Zur neuorientierung der Frauenbewegung

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Frauenzeitung
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Haben die Frauen politisches Talent

 

Von Gisela Urbau

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     Die Frage, ob die Frauen politisches Talent haben, ist nicht neu. Sie ist nicht erst in den letzten Jahren aufgetaucht, seit die Frauen Oesterreichts die vollen Bürgerrechte besitzen. Schon Wahrend der Kämpfe um das Frauenstimmrecht in anderen Ländern, die zuweilen- man erinnere sich der Suffcagetten in England - recht unsympatische Formen annahmen, ist auch bei uns oft darüber debattiert worden, ob die Frauen politisch begabt sind oder nicht. Ja, diese Frage stammt noch aus früheren Zeiten. Sie wurden schon in der französischen Revolution behandelt. Und sogar viel frühere Epochen haben diese Fragen nicht erst erörtert, sondern das politische Talent einzelner Frauen einmütig anerkannt. Regentinnen aus herrschgewohnten Häusern Gattinnen und Freundinnen von Kaisern, Königen und Fürsten, von gebietenden Staatsmännern, von einflußreichen Politikern haben es oft und oft verstanden, dem Leben und dem Schicksal eines ganzen Volkes ihren Willen aufzudrücken.
     Fragen wir vorerst: Waren diese Frauen durch Geburt, durch einen glücklichen Zufall oder durch Besonderheiten ihrer äußeren Erscheinungen und ihres geistigen Wesens auf den Höhen des Lebens wandelnd, wirklich politisch begabt? Begabt im Sinne des modernen Frauenstrebens? Schon die Art und Weise, wie die Frauen ihren politischten Willen durchsezten- auf dem Umwege über erotisch beherrschte Männer- wird von der Geistesrichtung der modernen Frau verurteilt. Aber auch das “ Was” in der Frauenpolitik verklungender Zeiten hat nichts von der Geistigkeit, die die Frauenbewegung durchströmt Die Einstellung der Frauen in die Politik wurde einst von rein männlichen Gesichtspunkten geleitet: von Fragen der Macht und des Eigentums. Macht erobern und festhalten, Besitz erringen und ausdehnen, das waren die Beweggründe der politischen Betätigung der Frauen. Die in Geschichtsbüchern gepriesene Wohlfahrt, der sich in Zeiten der Prägung der Politik durch weiblichen Willen manches Volk erfreut, wurde nicht vom Mitfühlen , von dem Wunsche leben zu fördern, zu pflegen und zur vollen Entwicklung zu bringen organiesieren, sondern von dem selbstsüchtigen Trieben ungestört und ungehemmt die eigene Macht, den persönlichen Besitz zu erweitern und zu genießen.
     Schon dieser kurze Rüchblick läßt erkennen, daß zur Beantwortung der Frage, ob Frauen politische Fähigkeiten besitzten, nicht die bisher geltenden Maßstäbe zu einer solchen Beurteilung angewendet werden können. Politisches Talent sprach man bisher jener Persönlichkeit zu, die krafterfüllt genung war, das Leben im Saate nach einigen Ideen, nach dem eigenen zündenden und die Massen entflammenden Willen zu beeinflussen und so dem Staatsgeschehen Ziel und Richtung zu geben. Schwung, Schlagfertigkeit, Ueberlegenheit, Hartnäckigkeit, Willensstärke, Geistesgegenwart, die leidenschaftliche Geste eines sprühenden Temperaments oder die imponierende Beschlossenheit geistiger konzentration, dies alles gehört zum Rüstzeug der politisch Begnadeten. Ihre Arbeit ist auf planmäßigem, oft hinterhältigem Kampf gegen andere Ueberzeugungen aufgebaut. Sieg über politische Gegner und die Durchsetzung der eigenen Ideen im Werden des Staates sind die Kennzeichen ihres Erfolges. Aber all dies Talente waren und sind Männer, und männliche Anschauungen formten die Linien der politischen Arbeit und ihr Kriterium. Können Frauen in gleichem Sinne beurteilt werden?
     Soll die Frau in der Politik in die Fußstapfen der Mannes treten, soll sie Männerart nachahmen und den männlichen Geist verstärken? Ist es nicht vielmehr ihre Aufgabe, im Bewußtsein ihres anders gearteten Wesens, ihr ureigenstes Denken und Fühlen in die Politik zu tragen? Die Mission der Frau in der Politik ist nicht so leicht in Worte zu kleiden wie ein politisches Programm. Wer die Verschiedenartigkeit der Geschlechter richtig beurteilt oder abschäzt, der wird auch wisse, daß der Frau die Politik kein Selbstzweck sein kann, kein Tummelplatz zur Eroberung von Macht und Besitz. Daß sie vielmehr die Politik nur als Mittel benützen kann, um in die neuen Ordnungen für unser Gemeinschaftsleben die Kräfte einzuführen und zur Auswirkung zu bringen, die ihrem Wesen eigen sind: Die Kräfte der fürsorgerischen-pflegerischen Mütterlichkeit, die die Familie und das Heim erstehen ließen und die nun vermögen der gleichberechtigten Stellung der Frau in der Gesellschaft allen Interessen des menschlichen Lebens dienen sollen.
