Zwei-, vier- und sechsbeinige Bewohner unseres Missionshügels

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This transcription was prepared for the Sophie website by
Cindy Brewer’s German 201 class during
 Winter Semester 2006 at Brigham Young University. 
Student contributors were:
Holly Astle, Andralynn Brown, Matthew Campbell, Emily Davis, Kenneth Dunn, Katherine Fisher, Anne Gordon, Mallorie Guerra, Emily Hudson, Aaron Hunsaker, Lindsay Johansson, Cara Jones, Kali Jordan, Katherine Kitterman, Emily Mitchell, Kip Nelson, Chelsea Peterson, Allyse Robertson, Alyssa Sherman, and Laura Smith


[1]

Zwei-, vier- und sechsbeinige Bewohner unseres Missionshügels
 
von Sophie Spieß
 
Basel
 
Verlag der Basler Missionsbuchhandlung
 
1915
 

 
 [3]       Im Jahre 1912 galt es für uns wieder einmal, wie schon so oft während unserer afrikanischen Arbeitszeit, unser Bündel zu schnüren und weiter zu wandern auf eine andere Missionsstation. Ganz fremd war sie uns ja nicht, aber meine Erinnerung daran war nicht gerade sehr erfreulich. Als ich eines Sommers mich entschloß, meine Ferien bei meinen auf der Goldküste weilenden Verwandten zuzubringen, führte mein Weg mich über unser neues Arbeitsfeld. Mein lieber Mann hatte sich vorher bei Lehrern und Christen des Pekitales genau erkundigt, auf welchem Weg das Übersteigen der hohen Berge dort am wenigsten Schwierigkeiten bereiten würde. Einstimmig fiel die Wahl auf den Konta-Weg. Doch da zeigte es sich wieder einmal, wie verschieden doch die Ansichten der Eingeborenen von den unsrigen in vielen Dingen sind. Für einen Schwarzen, der barfuß, leicht beschwingt, mit seinem bißchen Zeug am Körper, wie eine Gazelle den engen Felsenpfad hinauf und hinunter klettert, war dies wohl mit all unserm Drum und Dran von Kleidern und Schuhen bedeutete es eine Qual, in heißer Mittagssonne über Felsgeröll, das sich unter den Füβen löste, emporzusteigen. So sah ich diesem Umzug mit recht gemischten Gefühlen entgegen. Doch es ging alles besser, als ich dachte.
 
[4] Es gibt doch immer, wohin man auf Missionspfaden kommt, allerlei Herzerfreuliches zu erleben, wodurch die Mühsalen der Reise erträglich werden. So ging’s uns auch diesmal, und unter Gottes freundlichem Geleit erreichten wir dann auf einem besseren Wege nach allerlei Fährlichkeiten unsere neue Wirkungsstätte, von deren
 
[5] zwei-, vier-, und sechsbeinigen Bewohnern diese Zeilen allerlei erzählen sollen. Bei der Nennung der Sechsbeiner kommt euch wohl ein gelindes Gruseln an. Aber die sind’s nicht, die unseren tapferen Truppen so viele Qualen bereiten. Solche treiben freilich auch in Afrika ihr Unwesen, aber die Treppe der Missionshäuser hinauf kommen sie nur ganz vereinzelt als “blinde Passagiere” im Zeuge der Angestellten oder der Besucher. Was ich meine, wird nicht verraten; das soll jeder „geneigte“ Leser selber ausfindig machen. Nachdem wir in dunkler Nacht mit unsern Kisten und Koffern unseren Bestimmungsort erreicht hatten, galt’s nach erquickender Nachtruhe sich erst einmal wohnlich einzurichten. Dabei ging es uns, wie so vielen Umziehenden in Deutschland, daß allerlei nicht in die neue Wohnung passte.  Die Möbel zwar bleiben stehen, und das ist gut, denn welche Summen würde es kosten, die schweren Sachen von einem Ort zum anderen zu schleppen. Zuerst zeigte es sich, dass unsere Vorhänge für die niederen Fenster des Pekihauses viel zu lang waren, die unteren Scheiben waren so niedrig, daß mein Mann bequem darüber hinweg durch den oberen  Flügel von der Veranda zu mir hereinschauen konnte. Also schnell die Nähmaschine her, ritsch—ratsch, ein Stück vom Vorhang herunter und einen neuen Saum daran. Dieses war der erste Streich; der zweite ließ sich nicht so schnell ausführen.  So sah ich diesem Umzug mit recht gemischten Gefühlen entgegen. Doch es ging alles besser, als ich dachte.
In Peki waren die Möbel aus einheimischen Baumholz auf der Station selbst hergestellt.  Nun gab’s statt unserer Kommoden in Keta, die seinerzeit als Ballast mit dem Missionssegelschiff von Europa gekommen waren, eine Art Schränke mit Borden, die viel länger und breiter waren. Als ich nun die mitgebrachten schönen neuen
 
