Liebesheirath


[161]
“Also wirklich Bräutigam! Nun so segne Sie Gott, lieber gnädiger Herr, und gebe Ihnen eine Frau Gemahlin, gut, schön und brav, wie unsre liebe gnädige Frau, Ihre selige Frau Mutter es war, an die ich noch immer nicht ohne Thränen denken kann,” sprach Frau Gerichtsverwalterin Schwarz und trocknete mit der schneeweißen Schürze sich die vor Freud und Leid übergehenden Augen.

“Und, nicht wahr, Mütterchen? Sie nehmen aus alter Liebe und Freundschaft sich der Sachen im Schlosse ein wenig an?” erwiederte, ihr freundlich die Hand drückend, der Rittmeister von Dornbach, ein Mann von acht und zwanzig bis dreißig Jahren, dessen bleiche Züge noch sichtbare Spuren einer in Feldlazareth


162 
überstandnen schweren Krankheit verriethen, und dessen einst stattliche Gestalt und männlich schönes Gesicht ein gelähmter Arm, den er im Bande trug, und eine große, kaum geheilte Narbe quer über die Stirn, leider entstellten. “Sie wissen ja, wie wenig unsereins von dergleichen Dingen versteht,” fuhr er fort; “aber ich selbst bin erschrocken, als ich nach dreijähriger Abwesenheit mich im Schlosse umsah. Die Jungfer Meier, meine Haushälterin, ist eine brave Person, doch über die Milchkammer hinaus reichen ihre Einsichten nicht. Aber Sie, liebe alte Freundin, waren ja so lange, als ich denken kann, meiner guten Mutter zweite Hand. Sie wissen, was zu einer Einrichtung gehört, wie sie einer jungen, hübschen, zierlichen Frau gefallen kann. Baumeister und Maler. Tapezirer und Vergolder treffen morgen aus der Residenz ein, Kisten und Kasten, mit Meubeln und Stoffen und Allem, was ich nur ersinnen konnte, werden


163 
in wenigen Tagen diesen folgen, und Mütterchen”. . . .
“Alles, Alles will ich bestens besorgen und mit Tagesanbruch bin ich morgen auf dem Schloß; mein Alter mag sich einmal ohne mich behelfen, Marie wird ihn schon pflegen,” sprach die freundliche Frau; “lieber Gott was thäte ich meinem Junker Julius nicht zu Gefallen, den ich auf meinem Arm getragen! Lassen Sie mich nur machen, gnädiger Herr, ich will schon überall zum Rechten sehen. Die Meubeln lasse ich gleich auspacken und stelle sie in Ordnung.”
“Und den Wiener Flügel für meine Frau, ein ächter Streicher,” fiel der Rittmeister ein.
“Den soll unser Herr Cantor eigenhändig auspacken, und ich lasse ihn in die gelbe Stube an die nämliche Stelle bringen, wo der seligen gnädigen Frau ihr Clavecin stand,” erwiederte Frau Schwarz.
“Ach und noch so vieles Andre! Ueberall


164 
wird es fehlen,” sprach sorglich der Rittmeister, “kaufen Sie, kaufen Sie, leibe Frau, Alles, was Ihnen nur erforderlich dünkt, das Schönste und Beste, was Sie finden können, ich lasse Ihnen freie Hand, sparen Sie das Geld nicht, damit nur Alles recht hübsch und wohnlich wird. Ich muß schon sorgen, das Rest recht schmuck aufzuputzen, damit man es mit dem armen gerupften Vogel, der darin hauset, nicht so genau nimmt,” setzte er mit einem trüben Blick auf seinen lahmen Arm hinzu.
“Ei was!” rief Frau Schwarz, “der Hieb über die Stirn und der lahme Arm schmücken Sie besser, als Stern und Ordensband; das wäre mir die rechte Braut, die Sie deshalb nicht noch lieber haben wollte. Aber wie heißt denn das Bräutchen, lieber Herr Rittmeister, ist es noch das kleine, niedliche Cilchen?”
“Freilich, Cäcilia von Walheim,” erwiederte der Rittmeister. “Sie wissen ja selbst, liebe Frau, wie schwesterlich unsre Mütter sich liebten,


165
und daß, als ich, ein vierzehnjähriger Junker, auf die Militairschule kam und Cäcilia noch mit der Puppe spielte, es unter ihnen schon längst ausgemacht war, daß wir ein Paar werden sollten. Wir sind Beide mit dieser Aussicht aufgewachsen und hatten auch nie etwas dagegen. Vor drei Jahren, ehe ich in den Krieg zog, sahen wir nach langer Zeit uns wieder, sie ein hübsches, aufblühendes Mädchen von fünfzehn Jahren, ich ein rascher Lieutenant von fünf und zwanzig, kein zusammengehauener Krüppel wie jetzt. Du lieber Gott! wie hat seitdem sich Alles verändert! Damals dachte ich wohl nicht, daß ich meine Mutter zum letztenmal sähe, daß die in voller Gesundheit blühende Frau wenige Wochen später ein Raub des Todes werden sollte!”
“Ja wohl! ja wohl!” seufzte Frau Schwarz; “aber erzählen Sie weiter, lieber Herr Rittmeister.”
“Unsre Mütter,” fuhr dieser fort, “bestätigten


166 
damals auf das Feierlichste den früher geschlossenen Bund. In ihrem Beiseyn wechselten wir die Verlobungsringe und meine junge Braut schein mir die schöne Hand gern zu reichen, ihre lieben Augen standen voll Thränen, als ich zur Armee ritt; ich aber trug ihr Bild in meinem Herzen davon.”
“Nun, und jetzt? Sie haben sie doch, seit Sie zurückkamen, wieder besucht?” fragte Frau Schwarz.
“Ja wohl!” war die Antwort; “und wie verändert habe ich sie gefunden! Vor drei Jahren, liebe Freundin, war sie ein liebes, holdseliges Kind, jetzt ist sie schön geworden, ach, nur viel zu schön für mich! Sie hat die drei Jahre in einer Pensionsanstalt in der Residenz zugebracht, und wie hat sie in jeder Hinsicht sich dort entwickelt! Sie wurde ein wenig bleich, als sie zuerst mich erblickte; ich kann es ihr nicht verdenken, daß sie über meinen Anblick erschrak, war ich doch selbst verschüchtert


167
über den ihrigen, freilich leider aus ganz andrer Ursache. Frau von Wahlheim hat indessen, nach ihrer gewohnten lebhaften Art, für uns Beide gesprochen und gehandelt; unsre Hochzeit wurde auf heute über sechs Wochen festgesetzt und ich mußte am nämlichen Tage wieder fort zum Regiment. Wir, ich und meine Braut, waren Beide wie betäubt; aber sie soll es gut bei mir haben, Alles, was in meinen Kräften steht, will ich für sie thun, meine herzliche Liebe wird sie hoffentlich mit meinem Unglück versöhnen; was ihr Herz wünscht, soll sie haben, nur, Mütterchen, sorgen Sie, daß unsre Wohnung recht bald”..
“Hören Sie, wie die Hunde bellen! gewiß kommt mein Alter; schön, daß er hier Sie noch trifft,” rief Frau Schwarz lebhaft, ergriff eins der beiden Lichter und eilte hinaus. Der Rittmeister blieb, halb von den Vorhängen verborgen, in der Vertiefung des Fensters sitzen. Der matte Schein des einzigen Lichtes, das


168 
auf dem Tische stand, vermochte nicht daß lange, dunkel tapezirte-Zimmer zu erhellen, an der Thüre desselben herrschte vollkommne Dämmerung. Draußen ließ ein kurzer Wortwechsel von fremden Stimmen sich hören, auf den der Rittmeister wenig achtete, dann ward die Thüre plötzlich aufgerissen: “Belieben Sie nur gefälligst hier einzutreten, ich will Anstalt treffen, daß Ihr zerbrochener Wagen aus dem Walde in den Hof gebracht wird, und habe gleich die Ehre, wieder bei Ihnen zu sein,” ließ Frau Schwarz sich vernehmen: die Thüre wurde wieder zugemacht und der Rittmeister konnte eben so wenig die beiden dunkeln Gestalten, die durch dieselbe hereingetreten waren, erkennen, als diese im Stande waren, seiner am äußersten Ende des Zimmers gewahr zu werden.
“Welch ein Unfall an der Schelle des Glücks! ich bin außer mir, niederschießen möcht’ ich die Bestie von Postillion!” äußerte


169 
eine ziemlich tiefe männliche Stimme mit unterdrückter Heftigkeit. “Gustav, Gustav, ich ahne Unglück,” erwiederte ängstlich eine andre weibliche. “Wie du zitterst, mein Leben!” sprach die erste Stimme, “Man wird uns einholen, man wird aus deinen Armen mich reißen,” klagte die zweite. “So lange ich lebend bleibe, nicht, dafür stehe ich dir,” war die Antwort; “den Tod oder dich!”
“Den Tod oder dich! Auch ich keine andre Wahl!” wiederholte die Dame, warf sich an die Brust ihres Begleiters und umschlang seinen Nacken mit beiden Armen.
“Aber, liebstes Herz,” erwiederte dieser nach einer langen zärtlichen Umarmung, “wie kommt dir auf einmal dieses Bangen? Bedenke nur, wie entfernt von der großen Straße dieses Haus liegt, und obendrein denkt für jetzt noch Niemand daran, uns zu verfolgen. Die zerbrochene Deichsel unsers Wagens kann in weniger


170 
als einer Stunde wieder in Ordnung seyn, dann haben wir noch ein kleines Stündchen bis zur Gränze. Ich bin zwar seit meiner Kindheit nicht hier gewesen, aber ich weiß gewiß, daß es nicht weiter seyn kann. Auf den Pater Aloys können wir uns verlassen, er harret unsrer, und ehe die Sonne aufgeht, bist du mein Weib, du, du, Inbegriff aller Wonne! und Trotz sey dem geboten, der dann dich mir entreißen will.”
“O Gustav, Gustav, ein Schritt oder tausend vom Ziele gelten gleich,” rief die Dame; “halte mich fest an deinem Herzen, wenn ich an unsre Sicherheit glauben soll.”
Leise hatte der Rittmeister sich indessen von seinem Sitze erhoben. Geisterbleich mit wankendem Schritt, das Licht in der zitternden Hand, trat er plötzlich vor Beide hin. “Cäcilia? um Gotteswillen, Cäcilia, Sie sind es wirklich!” rief er mit vor innerem Entsetzen bebender Stimme.


171
“Verhaßter! Abscheulicher! wir sind verrathen!” schrie Cäcilia hell auf, schlug in krampfhafter Verzweiflung beide Hände vor das Gesicht und sank halb ohnmächtig in den nächsten Sessel. Der Rittmeister sah sie schwanken, er wollte sie unterstützen; “keinen Schritt näher, auf Ihre Gefahr!” rief Gustav und richtete ein schnell hervorgezogenes Terzerol auf dessen Brust.
“Recht so, schießen Sie einen Wehrlosen nieder,” sprach der Rittmeister mit schneller Fassung und verachtendem Blick; Gustav senkte den drohend erhobenen Arm.
“Wer sind Sie, junger Mann? Wie kommt diese Dame, mit sinkender Nacht, in dieser Entfernung von ihrem mütterlichen Hause und in Ihrer Begleitung hieher?” fragte der Rittmeister jetzt mit festem männlichen Anstand, wenn gleich sichtbar bewegt. “Ich habe ein zwiefaches Recht, danach zu fragen, ich bin des Fräuleins Verlobter und Sie stehen hier auf


172 
meinem Grund und Boden,” setzte er, die Stimme etwas lauter erhebend, hinzu, als Gustav trotzig schweigend ihn von oben bis unten betrachtete.
“Sie also sind es? Um so besser!” erwiederte Gustav mit verbissenem Zorn. “Der Plan uns in Ihre Gewalt zu bringen, war fein angelegt und wurde wacker ausgeführt; aber er soll Ihnen wenig fruchten, denn bei Gott, Einer von uns kommt nicht lebendig von der Stelle, ehe ich von diesem heißgeliebten Wesen lasse!”
In diesem Augenblicke trat Frau Schwarz herein und erstarrte fast vor Verwunderung über den Zustand ihrer Gäste.
“Führen Sie die Dame in Ihr Zimmer, liebe Freundin, und helfen Sie ihr, von dem Schrecken über den zerbrochenen Wagen sich zu erholen,” sprach der Rittmeister, zu ihr sich wendend. “Sie sowohl, als dieser Herr sind Bekannte von mir und ich wünsche mit Letzterem


173 
eine halbe Stunde allein zu bleiben. “Nimmermehr, nimmermehr!” kreischte Cäcilia laut, warf sich in Gustav’s Arme und umklammerte ihn fest. “Ich trenne mich nicht von ihm, lebend reißt man mich nicht von seinem Herzen weg!” rief sie in unsäglicher Angst.
“Sie sehen es, Sie hören es,” sprach Gustav mit dem bittern Lachen innerlichen Ergrimmens.
“Ich hasse, ich verabscheue Sie, und die niedre List, mit der Sie uns umstricht haben,” rief Cäcilia, noch immer an Gustav sich fest anhaltend; “ich trotze Ihrer Gewalt. Gustav, Gustav, ich bleibe dein, rette, beschütze dein Eigentum!”
“Das werde ich, bei Gott!” rief Gustav, sie fester an sich drückend. “Mit meinem Leben vertheidige ich Ansprüche, die mir die Liebe giebt, gegen verächtlich erschlichne. Nein, thun Sie, was Sie wollen, mein Herr, es soll, es darf Ihrer List nicht gelingen, ein


174 
Wesen durch Zwang zu fesseln, das in freier Liebe sich mir ergiebt und Sie in tiefster Seele verachtet.”
“Um Gotteswillen, was bedeutet das Alles?” fragte Frau Schwarz.
“Unheil, gute Frau,” erwiederte der Rittmeister mit dumpfem Ton; dann wandte er, mühsam sich zusammennehmend, sich an die beiden Andern.
“Ich rüge für jetzt Ihr Benehmen gegen mich nicht, junger Mann, weil ich weiß, daß Sie sehr bald vor sich selbst darüber erröthen werden!” sprach er ernst und gefaßt. “Und auch Sie, Cäcilia, werden es, das bin ich fest überzeugt. Für jetzt bitte ich Sie Beide nur, sich zu beruhigen und einigermaßen zur Besinnung zu kommen, damit die Verwirrung sich endlich löse, in die wir alle Drei gerathen sind. Mit dem Recht, das meine und meiner Familie vieljährige Verbindung mit der des Fräuleins mir giebt, bitte ich Sie


175 
jetzt, mein Herr, mir auf eine mir und Ihnen ziemende Weise zu sagen, wer Sie sind und wie Sie mit dieser Dame zu so später Stunde in dieses Haus kommen?”
“Ich heiße Gustav von Falkenhorst, Besitzer des Falkenhorst`schen Gutes, hart an der jenseitigen Gränze,” erwiederte Gustav trotzig. “Wie wir hieher gekommen sind, wird Ihnen besser bekannt seyn, als uns; aber wir schenken Ihnen das Bekenntniß,” setzte er höhnend hinzu.
Der Rittmeister vermochte kaum den in ihm aufsteigenden Zorn zu bemeistern, aber er hielt sich dennoch gewaltsam. “Ich kenne die Familie Falkenhorst, deren Gut, nur durch die Gränze geschieden, dasmeinige fast berührt,” erwiederte er. “Ich weiß auch, daß kürzlich der Erbe desselben, durch die Gnade seines Landesherrn, vor der üblichen Zeit mündig gesprochen worden ist. Aber bei dem, was mir das Heiligste ist, bei meiner Ehre betheure ich, daß ich nicht begreife, was in dieses abgelegene


176 
Haus Sie geführt hat; obgleich mir klar wird, was Sie Beide bewog, als Flüchtlinge das Land zu durchstreifen. Cäcilia, habe ich das um Sie verdient?” sprach er plötzlich sehr weich werdend: “war wenigstens der Jugendfreund eines bessern Vertrauens von Ihnen nicht werth?”
“Wohl mir, wohl mir, daß ich es Ihnen nicht schenkte!” erwiederte Cäcilia und warf, stolz sich erhebend, einen niederschmetternden Blick auf Dornbach. “Meine jugendliche Unerfahrenheit wurde auf das Unverantwortlichste benutzt; ein halbes Kind noch, wurde ich überredet, mit Ihnen den Verlobungsring zu wechseln, ich war verloren; aber mein guter Engel hat mich gerettet, er hat mich von dem Manne befreit, den ich gestern nur noch haßte, den ich heute verabscheuen muß. In der Residenz führte er mich diesem entgegen, den Einzigen! Wir fanden uns, um uns nie wieder zu lassen, wir sind vereint auf


177 
Tod und Leben und Nichts kann uns trennen,” rief sie, Gustaven an das Herz drückend. “Drei selige Jahre, die wir während ich dort in der Pension war, mit einander in der Residenz verlebten, haben unsern Bund unzerreißbar geknüpft, jeder Tag derselben erneuerte das Gelübde, das uns auf ewig vereint. Jenen unseligen Ring, der zur Kette werden sollte, die mich auf ewig an Sie und mein Elend zu fesseln bestimmt war, habe ich in Gustav`s Gegenwart feierlich den Wellen übergeben, Ihr Andenken aber übergab ich dem Winde!” Während Cäcilia so sprach, war sie immer heftiger geworden: “Ich hoffte, Sie nie wieder zu sehn, ich vergaß Sie ganz und vergaß Sie gern,” rief sie endlich mit großer Erbitterung.
“O Cäcilia, wie schonungslos sind Sie!” seufzte tief ergriffen der Rittmeister; “warum denn, als ich vor vier Wochen bei Ihrer Frau Mutter Sie wiedersah....”


