zu meiner Mutter, warum wir nie allein aufbleiben dürfen. Da sagte meine Mutter, man könne uns nicht allein lassen. Da lachten wir und schauten einander an. Da kam er einmal unverhofft, da meine Mutter auf Besuch war bei ihrem Bruder. Da benutzten wir es. Er sagte, er kaufe keine Katze im Sack; ich wollte zuerst nicht, gab es aber

21 doch zu. Er sagte nachher zu mir, es freue ihn etwas, . . . weil ich noch keusch gewesen sei.

Ich sagte aber meiner Mutter nichts davon. Nachher kam er noch manchmal auf Besuch und wir benutzten es, wo wir nur einen einzigen Augenblick allein waren. Die Mutter konnte eben nicht immer bei uns sein. Da konnte er ein Vierteljahr nich mehr kommen, mußte für einen andern den Dienst machen, der krank war. Da wurde es mir zu langweilig, fing Bekanntschaft an. Ging mit andern Mädchen auf den Tanzboden; ich hörte die Musik gern. Kam aber immer um 10 Uhr heim. Es kam dann immer einer mit, bis zum Hause, aber nicht hinein, denn er wußte, daß meine Mutter solches nicht leide. Ich log sie auch etwas an, sagte, ich sei bei meiner Freundin gewesen. Wenn sie mich aber erwischte, strafte sie mich nicht nur mit Prügeln, sondern auch mit Verachtung, war nicht mehr so freundlich. Das konnte ich nicht ertragen, denn es tat mir sehr weh, sagte ihr, ich wolle es nicht mehr tun. Dann war sie wieder etwas freundlicher.

Als mein Verwandter wieder kam, fragte er mich, ob ich ihm treu gewesen sei. Da lachte ich nur und sagte: Ich sehe auch nicht, was Du machst!

Er fragte mich, ob ich nie etwas gemerkt wegen meiner Schwester und meinem Vater? Sie können es so gut zusammen. Warum der Vater mich so hasse? Ich erzählte es ihm; da sagte er, er habe das schon lang gedacht. Von da an paßten ich und die Mutter auf, sahen aber nie etwas.

Ich war immer noch im Kirchengesangverein, da mußte ich einmal nach der Gesangsprobe zum Pfarrer. Der sagte mir etwas, das ich nicht gern hörte, nämlich

22 wegen meinem Verwandten; ich brauche jetzt noch keinen Schatz, müsse zuerst trocken sein hinter den Ohren und tat mit mir, als ob er mich fressen wollte. Fürs erste sei ich noch zu jung, fürs zweite seien wir blutsverwandt, und fürs dritte sei er reformiert. Aber da wurde ich auch wild und konnte dem Geistlichen nicht mehr schweigen, sagte meine Meinung auch: man könne glücklich sein mit einem Reformierten, wie mit einem Katholischen. Es könne einer lang katholisch sein und doch nicht in die Kirche gehen. Ich dachte dabei eben gerade an meinen Vater, sagte dann auch: Darauf schaue ich nicht, sei er reformiert oder katholisch, wenn man nur den Frieden habe miteinander und gut auskomme. Der Pfarrer stampfte mit den füßen auf den Boden und sagte, ich habe ein wüstes Maul, und das sei eine Frechheit von mir gegen einen Geistlichen. Ich fühlte aber nicht warum; etwas hatte er schon recht; aber es haben schon viele mit 18, 19 Jahren geheiratet; hätte ich es auch getan, es wäre vielleicht nie so weit gekommen mit mir.—Zuletzt dachte ich, ich wolle doch der Mutter folgen und dem Pfarrer. Konnte mich fast nicht überwinden, aber ich mußte es doch tun. Ich schrieb meinem Burschen einen Brief, daß ich vor den Pfarrer habe müssen wegen ihm, daß es nichts geben könne zwischen uns. Er schrieb mir auch noch einen schönen Brief. Kam aber doch noch etwa auf Besuch mit seiner Mutter; aber wir verkehrten nicht mehr miteinander, sahen einander doch noch gern. Er sagte zu mir, das andere nütze nichts mehr, wenn wir doch nicht zusammen kommen, und ich stimmte bei.

In jener Zeit zogen wir in eine größere Wohnung, weil der Mutter ledige Schwester zu uns an die Kost

23 kam, aber nicht für lange. Denn der Vater wollte immer an ihr herumrupfen und sagte kein rechtes Wort. Sie sagte oft, man müsse sich nicht wundern, wenn die Kinder schon später es auch so machen, sie lernen's vom Vater. Es fehle nicht an der Mutter, sie könne aber lang uns recht auferziehen, wenn der Vater gerade das Gegenteil mache, besonders da, wo es die Hauptsache sei. Auch diese Schwester merkte es, daß der Vater es gut könne mit meiner Schwester und sie mit ihm. Sie fragten meine Schwester oft aus, sie aber sagte nein. Meine Mutter sagte oft zum Vater, wenn das nicht aufhöre, gehe sie an einen anderen Ort. Aber da war dann der Teufel los: es solle nur jemand kommen und sagen, er habe es mit dem eignen Kinde, man wolle es dann untersuchen lassen vom Doktor. Dann glaubten wir's wieder nicht mehr. Es gab manchmal so einen Streit, daß ich micht verstecken mußte im Freien; der Vater sagte dann zur Mutter, er wisse schon, woher das komme; ich gebe halt nicht nach, bis er mich einmal kaput mache. – Im Hauswesen nahm uns die Mutter immer nach; wir mußten abwechseln, die eine Woche mußte ich in die Küche, die andere Woche meine Schwester. Sie ließ uns da kochen, sagte nur, wie man es machen müsse. Wenn es auf den Tisch kam, da prüfte sie es, ob es recht sei, wenn nicht, so zeigte sie es uns das nächstemal, bis wir es konnten. Ich paßte immer auf, wenn mir meine Mutter etwas zeigte, was ich noch nie gekocht hatte, denn es freute mich, wenn ich es das nächstemal kochen konnte und ich wußte, daß es recht war. Auch im Essen und Abwaschen war ich sehr genau, meine Mutter sagte oft, wenn ich es nur immer so mache. Ich hatte aber immer etwas länger als meine Schwester,

24 denn ich wollte es eben sauber haben; hingegen war meine Schwester bald fertig. Meine Mutter schimpfte oft mit ihr: „Du bist wieder geschwind fertig gewesen, wenn Du's nur mit allem so hättest."

Da wurde mein Vater auf einmal krank, bekam die Gliedersucht, mußte daheim bleiben, aber es war nicht so gefährlich, wie er tat. Er war nur krank, wenn wir heim kamen, nachher ging er wieder ins Wirtshaus, da sollten wir ihn noch auf den Händen tragen. Aber auch meine Mutter fing etwas zu kränkeln an, sie hatte immer Magenweh. Sie mußte aber doch in die Fabrik, denn wenn sie etwa einen halben Tag daheim bleiben wollte, so schimpfte der Vater mit ihr. Sie ging oft mit Schmerzen an die Arbeit, ich sagte oft zu ihr, sie solle daheim bleiben, wir können ja doch nichts auf die Seite machen, denn der Vater frage uns auch nicht, wie wir es machen können. Aber die Mutter konnte eben nicht ohne Arbeit sein, sonst war es ihr nicht wohl. Sie sagte oft zu uns, sie gehe gern in die Fabrik, bis alle das Brot selbst verdienen können. Es kam auch so heraus; als der Bruder auch in die Fabrik mußte, wollten wir haben, daß sie daheim bleibe und die Hausgeschäfte mache. Aber sie wollte nicht, sagte nur, sie gehe nur boch bis Neujahr, es war da etwa im September 1880.

