Des Adlers Horst

This text was prepared and edited by Kajsa Spjut,
Brigham Young University

 

Des Adlers Horst.


[Johanna Schopenhauer]

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“Freund Richter! ist es möglich? seyd Ihr es, oder ist es Euer Geist?“ rief bei meinem Eintritt in eines der elegantesten Kaffeehäuser von Edinburg eine mir nicht unbekannte Stimme, in recht gutem, wenn gleich etwas fremdartig ausgesprochenem Deutsch mir entgegen, und ein kräftiger Arm ergriff meine Hand, und schüttelte sie mir fast aus dem Gelenk. Ich erwiederte den ächt englischen Gruß nach besten Kräften und mit nicht minder großer Freude, als der mich Begrüßende dabei äußerte; denn ungeachtet des Zeitraums von sechs Jahren, in welchem wir uns nicht gesehen, und obgleich seine damals schmächtige, schlanke Gestalt sich indessen in eine recht stattliche umgewandelt hatte, so erkannte ich in

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ihm doch sogleich meinen alten englischen Universitätsfreund Thomas Hill, mit dem ich in Göttingen so manche frohe Stunde verlebt, so manchen lustigen Jugendstreich ausgeführt hatte. Alle, die zu dem kleinen Kreife gehörten, zu welchem ich damals mich zählte, hatten den wackern Jungen lieb gehabt, weil er so fröhlich sich uns anschloß, nicht wie viele seines Gleichen verschmähte, in unserm Lande nach unserer Art mit uns zu leben, und auch Jeden unter uns für das gelten ließ, was dieser, von frischem Jungendmuth getrieben, sich fühlte zu seyn.

Daß Tom noch der Alte geblieben sey, ging schon daraus hervor, daß er die deutsche Sprache nicht vergessen hatte, mit deren Erlernung er sich damals viel Mühe gegeben; ich freute mich unendlich den lieben gewohnten Klang von seinen Lippen zu hören, der im fremden Lande, selbst von den Gleichgültigsten ausgesprochen, wohl Jeden in freudige Rührung

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verfetzt; mir aber kam der unverhofft wiedergefundene Freund, der auf diese Weise an die schöne Jugendzeit mich erinnerte, beinah wie eine himmlische Erscheinung vor. Nach fünf Minuten saßen wir schon bei einer Flasche Claret einander gegenüber, so traulich als wären wir nimmer getrennt gewesen, und nun ging es an ein Fragen von seiner, an ein Antworten und Erzählen von meiner Seite, ohne Ende. Von allen unsern Bekannten mußte ich ihm Bericht abstatten, von Todesfällen, Heirathen, Liebschaften, und auch von der unbezähmbaren Reiselust, die mich, nachdem ich die Universität verlassen, durch halb Europa getrieben; und wie ich nun noch zu guter Letzt Schottland kennen lernen wolle, ehe ich heimkehre, um mich in das Geschäftsjoch einspannen zu lassen, welches das erwünschte und gescheute Ziel alles unseres jugendlichen Strebens ist.

Ein glänzenderes Lous war meinem Freunde

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gefallen. Das unerwartete Absterben einiger Seitenverwandten hatte ihn zum Erben eines reichen unvermählten Oheims gemacht. Eine schöne Besitzung im fruchtbaren Yorkshire war ihm dadurch wie aus den Wolken zugefallen, und als Zugabe auch noch der Titel eines Baroncks, durch welchen aus dem alten ehrlichen Tom ein stattlicher Sir Thomas Hill geworden war. Obendrein war dieser Sohn des Glücks auch noch seit wenigen Wochen der entzückte Gemahl einer liebendwürdigen Frau, die er noch am nemlichen Abend als seine Braut mir vorstellte; denn in England kennt man keine jungfräuliche Bräute; dieser schöne Name wird erst der Neuvermählten, so lange die Honigmonate währen, gegeben, die bei uns bescheidentlich zu Flitterwochen sich zusammenziehen.

Lady Mathilda, so hieß die Gemahlin meines Freundes, war eine ächte Engländerin, aber von der liebenswürdigsten Art; blond,

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schlank, ein wenig blaß, ein wenig sentimental, dabei verständig, herzensgut, voll Pflichtgefühl gegen ihren Gatten, den sie, freilich mit steter Berücksichtigung des Anstandes, herzlich lieb hatte. Ich war sein Freund und dieses war genug, um mir von ihrer Seite den freundlichsten Empfang zuzusichern. Das junge Paar war auf einer Reise in die Hochlande begriffen, um die persönliche Bekanntschaft mehrerer auf ihren Landsitzen dort wohnenden Verwandten zu machen, und daß ich, nun wir uns einmal gefunden, es begleiten müsse, schien meinem Freunde Tom so natürlich, und paßte auch so gut zu meinem eignen Plan, daß wir es beiderseits nicht der Mühe werth hielten, darüber viel Worte zu machen, um so weniger, da auch Lady Mathilda die leichthingeworfene Einladung ihres Mannes auf die freundlichste Weise durch Wiederholung derselben unterstützte.

Die Reise ward in wenigen Tagen angetreten.

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Wir fuhren so schnell, als der Weg es nur erlaubte, aber wir machten nur kurze Tagereisen; wo es Lady Mathilda gefiel, blieben wir, und es gefiel ihr fast überall. Die wilde romantische Pracht der Gegend entzückte ihr für alles Schöne offene Gemüth, ihre Zeichenmappe war ihre stete Begleiterin, jeden schönen Punkt für künftige Erinnerungen sich aufzuzeichnen, war ihre Freude, die wir ihr gern gönnten; überdem war ihr zarter Körper zu großer Ermüdung nicht gewachsen, und wir, wir sahen eben auch nicht ein, warum wir uns übereilen soltten, um zu Leuten zu gelangen, die wir nicht kannten und die uns vielleicht nicht sonderlich gefallen würden.

Wir hatten die Nacht in Tyndrum zugebracht, und fuhren frühe aus, um, nach dem Gebrauch englischer Reisenden, noch vor dem Frühstück einige Meilen in der Morgenkühle zurückzulegen. Es war am Johannistage und Himmel und Erde schienen sich vereinigt

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zu haben, um das schöne Rosenfest recht prachtvoll, selbst in diesem Felsenlande, zu feiern, wo sie so selten blühen. Alle hohen Felsenhäupter hatten vor der aus dem tiefblauen Aether ihre wärmsten Strahlen herabsendenden Himmelskönigin die Rebelkappen abgezogen, in die sie den größten Theil des Jahres hindurch sich verhüllen, Thal und Berg, wildes Gestein und moosbedeckte Heldengräber prangten verklärt in goldigem Glanz und Gräschen und Blätter und Heidekraut flüsterten freudig unter einander, vom Hauche des Windes gewiegt, der sich nur regte, um die Hitze des Tages nicht zu drückend werden zu lassen.

So hungrig, wie man sich nur immer wünschen kann es zu seyn, wenn man einem schottischen Frühstück entgegensteht, langten wir endlich, nachdem wir über Berg und Thal auf nicht sehr geebnetem Wege uns ziemlich lange hatten hinschleppen lassen, in dem kleinen

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ärmlichen Dörfchen Dalmally an, in welchem nur allenfalls der Gasthof ein Haus genannt zu werden verdient. Doch der Morgen war zu schön, als daß wir den Gedanken hätten ertragen können, uns in ein Zimmer einsperren zu lassen. Lady Mathilda ahnete etwas von pittoresken Aussichten, mit denen sie ihre Mappe zu bereichern hoffte, und kaum hatte sie diesen Wunsch geäußert, als Jung und Alt aus dem Gasthofe sich sogleich in Bewegung fetzte, um uns in ziemlicher Entfernung von demselben an einen wunderschönen Platz zu führen, der uns einen wahrhaft bezaubernden Blick auf das Thal von Glen-Orchy gewährte, an dessen äußerstem Ende Dalmally liegt. Alles, was wir bedurften, wurde in größter Schnelligkeit uns aufgetragen, in weniger als einer Viertelstunde siedete der Theekessel, das für diesen abgelegenen Ort recht zierliche Theegeräthe war auf dem mit einer schneeweißen Serviette bedeckten Tisch geordnet;

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daneben die frischeste Bergbutter, goldne Honigwaben, kleine geräucherte Fische, harte gekochte Eier, köstliche Orangen-Marmelade, lauter in Schottland beim Frühstück wohlhabender Leute unentbehrliche Dinge, und daneben standen die dünnen knispernden Kuchen aus Hafermehl, die bei diesem armen genügsamen Volke die Stelle des Brodes, und auch gewöhnlich nebst den Kartoffeln, die aller andern Nahrungsmittel vertreten.

Da saßen wir nun recht gemüthlich, und überschauten mit stillem Entzücken die üppig grünenden Matten von Glen-Orchy, durch die ein ziemlich starker Felsbach in tausend lustigen Sprüngen murmelnd und brausend hindurchtanzt; zahllose aus Moos und Feldsteinen zusammengetragene Hütten, theils einzeln zerstreut, theils zu kleinen Gruppen, die man hier zu Lande Dörfer nennt, vereinigt, beleben das liebliche Thal, das durch die in einiger Entfernung auf einer Anhöhe liegende Kirche

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an malerischer Schönheit unendlich gewinnt. Steile himmelhohe Felsen umgeben es von allen Seiten, gleichsam als ewige Schutzmauern dieses Asyls des stillsten Friedens, und erhöhen durch den Kontrast ihrer wilden majestätischen Formen noch die Anmuth desselben.

Mit aller der Umständlichkeit und aller der unbeschreiblichen Grazie, welche nur Engländerinnen mit diesem Geschäft zu verbinden wissen, bereitete Lady Mathilda uns den Thee, und wählte schon im voraus alle die malerischen Punkte aus, die sie auf dem Papiere festzuhalten gedachte. Die Wirthin war neben uns stehen geblieben, um gleich zur Hand zu seyn, im Fall es uns an irgend etwas mangeln sollte; sie war eine freundliche, mütterlich aussehende Frau, die obendrein recht verständliches Englisch sprach, was hier, wo die gälische Sprache schon die Oberhand gewinnt, nicht bei Allen der Fall ist. Sie beantwortete die an sie gerichteten Fragen recht verständig, und gab der

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Lady über alles, was diese zu wissen verlangte, genügende Auskunft.

Allmählig ward es im Thale lebendiger. Männer, Frauen, Kinder strömten aus allen Hütten, von allen Ecken den Wiesen zu, ein frohes, jeden Augenblick sich mehrendes Gewimmel, dem die Männer in ihrer romantischen Landestracht etwas ganz eigenes fremdartiges gaben. Auch Wagen, mit den kleinen unansehnlichen Pferden bespannt, die in diesen Bergen einheimisch sind, wurden herbeigeführt, und so hoch mit Heu beladen, daß es oft schien, als bewegten sie sich von selbst, weil das kleine Gespann vor denselben von der Last, die es zog, ganz verdeckt ward.