178
“Ganz recht, ja, da war es:” unterbrach Cäcilia mit aufbrausender heftigkeit ihn: “da sah ich Sie wieder, da standen Sie vor mir und neben Ihnen gähnte der Abgrund von Elend mich an, in den Sie mich hinabziehen wollten! Und über Ihnen, in himmlischer Glorie schweben sah ich das geliebte Bild dieses Mannes. Mit dem Eindruck, den Ihr Anblick auf mich machte, will ich Sie verschonen, er wäre wenig anders gewesen, wenn Sie auch in anziehenderer Gestalt mir erschienen wären; denn Gustav allein erfüllt meine Seele, ich wanke und weiche nicht von ihm, ich bin sein in Noth und Tod, in Freud und Leid!” rief Sie wie begeistert und warf sich von Neuem in die Arme desselben. Er kniete vor ihr hin und küßte ihre Hände, den Saum ihres Kleides, Beide ergossen sich in Betheurungen, wie nur die höchste Liebesglut sie einzugeben vermag. Der Rittmeister wandte mit trübem Blick von dem glücklichen Paare sich ab,


179 
“Aber, mein Fräulein, warum sprachen Sie nicht? Warum nicht wenigstens mit Ihrer Mutter?” fragte er endlich sehr bewegt.
“That ich es denn nicht?” erwiederte Cäcilia: “Sie waren kaum fort, als ich ihr zu Füssen mich warf; Alles bekannte ich ihr, unter Strömen heißer Thränen habe ich gefleht, habe ich sie beschworen, mich, ihr einziges Kind, nicht hinzuopfern. Doch sie blieb kalt wie Marmor, steinern, erbarmungslos. Unsere ewige, heilige Liebe wurde von ihr ein Jugendtraum zweier unerfarhner Kinder genannt, der bald verfliegen müsse; ihr kaltes Zureden stürtzte mich in Verzweiflung. Wollen Sie etwa noch von mir hören, was weiter geschah, obgleich Sie es eben so gut und Manches noch besser wissen, als ich? Nun, so vernehmen Sie den, daß meine Mutter ehegestern nach der Residenz gereitet ist, wo sie sich wenigstens acht Tage lang aufhalten muß, um eine gewisse Aussteuer einzukaufen,


180 
die in dem Sinne, wie sie es meint, nie gebraucht werden wird. Wir, ich und mein Geliebter, dachten diese Zeit zur Flucht zu benutzen, die allein uns noch Rettung bot. Die Leute in unserem Hause sollten glauben, ich reise zu einer Verwandtin in der Nähe, so meinten wir es recht klug eingerichtet zu haben; doch Sie belauschten unsre Schritte, Sie waren schlauer als wir, den Ruhm muß ich ihnen lassen, obgleich es ihnen wenig helfen soll. Ohne anzuhalten und ohne angehalten zu werden, sind wir heute vom frühen Morgen an gefahren bis zur letzten Station, wo der von Ihnen unterrichtete Postillon uns beredete, von der offnen, gebahnten Strasse abwärts einen Waldweg einzuschlagen, der uns schneller an den Ort unserer Bestimmung bringen sollte. Diesen Abend noch gedachten wir unsern künftigen Wohnsitz zu erreichen, der Priester harrt dort unser, der den Segen der Kirche über den ewigen Bund unsrer


181 
Herzen aussprechen sollte; es ist grausam! es ist entsetzlich! Ihr würdiger Abgesandter, Herr Rittmeister, hat unter dem Vorwande, sich verirrt zu haben, uns bis zum Anbruch der Nacht im Walde herumgeschleppt, dann in der Nähe dieses Hauses die Deichsel am Wagen zerbrochen, dann uns hieher gewiesen um Hülfe – es war vortrefflich ausgesonnen und wurde meisterhaft ausgeführt Schade, daß so viel Scharfsinn so ganz vergebens aufgewendet werden mußte! Wir sind hier in Ihrer Gewalt, aber Nichts hält mich ab, meinen Hass, meine Verachtung Ihnen...”
“Um Gotteswillen, sind das Reden für ein junges Fräulein? für eine christlich verlobte Braut?” unterbrach Frau Schwarz sie, die bis dahin aufmerksam zugehört hatte. “Schämen sollten Sie sich, Fräulein Tilchen, den gnädigen Herrn so zu behandeln, der an Allem, was Sie ihm vorwerfen, so unschuldig ist, wie ein neugebornes Kind; das muß ich


182
besser wissen, Sie hätten ihn nur vor einer Stunde von Ihnen reden hören sollen. Ja, sehen Sie mich nur groß an, ich bin die ehemalige Jungfer Regine‚ der seligen Frau von Dornbach, ich habe Sie hundertmal auf diesen Armen getragen, wenn Sie auf unserem Schloss zum Besuch waren, ich darf schon ein Wörtchen darein sprechen.”
“Gute Frau,” sprach Gustav etwas hochfahrend: “Sie mögen gewesen seyn, was Sie wollen, so steht es Ihnen doch keineswegs zu, sich einen solchen Ton gegen diese Dame zu erlauben. Ihre Gegenwart ist hier völlig überflussig und....”
“In meinem Hause, sollte ich denken, wäre meine Gegenwart nirgend überflüssig, das könnte ein junger Herr, wie Sie, doch schon wissen,” erwiederte die sehr gereizte Frau.
Der Rittmeister schlug sich ins Mittel, es gelang ihm, die aufgebrachten Gemüther einigermassen zu beschwichtigen. Gustav und Cäcilia


183 
fingen endlich an zu begreifen, daß Dornbach sie nicht mit unwürdiger List in seine Gewalt gebracht habe, noch haben könne, und Frau Schwarz entfernte sich, um für die Bewirthung ihrer unwillkommnen Gäste zu sorgen. Ein Gespräch entspann sich jetzt zwischen den Zurückbleibenden, in welchem Cäcilia zwar fortfuhr, ihre unüberwindliche Liebe zu Gustav und ihre Abneigung gegen ihren Verlobten auszusprechen, und Gustav erklärte, daß er bis zum letzten Tropfen seines Blutes den Besitz der Geliebten vertheidigen werde; doch Beide suchten dabei wenigstens jede absichtliche Beleidigung des ohnehin von ihnen schwer Gekränkten zu vermeiden.
“So geschehe denn, was geschehen muß!” seufzte der Rittmeister halb leise vor sich hin, indem er ernst und gefaßt auf Cäcilien zuging. “Fräulein,” sprach er, “ich kann es nicht verhehlen, diese Stunde zerstört die schönste Hoffnung meines Lebens, die von meiner frühen


184 
Kindheit mit mir heranwuchs, sich mit meinem innersten Herzen so fest verzweigte, daß ich nicht ohne großen Schmerz sie herauszureißen vermag. Ich bin ein schlichter, einfacher Mensch, nur zu den Pflichten meines Standes erzogen, auf schöne, wohltönende Worte verstehe ich mich nicht. Cäcilia, ich habe Sie redlich und treu und innig geliebt. Erst liebte ich Ihr Bild, wie meine Phantasie, während ich Sie nicht sah, aus Ihren kindlichen Zügen es nach und nach sich zusamensetzte; es hat von jugendlichen Abwegen mich zurückgehalten, ich dachte mir Sie und schämte mich, Unwürdiges zu begeben. Und als ich vor drei Jahren, ehe ich in den Krieg zog, Sie wirklich wiedersah, wie arm war meine Phantasie gewesen! Fräulein, Sie haben meine Jugend rein erhalten, das kann ich Ihnen nicht genug verdanken, so arm ich jetzt auch durch Sie geworden bin. Sie haben in der Schlacht den Muth des Mannes gehoben,


185 
denn immer dacht ich an Sie, ich freute mich der ehrenvollen Wunden, mir war, als hätte ich sie für Sie mir erkämpft – ich bedachte nicht, was ich hätte bedenken sollen, daß ein Krüppel keine Ansprüche mehr – nun, es war ein menschlicher Irrthum, für den ich schwer büße. Hier, mein Fräulein, ist Ihr Ring zurück, den meinen versenkten Sie in tiefen Wassersgrund, er ruhe dort und mit ihm das Andenken aller der trüben Stunden, die ich wider meinen Willen Ihnen gemacht habe. Ich bitte, Fräulein, nehmen Sie den Ring und mit ihm Ihre Freiheit zurück, feierlich gebe ich alle Ansprüche an Ihre Hand mit auf.”
Cäcilia weinte, ob vor Rührung oder Freude wußte sie selbst kaum. Indem sie den Ring empfing, konnte sie, von innrer, gewaltsamer Bewegung hingerissen, sich nicht enthalten, die Hand, die ihn ihr reichte, mit ihren brennend heißen Lippen zu berühren.


186
“O Fräulein! was thun Sie, schonen Sie mein!” sprach Dornbach leise; beinahe außer alle Fassung gerathen, wandte er von ihr sich ab und eine große Thräne umschleierte seinen männlichen Bild.
“Edler, großer Mann, wie war es uns möglich, Sie so zu verkennen!” rief Gustav und wollte in des Rittmeisters Arme sich werfen; doch dieser wehrte mit der nicht gelähmten Linken ihn ab.
“Nicht so, Herr von Falkenhorst,” sprach er sehr ernst, beinahe stolz. “Ich thue, was Herz und Vernunft mir gebieten, doch Sie sind mir keinen Dank dafür schuldig, denn ich thue Nichts um Ihretwillen. Feindlich will ich Ihnen nicht gegenüber stehen, aber freundlich kann ich es auch nicht. Sie haben bei Ihrem Eintritt in dieses Haus sich ein Betragen gegen mich erlaubt, das ich um Fräulein Cäciliens willen zu vergessen suchen und nicht weiter ahnden will, obgleich meine linke


187 
Hand schon eben so gut darauf eingeübt ist, das Pistol zu führen, als ehedem meine Rechte es war. Ich habe mir es nun einmal vorgenommen, jeden Zweikampf zu vermeiden, es wird wohl Niemand auf den Einfall kommen, mich deshalb für feige halten zu wollen!” setzte er mit gebietendem Ernst hinzu.
In Gustav’s Zügen flammte die Gluth des Zornes auf, aber er that sich Gewalt an, des Rittmeisters Worte mit einer kalten aber nicht unhöflichen Verbeugung zu erwiedern. “Komm Cäcillia,” sprach er nach einer kleinen Pause, “das Hämmern draußen an unserm Wagen hat aufgehört. Wir können unsern Weg fortsetzen. Sprich nochmals gegen den Herrn Rittmeister deinen Dank aus, so warm dein Herz ihn dir nur eingiebt, denn der meinige wird verschmäht; und nun komm, Geliebte....”
“Herr von Falkenhorst, so war es nicht gemeint!” rief Dornbach; “meinen Ansprüchen


188 
an Cäciliens Hand habe ich zwar entsagt, aber mich dadurch keineswegs verpflichtet, Ihr Mitschuldiger bei einem Schritte zu werden, der göttliche und menschliche Gesetze verletzt. Ich will und werde ihn nicht zugeben, so lange es in meiner Macht steht, ihn zu verhindern. Herr von Falkenhorst was soll diese drohende Stellung? stecken Sie Ihr Pistol nur gelassen wieder ein, Kinder mögen Sie damit erschrecken, aber mich nicht. Werden Sie an mir zum Meuchelmörder, so fällt Ihr Kopf auf dem Schaffot, oder man steckt sie auf einige dreißig Jahre in die Festung und die Braut ist Ihnen in beiden Fällen verloren.[”]
“Elender Heuchler!” rief Cäcilia ganz ausser sich, “so wollten Sie uns täuschen? das war also Ihr Edelmuth?”
“Fräulein, Fräulein, nichts von Heuchelei, nichts von Täuschung!” rief der Rittmeister, von edlem Zorn ergriffen. “Besinnen Sie sich, denken Sie nur zwei Minuten ernstlich


189 
über Ihr Vorhaben nach. Sie wollen Ihre Flucht fortsetzen? sich heimlich trauen lassen und mit Hintansetzung jeder Kindespflicht Ihre Mutter schmerzlich betrüben, die das wahrlich nicht um Sie verdient hat. Wozu das Alles? der einzige Grund, der ein solches Verfahren allenfalls entschuldigen könnte, ist ja gehoben, der widerwärtige Bräutigam zurückgetreten, Ihre Hand, Ihre Neigung sind von allem Zwange frei. Warum wollten Sie ein an sich widerrechtliches Benehmen fortzusetzen suchen, dem ich, als vieljähriger Freund Ihres Hauses und ehrliebender Mann, nicht gelassen zusehen darf?”
Cäcilia verstummte mit glühendem, abgewandtem Gesicht, Gustav stand, in halb drohender, halb verlegner Stellung, unschlüssig neben ihr.
“Schenken Sie mir wenigstens das Vertrauen, das ich um Sie zu verdienen mir bewußt bin,” fuhr der Rittmeister fort. “Beweisen


190 
Sie mir dadurch die Dankbarkeit, die Sie mir schuldig zu sehn glaubten; nehmen Sie den treuen Rath eines wohlwollenden Freundes an, der sich mit Gott entschlossen hat, Ihnen nicht mehr sehn zu wollen,” sprach er mit ihn fast überwältigender Weichheit. “Cäcilia, lassen Sie von der guten Frau Schwarz in dem Wagen, der Sie hergebracht hat, sich zurück in Ihre Heimath begleiten. Wenn Sie einen Theil der Nacht zu Hülfe nehmen, so sind Sie morgen wieder dort, mehrere Tage vor der Rückkehr Ihrer Mutter. Sie kommen an, als kehrten Sie von dem Besuche zurück, den Sie bei Ihrer Abreise vorgespiegelt haben, und keine Seele erfährt etwas von Ihrer heimlichen Flucht, denn für die Verschwiegenheit der guten Frau, die Sie begleiten soll, stehe ich Ihnen mit Ehre und Leben. Mir gibt indessen Herr von Falkenhorst sein Ehrenwort, sich sogleich auf sein Gut zu begeben und es nicht zu verlassen,


191
bis Frau von Wallheim wieder heimgekehrt ist. Ich gebe Ihnen und ihm dagegen das meine, dieselbe sogleich in der Residenz aufzufsuchen, um ihr zu bekennen, daß ich allen Ansprüchen an Fräulein Cäcilien entsage. Ich werde es auf eine Art vollbringen, die Sie, mein Fräulein, aller Unannehmlichkeiten von Seiten Ihrer Frau Mutter überheben soll. An Gründen, meinen Rücktritt zu motiviren, kann es mir ja nicht fehlen: der zusammengebauene Krüppel – ach Gott! – freilich habe ich vor kaum zwei Stunden es mir ganz anders gedacht, aber es kam nicht, wie ich es meinte, und muß denn auch wohl so gut sein! – Erlauben Sie mir, mir fällt ein, ich muß doch der Frau Schwarz sagen, daß sie sich reisefertig hält,” setzte er schnell mit wankender Stimme hinzu und eilte zum Zimmer hinaus. Gustav und Cäcilia sanken verstummend einander in die Arme.
Nach einer Weile kehrte Dornbach wieder


192
zu ihnen zurück. Er sah aus wie ein Krieger nach gewonnener Schlacht, in dessen Gemüth Freude über den gelungenen Sieg und menschliches Bedauern der Gefallenen mit einander kämpfen. “Haben Sie sich berathen?” fragte er: “Herr von Falkenhorst, darf ich zum Empfange Ihres Ehrenwerts, daß Sie meinen Vorschlag annehmen, die Hand Ihnen bieten?”
Gustav gelobte, was von ihm verlangt wurde, und Dornbach widerholte dagegen sein schon geleistetes Versprechen. “Fräulein,” sprach er bewegt, “für Ihr Glück zu leben, ist mir nun nicht mehr vergönnt, so will ich wenigstens versuchen, Ihnen, so viel ich es vermag, jede bittre Stunde zu ersparen: ich will auf die für Sie schonendste Weise Ihre Mutter mit meinem Entschlusse, der Verbindung mit Ihnen zu entsagen, bekannt machen; mag ihr Zorn auf mich fallen, Sie soll er nicht treffen, wenn sie zu Ihnen zurückkehrt.


193
Mein Reisewagen steht bereit, ich hielt mich auf meiner Durchreise nach der Residenz nur hier auf, um mit meinem Gerichtsverwalter . . . . . Doch was ich mit diesem verabreden wollte, ist nun nicht mehr nötig und ich muß es vergessen,” setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu.
Er wollte noch ein Paar Worte des Abschieds sagen, fand aber weder Stimme noch Athem dazu und entfernte sich schleunigst. Auch die Liebenden, so sehr sie absichtlich es zu verzögern suchten, mußten endlich doch scheiden, freilich unter unendlichen Schwüren ewiger Liebe und Treue. Gustav fand ein für ihn bereit stehendes Fuhrwerk, und Cäcilia nahm schweren Herzens an der Seite der etwas schmollenden Freundin ihres ehemaligen Verlobten den Platz im Wagen ein, der sie zur Heimath zurürckführen sollte.


194 
Auf dem Wege nach der Residenz gab Dornbach sich alle mögliche Mühe, über seinen Schmerz Herr zu werden. Indesssen war doch sein ganzer Plan für die Zukunft durch Cäciliens Untreue ihm auf eine Weise verrückt worden, die es ihm schwer machte, sogleich abzusehen; wie diese von nun an sich gestalten könne. Freundlich wie ein Engel, war seine junge Braut ihm vor drei Jahren entgegengekommen, sie hatte lieblich erröthend den Verlobungsring aus seiner Hand genommen, hatte in seinen Armen geweint, als er von ihr Abschied nahm, um in den Krieg zu ziehen, ihre blühenden Lippen hatten seinen Kuß erwiedert, sie hatte ihren lieben Julius ihn genannt und ihn flüstend ermahnt, ihr doch ja treu zu bleiben. Und das Alles war nun vorüber, verweht wie ein leichter Morgentraum alle seine Hoffnungen, die in Noth und Gefahr ihn getröstet und ermuthigt hatten. Der Schlag, der sie zerstörte, traf ihn um so


195 
härter, da bei seiner Rückkehr von der Armee Cäciliens Betragen ihn durchaus nicht darauf vorbereitet hatte. Er fand sie verlegen und schüchtern, wohl auch ein wenig kälter, als er es gewünscht hätte, doch dieses schien, im ersten Schrecken über seine so traurig veränderte Gestalt, ihm von einem so jungen Mädchen ganz natürlich, und es kam ihm nicht in den Sinn, die Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, deswegen aufgeben zu wollen. Treu und ohne Wanken hatte er auch in der Ferne allen Lockungen redlich widerstanden, die von seiner jungen Verlobten ihn abwendig machen wollten. Er hatte durch Ehre und Pflicht sich ihr verbunden gefühlt. Er war entschlossen gewesen, selbst der reizlosen Braut ehrlich Wort zu halten, im Fall die noch halb in der Knospe ruhende Blume ihrer Schönheit sich bei seiner Rückkehr nicht so entfaltet haben sollte, als sie es zu thun versprach, und es sie nie empfinden zu lassen, dass sie nicht allen


196 
seinen Wünschen entspräche. Und nun ward er verschmäht, mit kränkenden Beleidigungen überhäuft; die ehrenvollen Wunden, die er, an sie denkend, sich erkämpft, wurden ihm beinah zum Verderben angerechnet.
Dieser letzte Gedanke half ihm einen Schmerz besiegen, den er, bei besserer Besinnung, als seiner unwürdig anzusehen anfing. Sein gesunder Verstand erhob sich gegen eine Liebe, die eigentlich diesen Namen kaum verdiente; denn was kannte er von der jetzt zur Jungfrau herangereiften Cäcilia weiter als die Gestalt? die äußere Zier eines Wesens, das wahrscheinlich im Innern nicht zu seinem schlichten, milden Sinne paßte und ihm vielleicht in der Zukunft das Leben verbittert haben würde, statt es ihm zu verschönern.
Sei kein pinselnder Thor, Dornbach, sprach er zu sich selbst, und verdanke es dem Mädchen, daß es ehrlich genug war, dich nicht betrügen zu wollen. Und wenn es nun einmal


197 
nicht anders sein kann, so mache dich darauf gefaßt, einsam zu leben und zu sterben.
Dornbach fand Frau Walheim, von Schneidern, Putzmacherinnen, und Handwerkern aller Art umringt, in einem Zimmer, das man für ein bedeutendes Modewaaren-Magazin hätte halten können, so angefüllt war es mit Spitzen, Blonden, Seidenstoffen und all den hunderttausend überflüssigen Nothwendigkeiten, die in unsern Tagen bei der Vermählung einer vornehmen oder reichen Braut für fast eben so unentbehrlich gelten, als der Braütigam selbst. So wie sie den Rittmeister erblickte, drang sie mit einer Menge einander durchkreuzender Fragen und Rathserholungen, besonders über die Wahl des Brautkleides, auf ihn ein, und der Anblick aller dieser Veranstalten zu einem Tage, dessen Feier noch vor kurzem das Ziel seiner heißesten Wünsche gewesen war, trug eben nicht dazu bei, ihm das Geständniß, welches abzulegen er gekommen, zu erleichtern.