[6] Decken drauflegen wollte, da sahen sie ganz putzig aus. Sie waren viel zu klein. Aber was halfs? Sie mußten’s eben tun, bis ich Zeit zu neuen finden würde. Solange wir in Peki waren, fand sich diese aber nicht, und da die Stube doch freundlich ausehen sollte, mußten eben die kleinen Decken auf den großen Schränken bleiben. So fanden sich noch allerlei Mißstände, die eben ertragen werden mußten. Der Mensch kann sich ja an so vieles gewöhnen. Schwieriger war’s schon, mit dem lebenden „inventar“, unseren Gehilfen, zurechtzukommen.
            Unsere Hausmädchen, die wir in Keta hatten, waren natürlich nicht zu bewegen, so weit von Vater und Mutter fortzugehen, gar noch in den „Busch”, wie die Inlandstationen genannt wurden. Nur mein getreuer
 
[7] Koch begleitete uns und blieb bei uns, bis wir wieder in die Heimat zurückkehrten.
            Am ersten Sonntage in Peki bekamen wir nach dem Gottesdienst allerlei Begrüsungs- und Neugierbesuche. Unter den letzteren befand sich auch ein stattliches, ziemlich hellfarbiges Mädchen, das sich anbot, zu uns zu kommen. Sie hatte ein freundliches Gesicht und gefiel uns gleich. Im Laufe der Zeit wurde dieses leider gar zu oft durch Trotz und mürrische Launen entstellt. Aber ich war froh, doch so schnell jemand gefunden zu haben, denn die Pekier halten es sonst unter ihrer Würde, einem Weißen zu dienen.  Meine zweite „Stütze“ fand sich auch bald.  Sie hatte allerdings am Knöchel eine große Wunde und durfte deshalb nicht zu sehr angestrengt werden.  Meine Hoffnung, durch Schonung und Pflege den Fuß bald zurechtzukriegen, schlug allerdings fehl, und so mußte ich sie auf lange Zeit nach Hause schicken.

            Aber ich hatte ja noch so viele freiwillige Gehilfen in meiner Kinderschule, dass wir die Arbeit schon zusammen schafften.  Es gab ja kein größeres Glück für die kleinen Mädchen und Buben, als wenn sie der Aweno (Herrin) helfen durften.  Freilich mit den europäischen Gerätschaften, wie Besen und Schaufel, verstanden sie nicht umzugehen, und einer nach dem andern mußte seine Kunst probieren, bis die Treppe einigermaßen staubfrei war. Für diese große Anstrengung mußte natürlich auch eine Belohnung sein, und stolz verteilten die Sieger dann ihren Preis, ein Stückchen Jesu bolo (Brot des Weißen) unter ihre bittenden Kameraden. Es reichte eben nur für ein paar Krumen für jeden, aber das Bewuβtsein, wieder einmal Europäerbrot genossen zu haben, genügte vollständig.

            Nun galt es Besuche zu machen.
 
[8] Da war zunächst der Herrscher des Pekitales, Fia Kwadzo De VIII. Er war ein Jahr vorher durch einen Aufstand gegen den früheren Häuptling auf den Königsstuhl gekommen. Sein Vorgänger war ein grausamer, habgieriger Mensch, der seine Untertanen solange quälte und Geld von ihnen erpreßte, bis sie sich empörten. So schlimm ging’s dabei zu, daß schwarzes Militär von der europäischen Regierung zu Hilfe gesandt werden mußte. Wehe den Ziegen, Schafen und Hühnern, die sich in dieser
 