“Wir fahren heute unser Heu ein,“ sprach die Wirthin, “deßhalb habe ich allein die Ehre, Sie zu bedienen; mein Mann und meine Kinder sind alle schon unten, und ich muß um Vergebung bitten, daß sie Ihnen nicht ebenfalls aufwarten, wie es doch ihre Schuldigkeit

202 wäre. Gott hat seine Sonne gnädig scheinen lassen, und das ganze Kirchspiel versammelt sich heute, um auf einmal den Segen des Himmels in Sicherheit zu bringen, denn Tage wie der heutige kommen nur selten. Aber, Gott helf mir, es steht kein Brod auf dem Tisch! So geht es, wenn man den Kopf zu voll hat; verzeihen Sie mir ja, daß ich vergessen habe es zu bringen. Nein, Mylady, unsere Haferkuchen sind nicht für eine so feine Dame, ich pflege sie nur so mit aufzusetzen, weil sie doch einmal bei uns gebräuchlich sind. Gottlob, in meinem Hause finden vornehme Reisende, die uns mit ihrem Besuche beehren, immer Brod vorräthig, es soll gleich welches da seyn. Molly, Molly,“ rief sie einer Frau, die eben mit einem kleinen Kinde in Arm vorüberging, zu, eilte zu ihr hin, gab ihr einen Schlüssel und einige geheime Befehle, und kehrte dann zu uns wieder zurück.

“Haben Sie jemals eine interessantere

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Person gesehen!“ rief Lady Mathilda, und blickte unverwandt der jugendlich schlanken, nymphenartigen Gestalt nach, die jetzt leichtfüßig wie ein Reh dem Gasthofe zueilte. Die dürftige aber höchst reinliche Kleidung derselben vermochte nicht das vollkommenste Ebenmaaß eines zarten Gliederbaues zu verbergen, den jeder Künstler unbedenklich zum Modell einer Psyche hätte wählen können. Im Gange, in jeder Bewegung der schönen Gestalt lag etwas so unbeschreiblich Anmuthiges und Graziöses, daß wir nicht im Stande waren, die Augen von ihr abzuwenden, so lange sie innerhalb unseres Gesichtskreises blieb. Nichts fehlte ihr, um für ein Meisterstück der schaffenden Natur gelten zu können, als jene frische Jugendfülle, die vielleicht Krankheit, oder noch wahrscheinlicher, zu große Dürftigkeit, schon im ersten Erblühen erstickt hatten.
Eilend wie sie gegangen war, kehrte sie nach wenigen Minuten mit dem Verlangten

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wieder zurück, und nun ward uns auch das reinste Oval des lieblichsten Madonnenköpfchens sichtbar, wie es nur in begeisterten Momenten Raphaels hoher Phantasie erscheinen seyn mag. Tiefer Schmerz und fromme Ergebung schwebten um den kleinsten lieblichsten Mund, sprachen aus den schönen aber eingefallenen Zügen des blassen Gesichts, uns als sie uns nahte, umschleierten die schön gewölbten Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern ein Paar große dunkelblaue Augen, wie ich noch nie sie gesehen.

“Gott segne Euch und das liebe Kind, tretet doch damit ein wenig näher zu mir heran, ich habe die kleinen Kinder so lieb, wenn sie so schön und so reinlich sind wie dieses,“ sprach Lady Mathilda und streckte freundlich die Arme nach dem Kinde aus. Mein ehrlicher Tom war ganz gerührt, und es war wirklich recht anmuthig anzusehen, wie die hübsche elegante Frau das bildschöne gesunde Kind, das

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nicht viel über einen Monat alt zu seyn schien, in ihren Armen wiegte, mit liebvollem Blick sich ihm zuneigte, und als es nun ein Paar große wunderschöne Augen zu ihr ausschlug, es herzlich küßte , an ihren Busen drückte, und dann wieder zurückgab.

“Ist das Kind Euer?“ fragte Mathilda, “wohl kaum; Ihr seyd noch so jung, es ist wohl Euer Brüderchen?“

Molly stand da, wie mit glühendem Purpur übergossen, und dann wieder plötzlich todtenbleich. Sie verneigte sich demüthig und sprach ein Paar unverständliche Worte, die Lady Mathilda für eine Beziehung der an sie gerichteten Frage nahm.

“Also wirklich Euer Kind?“ rief sie; “guter Gott! so jung noch, gewiß kaum achtzehn Jahre alt, und schon verheirathet und schon Mutter!“

Molly wurde noch blässer, dann wieder feuerroth, dann wieder todtenbleich. Ein Paar große schwere Thränen fielen aus ihren schmerzlich

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zuckenden Augen auf das lächelnde Kind, heimlich schluchzend drückte sie es mit krampfhafter Heftigkeit an ihre Brust, wandte sich von uns ab, und war in wenigen Augenblicken uns aus dem Gesichte verschwunden.

“Guter Gott, warum weint sie? was kränkte die Arme so?“ fragte Mathilda erschrocken und betrübt; “gewiß, ich wollte ihr nicht wehe thun; ist ihr Mann vielleicht gestorben? sie scheint so unglücklich und ist noch so sehr jung.“

“Ja wohl ist sie beides, unglücklich genug und, wie Mylady sehr richtig bemerkten, kaum achtzehn Jahre alt; ich kenne sie genau, ich bin ihre Pathe, und was dabei das Betrübteste ist, Niemand kann ihr helfen, außer Einer, und der ist ein verstockter Sünder,“ erwiederte seufzend die Wirthin.

Mathilda sah bestürzt sie an: “was ist es denn mit ihr?“ fragte sie: “arm ist sie, das sehe ich wohl, doch gute Herzen können da helfen; der Vater des Kindes liegt vielleicht

207 krank; Hülfe ist immer bei Gott und bei Menschen, wer sie nur recht suchen will.“

“Ach Mylady, Sie haben ein christliches Herz und Sie werden gewiß vergeben, daß die arme freundlose Kreatur Ihnen zu nahen gewagt hat, als Sie ihr winkten,“ sprach die Wirthin und zupfte mit niedergeschlagenen Augen ängstlich verlegen an ihrer Schürze. “Das Kind ist leider freilich ein Kind der Schmach und der Sünde, der Sohn des Elends, mit Thränen getauft, und Gott weiß am besten, mit wie heißen bittern Thränen! aber es ist dennoch Gottes Geschöpf, und Sie werden es nicht verachten, oder sich davor scheuen, daß Sie es vorhin in ihre Arme genommen.“

Mathilda erröthete, ein Seufzer hob ihre sanfte Brust. “Und wie lebt die unglückliche Mutter denn jetzt?“ fragte die holde mitleidige Frau.

“Sie hilft sich durch, wie sie kann,“ war die Antwort, “sie arbeitet bei Tage und bei

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Nacht, hier, dort, überall, wo es etwas für sie zu thun gibt, um nur ihre kranke Mutter und ihr Kind nothdürftig zu erhalten. Ein Fall wie der ihrige ist, Gott sey Dank, beinahe seit Menschengedenken in unserm Kirchspiel nicht vorgekommen, aber alle Nachbarn haben Mitleid mit ihr und wir dulden sie willig im Dorf, denn diesen einen Fehltritt ausgenommen, den sie so hart abbüßen muß, gibt es weit und breit kein frommeres und treueres Gemüth als die arme Molly. Ach, sie ist doch auch eine von denen, die einst beßre Tage gesehen haben, und mir gibt’s immer einen Stich durch’s Herz, wenn ich sie jetzt am Sabbath in ihrem dünnen elenden Röckchen in den dunkelsten Winkel der Kirche zu den Kirchspiels-Armen sich drücken sehe.“

Alles, was wir von der armen Molly gehört und gesehen hatten, machte unsere innigste Theilnahme rege, wir wünschten genauere Auskunft über ihr trübes Geschick zu

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erhalten, und unsre Wirthin bezeigte sich sehr willig, uns diese zu gewähren.

Molly’s Geschichte war eine der allergewöhnlichsten, wie sie schon Millionenmal in der Welt sich zugetragen haben und noch zutragen werden; eine von den zahllofen, über die schon manches junge Herz gebrochen ist; sie hatte geliebt, vertraut, ward betrogen und zuletzt verlassen. Noch vor weniger als einem Jahre war sie die Freude des Kirchspiels, und wer am frühen Morgen dem lieblichen Kinde begegnete, sah dieses als ein glückbringendes Zeichen für den ganzen kommenden Tag an. Gott segne dein hübsches Gesichtchen, riefen die Alten ihr zu, wenn sie freundlich grüßend an ihnen vorüberging; die jungen Bursche nannten sie die schönste Blume des Thals, und auch die Mädchen liebten sie herzlich, denn sie war immer bescheiden, freundlich und gefällig. Niemand wußte einen feineren Faden zu drehen und Niemand Abends in der Spinnstube

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schönere Mährchen zu erzählen als sie, und es war schwer zu sagen, was dabei ergötzlicher sey, das Zusehen oder das Zuhören. Ihre Mutter war freilich nur eine arme Wittwe, die außer ihrer engen abgelegenen Hütte, einem kleinen Kartoffelfelde, einem Kohlgärtchen und ein Paar Ziegen nichts weiter hatte, als ein frommes, ehrliebendes Gemüth und viel Vertrauen auf Gott; doch Molly half ihr arbeiten und blieb dabei immer frischen Muthes und fröhlichen Herzens; ihr kleines einfaches Lied jubelte an jedem Morgen mit der Haidelerche um die Wette, der kommenden Sonne entgegen.

Die jungen Männer schoben die roth und weißverbrämte Mütze etwas kühnen seitwärts, hoben die Adlerfeder auf derselben etwas höher, und ließen den bunt gegitterten Plaid in geordneteren Falten über die Achsel fallen, wenn sie in der Ferne sie erblickten, doch Molly schien das alles nicht gewahr zu werden.

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Für jeden freundlichen Gruß hatte sie einen bescheiden freundlichen Dank, und jedes ihr heimlich zugeflüsterte Liebeswort beantwortete sie nur durch jungfräuliches Erröthen und scheue, an Kälte grenzende Zurückgezogenheit. Nur für Einen hatte sie ein Herz, und dieser war Roger Rowland, der Förster des Lord Breadalbane. Er war im Schlosse erzogen, jung, schön, von stattlicher Gestalt, wie keiner weit und breit umher; in seiner Kleidung, in seinem Benehmen und in seinem ganzen Wesen glich er mehr einem vornehmen Herrn als einem Diener; bewohnte am Rande des Waldes ein Haus mit zwei Schornsteinen, das an Größe und Pracht dem Pfarrhause wenig nachgab, wußte zu sprechen, zärtlich zu blicken und Herzen zu gewinnen, wie sollte die einfache, unerfahrne Molly ihm widerstehen?