198 
Der kaum niedergekämpfte Schmerz in seiner Brust fing wieder an sich zu regen, doch Frau von Wallheims leicht und fröhlich dahin fließender Redestrom gewährte ihm wenigstens Zeit, sich wieder die Fassung zu erringen, deren er bedurfte, und es gelang ihm wirklich, auf ziemlich verständliche Weise der Mutter seiner Braut das Geständniß abzulegen, daß er sich gezwungen fühle, Cäcilien zu entsagen, weil er bei seiner verstümmelten Gestalt und der vielleicht unheilbaren Zerrüttung seiner Gesundheit unmöglich hoffen dürfe, ihr ein Glück bieten zu können, wie ein so liebenswerthes, in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Wesen es verdiene.
Das Erstaunen, in welches Frau von Walheim durch diese ganz unerwartete Erklärung gerieth, läßt sich nicht beschreiben, es hemmte ihr Sprache und Athem. Unvermögend nur ein Wort aufbringen zu können, hörte sie den Rittmeister an, ohne ihn zu


199 
unterbrechen. Zuerst glaubte sie, er wolle einen übelangebrachten Scherz mit ihr treiben, dann kam sie auf den Gedanken, er sey seiner Sinne nicht mehr mächtig. Als es ihr endlich klar wurde, daß keins von beiden der Fall sey, gerieth sie in heftigen Zorn, sprach von wortbrüchiger Treulosigkeit, von Beschimpfung ihrer Tochter und ihrer Familie, mit einem Eifer, der den armen Rittmeister so betäubte, daß er es endlich wagte, sich zu jeder Entschädigung, die sie nur für seinen Rücktritt fordern könne, zu erbieten; ein Antrag, der die stolze, ehrliebende Frau auf das Aeußerste trieb. Ihr Zorn kannte jetzt keine Grenzen mehr. Sie verbot ihm, ihr oder ihrer Tochter jemals wieder vor Augen zu kommen; Dornbach bemühte sich vergebens, sie zu besänftigen und entfernte sich endlich tief betrübt. Das Bewußtsein, eine schwere Pflicht treu erfüllt zu haben, vermochte nicht über den Verlust der Achtung und Freundschaft


200 
einer Frau ihn zu trösten, die er von Jugend auf, gleich einer zweiten Mutter, geehrt und geliebt hatte.
Drei Monate später stand ein überseliges, bräutlich geschmücktes Paar vor dem Hochaltar der Kirche des nahe an Falkenhorst´s Gut gelegnen Klosters. Pater Aloys sprach vor einer glänzenden Versammlung den Segen der Kirche über dasselbe aus, durch den er schon früher, in der verborgnen Dunkelheit einer abgelegnen Waldcapelle, die Liebenden heimlich hatte verbinden sollen. Glockengeläute hatte der ganzen Umgegend das frohe Fest verkündet und die ländlichen Bewohner derselben drängten sich in die von Weihrauchwolken erfüllten Räume des festlich geschmückten Tempels, um das schönste und glücklichste Paar zu bewundern, das sie jemahls gesehen. Alt und jung, groß und klein kam herbei, um nach vollendeter Trauung die Neuverbundnen mit Glückwünschen zu überhaüfen, die sie in


201 
ihrem gränzenlosen Entzücken kaum beachteten; nur eine tief im Mantel verhüllte Gestalt, die bis dahin ganz unbemerkt sich in eine dunkle Ecke gedrückt hatte, schlich eilends der Kirchenthüre zu; Rädergerassel und die schmetternden Töne des Posthorns verkündeten gleich darauf, daß ein Reisender davon eile; Cäcilia und Gustav ahneten wohl, wer dieser sey, und dankbare Wünsche für sein Wohl gegleiteten ihn.
So waren Cäcilia und Gustav nun wirklich für das ganze Leben mit einander vereint! Zwar hatte es ihnen noch manchen herben Kampf gekostet, ehe es ihnen gelungen, diesen höchsten Gipfel aller ihrer Begriffe von irdischer Seligkeit zu erringen; Frau von Walheim war ihrem heißen Flehen lange unerbittlich geblieben, bis das Gerede und die Verwunderung der Leute über die so schleunige Auflösung der seit Jahren fast beschlossenen Verbindung mit dem reichen Dornbach


202 
sie endlich bewogen, fast nur aus Ueberdruß, ihre Einwilligung zu einer Parthie zu geben, die bei weitem das nicht war, was sie bis jetzt für ihre Tochter gewünscht und erwartet hatte. Falkenhorst’s Vermögen, obgleich hinlänglich zur standesmäßigen Erhaltung einer auf dem Lande lebenden Familie, die sich zu beschränken weiß, erlaubte ihm keinesweges, in der großen Welt eine glänzende Rolle zu spielen, und die Frau von Walheim bereute es beinahe, ihrer Tochter eine glänzende Erziehung gegeben und mit Talenten sie ausgestattet zu haben, für deren Entfaltung die ländliche Einsamkeit ihr keinen passenden Spielraum bot, in der zu leben sie sich selbst verurtheilt hatte.
Auch in andrer Hinsicht war die liebende Mutter um die Zukunft ihrer Tochter besorgt. Das Gut, das sie bewohnte und von dessen ziemlich bedeutendem Ertrage sie sehr anständig leben konnte, mußte nach ihrem Tode entfernten


203 
Agnaten ihres verstorbenen Mannes zufallen, und Cäcilien, wie vielen Töchtern altadeliger Familien, blieb dann kaum so viel übrig, als eine Dame in der großen Welt bedarf, um ihr Nadelgeld damit zu bestreiten.
Doch Betrachtungen dieser Art konnten wohl auf das durch mancherlei Lebenserfahrungen abgefühlte Herz einer Mutter Eindruck machen und es mit vorahnender Sorge erfüllen, aber Gustav und Cäcilia kummerten sich wenig darum. Sie hatten sich, was bedurften sie weiter? die kleinste Hütte bot ihnen ja Raum genug, um sie und ihre überschwengliche Seligkeit zu umfassen.
_________________________
Gustav von Falkenhorst an seinen Freund Lothar
Sechs Monate nach dem Hochzeitstage geschrieben.
Victoria, ich bin frei! Cäcilia ist fort und ich stehe gleichsam an der Schwelle der alten Europa, um ihr auf ewig Lebewohl zu


204 
sagen und auch von dir Abschied zu nehmen, mein einziger Herzensfreund. Eine neue Welt, andre Sterne will ich aussuchen, ich mag die nicht mehr sehen, die einst in Cäciliens Armen mir Wonnentrunknen leuchteten. Nichts will ich mehr mit ihr gemein haben, nicht einmal das Licht der Sonne; wenn diese ihr strahlt, soll tiefe Nacht mich umgeben. Ich will, ich muß jede Erinnerung an einen beglückenden Wahn von mir abstreifen, jeder Möglichkeit eines Wiederbegegnens vorbeugen; im Vertrauen gesagt, wenn ein solches sich jemals ereignen sollte, ich könnte darüber toll werden, denn diesen Widerstreit von Liebe und Haß – nein, laß mich nicht daran denken!
Lothar, Du warst einst Zeuge meines Glücks, meiner unnennbaren Seligkeit! War Cäcilia nicht schön? war sie nicht Alles, was die ausschweifendste Phantasie eines Dichters ersinnen kann? Wer hätte diesen Engelszügen es jemals ansehen können, welche Geister der


205 
Zwietracht hinter ihnen hauseten? Du hast aber auch zugesehen, wie der Himmel meines häuslichen Glücks sich nach und nach immer tiefer umwölkte, wie schwere Gewitter an ihm heraufzogen, die mit Donner und Blitz über mich und alle meine Umgebungen sich entluden. Du hast oft zur Geduld mich ermahnt, doch feige, schwachherzige Geduld ist keine männliche Tugend. Dem Weibe steht es zu, in ihrem beschränkten Kreise durch Milde zu herrschen, und – nun, ich habe einmal nicht gelernt, Anderer Launen mich zu schmiegen und Heftigkeit mit mattherziger Nachgiebigkeit zu ertragen.
O Lothar, was habe ich gelitten, als nun allmählig der Engel in meinen Armen zur Rachegöttin sich umwandelte. Langsam ging es bei der Verwandlung zu, das muß ich eingestehen; die kleinen Launen, die Ausbrüche eines ungezähmten, heftigen Gemüths, zu denen Cäcilia in den ersten vier Wochen


206 
unsrer Ehe sich zuweilen hinreißen ließ, standen ihr allerliebst, und wenn sie zuweilen auch mich verletzten und ich, von meinem eignen heiß wallenden Blut getrieben, dem Ungestüm entgegensezte, wie süß waren dann die Stunden der Versöhnung, die dem leicht und schnell vorübergehenden Strume folgten! Aber die nur zu oft zur Ruhe besprochnen Stürme kehrten wieder, die unbedeutendste Veranlassung bannte sie herauf. O, von welchen Miseren hängt das vielgepriesene Glück der Ehen ab! Ein unbedeutendes Versehen der Bedienten, eine zerbrochene Mundtasse, eine ungeschickte Liebkosung Meines Nero, der an sie heranspringend, auf ihrem blüthenweißen Negligee Spuren seiner Pfoten zurückließ, waren genug, um Cäciliens Zorn zu erregen und sie zu Ausbrüchen desselben zu verleiten, denen ich unmöglich gelassen zusehen konnte. Scenen dieser Art folgten zu schnell auf einander, als daß die endlich


207 
ermüdende Versöhnung ihnen eben so raschen Laufs hätte nachkommen können; sie fing an auszubleiben, erst Stunden, dann Tage lang, die wir schmollend mit einander verlebten, bis endlich einmal – laß mich davon schweigen, ich schäme mich sogar, Dir es zu gestehen, wie arg es zuletzt mit uns ward; aber glaube mir nur, Dein Freund hat während der letzten drei Monate eine recht anschauliche Idee vom Fegefeuer bekommen und hoffenlich schon hier auf Erden einen Theil seiner Sünden damit abgebüßt.
Spreche mir nur Niemand wieder von gleicher Stimmung der Gemüther, als von einem zum Glück der Ehen nothwendigen Bedürfniß! Eine größere Aehnlichkeit, als in dieser Hinsicht zwischen mir und Cäcilien existirt, ist kaum denkbar, und was waren die Folgen davon? Auch ich, Du weißt es, bin heftiger Natur und lasse mich wohl zuweilen zu übereiltem Zorne hinreißen; ich shäme


208
mich nicht, es zu gestehen; denn dieser Fehler liegt in der Natur des Mannes so enge mit den edelsten Eigenschaften desselben verzweigt, daß er ihm kaum mehr als ein solcher angerechnet werden darf. Mit träge dahin fließendem, lauwarmem Blut wird es Keinem gelingen, sich in der Welt über den gemeinen Troß zu erheben. Der Frauen Pflicht ist, das zu wild auflodernde Feuer durch Nachsicht und Mäßigung zu dämpfen; doch daran dachte Cäcilia nie.
Ich Thor! ich hätte das Schicksal, das in ihren Armen mich erwartete, voraussehen können, wäre ich nicht so ganz von Liebe verblendet gewesen. Die leidenschaftliche Gluth, mit der sie damals sich mir in die Arme warf, um mit mir aus ihrem mütterlichen Hause zu entfliehen, hätte mich warnen sollen. Ich hätte schon damals einsehen können, daß die Heftigkeit ihres unbezwinglichen Temperaments, welches weder Zwang noch Widerspruch zu


209 
dulden vermag, eben so viel Antheil an diesem Schritte hatte, als die Heftigkeit ihrer Liebe zu mir. Cäcilia wollte ihren Willen haben, darum entfloh sie mit mir; ich bin überzeugt, sie wäre, um ihn durchzusetzen, bis an’s Ende der Welt mit mir gegangen, wenn dieses möglich gewesen wäre.
Guter, redlicher Dornbach, dein Edelmuth wird dir reichlich belohnt; vielleicht war es aber auch nur deine Klugheit, die dich bewog, bei Zeiten den Fuß aus der Schlinge zu ziehen. Die verächtliche, mir damals so heldenmüthig und grandios erscheinende Art, mit welcher Cäcilia es sich erlaubte, den braven Mann mit den bittersten Schmähreden zu überhäufen, hat ihm vielleicht zur Wahrnung gedient, wie sie auch mir es hätte sollen, wäre ich damals recht bei Sinnen gewesen.
Dennoch wäre vielleicht der mit einem weit milderen Geiste, als der meine, begabte Dornbach glücklicher mit Cäcilien geworden,


210 
als ich es werden konnte; wer kann das wissen? Unerachtet der aus zu großer Aehnlichkeit unserer beiden Charaktere entspringenden Unverträglichkeit, die es uns unmöglich machte, länger mit einander leben zu können, besitzt sie dennoch unendlich viel gute und liebenswürdige Eigenschaften, die nur durch diesen einzigen Fehler verdunkelt werden, den ihr abzugewöhnen, ich leider der Mann nicht bin. Es könnte um ihretwillen mir fast Leid thun, daß unsre katholische Kirche uns allen Beiden keine zweite Heirath erlaubt, nur für meine Person gilt das gleich, denn verbrannte Kinder scheuen das Feuer.
Doch unter uns gesagt, Lothar, was ich jetzt schrieb, war eitel Prahlerei. Dich kann ich nicht belügen, Dir muß ich gestehen, daß ich mich gegen sie gleichgültiger stelle, als ich es bin. Ich weiß und fühle, daß ich nach Cäcilien kein zweites Weib lieben kann. Ach, sie war doch – gleichviel was sie war,


211
aber ich glaube, ich könnte noch jetzt auf Tod und Leben mit Jedem kämpfen, der nach mir sie sein Eigenthum nennen wollte, und müßte ich deshalb aus der neuen Welt, in die ich mich flüchte, expreß zurückkehren.
Du merkst es wohl, alter Freund, ich habe mich kühler geschrieben, ich bin ganz unmerklich in eine elegische Stimmung gerathen, bei der ich es für ein Glück achten muß, daß Cäcilia weit weg von mir ist. Sollte ich in diesem Augenblicke ihr etwa begegnen, verzeih mir´s Gott, ich glaube, ich wäre im Stande, mich zum hunderttausendsten Mal mit ihr wieder zu versöhnen, und nach acht Tagen ginge dann der alte Tanz und ärger als zuvor, wieder an. Nein, nein, besser ist es, ich fliehe zu den Antipoden um solch einer Gefahr zu entgehen!
Muß ich Dir nun noch die Veranlassung zu unserem letzten Zwiste ausführlich erzählen, welcher die lange in der Schwebe gehaltne


212 
Katastrophe unsers tragikomischen Ehestandes herbeiführte? Du wirst sie vielleicht für unbedeutend und kaum des Erwähnens werth erklären, vielleicht gar sie lächerlich finden; aber, mein Lothar, dieser Zwist war eben der letzte Tropfen, der dazu gehörte, um den überschwenglich gefüllten Pokal überfließen zu machen.
Müde und matt, durchnäßt und auch etwas verdrüßlich kam ich von der Schnepfenjagd mit leerer Jagdtasche nach Hause. Durch Sumpf und Moor war ich vergeblich den ganzen Morgen gewatet, um für meine Frau, die Abends zuvor davon gesprochen, wenigstens eine jener verdammten Bestien zu schießen, aber ich war den Tag wie behert. Schon im Hofe vermisse ich meinen Phillip, der sonst mir immer entgegen kam, um das Gewehr mir abzunehmen. Du kennst ja den alten treuen Diener, der mich, als ich ein kleiner Junge noch war, auf dem Arme getragen


213
und seitdem immer bei mir blieb. Freilich ist er jetzt etwas alterschwach und brummig geworden, nimmt sich auch wohl zuweilen etwas mehr heraus, als ein Diener eigentlich soll; aber man muß dabei doch auch seine vieljährigen treuen Dienste in Anschlag bringen und bedenken, welch ein Schatz ein solches altes zuverlässiges Inventariumstück bei vorkommenden Gelgenheiten im Haushalt ist. Doch meine Frau war zu solchen Reflexionen gar nicht aufgelegt und die gute alte Seele stand ihr überall und immer im Wege.
Nun denn. Ich gehe diesesmal unbegleitet in mein Zimmer. Ich klingle, ich rufe nach meinem Philipp, statt seine erscheint endlich der Bediente meiner Frau, ein eleganter, naseweiser Patron, den ich nicht leiden kann. Kurz von der Sache zu kommen, die gnädige Frau hatte meinen Philipp fortgejagt, mit Sack und Pack hatte er auf der Stelle das Haus verlassen müssen und war hinüber


214 
zum Schulmeister gegangen. Donner und Wetter! daß ich den Burschen, der mit einem impertinent schadenfrohen Gesichte den ganzen Handel mir vortrug, sogleich zur Thüre hinauswarf, wirst Du mir wohl nicht verdenken.
Die Sache war diese. Philipp kam mit einer großen, ziemlich kostbaren Kristallvase die Treppe hinauf, welche er, auf Befehl der gnädigen Frau, von dem Gärtner mit Blumen hatte anfüllen lassen. Cäciliens Liebling, ein kleines, immer frierendes, nichtsnutziges Windspiel, läuft bellend dem Alten zwischen die Beine, er verliert dadurch das Gleichgewicht, läßt Vase und Blumen fallen, giebt im Aerger darüber dem Hunde einen Fußtritt, der ihn die Treppe hinabwirft; das Thier erhebt unten ein lautes Jammergeheul, die Zofe der gnädiger Frau fliegt herbei, fällt den Alten mit unverständigem Geschrei und niedrigen Scheltworten an, dieser ergreift sie beim Arm, mit der Drohung, sie dem Hunde


215 
nachzuschicken, wenn sie endlich nicht schweigen wolle, Hund und Zofe schreien so laut und so lange, bis meine Frau hinzukommt und dem armen alten Diener befiehlt, sogleich das Haus zu verlassen, was er, im Bewußtsein seiner wirklich großen Verdienste, sich eben nicht zweimal sagen ließ.
Das ich den alten Philipp auf der Stelle wieder holen ließ, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Das ich der Zofe, die mit ihrem Geschrei das ganze Unheil angerichtet hatte, andeutete, daß sie ihres Dienstes entlassen sey, und Dianen niederschoß, die mir eben in den Wurf kam, als ich das geladene Gewehr noch in der Hand hielt, war vielleicht ein Gemisch von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, welches ich nicht ganz entschuldigen will; aber ich meine, Du wirst doch, wenn Du die Stimmung bedenkst, in die ich durch alles dieses gerathen seyn mußte, es weder unnatürlich, noch ganz unbillig finden.