An einem Mittag mußten wir den Arzt holen. Dieser machte uns aber sofort keine gute Hoffnung, sagte, sie müsse ins Krankenasyl, sie sei dort besser versorgt und habe das Essen, das sie haben müsse. Aber meine Mutter ging nicht gern, warum wußte sie schon. Wir besuchten sie dann an jedem Sonntag, auch noch unter der Woche. Aber daheim ging es zu, wie es mochte; wir hatten immer Streit, denn da hatte ich kein Recht

25 mehr. . . . Es war auch einmal an einem Abend, da war er wieder etwas angestochen, als er heim kam; da wollte er micht immer ins Bett schicken. Da sagte ich zu ihm, ich könne ins Bett, wann ich wolle. Wann er mit mir machen könnte, was er wollte, so würde er mich nicht ins Bett schicken. Aber da mußte ich fliehen, denn er sprang mir mit der Axt nach. Ich konnte aber noch besser springen als er, mußte diese Nahct dann in einem Schopf übernachten, der beim Hause war. Ich weinte sehr, faßte zugleich den Entschluß, mir das Leben zu nehmen, es war bei unserem Hause ein Kanal. Ich ging immer auf und ab, wollte mich hineinstürzen, aber in demselben Augenblick war es mir, wie wenn mich jemand zerrte an meinem Rock und zuriefe: tue das nicht. Ich ging wieder zurück, dachte an meine kranke Mutter. Am Morgen ging ich nicht ins Haus hinein, ich hatte keinen Hunger, ging nicht in die Fabrik, bis ¼ über 6 Uhr. Ich sah, daß Er mich am Morgen suchte, er stand lang bei diesem Kanal, schaute immer hinein, ob er nichts sehe, denn er wußte, daß ich alles immer etwas schwer aufnahm und darüber nachstudiere. Als ich in die Fabrik kam, da fragte er mich, warum ich nicht zum Morgenessen gekommen sei. Da sagte ich nur: ich sage es am Sonntag der Mutter. Da sagte er wieder, ich müsse es ihm zuerst beweisen können. Am Sonntag gingen ich und meine Schwester und Bruder zur Mutter, aber auch der Vater kam diesmal mit. Da fragte meine Mutter die andern und den Vater, was ich habe. Er sagte, er wisse es nicht; sie sagte aber, ich habe etwas, man sehe es mir an. Als wir wieder heim gingen, so war der Vater der letzte, damit ich ja nicht allein reden könne mit ihr. Ich ging dann aber am Abend

26 noch einmal zu ihr, ohne daß er etwas merkte, erzählte es ihr dann, wie es der Vater mache. Sie sagte zu mir, ich solle micht noch gedulden, bis sie wieder heim könne, sie wolle dann schauen, ob es so gehe. Wir weinten zusammen und sie sagte, er bringe sie noch in den Boden hinein. Der Arzt sagte oft, diese Frau wisse auch, daß sie einen Mann gehabt habe; man sehe es ihr an, daß sie es nie gut gehabt habe, viel Kummer und Sorgen. Sie klagte aber nie, denn sie war so geduldig. Wir hatten sie wieder heimgenommen, aber ohne Besserung . . . Sie litt an Wassersucht, Nieren- und Leberkrebs.

(Pflege der Kranken, die die Erzählerin sehr angreift.)

Wir mußten nachts wachen bei ihr, die eine Woche die Schwester, die andere Woche ich. Wir mußten dann immer bei der Mutter schlafen, damit sie uns nur wecken könne, wenn sie gern etwas hatte. Wir schliefen aber nie recht. Wenn ich etwa zu nahe zu ihr kam, so sagte sie zu mir, ich müsse etwas weg von ihr, denn ich könnte sonst noch etwas erben. Im Gesicht nahm sie so ab, daß sie ein wahres Totengeripp war. Sie war auch oft verwirrt, hatte immer mit dem lieben Gott zu tun. Ein paarmal, wenn ich ihr Medizin eingeben mußte, so schlug es mich auf den Boden, daß ich eine Zeitlang liegen blieb, bis ich wieder zu mir selber kam. Meine Mutter sagte oft zu mir, ich dürfe nicht heiraten, wenn ich es so habe. Mein Verwandter kam nicht mehr, ich schrieb auch nicht, denn e sverging mir, dachte nicht mehr an das Mannsvolk.

Da kam die Stunde, wo meine Mutter starb. Drei Tage vorher mußten alle ans Totenbett, sie sprach jedem zu, daß wir einen rechten Lebenswandel führen

27 sollen, immer Gott vor Augen haben, daß es uns immer gut gehe. Aber zu mir sagte sie noch ein anderes Wort, nämlich, daß ich meinen Verwandten nicht heirate. Mußte es ihr in die Hand versprechen, ich tat es auch wirklich; denn sie sagte, unsretwegen wäre es ihr noch gleich, aber es sei nur wegen den Kindern, es gebe am meisten dumme Kinder bei Blutsverwandten. Drei Tage war sie nicht mehr beim Verstand, aß nichts mehr, schlief immer nur. Es war gerade Allerheiligen am Samstag mittag, da erwachte sie wieder für eine halbe Stunde, schaute uns immer so starr an. Da begann es auf der Brust zu jucken, ein-, zwei- und dreimal, da gab sie den Geist auf. – Vor andern Toten fürchtete ich mich, aber vor meiner Mutter nicht. Sie war schöner zum Ansehen, als sie tot war, als da sie krank war. Sie hatte die Augen etwas geöfnet, man meinte, sie schlafe nur. Am Dienstag wurde sie beerdigt. Während dieser Zeit, da sie noch im Hause war, erschien sie mit jeden Abend weiß gekleidet, einen Strauß in der Hand und einen Zettel darauf geheftet, worauf stand: „Dulden", kam dann immer näher zum Bett, schaute, ob ich schlafe und verschwand wieder. Am Morgen, wenn ich erwachte, traute ich meinen Augen nicht recht, ging dann zuerst in die Kammer, wo sie lag, schaute, ob sie noch da sei. Erzählte es dem Vater und den Geschwistern, aber sie sagten, das sei dummes Zeug. Ich hätte mir aber den Kopf abhauen lassen, daß ich sie gesehen habe.

Am 6. Januar wurde sie zur Ruhe getragen. Sie war 20 Wochen krank und zwar schwer, war nie krank gewesen bis dahin. Am Beerdigungstage waren auch der Mutter Verwandte zugegen. Da sagte der Vater, er heirate nicht mehr, wenn wir recht tun. Aber es

28 war ihm nicht ernst, denn er ließ sich nichts sagen von uns, folgte der Mutter eben auch nicht mehr, geschweige dann uns.

So waren etwa vier Wochen verflossen nach dem Tode meiner Mutter. Da ging er schon wieder zu einer andern, aber wir merkten es schon, kamen ihm auf die Spur. Er wollte es nicht wahr haben, aber es war doch so. Wir hätten nichts dagegen gehabt, wenn er schon wieder geheiratet hätte, wenn er nur ein Jahr gewartet und eine Person genommen hätte, die gern gearbeitet hätte und nicht von den Leuten eine Hur genannt worden wäre. Sie kam oft zu uns ins Haus, wollte da regieren, als ob sie jetzt schon Meister sei. Aber ich ließ mir das nicht gefallen von ihr, ich sagte, es sei bis jetzt immer recht gewesen, wie es uns die Mutter gelehrt habe. Aber auch andere Leute sagten, Er brauche gar keine Frau mehr, er habe sie wahrscheinlich vorher schon gekannt. Der Grund war aber der: Ich dachte, diese müsse nicht hinein hocken können, die Frau spielen und wir sie erhalten, währen unsere Mutter selig so sauer durch mußte und sparte für uns, daß wir jede einmal ein Bett bekämen und das Notwendigste. Ich dachte eben, ich wolle doch später einmal heiraten. Dieser Person gefiel unser Hausrat. Sie wollte mich immer vertreiben und der Vater auch, ich war ihm schon lang im Weg.

(Es geht nun immer schlimmer zu.)

Ich ging fort von Hause, an einen anderen Ort an die Kost, konnte nicht mehr zuschauen, wenn ich auch nichts mit bekam als einen Werktagsrock und einen Sonntagsrock. – Mein Vater hatte wieder geheiratet nach einem Vierteljahr, meine Schwester und mein

29 Bruder blieben bei ihm. Zu der Schwester ging da einer zu Kilt. Ich hatte vom Tode meiner Mutter und schon vorher nicht mehr mit Mannspersonen verkehrt, ging auch nicht auf den Tanzboden, bis der Jahrestag vorbei war meiner Mutter. – Der Vater ging dann mit seiner Frau und mit dem Bruder fort von Z. Meine Schwester war wieder allein. Sie hatten etwas Hausrat mitgenommen, aber nicht alles. So zog ich wieder zu ihr, wir hausten miteinander. Da ging ich wieder einmal auf den Tanz mit andern Mädchen. Da kam dieser Bursche mit mir heim, der zuerst zu meiner Schwester gegangen war. Ich schaute immer zurück, ob niemand komme. Von Kindsbeinen an fürchtete ich mich immer nachts. Er sagte aber, es tue mir niemand etwas, wenn er bei mir sei. Ein halbes Jahr ging das so, ohne daß wir geschlechtlich verkehrten; es sagte nichts davon und ich auch nicht. Einmal erzählte er mir: Einer, der nocht mit mir in den Unterricht gegangen sei, habe ihm gesagt, er möchte mich doch noch lieber als meine Schwester ich sei zwar etwas hitzig, aber das sei nur, bis ich verheiratet sei. – Schließlich kam es dann auch so weit bei uns, daß wir es einmal taten.

