Sibille (Story)

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This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Text: aus dem Frühneuhochdeutschen übertragen.
 
I. Ihr Herren, macht Frieden, daß euch Gott alle gut behüte, so will ich euch von einer Erzählung berichten, die man in Frankreich im Kloster S. Dionysius in den Chroniken aufgezeichnet findet.  Diese Geschichte geschah im Mai, als die Nachtigallen sangen und alles grünte.  König Karl thronte zu jener Zeit in Paris in seinem Palast mit Salmon von Britannien und anderen Rittern und hielt einen offenen Hof und feierte das Pfingstfest, zu dem er seinen ganzen Hofstaat eingeladen hatte.

II. Als die ganze Ritterschaft dort versammelt war, sprach der König Karl zu ihnen: “Ihr Herren, es ist nun zweiundzwanzig Jahre her, daß mein Vater starb, und ihr habt seitdem noch nicht euer Lehen von mir empfangen.  Deswegen will ich, daß ihr sie von mir erhaltet, denn es scheint mir die Zeit gekommen, daß ich auch eine Hausfrau gewinnen sollte, damit ich einen Erben von ihr bekomme, der nach mir die Krone tragen wird.”
“Herr,” sagte die ganze Ritterschaft, “wir wollen unser Lehen empfangen, und es scheint uns an der Zeit zu sein, daß Ihr eine Ehefrau nehmt.”
Damit empfingen die Ritter ihr Lehen vom König Karl. Darauf schickte der König Karl einen Teil der besten Ritter, nämlich Gerhart von Ronßlon und seine Gesellen, zum Kaiser von Konstantinopel und warb dort um dessen Tochter.  Die Herren ritten davon.  Ich erzähle euch nichts von ihrer Reise, denn sie waren so lange unterwegs, bis sie nach Konstantinopel kamen.  Sie suchten sich eine Herberge, legten ihre besten Kleider an und gingen zum Kaiser.
 
III. Als sie dort eintrafen, knieten sie nieder.  “Herr,” sprach Gerhart von Ronßlon, “Gott, der alle Dinge geschaffen hat, möge den Kaiser und seine Ritter behüten.  König Karl bittet euch durch mich, daß Ihr ihm eure Tochter in die heilige Ehe geben mögt.  Er will sie zur Königin von Frankreich und all seinen Ländern machen.
Der Kaiser war über diese Botschaft froh und sprach:
“Liebe Freunde, dies will ich gerne tun, denn ich bin froh, daß der König meine Freundschaft von mir begehrt.  Darum will ich ihm zu meiner Tochter noch eine große Mitgift geben.”
“Lieber Herr,” sprach Gerhart, “zeigt uns Eure Tochter.”
“Das will ich gerne machen,” sprach der Kaiser, “Ich glaube, daß Ihr in vierzehn Ländern keine Schönere finden werdet.”


Während sie so miteinander redeten, kam die Tochter eine Treppe hinab zu ihnen und war schön geschmückt und war von vielen Jungfrauen begleitet, die alle von hoher Abstammung waren, sowohl von Herzögen als Grafen, und sie waren auch alle schön geschmückt.  Die Tochter des Kaisers war mit einem goldenen Mantel bekleidet.  Auf dem Kopf trug sie eine goldene Krone voll mit Edelsteinen.
 
IV. Die Tochter des Kaisers von Konstantinopel war weiß wie der Schneee und hatte einen herrlichen Körper und ebene Gliedmaßen, ohne daß man von ihrem Angesicht sprechen brauchte.  Man konnte in keinem Land eine schönere Jungfrau finden.
“Ihr Herren,” sprach der Kaiser, “hier seht ihr meine Tochter. Habt ihr jemals einen schöneren Menschen gesehen?”
“Herr,” sprach Gerhart, “wir haben in unseren Ländern noch niemals solch ein Menschenkind gesehen.  Lieber Herr,” sprach Gerhart,“gebt uns eure Tochter, wir wollen sie dem König Karl von Frankreich bringen und sie dort zur Königin machen.”
“Das will ich gerne tun,” sagte der Kaiser.
Gerhart von Ronßlon und seine Gesellen ritten etwa drei Wochen.  Inzwischen bereitete der Kaiser seine Tochter vor und ritt danach mit ihr los.
 