216 
Die Schilderung der Scenen, die zwischen mir und Cäcilien nun erfolgten, bitte ich Dich mir zu erlassen. Daß wir endlich Beide zugleich das Gefühl, nicht länger mit einander leben zu können, aussprachen, führte endlich zum letztenmal eine Art von Einigkeit in unsern Beschlüssen herbei, die enscheidend ward. Wir trennten uns auf Nimmerwiedersehn. Cäcilia ist zu ihrer Mutter zurückgekehrt, und ich, mein Freund, nun ich, wie Du siehst, ich schreibe Dir aus Cuxhaven, wo ich meine Leidensgeschichte für Dich aufsetzte, während wir eine günstige Wendung des Windes erwarteten, um nach Neuyork abzusegeln. Diese scheint in diesem Augenblick einzutreten und in zwei Stunden gehen wir hoffentlich unter Segel.
Meine zeitlichen Angelegenheiten find in Ordnung gebracht; Dir lege ich eine Vollmacht bei, mit der Bitte, mein Gut bei der ersten günstigen Gelegenheit zu verkaufen;


217 
ich will den Ort, wo ich so glücklich und so unglücklich war, nicht wiedersehen, wo möglich nie ihn wieder nennen hören.
Meine zweite Bitte ist, daß Du zur Frau von Walheim gehst, um Dich über das, was ich meiner Pflicht gemäß noch für Cäcilien zu thun habe, mit ihr zu besprechen. Was in meiner Kräften steht, will ich ihr gern gewähren, und gebe Dir Carte blanche darüber; nur wünsche ich, daß es mit einem Mal abgethan sey und wir nie wieder von einander hören müssen.
Was aus mir werden soll? nun, ein Amerikaner, so Gott will. Pläne habe ich keine, wohl aber Muth, Jugend und Gesundheit; mit diesen hilft ein Mann sich schon durch, der weder träge noch unwissend ist. Habe ich nur erst einen neuen Himmel über meinem Haupte, so fange ich auch ein neues Leben an, und Du sollst zu seiner Zeit hoffentlich Erfreuliches von mir hören. Und so gehabe


218
Dich wohl, Du Herzensfreund, und denke meiner in Freud und Leid.
_________________________
Vor einem zierlichen Landhause nahe bei der Stadt Bevay saßen an einem wunderschönen Sommerabende zwei junge Damen auf einer Gartenbank. Die zackigen Spitzen der wilden Felsen von Meillerie leuchteten erglühend im Abendsonnenstrahl zu ihnen herüber und die kleinen hüpfenden Wellen des Genfersees mischten ihr leises Geflüster in das nicht weniger leise geführte Gespräch der beiden Freundinnen.
“Aber so sieh mich doch wenigstens nur an,” sprach die eine von ihnen, Madame Wilmot, und suchte mit ihren blauen, milden Augen die abgewendeten ihrer etwas schmollenden Freundin zu erreichen; “sieh mich doch wenigstens an,” wiederholte sie und drehte mit freundlicher Gewalt das widerstrebende Köpchen derselben zu sich hin. “Kannst du


219 
mir denn wirklich zürnen, weil ich meinen armen Bruder nicht ganz trostlos abreisen lassen will und ihm deshalb bei der das Wort rede? Er verlangt ja Nichts weiter, als nur ein ganz klein wenig Hoffnung, daß du es versuchen willst, dein Herz ihm zuzuwenden. Was hast du denn gegen ihn? Er liebt dich so innig, in der ganzen Welt giebt es kein besseres, treueres Gemüth, als das seine; er ist ein schöner Mann, gebildeten Geistes, von edlem Anstande und gefälligem Betragen; er wird, bist du erst seine Frau”….
“Ich bitte dich, um Alles in der Welt, höre auf, mich zu quälen,” erwiederte die andre Dame etwas ungeduldig, “ich habe es dir ja schon hundertmal gesagt, ich gestehe deinem Bruder alle möglichen trefflichen Eigenschaften zu, die nur je ein Sterblicher besessen hat, besitzen wird, oder in diesem Augenblicke besitzt; aber ich kann ihn nicht lieben, ich kann, ich will, ich darf es nicht, weder


220 
ihn noch irgend einen andern Mann! Und ich werde nie heirathen.”
“So sprechen alle Mädchen bis zu einem gewissen Zeitpunkt, aber dich hätte ich doch für klüger gehalten,” erwiederte Madame Wilmot lachend. “Recht so mein Kind, mache es wie deine Tante, werde ein altes, grämliches Fräulein, um hernach in der Hölle Affen zu führen. Weißt du wohl, daß die Leute in England sagen, daß dieses dort die Strafe der Mädchenseelen seyn werde, die im Leben es verschmähen, einen braven Mann zu beglücken?”
“Liebe Emma, dein Scherz thut mir wehe, ich bitte dich, laß uns über diese Sache nicht weiter sprechen,” war die Antwort.
“Aber so sage mir doch wenigstens, was du gegen meinen Bruder hast,” fuhr Madame Wilmot fort, ohne sich durch den Unmuth ihrer Freundin absprechen zu lassen; “er bietet dir in jeder Hinsicht ein Loos, um das dich


221 
Tausende beneiden würden. Das Wörtchen “von” fehlt freilich seinem Namen, in England kennt man das nicht; solltest du wirklich fähig seyn, einen so großen Werth darauf zu legen; daß du ihn deshalb verschmähtest?”
“Du marterst mich unsäglich, du quälst mich so lange, bis ich thue, was ich nicht soll, und ausplaudere, was ich zu verschweigen versprochen habe. So wisse denn, ich heirathe nicht, weil ich verheirathet bin,” war die heftige, mit Thränen begleitete Antwort.
“Verheirathet und nennst dich das Fräulein Cäcilia von Walheim! Also Heimlich verheirathet,” sprach die erstaunte Emma.
“Öffentlich verheirathet und getrennt seit länger als drei Jahren” erwiederte Cäcilia finster.
“Getrennt! arme Frau!” erwiederte Madame Wilmot, sie liebevoll umfassend: “und dein Mann denn? Kehrt er nicht wieder zu dir zurück?”


222
“Dafür möge mich Gott in Gnaden bewahren!” rief Cäcilia mit großer Bitterkeit. “Nein, nein, Alles, nur dies Eine nicht! Er ist ein Ungeheuer, ein Tyrann, ein Abscheulicher, den ich vergessen muß, dessen Namen ich abgelegt habe, um nicht durch denselben an ihn erinnert zu werden. Mein Fräulein Tante, aus Gründen, die du leicht errathen kannst, besteht ebenfalls darauf, daß ich neben ihr nicht als Frau erscheine, und du brauchst ihr nur zu verrathen daß ich mein Unglück dir entdeckt habe, um mir das Leben bei ihr vollends zur Hölle zu machen.”
“Also verheirathet! geschieden, eigentlich verwittwet! arme liebe Freundin! so jung und schon so beklagenswerth!” seufzte Madame Wilmot. Aber verzweifle darum nicht am Leben’ nicht an dem Glück der Liebe, das du noch nicht kennst. Eine zweite Wahl. . . . .”
“Nur daran denken, wäre Sünde," unterbrach Cäcilia sie, [“]wäre ein Verbrechen, dem


223
Schmach und Verderben auf dem Fuß nachfolgen müßten. Den Bund, der durch das unserem ehrwürdigen Glauben hochheilige Sacrament der Ehe bestätigt wurde, darf, nach den Gesetzen unserer Kirche, nur der Tod auflösen. Jede zweite Verbindung, die Eines von uns Beiden eingehen wollte, wäre eine unrechtmäßige, kein Gesetz würde sie anerkennen. Du kannst mich ja nicht zur gemeinen Buhlerin herabwürdigen wollen, darum bitte ich dich, liebe Wilmot, erwähne die Wünsche deines Bruders nie wieder, du fühlst gewiß, daß sie mich in meiner Lage nur beleidigen können.”
“Aber eine erzwungene Ehe, wie wahrscheinlich die deine es war:” erwiederte nachdenkend Madame Wilmot.
“In Glaubenssachen darf man nicht kritteln und sondern wollen und, Emma, meine Ehe war keine erzwungene,” sprach Cäcilia. “Ich, ich selbst bin es, die meiner Mutter ihre Einwilligung zu dieser Verbindung endlich


224 
abgezwungen hat, durch Thränen, durch nie endendes Flehen, durch einen heiligen Eid, die Trennung von Gustav nicht zu überleben. Du meinst, ich kenne die Liebe nicht? Du gute sanfte Seele, in dein stilles, ruhig-zufriednes Gemüth kam noch nie eine Ahndung von dem wilden Wahnsinn der Leidenschaft, die einst mich, wie Gustav, durchglühte. Ach, wie habe ich ihn geliebt! und wie liebte er mich! Wenn ich der ersten schönen Zeit unsrer Ehe gedenke, liebe Wilmot, was für Tage waren das? Und nun ist Alles dahin, verschwunden wie ein Morgentraum. Dieser Gustav, dieser nämliche Mann, der nur in meinem Anschauen lebte, der wonnetrunken zu meinen Füßen, in meinen Armen – ich will, ich muß das vergessen! wenn ich nicht im Schmerz über seinen Verlust vergehen soll, muß ich fortan nur einzig daran denken, wie er nach wenigen Monaten ganz umgewandelt, mit wildem Troß, mit unaussprechlicher Härte,


225 
mit nicht zu bändigendem Ungestüm, mir das Leben zur Qual machte. Alles, Alles hat er an mir versucht, um mir das Herz zu brechen; mir wurde jeder Wunsch versagt, während ich ungestraft nicht den leisesten Tadel seiner Handlungen aussprechen durfte. Sobald er der in Wuth ausartenden Heftigkeit seiner Natur sich überließ, war selbst mein Leben in seiner Nähe nicht mehr sicher. Vor meinen Augen erschoß er einst ein armes, kleines Thier, das meine Freude war, jagte schimpflich ein treues Mädchen, das mir mit Liebe diente, aus dem Schlosse. Was soll ich noch viel darüber sagen? Lieben konnte ich doch nur ihn, das ist nun vorbei, und ich danke Gott, daß ich nie wieder in die Versuchung gerathen kann, mein Glück den Händen eines Mannes zu übergeben; denn eine glückliche Ehe ist ein Unding.”
“Ach Cäcilia, das ist sie nicht, nur unser Herz darf bei der Wahl sich nicht verirren,”


226 
erwiederte Madame Wilmot. “Dir gegenüber schäme ich mich fast meines Glücks und möchte es dir verbergen, aber du kennst es doch. Mein Charles kommt nun bald wieder, ich habe heute einen Brief von ihm erhalten, du wirst Zeuge unsrer unaussprechlichen Freude seyn. Denke dir nur, wenn er nun die Kinder sehen wird, unsre lieben süßen Kinder, die beide noch ungeboren unter meinem Herzen miteinander ruhten, als er mich verlassen mußte. Das war auch ein Schmerz, liebe Cäcilia, aber ich mußte ihn erdulden und Gott half mir ihn ertragen. Und, Liebste, heftig ist mein Charles auch, sehr aufbrausend zuweilen, aber mich dünkt, ich könnte ihn nicht so lieben, wie ich ihn liebe, wenn er anders wäre, als er ist. Wenn ich ihm nur nicht widerspreche, besinnt er bald sich wieder und ist dann so himmlisch gut.”
Athemlos stürzte das Kammermädchen von Cäciliens Tante jetzt herbei. “Um Gottes


227 
willen, gnädiges Fräulein, eilen Sie nach Hause,” rief es, “Alles geht drunter und drüber; seit einer halben Stunde sind wir Alle auf den Beinen, Sie zu suchen. Der kleine Amour haben sich einen Dorn ins Pfötchen getreten und schreien erbärmlich, und der Papagei will nicht speisen, weil Sie ihm sein Abendbrod nicht geben, und das gnädige Fräulein Tante haben sich den Daumen erkältet, weil sie das Fenster aufmachten, um nach Ihnen auszusehen.” Cäcilia eilte davon, wie vom Winde getragen.
“Endlich, mein Gott! Wie kommst du nur auf den Einfall, so spät im Freien herumzulaufen? Habe ich dir nicht hundertmal gesagt, daß Nichts gefährlicher sey, als die Luft bein Sonnenuntergang?” stöhnte mit verdrießlicher, knarrender Stimme die recht blühend aussehende, wohlbeliebte Tante aus ihrem Armstuhl Cäcilien entgegen, sobald sie sich zeigte. “Daß du wenigstens den Schnupfen davon


228 
getragen hast, ist gewiß, und dann bin ich auf Wochenlang verloren: denn Nichts ist ansteckender, als Schnupfen. Du kennst doch den jammervollen Zustand meiner Nerven. Wenn du nur die Güte haben wolltest, auf mich ein klein wenig Rücksicht zu nehmen. Stille, stille, Amour, armes, kleines, süßes Geschöpf, gleich soll sie dein Pfötchen dir verbinden. Aber nur sachte, ma nièce, nicht so hastig, du pressest ja dem armen Thiere ein herzzerreißendes Angstgeschrei aus. Auch an dich hat man nicht gedacht, armer Cyper!” setzte sie hinzu, indem sie einem großen angorischen Kater den Rücken streichelte; “und der unglückliche Kakadu schreit auch nach seinem Abendbrod. Ihr unglückseligen Geschöpfe, ich vermag euch nicht zu helfen, und unsre Pflegerin amüsiert sich lieber, als daß sie unserer gedenkt!”
Thränen im Auge, tiefen Unmuth im Herzen, flog Cäcilia in eilender Hast aus einer


229 
Ecke des Zimmers in die andre, um nur die zahlreichen Ansprüche zu befriedigen, die krächzend, heulend und miauend an sie gerichtet wurden.
“Auch meine Bouillon hast du zu kosten vergessen,” fing die Tante wieder an: “es war Gewürz daran und zu viel Salz, und beides ist mir Gift, du weißt es, aber was kümmert es dich! Wenn das lange so fortwährt, muß ich in der Blüthe meiner Jahre dahinwelken! Die Pflicht der Dankbarkeit, sollte ich meinen.”
“Tante, Tante, legen Sie im vollsten Maße dieselbe mir dadurch auf, daß Sie mich fortschicken,” bat Cäcilia mit großer Heftigkeit und zusammengefalteten Händen; “beim besten Willen, Ihnen zu gefallen, fühle ich meine Unfähigkeit dazu, ich bin Ihnen zur Last, ich mache Ihnen Verdruß, schicken Sie mich fort und . . . .”
“Schicken Sie mich fort!” wiederholte die Tante, Cäciliens Ton nachahmend: “Das ist


230 
so recht in der Art undankbarer Gemüther, welche die ihnen erwiesenen Wohlthaten nicht anerkennen wollen. Schicken Sie micht fort, ist leicht gesagt und könnte eben so leicht ausgeführt werden, wenn man nicht zu bedenken hätte, was aus dir werden sollte, sobald ich meine Hand von dir abziehe. Unerachtet deiner albernen Vermählung, welche meine selige Schwägerin nie hätte zugeben sollen, bist du doch immer noch ein halbes Kind; an eine schickliche Versorgung durch eine vernünftige Heirath ist bei dir, Dank sey es deiner eignen Thorheit, nicht mehr zu denken. Arm bist du, wie Hiob, die Versorgung, die dein verlaufner Gemahl dir bieten ließ, haben deine selige Mutter und du aus Hochmuth ausgeschlagen, und die paar Hundert Gulden, die du hast, reichen ja kaum hin, deine Toilette damit zu bestreiten. Aus Liebe zu deinem seligen Vater habe ich, als seine Schwester, mich deiner angenommen; ich glaubte


231 
eine angenehme Gesellschafterin, eine treue Pflegerin meiner schwächlichen Gesundheit mir in dir zu gewinnen und habe eine Prinzessin ins Haus bekommen, die den ganzen Tag Nichts will, als sich amüsiren. Und doch habe ich das Alles mit beispielloser Geduld ertragen, denn, sagte ich zu mir selbst, was soll aus ihr werden, wenn auch ich sie verlasse?
Ich will dienen, als Gouvernante, also Kammerjungfer, als was es immer sey, nur geben Sie mich frei!” rief Cäcilia außer sich vor Zorn und Schmerz; “nur Schutz, nur ein Obdach brauche ich” . . . . . ein leises Klopfen an der Thüre, ein noch leiseres Eröffnen derselben unterbrach sie, und herein trippelte die gefällige Nachbarin Mamsell Ninette. Mit Sylphenschritten eilte sie der Ottomane der Tante zu.
“Verzeihung, daß ich so spät zu kommen wage, aber die Unruhe trieb mich hierher;


232 
unsre Magd sagte mir, sie hätte im Vorübergehen unter Ihrem Fenster den süssen kleinen Amour ängstlich winseln gehört,” flüsterte Ninette mit weicher, leiser Stimme. “Mein Gott, da liegt er ja mit verbundenem Pfötchen in seinem Bettchen, mein armer Liebling, was ist dir denn geschehen? Ach, und wie heiß die kleine Nase ist, wahrhaftig, er hat Fieber, ist denn noch Nichts für ihn gethan?”
“Gute, gefühlvolle Ninette,” seufzte die Tante, indem sie auf Cäcilien einen strengen, vorwerfenden Blick richtete, und reichte Ninetten die Hand, die diese zu wiederholtenmalen mit Küssen bedeckte: “der Unfall des armen Amour soll hoffentlich ohne gefährliche Folgen vorübergehen, ein böser Dorn hat sein Füßchen verletzt, mehr ist es nicht, aber das kleine Thierchen ist so zarter Natur!”
“Ach und wie Sie selbst agitirt sind, Ihre Wangen glühen, Ihre Hände sind eiskalt. Theuerste Baronesse, unter solchen Umständen


233 
und bei Ihren schwachen Nerven ist das Freilich kein Wunder; aber Sie sollten doch wenigstens ein calmant zu sich nehmen, erlauben Sie mir wenigstens, ein Glas Zuckerwaser Ihnen zu bereiten, wo ist denn Ihr eau de fleur d’orange?” So plauderte Ninette noch eine Weile mit allen Zeichen der innigsten Theilnahme fort, holte Kissen herbei, um sie ihrer geliebten Freundin unter den Rükken zu schieben, breitete ihren eigenen Shawl über die Füße derselben aus, um sie zu erwärmen, und gebärdete sich vollkommen so als habe sie mit einer gefährlichen Kranken zu thun.
Die Tante ließ das Alles mit sichtbarem Wohlgefallen geschehen. “Du siehst es, Cäcilia,” sprach sie, “Fremde müssen in meinen Leiden mich unterstützen, während du – ach, gute Ninette, ich halte es nicht länger hier aus, der tägliche Verdruß, die feuchten Dünste, die aus dem gepriesenen lac- Leman


234
aufsteigen, werden mich noch tödten. Ich muß eine reinere, leichtere Luft aufsuchen, vielleicht Montpellier, oder die Bäder von Barege. Nun, worauf wartest du noch, Cäcilia, geh’ in dein Zimmer, gute Nacht; meine gütige Ninette bleibt wohl noch ein halbes Stündchen bei mir.”
“Gewiß, ich wanke und weiche nicht, bis ich meine angebetete, leidende Freundin in ihrem Bette sehe, und wenn sie es mir erlaubt, will ich versuchen, sie in süßen Schlummer zu lesen; ich habe zu diesem Zweck das neueste Werk des göttlichen Victome d’Arlingcourt mitgebracht,” erwiderte Ninette schmeichelnd.
Cäcilia ließ die Erlaubnis, sich zu entfernen, sich nicht zum zweiten Mal wiederholen, sie benutzte sie um zurück zu ihrer Emma zu eilen, die sie noch in ihrem Garten antraf. Heiße Thränen, bittre Klagen machten dort am Busen der treuen Freundin ihrem gepreßten