Es hatte aber schwere Folgen, ich wurde schwanger. Ich sagte es diesem Burschen; aber da war der Teufel los. Er schimpfte immer mit mir, ich müsse es vertreiben, aber nicht zu lange warten, bis es nichts mehr nütze. Ich wußte aber, daß man das nicht könne. Ich sagte dann: „Ja, ich mache es" tat aber nichts dafür, nur damit er wieder schweige. Dachte aber während der ganzen Zeit nie an etwas Böses, das darf ich mit gutem Gewissen sagen, kam mir gar nicht in den Sinn, es auf die Seite zu machen. Ich habe die Kinder gern,

30 dachte aber auch, es sei eine große Aufgabe, wenn man ein Kind recht auferziehen wolle. Es kam mir immer schwerer vor, dachte immer nach. Ich weinte oft, wenn ich allein war, wußte manchmal nicht warum, es war mir immer so schwer auf dem Herzen, aber da war ich eben auch nie gesund, es fehlte mir immer etwas, bald da, bald dort. Mochte aber auch nicht mehr lachen, es tat mir nur weh. Die Leute sagten manchmal zu mir, es müsse etwas los sein, ich sei immer so traurig und gar nicht mehr so lustig, man höre mich nicht mehr singen, wie vorher. Ich konnte es eben nicht mehr, denn meine Stimme war gebrochen, ich wollte manchmal singen, aber ich brachte kein Lied mehr fertig. Meine Stimme war dumpf. Ich dachte manchmal bei mir selber, was es auch sei, daß ich nicht mehr singen könne. Ich konnte es immer noch verdecken vor den Leuten, dachte, es sei dann noch früh genug, wenn ich es nicht mehr könne und ins Wochenbett komme und sie es vernehmen, daß ich ein Kind hätte. Aber er sagte immer zu mir, ich dürfe es den Leuten und seinen Eltern nicht sagen, sonst könne ich dann schauen, wie es mir gehe. Ich bekam Angst vor ihm, meinte, er tue mir etwas; weil er mir immer drohte, sagte, er mache sich fort. Ich wollte eben auch nicht mehr auf den Tanz, aber er sagte dann zu mir, wenn ich nicht komme, so gehe er allein. Ich stimmte bei mit der Bemerkung, wenn er nur nicht mit einer andern heimgehe. Ich war eben damals sehr eifersüchtig. Er fragte mich immer, ob ich nichts mache, ich werde immer dicker. Ich sagte dann ja, war aber nicht wahr. Dann stritt er mit mr, ich wolle mit Fleiß machen, daß wir heiraten müssen: „Du kannst aber dann sehen, wie es dir geht,

31 bekommst es nicht zu leicht." Ich mußte manchmal Tee trinken, damit er's sehe. Ich machte aber immer nur Kamillentee, Wachholderbeeren-Tee, dieses tat mir nur noch gut. – Meine Schwester war immer böse mit mir, denn ich mochte eben nicht mehr so arbeiten wie sonst. Es kam mir alles so schwer an, was ich machte, konnte es mit dem besten Willen nicht besser tun, brachte es nicht mehr fertig.

(In dieser Zeit kommt einmal der Vater, der sich inzwischen von seiner Frau getrennt, zu Besuch und übernachtet bei den Töchtern. Kathrin macht eine schlimme Entdeckung, sagt aber nichts, bis der Vater beim Morgenessen sie wegen ihres Zustandes verspottet.) Da überlief mich die Galle, packte aus, wie er sich aufgeführt habe. . . – Der Vater höhnte mich, ich habe es halt lieber mit jungen Burschen als mit ihm. Ich dachte, da habe er schon recht, weiß aber, daß es weniger Sünde ist, als wenn man es mit dem eigenen Vater hätte.

Mein Schatz schimpfte immer mit mir, weil ich immer dicker wurde; mochte nichts ertragen, denn es tat mir zu weh, wenn er immer stritt mit mir. Wurde oft wie wahnsinnig, sagte eben auch manches, was er nicht gern hörte, wußte nachher nicht mehr, was ich gesagt, wenn er mich fragte. Ich durfte es nicht sagen, daß ich schwanger sei, vor Furcht. Je verrückter er tat mit mir, desto mehr fürchtete ich mich vor ihm. – Da sagte ich einmal zu einer Frau, es sei mir gar nicht mehr wohl. Diese sagte es seinen Geschwistern. Da kam er an diesem Abend ganz wütend zu mir: ob es wahr sei, daß ich zu jemand gesagt habe, ich sei in der Hofnung. Da sagte ich, es sei nicht wahr, aber nur

32 aus Furcht. Er glaubte es nicht, schlug mich links und rechts, gab mir einen Stoß, daß ich zu Boden fiel. Als ich wieder bei mir selber war, stand ich auf und ging ans Fenster, wollte mich hinausstürzen. Aber er war wieder etwas ruhiger geworden, wehrte es mir ab. – Ich sagte oft zu ihm, er mache schon noch, daß ich mir das Leben nehme. Ich wollte es manchmal tun, konnte es aber doch nicht; denn ich dachte dann wieder bei mir selber: „Nur kein Selbstmord, da findet man keine Gnade mehr vor Gott! -- Auch zu meiner Schwester sagte ich immer, es sei nicht wahr, zu andern Leuten auch.

So ging es immer fort, er sagte immer, ich müsse es vertreiben, bis ich eben gebar. Es war an einem Sonntag morgen im September 1882. Etwa um 4 Uhr bekam ich da heftiges Bauchweh, mußte immer aufstehen und wieder ins Bett, mochte es aber im Bett nicht ertragen, so ging's bis um 6 Uhr. Da kam meine Schwester in meine Kammer, fragte mich, was ich habe. Sie müsse mir Tee machen, ich habe Bauchweh. Da sagte sie nur, es gehe mir recht, warum habe ich immer Tee getrunken. Da ging mir ein Stich durchs Herz, sie fühlte eben nicht, wie ich Schmerzen hatte; es kam immer ärger, so daß ich es fast nicht mehr aushalten konnte. Um 8 Uhr ging meine Schwester in die Kirche. Ich hatte immer mehr Bauchweh und der Schweiß lief über micht herab vor Angst, wußte nicht mehr, wo ich war. Ich ging wieder inst Bett, mußte sofort wieder hinaus, konnte aber nicht mehr weiter gehen. Da war ein Tisch bei meinem Bett, ich hielt mich am Bett und am Tisch; schaute auf meinen Leib, meinte eben, das Kind müßte beim Nabel herauskommen; es tat mir immer mehr weh. Auf einmal platzte etwas auf den

33 Boden, ich sah aber nicht was; denn es war mir ganz schwarz vor den Augen und sehr shlecht. Zugleich riß ich noch etwas hinaus, mußte mich ins Bett legen, hörte eben nicht schreien und sah noch viel weniger, daß es sich bewegte. Ich schlummerte nur, bis ich wieder zu mir selber kam. Ich merkte, daß ich so blutete, stand auf, sah am Boden ein Kind liegen, meinte, ich habe lange geschlafen, glaubte eben nicht, daß es erst geschehen sein müsse. Nahm das Kind auf, schaute es an, dachte aber dabei, ich wolle es dann anzeigen, damit es beerdigt werde. Aber sogleich bekam ich wieder Furcht, dachte, mein Schatz komme und bringe mich um. – Es mochte etwa 9 Uhr sein, ich legte das Kind unter das Bett auf ein sauberes Tuch, die Nachgeburt in den Abtritt. Der Boden war ganz blutig, ich wusch ihn auf. Ich war fertig, bevor meine Schwester aus der Kirche kam und schon wieder in die Stube, als sie heimkam. Sie bemerkte aber nichts an mir, denn ich war immer noch etwas aufgetrieben, sagte nur zu mir, ich sei so bleich und mager im Gesicht. Da sagte ich, es sei mir schlechte, es war aber auch so. Mein Schatz kam am Mittag; ich war eben in der Kammer und schaute das Kind wieder an; ich dachte: Sie müssen einem doch lieb sein, wenn sie lebend zur Welt kommen. Fühlte aber auch, daß ich es doch nicht hätte liegen lassen können, daß ich wieder eher zu mir gekommen wäre, in dem Augenblick, wo es auf den Boden fiel, wenn es geschrien oder sich bewegt hätte. Er rief mir, was ich so lang tue in der Kammer, ich ging hinunter, zitterte am ganzen Leibe, konnte fast nicht mehr reden. Er merkte aber nichts, sagte auch nichts zu mir. Am Abend weigerte ich mich, mit ihm zu verkehren, da ich wußte, daß man das nicht dürfe.