V. Die Tochter des Kaisers saß auf einem weißen Maultier und war köstlich ausgestattet.  Viele ihrer Zofen waren bei ihr.  Der Kaiser ritt mit seiner Tochter und begleitete sie etwa vier Meilen weit.  Dann verabschiedete er sich von seiner Tochter und sprach:


“Gott, der um unseretwillen am Kreuz die Marter erlitt, möge dich vor allem Unglück behüten.” Darauf umarmte und küßte er sie.  Dann trennte sich der Kaiser von seiner Tochter mit tränenden Augen.  Seine Tochter vergoß auch heiße Tränen.  Bis er sie wiedersah, sollte sie großes Leiden erfahren, weswegen auch viele Menschen ihr Leben verloren, wie ihr allsbald erfahren werdet.  Gerhart und seine Gesellen ritten über Berge und durch Täler, bis sie endlich nach Frankreich kamen.  Da schickte Gerhart einen Boten voraus, durch den er dem König Karl die Nachricht überbrachte, daß er die Tochter des Kaisers bringe.  Als der König Karl diese Botschaft empfing, wurde er sehr froh und bereitete sich sogleich darauf vor, um ihr entgegen zu reiten und sie herrlich zu empfangen.
 
VI. Der König ritt mit großem Geleit seiner Braut entgegen und hieß sie freundlich willkommen.  Die Kaiserstochter verneigte sich tugendhaft vor ihm.  Große Freude breitete sich aus.  Die Ritter führten ein Turnier vor den Damen auf.  Einer stach auf den anderen mit großen Lanzen und Schwertern.  Freudenvoll ritten sie in Paris ein, wo die Straßen herrlich geschmückt waren.  Vier Herzöge und sieben Grafen führten die Königin zum Palast.  Am anderen Tag geleitete der König die Königin in das Frauenmünster und krönte sie dort.  Das Hoffest dauerte drei Wochen und verlief in großen Freuden.  Danach ritten wieder alle nach Hause. 
Einstmals war der König bei seinem Gefolge im Palast und unterhielt sich mit ihnen.  In dem Augenblick tratt ein häßlicher Zwerg in den Palast, dessen Haut so schwarz war, als ob er zehn Jahre lang im Rauch gehangen hätte.  Sein Gesicht war so breit wie ein Kissen, und seine Nase sah aus wie die eines Affen.  Seine Haare standen zu Berge wie Schweinsborsten.  Seine Ohren und seine Arme und sein ganzer Körper waren behaart.  Seine Augen waren tief in sein Gesicht gesetzt und waren gelb.  Er hatte auch hinten und vorne einen Buckel, und seine Beine waren krumm wie eine Sichel.  Seine Füße waren groß und häßlich.  Keinen abstoßenderen Menschen hätte man sich vorstellen können.  Alle, die ihn ansahen, meinten, es sei der Teufel.  Nachdem der Zwerg in den Palast getreten war, sprach er:
“Gott, der von einer reinen Magd geboren wurde, möge den König und die Königin und die gesamte Ritterschaft behüten.”
“Freund, du bist mir willkommen,” antwortete der König.  “Ich bin froh, daß du zu mir gekommen bist.  Sage mir sogleich, wie du heißt.”
“Herr,” sagte der Zwerg, “das will ich Euch sagen.  Ich heiße Syweron.”
“Syweron,” sagte der König, “willst du bei mir bleiben, ich will es dir gut ergehen lassen.”
“Herr,” sagte der Zwerg, dafür danke ich Euch sehr und will gerne bei Euch bleiben.”