[9] Zeit auf den Wegen und freien Plätzen sehen ließen. Sie wanderten unbezahlt in die Kochtöpfe der Landesverteidiger und Träger der Ordnung. Schließlich wurde gegen den alten König entschieden. Es half ihm auch nichts, daß er heimlich ein Böcklein schlachten und dessen Blut vor sich hinstellen ließ. Er wollte damit glauben machen, ein Blutsturz habe ihn so geschwächt, daß er unmöglich seinen Regierungssitz verlassen und in die Verbannung ziehen könne.
            War der alte Herrscher zu streng, so war der neue zu energielos. Er wurde einfach von den alten Ratgebern beherrscht und bot durch sein Betragen manchen Anstoβ. So fand man eines Morgens einen Zettel an einen Baum geheftet, auf dem zu lesen war: „Es wäre doch besser, daβ der König sich Frauenkleider anzöge. Er habe so gar kein würdiges Benehmen. Neulich habe man ihn sogar gesehen, wie er eigenhändig Zwiebeln auf dem Markte eingehandelt hätte, eine Sache, die die geringsten seiner Untertanen durch ihre Frauen oder Diener besorgen lieβen.“
            Den besuchten wir also in seiner halbfertigen Lehmresidenz. Man muβte durch einige fenster- und dachstuhllose Anbauten, ehe man zur königlichen Erdhütte gelangen konnte. Ja, wahrlich, manche seiner geringsten Untertanen hatten schönere Häuser als er.
            Viel netter fanden wir’s bei unseren Presbytern, den Kirchenältesten, die wir nun aufsuchten. Da war zunächst der stattliche, kluge A m o s, ein fleißiger Mann, gelernter, Schreiner, der aber um seiner vielen Felder willen sein Handwerk aufgesteckt hatte. Er versuchte, Zucht und Ordnung zu halten in seinem Hause, was seinem Sohne Christian wenig behagte. Der mochte lieber sich herumtreiben als arbeiten. Mir ist er
 
[10] aber in gutem Andenken. Damals, als mein Mann so schwer krank darniederlag, wollte ich gerne Nachricht darüber nach Ho << Ho is a city in south east Ghana and is the capital of the Volta Region>>  senden. Nun war aber der Grenzfluß infolge der starken Regenzeit so hoch angeschwollen, daß niemand hinüber wollte. Vergebens bat ich um einen Boten, bis Christian sich endlich meldete. Er band sich das Briefpäckchen auf den Kopf und durchschwamm damit den reißenden Fluß.
            Des Amos beide Töchterchen gehörten zu meinen “Häschen-hüpf-Kindern”.  Mathilde sollte allerdings schon zur “großen” Schule, aber sie hatte “Dzobu”, einen sehr schlimmen Hautausschlag.  Oft, wenn man an der Hütte vorbeiging, hörte man ein jammerliches Wehgeschrei aus dem Baderaum heraustönen.  Dann reinigte der Vater mit heißer Kräuterabkochung die eiterigen Wunden seines Kindes.  Das tat gewiß schrecklich weh.  Die kleine Christine mochte lieber zu Hause ihr Schwesterchen hüten, als zur Kinderschule kommen.  Ich konnte es ihr nicht verdenken, es gibt ja nichts wonnigeres als so ein kleines, pummeliges Geschöpfchen.
Aber Ordnung muß sein.  Wer zur Kinderschule angemeldet ist, der muß auch kommen.
Wie sollen auch die Kinder den Heiland lieb haben lernen, wenn sie nichts von ihm hören.  Darum haben die Missionsleute ja die Kinderschulen angefangen. 
Schickte ich nun eines der Kinder, um Christine zu rufen, dann kam es bald unverrichteter Sache zurück, ganz erregt mir erzählend, der Unband habe sie schrecklich geschimpft und sogar gekratzt, als man ihn anfassen wollte.  Aus dem niedlichen kleinen Mund mit den Perlenzähnchen kamen ganz hässliche Wörter heraus, so dass niemand mehr hingehen wollte.  So mußte ich denn selbst hinlaufen. Meist lief sie dann im Adamskostüm im
 
[11] Gehöft herum, und ich mußte erst aus dem herumliegenden haufen von Kleidern und Lüchern etwas zum Anziehen heraussuchen, denn Nackedeis wurden auf dem Stationshügel nicht geduldet.
            Aus dem Gehöft nebenan konnte ich mir auch gleich einen kleinen Faulpelz herausholen. Dort wohnte David mit seiner zahlreichen Familie friedlich mit Hunden, Ziegen, Hühnern und Schafen zusammen. Ich mußte oft an das Bild vom armen Lazarus denken, wenn ich da hineinkam. Da lag dann oft der einäugige Vater vor seinem Eßtopf, nur mit dem Notdürftigsten bekleidet, und wenn die Hunde auch nicht seine Schwären beleckten, so leckten sie doch an seinen nackten Beinen und seiner Eßschüssel. Die Hausfrau war eine geschickte Töpferin, und ich habe ihr manchmal zugeschaut, wie sie aus einem nassen Lehmklumpen so geschickt die großen Wassertöpfe herausdrehte.  Sie benutzte dazu nur ihre Hände und einen ausgekörnten Maiskolben, mit dem sie die Sandkörner aus der Lehmform herausmischte.  Für die äußere Sauberkeit des Gehöftes und seiner Bewohner war dieses Geschäft gerade nicht zuträglich, die Kleinen krabbelten zwischen dem nassen Kram herum.  Doch ein Bad ab und zu und kräftige immelsduschen während der Regenzeit besorgten die Reinigung schnell und billig.
            Der älteste Sohn des Hauses war ein Tagedieb, denn er stahl dem lieben Gott die Tage, die zur Arbeit bestimmt sind, durch seinen Müßiggang. Statt dem Vater auf dem Felde zu helfen, trieb er sich lieber im Dorfe herum oder kletterte auf die Bäume.  Alles Reden half nichts; so griff der liebe Gott, der nicht will, daß die Menschen verderben, selbst ein.  Wieder einmal hatte sich David von der Feldarbeit gedrückt und war auf einen Baum gestiegen.  Als er sich beim Pflücken der Früchte
 