235 
Herzen Luft, wahrend Mamsell Ninette bis ziemlich spät in die Nacht hinein bei der Tante verweilte.
Mamsell Ninette war eigentlich Nichts mehr und Nichts weniger, als ein etwas verunglücktes Product der großen Gouvernantinnenfabrik, die längs den Ufern des Genfersees, fast in allen mit Töchtern gesegneten Familien, eifrigst betrieben wird und Deutschland, Rußland nebst den diesen angränzenden Ländern mit diesem Artikel überflüssig versieht. Bei dem auffallenden Mangel an äußrer Anmuth, durch welchen Ninette sich auszeichnete und zu welchem noch ein herber, durchaus verbitterter Charakter sich gesellte, ward es ihr schwer, sich Freunde zu erwerben, durch deren Empfehlung sie eine Anstellung in irgend einem reichen, vornehmen Hause hätte erlangen können, wie sie dieselbe sich wünschte. Zu ihrem wahren Herzeleid hatte sie bei dazu sich bietenden Gelegenheiten seit


236
mehreren Jahren Andre sich vorgezogen gesehen, die, ihrer Meinung nach, tief unter ihr standen, bis die Ankunft von Cäciliens Tante ihr endlich eine Außsicht zur Erfüllung ihrer Wünsche eröffnete. Mit Hülfe der ihr eigenen scharfsichtigen Schlauheit, durch die sie für die Vernachlässigungen der Natur sich auf andre Weise zu entschädigen suchte, hatte sie gar bald die eigentliche Gemüthsart des alternden Fräuleins durchschaut, das gern noch für jugendlich gelten wollte und durch Krämpfe, schwache Nerven und eine unendlich zarte Gesundheit sich interessant zu machen suchte, weil es an andern Mitteln dazu ihm fehlte. Fräulein von Walheim war durch mehrere ihr unerwartet zugefallne Erbschaften sehr reich geworden; bis dahin hatte sie sich damit durch die Welt geholfen, daß sie den abgeschmacktesten Launen Anderer schmeichelte, jetzt glaubte sie, es sey an sie die Reihe gekommen, dieses von ihren Umgebungen zu erwarten. Ihre


237 
Geisteskräfte waren nicht die stärksten, ihre Begriffe von ihrer eigenen Vortrefflichkeit um so ausgedehnter; Egoismus war ein Hauptzug ihres Charakters, dazu ein unbegränzte Fähigkeit, die gröbsten Schmeicheleien mit unendlichem Wohlgefallen in sich aufzunehmen.
Ein Charakter solcher Art bot der gewandten Ninette der schwachen Seiten genug, um ihn dabei zu ergreifen und nach ihrem Willen zu lenken; auch benutzte sie dieselben redlich, nicht nur, um sich selbst in der Gunst des Fräuleins von Walheim festzusetzen, sondern auch, um ganz unmerklich Cäciliens’s Antheil an derselben zu untergraben.
Der Tod ihrer Mutter, ihre eigne, noch des Schutzes bedürfende Jugend und die Unfreundlichkeit, mit der ihre früheren Bekannten seit der Trennung von ihrem Manne ihr begegneten, hatten die arme Cäcelia bewogen, in die ihr dargebotenen Arme der vorher von ihr nie gesehenen Schwester ihres


238
Vaters sich zu werfen. Auch die Aussicht, dieselbe auf ihren Reisen zu begleiten, war für sie nicht ohne Reiz gewesen und hatte nicht wenig dazu beigetragen, sie zu diesem Entschlusse zu bestimmen. Aber Cäcilia hatte keinen Begriff von dem Geist der Rastlosigkeit gehabt, der ihre Tante antrieb, unaufhörlich auf staubiger Heerstraße jener inneren Zufriedenheit nachzujagen, die sie nimmer erreichen sollte; sie hatte keinen Begriff von den zahllosen Ansprüchen gehabt, durch welche dieselbe Allen, die mit ihr in Berührung kamen, das Leben erschwerte, und die sie immer höher zu steigern verstand, sobald sie bemerkte, daß man es sich wirklich angelegen seyn lasse, sie zu befriedigen.
Zeit und so manche bittre Erfahrung hatte Cäcilien’s ungestüme Heftigkeit zwar einigermaßen gemildert, aber ihr doch bei weitem noch nicht zu jener Gelassenheit, jener fügsamen Geduld verholfen, deren sie nothwendig


239 
bedurfte, um ihre jetzige Lage nur einigermaßen erträglich zu finden. Auch würde sie wahrscheinlich durch die ihr eigne Ungeduld sehr bald dahin gebracht worden seyn, sich durch irgend eine Unbesonnenheit aus derselben zu reißen, wäre nicht Ninette, gewiß ohne dieses zu beabsichtigen, der Schutzengel geworden, der aus ihrem Fegefeuer sie erlösete.
Schmeichelnd, heuchelnd, erkünstelte Thränen im Auge, hörte Ninette noch an jenem nämlichen Abende der Tante langen, weitläuftigen Bericht von Cäcilien’s Vergebungen an, schlug voll Erstaunen die Hände über dem Kopfe zusammen, als sie vernahm, daß Cäcilia die Undankbarkeit und Gefühllosigkeit so weit treibe, ihre gütige Wohlthäterin verlassen zu wollen; konnte über die Blindheit derselben gegen ihr eigenes Heil sich gar nicht wieder zufrieden gehen, und wußte endlich ihr Spiel so gut zu spielen, dass die Tante selbst Nichts sehnlicher zu wünschen glaubte, als Cäcilien


240
auf eine anständige Art los zu werden, um Mamsell Ninette an die Stelle derselben zu setzen.
Madame Wilmot fand daher am folgenden Morgen ein weit geneigteres Gehör, als beide Freundinnen es erwartet hatten, als sie mit der Bitte hervortrat, bei der nahen Abreise der Tante Cäcilien auf unbestimmte Zeit bei ihr zurückzulassen. An Einwendungen, bittere Bemerkungen, versteckten Vorwürfen ließ dieselbe es zwar nicht fehlen, denn sie war nicht gewohnt, irgend eine Bitte mit guter Art zu gewähren; aber sie gab endlich doch die erbetene Einwilligung. Freilich war Cäcilia von nun an für einige Tage aus dem Fegefeuer in die wirkliche Hölle gerathen, denn ihre erzürnte, innerlich schwer beleidigte Verwandte ließ noch zu guter Letzt die bitterste Quintessenz all ihrer Launen an ihr aus; aber die sichere Aussicht auf eine nahe Erlösung half ihr auch das Unleidlichste mit


241 
ungewöhnlichem Gleichmuth ertragen. Die Stunde schlug endlich doch, in der ihre Peinigerin an der Seite der triumphirenden Ninette die Reise nach Montpellier antrat, udn [und] Cäcilia athmete mit dem Gefühl eines aus dem Kerker entlassenen Gefangnen unter dem Dach ihrer Freundin zum erstenmal wieder freier auf.
Emma Wilmot war die sanfteste, liebendste Seele, heiter und mild wie ein Frühlingsmorgen; ihr Vater war ein wohlhabender englischer Kaufmann, ihre Mutter eine Deutsche gewesen, und so wie sie Beider Muttersprachen sich völlig zu eigen gemacht hatte, so vereinte sie auch, in der glücklichsten Mischung, die charakteristischen Vorzüge beider Nationen in ihrem Wesen. Für jeden Leidenden hatte sie nicht nur eine Thräne, sondern auch thätigen Beistand bereit, für jeden fremden Fehltritt eine Entschuldigung; Andern nachsichtig, sich selbst strenge, erlaubte sie sich auch nicht


242 
die kleinste Abweichung von Pfade der Pflicht, ohne deshalb die Rigoristin spielen zu wollen. Gut zu sein ward ihr unendlich leicht, denn Liebe war der Grundton ihres Wesens, Nichts war ihr zu klein, Nichts zu geringe, was zur Uebung derselben ihr Anlaß bot, und mit der nämlichen Sorgfalt, mit der sie der Armen und Kranken pflegte, stützte sie auch die vom Sturm geknickte Blume und nahm das arme, nackte Vögelchen an ihren Busen, daß dem warmen Neste hülflos entfallen war; aber sie verfiel dabei nie in jene überweiche Sentimentalität, die oft nur angenommen wird, um hinter derselben die Härte eines selbstsüchtigen Charakters zu verbergen.
Emma’s Haus war ihr der Tempel des Glücks, und ihr Gatte die in demselben thronende Gottheit, deren leisester Wunsch ihr zum Gesetz wurde, das sie freudig erfüllte, sogar wenn dieses nicht ohne Opfer geschehen konnte, die Hunderte ihres Gleichen nicht willig


243 
gebracht haben würden. Eine ihr zugefallene bedeutende Erbschaft hatte Herrn Wilmot die Nothwendigkeit aufgedrungen, gerade in einem Zeitpunkte, wo die Trennung von ihm ihr am schmerzlichsten fallen mußte, eine weite Reise zu unternehmen. Emma sah seinen Schmerz, seine bange Sorge um sie, und obgleich das eigne Herz ihr dabei brechen wollte, so suchte sie dennoch den Abschied ihm zu erleichtern, indem sie sich weit muthiger und stärker ihm zeigte, als sie es eigentlich war. So viel es ihr nur immer möglich war, suchte sie dem geliebten Manne ihre Thränen, ihre bangen Befürchtungen, ihren unnennbaren Schmerz zu verbergen, und ward dafür belohnt, denn Gott läßt seine Sonne gern warm scheinen, wenn das Lamm geschoren ist. Die gefürchtete Stunde, in der sie Mutter zweier lieblicher Knaben wurde, ging schonend an ihr vorüber, die Kinder blühten gleich einem Paar Mairosen lieblich heran,


244 
und Emma hatte jetzt endlich wirklich den Zeitpunkt erreicht, in welchem sie täglich, mit sehnsüchtigem Entzücken, dem glücklichen Tage entgegensehen konnte, an welchem sie dieselben dem wonnetrunknen Vater in die Arme legen würde.
In der ruheathmenden Nähe dieser holden Frau verlebte Cäcilia jetzt goldne, selige Tage im ungestörtesten, heitersten Frieden, wie sie solche nie zuvor gekannt. Madame Wilmot kam in ihrer anspruchslosen Würde, in ihrer unendlichen Milde, wie ein Wunder, wie ein über die Menschheit erhabnes Wesen ihr vor, und sie wußte oft nicht, ob sie dieselbe mehr liebe oder verehre. Der Gleichmuth, die sanft lächelnde Duldung, mit denen die liebenswürdige Frau den immer noch wiederkehrenden Aufwallungen ihres bei weitem nicht ganz bezwungnen heftigen Temperaments begegnete, beschämten und rührten sie tief, aber sie fühlte auch zugleich, wie unmöglich


245 
es immer ihr bleiben werde, diesem musterhaften Beispiele sich ganz nachzubilden, so angelegentlich sie sich auch darum bemühte.
Mit jedem Tage ihres glücklichen Beisammenlebens stieg auch das gegenseitige Vertrauen der beiden Freundinnen, und wenn sie so ruhig und still mit ihrer Arbeit bei einander saßen, ward ihr vergangenes Leben zum unerschöpflichen Gegenstand des Gesprächs, wie das unter jungen Mädchen und Frauen gewöhnlich der Fall ist, wenn eben die Gegenwart durch ihre Einförmigkeit keinen interessanteren Stoff ihnen bietet.
Emma wußte wenig von sich zu erzählen, ihr Leben war bis dahin ruhig und sanft, wie sie selbst, dahin geflossen. Bei ihrem vor kurzem verstorbenen Oheim, der nach dem frühen Tode ihrer Eltern sie zu sich genommen hatte, und dessen Erbin sie jetzt geworden war, hatte sie ihren Charles kennen und lieben gelernt und war bald darauf dessen glückliche


246 
Gattin geworden. Um so interessanter aber erschien ihr Cäciliens sturmbewegteres Leben, mancher Zug daraus kam in ihrer glücklichen Beschränktheit ihr fast unglaublich vor. Sie wurde um so weniger müde, sie über ihre früheren Erlebnisse und ihre gegenwärtige Lage zu befragen, da sie noch immer nicht die Hoffnung aufgeben mochte, die Freundin mit ihrem Bruder zu verbinden und dadurch das Glück beider ihr unendlich theuern Personen zu begründen.
“Du weißt also gar nicht, wohin dein unwürdiger Gemahl nach der Trennung von dir sich gewandt hat?” fragte sie eines Abends, als Beide neben der Wiege der Kinder wieder allein beisammen saßen und, wie gewöhnlich, über vergangene Zeiten sich besprachen. “Vielleicht ist er gestorben und —”
“Ich bitte dich, wie kommst du auf diesen Gedanken?” erwiederte Cäcilia; “er ist kaum ein Jahr älter, als ich. Wäre er gestorben,


247 
ich hätte durch seine Verwandte es gewiß längst erfahren; auch bin ich weit davon entfernt, seinen Tod zu wünschen. Das traust du mir hoffentlich zu, so gerechte Ursache ich auch hatte, mich von einem Tyrannen zu trennen, der mir das Leben zur Qual machte.
“Ich bitte dich, werde nur nicht böse darüber,” erwiederte Emma ein wenig zögernd: “aber ich denke immer, er ist nicht so gewissenhaft gewesen, als du es bist. Drei Jahre sind vergangen, seit du Nichts von ihm gehört hast; wer weiß, ob er sich nicht in einem fremden, weit entfernten Lande wieder verheirathet hat, und dann, liebe Cäcilia, dann wärest du doch frei; es käme nur darauf an, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, und sobald mein Charles wieder daheim ist . . .”
“Er verheirathet und ich dadurch frei!” rief Cäcilia lebhaft: “Emma, willst du denn niemals begreifen, was ich dir schon hundertmal auseinandergesetzt habe und was doch so klar,


248
wie das Sonnenlicht ist? Ich frei, so lange er lebt! das ist ja nach den Gesetzen unserer Kirche ganz unmöglich! Und wäre er auch verworfen genug gewesen, um unter dem Schein einer ungültigen Ehe ein unglückliches Mädchen zu betrügen, so bleibe ich doch immer einzig und allein seine rechtmäßige Gattin, und sein Verbrechen giebt mir keinesweges ein Recht, das ehrwürdige Sacrament der Ehe zu entheiligen. Und wäre seine Geliebte vor tausend Zeugen am Altare ihm angetraut, so lange ich lebe, bleibt sie doch nur seine Buhlerin und ihre Kinder namenlose, der Schande preisgegebene Bastarde!” fuhr Cäcilia immer heftiger werdend fort: “er selbst wäre dem strafenden Arme der geistlichen und weltlichen Gerechtigkeit verfallen,” setzte sie mit zornblitzenden Augen hinzu, und . . . .
“O höre auf, du malst ein schaudervolles Bild, das mich, ich weiß nicht warum, mit


249
wahrem Grausen erfüllt!” fiel Emma ihr ein, stand auf und beugte sich über die Wiege hin, in der die beiden Kinder, im süßesten Schlummer aufgelöst, in einander geschmiegt ruhten.
Schweigend hatte sie eine ziemliche Weile so gestanden. “Mein Gott, wie du bleich bist!” rief Cäcilia, die zufällig von ihrer Arbeit zu ihr aufblickte, “und aus deinen Augen fallen große Thränen auf die kleinen schlafenden Engel! Meine Emma, meine liebe, süße Emma, was ist dir? Hat meine unselige Heftigkeit dich abermals erschreckt?”
“Nicht doch, nicht doch, liebes Herz,” erwiederte Emma, sie liebkosend; “du bist nicht Schuld daran, aber ich glaube, ich bin unwohl. Mir schauderte und es wurde mir vorhin so ängstlich zu Muthe. Ich will es dir nur gestehen, ich bin zuweilen recht kindisch und meine Phantasie spielt mir arge Streiche. Wie du so lebhaft von der betrognen zweiten


250 
Frau deines Mannes und von ihren unglücklichen Kindern sprachst, kam es mir mit einem Mal vor, als wäre das Alles wirklich geschehen, und es fiel mir ein, wie wenn ich die unglückliche wäre? und meine armen, lieben Kinder – ach, da bliebe Einem doch Richts übrig, als zu sterben! Es war ein recht dummer Gedanke, aber es überfiel mich so seltsam. Komm, Cäcilia, wir wollen noch einmal durch den Garten laufen und dann zu Bette, damit ich die alberne Grille verschlafe. Charles ist treu und rein wie Gold, sein Verbrechen lastet auf seiner Seele, und ich bin eine Thörin, mit der du schon Geduld haben mußt.“
Die schlummernde Welt ruhte schon in dem durchsichtig dämmernden Schleier der schönsten Sommernacht eingehüllt, und Blumen und Zweige, vom mildesten Abendhauch leise geschaukelt, flüsterten unter einander und nickten wie träumend, als die beiden Freundinnen


251 
in den Garten traten. Sie gingen eine Weile Arm in Arm den langen mit Reben überzogenen Bogengang auf und ab, der bis an den See hinab sich erstreckte, und kehrten in der Nähe des Haufes eben zum letzten Mal wieder um, als eine männliche Gestalt vom See her ihnen entgegentrat. Cäcilia sah nur den an dem Ende des Bogenganges gegen den lichten Nachthimmel abstehenden Contur derselben und wollte eben ihrer Freundin vorschlagen, lieber in das Haus zurückzugehen, um nicht bei nächtlicher Weile in dem einsamen Garten einem Unbekannten zu begegnen, der zu dieser Stunde nicht auf geradem Wege in denselben eingedrungen seyn konnte. Doch das Auge der Liebe blickt schärfer und Emma’s vorahnendes Herz hatte schon von weitem ihren Gatten erkannt. Mit einem lauten Jubelschrei riß sie von der Freundin sich los und flog, von ungemeßner Freude beflügelt, leicht wie ein Vogel, den Gang


252 
entlang, den Armen zu, die sich liebevoll ihr entgegenstreckten. Cäcilia blieb wie eingewurzelt stehen, sie sah, wie die Liebenden sich fest umschlangen, freudige Ausrufungen, zärtliche Liebesworte klangen deutlich zu ihr herüber, und die Sinne vergingen ihr fast, denn außer Emma’s Stimme hörte sie noch eine, die einer andern ihr wohlbekannten so ähnlich war, daß ihr das wonnetrunkne Paar, fest umschlagen in liebender Umarmung rauschte es an ihr vorüber. “Er ist da, ich habe ihn wieder, Cäcilia, freue dich mit mir,” jubelte Emma im Vorübereilen ihr zu; “komm mit, Cäcilia, komm zu den Kindern!” rief sie noch nahe am Hause. Cäcilia bemerkte wie Wilmot zusammenfuhr, als er diesen Namen hörte; er stand eine Secunde lang still, um die Gestalt zu betrachten, die, tief verhüllt in den Schawl, den sie vorhin der Abendkühle


253 
wegen über den Kopf geschlagen, unbeweglich dastand; und – wer ist Cäcilia? hörte sie nahe an der Gartenthüre jene Stimme fragen, die wie ein Dolchstich ihr durch das Herz drang; durch die nächtliche Stille wurde auch noch Emma’s Antwort ihr vernehmbar: “es ist die Freundin, von der ich dir geschrieben, hast du denn meinen letzten Brief nicht mehr erhalten?”
“Gewißheit! nur Gewißheit! dann werde was da kann!” rief Cäcilia, innerlich erbebend vor dem nahenden Unheil, und nahm alle ihre Kräfte zusammen, um dem überseligen Paar zu folgen, das in seinem Entzücken ihre Schritte nicht hörte. Unbemerkt gelangte sie in das Zimmer und blieb auf der Schwelle der offenstehenden Thüre. Noch immer von Emma umschlungen, kniete Wilmot an der Wiege der schlafenden Kinder, die Nachtlampe warf einen hellen Schein auf sein Gesicht, Cäcilia konnte jeden Zug desselben deutlich