Das Einverständniß dieser Beiden blieb im Thale nicht unbemerkt, und jeder gönnte

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gern dem schönen Mädchen die Aussicht auf ein Glück, das es in jeder Hinsicht verdiente. Freilich ward hin und wieder unter den Nachbarn von allerlei frühern Leibeshändeln mancherlei geflüstert, die Roger Rowland hier und da angeknüpft und wieder aufgegeben haben sollte, doch Niemand wußte etwas bestimmt Böses ihm nachzusagen, oder ihn einer wirklichen Untreue zu überführen; darum beschlossen alle zu schweigen und das Beste zu hoffen, auch schien es ihnen unmöglich, daß irgend eine lebende Seele an dem lieblichen unschuldigen Mädchen schlecht handeln könne. Auch die Mutter, der Molly ihre Liebe und ihre Hoffnungen nicht verschweigen mochte, ahnete in ihrer frommen Einfalt keine Möglichkeit irgend einer Gefahr für ihr liebes Kind, sondern dankte mit Freudenthränen Gott für das unerwartete Glück, das ihrer Zukunft aufgegangen war. Sie wagte keine Frage, wenn Molly, was jetzt fast alle Abende geschah, später

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als gewöhnlich nach Hause kam, sondern streichelte ihr die glühende Wange, und blickte ihr lächelnd in das von Liebe und Unschuld heiter strahlende Auge.

Ein Paar Monate waren so vergangen, als Molly eines Abends ungewöhnlich lange ausblieb. Die Mutter saß am Fenster, sah in die helle Mondennacht hinaus, und nahm sich ernstlich vor, ihrer Tochter das zu späte Heimkehren zu verweisen, als sie diese endlich kommen sah, sorgsam von Rowland geleitet. Sie sah, wie Rowland sie noch lange vor der Thüre festhielt, wie er sie bei beiden Händen gefaßt hatte und mit zärtlichen Bitten in sie zu dringen schien, wie er beim Abschied sie unarmen wollte und Molly sich scheu von ihm abwandte, wie sie endlich beinahe gewaltsam sich von ihm losriß, die schloß- und riegellose Hüttenthüre öffnete und todtenbleich mit vom Weinen aufgeschwollenen Augen zur Mutter hereintrat.

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Die arglose Frau schüttelte lächelnd den Kopf, schwieg aber aus Furcht, durch irgend ein zu hart ausgesprochenes Wort die Tochter noch mehr zu betrüben. Sie erinnerte sich der Tage ihrer eigenen Jugend; die Kinder haben sich ein wenig veruneinigt, dachte sie: das kommt unter Liebesleuten wohl vor, man hat sich hernach um so lieber: auch hat er schon sein Unrecht eingesehen, sonst würde er nicht so schön gebeten haben. Sie werden sich schon wieder vertragen. Molly stotterte etwas von zu großer Ermüdung und warf sich auf ihr Bette, auch die Mutter suchte die Ruhe; Molly brachte die ganze Nacht in Thränen zu, die Mutter aber schlief sanft und fest, und hörte ihr Weinen nicht.

Von diesem unglücklichen Abende an war Molly wie umgewandelt. Fleißig wie immer ging sie den Tag über ihrer Arbeit nach, doch alle innere Herzensfreudigkeit war von ihr gewichen; ihre Wangen waren bleich, ihr

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Auge trübe, ihre süßen Lieder verstummt, ihr ganzes Wesen verändert; bei jedem freundlich an sie gerichteten Wort traten ihr die Thränen in die Augen, und wenn man sie grüßte, so war es, als wolle sie vor Beschämung und Demuth in die Knie sinken. Die Mutter grämte sich, doch auf alle ihre Bitten und Fragen erhielt sie von ihrer Tochter entweder nur Thränen zur Antwort, oder die Versicherung, daß sie sehr wohl und vergnügt sei, und der Mutter Besorgnisse nur eingebildete wären; je nachdem Molly von ihren Zusammenkünften mit Rowland, die sie noch immer fortsetzte, beiterer oder trüber zurückgekehrt war.

Die Mutter fing jetzt an, ihre Tochter aufmerksamer zu beobachten, und nun dämmerten plötzlich Gedanken, Ahnungen in ihr auf, vor denen sie erschrocken zurückbebte, die aber in Worten auszusprechen, sie doch endlich nicht unterlassen konnte. Schluchzend, in Thränen zerfließend,

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lag Molly zu ihren Füßen, umklammerte ihre Kniee, verbarg ihr Gesicht in ihren Kleidern und stammelte kaum hörbar das Gestäudniß [Geständniß] einer Schuld, zu der Liebe, Einsamkeit, herzliches Vertrauen zu dem Geliebten, und auch ihre eigene unerfahrne Unschuld sie verleitet hatten. Die Mutter schloß ihr armes zitterndes Kind in die Arme, an das bange Herz und weinte mit; was konnte sie mehr!

Der Gedanke, ihre Molly sobald als möglich als Rowlands Gattin zu sehen, war der erste, der ihr einigen Trost gewährte: “Alles wird gut, wenn du erst seine Frau bist: er wird, er muß dich wieder zu Ehren bringen,“ sprach sie; und erpreßte dadurch von ihrer Tochter ein zweites Geständniß, das ihr Unglück vollendete. Rowland konnte, oder wollte nicht auf diese Weise die Ehre der Geliebten retten. Seine Mutter war Haushälterin im Schlosse des Lord Breadalbane zu Teymouth, und gebot in Abwesenheit der

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Herrschaft unumschränkt in demselben; seine Schwester war an einen Pfarrer verheirathet, sein Bruder als Einnehmer der Gefälle in Inverary angestellt; lauter vornehme Leute, deren Stolz zu einem solchen Mißbündniß mit der Tochter eines armen Käthners sich nimmermehr herablassen konnte, an das der Förster selbst, so lieb er Molly auch hatte, nicht ohne Erröthen denken konnte.

Er war sogar hart genug gewesen, Molly daran zu erinnern, daß er ihr zwar von Liebe, doch nie von Ehe gesprochen; er betheuerte sogar, sie noch immer zu lieben, sie nie hülflos lassen zu wollen, obgleich es ihm unmöglich sey, seine Ehre vor der Welt und die Gunst seiner vornehmen Verwandten ihr aufzuopfern. Die arme Molly wußte ihm darauf nichts zu erwiedern; sie hatte nur auf die Versicherungen seiner Liebe gehört, und nie daran gedacht, mehr von ihm fordern zu wollen; wie hätte das arglose, unerfahrene Wesen jemals auf den Gedanken

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kommen können, daß Rowland, eben weil er liebte, sie verrathen, sie mit Schimpf und Schande bedeckt dem Elende, der Schmach preisgeben könne! Sie wußte seinen Gründen nichts entgegen zu fetzen, als ihre Thränen.

Doch jetzt trieb die Mutter noch einmal sie an, den letzten Versuch zu wagen, um sein erstarrtes Herz zu rühren. Rowland, als Molly das letzte Mal von ihm gegangen war, hatte mit einem furchtbaren Eide ihr zugeschworen, daß er sie nie wieder sehen werde, wenn sie noch einmal es wage, ihn mit Bitten und Zumuthungen zu quälen, die er nie erfüllen könne; aber die Mutter wollte es so, und das bedauernswürdige Opfer trat zitternd den Weg in das Gebirge an, wo sie ihn zu finden vermuthete. Sie mußte weiter als gewöhnlich gehen, und der Abend dämmerte bereits, als sie tief zwischen den Bergen ihn fand. An einen Felsblock gelehnt, stand Rowland und sah mit wilden, finstern Blicken ihr entgegen,

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er lächelte nicht, er streckte keinen Arm aus, um sie wie sonst an seine Brust zu ziehen, aber sie wagte es dennoch ihr übervolles Herz noch ein Mal vor ihn auszuschütten, ihre Angst, ihr unendliches Leid ihm zu klagen. Sie sagte ihm wie sie am gestrigen Abende ihrer Mutter Alles bekannt habe, und wie diese nicht nur darauf bestehe, daß Rowland sie wieder zu Ehren bringen müsse, sondern sogar entschlossen sey, im Fall daß er sich dessen weigere, mit ihrer Tochter zu allen seinen Verwandten zu gehen, sogar den weiten Weg nach Taymouth zu seiner Mutter nicht zu scheuen, und selbst bis zu Sr. Herrlichkeit dem Lord Breadalbane durchzudringen, der sich eben in diesem Augenblicke dort in seinem Schlosse aufhielt, um vor diesem das gute Recht ihres noch ungebornen Enkels und ihres eignen Kindes geltend zu machen

“Das wollte sie, das wolltest du?“ erwiederte Rowland mit einem Ton, vor

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dem Molly von Entfetzen ergriffen zusammenschauderte; sie sah zu ihm auf und erkannte ihn kaum wieder, so sehr entstellten Muth und wilde Leidenschaft seine Züge. Verzehrendes Feuer glühte in seinen Augen, die blauen, fest zusammengebißnen Lippen zuckten krampfhaft und Todtenblässe deckte sein Gesicht. Seine Hand griff an den Dirk, den Dolch, den die Hochländer gewöhnlich im Gürtel tragen, ließ aber sogleich ihn wieder los. So stand er finster und schweigend eine Weile vor ihr; ihr Athem stockte, ihr Auge umdüsterte sich, an allen Gliedern von unaussprechlichem Grausen erbebend, fühlte sie es kaum, daß er beim Arm sie ergriff und gewaltsam mit sich fortriß, durch Busch und Gestrüpp, über Fels und Dorn immer höher und höher hinauf. Sie folgte ihm ohne Widerstreben in dumpfer Bewußtlosigkeit.

Endlich ließ er sie los; dort stand sie auf einem der furchtbarsten Felsengipfel des gewaltigen

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Bencruachan, hart am Rande der thurmhohen Felsenwand, die senkrecht steil dem entsetzlichen Abgrunde sich zusenkt, aus welchem viele Klaster tief, vom Widerschein des Abendhimmels blutig roth, ein kleiner Fleck des Lochawe zwischen dunkelm Gestein zu ihr hinaufblinkte; und vor ihr stand Rowland in drohender Stellung, mit grimmem, wildem Blick, den Arm schon ausgestreckt, der mit einem einzigen Stoß sie hinabstürzen konnte in die entsetzliche Tiefe, wo ihr zerschmettertes Gebein nur von dem Auge des Allwaltenden gesehen, von allen andern unentdeckt, in Staub zerfallen mußte.

Von Todesangst ergriffen, warf sie zu den Füßen des Entsetzlichen sich hin, der ihr einst Alles gewesen, den sie selbst in diesem furchtbaren Augenblick noch zu innig liebte, um nicht mehr als vor dem eignen Untergange, vor der Gefahr zu erbeben, in die er durch eine rasche blutige That seine Ruhe in dieser,

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und seine Seligkeit in der nächsten Welt stürzen mußte. Unaussprechliches Mitleid mit ihm und mit sich selbst gab ihr Muth und Kraft, sie umklammerte ihn fest: “Rowland,“ rief sie schmerzlich flehend, “Rowland, was willst du thun! du willst mich ermorden, an meinem Leben liegt wenig, ich acht’ as ohnehin für verloren, aber bedenke das Heil deiner unsterblichen Seele, bedenke das noch ungeborene Leben, das unter meinem Herzen sich regt. Wir sind allein, aber das sieht das Auge des allgegenwärtigen Gottes, morde nicht dein Kind, werde nicht ein zweifacher Mörder, lade nicht so schwere Blutschuld dir auf!“

Rowland, tief erschüttert, erbebte sichtbarlich; mit einer Hand hielt er am Felsen sich fest, an welchem er sein von Molly abgewandtes Gesicht barg, mit der anderen winkte er ihr sich zu entfernen.