[12] zu weit vorneigte, brach der Ast und der Junge fiel hinunter.  Niemand war weit und breit.  Alles war auf den Kakaofeldern beschäftigt, und so lag er einige Stunden bewußtlos, bis ein Vorübergehender ihn fand.  Nun erhob sich lautes Wehklagen, und schnell kam der Vater zu mir gelaufen, um meine Hilfe zu erbitten. Die Zeit, die ich des Morgens mit dem Verbinden der Kopfwunde zubringen muβte, benutzte ich dazu, ihm ernstlich ins Gewissen zu reden, und hatte den Erfolg, daβDavid sich nach seiner Genesung um einen Schreiberposten umsah. So weit konnte er seine Faulheit doch noch nicht überwinden, daß er den Seinen auf dem Felde mitgeholfen hätte.
            Derjenige, den ich im Gehöfte suchte, hieβ Nikolas. Zu Zeiten war er einer meiner besten Kinderschüler, der mir durch kluge Antwort viel Freude machte.  Aber ab und zu packte ihn der Durst nach unbeschränkter Freiheit so sehr, daß man ihn geradezu herschleppen mußte.  Sehr vorsichtig galt’s dabei zu Werke zu gehen, sonst entschlüpfte uns der Schlaue durch eines der vielen Löcher im Zaune, der sein väterliches Gehöft umgab.Triumphierend trugen dann meine Mithelfer den Zappelnden hoch über ihren Köpfen gehoben zur Schule.
 
Die Eltern konnten mir nicht helfen. Wenn ich mit ihnen redete, gab’s nur ein Achselzucken. <Nuka wo ge jia la egbe>, „Was sollen wir tun”, hieß es da, „er will ja nicht.“ Ich wußte schon, was zu tun sei, denn in unserm Garten wuchsen so schöne, schlanke Bambusstöckchen, die nur darauf warteten, daß sie einen Tanz, auf der Rückseite unartiger Büblein aufführen durften. Außer den beiden Jungens war da noch ein etwa neunjähriges Töchterchen, das seiner Mutter fleißig zur Hand ging, ihr half,
 
[13] die trockenen Grasbündel zum Brennen des Geschirres herbeizuschaffen und für das Essen sorgte. Leider war aber dieser Fleiß dem Schulbesuch nicht günstig, und so kam’s, daß die große Monika noch unter den Abc-Schützen saß. Ihre Altersgenossen durften schon alle zu mir zur Handarbeitsstunde kommen, was das Kind sehr schmerzte; denn Häkeln, Stricken und Sticken lernen war der größte Wunsch der Pekimädchen. Dem Nähen brachten sie leider keine so große Aufmerksamkeit entgegen, denn dies galt ursprünglich als Männerarbeit. Nur diese nähten die langen, selbstgewebten, bunten Baumwollstreifen zu Tüchern und Jägerröcken zusammen. Freilich, seitdem die Nähmaschinen auch in Afrika eingeführt sind, und die Leute infolge der christlichen Sitte besser gekleidet gehen, findet auch die weibliche Jugend damit einen guten Verdienst.
            Nun müssen wir aber zum nächsten Gehöft weiter, um mit unsern Besuchen fertig zu werden. Dieses lag hinter der Kapelle, einem langen, schmalen Gebäude, in dem Sonntags Gottesdienst und Werktags Schule gehalten wurde. Oft, wenn wir zur Kirche dort eintraten, hing noch hinter dem Tisch des Predigers die groβe Tabelle mit dem Abc, das doch nicht gerade auf besondere
 