254 
erkennen, ihr ahnendes Herz hatte sie nicht getäuscht, Wilmot war Gustav. Der bange Traum, den Emma kaum vor einer Stunde wachend geträumt, war unabläugbare Wahrheit geworden.
Cäcilia sah das sonst so stolze Auge in Thränen glänzen, indem es auf die Kinder blickte; sie sah, wie Emma sie wach küßte; die Kleinen weinten nicht, sie lächelten und streckten jauchzend die Aermchen dem Vater entgegen, als verständen sie schon die Bedeutung dieses Moments. Emma nahm sorgsam sie aus der Wiege und legte mit wonnestrahlenden Blicken sie dem tiefbewegten Vater in die Arme, sein Auge ruhte segnend, mit liebevoller Rührung, auf den zarten, kleinen Wesen und ihrer hochentzückten Mutter.
Ein tiefer Seufzer drängte sich aus Cäciliens gequälter Brust, den sie nicht ganz zu unterdrücken vermochte. Emma, in ihrer unbegränzten Freude, sah und hörte Nichts;


255 
doch Wilmot blickte auf, er schauderte und wurde bleich, indem er die tief verhüllte Gestalt gewahr wurde, die unhörbar, einem Geiste ähnlich, an der Thüre vorüberglitt und dann sich im Dunkel verlor. Cäcilia hatte eben nur noch so viel Besinnung übrig behalten, um zu fühlen, daß sie sich entfernen müsse.
Für den Zustand, in welchem Cäcilia in ihrem einsamen Zimmer sich wiederfand, hat die Sprache keine Worte. Von Zorn, Haß, neu erwachender Leidenschaft für den einst Heißgeliebten zerrissen, gepeinigt von Mitleid mit der schuldlosen Nebenbuhlerin, die zugleich allen Grimm der furchtbarsten Eifersucht in ihrem, von tausend Qualen gefolterten Busen wach rief, warf sie krampfhaft schluchzend auf den Boden sich hin, zerrauste ihr Haar unter heißbrennenden Thränen und überließ sich ganz der Heftigkeit ihres Charakters. Sie flehte zum Himmel um Vernichtung ihrer selbst, um Rache an dem Verbrecher,


256 
an der Freundin, deren Unglück ihr das Herz zerriß und die sie doch um jeden Preis von der Stelle an Gustavs Seite weg zu reißen sich gelobte, welche nach ihr seine Andere einnehmen sollte.
Der niedrige Verräther, rief sie in ihrer Verzweiflung; wie teuflisch listig hat er im fremden Lande, unter falschem Namen, das arme, schwache Geschöpf zu betrügen gewußt! Und wie mußte er Emma lieben, um seinen sonst so stolzen Sinn zu diesem niedrigen Betruge herunterbeugen zu können! Rache über ihn, Rache auch über sie, sey sie schuldlos oder nicht! Sie ist es nicht, nein, wahrlich nein! wo hatte ich meine Gedanken, daß ich vorhin an ihrem unbegreiflichen Grausen vor einem nur als möglich dargestellten Fall die wissentlich Schuldige entdeckte, die nur die von ihr schwer Beleidigte in mir nicht erkannte! Die heuchelnde Gleisnerin! und für sie sollte ich Mitleid fühlen? Mag


257 
sie sich verbluten, die sanfte Taube, warum warf sie wissentlich dem Geier sich in die Krallen, warum lud sie selbst die Nemesis in ihr Haus! Sie lud mich, mich selbst in ihr Haus, um aus der drückendsten Lage, von unerhörten Mißhandlungen mich zu befreien! Und kann sie schuldig sehen, mit diesen treuen, unschuldigen Augen, mit dieser sanften Seele voll Liebe und Güte! Und die Kinder! was haben diese armen lächelnden verbrochen? O guter Gott! starker, gnädiger Gott! zeige mir einen Ausweg aus diesem furchtbaren Labyrinth gieb mir den Tod, oder hülle meinen Geist vollends in Wahnsinn ein, wenn du mich noch nicht sterben lassen willst!
Unter solchen furchtbaren Kämpfen ging die kurze Sommernacht Cäcilien hin, bis mit dem grauenden Morgen jene körperliche und geistige Ermattung eintrat, die scheinbar der Beruhigung gleicht. Die Gipfel der höchsten Berge erglühten schon in brennendem Purpur


258 
vor der Annäherung der noch unter dem Horizonte weilenden Sonne, als Cäcilia sich endlich ausgetobt hatte und wieder Besinnung genug erhielt, um zu fühlen, daß sie keinen übereilten Entschluß fassen dürfe. Ihr Gemüth empörte sich gegen den Gedanken, ein Verhältnis ungehindert bestehen zu lassen, daß noch jetzt, wie in der ersten Stunde, mit Abscheu und Eifersucht sie erfüllte. Sie bewies sich sogar, daß sie dadurch Gustavs schwerer Versündigung gegen die heiligsten Anordungen der Kirche sich theilhaftig machen würde; aber ihr Herz wallte über von Mitleid mit der, sich selbst unbewußt, in Schande versunknen Frau, deren weicher Sinn und zarte Gesundheit sie unfähig machen mußten, den plötzlichen Umsturz ihres erträumten Glücks zu ertragen. Sie gewann es über sich, bei Allem, wovon sie meinte, daß es nun geschehen müsse, mit Ueberlegung zu Werke gehen zu wollen und sich zum Nachdenken Zeit zu


259 
lassen; aber sie fühlte, daß sie es nimmer ertragen könne, Emma, auch nur eine Stunde, an Gustavs Seite glücklich zu sehen. Um diesem auszuweichen, beschloß sie endlich, noch ehe Jemand im Hause wach würde, einen Rachen zu nehmen um sich nach Lausanne zu einer Bekannten überschiffen zu lassen, die sie schon längst auf einige Tage zu sich eingeladen hatte. Sie ergriff die Feder, um dieses Emma zu melden und ihr zugleich anzudeuten, daß sie dieser kurzen Abwesenheit bedürfe, weil der Anblick von ihrer Freundin jetztigem Glücke ihr zu herbe Erinnerungen aufrege, die niederzukämpfen, sie sich Zeit nehmen müsse. Doch ihre Hand zitterte, es war ihr unmöglich, nur eine leserliche Zeile hevorzubringen, und so fing sie denn an, einstweilen einige Wäsche und Kleider für diese kurze Reise zusammenzusuchen und einzupacken, um mittlerweile zu der Fassung zu gelangen, deren sie so nötig bedurfte.


260
Ein Geräusch bewog sie mitten in dieser Beschäftigung sich umzusehen; Gustav stand an der Thüre ihres Zimmers, bleich, bebend, den düstern Blick fest auf sie gerichtet, unfähig nur einen Laut hervorzubringen, starrte sie mit weit geöffneten Augen ihn an.
“Sie erschrecken, gnädige Frau, das wollte ich nicht!” sprach Gustav in der demüthigsten Stellung, kaum hörbar. “Ich komme, gnädige Frau – ich mußte – nicht für mich wage ich Sie anzuflehn, aber das Schicksal zweier unmündiger Wesen – einer schuldlos Unglücklichen – diese furchtbare Verwirrung, ich muß mich mit Ihnen berathen, wie sie möglicher Weise – o Cäcilia!” rief er plötzlich und warf sich ihr zu Füßen und umklammerte ihre Knie und verbarg laut weinend sein Gesicht in ihren Kleidern.
Erschüttert bis in die tiefste Tiefe ihres Gemüths suchte Cäcilia sich seinen Armen zu entwinden. “Dieser Ueberfall, Herr von Falkenhorst,”


261
sprach sie mit mühsam errungner Fassung; “dieser Ueberfall ist eben so unwürdig, als unmännlich. In dieser Welt durften wir einander nicht wiedersehen. Was verlangen Sie von mir?”
“Dich, dich, dich selbst, die ich nie aus meinen Armen hätte lassen sollen, dich, die ich anbete, an der ich mit glühender Liebe hänge und von der ich, da nun ich dich wiedergesehen, nie anders, als mit meinem Leben lassen kann!” rief Gustav mit wilder Leidenschaftlichkeit. “O ich Thor, ich verblendete Thor, wie konnte ich wähnen, ohne dich wäre das Leben noch des Erhaltens werth! Aber noch bist du mein, Cäcilia! ich habe dich wieder, ich sehe dich wieder – mit ganz anderen Vorsätzen kam ich hierher. Du Inbegriff aller Wonne, mag Alles untergehen, ich lasse dich nicht wieder! O wende dich nicht von mir ab!”
“Und die betrogne Emma!” sprach Cäcilia mit ernst verwerfendem Ton. Gustav


262 
stieß einen dumpfen Schrei aus und warf sich mit dem Gesicht auf den Boden hin.
"Du warst mein, du bist mein!" sprach er fest und bestimmt, wie ein Verzweifelnder, indem er sich langsam wieder emporrichtete.
"Gott erbarme sich jener Armen, aber von dir lasse ich nicht und gälte es Leben und Seligkeit! Du warst doch einst mein Leben, und bleibst mein, Cäilia Du hast doch einst mich geliebt, du wirst vergeben können, meine Ansprüche an dich, an dein Herz sind die heiligsten, ich mache sie geltend, und du wirst vergeben!" setzte er innigst flehend hinzu.
"Und könnte ich Alles vergessen, Alles vergeben, diesen mich herabwürdigen Antrag – zurück, Herr von Falkenhorst, gehen Sie, wohin Sie gehören, zu dem unglücklichen Opfer Ihrer wilden Lust, zurück zu"..... ihre Stimme brach, sie konnte nicht vollenden.
"In den Tod, in den Tod, oder bei dir!" rief Gustav verzweifelnd sie umfangend.


263
"Zurück," wiederholte Cäcilia und wollte gewaltsam sich ihm entwinden. Ihr Auge traf auf das seine, es lag ein so tiefer, unendlicher Schmerz in dem Blick, mit dem er zu ihr aufsah, eine so unaussprechliche Angst. Der Ton seiner Stimme, Alles an ihm erweckte tausend ihr gerade zum Herzen dringende Anklänge aus verschwundenen seligen Tagen. Die Vorwürfe, die sie gegen ihn aussprechen wollte, jede bittre Empfindung, Alles, was sie durch ihn, mit ihm erduldet, ging in heissen Thränen unter, die unaufhaltsam ihren Augen entströmten.
Verzweifelnd, hoffend, liebeglühend beschwor Gustav sie bei Allem Heiligen, bei der Erinnerung an die Seligen Tage ihrer ersten Liebe, sich seiner zu erbarmen, ihn nicht hart und unerbittlich ins Elend, in den Tod zu jagen, bekräftigte feierlich mit einem theuern Eide, vor dem alles Blut ihr in den Adern erstarrte, ohne ihre Verzeihung nicht leben


264
zu wollen. Cäcilia fühlte ihre Knie unter sich zusammenbrechen, ein dichter Schleier umnebelte ihre Sinne, sie wankte und sank in seine Arme, an seine Brust. Alles Vergangne war vergessen, alle Vorwürfe wandelten in Vergebung, in Liebesworte sich um, und einen kurzen, seligen Augenblick lang fühlten Beide nur die Wonne, sich wieder zu haben.
"Wie selig und ach wie elend sind wir!" rief Cäcilia, als der erste Wonnetaumel sich allmählig legte. "Was kann, was soll aus uns werden! Vergessen, vergeben sey, was ich durch dich, um dich gelitten; vergieb auch du, mein Gustav, denn auch ich war nicht frei von aller Schuld. Wir lieben uns und könnten wieder glücklich seyn. Doch Emma! vor einer Stunde noch haßte ich sie, jetzt erregt sie mein innigstes Mitleid. Was wird ihr Schicksal seyn, und was das unsere, wenn sie untergeht!"
Gustav verbarg sein Gesicht in beide


265 
Hände und wußte der ernsten Mahnerin Nichts zu erwiedern.
"O Gustav, wie war es dir möglich, das sanfte, freundliche Geschöpf mit schlauer List zu hintergehen, du, sonst die Wahrheit selbst! In einem fremden Lande, unter erborgtem Namen, du liebtest sie nicht und konntest sie verderben!" fuhr Cäcilia fort zu sagen.
"Deine Vorwürfe verwunden mich tief," erwiederte Gustav; "wäre ich ganz so schuldig, als du es wähnst, ich könnte sie nicht überleben. Höre meine Rechtfertigung, Geliebteste, und du wirst milder mich richten, höre die Geschichte der drei Jahre, die ich, von meinem bösen Genius getrieben, fern von dir verlebte, dort in der neuen Welt, zu der ich Wahnsinniger geflohen war, um jeder Erinnerung an dich zu entgehen. Mit süßer Qual, mit namenlosem Höllenschmerz zog dennoch mein Herz mich zu dir zurück, ach laß von jenen dumpfen, entsetzlichen Tagen mich schweigen!


266 
Mit dem festen Vorsatz, ganz ein Anderer zu werden, als der ich gewesen, kam ich in Amerika an. Ich legte den Adel ab, der ohnehin in der neuen Welt nichts gilt; ich warf mich mit unerhörter Anstrengung in einen mir ganz neuen Wirkungskreis, um mich selbst und mein Gefühl zu betäuben. Ein alter Quäker, Namens Wilmot, nahm in sein Haus mich auf. Glück, Zufall, nenne es, wie du willst, waren mir günstig, der kinderlose Greis faßte eine väterliche Liebe zu mir. Nachdem ich ungefähr ein Jahr lang in seinem Geschäfte ihm redlich beigestanden, starb er in meinen Armen und hinterließ mir sein selbst erworbenes, nicht unbedeutendes Vermögen, unter der Bedingung, daß ich in Zukunft seinen Namen führen sollte. Was konnte an meinem Namen mir noch liegen? ich hatte ohnehin schon den Vorrechten, die er mir gewährte, entsagt, ich legte ihn ab und währte dadurch das letzte Band zu zerreißen,


267 
das an Europa, an meine Vergangenheit, and dich mich noch fesselte. Die Beendigung eines Geschäftes mit Emma's Oheim bewog mich bald darauf, nach Philadelphia zu gehen und dort einige Monate zuzubringen. Emma war kurz vorher aus England, wo sie nach dem Tode ihrer Eltern in einer Pension erzogen worden war, zu ihm gekommen. Du kennst sie ja und wirst nicht zürnen, wenn ich dir gestehe, daß der Anblick dieser zarten, rührenden Gestalt, die nähere Bekanntschaft mit dem sanften, liebevollen Wesen mir für dasselbe ein lebhaftes Interesse einflößte; nicht Liebe, Cäcilia, wahrlich nicht. Seit ich dich verlassen, lag mein Herz todt und kalt in meiner Brust, erstarrt für jedes wärmere Gefühl. Was ich für sie empfand, war nur ein unbeschreibliches Wohlwollen, der innigste Wunsch, sie Glücklich zu wissen, dazu beitragen zu können, daß sie es wäre. Aber sie war es nicht; mit jedem


268
Tage welkte sie sichtbarer und immer sichtbarer bin; die Aerzte behaupteten, sie könne das amerikanische Klima nicht vertragen, sie trugen darauf an, sie nach England zurückzuschicken; doch ihr Oheim, der ungern sich von ihr trennen wollte, forschte dem Grunde ihres Uebels ernstlicher nach und entdeckte ihn bald, denn Verstellung liegt ihr so fern! Freudig hoffend, mit der Offenheit eines wandern, mit aller Verkünstelung der verfeinerten Welt unbekannten Mannes, befragte er mich, ob mein Herz noch frei sey, und bot mir die Hand keiner Nichte an, die mich lieber gewonnen habe, als für ihre Ruhe gut sey. Cäcilia, kannst du mir vergeben? Eine halbe Welt, das unermeßliche Meer lag zwischen mir und dir, andre Sterne leuchteten mir, ich meinte Europa nie wieder zu sehen und glaubte auch von dir mich auf immer geschieden. Dem Namen, dem Stande nach war ich ein ganz Andrer geworden, und


269 
das Leben unter Protestanten hatte unvermerkt auf meine religiösen Ansichten gewirkt und meinen Glauben an manche Lehre unsrer Kirche verändert. Was soll ich viel der Worte noch machen! Spricht dein Herz nicht für mich, so sind sie doch alle verloren: ich war Emma’s Gatte, mit dem festen Entschluss, sie so glücklich zu machen, als es in meinen Kräften noch stand. Sie war es, sie war glücklicher und ich war ruhiger geworden, aber ihre Gesundheit blieb schwankend, die Aerzte beharrten auf dem Ausspruch, daß nur Veränderung des Klima sie retten könne, und ihr Oheim selbst trieb uns jetzt an, wenigstens auf ein Jahr nach England überzuschiffen. Doch auch die vaterländische Luft schien ihr nicht mehr zuzusagen, eine mildere ward ihr verordnet und wir gingen hieher. Kaum hatten wir unsre häusliche Einrichtung einigermaßen bequemer gestaltet, um ruhiger der ernsten Stunde entgegenzusehen, welche


270 
Emma in wenigen Monaten erwartete, als die Nachricht von dem Tode ihres Oheims mich zwang, sie zu verlassen und zurück nach Amerika zu gehen. Mit wahrem Heldenmuth unterdrückte sie den Schmerz der Trennung, um meiner zu schonen; Cäcilia, hättest du sie damals gesehen, du würdest begreifen, mit welcher bangen Sorge, mit welcher innigen Bewunderung ich in der Ferne ihrer gedenken mußte! Mitleid, Dankbarkeit, ein unbeschreibliches Gefühl, wie ein Bruder es für seine Schwester empfinden kann, zogen zu ihr mich zurück; doch Liebe? – Nein, nein, Cäcilia, nie habe ich sie geliebt, obgleich ich aus Schonung für sie Alles that, um ihr zu verhehlen wie wenig ich ihre Liebe zu erwiedern vermochte. An ihrer Seite, anmuthig und liebenswerth, wie sie ist, hat mich oft Langeweile beschlichen, selbst in den ersten Tagen unserer Vereinigung; ich dachte dein und fühlte, wie wenig sie dir gleicht.


271 
Bei dir, bei dir allein, Cäcilia, ist Leben, ist Seligkeit, du nur weißt zu lieben, ihre Liebe gleicht der Andacht, mit der man Heilige verehrt, und ich fühle nur zu sehr, daß ich keiner bin! Nur du, nur du kannst meine glühende Seele mit Himmelswonne erfüllen, ich habe dich wieder und lasse nur mit dem Leben von dir!”
“Sollen wir das sanfte, stille Wesen unserem Glücke morden? Sie stirbt, Gustav, sie stirbt, wenn sie Alles erfährt, und ihre bleiche Gestalt wird sich ewig zwischen uns stellen! Und müssen wir denn Beide untergehen, müssen wir uns nur gefunden haben, um uns wieder zu verlieren! Es ist furchtbar, es ist entsetzlich! rings um uns her, wohin ich den Blick wenden mag, seh’ ich nur unvermeidliches, unaussprechliches Elend, von dem Gott uns selbst durch ein Wunder nicht zu retten vermag!” Rief Cäcilia verzweifelnd mit bangem Händeringen.