Da ließ der König den Zwerg vor ihm am Tisch sitzen und ließ ihm zu essen und trinken geben.  Die Hofleute sahen ihn ganz scheel an.  Einer sagte zum andere:
“Das ist ja kein Mensch, es ist der Teufel.  Verflucht sei die Mutter, die ihn je getragen hat.”
Sie hatten recht.  Er verursachte später großes Unglück, denn die Königin wurde danach aus dem Königreich vertrieben wegen des Zwerges.  Der König hatte stets seine Freude mit seiner Frau, der Königin.  Eines Tages ritt er zu Feld und wollte einen Hirschen jagen.  Als die Königin hörte, daß der König aufs Feld geritten war, ging sie in ihre Kammer, um sich ins Bett zu legen und zu schlafen.  Als die Jungfrauen merkten, daß ihre Herrin eingeschlafen war, schlichen sie alle aus der Kammer und gingen zu einem Brunnen, wo sie sich miteinander vergnügten.  Sie ließen die Kammer weit offen stehen, ohne daß jemand dort blieb.
 
VII. In dem Augenblick kam der Zwerg in die Kammer und sah, daß die Königin in ihrem Bett lag und schlief.  Der Zwerg sah hier hin und da hin, und bemerkte, daß niemand außer der Königin dort war.  Da trat er vor die Königin und sah sie lange an; schließlich sagte er zu sich selbst:
“Ach Herr Gott im Himmelreich, wie selig wäre der Mann, der mit der Königin seinen Willen haben könnte, denn sie ist die Schönste, die es auf der Erde gibt. Wenn ich mit ihr machen könnte, wonach es mir verlangt, wollte ich statt dessen selbst nicht einmal Gott sein.  Wenn sie mich nur einmal nackt in ihre Arme genommen hätte, würde ich zehn Jahre länger leben.  Wolle Gott, der mich geschaffen hat, ich will sie, auch wenn ich deswegen sterben muß, aus großer Liebe dreimal küssen.
Damit trat der Zwerg zur Königin.  Als er zu ihr kam, erwachte sie gerade.  Sie sah hin und her und sah niemanden bei sich in der Kammer außer dem Zwerg.
“Zwerg,” sprach die Königin, “wie wagst du es, so kühn zu sein, daß du dich getraust, zu mir in meine Kammer zu kommen?”


“Herrin,” antwortete der Zwerg, “gewährt mir Eure Gnade, denn wenn ich Eure Liebe nicht gewinne, muß ich daran sterben.”
 
VIII. “Liebe Herrin,” sprach der Zwerg weiter, “wenn Ihr mich nicht bei Euch schlafen laßt und mich nicht nackt in Eure Arme nehmt, so muß ich sterben.”
Als die Königin den Zwerg gehört hatte, begann all ihr Blut vor Zorn zu sieden.  Sie hob ihre Faust und traf damit den Zwerg genau auf seinen Mund und schlug ihm drei Zähne aus. Darauf sprang sie aus dem Bett und wollte den Zwerg noch mehr schlagen.  Er aber entlief ihr und schwor bei sich, weil die Königin ihn geschlagen hatte, wenn es ihm nur irgendwie möglich sein sollte, sich bei ihr zu rächen.  Inzwischen kam der König mit seiner Ritterschaft von der Jagd, und sie waren alle fröhlich.  Als sie in Paris einritten, begannen sie [auf ihren Hörnern] zu blasen, was anzeigte, was sie gefangen hatten.  Der König hatte einen schönen Hirsch gefangen.  Er ging zum Palast, wo die Tische schon gedeckt waren.  Sie setzten sich nieder zum Essen.  Der König sah nicht seinen Zwerg und fragte deswegen nach ihm.  Seine Diener liefen sogleich und brachten ihn in den Palast.  Als der Zwerg hinein kam, senkte er seinen Kopf und hielt die Hand vor den Mund.
“Wer hat dir etwas getan?,” fragte der König.  “Wer hat dich geschlagen, wer hat dich getroffen?”
 
IX.“Zwerg,” sprach er, “sage mir, wer es getan hat, der soll dafür büßen.”
“Herr,” antwortete der Zwerg, “ich sollte die Treppe runtergehen, da wurde mir schwindlig und so bin ich gefallen.”
Der König antwortete darauf, daß ihm dies leid täte.