34 Am Montag Morgen ging ich wieder in die Fabrik, als ob nichts geschehen wäre. Aber auch andere Leute sagten nichts zu mir. Ich blutete etwa vier Tage, nachher nicht mehr. Das Kind hatte ich zwei Tage unter dem Bett, meine Schwester kam eben nicht viel in meine Kammer. Ich schaute das Knäblein jeden Abend an, bevor ich ins Bett ging, ich sah es eben gern, konnte es nicht genug anschauen. Auch am Mittag ging ich wieder in die Kammer, um es anzusehen, aber wenn ich jemand hörte, so ließ ich es fallen, meinte schon, es käme jemand und tue mir etwas. Vor dem Kind fürchtete ich mich nicht, mein Gewissen plagte mich nicht, konnte auch ruhig schlafen. Am dritten Tag, am Abend holte ich ein Körblein auf dem Schopf, legte das Kind eingewickelt in einem Tuch hinein, ging in den Schopf, der neben dem Hause stand, wo es immer kühl blieb. Es war noch heller Tag, der Schopf unverschlossen, es hätte da die Leiche ganz gut jemand entdecken können; ich wollte das Kleine aber nicht fortwerfen oder vergraben – nein! Ich dachte immer: morgen will ich's anzeigen, durfte es aber doch nicht wagen, so ging es immer fort. Warum ich es in den Schopf tat, will ich auch schreiben. Ich dachte eben, damit es nicht so schnell verwese und man es noch anschauen dürfe, wenn es jemand entdecke. Ich ging jeden Tag hinunter, schaute, ob es noch da sei, schaute es auch an, aber es tat mir sehr weh. Meine Schwester fragte mich oft, warum ich immer weine. Auch in der Fabrik konnte ich es nicht verbergen. Sie sagten oft zu meiner Schwester, es drücke mich etwas, ich dürfe es nicht sagen. Wenn ich aber manchmal nicht nachschaute, ob es noch da sei, so konnte ich die ganze Nacht nicht

35 schlafen, meinte dann immer, es habe es mir jemand gestohlen, ich sei verloren für Zeit und Ewigkeit, daß ich es nicht besser aufbewahrt habe. Ich stand manchmal morgens schon um 4 Uhr auf, ging zuerst in den Schopf, schaute recht nach, ob das Kind noch da sei, dann wurde es mir wieder etwas wohler. Ich fang da wieder etwa ein Lied, konnte wieder singen, aber nur deswegen, daß ich etwa andere Gedanken bekam. Die Leute sagten oft, man höre micht doch wieder etwas singen. Ich dachte aber bei mir selber: „Wenn ihr nur wüßtet, wie es mir ums Singen ist!" Mein Schatz und meine Schwester wußten gar nichts von all dem, merkten auch nichts. Meine Schwester sagte oft zu mir, ich sei nicht mehr so gar dick. Auch andere Leute schauten mich später etwas an. Sie wußten, daß ich sonst nicht schlecht gewesen sei, dachten eben solches nicht von mir . . . .

Mein Schatz ging damals fort, in der Meinung, ich habe es vertrieben. Ich sagte ja, es sei so, damit war er schon zufrieden. – Ich ging manchmal in den Schopf, nahm das Körblein in die Hand, um es anzuzeigen, kam aber nicht weiter als bis zu Türe, mußte es wieder hinstellen, denn es kam mir immer jemand in den Weg. Neben unserm Holzbehälter hatte ein anderer Mann den feinigen. Dieser begegnete mir jedesmal, eben wenn ich es hinaustragen wollte. Er sagte oft zu mir, warum ich jedesmal so erschreckte, wenn er komme, ich sei ja kreideweiß. Ich konnte nicht antworten. So ging es oft.

Da zogen wir im November in eine andere Wohnung. Am Mittag holte ich das Körblein aus dem Schopf, stellte es unter einen kleinen Holzbehälter, der bei der Haustür war. Aber man konnte da das Körblein nehmen.

36 Es gingen andere Leute vorbei, ich dachte, ich wolle es dann am Abend aus der Fabrik holen, und es wieder in die neue Wohnung nehmen. Es war mir eben ganz gleich, ob es jemand entdecke, ich dachte, einmal müsse es doch auskommen, ob früher oder später. Mein Gewissen sagte es mir auch, es ließ mir eben keine Ruhe mehr. Am Nachmittag kam der Polizist, faßte mich ab nach K., ich gestand es sofort. Aber da hatte ich wieder ein ruhiges Gewissen. Ich bereute aber auch meine Tat, dachte immer, wenn ich es nur sofort angezeigt hätte.

Ich konnte es aber nicht mehr ändern, obschon ich es gerne getan hätte, faßte aber auch den festen Vorsatz, solches in meinem Leben nicht mehr zu tun, betete aufrichtig zu Gott um Verzeihung. Dachte, ich wolle lieber von der Welt verstoßen werden, als von Gott. Es war mir nun auch wohler. Ich wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, sie fragten mich immer, warum ich das getan habe. Ich konnte aber nichts anderes sagen: als „aus Furcht", nicht absichtlich, Gott bewahre . . . .

Wenn der Vater gewesen wäre wie die Mutter, so wäre es nie so weit gekommen mit mir, so wahr ein Gott im Himmel ist. Aber wir hörten nichts anderes von ihm als wüste Reben, -- beten hörten wir ihn nie. Ich hatte natürlich den Verstand schon, wußte, was gut und bös ist, aber man nimmt das Böse immer eher auf als das Gute. Es wächst in einem auf, man denkt darüber nach, es kommen Begierden, Wünsche und zuletzt zur Tat, bis man eben sich nicht mehr zu helfen weiß . . .

Im April 1883 wurde ich aus dem Gefängnis entlassen, ging nach K. In die Seiden fabrik. Aber es war

37 zu streng, ich hatte immer Magenleiden. Es ging eben auch schlecht mit dem Verdienst. Da war ich etwa ¼ Jahr. Von da aus ging ich nach Z., wieder in eine Seidenfabrik, hatte aber wieder das gleiche Leiden, wie in K. Aber es war noch ein anderer Grund, warum ich wieder fortging. Nämlich: es waren da zwei Mädchen von Z. die es wußten, daß ich eingesperrt gewesen sei, das schämte mich sehr. – Darum ging ich weg, war dann bei zwei alten Leuten an der Kost, die keine Kinder hatten. Ein Bursche, den ich beim Tanz kennen gelernt, kam mehreremal Sonntags mittags und wollte mich ins Wirtshaus führen, aber das war mir zu dumm, war nicht gewöhnt im Wirtshaus herum zu fahren. Mag auch den Wein nicht ertragen, bekomme sofort Kopfschmerzen. Man hört von selbst auf, wenn man merkt, daß es einem nicht gut tut. Ich hätte lieber um 4 Uhr drei Tassen Kaffee getrunken als ein Glas Wein. Auch meine Kostfrau sagte immer, ich müsse auf einen schauen, der etwa 25 bis 26 Jahre alt sei, es sei besser für mich. Ich sei eben geschwind bös, aber auch sofort wieder freundlich. Müsse überhaupt auf einen sehen, der nicht gerne trinke. Ich dachte, sie habe recht. Auch meine Mutter selig sagte es oft zu mir, ich solle, wenn ich einmal heirate, keinen Trinker nehmen, könne ja ein Beispiel sehen an unserm Vater.

Im Jahr 1884 siedelte ich nach F. über, wo ich in die Fabrik ging. Da wohnte ich bei Frau Z.; zu Mittag aß ich an einem andern Ort, wo mein späterer Mann H. an der Kost war. Da war einmal Kirchweih, da ging ich mit der Tochter meiner Wirtin auf den Tanz.

38 Ich mußte mit Einem tanzen, bis wir heim gingen. Dieser kam mit mir heim, wollte mich eben auch brauchen, aber er brachte mich nicht dazu. Denn das hatte ich noch nie gemacht, daß ich das erstemal schon mit einem verkehrt hätte, wenn ich ihn vorher nicht eine Zeitlang schon persönlich gekannt hatte, oder doch viel geredet hatte mit ihm. Dieser Bursche kam auch zu Kilt zu mir, aber nicht lange, denn er hatte nur ein Aug, trank eben auch gern Schnaps. H. (mein Zukünftiger) lachte mich seinetwegen immer aus, er war damals noch ledig. Ich gab diesen Burschen wieder auf. Wir hatten aber nie Verkehrt miteinander. – Es mochte etwa im Dezember sein im Jahre 1884, da ging ich wieder mit einem Mädchen auf den Tanz nach U. Da war mein späterer Mann auch da, tanzte mit mir und kam auch mit mir heim bis zum Haus. Von da an sahen wir einander gern, ließen es aber noch nicht merken vor andern Leuten. Ich sah ihn aber lange Zeit nur jeden Sonntag mittags am Essen. Saß neben ihm am Tisch, durfte ihn fast nicht anschauen, denn er küßte mich oft und ich ihn. Es schämte mich immer ein Zeitlang, nachher nicht mehr.