[14] Erbauung Anspruch machen konnte, und deswegen noch schnell von uns entfernt wurde.
            Der Kirchenälteste Samuel, dem unter nächster Besuch galt, wohnte mit seiner Frau, einem kleinen Töchterchen und der alten Mutter in einer nett hergerichteten Hütte. Der Boden war immer schön glatt gewischt und die Türöffnung mit Streifen von roter Erde nett verziert. Die alte Mutter, die kaum noch gehen konnte, brauchte sich des Sonntags nur auf den erhöhten Gang vor der Küche zu setzen, dann hörte sie die Predigt durch die geöffneten Kapellenfenster so gut, als ob sie mit drinnen sei.
Der älteste Sohn war Lehrer auf der nächsten Außenstation und hatte dort eine nette kleine Schule.  Das Töchterchen war des Vaters Liebling.  Wie nett war sie immer angezogen.  Saubere Tücher oder Kleidchen um, an den Füßen hübsche Ledersandalen, wie die Haussaleute, die muhammedanischen Händler, sie herstellen.  Zur Schule kriegte ich sie leider nur um die Weihnachtszeit, wenn die Feldarbeit infolge der großen Dürre aufhören muß. Sonst begleitete sie immer ihren Vater auf die Plantage, eine kleine Kalebasse mit Wasser und eine kleine Hacke auf dem Kopfe.  Dort blieben sie oft von Montag bis Sonnabend, schliefen in der einfachen, mit Bananenblättern gedeckten Feldhütte und kochten sich zwischen ein paar Steinen ihr einfaches Essen.  Nur die Hausfrau musste des Abends zurück, um nach ihren Hühnern und Ziegen zu sehen.  Infolge der Wochenarbeit wurde dem alten Manne dann das Stillesitzen in der Kirche des Sonntags recht schwer.  Auf dem erhöhten Platze, den die Kirchenältesten einnahmen, machte er ein Nickerchen nach dem andern, und seinem Nebenmann war es nicht ganz leicht, ihn so unauffällig wie möglich
 
[15] wieder in die Wirklichkeit zurückzubringen.  Wehe aber dem Schläfer im Kirchenschiff, auf den die eben geöffneten Augen des Presbyters fielen. Entweder wurde er beim Namen gerufen, damit er aufstehen solle, bis er munter sei, oder der Kirchenälteste erhob sich würdevoll, schlug den heruntergenommenen Zipfel seines Sonntagsumschlagtuches wieder über die Schulter und wandelte langsam den Mittelgang entlang, dem Missetäter zu. Dieser war aber natürlich unterdessen längst durch freundnachbarliche Püffe aus seinen Träumen aufgeschreckt und aufgestanden.
            Es ist nur gut, daß die schwarzen Prediger sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen, sonst hätte manch einer in der Pekikappelle den Faden seiner Predigt verloren.
            Und nun noch zum letzten Presbyter, auch einem
 
[16] Samuel, der zum Unterschied Rosa Fofo (Vater der Rosa) genannt wurde. Das war ein stolzer Mann, ein echter Pekier, so klein er auch war. Er hatte seine älteste Tochter eigens zu ihrer Ausbildung in die “höhere Töchterschule” in Keta geschickt. Was ihn allerlei kostete. Da sie so gut ausgebildet und ein stilles, freundliches Mädchen war, hätte ich sie zu gerne als Kinderschullehrerin gehabt. Er meinte aber, sie sei ihm für die Feldarbeit nötiger. Dafür bekam ich aushilfsweise die zweite Tochter Rosa, ein schönes, schlankes Mädchen, die klügste in der Schule und tüchtigste im Handarbeiten. Sie war freilich noch ein rechtes Kind, das ich nicht allein lassen konnte. Oft, wenn ich noch länger in der Apotheke beschäftigt war, kam sie und sagte:  „Aweno, ich habe die biblische Geschichte zu Ende erzählt und das Wandbild abgefragt, nun weiß ich nicht mehr, was ich mit den Kindern anfangen soll.“ Oder sie beklagte sich, daß ihre Pflegebefohlenen sie arg schimpften, wenn sie Ordnung halten wolle. Da mußte ich dann schnell hinlaufen und Ruhe schaffen. Aber doch war ich ihrem Vater dankbar, daß er es bei der Mutter durchsetzte, mir Rosa für sechs Monate zu geben.
Für diesesmal müssen wir Abschied von den, wie ich hoffe, euch allen liebgewordenen Pekistationsleuten nehmen. Das Büchlein ist schon voll geschrieben. Es folgt aber ein zweiter Teil, der auch von all dem, was hier nicht mehr hineinkommen konnte, erzählen soll.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1915
Publication Place: 
Basel
Number of Pages: 
16 page(s)
Press: 
Verlag der Basler Missionsbuchhandlung