Die Tafel wurde aufgehoben, und als es Nacht wurde, ging der König schlafen.  Jetzt vernehmt den großen Verrat, den der Zwerg sich ausdachte und für den ihn Gott verfluchen sollte.  Er schlich in die Kammer des Königs, so heimlich, daß kein Mensch ihn sehen konnte, und verbarg sich hinter dem Vorhang.  Die Kammerdiener schlossen die Kammer zu und ließen den König und die Königin beieinander im Bett liegen.  Als es Mitternacht wurde, hörte der König zur Messe im Frauenmünster läuten und schlich sich leise von seiner Gattin davon, um sie nicht aufzuwecken.  Die Königin blieb im Bett liegen und schlief fest.  Als der Zwerg hörte, daß sich der König aus der Kammer entfernt hatte, zog er sich nackt aus und kletterte zur Königin und legte sich vorsichtig neben sie.  Trotzdem wagte er nicht, sie anzufassen.  Der Zwerg dachte, auch wenn er deswegen sterben müßte, so wollte er doch die Königin um ihre Ehre bringen.  Der Zwerg überlegte sich dies so lange, bis er neben der Königin einschlief.  Als die Messe vorbei war, war es fast wieder Tag.  Der König ging von der Kirche zurück in seine Kammer zur Königin, um sich mit ihr zu vergnügen, wie er es allemal zu tun pflegte.  Der König hob sanft die Decke auf und sah den Zwerg bei der Königin liegen.  Darüber erschrak der König sehr und ließ die Decke wieder fallen, vergoß heiße Tränen und sagte:
“Oh du ewiger Gott, wie erstaunlich ist es, daß mir mein Herz nicht bricht.  Gott möge ihn verfluchen, der jemals Frauen traut, denn diese Frau hat mich betrogen.”
Der König ging aus seiner Kammer und rief alle seine Ritter zu sich und sprach:
“Ihr Herren kommt alle her und seht euch dieses Wunder an.  Meine Ehefrau hat mich zu großen Schanden gebracht.”
 
X. Damit zog König Karl sein Schwert und ging in seine Kammer, begleitet von all seinen Rittern.  Er hob die Decke auf und sagte:
“Ihr Herren, seht, wer hätte meiner Ehefrau das zugetraut, daß sie solch einen Teufel bei sich hätte liegen lassen.”
Als die Ritter das sahen, begannen sie alle, das Kreuz zu schlagen und sagten zueinander:
“Das ist unglaublich!”
Von dem Lärm erwachte die Königin und sah all die Ritter um sich herum in der Kammer stehen, was sie sehr erfreute.  Sie setzte sich auf und wollte aufstehen.  Da rief ihr der König zu:


“Frau, legt Euch wieder zu Eurem Buben, in der Nacht hatte ich geglaubt, die frömmste Gemahlin zu haben, die es gibt, aber Ihr habt mein Herz bedrückt und meine Krone verschmäht.”
Dennoch wußte die Königin nicht, daß der Zwerg bei ihr lag.  Sie sagte:
“Herr, bei Gott, der alle Dinge geschaffen hat, ich habe noch niemals etwas gegen Euch getan und will es auch niemals tun, auch wenn ich deswegen sterben müßte.”
“Ihr habt es getan,” sprach der König, “leugnen könnt Ihr das nicht, denn der Zwerg hat in dieser Nacht seinen Willen mit Euch gehabt.”
Jetzt erst sah die Königin den Zwerg bei sich liegen.  Da hob sie ihre Faust und schlug dem Zwerg ins Gesicht, so daß er aufwachte.  Als der Zwerg wach war und den König vor sich stehen sah, sprang er sogleich auf und fiel vor ihm auf die Knie nieder.
“Lieber Herr, erbarmt Euch meiner und hört um Gottes Willen meine Worte an.  Gott, der alle Dinge geschaffen hat, stehe mir bei, die Königin forderte mich auf, nachts zu ihr zu kommen, wenn Ihr zur Messe gingt, und befahl mir, mich neben sie zu legen.  Lieber Herr, das fiel mir sehr schwer.  Ich wagte es aber nicht, ihrem Befehl nicht zu folgen.”
 