Er kam oft zu mir am Sonntag abend, aber nur, wenn er einen Rausch hatte. Kam auch später etwas unter der Woche. Wir waren viel allein, denn meine Kostfrau ging in die Betstunde. Wir verkehrten jedoch nicht näher. Ich sagte oft zu ihm, er müsse nicht mehr kommen, wenn er jedesmal einen Rausch habe. Hatte ihn aber doch gern. Wenn er manchmal kam und ich dann ein böses Gesicht machte, so sagte er zu mir: Bist bös? Bis ich wieder zufrieden war. Denn er liebte mich sehr, hätte mir nichts geschehen lassen. Er sagte oft, ich habe recht. Wann er aber nach Hause ging,

39 tat er eben auch, wie wenn er ins Bett gehe. Ging dann wieder auf einer andern Seite hinaus ins Wirtshaus bis am Morgen. Ich sagte aber nichts, dachte, es gebe nichts daraus, wenn er es nur so mache. So ging's immer fort. Er sagte aber nie, ob er mich wirklich heirate, ich dachte eben, es sei ihm nicht ernst . . . . .

An der Fastnacht ging ich mit der Tochter meiner Kostfrau verkleidet zum Tanz. Ihr Bruder tanzte mit mir (denn H. hatte eben auch eine andere) und kam mit mir heim. Dieser war aber vernünftig, sagte oft zu mir, ich sei sicher, daß ich nicht schwanger werde von ihm. Er begehre mich nicht ins Pech zu bringen, versprach mir aber doch, daß er mich heiraten werde. Ich ging bis zu Ostern mit diesem Burschen, fühlte aber keine Folgen. Da kam einmal ein andrer, namens U., zu mir, der am selben Ort wohnte, schmeichelte mir vor, er werde mich ganz gewiß heiraten. Schwatzte mir immer so vor, und wenn man mich so übernimmt, so bin ich eben nicht mehr Meister über mich, ich stimmte zuletzt wieder bei. – Am andern Sonntag konnte ich nicht schlafen, denn dieser selbe U. hatte eben eine andere in seiner Kammer, lärmte fast die ganze Nacht hindurch. Ich konnte nicht schlafen, stand auf, ging hinunter und sagte zum U. er solle still sein, man könne ja nicht schlafen, wenn es so ein Lärm sei. Er sprang aus der Kammer, gab mir links und rechts Ohrfeigen und einen Stoß, daß ich auf den Steinboden fiel, sagte noch zu mir, er wolle schon machen, daß ich schlafen könne.

Ich glaubte, ich habe keinen Kopf mehr. Als ich wieder aufstand, wollte er mich nochmals schlagen, aber die Kostfrau konnte es ihm wehren. Ich ging in die Stube hinein und weinte sehr.

40 Am Morgen, als ich in die Fabrik ging, mußte ich immer Blut erbrechen, etwa drei Tage, ganze Bröcklein und hatte das Kopfweh so, daß ich fast nicht mehr weben konnte. Aber auch auf der Brust tat es mir weh, konnte kaum mehr atmen. Es war mir manchmal, wie wenn etwas gebrochen wäre. Merkte es noch, als ich schwanger war. Sobald ich mich fest anstrengte, so spürte ich es auch im Kopf, bekam sofort Kopfweh, so daß ich meinte, man schlage mir mit einem Hammer auf den Kopf. Ich hätte den U. verklagt beim Gericht, aber ich meinte, das Weibervolk gelte nichts vor Gericht.

(Am nächsten Sonntag dringt der betrunkene U. mit Gewalt in Kathrins Kammer, wo eben der jugen Sohn der Kostfrau bei ihr ist. Der flieht erst unters Bett, dann hinaus, während jener dem angstschlotternden Mädchen droht, wenn sie nicht still sei, „mache er sie sofort kaput", ihr den Mund zuhält, als sie rufen will: er habe es übrigens nicht so bös gemeint am letzten Sonntag, wolle sie dann doch vielleicht heiraten, wenn sie ihn zulasse, nur dürfe sie es andern Leuten nicht sagen. Sie weist ihn zurück: man müsse einen nicht zuerst prügeln, nachher wieder schmeicheln, -- wird aber trotz ihres Widerstandes vergewaltigt.)

Im Juli schickte mein späterer Mann H. wieder Grüße an mich. Er wolle wieder anfangen mit mir, kam wieder zu Kilt zu mir; es war etwa in der dritten Woche im Juli. Da hatten wir wieder Streit miteinander; denn er hatte eben auch wieder genug. Ich sagte zu ihm, wenn er mich doch haben wolle, so solle er doch das Trinken lassen, sonst hätten wir doch immer Streit miteinander, wenn wir verheiratet wären. Er sagte zu mir, er könne sich dann schon halten, wenn er

41 wisse, wo er daheim sei. Ich war eben bös an diesem Abend, weil er wieder betrunken war, sagte, er solle nicht mehr kommen, ging wieder hinein und ins Bett. – Es mochte etwa 11 Uhr sein, da weckte mich jemand in meiner Kammer. Ich erschrak sehr, konnte fast nicht reden, sagte dann: was für ein Hallunke kommt denn da in meine Kammer? wußte noch nicht, wer es war, obschon er zu mir sagte: Kennst du mich nicht? Ich kannte ihn nicht, wer er war. Erst als er mich beim Namen rief, da wurde ich recht wach. Er wollte zu mir ins Bett kommen, aber ich sagte zu ihm, er solle wieder gehen, wo er her gekommen sei. So ging es eine Zeitlang. Er sagte immer zu mir, er gehe nicht, bis ich ihn einmal gelassen habe. Ich sagte immer, er könne wegen mir da sein bis am Morgen, es gebe nichts daraus. Er brachte mich doch dazu, sagte, wenn ich ihn noch gerne habe und liebe, so tue ich das. Ich liebte ihn immer doch noch. Er sagte zu mir, er werde mich schon heiraten, wenn ich auch schwanger werde. Wir verkehrten da das erstemal miteinander; von da an kam er fast jede Nacht zu mir, ich war's eben auch zufrieden. – Im September sagte ich einmal zu ihm, ich glaube, ich sein in der Hoffnung. Mußte mich denn auch fast jeden Morgen erbrechen, war mir den ganzen Tag immer schlecht. Es ging eben wieder wie das erstemal. Auch der Kostmeister merkte es, daß wir es gut können miteinander. Aber wir stritten doch noch viel miteinander, denn er wollte das Trinken nicht lassen. Ich sagte oft zu ihm, er solle nicht mehr kommen; ich wolle das Kind lieber allein haben, wenn er doch immer nur so fort fahre, denn auch da machte er es noch so, sagte er sei heim, wenn er wieder ins Wirtshaus gegangen

42 war bis am Morgen. Ich vernahm es dann wieder, es ärgerte mich, sann darüber nach.

Er hatte mich wirklich gern, hätte es nicht sehen können, wenn ich einen andern genommen hätte. Ich konnte haben, was ich wollte, er wäre für mich durch das Feuer gesprungen. Nach und nach gab er das Trinken auf. Ich ging eben mit Ernst dahinter, legte es ihm zu Herzen, daß wir jetzt sparen müssen miteinander, eine schwere Zeit vor uns haben, bis wir einmal angefangen haben, besonders da ich noch in andern Umständen sei.

Im Oktober kam meine Schwester auch nach F., ging dort auch in die Fabrik. Ich ging wieder zu ihr an die Kost, denn mein Schatz bekam Streit mit meinem Kostmeister, sagte zu mir, ich müsse an diesem Ort fort, sonst komme er nicht mehr zu mir. Als ich bei meiner Schwester war, so fing es wieder an, mir immer weh zu tun auf der Brust. Hatte den Husten lange Zeit. Ich fing an zuzunehmen, wurde daneben auch wieder ganz mager und bleich im Gesicht, das Lachen verging mir auch wieder. An einem Sonntag war ich lieber zu Hause, als umher spazieren. Mein Schatz sagte oft zu mir, ich wolle immer nur daheim bleiben.

Auch in der Fabrik war ich etwas zurückgezogen. Die Nebenarbeiter sagten oft etwas zu mir, damit ich wieder lachen möge, sagten auch, ich müsse nicht immer so traurig sein; denn sie sahen wohl, daß es mir nicht ums Lachen war. Ich sagte dann oft zu ihnen, es vergehe ihnen vielleicht später auch einmal. Oft ging ich am Morgen mit Schmerzen an die Arbeit. Meine Kräfte nahmen ab, ich mochte gar nichts essen, Wein und Bier nicht ertragen, was mir Kraft gegeben hätte.