272 
Gustav strebte mit zärtlicher Sorge sie zu beruhigen. “Emma ist Gott ergeben und fromm,” sprach er; “ihr Körper ist schwach, doch ihr Gemüth ist stark, sobald es der Pflicht gilt. Vertraue mir, ich kenne ihre edle Seele; ich will sie glauben lassen, daß ich dich für gestorben gehalten. Sie wird das Gerechte deiner früheren Ansprüche nicht verkennen, und Gott wird uns barmherzig sehn, er wird Trost und Ergebung ihr gewähren.”
“Umsonst, umsonst, sie ist nicht mehr zu täuschen, sie ist schon von Allem unterrichtet, und ich selbst, ich selbst ich Unselige! habe über den ganzen Umfang ihres unermeßlichen Unglücks ihr die Augen geöffnet!” rief Cäcilia und theilte in herzzerreißenden Worten den Inhalt ihres letzten Gesprächs mit Emma, dem unglücklichen Gefährten ihres Jammers, mit.
Gustav hörte sie an, ohne sie zu unterbrechen, seine Brust hob sich krampfhaft, sein


273 
Auge starrte wild. “So sey es denn! wir Alle sind dem Untergange geweiht, so komme denn bald, was kommen muß und kann, um diese Qual zu enden!” sprach er mit dumpfem, unterdrücktem Ton in sich hinein. Cäcilia, es giebt noch ein Asyl für uns, laß uns vereint es suchen, es ist das letzte, einzige, das dem Unglücklichen bleibt, den, wie uns, das Leben verstößt. Cäcilia, fuhr er, zärtlich sie umfassend, wie ein Begeisterter fort, “einst flohst du mit mir aus deiner Mutter Hause, um unsern Bund für das ganze Leben zu begründen, jetzt ist für uns das Leben dahin und nur die Ewigkeit bleibt uns. Fliehe mit mir dorthin, in das Reich der ewigen Ruhe, wo keine Trennung mehr ist; der milde, gnädige Richter, der dort oben herrscht, wird verzeihen, daß wir es wagen, freiwillig vor seinen Thron uns zu stellen, und einer Welt entfliehen, die kein Heil mehr für uns hat. Geliebteste, ich kenne deine muthige Seele,


274
komm mit mir, ein kurzer banger Augenblick noch, und wir ruhen in Frieden und alle Qual und alle Ungewissheit ist beendet.”
Cacilia fuhr erschrocken zusammen, geisterbleich, wie von Fieberfrost erbebend, blickte sie eine Weile ihn starr an. “Ich verstehe dich!” flüsterte sie kaum vernehmbar und wandte das Auge dem See zu, dessen spiegelhelle Fläche die Strahlen der eben aufgegangnen Sonne in ein Meer von flüssigem Golde umwandelten. “Vereint dürfen wir nicht leben, so laß uns denn sterben!” sprach Gustav mit der kalten Ruhe innrer Verzweiflung. “Wie lieblich winkt uns dort, im Glanze himmlischer Verklärung, das kühle weite Bett zur ewigen Ruhe!”
“So! so in den Tod!” rief Cacilia heftig und umschlang mit beiden Armen seinen Nacken. “Komm, eile, ehe das Haus erwacht!” flüsterte sie mit seltsam heimlicher Stimme und zog zur Thüre ihn hin.


275 
Ungestüm umfaßte Gustav sie und schloß sie fest an seine Brust. Seine glühenden Küsse brannten wie Feuer auf ihren Lippen. Sein Muth brach in der schmerzlichen Wonne dieser Umarmung. “Und muß es denn seyn!” rief er; “du solltest in wenigen Augenblicken, kalt, entstellt, der Verwesung anheim gefallen, dort in jener furchtbaren Wassertiefe – ” er schauderte und drückte Cäcilia fester an sich. “Diese Herzen,” fing er nach einigem Schweigen wieder an, “diese Herzen, die so warm, so liebevoll für einander schlagen, sollten in der nächsten Stunde auf ewig stille stehen müssen! Ist denn keine Hülfe mehr für uns, weder im Himmel, noch auf Erden!” rief er verzweifelnd.
“Keine, keine!” erwiederte Cäcilia fast tonlos; “so komm und zögre nicht länger.”
“Ich kann, ich kann dich nicht sterben sehen!” rief Gustav. “Wenn wir nun Arm


276 
in Arm hinabsinken, wenn ich im letzten Augenblicke fühle, wie das scheidende Leben dich zuckend durchbebt – es ist zu grausend, zu entsetzlich, in rasender Verzweiflung müßte mein unseliger Geist seine Hülle verlasen. Es darf, es soll nicht seyn, ich ertrage es nicht. Cäcilia, laß mich, den einzig Schuldigen, allein gehen; bleibe bei Emma, weine mit ihr um den Unglücklichen, der sterben muß, weil er mit unverzeihlichen Leichtsinn, mit übermüthiger Hast sein eignes Glück und das deine unwiederbringlich zerstörte.”
“Ohne dich leben! Dich sterbend wissen! Nein, nein, ich lasse dich nicht!” rief Cäcilia, ihn fester umklammernd.
In disem Augenblicke ward es im Hause laut, Thüren gingen auf und zu, und die Tritte geschäftiger Diener ließen auf Treppen und Gängen sich vernehmen. “Es ist zu spät, das Haus ist wach und wir könen nicht unbemerkt daraus entkommen!” rief Cäcilia. Beide


277 
saßen bleich, erschöpft und schweigend neben einander.
“Gott will es nicht, wir sollen noch zögern, und vielleicht zeigt er gnädig uns noch einen andern Ausweg, als diesen fürchterlichen, gegen den die Natur sich empört!” sprach Cäcilia endlich, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend, mit plötzlich über sie gekommner Fassung. “Laß mich jetzt den Vorsatz ausführen, zu dem ich entschlossen war, ehe du kamst. Ich gehe fort, zu Freunden, dort bleibe ich, und du sollst von mir hören. Vielleicht zeigt sich uns noch ein andres Mittel, die fürchterliche Verwirrung zu lösen, in der mir jetzt nur Tod und Untergang erblicken; und als letzte Zuflucht bleibt das Grab uns immer gewiß. Gehe jetzt, mein Geliebter, gehe, damit man dich bei mir nicht überrascht, gehe und sey freundlich gegen die arme Emma, gehe,” sprach sie nochmals und drückte ihn mit heißer Inbrunst an ihr Herz.


278
Nach seiner alten Gewohnheit, von einem Gefühle zum andern schnell überzugehen, athmete Gustav hoch auf, als sey die Last, die ihn bedrückte, schon von ihm abgefallen. Indem er Cäciliens Vorsatz, sich zu entfernen, billigte, versprach er während der Zeit zu versuchen, ob es nicht möglich sey, Emma von seinem Verhältniß zu Cäcilien mit zarter Schonung zu unterrichten, ohne allen Lebensmuth in ihr zu zerstören, ohne das fromme, der edelsten Resignation, fähige Herz zu brechen, das mit fast überirdischer Liebe an ihm hing. Cäcilia blickte mit einem eigenen, fast mitleidigen Lächeln ihn an, während er mit Hoffnungen und Trostgründen sich selbst zu täuschen suchte, deren Ungültigkeit er noch vor wenigen Augenblicken anerkannt hatte.
“Die Zeit drängt und du mußt mich verlassen!” rief sie endlich, stand auf und führte ihn zu einem kleinen Betaltar, der in der Ecke ihres Zimmers stand.


279 
“Gustav,” sprach sie mit feierlichem Ernst, “gewähre mir noch eine Bitte, du darfst sie mir nicht versagen, wenn meine Ruhe dir lieb ist. Du gehst jetzt beinahe, hoffend von mir, deine Hoffnungen können scheitern, Vieles sich ändern, dein Gemüth sich wieder umdüstern. Gelobe mir, es geschehe auch was du wolle, gelobe mir mit einem feierlichen Eide; hier lege deine Hand auf das erhabenste Sinnbild unsrer Religion!” rief sie und hielt das Krucifix, das auf dem Altar stand, ihm vor; “schwore mir, Gustav, bei dem Bilde des Gekreuzigten, daß du ohne meine Einwilligung nie freiwillig den Tod suchen willst.”
Sie stand vor ihm erhaben, groß, wie eine Himmlisch-Begeisterte, ihr Auge strahlte von ungewohntem Feuer. Gustav, ergriffen von dem wunderbaren Ausdruck ihrer Rede, ihres ganzen Wesens, vermochte nicht ihr zu widerstehen, er that, was sie verlangte, und riß dann mit innerem Widerstreben sich endlich von ihr los.


280
Sobald Gustav sich entfernt hatte, schloß Cäcilia die Thüre ihres Zimmers ab und warf sich an ihrem Betpult auf die Knie nieder; dort lag sie lange in brünstigem Gebet. Sichtbar erheitert und gestärkt erhob sie sich wieder und verweilte emsig schreibend an ihrem Schreibetisch, bis sie, wie gewöhnlich, zum Frühstück gerufen wurde. Sie gab dem Mädchen ein Billet an Emma, in welchem sie dieser, so wie sie es früher beschlossen, ihre Reise nach Lausanne und die Gründe, die sie dazu bewogen, meldete, und zugleich ihre Freundin dringend ersuchte, sie ohne Abschied gehen zu lassen. Dann schlich sie unbemerkt sich aus dem Hause und suchte einen ihr wohlbekannten Fischer auf, der sie aber in seinem Rachen nicht nach Lausanne, sondern nach dem einsameren Ufer des Sees führen mußte, nahe an dem Orte, wo die Wellen die dumpfen Kerker des schauerlichen Schlosses Chillon umspülen, dessen verhängnißvolle


281 
Mauern und Thürme sich aus ihrem Schooße erheben.
Der Abend dunkelte bereits. Emma saß vor der Thüre des Hauses, mit ihren Kindern beschäftigt; Gustav aber stand allein im Garten, hart am Ufer des Sees. In tiefem, schmerzlichem Sinnen verloren, blickte er starr in denselben hinab, als wolle er die kleinen kräuselnden Wellen zählen, die zu seinen Füßen am Gestade sich brachen. Da schlich ein junger Schiffer auf einem Seitenwege vorsichtig an ihn heran und überreichte ihm einen Brief, den eine Dame, die er heute Morgen nach Schloß Chillon gefahren, ihm, wie er sagte, für Herrn Wilmot gegeben.
Gustav erkannte die Schrift und das Siegel, mit bebenden Händen erbrach er das Schreiben, überlief flüchtig den Inhalt desselben, stieß einen lauten, furchtbaren Schrei aus und hätte von dem ziemlich hohen Ufer sich hinab in die Wellen gestürzt, wenn nicht


282
der Schiffer, der, ohne daß er es bemerkte, ihm zur Seite geblieben war, ihn mit kräftigem Arm davon zurückgehalten hätte. Doch Gustavs Verzweiflung war gewaltiger, als selbst die Kräfte des jungen rüstigen Mannes, es entstand ein ungleicher Kampf zwischen beiden, Gustav rang mit ihm um den Tod, wie andre kaum um Erhaltung ihres Lebens ringen; der Fischer rief laut und anhaltend um Hülfe, und Emma, die schon durch Gustavs Stimme aufmerksam geworden war, eilte herbei, von mehreren Leuten gefolgt. Schon von weitem sah sie das Entsetzliche, und Todesangst beflügelte ihre Schritte. Gustav stieß, als er sie erblickte, abermals einen furchtbaren Schrei aus und sank, einem Todten gleich, bewußtlos zu Boden. Seine krampfhaft geschloßne Hand hielt noch immer das unselige Blatt fest, erst später, als man ihn in das Haus getragen, konnte man mit vieler Mühe es ihm entwinden. Emma las


283 
es, um die Veranlassung des fürchterlichen Zustandes zu erfahren, und übersah mit einem Mal den ganzen entsetzlichen Umfang ihres unaussprechlichen Unglücks.
“Es giebt noch einen Ausweg aus unserem unsäglichen Elend, mein Gustav!” schrieb Cäcilia; “und in deinen Armen, als du allein dem Tode dich weihen wolltest, hat ein guter Geist mir ihn in die Seele gegeben. Gott selbst, zu dem ich brünstig um Erleuchtung gefleht habe, gewährt mir Muth, den Schauerweg, unerachtet des undurchdringlichen Dunkels, das ihn umgiebt, gefaßt zu erwählen, denn er ist der einzige, der zur Lösung der schweren Verwirrung führen kann, in die wir Alle verfallen sind.”
“Bleiben ist schwerer als gehen, das, o mein einzig Geliebter, empfinde ich tief in dieser ernsten Stunde; Du bist beweinenswerther als ich, aber gedenke des heiligen Eides, den du in meiner eigentlichen Sterbestunde


284 
mir geleistet, denn damals starb ich, als ich von dir schied. Wage nicht, auf meinem dunkeln Pfade mir zu folgen, trage das Leben als Buße für dein so menschliches Vergehen, und bete für das Heil meiner Seele, bis Gott dich abruft und uns wieder vereint. Dir erlauben voranzugehen oder mich zu begleiten, darf ich nicht. Dein Tod würde auch Emma's Herz brechen, und das darf nicht geschehen. Nun ich dahin bin, ist Alles gelöset; Emma ist nun deine rechtmäßige Gattin und deine Kinder haben einen Vater. Sey der armen schuldlosen Emma freundlich, und kannst du ihr mein trauriges Ende nicht verheimlichen, so verbirg ihr wenigstens, was mich bewogen, es zu wählen. Dies ist meine letzte Bitte an dich, es ist die einer Sterbenden und du wirst sie erfüllen.”
“Alles, was ich auf Erden besaß, soll zu Messen für die baldige Erlösung meiner Seele verwendet werden, und auch du, davon bin


285 
ich überzeugt, wirst keines der heilbringenden Mittel versäumen, die unsre Kirche uns beut, damit ich bald zu jenen lichten Räumen gelange, wo ich in der Gesellschaft der Seligen deiner harren werde. Ich segne dich in meinem letzten Augenblick, mein Geliebter, mein Gemahl, mein Alles auf Erden, dich und meine Nachfolgerin und deine Kinder, und flehe nochmals, trage das Leben, das ich als ein schwer drückendes Gewand von mir werfe, um der ewigen Liebe entgegen zu eilen, die mich nicht auf ewig verdammen wird, weil ich den Opfertod für das Glück Andrer mir erwähle.”
_________________________
Emma machte viele Wochen lang mit unsäglicher Treue, mit nie ermüdender Sorgfalt an dem Bette, auf welchem die Gewalt eines verzehrenden Fiebers den unglücklichen Gustav gefesselt hielt. Sie versäumte sogar nicht,


286 
Cäciliens entseelten Körper längs dem See aufsuchen zu lassen; doch unerachtet aller bemühungen ward er nicht gefunden, vermuthlich hatte der Bergstrom, der mit brausender Gewalt dicht hinter Schloss Chillon von einer Anhöhe herunterstürzt und zwischen die Felsenklippen im Grunde des an jener Stelle fast unergründlich tiefen Sees geschleudert. Cäciliens Hut und Schleier wurden am Ufer wo sie beides vermuthlich abgelegt hatte, ehe sie den furchtbaren Sprung in die Tiefe wagte, von Fischern gefunden.
Gustavs umdüsterter Geist kämpfte lange mit grausenvollen Fiebergebilden, und die verwirrten Reden, die er in diesem, an Wahnsinn gränzenden Zustande austieß, bewiesen der bedauernswürdigen Emma nur zu deutlich, wie heiß er Cacilien geliebt und wie wenig sie selbst ihm gewesen. Sie ertrug Alles mit beispielloser Geduld; nur Gott hörte ihre Klagen und sah ihre Thränen. Im Aeußersten


287 
gefaßt, bewachte sie fortwährend den Kranken, den sie keinen Augenlick verließ, obgleich sie in seltnen hellen Augenblicken, in denen er fähig war, seine Umgebungen zu erkennen, sich vor ihm verborgen halten mußte, denn sobald er sie erblickte, ergriff ihn wahnsinnige Wuth. Er nannte in solchen dunkeln Momenten sie seinen bösen Genius, fluchte ihr als der Mörderin Cäciliens und es war schwer, ihn von Gewaltthätigkeiten abzuhalten, die ihrem Leben drohten. Und doch stieg darüber seine bittre Empfindung in Emma auf; nur das tiefste Mitleid mit dem unglücklichen Paare regte sich in ihrem brechenden Herzen.
Die Wuth des Fiebers lösete sich endlich in tiefe Erschöpfung auf. Stumm, regungslos, einem Todten ähnlich, hatte Gustav mehrere Tage lang da gelegen, als endlich Emma, auf Anrathen des Arztes, es wagte sich ihm zu zeigen. Sie brachte ihm seine


288 
Kinder, sie setzte sie vor ihn hin auf sein Bette, mit gefalteten Händchen hoben sie die kleinen schwachen Arme gen Himmel; Emma hatte diese stumme rührende Bitte sie heimlich gelehrt, deren Sinn sie noch nicht verstanden; sie selbst sank neben ihm auf die Knie, “Verlaß uns nicht! Cäcilia bittet für uns; um ihretwillen bleibe bei uns!” flüsterte sie schüchtern mit unendlich flehendem Blick.
Gustav vernahm den leisen Ton ihrer Stimme, mühsam schlug er das matte Auge auf, betrachtete wechselweise bald sie, bald die Kinder, und brach zulezt in einen Strom von Thränen aus, die ersten, die er weinte, seit er Cäcilien verloren. Diese Thränen retteten ihn; seine Jugendkraft trug über Krankheit und Tod den langsamen, aber sichern Sieg endlich davon.
Emma aber neigte von nun an sich immer schtlicher dem Grabe zu; Gustav war ihr freundlich, er gab sich alle Mühe ihre


289
Leiden zu lindern, er erfüllte sogar die Bitte, die sie einige Wochen später unter bangem Herzklopfen und wahrer Seelenangst ihm vorzutragen wagte, den Segen der Kirche, um ihrer Kinder willen, noch einmal über ihre Verbindung aussprechen zu lassen; doch weder Liebe noch Freude kehrten je wieder in dem verödeten Hause ein. Gustav blieb finster und in sich gekehrt und starrte oft Stundenlang in die blaue Tiefe hinab, die das Leben seines Lebens in ihrem Schoße aufgenommen hatte. Nur die beiden Knaben blühten fröhlich heran, während ihre Mutter mit jedem Tage sichtbarer hinwelkte und dabei immer freundlicher, immer verklärter wurde. Keine Klage entschlüpfte ihren Lippen und wenn Gustav ihre immer mehr verfallende Gestalt mit kummervollem Blicke betrachtete , so war sie stets bemüht ihn zu versichern, daß sie sich sehr wohl fühle und daß ihr Uebel nur das alte, längst gewohnte sey, zu dem sie schon