XI. “Du stinkender Zwerg,” sprach der König, “du häßliche, ungestalte Kreatur, wie wagst du es, zu einer so schönen Person zu gehen.  Dafür wirst du bezahlen müssen.”
“Herr,” sprach der Zwerg, Ihr müßt ein gerechter Richter sein.  Es steht geschrieben, daß Gewalt kein Recht ist.  Herr, ich wäre um keinen Preis zu ihr gekommen, aber die törichte Frau trug mich selbst in ihr Bett.”
“Herr,” sagte die Königin, “bei der Mutter, die unseren Erlöser trug, wenn Ihr zu dem Zeitpunkt, da ich ein Kind gebären werde, feststellt, daß es so ist, wie der Zwerg sagt, sollt Ihr mich verbrennen.”
“Frau,” sagte der König, “Ihr habt mich sehr betrübt.  Noch nie gab es einen traurigeren Mann, als ich es jetzt bin.  Ihr könnt die Sachlage nicht leugnen, denn alle meine Ritter haben es gesehen.  Ich will Euch schleifen lassen und darnach in ein Feuer werfen.”


Als die Königin das hörte, fiel sie ohnmächtig nieder.  Als sie wieder zu sich kam, sank sie dem König vor die Beine und küßte ihm seinen Fuß und sprach:
“Herr, um dessen willen, der für uns den Tod erlitt, habt Erbarmen mit mir unseligem Mensch, denn ich habe diese böse Tat nicht begangen, der Ihr mich anklagt.  Auf den Tod, den ich leiden soll und muß, ich habe es nicht gewußt, daß der böse Schuft bei mir gelegen hat.  Er hat sich ohne mein Wissen und Willen in dieses Bett gelegt.  Edler König, bedenkt die Sache, ich würde eher sterben wollen, ehe ich die Geliebte von einem solchen Teufel werden wollte.”
“Frau,” sagte der König, “Ihr könnt viel reden, aber Ihr könnt die Tat nicht leugnen.”
Darauf befahl der König, daß vier Knechte die Königin weg aus der Kammer führen sollten.  Dem Zwerg legte man sogleich ein Seil um seinen Hals.
“Ihr Herren,” sagte der König, “helft mir, diese Frau zu verurteilen wegen der großen Schande, die sie mir angetan hat.”
Da taten sich die bösen Leute zusammen.  Es waren diejenigen, die auch den Herzog Herpin vertrieben hatten. Sie sagten zum König:
“Herr, Ihr sollt die Königin verbrennen lassen.”
Darauf ließ der König sogleich ein Feuer anzünden und die Frau dahin führen.  Da begannen alle Ritter zu weinen, und auch die Bürger und Bürgerinnen und alle, die dabeistanden.
 
XII. Man führte die Königin zum Feuer, den Zwerg an ihrer Seite.  Die Königin hatte keine Haube auf; ihre Haare hingen auf ihrem Rücken und sah aus wie Goldfäden.  Sie ging barfuß.  Ihr Hals war weißer, als es Milch jemals gewesen ist.  Man könnte nirgends in der Welt jemanden ihresgleichen finden.  Der Zwerg stand neben ihr wie ein Teufel bei einem Engel.  Die Königin sprach zum König:


“Edler König, erbarmt Euch meiner, denn ich bin schwanger.  Verschont mich, bis mich der Herrgott das Kind gebären läßt.  Ich will den unverschuldeten Tod gerne wegen meiner Sünden leiden, denn ich habe die Missetat genauso wenig begangen wie unser Gott die Marter um unser willen litt.”
Darauf schaute die Königin nach Osten und sagte:
“Ach Konstantinopel, du reiche Stadt, wie bin ich so edel in dir erzogen worden.  Ach mein Vater und meine Mutter, wie zart habt ihr mich erzogen.  Ach Richard, du lieber Bruder, wüßtest du, daß ich mich in solcher Not befinde, es würde dich erbarmen.  Ach Mutter Gottes, soll ich Arme so jämmerlich und schuldlos sterben.  Ach Erdreich, öffne dich und verschlinge mich.  Ach Herz, warum brichst du nicht, damit ich von dieser großen Marter und Schande, die mir so fälschlich und ohne Schuld angetan wird, frei käme.”
Da breitete man einen Teppich beim Feuer aus, auf den man die Königin führte, und zog sie bis auf ihr Unterhemd aus.  Die Königin Sibilla sah auf der einen Seite eine große Menge Menschen stehen, die alle schrien, auf der anderen Seite das Feuer.  Sie sagte:
“Ihr lieben Leute, wenn ich je etwas gegen euch getan habe, was meine Seele beschweren könnte, dann verzeiht mir das um Gottes willen, denn ich werde heute unschuldig getötet.”
Da begann das ganze Volk laut zu schreien und weinte heiße Tränen, doch fürchteten sich die Ritter so sehr vor König Karl, daß niemand es wagte, für die Königin zu bitten.  Wie der König Karl  sah, daß das ganze Volk so schrie, befahl er, sogleich die Königin ins Feuer zu werfen und sagte:
“Wenn ich sie ansehe, bricht mir das Herz in meinem Leib.”
Da nahmen sie die Königin, warfen sie auf ihren Rücken und banden ihre Hände und Füße.


“Ewiger Gott,” rief die Königin, “sei mir armseligem Menschen barmherzig.  Ach himmlische Königin, im Namen dessen, den du Jungfrau getragen hast, der uns vom ewigen Tod erlöste, sieh mich heute mit deinen barmherzigen Augen an und laß meine arme Seele nicht verdammt sein, weil mir Gewalt und Unrecht angetan werden, wie dein liebes Kind, das alle Dinge kennt, genau weiß, und setze diesen unschuldigen Tod für alle meine Sünden.”
Darauf begann die Königin, heiße Tränen zu weinen und zu klagen.  Nun gingen Herzog Nimo von Bayern und Otger von Dänemark und Emmerich von Nerbonne und Bernhart von Brabant und einige von den zwölf Räten von Frankreich zur Beratung zusammen und entschlossen sich, für die Königin zu bitten.  Sie fielen vor dem König auf ihre Knie und sprachen:
“Edler Kaiser von Frankreich, verbannt Eure Ehefrau für immer, daß sie niemals mehr in Euer  Land kommt, denn sie ist hochschwanger mit einem Kind.  Wenn Ihr das umbringt, könnt Ihr [dieses Verbrechen] mit all Euren Ländern gegen Gott nicht mehr entsühnen.”
     “Auf meine Treue,” sprach der König, “ich weiß nicht, was ich denken soll.  Ich fühle in meinem Herzen solch eine Trauer, die ich niemals mehr werde überwinden können.  Laßt den Zwerg wieder hierherholen, damit ich ihn besser befragen kann, wie es sich ereignet hat.”
Sie sagten:
“Herr, das wollen wir gerne tun.”
Darauf schickten sie nach dem Zwerg.  Die Verräter, die geraten hatten, daß man die Königin verbrennen sollte, gingen zum Zwerg und sprachen zu ihm:
“Sage entschieden gegen die Königin aus, damit man sie verbrennt, dann wollen wir dir mit Gold und Silber davonhelfen, so daß dir nichts passiert.”
Sie brachten den Zwerg vor den König.  Dieser sprach:
Sage mir und lüge nicht, wie du zu meiner Ehefrau gekommen bist.”
“Herr,” sagte der Zwerg, “ich will euch mit keinem Wort belügen, auch wenn ich deshalb sterben müßte, denn Ihr seid mein wahrer Herr, weswegen ich Euch die Wahrheit sagen muß: Sie sprach eines Nachts zu mir, daß ich am Morgen zu ihr kommen sollte, wenn Ihr in die Kirche geht.  Herr, das fiel mir schwer in meinem Herzen.  Sie hob mich selber auf das Bett.  Herr, ich bin ein langsamer, schwacher Mensch und konnte mich nicht gegen sie wehren.”