     Die Allgemeinheit ist noch weit davon entfernt, das Frauenwirken im öffentlichen Leben richtig zu bewerten. Auch die politischen Männer beurteilen die Frauen nach dem festsehenden Schema ihrer überlieferten Begriffe. Die Frau ist in der Politik noch eine Novize. In der kurzen Spanne Zeit von drei Jahren konnte ein politischer Frauenwille sich noch nicht entwickeln oder gar bestimmenden Einfluß erringen. Bedenken wir: Wir leben in einem Staat, hältigen Kampf gegen andere Ueberzeugungen aufgebaut. Der keinen Eigenwillen hat. Durchgreifende politische Taten sind in dieser Atmosphäre tieffster Ohnmacht und Entwürdigung, in dieser Sitte und Moral zersetzenden Unordnung und Zerrissenheit des wirtschafflichen Lebens nicht durchführbar. Auch Männer , die mit dem glühenden Wunsch, die Welt nach ihren Idealen zu lenken, ihre Mandate annahmen, erkennen das Scheitern ihres Strebens. Von großen politischen Reformen, von kühner Neuschöpfung ist bei uns wenig zu verspüren. Dafür leiden wir unter den gewaltsamen Willenskundgebungen der Parteien, unter der Böswilligkeit politscher Beherzigung und Anfeindung. Immer klarer und erschreckender tritt zutage, daß nicht die berufenen Faktoren die politische Macht besitzen, sondern unverantworliche Elemente, die ohne Rücksicht auf das Wohl der Gesamtheit nur zum Nutzen des Kreises, der sie zu seinen Herrgott machte, diese Macht ausüben. Neue Lebensordnung sollen uns aus dem Elend unserer Tage führen, Lebensordnung, die ideellen Ursprungs sind und alle Bürbeglücken sollen. Durch Parteiorthodorie werden sie Bevorzugungen und Bevorrechtungen einzelner Klassen wandelt, zum erbarmungslosen Untergang der anderen Stände.
     Den Parteien, die von veraltetem Geist der Wähler politik befangen, sich nicht zu ehrlicher gemeinsamer Rettungsarbeit zusammenfinden können, gehören den Frauen an. Die breiten Waffen der Wählerinnen, die t [ ] einzelten Erscheinungen der Gewählten. Einige der Mandatträgerinnen sind auch außerhalb ihrer Partei als i[ ] veranlagete Kräfte, als Zierden der vorwärtsstreben Weiblichkeit, als energisch und zielbewußt schaffende soz[ ] Arbeiterinner geschätzt. Manche Debatten im Volkshause ihnen Gelegenheit, eindrucksvoll hervorzutreten. Aber d[ ] Frauen sind vom Ideengehalt ihrer Partei erfüllt und strengster Parteidisziplin verpflichtet. Als Neulinge auf parlamentarischen Schaubühne mußten sie erst die Geheimnisse des technischen Betriebs ergründen, um zur herrschung der parlamentarische Technik ist [ ]zu gelang[] Beobachten und sich zurechtfinden, das mußte zunächst Taktik sein. Denn die parlamentarische Technik ist an Kompliziertheiten und ermüdender, oft steriler Kl[ ] arbeit. Die wichtigste Arbeit wird in den Ausschüssen leistet, in denen Frauenstimmen gar nicht oder nur vereinzelt ertönen. Im Plenum herrscht der Fraktionszwang. [ ] erwartet werden, daß Frauen schon bei den ersten Regungen ihrer Mitarbeit den schwerfälligen Gesetzesapparat d[ ] einen neuen Einschlag beleben werden?
     Heute verkennen noch die Parteien selbst die Aufgabe der Frauenpolitik. Durch den Fraktionszwang leidet Ursprünglichkeit des weiblichen Fühlens und Denkens. Im Parteigetriebe stehenden Frauen wissen es nur zu daß ihnen noch harte Kämpfe in der Heinlichkeit Parteien bevorstehen, bevor das nächste poli[ ] Frauenziel erreicht werden kann: die Umbildung noch immer männlich orientierten Parteien auf der Gr[ ] lage der gleichberechtigung Zusammenarbeit von Mann und Frau. Erst wenn die Parteien das Wesen der Frau politik erfassen und beachten werden, dann wird sich der Umbildungsprozeß im ganzen politischen Leben forts[ ]. Dann werden auch die weiten Kreise der Wählerinnen heute mehr denn je von den Anpsruchen des Alltags [ ] lastet, dem öffentlichen Leben, das die Physiognomie
     i[ ] . Daseins so grausam verändert, sehr gemischt Gef[ ] wenn nicht gar Antipathien, entgegenbringen, in Beziehungen zur Politik entdecken. In einem melodisc[ ] Gleichklang der Tage werden sie ihre politische Pflicht mit tieferem Verständnis, mit lebhafterer Anteilnahme erfüllen. Erst dann, wenn führende Frauen in Parteien und in der politischen Welt die Rolle, die Frauenpolitik zufällt, sinnfällig zum Ausdruck bringt wenn die ethischen Werte des politischen Frauenwir[ ] Jahre und Gesalt annehmen werden, dann wird die Frage, ob Frauen politisches Talent besitzten beantwortet werden können.

Bibliographic Information
Author: 
Publication Date: 
1922
Press: 
Frauenzeitung