“Du und das Kind! vielleicht wir alle drei – bedenke das wohl, du bist gewarnt – warne

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auch deine thörichte Mutter vor unabsehbarem Unheil,“ rief Rowland, als sie ihm schon aus den Augen war, mit furchtbar drohender Stimme ihr noch nach. Seitdem hat er es vermieden sich wieder in Glen-Orchy zu zeigen.

In schweigender Hoffnungslosigkeit ergaben Molly und ihre Mutter sich von nun an in ihr hartes Geschick. Molly’s veränderte Gestalt erregte bald die Aufmerksamkeit der Frauen in der Nachbarschaft: das unselige Geheimniß der Beklagenswerthen ward offenkundig und die, von denen sie ehemals geliebt worden war, fällten jetzt ein hartes Urtheil über sie. Man nannte sie jetzt die Schande des Kirchspiels, dessen Zierde sie ehemals gewesen, denn bei jenem frommen Bergvolk herrscht noch alte Zucht und Schaam und strenge Reinheit der Sitten.

Doch Molly’s tiefer Schmerz, die stille Demuth, mit der sie wie Eine, die nicht würdig ist, sich ihnen zu nähern, ihren ehemaligen

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Freunden auswich, erweichte bald die gegen sie aufgebrachten Gemüther. Mit unermüdlichem Fleiß arbeitete Molly Tag und Nacht für ihre Mutter, die Gram, Angst und Kummer auf das Krankenlager geworfen hatten, und ward durch die gewaltsame Anstrengung, der man das zarte Geschöpf fast unterliegen sah, der Gegenstand des allgemeinen Mitleids.

“Keiner der jungen Bursche konnte es über das Herz bringen, die unglücklich Gefallene, die so beschämt und traurig ihnen auf dem Fußpfade auswich, durch freche Blicke oder Worte, wie wohl sonst ihre Art war, zu verwunden. Die jungen Mädchen traten zwar seitwärts, wenn sie Molly begegneten, und gingen ohne Gruß und abgewandten Blickes an ihr vorüber, doch keine wagte es, sie zu verhöhnen oder über sie zu spotten, und die Hausmütter sahen betrübt ihr nach, obgleich sie die Gelegenheit nicht versäumten, sie ihren Töchtern als warnendes Beispiel aufzustellen.

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Und als endlich der armen Molly die schwere Stunde erschien, der auch die glücklichste und geehrteste der Frauen nicht ohne bange Furcht entgegensieht, da schlich bei nächtlicher Zeit, von der Dunkelheit begünstigt, manche rechtliche Hausfrau sich in die arme abgelegne Hütte, um heimlich der an Allem Mangel leidenden Wöchnerin eine Erquickung zu bringen, und sie und ihre fast noch beklagenswerthere Mutter durch frommen Trost in ihrem schweren Leiden aufzurichten.

Gott weiß am besten, wie viele Thränen und schlaflose Nächte mir die arme Molly schon gekostet hat, fetzte die Wirthin am Schlusse ihrer Erzählung hinzu, die durch die unnachahmliche Einfachheit, mit der sie vorgetragen wurde, etwas unbeschreiblich Rührendes gewonnen hatte. Was ich übrigens von Rowlands mörderischem Vorhaben gesagt habe, fuhr sie fort, ist leider nur zu gegründet. Molly’s Mutter selbst hat es mir einst

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entdeckt, als ich in sie drang, den bösen Menschen wenigstens dahin zu bringen zu suchen, daß er seines Kindes sich annähme. Aber ich wollte um Alles in der Welt nicht, daß es hier bei uns bekannt würde. Die böse Absicht des ruchlosen Menschen ihm vor Gericht zu beweisen ist unmöglich, denn Molly hat keine Zeugen, und würde auch gewiß lieber sterben, als öffentlich gegen ihren Verderber auftreten. Und so lassen wir nun in Demuth den lieben Gott walten, der am besten weiß, was zu unserm Frieden dient, und dem reuevollen demüthigen Geschöpf die frühere Schuld gewiß vergeben hat.

Das Frühstück war längst beendet, und Lady Mathilda wünschte jetzt, daß unten im Thale immer zunehmende fröhliche Gewimmel in der Nähe zu sehen, um sich von den erhaltenen trüben Eindrücken zu erholen. Ehe wir weiter gingen, zogen wir alle drei, vom nämlichen Geiste des innigsten Mitleidens

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getrieben, unsere Taschenbücher hervor. Die Summe, die wir für die arme Molly in die Hände der Wirthin niederlegten, war unbedeutend, jeder von uns hatte oft mehr als das Doppelte für die Befriedigung der Laune eines Augenblicks geopfert, aber für die einfachen Bedürfnisse dieses genügsamen Bergvolkes schien sie doch ein unermeßlicher Reichthum zu seyn, und wir waren schon tief unten im Thale, als die gute Frau noch immer mit zum Himmel aufgehobenen Händen uns wohlgemeinte Segenswünsche nachrief.

Schon auf dem Wege nach dem Thale trugen schmeichelnde Lüftchen den aromatischen Duft zahlloser Waldkräuter und den lauten Jubel vieler Hunderte fröhlicher Menschen uns entgegen. Lachen, munteres Pfeifen und frohe Lieder erschallten zwischen den Felsen, aus Klüften und Gebüsch, und als wir die Wiesen erreichten, die an beiden Seiten des Baches, am Fuße der das enge Thal umgebenden

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Berge bis zu einer ziemlich bedeutenden Höhe sich hinaufziehen, sahen wir uns von einer so lebendigen, uns fast zahllos erscheinenden Menschenmasse umgeben, wie wir sie nimmermehr in diesen sonst so öde und menschenleer erscheinenden Gegenden zu finden erwartet hätten. Die freundliche Sonne, der ätherlaue Tag, hatten alle Bewohner der längs dem Thale zerstreut liegenden Hütten herausgelockt und auf diesem engen Raume versammelt. Der greife Altvater und sein jüngst gebornes Urenkelchen, alles tummelte sich auf Gottes grüner Erde im seltnen warmen Sonnenschein fröhlich herum, hier wendeten schlanke Mädchen noch das Heu an schattigen Plätzen, welche die Sonnenstrahlen später besuchten, an andern Stellen thürmten rüstigere Arme zu großen Hausen es auf, andere beluden die schon bereit stehenden Wagen, wir standen wie bezaubert mitten in dem bunten Gewimmel, und hatten nicht Augen genug, um alle

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die lebensreichen, malerischen Gruppen aufzufassen, die in stetem Wechsel sich neben und vor uns bildeten und wieder auflösten.

Der Schatten des Felsen, der in Glen-orchy zum Sonnenzeiger dient, verkündete jetzt die Mittagszeit; Rechen und Heugabel entsanken den fleißigen Händen, und eine andere Art fröhlicher Geschäftigkeit trat ein. Die kleinen müden Pferde wurden ausgespannt, und ihnen Freiheit gegeben, nach Belieben zu grafen, die Vorräthe für das Mittagsessen wurden hervorgesucht, die Mitglieder der verschiedenen Familien fanden sich zusammen, Greise und Männer, Weiber und Mädchen, schlanke hochgewachsene Jünglinge und kleine jubelnde Kinder, alles suchte sich ein trauliches schattiges Plätzchen, unter dem Gebüsch am Ufer des Bachs, im Schutze der vorragenden Felsenecken, oder im Schatten blühender Hecken, wo der mitgebrachte Mundvorrath auf den Rasen hingestellt wurde. Ehe

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sie zu ihrem einfachen Mahle sich niederließen, sprach jeder Familienvater im Kreise der Seinigen das Tischgebet, zu dem die Uebrigen mit gefalteten Händen und geziemendem Anstande sich in Reihe und Glied stellten, obgleich es Manchem unter ihnen ein wenig zu lang dünken mochte, dem die Krüge voll schäumender Milch, die neugebackenen Haferkuchen und die frische goldgelbe Waldbutter allzulockend ins Auge fielen.

Lady Mathlida kam gar nicht aus der Rührung über das einfache ländliche Glück dieser Leute heraus, über die vielen zufriedenen braunen Gesichter, mit hervorstehenden Backenknochen und tiefliegenden lebhaft blitzenden Augen. Ein Gastmahl wie dieses war ihr noch nicht vorgekommen, wir mußten von einer dieser frohen Gruppen zu andern sie begleiten, die reinste Freude leuchtete ihr dabei aus den sanften blauen Augen. Sie sprach mit Alt und Jung und freute sich wie ein Kind, wenn

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die Leute sie verstanden und ihre freundlichen Worte freundlich erwiederten. Ein seltsames Geräusch aus hoher Luft nahm während dieses Wanderungen plötzlich unsere Aufmerksamkeit in Anspruch; wir und Alle blickten halb erschrocken in die Höhe; ein gewaltiger Goldadler von ungewöhnlicher Größe schwebte auf weit ausgebreiteten mächtigen Flügeln langsam über unsern Häuptern hin, als wolle er über die hier in der Nähe seines hohen Wohnsitzes versammelte Menschenmenge Musterung halten. Die Leute kannten ihn wohl, den mächtigen und gefürchteten Nachbar, den Stolz und die Plage des Kirchspiels, der tiefer im Gebirge auf einer hohen unersteigbaren Felsenspitze horstete, und schon manches junge Lamm, manches Zicklein von der Weide weggeraubt hatte. So nahe hatte er indessen sich noch nicht blicken lassen, und Alle sahen seinem langsam-majestätischen Fluge neugierig nach, wie er über ihren Köpfen wegschwebte, dann plötzlich sich

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niederließ, in der nächsten Secunde [Sekunde] sich wieder aufschwang und mit mächtigerem Flügelschlag seinem hohen Wohnfitze zueilte.

Ein heller durchdringender Angstschrei, vor dem jedem das Herz in der Brust erstarrte, drang in diesem Augenblick schneidend durch die Luft; Todtenstille folgte ihm eine Sekunde lang, dann laute allgemeine Klagen, Jammertöne, Schreckensgeschrei, ängstliches Winseln, als wäre während des heiligen Abendmahls der Kirchthurm über eine ganze andächtig versammelte Gemeine zusammengestürzt. “Molly Lammond! Molly Lammond! Der Adler entführt Molly Lammonds Kind!“ riefen zahllose Stimmen; Alle sprangen auf, Alle, Jung und Alt, eilten dem wohlbekannten Felsen zu, schon von weitem sah man in schwindelnder Höhe des Adlers Horst.