“Das hört sich ja ganz wunderlich an,” sagte der König.  “Du Schalk und Bösewicht, du sollst deinen Lohn haben.  Nehmt ihn,” sagte er, “und werft ihn ins Feuer.”
Sogleich ergriff man den Zwerg und warf ihn ins Feuer, und es mag wohl sein, daß der Teufel seine Seele in die Hölle entführte.
“Ihr Herren,” sprach der König, veranlaßt, daß man meiner Ehefrau die Hände und Füße wieder aufbindet, laßt sie die besten Kleider anziehen, die sie nur hat, denn ich kann ihr um nichts in aller Welt ein Leid antun.”
Als die Fürsten das hörten, dankten sie sehr dem König.
 
XIII. “Frau,” sprach der König, “Ihr habt mir eine große Schande angetan, wie es noch keinem Mann passiert ist.  Auch wenn Ihr meinen Vater vergiftet hättet, könnte ich Euch jetzt doch kein Leid antun.  Doch achtet darauf, daß ich Euch morgen hier nicht finde.  Denn wenn ich Euch nach dem heutigen Tage hier vorfinde, dann wird Euch der waltende Gott nicht bewahren können.
“Herr,” sprach die Königin, “wohin soll ich arme unglückliche Frau hin, ich weiß nicht, wohin ich mich begeben soll.  Mir geschieht Unrecht, daß ich unter so großem Verlust von hier weggehen muß.  Es wurde noch niemals ein unglücklicherer Mensch als ich geboren.”
“Frau,” sagte der König, “Ihr müßt aus meinem Königreich verschwinden.  Möge Gott euch gut dorthin leiten, wohin er will und soll Euch auch so lohnen für das, was Ihr begangen habt.”
Die Königin sah um sich und erblickte einen tüchtigen tugendhaften Ritter namens Abrye von Mondidire.  Sie bat den König, daß sie Abrye mit ihr reiten ließ.
“Abrye,” sagte der König, “reitet mit der Königin durch die Lande in Richtung Rom, damit sie zum Papst kommt und ihm ihre große Sünde beichten kann, die sie begangen hat.  Sobald Ihr sie durch den Wald geführt habt, kommt wieder zurück und laßt sie reiten, wohin sie will.”
“Herr,” sprach der Ritter Abrye, “ich tue, was Ihr mir befehlt.”


Darauf setzte man die Königin auf ein weißes Maulpferd, das herrlich gesattelt war.  Abrye setzte sich auf sein Pferd.  Dieser Abrye von Mondidire hatte einen Windhund erzogen, den er sehr lieb hatte und mit sich nahm.  Dieser Windhund liebte seinen Herren mehr als eine Mutter ihre Kinder.  Der König segnete seine Ehefrau unter großem Schreien und Weinen.  Die Königin fiel mehrfach vor ihm in Ohnmacht.  Die Fürsten hoben die Königin wieder auf und jammerten alle zusammen mit ihr.
 
XIV.  Die Königin entfernte sich voller Betrübnis und segnete alle.  Sie und Abrye ritten zusammen fort.  Die Königin bat Gott und seine liebe Mutter, daß er sie gut behüten möge.  Sie ritten so lange beisammen, bis sie in einen Wald kamen.  Als sie eine Weile durch den Wald geritten waren, sahen sie einen sehr lieblichen Brunnen.  Die Königin war müde, und Abrye hob sie bei dem Brunnen vom Pferd.
“Liebe Herrin,” sprach Abrye, “tröstet euch, denn Gott und seine liebe Mutter werden Euch gut helfen, denn wer Gott fest traut, den verläßt er nicht.”
“Abrye,” sagte die Königin, “wenn Ihr nun von mir wegreitet, wohin soll ich arme Frau mich dann wenden?”
“Liebe Herrin,” sagte Abrye, “Gott wird euch wohl helfen.”
Abrye überredete die Königin mit guten Worten, daß sie etwas aß und weichte Brot im Brunnen ein und gab auch seinem Hund etwas zu essen.
 