290 
in Amerika, lange ehe sie ihn gesehen, den Keim in ihrer Brust getragen.
_________________________
Acht Jahre waren seit jenem eben so traurigen, als furchtbaren Ereignisse vergangen, während welchen auch das Leben von Cäciliens ehemaligen Verlobten, des Rittmeisters, jetzt Obrist von Dornbach, sich anders und glücklicher gestaltet hatte. Heitern Sinnes und beruhigten Gemüthes war er nach Jahr und Tag von der Reise wieder heimgekehrt, die er an Cäcilien’s Hochzeitstage angetreten, und führte jetzt, an der Seite einer in jeder Hinsicht liebenswürdigen Gemahlin, ein wahrhaft glückliches Leben. Nicht leidenschaftliche Liebe, aber herzliche Neigung, gegenseitige innige Hochachtung hatten Beide einander zugeführt, und auch die Vernuft hatte bei ihrer Verbindung eine Stimme gehabt. Im Lauf der Zeit gewannen sie einander mit jedem Tage lieber, und die heitre Zufriedenheit


291 
dieses seltenen Paares wurde selbst dadurch, daß ihre Ehe bis jetzt kinderlos geblieben war, nicht gestört. Beide fühlten zu innig den Werth ihres gegenwärtigen Glücks, um es durch Wünsche nach Erhöhung desselben sich zu trüben. Beide liebten das Reisen und konnten, so oft sie es wollten, diese Neigung befriedigen, ohne durch die Sorge für ein zurückgebliebnes geliebtes Kind sich davon abhalten lassen, oder gar durch Mitnehmen der lieben kleinen Familie der ganzen Freude verbitternde Beschwerden auflegen zu müssen. Auch hatten sie bis dahin noch jeden Sommer bald größere, bald kleinere Ausflüge unternommen, von denen sie immer mit neuer Freude in ihre geliebte Heimath zurückkehrten; doch dieses Mal hatte mehr die Nothwendigkeit, als das Vergnügen sie zum Besuch einer berühmten Heilquelle bewogen, denn die alten Schmerzen, die noch zuweilen in den ehrenvollen Wunden


292 
des Obrist von Dornbach sich regten, waren im Laufe des vergangenen Winters sehr oft wiedergekehrt. Er hatte dem Rathe seines Arztes und den Bitten seiner um ihn besorgten Gemahlin nachgeben müssen, und erfreute sich jetzt der glücklichen Fortschritte einer Cur, die ihm völlige Befreiung von allen ihm oft lästig werdenden Beschwerden zu gewähren versprach.
Dornach war in seinem Zimmer allein, als ein Fremder ihm gemeldet wurde, der, ohne seinen Namen nennen zu wollen, als ein alter Bekannter bei ihm Zutritt verlangte. Die bleiche Gestalt des in tiefe Trauer gekleideten jungen Mannes, der, begleitet von zwei schönen, einander auffallend ähnlichen Knaben, in das Zimmer trat, schien dem Obrist zwar nicht ganz fremd, aber er wußte sich doch nicht zu erinnern, wo er dieses Gesicht gesehen haben könne, aus dessen von Gram vertieften, früh gealterten Zügen tiefe


293 
Schwermuth lange vor der Zeit jede Spur von Jugendlichkeit verloschen zu haben schien.
“Sie erkennen mich nicht wieder, Herr Obrist,” sprach der Fremde mit bewegter Stimme; “ich verdenke es Ihnen nicht, erkenne ich selbst doch schon seit langer Zeit mich nicht mehr. Einst war ich Gustav von Falkenhorst: der ist dahin! Sein Schattenbild heißt jetzt Wilmot.”
Dornbach fuhr erschrocken zusammen, er warf einen ängstlich verlegnen Blick auf die Thüre, dann nach dem Fenster hin, ehe er sich genugsam fassen konnte, um seinen Gast freundlich zu bewillkommen.
“Ich komme Ihnen vielleicht nicht zu gelegener Stunde,” sprach Wilmot; “meine düstre Erscheinung gehört wohl überhaupt nirgend zu den erfreulichen; doch vergeben Sie mir meine Zudringlichkeit. Ich fand Ihren Namen auf der Brunnenliste, mein Herz zog mich, ich konnte dem inneren Drange nicht


294 
widerstehen, ich konnte mir schmerzliche Freude nicht versagen, Cäciliens Namen von den Lippen des Mannes zu hören, der sie auch einst gekannt und geliebt hat, und in dessen großem schönem Herzen ihr Andenken gewiß noch nicht erloschen ist.”
“O Gewiß, gewiß nicht!” erwiderte der Obrist sonderbar befangen. “Aber Ihre zweite Gemahlin, Herr Wilmot, ist sie mit Ihnen hier? Hat Emma Sie nach Deutschland begleitet?” setzte er fast wie in Zerstreuung hinzu.
“Wie!” rief Wilmot mit gespannter Aufmerksamkeit; “mein ganzes Unglück, die Geschichte meines unseligen Lebens, sogar der Name Emma ist Ihnen bekannt?”
Der Obrist ward sichtbar verlegen, wie einer der da fühlt, eine Uebereilung begangen und etwas Unpassendes gesagt zu haben. “Die ganze unglückliche Begebenheit machte damals großes Aussehen,” antwortete er sehr befangen; “Sie ward in den Zeitungen erwähnt,


295 
und Sie fühlen wohl, daß ich nicht ohne große Theilnahme ---- aber ist Madame Wilmot mit Ihnen hier?” fragte er nochmals und blickte wieder ängstlich durch das Fenster auf die Straße.
“Unsre Mutter ist im Himmel!” sprach einer der Knaben. “Sie bittet dort beim lieben Gott für uns und den Vater!” setzte der andere hinzu.
Wilmot schloß heftig bewegt die Kinder in die Arme. “Ja, so ist es, Herr von Dornbach,” sprach er tief aufseufzend “zwei der edelsten Herzen, die je in einem weiblichen Busen geschlagen, sind verstummt, gebrochen, um meinetwillen, durch meine Schuld, und ich lebe noch! und muß das Leben tragen um dieser Unschuldigen willen! Arme Emma! schon sieben Jahre sind dahin, seit sie und ihr gebrochenes Herz mit den ersten Veilchen ins Grab sank. In der Gestalt eines rettenden Engels trat der Tod zu ihr heran, und sie lächelte ihm freundlich entgegen. Ich durfte


296 
um ihre Erhaltung nicht beten, denn ihr Leben an meiner Seite war ein ewiges Sterben.”
“Lieber Falkenhorst,” sprach der Obrist, der sich indessen wieder dem Fenster zugewendet hatte, mit ängstlicher Eile: “Sie können nicht glauben, nicht begreifen, welchen innigen Antheil ich an Ihnen, an Ihrem Geschick empfinde; aber in diesem Augenblick muß ich sie bitten, sich schleunigst zu entfernen. Ich werde Sie aussuchen, vielleicht Ihnen Trost bringen, hoffen Sie das Beste, nur jetzt gehen Sie, gleich, schnell, durch dieses Zimmer hier,” setzte er hinzu, indem er eine Tapetenthüre öffnete; es ist die höchste Zeit, nur schnell, dort jene Thüre führt in den Garten, durch den können Sie ungesehen. . . . . gerechter Gott, es ist zu spät!” rief er plötzlich.
“Da sind wir wieder!” sprach Frau von Dornbach fröhlich, indem sie am Arm einer andern Dame durch die Hauptthüre in das Zimmer trat.


297 
Mit gesträubtem Haar, weit geöffneten leblosen Augen, das bleichte Bild des Schrekkens, stierte Wilmot die Eintretenden an. “Die Todten stehen auf!” rief er mit furchtbarem Ton und stürzte bewußtlos zusammen. Die Freundin, welche Frau von Dornbach begleitete, war Cäcilia.
________________________
Zum zweiten Mal war Dornbach Cäciliens sichtbarer Schutzengel geworden. Auf einer Reise durch die Schweiz, die er in den ersten Jahren seiner Verheirathung unternahm, hatte seiner Gemahlin große Vorliebe für den Dichter Byron ihn bewogen, sie auch nach dem von gewöhnlichen Reisenden selten besuchten Schloß Chillon zu führen. Von einem einzigen Führer begleitet, waren sie in den tief unter der Oberfläche des Sees im Felsen eingehauenen Kerker hinabgestiegen, in welchem der edle Bonnivard einst geschmachtet


298 
hatte, dessen Undenken Lord Byron, *) durch eine seiner gelungensten Dichtungen verherrlicht, bei der Nachwelt erneuerte. Schaudernd betrachteten sie bei Fackelschein die dem Felsenboden eingedrückten Spuren von den Tritten des Gefangnen, der in der dunkeln feuchten Kerkernacht, durch die an einem Pfeiler befestigten Ketten in seinen Bewegungen beschränkt, immer auf der nämlichen Stelle einsam auf und abwandelte, bis endlich nach sechs ihm zur Ewigkeit sich ausdehnenden Jahren die Stunde seiner Befreiung geschlagen.
Dornbach vermochte nicht lange an dieser unheimlichen Stelle zu verweilen; er fühlte von einem ganz eignen ängstlichen Gefühle sich ergriffen, das er der dumpsen eingeschloßnen Luft zuschrieb; ihm war, als ob eine Stimme in seinem Innern ihn herausrief,
_______________
*) Siehe die Auszeige von dessen sämmtlichen Werken am Schlusse dieses Teiles. Der Seher.


299 
und er trieb seine Frau an, den Schreckensort schnell wieder zu verlassen. Doch kaum waren sie in den höher belegnen Räumen des Schlosses angelangt, als plötzlich ihr Führer, mit einem Ausruf des Entsetzens, an ihnen vorüber, die Treppe hinunter und dem Ausgange des Schlosses zueilte; Dornbach folgte ihm auf dem Fuße, indem er seiner Frau zurief, oben zu bleiben. Erschrocken trat diese an das Fenster, an welchem Beide eben gestanden , und sah in einiger Entfernung vom Schlosse, hart am See, ein junges Frauenzimmer inbrünstig betend auf den Knieen liegen. Die zitternde Hand hielt ein kleines Krucifix, auf welchem der schon halb gebrochene Blick mit dem Ausdruck unendlichen Schmerzes haftete; die ganze Haltung der Unglücklichen, jede ihrer Bewegungen verriethen nur zu deutlich, welch ein furchtbares Vorhaben an diese einsame Stelle des Seeufers sie getrieben habe. Sie drückte das


300
Krucifix an ihre Lippen, verbarg es in ihrem Busen und erhob sich von den Knieen. Noch einmal blickte sie zum Himmel auf, warf Hut und Schleier von sich und bereitete sich augenscheinlich zu dem furchtbaren Schritt aus dem Reiche der Lebendigen. Frau von Dornbach rang die Hände in fruchtloser Angst; doch jetzt, jetzt, eben noch im rechten Augenblick ereilten Dornbach und der Führer die Verzweifelnde, die, halb schon in die Geisterwelt hinüber, ihr Herannahen nicht bemerkte. Sie sank ohnmächtig zusammen, als sie von kräftigen Armen sich umfaßt fühlte, ward von ihren Rettern in das Schloß getragen, und Frau von Dornbach, von Mitleid und Entsezen durchdrungen, eilte jetzt ebenfalls hinab ihr beizustehen.
Das Gefühl, mit welchem Dornbach in der Geretteten seine ehemalige Verlobte erkannte, erlaubt seine Beschreibung. Sein früheres Verhältniß zu Cäcilien von Wahlheim


301 
war seiner Gattin nicht unbekannt geblieben, mit gewohnter Offenheit verschwieg er ihr auch jetzt nicht, wer die Bedauernswürdige sey, für die er ihr Mitleid, ihre ihm bekannte, Herzensgüte vorbittend in Anspruch nahm, und gestand ihr zugleich, daß er mit den jetztigen Verhältnissen derselben zu unbekannt sey, um begreifen zu können, welche furchtbare Verknüpfung der Umstände sie bis zu diesem Grade von Verzweiflung getrieben haben könne. Doch es bedurfte seiner Vorbitten nicht, das eigne Gemüth der gütigen Frau trieb sie an, sich der Bedauernswerthen anzunehmen, deren Unglück allein ihr die gerechtesten Ansprüche an Allen gab, was sie für sie thun konnte.
Im nahen Städtchen Villenueve, wohin Dornbach sie sogleich in seinem Wagen gebracht hatte, und im Arm der liebevoll um sie bemühten Frau erwachte Cäcilia erst nach mehreren Stunden aus ihrer Betäubung, wie


302 
aus einem bangen Traume. Es währte lange, ehe sie begreifen konnte, was mit ihr vorgegangen sey, und nur der zarten Milde, der versichtigen Schonung, mit der sie behandelt wurde, konnte es gelingen, sie vor den Schreckbildern zu retten, die, als sie wieder zur Besinnung gelangte, auf ihren Geist einstürmten. Frau von Dornbach wagte es nur mit großer Vorsicht, mit Dornbach’s Nähe und ihrem eigenen Verhältniß zu demselben sie bekannt zu machen; nur sehr allmählig furchte sie auf das Wiedersehen eines alten Freundes sie vorzubereiten, und doch wirkte die Erschütterung ihres Gemüths zu gewaltsam auf Cäcilien, als Dornbach nur wirklich vor ihr stand.
Cäcilia hatte damals ihr drei und zwanzigstes Jahr erreicht, Dornbach war zehn bis zwölf Jahre älter, als sie, und Frau von Dornbach stand mit ihm fast in gleichem Alter. Seine frühere Neigung zu Cäcilien


303 
hatte durch die Zeit einen ernsteren, fast väterlichen Charakter angenommen, die er auf die ihr wohlthuendste Weise an den Tag legte. Was nur immer das innigste Mitleid, die mildeste Schonung, das herzlichste Wohlwollen ersinnen kann, um ein schwer verwundetes Gemüt zu heilen, wurde von ihm und seiner ihm freudig die Hand dazu bietenden Gattin angewendet, um Cäcilien wieder mit sich und dem Leben zu versöhnen, ihre Ansichten desselben zu erheitern und auch die religiösen Zweifel zu bekämpfen, die ihr in Gustav’s und Emma’s Verbindung, so lange sie selbst noch am Leben sey, eine Todtsünde zeigten, deren sie durch Duldung derselben sich theilhaftig mache.
Mehrere Tage vergingen, ehe Dornbach eine vollkommne Uebersicht von Cäcilia’s gegenwärtiger Lage und dem harten Geschick gewinnen konnte, das sie zur Verzweiflung getrieben; er ließ sich unter der Hand nach


304 
dem gegenwärtigen Zustand in Wilmot’s Hause erkundigen, vernahm, daß dieser selbst bedeutend krank und Emma seine liebevolle Pflegerin sey, und achtete es nun für das Gerathenste, Cäciliens Rettung geheim zu halten, um nicht von Neuem die unselige Verwirrung wieder herbeizuführen, die nun einmal, wenn gleich auf sehr schmerzliche Weise, gelöset war. Niemand wußte um die Erhaltung von Cäciliens Leben, als der schweizer Führer, der dabei mit thätig gewesen war, und diesen zum Schweigen zu bewegen, war nicht schwer, besonders da Dornbach die Vorsicht so weit trieb, ihn mit sich zu nehmen, um ihm in einem andern Kanton ein kleines Gütchen zu kaufen, was ihn auf den Gipfel aller seiner Wünsche setzte.
Vernünftige Vorstellungen, freundliches Zureden von Dornbach’s Seite, dringende Bitten von Seiten seiner Frau, die Cäcilien wirklich lieb gewonnen hatte, und mehr noch


305 
ihr eigenes Gemüth, bewogen diese endlich, sich der Leitung ihrer Freunde zu überlassen, ihre Vergangenheit als abgeschlossen zu betrachten und unter dem Schutze des würdigen Paares, das so viel Liebe ihr bewies, ein neues, wenn nicht beglücktes, doch ruhiges Leben zu beginnen.
Seit seiner Verheirathung bewohnte Dornbach ein andres, von Cäciliens ehemaligem Wohnort weit entferntes Gut, wo sie unerkannt zu bleiben hoffen konnte. Dort lebte sie nun seit acht Jahren. In der Nachbarschaft galt sie für eine nahe Verwandte der Frau von Dornbach, deren Familiennamen sie auf Verlangen ihrer Freunde angenommen hatte, damit kein Zufall die Kunde von ihrer Rettung zu Gustav bringen könne.
Im Laufe der Zeiten kehrten Ruhe und stille Ergebung in ihrem Gemüthe ein, im Aeußern wenig verändert, im Innern weit sanfter geworden, lebte sie mit Frau von


306
Dornbach in einem wahrhaft schwesterlichen Bunde, und vergaß es ganz, daß sie diesen edeln Menschen nicht wirklich verwandt sey, deren Leben sie durch ihre Gegenwart verschönte, während sie Alles anwandten, um das ihrige zu erheitern und sie mit ihrem Geschick dauernd zu versöhnen. Gustav’s Andenken lebte noch immer in ihrem Gemüthe, aber sie gewöhnte sich mit stiller Wehmuth, wie eines geliebten Todten seiner zu gedenken, den sie erst in einer andern Welt wiederzusehen hoffen durfte. Nach Jahr und Tag hatte Dornbach, auf ihr Verlangen, sich abermals nach ihm erkundigt und erfahren, daß Herr Wilmot mit seiner Familie Bevay verlassen und wahrscheinlich zurück nach Amerika gegangen sey; Emma’s Tod war dabei nicht erwähnt worden, und Cäcilia glaubte diese nun mit ihm vereint und sich selbst von ihm auf immer geschieden.
Gustav war im Aeußern zu sehr verändert


307 
und sein Anblick, als er Cäcilien erblickte, wirklich zu furchtbar, als daß diese im ersten Augenblicke ihm hätte wiedererkennen sollen. Dornbach bermerkte dieses, und ein Wink von ihm war für Frau von Dornbach genug, um sich mit Cäcilien sogleich aus dem Zimmer zu entfernen. Mit unaussprechlicher Sorgfalt und Behutsamkeit wurden Cäcilia und Gustav von ihren Freunden auf ein beinahe eben so schmerzliches, als freudiges Wiedersehen vorbereitet, das, als es Statt fand, Beide dennoch fast zu gewaltsam erschütterte. Erst nach und nach lernten sie in ein Glück sich finden, das freilich sehr von dem verschieden war, das sie einst verscherzt und verloren. Von wilder Leidenschaftlichkeit, von Schmerz und Kummer vor der Zeit zerstört, war ihre Jugend unwiederbringlich dahin; mit ihr war aber auch jedes stürmische Gefühl verbrauset, das früher sie bald beseligt, bald zur Verzweiflung getrieben.


308 
Unter schmerzlichen Rückblicken auf die nie wiederkehrende Vergangenheit, ergriffen sie sich abermals bei der Hand, fest entschlossen, liebend und treu an einander zu halten bis an’s Ende. Zum zweiten Mal ward ihr Bund durch den Segen der Kirche geheiligt; Wilmot behielt diesen Namen bei, er kaufte in Dornbach’s Nähe sich an, und er und Cäcilia führen jetzt dort ein still zufriednes Leben, von keinem innern, noch äußern Sturm mehr gestört. Gleich einem bangen und schönen Traum liegt die Vergangenheit jetzt hinter ihnen, von der Nichts ihnen geblieben ist, als Emma’s beide Knaben, für die mit unendlicher Liebe zu sorgen das Glück und die Hauptbeschäftigung ihres Lebens ausmacht.

Bibliographic Information
Publication Place
Germany
Number of Pages
147 page(s)
Files Associated with this Work