Der Weg bis zum Fuße desselben betrug beinahe eine halbe Stunde, über Berg und Thal, über loses Steingerülle und wild hinströmende

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Bäche, durch Morast und verworrenes Gesträuch, und doch wimmelte es, in unglaublich kurzer Zeit, am Fuße des Felsen von viel hundert angsterfüllten Menschen, die weinend, klagend, die Hände ringend, in trostlosem Jammer hin und her sich bewegten.

Auch uns hatte der Menschenstrom mit fortgerissen. Lady Mathilda hatte mich und meinen Freund beim Arm ergriffen, so eilte sie in unserer Mitte unaufhaltsam vorwärts, halb von uns getragen, ihr Fuß berührte kaum die Erde. Todtenbleich, athemlos, keine Beschwerde beachtend, trieb sie mit erstickter Stimme uns zur Eile an. Da standen wir nun, nicht minder erschüttert und bewegt als die Uebrigen um uns her, und starrten mit angestrengter Sehkraft zu dem Adlerpaar hinauf, denn beide grimmige Vögel waren jetzt oben sichtbar, fast schien es, als berührten sie die Wolken, wie sie da auf dem höchsten Felsenrande dicht vor ihrem Horst neben einander

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saßen und, ohne sich zu regen, auf die vielen tief unter ihnen gleich einem aufgestörten Ameisenhaufen durcheinander laufenden hülslosen Wesen hinabschauten, die im stolzen Wahne sich Könige der Schöpfung nennen.

Es gibt Momente im Leben, in welchen jedem, auch dem Mächtigsten, die Nichtigkeit dieses Wahnes deutlich wird, und dieser war ein solcher. “O, wir Schwachen!“ rief ein alter Hochländer neben uns, dessen herkulische vom Alter noch ungebeugte Gestalt kräftig bezeugte, was er in seiner Jugend gewesen seyn mochte: was ist unsre Kraft und unsre Klugheit, was können wir in solcher Noth mehr thun, als beten! Diese Worte wirkten wie elektrisch auf die Menge. Väter und Mütter gedachten ihrer eigenen lieben Kinder, Alle sanken auf die Kniee, Mathilda mitten unter ihnen, und laut, anhaltend, brünstig flehend, herzzerreißend stieg die fromme Klage, das Angstgebet zum Himmel auf, als müsse es Erhörung erzwingen.

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An Molly dachte vor der Hand keine Seele, das Mitleid mit ihr, das beim Aufschweben des Adlers mit ihrem Säugling in den räuberischen Fängen alle Gemüther gewaltsam ergriffen, war durch das noch gewaltsamere Angstgefühl betäubt worden, welches der Anblick des schauerlichen Ortes erregte, wo das zarteste, unschuldigste Wesen, vielleicht von den furchtbaren Krallen und Schnäbeln scho zerfleischt, vielleicht aber auch noch lebend, hülflos, unerrettbar lag, der Gewalt der wildesten Thiere preisgegeben.

Unbeweglich, keinen warmen Blutstropfen mehr in den Adern, mit stieren trocknen Augen, aus denen der Wahnsinn der Verzweiflung leuchtete, saß Molly auf einem Felsstück, und blickte unverwandt hinauf zu den Adlern. “Mein süßer kleiner Knabe, vorigen Sabbath ward er in der Kirche in Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes getauft,“ murmelte sie wie gedankenlos mit kreideweißer

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erstarrender Lippe. Eine heilige Erinnerung drang aber doch mit diesen Worten in ihr von Dunkel umdüstertes Gemüth; sie sprang auf, als wäre plötzlich ein Geist der Stärke über sie gekommen, sie flog, als trüge sie Flügel unter den Füßen, von ihrem Felsensitze herunter über Dornen und Sumpf, über haushohe Felsblöcke hinweg der steilen Höhe zu, die jetzt ihr Alles trug, und nun hinauf, hinan, die senkrecht steile Wand. Höher, höher, immer höher, schneller wie je ein Gemsenjäger seinem Raube nachfetzte, furchtloser wie die Gemse selbst, die am Rande unabsehbar tiefer Gründe im Sonnenstrahl spielt.

Die Versammelten unten im Thal erhoben ein lautes Jammergeschrei, als sie Molly gewahr wurden, wie sie in schwindelnder Höhe immer kühner sich hinaufschwang, auf spurloser senkrecht steiler Bahn. “Sie stürzt, sie muß stürzen, sie muß zerschmettert in den Abgrund sinken, jetzt, jetzt, sie wankt, sie fällt, sie muß

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fallen!“ riefen hundert Stimmen, die Frauen warfen laut weinend mit dem Gesicht sich auf den Boden hin, um das Entsetzliche nicht zu sehen.

“ Ist denn keine Hülfe, keine, keinen bei Gott und bei Menschen,“ klagte, ängstlich die Hände ringend, Lady Mathilda. “Ist kein Mann da, der es wagt der Unglücklichen zu folgen und sie wo möglich vor dem Falle zu retten,“ rief Sir Thomas mit möglichster Anstrengung der Stimme.

“Mark Stewart, der Seemann, meiner Tochter Sohn,“ rief plötzlich der alte Hochländer, der noch immer in unserer Nähe war; “Mark Stewart,“ rief er nochmals laut, daß es im Gebirge widerhallte; hielt den Daumen an den Mund und pfiff so hell und durchdringend, daß sogar die beiden Adler es zu bemerken schienen. “Mark Stewart, wo bleibt Mark Stewart?“ rief es von allen Seiten: “wenn Einer helfen kann, so ist es

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Mark Stewart; so manches Fort hat er unter dem Donner der Kanonen erstürmen helfen, auf wilder See, wenn die Wogen hoch gehen und der Sturm einherbraust, war es ihm ein Spiel, den höchsten Mast zu ersteigen und sich oben im Korbe schauckeln zu lassen,“ sprachen die Leute untereinander.

Eine fast kolossale, von Seeluft gebräunte kräftige Mannsgestalt drängte indem sich durch und trat vor den Alten hin: “ich kam eben und sah, was hier geschieht,“ sprach er gelassen. “Helft, helft,“ riefen Alle und wiesen auf Molly, die noch immer zwischen Tod und Leben am Felsen hing.

“Nehmt, nehmt, und rettet sie,“ rief Lady Mathilda und hielt ihr Taschenbuch, ihre goldene Halskette, ihre Uhr, ihre Ohrringe, Alles, was sie von Werth bei sich trug und in er Eile mit bebenden Händen zusammengerafft hatte, ihm hin; “noch zweimal so viel, guter Mann, wenn Ihr sicher sie herabbringt.

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“Behaltet Eure Gaben, Lady,“ erwiederte Mark Stewart kurz und trocken, “der Sohn meines Vaters bedarf keinen Lohn, wenn’s ein Christenleben gilt; betet lieber, daß Gott mir beistehe, und Ihr, Vater, gebt mir Euren Segen zu dem Gange.“ Damit beugte er ein Knie vor dem greisen Vater, der segnend die Hand auf seine krausen dunkeln Locken legte, und eilte, seinen gefahrvollen Weg anzutreten.

Ohne Rast, ohne nur einen Augenblick anzuhalten, klimmte indessen Molly noch immer felsan, ob sie Athem schöpfte oder nicht, sie wußte es nicht, sie blickte weder seitwärts noch rückwärts, ihr Kind, nur ihr Kind war ihr einziger Gedanke. Auf was sie fuße, an was sie mit den Händen sich festhielt, konnte kein sterbliches Auge entdecken, aber unsichtbar umschwebte sie der Schutzengel unmündiger Kinder, der so oft den dringendsten Gefahren sie entreißt, er hielt den wankenden

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Stein unter ihrem Fuße und gab Festigkeit der schwachen Wurzel des Haidekrauts, die ihre Finger umklammerten.

Unser aller Augen hingen indeß an Mark Stewart. Furcht, Hoffnung, Erwartung pochten in Aller Herzen, während der wackre Jüngling muthvoll seinen Weg fortsetzte, über Stock und Stein und über fürchterliche Felsenspalten kräftig hinwegschritt. Die Hälfte des Weges, freilich die weniger gefahrvolle, lag nun hinter ihm, und senkrecht wie ein Thurm starrte die Felsenpyramide vor ihm himmelan. Da ergriff ihn mit gespenstischem Grausen der kraftlähmende Schwindel, sein Herz erstarb ihm in der Brust, Muth und Besinnung entflohen, Himmel und Erde, der Fels vor ihm, die Tiefe unter ihm, drehten sich verdoppelt, verdreifacht, verzehnfacht, in fürchterlichen Kreisen, immer schneller und schneller vor seinen nebelumzogenen Blicken. Wie oft, wenn die zu Bergen sich aufthürmenden

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Wogen das schwankende Schiff auf ihrem Gipfel wiegten, um es dem Abgrunde wieder zuzuschleudern, und schon der wilde Orkan die mächtige Stimme erhob, hatte er um Mitternacht, im täuschenden Schimmer des Halbmondes, auf schwankender Strickleiter die höchste Spitze des höchsten Mastes furchtlos ersteigen, um die obern Segel einzuziehen, und jetzt stand er erbebend da, und verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen, unfähig das Gräßliche rings um ihn her zu schauen, oder das Auge zu der drohnenden Höhe zu erheben, die immer mehr sich ihm vervielfältigend, unsicher, schwankend, über ihm emporstieg.

Wir im Thale sahen den Starken verzagen und unser Muth sank mit dem seinen. Von neuem erhob sich jammerndes Klaggeschrei wir achteten nun das heldenmüthige Geschöpf gänzlich für verloren, das während der Zeit, von Mutterliebe getrieben, von festem Vertrauen auf Gott gehalten, seinen schrecklichen

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Weg, ohne umzublicken, fortsetzte, und endlich, wie durch ein Wunder, am Ziele stand. Nur einmal athmete Molly aus tiefster Brust auf. Da umrauschte es sie fürchterlich und eilende Schatten flogen über ihrem Haupte hin. Beide Adler, zürnend über ihre Erscheinung, hatten sich aufgeschwungen und wandten den Flug nach ihr zu; sie hörte das Rauschen der entsetzlichen Flügel, sturmgleich wehten sie ihr um das Haupt und berührten fast ihr Gesicht. Dicht vor sich sah sie die gelben zornsprühenden Augen, die furchtbaren krummen Schnäbel, die gräulichen, mit scharfen Klauen bewaffneten Fänge, sie konnte jede Feder in den Fittichen der Entsetzlichen zählen, und gab sich endlich verloren.

Mit einem Male war es, als ob ein heimlicher Schrecken über das gewaltige Paar gekommen sey, beide Adler hemmten den Flug, blickten noch einmal Molly an, wandten sich scheu von ihr ab und flogen endlich laut

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kreischend davon, der entgegengesetzten Seite des Felsens zu, wo der schäumende Waldstrom laut brausend über wildes Geklippe hinabstürzt, und tausend Fuß über ihm erhaben ein verwitterter Baumstamm aus schwarzer Felsenkluft herausragt; auf diesem lies das Adlerpaar, mit fast ängstlicher Scheu, dicht neben einander sich nieder und blickte verwundert in die tosenden Fluthen hinab.