43 Nur das Wasser tat mir wohl. Die Leute sagten, ich müsse etwa ein Glas Wein trinken. Mein Schatz kaufte mir, aber ich mußte ihn nur erbrechen. Mein Schatz kam fast jeden Abend zu mir, wollte aber nie heim gehen, . . . wenn er warten müßte bis um 12 Uhr. Meine Schwester schimpfte oft mit mir, warum ich nie ins Bett komme. Wenn ich aber nicht wollte, so wurde er wild und sagte, ich sei eine unfreundliche. Ich durfte es ihm nicht abschlagen, wenn ich schon manchmal so schwach war, daß er mich mit der Hand vom Boden aufheben mußte. Da kam er wieder einmal heim, berichtete: es sage immer Einer zu ihm, er bekomme ein Kindlein auf Lichtmeß. Ich aber sagte zu ihm, es sei nicht wahr, das könne gar nicht sein, es müsse gehen bis im April, rechneten es miteinander aus. Er sagte immer zu mir, wenn ich vor April gebäre, so gebe es ein Unglück, er lege sich einfach unter die Eisenbahnschienen. Oder dann sagte er wieder zu mir, er löse eine Freikarte und gehe nach Genf. Ich bekam wieder Furcht vor ihm; ich dachte, es müsse unbedingt noch gehen bis April. So ging's immer fort, er drohte mir immer, er könnte mich dann gerade kaput machen vor Wut.

Aber auch meine Schwester sagte immer zu mir, wir müssen machen, daß wir bald Hochzeit haben. Ich sagte dann oft zu ihr, es gehe noch lang, pressiere nicht so. Aber mein Verlobter war eben einverstanden und sagte, er sei froh, wenn wir allein seien und er nicht mehr an die Kost müsse. Aber auch da mochte es mir meine Schwester nicht vertragen, daß wir es gut konnten miteinander. Denn sie sah es nicht gern, daß er mich so liebte, sonst gut war mit mir. Aber die Schwester mochte es eben nicht sehen, daß ich schwanger sei, ich

44 merkte es schon, sie mißgönnte es mir, sah mich immer so von der Seite an, besonders wenn ich zu meinem Schatz sagte, das Kind rege sich in meinem Leibe. Am Abend, wenn ich heimkam, mußte ich gleich schlafen. Ich hatte auch viel Kopweh. Wenn ich am Abend sofort ins Bett ging aus der Fabrik und mein Schatz kam und ich klagte über Kopfweh, so sagte er oft zu mir, ich müsse nur nicht immer nachsinnen. Ich war empfindlich; wenn er mich nur anschnauzte, so fing ich sofort zu weinen an; denn es wurde mir ganz schwer, ich weinte oft sonst noch viel. Er sagte manchmal zu mir, ich wisse nicht, warum ich weine. Ich wußte schon warum, ich wiente oft vor Freuden wegen meinem Kinde, das ich noch unter dem Herzen trug, dachte manchmal, wenn es nur schon da wäre, denn ich habe die Kinder gern. Ich habe schon oft ein Kind auf meinen Armen getragen von andern Leuten und es eingewickelt in Windeln, hätte es essen mögen vor Liebe. Wir zankten oft miteinander; er sagte, wenn es nur ein Bub wäre, und ich sagte, wenn es nur ein Mädchen wäre. Ich habe aber alle gleich lieb, wenn sie nur lebend zur Welt kommen. – Im Januar sagte meine Schwester, wir sollen doch vorwärts machen, sie wolle mich nicht haben über die Kindbett, ich könne schauen, wo ich unterkomme. O, sie konnte aber nicht begreifen, wie es mir weh tat, wußte eben nicht, was Mutterliebe war. Ich dachte, ob ich denn immer noch so verstoßen werde. Ich weinte sehr, dachte, ich wolle mir das Leben nehmen mit meinem Kinde. Aber ich tat es nicht wegen meinem Schatz, denn ich wußte ganz genau, daß er sich dann auch umgebrachte hätte. – Ich hatte viel Schmerzen im Leib; wenn ich darüber klagte, so sagte mein Schatz, wenn

45 ich nur noch nicht niederkomme, sonst gebe es ganz sicher ein Unglück. Ich bekam immer mehr Angst und Furcht vor ihm, sagte dann zu ihm, was er auch denke, das könne ja gar nicht sein; es müsse noch gehen bis im April. Dann wurde er wieder etwas ruhiger. – Ich mußte oft daheim bleiben aus der Fabrik. Zweimal wurde ich dort ohnmächtig und mußte hinausgetragen werden. – Im Januar ging ich und mein Schatz zum Zivilstandsamt, die Hochzeit wurde angeschlagen. In der zweiten Woche im Februar gebar ich. Am Sonntag abend war mein Schatz gekommen, hatte wieder gesagt, wenn ich nur noch nicht niederkomme, sonst lege er sich unter die Eisenbahnschienen; denn das Kind sei dann nicht von ihm. Ich sagte aber, das könne ja gar nicht sein, daß ich jetzt schon gebären sollte. Ich bekam eine solche Angst und Furcht, daß es mir übel wurde im Bett. Am Sonntag nachts bekam ich Bauchweh. Das ging bis am Montag abend, ich konnte nicht in die Fabrik. Am Abend kam mein Schatz, fragte wie es gehe, brachte mir etwas Wunderbalsam, ging heim mit der Bemerkung: Wenn es nur nichts anderes sei, sonst gebe es ein Unglück. Gegen Nacht bekam ich so Schmerzen und wurde mir so übel, daß ich nicht mehr merkte, was mit mir vorging. Erst als meine Schwester wieder in die Kammer kam, da rief sie mir, ob ich schlafe. Ich erschrak, fragte wie spät es sei, da sagte sie zu mir: 8 Uhr.

Es tat mir noch weh. Ich griff unter die Decke mit den Händen. Da bemerkte ich ein Kind, erschrak so, daß ich mich fast nicht fassen konnte, zündete eine Kerze an, die auf dem Nachttisch stand beim Bett, schaute geschwind, ob das Kind noch lebe. Aber ich hörte und sah nicht, daß es sich bewegte. Ich wußte aber nicht mehr,

46 ob noch etwas dazu gehöre. Ich riß fest; da kam die Nachgeburt; da stieß ich mit den Händen das Kind etwas zu meinen Füßen. Ich getraute mich nicht zum Bett hinaus vor Furcht und Angst, dachte gar nichts weiteres. – Ich fing an zu schwitzen vor Angst. Es wurde mir wieder ohnmächtig. Da kam meine Schwester wieder und fragte mich, ob ich schlafen könne. Ich sagte dann zu ihr, ich habe geschlafen bis jetzt; sie merkte eben nicht, daß in meinem Bett ein Kind sei. Ich hätte es ihr gerne gesagt, wenn ich nur gewußt hätte, daß mein Schatz nichts anstellen würde, aber vor Furcht durfte ich es nicht sagen. Als meine Schwester schlief, zündete ich die Kerze wieder an, stand dann auf, ganz stille, konnte das Kind nicht liegen lassen bei den Füßen, ich weinte bitter Tränen, daß es nicht lebend war, dachte, es gehöre nicht zu den Füßen, legte es etwas weiter hinauf, daß der Kopf an meine Brust kam. Die Nachgeburt tat ich unter das Bett. Ich konnte nur schlummern; wenn ich meinte, ich habe geschlafen, so erschrak ich schon, griff dann zuerst, ob das Kind noch da sei. Am Morgen ging ich noch nicht in die Fabrik. Etwa um 8 Uhr stand ich auf, machte heißes Wasser, wusch die Leintücher aus, reinigte das Bett. Ich verlor da sehr viel Blut. Suchte ein sauberes Tuch, nahm das Kind in die Stube auf den Tisch, wusch ihm das Blut vom Leibe. Im Gesicht war es nur weiß, wusch ihm auch das Gesicht ab, sah, daß es die Augen geschlossen hatte, bemerkte, daß es mir ganz gleich sehe, es war aber schön zum Anschauen. Da legte ich es in ein sauberes Tuch, dachte immer, wenn nur niemand komme.

Ich zitterte am ganzen Leibe, legte es dann in meinen Koffer, wo saubere Hemden, Schürzen, Nastücher und

47 noch viel anderes war, aber unverschlossen. Der Koffer stand beim Fenster. Ich mußte wieder ins Bett, es wurde mir wieder ohnmächtig.