Zitternd zwischen Wonne und Schmerz, zwischen Hoffnung und ängstlichem Zagen, warf jetzt die Mutter über den Horst der Adler sich hin; da lag ihr Kind, furchtbar gebettet auf blutigen Knochen, zwischen grausenvollen Ueberresten gewürgter zerfleischter Thiere. Todt, todt, gewiß todt; Molly wagte nicht daran zu zweifeln, aber doch unversehrt, unentstellt, die zarten Glieder, das liebe Gesichtchen verschont von den gräulichen Schnäbeln und Krallen, und noch ganz so in seine Windeln gehüllt, wie sie vor einigen Stunden unten auf

244 dem Erntefelde auf welchem, frischem Heu es sorgsam hingelegt hatte.

Leise, behutsam, als fürchte sie es aus sanftem Schlummer zu wecken, zog sie aus dem es umgebenden Gräuel der Verwüstung ihr Kind heraus. Ihr war, als fühle sie die kleinen Glieder sich regen; zitternd wagte sie es nicht daran zu glauben; da traf ein leises Wimmern ihr Ohr. Nein! nicht die Melodien himmlischer Heerschaaren, nicht die Harmonien der Sphären können beim Eintritt in das Reich der ewigen Freude den seligen Geist eines Heiligen mit höherem Entzücken erfüllen, als dieser Klagelaut das zagende Herz der Mutter. “Es lebt! es lebt! mein Kind!“ rief sie, unter lautem konvulsivischem Lachen, mit weit offnen trocknen Augen. Halb wahnsinnig vor Freude, wie früher vor Schmerz, riß sie es an ihre Brust. Thränen hatte sie nicht, aber der Quell des Lebens im Busen der Mutter war nicht versiegt, und mit einem

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Entzücken, einem Wonnegefühl, wofür die Sprache keinen Namen hat, beugte sie über ihren Säugling sich hin, der, in seliger Unbewußtheit der ihm drohenden Gefahren, warm und lebensvoll sich ihr anschmiegte.

Aber die fürchterliche Anspannung ihrer Nerven, die allein es ihr möglich gemacht hatte, das Unglaubliche zu vollbringen, ließ jetzt nach, ihre Besinnung kehrte zurück, und mit ihr, nur zu klar, zu deutlich, das Bewußtseyn der sie umgebenden Schrecken, die von allen Seiten sich ihr entgegendrängten. Jetzt erst war sie fähig, die ganze unendliche Hülflosigkeit ihrer Lage zu überschauen, und von neuem erstarrte alles Blut in ihren Adern.

“Wie werde ich mit meinem Kinde jemals wieder von dieser grausenvollen Höhe hinab zu Menschen gelangen!“ rief sie schaudernd. „Gott, der mich bis hieher erhielt, wird ja auch mit meinem Kinde am Busen mich nicht untergehen lassen,“ wollte sie mit frommem

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Vertrauen sich selbst zum Troste erwiedern, aber ihre Kraft war erschöpft, und ihr von unerhörter Anstrengung, von unsäglicher Angst und Qual ermüdetes Gemüth, vermochte an der Hoffnung nicht mehr festzuhalten, die es in der Verzweiflung ergriffen.

Einen Blick wagte sie hinab und fuhr schaudernd zurück. Dicht vor ihr, hoch und glatt wie ein Thurm, die Felsenwand, dann Klippen, Abgründe, bodenlose Felsenspalten, verwitterte Baumstämme und unten, tief unten, dem Auge kaum noch sichtbar, viele hundert kleine ängstlich durcheinander laufende Wesen. Ihres Gleichen, Menschen wie sie, ohnmächtige Geschöpfe, deren keines in dieser Noth ihr beizustehen vermochte; und aus dieser entsetzlichen Tiefe drang ein gehaltener Ton zu ihr hinauf; war es der Wasserfall, oder waren es menschliche Stimmen? Dort jener kaum bemerkbar schmale grüne Streif, es war ihr Thal, und dort jenes niedrige Buschwerk, es

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waren die uralten Ulmen, in deren Schatten die Hütte ihrer Mutter lag, und in dieser Hütte stand die Wiege ihres Kindes, in welcher der kleine Schläfer nie wieder ruhen, in der ihr Fuß nie wieder ihn schaukeln sollte.

“Hier, hier muß ich verschmachtend sterben! und wenn nun die Quelle des Lebens in meinem Busen versiegt, stirbt auch mein verlaßnes Kind, und dort, jene furchtbaren Flügel, jene grausenvollen Schnäbel und Augen und Klauen, sie kehren wieder, sie zerfleischen das Kind an der leblosen Brust der Mutter, die es nicht mehr zu vertheidigen vermag!“ rief sie, trostlos verzweifelnd: “und meine kranke Mutter, wer wird ihr beistehen, wenn ich dahin bin?“

“Gott!“ flüsterte deutlich eine Stimme, wenigstens schien es ihr so. Molly glaubte die eines Engels zu vernehmen, sie blickte auf, als müsse er in sichtbarer Gestalt ihr erscheinen; doch alles war öde und leer, nichts

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regte sich, als der Stamm eines längst verwitterten Strauches; von der Schwere des eigenen Gewichtes gebrochen, löste er in diesem Augenblick sich los von dem Gestein, das theilweise ihm nachrollte. Im Vorgefühl dessen, was wohl bald ihr selbst bevorstand, verfolgte Molly mit den Augen seinen Fall, das eigenen Geschickes gedenkend; sie sah ihn an der Seite des Felsen langsam hinabgleiten und tief unten, von einem etwas hervorragenden Stein aufgehalten, auf einem kleinen Vorsprung der Felsenwand liegen bleiben. Wie von einer höhern Macht ermuthigt, sprang sie begeistert auf, ihr Kind, mit ihrem Tuche festgebunden, hing ihr am Halse; wie und wann sie dieses gethan, sie wußte es nicht, aber das Kind war für den Moment in Sicherheit, und ohne Zaudern, mit halbgeschlossenen Augen schwang sie jenem armseligen Stückchen Holz sich nach, glitt, soviel wie möglich dessen Bahn verfolgend, am Felsen herunter und fühlte nach wenigen

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angstvollen Minuten ein kleines Fleckchen mit Wurzeln durchwachsenen Erdreichs unter sich, gerade groß genug für sie, um darauf Fuß fassen zu können.

Die Gipfel niedriger verkrüppelter Sträuche, die tiefer unten in den Felsenspalten kümmerlich wurzelten, ragten über den Rand der kleinen schmalen Fläche, auf welcher sie kaum Raum zum Stehen fand, hervor; mit unbegreiflicher Kühnheit schwang sie sich über denselben, um ihren gefahrvollen Weg fortzusetzen, sie hielt im Herabgleiten an Dornen und Disteln, an zwergartigem Birkengesträuch, an Haidekraut und wildem Geniste, an allem sich an, was sie mit ihren Händen erfassen konnte; ihre Finger waren wie zu eisernen Banden erstarkt. Wundervoll besonnen achtete sie auf alles um sich her; ein losgewordener Stein fiel neben ihr in die Tiefe, sie horchte seinem Fall; unhörbar erreichte er den Boden, so bodenlos tief war an dieser Stelle der Abgrund,

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über welchem sie schwebte. Sie bemühte sich mehr nach der andern Seite sich zu halten; Kieselgerülle rollte dort langsamer hinab, sie folgte ihm unbedenklich, ihre Füße erreichten einen vorspringenden Felsblock, auf dem sie einen Augenblick Halt machen konnte; der Stoß, den sie dadurch erlitten, war gewaltsam, aber sie fühlte keinen Schmerz, ihre Glieder, ihr ganzer Körper schien wie versteinert, hart wie der Felsen selbst, an welchem sie in dieser Todesnoth schwebte.

Doch nun schien ihr Untergang unvermeidlich; sie stand am Rande eines unabsehbaren Abgrundes, in welchen der Fels senkrecht steil sich hinabsenkte, glatt wie eine Mauer, ohne Vorsprung, ohne nur die Spur eines Anhalts, des kleinsten Plätzchens, auf dem sie zu fußen hoffen konnte, zu zeigen. Erst forschend, aber noch immer auf Gottes Hülfe fest vertrauend, blickte sie nach allen Seiten sich um, und noch einmal leuchtete ein Strahl von Hoffnung

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vor ihr auf; sie entdeckte einen uralten abgestorbenen Epheu, den vielleicht schon seit einem Jahrhundert kein grünes Blättchen mehr schmückte, dessen Farbe von der des Felsen, an dem er einst in seinem Wachstum emporklimmte, sich nicht mehr unterscheiden ließ. Mit tausend zarten Faserchen hatte er damals der harten Felsenmauer sich angeklammert, die Zeit hatte sie allmählig zu armsdicken Wurzeln und Zweigen umgewandelt, die halb in den Felsen eingewachsen, gleichsam in ihm versteinert, sich ihm anschmiegten und in tausend Verschlingungen eine Art Spalier bildeten, dessen Stäbe kaum breit genug für die äußerste Spitze ihres Fußes waren. Ein einziger Fehltritt, ein Ausgleiten, war hier unausbleiblicher Tod; Molly wußte es wohl, doch ihr Muth blieb ungebeugt.

Gefaßt und besonnen löste Molly das Tuch, mit welchem ihr Kind auf ihrer Brust befestigt war, band es so, daß das Kind jetzt

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auf ihren Schultern ruhte, und bereitete sich dann, die schauerliche Leiter, die in die Tiefe sie hinabführen sollte, zu betreten. Indem sie sich wandte, um sie zu besteigen, warf sie einen Blick hinunter in das Thal; deutlicher als vorhin sah sie nun an Fuße des Felsen die Bewohner desselben auf den Knieen liegen und feierlich stieg die Melodie eines Psalms zu ihr hinauf, in welchem alle diese Vielen ihr eifriges Gebet für ihre Rettung vereinten. Die Worte des frommen Gesanges konnte sie in dieser Höhe nicht vernehmen, aber sie kannte sie wohl. Sie selbst hatte unzähligemal, bei ihren häuslichen Andachtsübungen mit ihrer Mutter und beim öffentlichen Gottesdienst in der Kirche, im herzerhebenden Verein mit der nämlichen Gemeine, die jetzt für sie zu Gott flehte, nach dieser nämlichen Melodie sie gesungen. Feierlicher Ernst sprach in den Tönen sich aus, die mit schwellender Gewalt zum Throne des Höchsten emporstiegen, aber nicht

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Grabesgefang, sie sprachen Trost, Hoffnung ihr in die Seele und begeisterten sie zu vorher nie so empfundenem zuversichtlichen Glauben an ihres Kindes, an ihre eigne Rettung, gerade in diesem Augenblick, wo die Gefahr drohender als je vor ihr aufstieg.