Aber im Bett konnte ich nicht schlafen, ich ging immer aus dem Bett, schaute mein Kind an. Es drückte mir fast das Herz ab vor Weinen. Es reute mich sehr, dachte, ob ich denn gar kein Kind lebend zur Welt bringen könne?

Am Mittag, als meine Schwester kam, war ich im Bett. Sie sagte aber nichts zu mir. Brachte mir auch das Mittagessen. Am Abend kam auch mein Schatz, fragte mich, ob es besser sei. Da sagte ich ja, log ihn immer an, aber nur vor Furcht.

Wenige Tage darauf hielten wir Hochzeit. Ich hätte sie gern rückgängig gemacht, aber ich durfte es nicht wagen. Am Hochzeitstag am Morgen war es mir so schwer, dachte bei mir, der liebe Gott könnte mich doch heute noch sofort strafen. Ich tat es eben, wie wenn nichts geschehen wäre vor den Leuten, aber in meinem Herzen drückte mich doch etwas. In der Kirche sah mich der Pfarrer immer so an, ich glaubte immer, er sehe es mir an, daß mich etwas drücke. Er hatte eine sehr schöne Anrede an uns; ich hätte weinen können, mußte es aber verbergen vor den andern. Auch am Abend machte ich mich noch lustig, aber nicht gern, dachte dabei immer an mein Kind. Ich dachte immer, wenn ich nur jemand wüßte, es ihm anzuvertrauen, daß ich es hätte anzeigen können, ohne daß mein Mann etwas wisse davon, aber ich dachte eben, ich müsse doch sagen, von wem das sei . . . .

Wir zogen in eine kleine Wohnung. Der Koffer mit der Leiche des Kindes wurde in die obere Kammer

48 gestellt. Ich hatte ihn vorher verschlossen. Ich ging jeden Tag hinauf, schaute das Kind an. Mein Mann sagte oft zu mir, was ich auch immer tue da oben? Ich sagte dann zu ihm, ich suche Kleider oder sonst etwas. Er ging meistens auch an einem Sonntag hinauf, denn wir hatten da die Werktagskleider aufgehängt. Jedesmal, wenn er hinauf wollte, sagte ich, ich wolle gehen. Dann sagte er zu mir, er könne schon allein gehen. Wenn ich dann hörte, daß er die Türe öffnete, so eilte ich auf hinauf, er wurde dann etwas zornig und sagte zu mir nichts, ich hatte immer eine Ausrede. Einmal fragte er mich, warum dieser Koffer immer geschlossen sei, da sagte ich, es habe nur Kleider darin von mir. Ich zitterte so vor Furcht, daß ich nicht mehr reden konnte, sagte immer nur, wir wollen jetzt gehen. Trug immer den Schlüssel dieser Kammer in der Tasche herum. – Wir kamen aber sonst gut aus miteinander, er fühlte sich glücklich bei mir, er tat mir zu lieb, was er mir an den Augen ansah. Die Leute sagten immer, er sei ein ganz anderer Mensch geworden, als er früher war. Ging auch nicht mehr ins Wirtshaus, es freute ihn, wenn wir alle 14 Tage die Leute zahlen konnten. Er wurde sparsam, wir halfen einander wo wir konnten. Auch im Hauswesen half er mir nach, denn ich ging eben auch in die Fabrik. Er schimpfte aber nie, daß ich zuviel brauche. Am Morgen und am Abend füßten wir einander. Ich vergaß es manchmal am Abend, wenn er heim kam vor Furcht, meinte, es habe ihm jemand gesagt, ich habe schon geboren. Er wurde bös, sagte dann zu mir, ob ich ihn nicht mehr liebe. – Wir verkehreten aber immer viel miteinander. Er sagte oft, ich sei nicht mehr dick wie vor der Hochzeit. Ich sagte,

49 ich wisse nicht warum. Ich dachte immer, ich wolle das Kind im April hervornehmen und sagen, ich habe es jetzt bekommen, damit er mir weniger tue. Dachte aber schon, es müsse doch auskommen, daß ich schon vorher geboren hatte. Ich durfte es aber doch nicht wagen aus Furcht vor ihm. Ich studierte immer, wie ich das machen müsse, damit er mir oder ihm selbst nichst tun könne. Im Mai sagte er oft zu mir, warum ich noch nicht niederkomme.

Ich gab ihm immer eine Lüge an. So ging's oft. Wollte mich eben auch immer zur Hebamme schicken, aber ich wollte nicht gehen, wußte schon, daß ich diese nicht anlügen konnte. Sagte dann immer zu ihm: die nächste Woche. Nach und nach fing das Kind an blau zu werden, hatte aber noch keinen Geruch. Ich schaute es doch an, nahm es auch in die Hände. Wenn ich es am Abend nicht anschauen konnte, so ging ich am Morgen hinauf, denn es war mir nicht wohl, wenn ich es nur einen Tag nicht gesehen hatte.

Auch in der Fabrick fing ich viel zu weinan an. Die Leute schauten mich immer so an, besonders, wenn ich weinte. Ich mochte gar nicht mehr essen, grübelte immer nur nach. Auch nachts konnte ich nicht schlafen, denn mein Gewissen ließ mir keine Ruhe mehr. Mein Mann sagte oft zu mir, warum ich nicht esse, es müsse etwas los sein, schaute mich dann so durchdringend an, daß ich es ihm von den Augen lesen konnte, was ich längst schon immer gefürchtet hatte. Mich erwürgte es fast vor Schmerz, denn ich sah es kommen: Vorher so geliebt – dann nur noch Haß und Rache! Ich sagte doch oft: Wär ich nie geboren! riß mich an den Haaren, verzweifelte fast. Ich meinte, ich sei geisteskrank, schwatzte eben allerlei; vor Studieren und Weinen wußte ich manchmal nicht, was ich sagte." -- -- 

50

Nachwort

Bis hierher haben wir Kathrin selber reden, uns durch die dunklen Wege ihres Daseins führen lassen. Suchen wir zum Schlusse noch einen Überblick über dieselben zu gewinnen, der einiges erklären wird, was dem armen Weibe selber unbewußt geblieben sein mag. Einer der wenigen Betrachtungen aber, die sie selber anstellt, wird kein Leser seinen Glauben und seine Teilnahme versagen können: „Wenn der Vater gewesen wäre wie die Mutter, so wäre es nie soweit gekommen mit mir, das ist so wahr, als ein Gott im Himmel ist."

Wie mehr oder weniger jedem Kinde, so haben für sie in besonderer Weise die Eltern das Schicksal bedeutet, die Mutter aufwärts zeigend in dürftige, aber geordnete Verhältnisse, der Vater hinab ins Elend des Lumpenproletariats. Kathrins Mutter, die erst nach dem Tode ihres Vaters die Heirat mit dem damals noch „flotten" Burschen hatte durchfetzen können, stammte von braven Leuten, die fast lauter Kinder „zurückgezogenen Charakters" und „geschickter" Beanlagung befaßen. Daß Kathrin, wenn auch (wohl als Alkoholikerprößling) schwächer nach Begabung und Willenskraft, doch im Wesen und Aussehen auf diese Seite artet, trägt ihr das Zutrauen der unglücklichen Mutter, den Haß des immer liederlicher werdenden Vaters ein. Im Anfang werden noch als letzte Sonnenblicke zwei Aufenhaltsorte erwähnt, an denen der Vater etwas besser gewesen sei, wo er ihr abends rechnen half oder Sonntags mit den Kindern spazieren ging, „da habe er ihnen das Essen gegönnt". – Daß

51 wir es mit einem durch den Trunk veränderten Chrarakter zu tun haben, darauf deuten auch andere Bemerkungen der Mutter, wie die, daß ihr Mann als Bursche immer so sorgfältig herausgeputzt gewesen sei, er, der sich hernach nicht scheut, angesichts seiner Mädchen aus Bequemlichkeit den Rinnstein als Abort zu benützen. Was noch in diesem Zerfall zu halten ist, das hält die Mutter zusammen! Obgleich ruhlos von Ort zu Ort gehetzt (da dem Blaumontag- und Skandalmacher überall gekündigt wird), sucht sie immer den Hausrat, die Wohnung in Stand zu halte, ja sie weiß sogar den Töchtern, wenigstens der Ältesten, Freude an Ordnung und Reinlichkeit beizubringen, was freilich deren Entrüstung über des Vaters ekle Gewohnheiten vermehrt; sie lehrt die Mädchen regelrecht kochen, straft sie streng für Leichtsinn und Lüge, schützt sie vor Mißhandlung, oft mit dem eigenen Leib (z. B. In jener furchtbaren Nacht, da der Vater mit der Axt immer wieder die rebellische Tochter in der Mutter Kammer suchen kommt). Vor dem Ärgsten, den blutschänderischen Angriffen des Trunkenen, vermag die Mutter Kathrin zu bewahren. – Diese Frau wisse, daß sie einen Mann gehabt habe, sagt der Arzt schaudernd bei der Untersuchung der todkranken Mutter; und nicht umsonst erscheint die Gestorbene der Tochter drei Nächte lang im Traume, ihr das Wort „Dulden" weisend, das wir dieser Lebensbeschreibung zum Geleitwort gaben.