Furchtlos, als hätte sie Flügel, trat Molly jetzt den entsetzlichen Weg an, vor dessen bloßem Anblick auch der Kühnste erbeben mußte; sie fühlte nicht die unerhörte Anstrengung, mit der sie langsam prüfend jeden Schritt wagte, an allem sich anhielt, was ihre Hände erreichen konnten. Das Wunder war endlich vollbracht, Molly fühlte wieder festen Grund, aber der Weg war noch immer gefahrvoll, schwerer als jemals die Wahl, nach welcher Seite sie sich wenden solle, um nicht an unübersteigliche Abgründe zu gerathen, in Gefahren, die wie die überstandenen zu überwinden, ihr vielleicht keine Möglichkeit, sich zeigen würde. Der Platz, an welchem sie sich jetzt befand, verbarg

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ihr den Blick in das Thal und der fromme Hymnus war verstummt, der vorhin ihren Muth erhalten und gehoben.

Sinnend stand sie da und erst jetzt vor der überwundenen Gefahr erbebend, erhob sie den staunenden Blick zu der fast unabsehbar hohen, senkrecht aus dem Abgrunde aufsteigenden Felsenwand, über die sie herabgekommen war. Kein menschlicher Fuß, keine Hand hatte vor ihr sie berührt, in keines Menschen Sinn war je, selbst nur im Traume, der Gedanke an die Möglichkeit, sie ersteigen zu können, gekommen. Sogar die Goldadler, deren Instinkt sie treibt, nur auf Menschen unzugänglichen Höhen zu horsten, hatten den Felsen oft umflogen, ehe sie es wagten, auf seinem höchsten Gipfel sich anzusiedeln. Die Leute im Thale hatten vielfältig es gesehen, wie die gewaltigen Vögel auf ihren breiten Schwingen, gerade an dieser Stelle ihn mit klugen Augen genau untersuchten, und dann,

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gleichsam über dessen Unzugänglichkeit beruhigt, anfingen ihren Horst zu erbauen.

Molly fühlte, daß nur ein Wunder sie hierher gebracht haben könne, und von neuem stieg die Hoffnung in ihr auf, auch aus dieser neuen Gefahr einen Ausweg zu finden. Plötzlich vernahm sie ganz nahe eine leise, furchtsame, zitternde Stimme; erstaunt blickte sie umher, dicht unter ihr, zu ihren Füßen stand eine Ziege mit ihren zwei Jungen, und dankbar erkannte sie in ihr die Führerin, die ihr der Himmel gesendet.

Furchtbare Höhen sind es, die diese scheuen Geschöpfe zu erklimmen wissen, aber Gott hat auch in die Herzen der stummen Kreatur Mutterliebe gelegt, und sie führen ihre Kleinen gewiß auf den bequemsten Pfaden hinab in das Thal, dachte sie , und küßte ihr Kind, und zum ersten Mal wurde ihr Auge wieder feucht und große schwere Thränen erleichterten ihr übervolles Herz.

Tiefe Felsenspalten, ungeheure Felsblöcke,

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dunkle Klüfte und steile Abgründe machten den Weg, den sie jetzt gehen mußte, nicht nur höchst beschwerlich, sondern auch noch immer zu einem der gefährlichsten, vor dessen Anblick auch der kühnste Gemsenjäger zurückgeschaudert seyn würde; doch Molly folgte getrosten Muthes ihrer stummen Führerin, die, von dem ihr angebornen Instinkt geleitet, immer ein Plätzchen fand, auf welchem sie fußen konnte, bis sie eine der kleinen Oasen in dieser Steinwüste erreichte, welche die Ziegen, der darauf wachsenden aromatischen Waldkräuter wegen, mitten im Gebirge begierig aufsuchen. Diese kleinen grünen Fleckchen wurden weiter hin häufiger, gränzten näher aneinander, schmale pfadartige Linien, von den Tritten der hier häufiger weidenden Ziegen gebildet, bewiesen, daß die Mutter wohl gewußt hab, wohin sie ihre Jungen führe, und nun war der Theil des Gebirges endlich erreicht, der zwar noch immer steil und gefährlich genug, doch nicht

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mehr für ganz unzugänglich galt. Schon früher hatten zuweilen einige der rüstigsten und kühnsten jungen Bursche aus dem Thale bis hieher sich gewagt, auch jetzt stiegen einige Köpfe wie aus dem Abgrunde vor Molly auf; Mark Stewart war der erste, ein Paar andere junge Leute folgten ihm. Molly fühlte sich und ihr Kind gerettet, dem Leben wiedergegeben, unter dem Schutze ihr freundlich gesinnter Menschen, und sie, die noch eben den drohendsten Gefahren kühn entgegen trat, war jetzt nahe daran, den auf sie einströmenden Gefühlen der Freude, des Dankes zu erliegen.

Sie hatte keine Worte, keinen Athem, nur ihre Blicke sprachen. Mit bittender Geberde winkte sie den ihr Nachenden Schweigen zu, wies gen Himmel und auf die stumme Führerin, die ihre Schritte sicher geleitet. Und auch die jungen Männer, die ihr entgegengekommen waren, verstummten, von frommer Ehrfurcht überwältigt. Sie sahen die

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junge heldenmüthige Mutter so nahe am Ziele, vom schweren Kampfe ermattet schwanken, und Mark Stewart, obgleich noch immer betrübt und beschämt, minder Kraft bewiesen zu haben, als dieses schwache Wesen, umfaßte sie mit rüstigem Arm, und gleitete sie sicher über steile Höhen und tiefe Abhänge durch das niedrig am Boden wuchernde Birkengesträuch hindurch bis zu einem über den Felsbach emporsteigenden grasbewachsnen Hügel, der schon zum Glen-orchy gehörte. Dort sank Molly hin, in todtenähnlicher Ohnmacht

Des Weinens, des Schluchzens, des lauten Jammerns war viel unter uns gewesen, während die Mutter den Heldengang zur Rettung ihres Kind es antrat. Der Augenblick, in welchem wir sie des Adlers Horst erreischen sahen, war in der That herzerhebend, erschütternd das Freudengeschrei, das ihn begrüßte, dessen Wiederhall die Luft sogar bis zur der schwindelnden Höhe getragen, auf

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welcher Molly stand. Doch unser Jubel wandelte in tödtliche Sorge, in jeden Laut erstickender Seelenangst sich um, als wir sie mit ihrem Kinde den noch grausenvolleren Rückweg antreten sahen. Schweigend, kaum athmend vor innrer Beklemmung, verfolgten wir jeden Schritt, jede Bewegung der fast für Verlorengegebenen mit unsern Blicken; und als wir, hülflos, zwischen Himmel und Erde in grauser Einsamkeit an glatter Felswand sie hängen sahen, ohne das es uns möglich war zu entdecken, an was sie sich anhalte, da vermochte das Herz das bis zum Unerträglichen gesteigerte peinliche Mitgefühl kaum mehr zu fassen.

Der Pfarrer von Glen-orchy, ein ehrmütdiger Greis, der mit uns dem hoffnungslosen Streben der innigsten Mutterliebe zusah, stimmte in jenem Augenblicke die fromme Hymne an, durch welche die arme Molly auf ihrem schweren Wege Trost erhielt, und

260 die ganze Gemeine sank um ihn her auf die Knie, und Aller Stimmen vereinigten sich mit der seinen zum feierlichsten Chor, der wohl je über die Wolken gedrungen. Jedes Herz empfand tief die tröstende Kraft des Gebets zur Zeit der dringenden Noth; jeder einzelnen Brust kehrten Muth und Vertrauen zurück, denn Jeder fühlte, als ob er nicht mehr gefesselt und unthätig dem Kampfe um Leben und Tod zweier schwachen, hülflosen Wesen zuschauen müsse. Der fromme Greis beugte nach beendigtem Gesange das schneeweiße Haupt im stillen Gebete und seine Gemeine folgte abermals seinem Beispiel. Banges Schweigen herrschte wieder unter der Menge, nur vom leisen Schluchzen einzelner Frauen unterbrochen.

“Sie lebt! sie und ihr Kind, sie sind gerettet,“ erscholl es plötzlich vom Hügel herab. Mark Stewart rief es mit der nämlichen kraftvollen Stimme, mit der er oft

261 vom Mastkorbe aus den landverkündenden Freudenruf erschallen lassen, und Alle fuhren auf, und lauter als vorhin die Klage, erscholl jetzt ein Jubelgeschrei, von dem das Gebirge weit und breit wiederhallte. Freudenthränen glänzten in allen Augen, Fremde und Bekannte sanken einander in die Arme, als sey jedem von ihnen ein besonderes Heil wiederfahren; die Mütter drückten ihre Kinder an das Herz, und jeder fühlte, als ob ihm in jenem armen, dunkeln, noch vor wenigen Stunden mit Schmach beladenen Wesen das theuerste Mitglied seiner eigenen Familie gerettet worden sey.

Alles strömte jetzt im buntesten fröhlichsten Tumulte dem Hügel zu, auf welchem Molly noch immer in tiefer Bewußtlosigkeit, gleich einer Todten lag, und auch wir Fremdlinge wurden von dem allgemeinen Freudentaumel fortgerissen, wie früher von dem allgemeinen Jammer. Seit sie Molly mit ihrem Kinde

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den grausenvollen Rückweg antreten sah, hatte Lady Mathilda nicht mehr den Muth aufzuschauen; mit verhülltem Gesicht, von Angst und Weinen erschöpft, lag sie halb ohnmächtig im hohen Grase. Als wir, Sir Thomas und ich, die freudige Botschaft von Molly’s Rettung ihr verkündeten, sah sie zweifelnd uns an, aber wir waren selbst zu bewegt, um uns auf lange Eröterungen einlassen zu können. Wir halfen ihr auf und trugen sie fast den Hügel hinan.

Mathilda eilte sogleich zu der ohnmächtigen Molly, sobald sie ihrer ansichtig wurde. Sie warf sich neben ihr in das Gras, unterstützte ihr sinkendes Haupt mit ihren Knien, holte ihr Riechfläschchen hervor, fuchte mit ihrem eignen Shawl sie gegen die Zugluft zu schützen, und versuchte alle Mittel, die ihr nur zu Gebote standen, um die Arme wieder ins Leben zu bringen. “Gute Leute, gönnt ihr ein wenig mehr Luft, umdrängt sie

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nicht so nahe,“ bat sie mit ihrer sanften Stimme und ihrem milden, freundlichen Blick, und alle Umstehende zogen sich ehrfurchtsvoll zurück; sie fühlten in Molly sich geehrt, und gönnten der vornehmen freundlichen Frau gern den Platz and der Seite der demüthigen Heldin des Tages.

Die Frauen hatten sich indessen des Kindes bemächtigt; das kleine Geschöpf, das noch Tages vorher schwerlich eine berührt haben würde, ging in süßer Unbewußtheit aus einer freundlichen Hand in die andere, jede Mutter liebkoste es, als wäre es das Eigne, und die sprödesten Mädchen drängten sich um dasselbe her und bedeckten es mit Küssen und heißen Thränen.

“Auch nicht eine Schramme hat es davon getragen, kein Dorn, kein scharfer Kiesel hat die weiche zarte Haut des unschuldigen Engels verletzt,“ rief eine Nachbarin; “der Adler hat die gräulich scharfen Fänge in die langen Kleider und in den Plaid geschlagen, in den

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die Mutter es sorgsam eingewickelt hatte,“ bemerkte eine Andere; “und blind, stockblind muß der seyn, der in dieser ganzen Begebenheit nicht den sichtbaren Finger Gottes erkennt,“ fetzte eine Dritte hinzu.

Tom und ich, wir standen da, und sahen mit stiller Theilnahme Mathilda’s rührendem Bemühen um die Arme zu, die noch immer kein Lebenszeichen von sich gab, als eine Art Aufstand unter den Männern unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir sahen von der andern Seite einen jungen Hochländer von hoher kräftiger Gestalt mit schnellem Schritt von einer Anhöhe herabschreiten. Todtenbleich, mit wildem angstvollen Blick eilte er dem Hügel zu, wo Molly in Mathildas Arme lag. Verachtende Geberden, höhnendes Gezisch der Umstehenden empfingen ihn, aber er beachtete es nicht, er schien es nicht einmal gewahr zu werden. Kräftig wie ein Riese schob er Alle zurück, die ihm in den Weg treten

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wollten, und ruhte nicht eher, bis er Molly gegenüber stand, deren Brust eben anfing sich leise athmend wieder zu regen.

Doch mit dem ersten Blick auf sie schien Muth und Kraft ihm zu schwinden. Er taumelte wie betäubt an den Felsen zurück, ein hohler Seufzer, mehr einem furchtbaren Angstschrei ähnlich, entwand sich seiner schwer athmenden Brust, sein Auge starrte mit dem Ausdruck der tiefsten Verzweiflung die schöne Gestalt an, die ähnlich einer sterbenden Heiligen vor ihm lag, und seine beiden Hände griffen mit krampfhafter Wuth in die reiche Fülle dunkelbrauner Locken, die sein todtenbleiches Gesicht umschatteten.

Es war Roger Rowland. Wanderer, die noch bei guter Zeit ihre entfernte Heimath erreichen wollten, und im Vorübergehen Zeugen dessen geworden waren, was hier geschehen, hatten im nahen Walde, wohin seine Geschäfte ihn führten, ihm verworrene

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Kunde von dem Wunder gebracht, dem sie so eben in Glen-orchy beigewohnt. Molly’s Name war dabei nicht genannt worden, aber sein Gewissen, sein vorahnendes Herz drangen die schwärzesten Vermuthungen ihm auf, und trieben unaufhaltsam ihn hieher.

Laute Verwünschungen, kampffertige Fäuste, drohende Blicke drangen von allen Seiten auf ihn ein und manche Hand fuhr an den Dirk; aber er dachte nicht daran sich zur Wehre zu setzen und ließ alles über sich ergehen. Er sah nur Molly, sein Muth war gebrochen, sein Herz gesunken, doch nicht aus Furcht. Der Anblick des schuldlosen Opfers, das einer Todten ähnlich vor ihm lag, der Anblick seines Kindes drang wie ein zweischneidiges Schwert in seine noch nicht völlig verhärtete Brust; von heißer bitterer Reue ergriffen, hätte er gern in diesem Augenblick vor Gott, vor den Menschen, vor sich selbst in den Mittelpunkt der Erde sich verbogen. Indem schlug Molly die Augen

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auf, ihr erster Blick fiel auf ihn – es war der Blick eines vergebenden Engels; eine stille Thräne rollte über ihre bleiche Wange und ein schwaches Lächeln voll Liebe, wie einst in glücklichern Tagen, umspielte kaum sichtbar die wieder sich röthenden Lippen.

Das war mehr als Rowland ertragen konnte. Seine bessere Natur erwachte wieder in aller ihrer Kraft. “Nachbarn,“ rief er, “thut an mir, wie Ihr wollt, verhöhnt mich, verachtet mich tödtet mich – Ihr thut mir nicht zu viel, ich habe es an jenem Engel dort verdient.“

Sein Blick ward wilder; Verzweiflung sprach aus allen seinen Zügen. “Ihr wißt nicht,“ rief er mit entsetzlicher Austrengung [Anstrengung] fast wie ein Wahnsinniger, “ihr könnt nicht wissen, welch ein schwerer Verbrecher ich bin. Als ich Treu und Glauben und jedes Gesetz der Natur und Gottes gebrochen, da gewann der Feind Gewalt über mich, und oft hab ich

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im dunkeln Walde seine Stimme gehört: sie flüsterte mir den Vorsatz ins Herz, mein Weib, mein Kind zu ermorden, und einst war mein Arm schon gehoben – aber noch ist es Zeit, ich will mein Verbrechen abbüßen , hier auf diesem Platze übergebe ich mich dem Gericht,“ fuhr er mit steigender Heftigkeit fort. “Dort steht Allan Calder – Allan Calder, ich rufe Euch auf, nehmt Euern Gefangenen in Empfang, ich mahne Euch an Eure Pflicht, führt mich zum Friedensrichter, schleppt mich ins Gefängniß – vollführt, was Eures Amtes ist. Allen Calder,“ rief er noch einmal mit brechender Stimme, in tiefer Zerknirschung, mit Blicken, mit einem Ton, vor denen Zorn und Haß in der Brust der Umstehenden in tiefes Mitleid, in versöhnende Zufriedenheit übergingen.

Die guten treuen einfachen Seelen konnten dem Manne nicht länger zürnen, der stolz, böse, sogar verworfen, wie er bisher sich gezeigt

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hatte, dennoch so ernster und tiefer Reue fähig war; auch der würdige Pfarrer schlug sich ins Mittel; er nahte sich dem reuig Verzagenden mit milden tröstenden Worten, es gelang ihm die wilde Verzweiflung, desselben in ein sanfteres Gefühl umzuwandeln; von ihm geführt, schwankte Rowland schwach wie ein Kind zu Molly hin und sank sprachlos neben ihr auf die Knie. Auch sie hatte keine Worte, aber ihre Augen sprachen aus, was ihre Brust bewegte. Segnend legte der Pfarrer die Hände Rowland’s and Molly’s in einander, und dann dem Vater sein Kind in die zitternden Arme. Jedes Herz brach über den Anblick, und Augen, die nie zuvor eine Thräne gekannt hatten, ergossen sich jetzt in milden, aus übervollem warmen Herzen entquellenden Strömen.

Die jungen Bursche bereiteten indessen in aller Eile eine Trage mit welchem Moos gepolstert, die Mädchen umhingen sie mit grünen

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Kränzen und schmückten sie mit frisch gepflückten Waldblumen. Molly wurde sanft auf dieselbe gehoben, ihr Kind ruhte in ihrem Schooß, Mathilda, ihr zur Seite gehend, unterstützte sie; Molly wendete von Zeit zu Zeit den dankbaren Blick der gütigen Frau zu, aber ihr Auge hing doch mit dem Ausdruck der innigsten Liebe an Rowland, der, ihre Hand haltend, neben ihr ging. Die jungen Männer stritten sich um die Ehre, sie zu tragen; matt zum Tode, aber Freude einer Seligen im Herzen, zog sie wie im Triumphe der Heimath zu die sie vor wenig Stunden, von Schande bedrückt, Schmerz und Gram im verödeten Gemüth, ohne Trost und ohne Hoffnung verlassen.

Ich schweige von dem Gefühle, mit dem die Mutter ihr glückliches Kind, so ehrenvoll begleitet, wiedersah, auch von dem, mit welchem wir, einige Tage später, deren Mathlida zur Erholung von allen erlebten Erschütterungen

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bedurfte, dieses Thal verließen, in welchem wir, im Laufe eines einzigen Tages, fast die Erfahrungen eines ganzen Menschenalters mit erlebt hatten. Die Erinnerung daran wird nie in meinem Gedächtniß erlöschen.

Jahre sind seitdem an mir vorübergegangen, in denen ich in der Heimath der armen Molly oft gedacht habe, deren feierliche Verbindung mit Rowland ich noch beiwohnte, ehe wir Glen-orchy verließen.

Mancher Zweifel, ob nicht der wohlthätige Eindruck, den jenes erschütternde Ereigniß auf Rowlands Gemüth gemacht hatte, mit der Zeit wieder erloschen sey, und ob er Molly wirklich so glücklich mache, als sie es zu werden verdiente, ist seitdem in mir aufgestiegen; doch ein Brief meines Freundes Hill hat mir vor wenigen Tagen hierüber die erfreulichste Gewißheit gegeben.

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Familienverhältnisse haben Sir Thomas und seine liebenswürdige Lady Mathilda bewogen, im Laufe dieses Sommers eine zweite Reise nach Schottland zu unternehmen; sie haben nicht versäumt, das ihnen wie mir unvergeßliche Thal Glen-orchy und auch Molly zu besuchen, und haben sie, als glückliche Gattin und Mutter mehrerer Kinder, in einem, für ihre Stellung im Leben, recht wohlhäbigen Haushalt gefunden.

Ihre Mutter wohnt bei ihr, und scheint durch die glückliche Umwandlung ihres Geschicks gleichsam verjüngt; Rowland ist ein braver Mann geworden, der seine Frau recht herzlich liebt; die vornehmen Verwandten desselben haben wegen der Berühmtheit, die Molly sich auf jenem fürchterlichen Gange erworben, und der Achtung und Freundlichkeit, der sie seitdem von Vornehmen und Geringen sich erfreut, ihr die Niedrigkeit ihrer Geburt verziehen und leben mit ihr in leidlich gutem Vernehmen.

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Sie selbst genießt einer blühenden Gesundheit und hat große Freude an ihren Kindern; doch der älteste Knabe ist und bleibt der Liebling beider Eltern. Sie und die ganze Umgegend nennen ihn den Adler, und er wird diesen Beinamen wahrscheinlich lebenslang behalten.

Des Adlers Horst aber steht seit jenem denkwürdigen Tage verlassen, und fängt an allmälig zu verwittern; doch was sich bei demselben zugetragen, wird nicht vergessen werden, so lange der Fels steht, auf dem er erbaut ward. Molly’s kühnes Wagniß wird wahrscheinlich mit der Zeit in das Reich der wundervollen Sagen übergehen, die im Munde des Volks ewig leben, denn schon jetzt betritt kein Fremder das Thal von Glen-orchy, dem die Geschichte von Molly’s und ihres Kindes wunderbarer Rettung nicht mitgetheilt wird. Das Adlerpaar kehrte nie wieder zu seiner Wohnung zurück, in deren Nähe der
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Anblick einer Menschengestalt es erschreckt hatte; es wandte seinen Flug mehr landeinwärts und hat seitdem in der ganzen Umgegend sich nicht wieder blicken lassen.

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