Die Tochter deutete sich den Traum als eine Art Prophezeihung für ihre eigene Zukunft. Sie hatte dazu alle Ursache. Wenn es je ein von Natur gutartiges Geschöpf gegeben hat, das mit roher Gewalt in den Kot hineingestampft worden ist, war sie es. Schon als vierjähriges Kind zur Wärterin jüngerer Geschwister abgerichtet.

52 als Schulkind dann in jeder freien Minute zum Holzsuchen, zur Arbeit am Webstuhl neben dem schimpfenden und drohenden Vater verurteilt, noch in später Nacht um Schnaps ins Wirtshaus gejagt, immer in Erwartung der furchtbarsten nächtlichen Szenen, das ist ihre Kindheit, deren Schrecknissen das Mädchen- und Jungfrauenalter noch eine andere – schlimmste – Angst hinzufügt: die vor sexueller Vergewaltigung. Man achte darauf, wie seit dem ersten Angriff dieser Art auf die Neunjährige der Schreck in ihr sitzt, jenes für derartige Erlebnisse so bezeichnende dumpfe unbestimmte Angstgefühl, (wie es auch in der anderen von Reinhardt herausgegebenen Arbeiterinnenbiographie geschildert wird). Diese seelische Verletzung ist es, die man so oft als erste kaum mehr bewußte Ursache späterer Nerven- und Geisteskrankheiten weiblicher Patienten findet. –

Beinahe würde die Achtzehnjährige doch noch gerettet durch ihre erste Liebe, die einem tüchtigen jungen Burschen ans der Familie ihrer Mutter gilt. Die beiden tun sich in Leidenschaft zusammen und wollen auch gleich heiraten – da will's das Unglück, daß die Mutter, obgleich dem jungen Mann persönlich geneigt, in übertriebener Angst vor den Folgen der Heirat von Blutsverwandten auf dem Totenbett Kathrin das Versprechen abnimmt, ihrem Schatz den Abschied zu geben. Dem Geistlichen, der gegen die Heirat mit dem Andersgläubigen donnerte, hatte das Mädchen noch widerstanden, obgleich ihr dadurch schon Zweifel erwacht waren. Die sterbende Mutter aber bringt sie zum endgültigen Verzicht, und vershließt damit selber ihrem armen Kinde den Weg zur Rettung. Neben einem rechten Manne wäre Kathrin eine ordentliche Frau, eine – ach wie

53 zärtliche! Mutter geworden; dafür zeugen die stärksten Intsinkte ihres Wesens. Mit dem Jugendgeliebten aber, der ihr tapfer erklärt, da sie es nicht für immer könnten, habe es keinen Sinn mehr, zusammen zu kommen, scheidet der einzige Mann von ihr, der es eigentlich gut mit ihr meinte, die kaum Achtzehnjährige den andern überlassend . . Erst einem rohen Kerl, der sie mißhandelt, als er merkt, daß sie seine Drohungen, die Frucht ihres Verkehrs abzutreiben, nicht befolgt, und sich dann davonmacht. Wie charakteristisch für Kathrin ist die Geschichte der Geburt ihres ersten Kindes, von dessen Leiche sie sich nicht zu trennen vermag, bis die Entdeckung derselben sie ins Gefängnis bringt! So mächtig sind bei ihr die mütterlichen Instinkte, daß sie sich auf das tote Kind genau so übertragen, als ob dies lebendig wäre. Hat sie einen Tag lang nicht nach ihm sehen können, findet sie des Nachts keine Ruhe, „meinte dann immer, es habe mir jemand es gestohlen, ich sei verloren für Zeit und Ewigkeit, daß ich es nicht besser aufbewahrt habe. Ich stand Morgens schon um 4 Uhr auf, ging zuerst hin, schaute recht nach, ob das Kind noch da sei, dann wurde es mir wieder etwas wohler".

Nach einer längeren Pause stiller Zurückgezogenheit und Scheu, da sie bei anständigen Leuten wohnte, gerät sie an einen liederlichen Kostort, wo viele Burschen verkehren und wird offenbar dadurch wieder in das Treiben hineingezogen. „Wenn man mich so übernimmt, bin ich eben nicht mehr Meister über mich." Wie ein gehetztes Wild unter einer Horde wilder Tiere kommt sie einem vor inmitten dieser vom Alkohol in brutale Begier hineingepeitschten Männer. An Feiertagen ist's immer am ärgsten! Wie schrecklich jene Sonntagabendszenen,


54 da der eine Kerl sich unters Bett verkriecht, während der andere sie mißhandelt. Und wie herzzerreißend Kathrins hilflose Bemerkung: „Ich hätte den U. (eben jenen Kerl, der sie an einem Sonntag bis zum Blutbrechen schlägt, am andern dann vergewaltigt) verklagt; aber ich meinte, das Weibervolk gelte nichts vor Gericht."

Eine der Bekanntschaften dieser Zeit führt dann doch zu einem Verhältnis, schließlich zur Ehe. Zuerst freilich kommt der zukünftige Gatte meist nur Sonntags, wenn er betrunken ist, zu ihr. Sie zeigt ihm dann wohl ein zorniges Gesicht, kann aber seinem beständigen Bitten: „Bist bös!" auf die Dauer nicht widerstehen, obwohl sie ihm immer wieder versichert, heiraten könne sie ihn nicht, wenn er nicht solider werde. Lieber noch wolle sie das Kind allein haben, wenn er doch nicht vom Trinken lasse. Man merkt es dem Bericht an, wie stolz sie ist, als er auf ihre Vorstellungen hin anfängt, sich etwas zusammen zu nehmen. – Immerhin scheint sie ihm nicht allzufest zu trauen, geht immer mit körperlichen und seelischen Schmerzen zur Arbeit. „Es machte mir jedesmal schwer, wenn es wieder Abend geworden war," Abends, da sie jeweilen trotz ihres elenden Zustandes den unersättlichen Ansprüchen des Mannes genügen soll, in dessen Sklaverei sie sich begeben hat. Und Angst, wieder eine neue Art der Angst, beginnt sie zu quälen. Zwar will der Mann, den sie für den Vater ihres Kindes hält, sie heiraten – das Kind darf aber nicht früher zur Welt kommen, als er berechnet hat, sonst ist es nicht das seine und dann gibt es ein Unglück,

55 ein Unglück . . . sie wird schon sehen, was für eines! Halb ersehnt sie nun die Ankunft des Kleinen, halb zittert sie davor. Wirklich gebiert sie zu früh – wieder heimlich und ohne Hilfe in schrecklichen Leibes- und Seelenqualen. Aus einer Ohnmacht erwachend spürt sie, daß es da ist, aber ohne Lebenszeichen. „Ich ging immer aus dem Bett, schaute mein Kind an, es drückte mir fast das Herz ab vor Weinen. Es reute mich sehr, dachte, ob ich denn gar keines lebend zur Welt bringen könnte."

Wenige Tage später tritt sie vor den Altar, keinen Augenblick der verborgenen kleinen Leiche vergessend, die sie von dem Manne trennen wird, der da neben ihr steht. „In der Kirche sah mich der Pfarrer immer so an." Gern wäre sie zurückgetreten, wagt es aber nicht. Und nun kommen die „Flitterwochen" ihrer Ehe, da sie jeden unbewachten Augenblick in die Bodenkammer hinaufrennt, nach dem toten Kinde zu sehen, -- da sie zittert, wenn der Mann sie etwas frägt, und immer auf neue Ausflüchte sinnen muß.

Schließlich, als der Mann fast mit Gewalt eine ärztliche Untersuchung herbeiführte, geriet die Unglückliche in einen Zustand, der ihre Überführung in eine Irrenanstalt zur Folge hatte. Dort beruhigte sie sich allmählich, besonders auch dadurch, daß sie sich offen über alles aussprechen und schreiben durfte. Sie verließ die Anstalt, um wieder ihr Brot zu verdienen, möglichst zurückgezogen und weit weg von ihrem – inzwischen von ihr geschiedenen Manne – dem sie aber trotz allem die eheliche Treue zu halten sich ehrlich vornahm.

Ende
Bibliographic Information
Publication Place
Munich, Germany
Number of Pages
55 page(s)