XV.  Hiermit lasse ich die Königin beiseite und erzähle euch vom König Karl, der sehr betrübt war.  Er ging mit seiner Ritterschaft zu Tisch.  Nun hatte er an seinem Hof einen bösen Schalk und Verräter namens Mayrkar, der ein Sohn der verräterischen Familie war, die schon den Herzog Herpin verraten hatte.  Dieser Mayrkar hatte die Königin schon lange geliebt, hatte es aber nie gewagt, es ihr zu sagen.  Als Mayrkar sah, daß der König mit den Rittern zu Tisch saß, ging er in seine Kammer, bewaffnete sich und überlegte sich, er wolle der Königin nachreiten und seinen Willen mit ihr haben.  Weiterhin dachte er sich, daß er Abrye erschlagen wollte, wenn er ihn an seinem Plan hindern wollte.  Der Verräter machte sich auf den Weg und ritt heimlich aus der Stadt Paris, so daß ihn niemand bemerkte.  Als er aus der Stadt kam, eilte er sehnsuchtsvoll der Königin nach.  Er strebte so schnell hinter ihr her, daß er sie noch beim Brunnen sitzen fand.  Mayrkar erdachte sich eine große Lüge und sagte:
“Abrye, heb die Königin sofort auf, denn der König hat viele Bösewichter hinter ihr her geschickt, die ihr große Schande antun sollen.  Deshalb bin ich hierher geeilt, damit ich ihr und dir helfen kann.”
Abrye glaubte, daß dies wahr sei, hob die Königin sogleich auf ihr Pferd und wollte ebenfalls aufsitzen, als Mayrkar ihm zurief:
“Abrye, laß mir die Königin.  Ich will meinen Willen mit ihr haben.”
Als Abrye dies hörte, wurde er sehr betrübt und die Königin vergoß heiße Tränen.  Abrye rief aus ganzem Herzen Gott im Himmel an, daß er ihn und die Königin behüten möge.  Er sah Mayrkar an, daß er gut gerüstet war.
“Mayrkar,” sprach Abrye, was steht dir im Sinn, sag mir das!”
     Dieser antwortete:
“Du sollt mir selbst die Königin geben, oder du mußt sterben.”
“Bei Gott, das darf nicht sein,” sagte Abrye.
“Abrye,” sprach die Königin, “erbarmet euch meiner und helft mir, meine Ehre vor dem Verräter zu bewahren, denn ich will lieber sterben als übel zu handeln.”
 
XVI.  Wie der Schalk die Königin hörte, wurde er sehr zornig, zückte sogleich sein Schwert und rannte den Ritter Abrye an.  Abrye zog ebenfalls sein Schwert, aber er war nicht gewappnet.  Mayrkar traf ihn in einer Schulter, so daß Blut auf die Erde rann.  Als die Königin das sah, rief sie:
“Mutter Gottes, erbarme dich meiner und behüte mich und meine Ehre.”


Darauf wandte sie ihr Maultier um und eilte weg durch den Wald durch Hecken und Dornen, so daß ihr Gesicht ganz blutig wurde.  Ehe Mayrkar Abrye überwunden hatte, war die Königin schon mehr als eine Meile davon.  Mayrkar traf ihn in der Hüfte und schlug ihm fast ein Bein ab.  Abrye schrie laut auf, was sein Windhund hörte.  Er lief und sprang Mayrkar an, erwischte ihn am Bein und biß ein großes Stück heraus und hätte ihn beinah vom Pferd gezogen.  Mayrkar schlug mit dem Schwert nach ihm, traf ihn aber nicht, denn der Hund sprang zurück und konnte sich gut vor ihm hüten.  Erneut schlug Mayrkar auf Abryr und traf ihn so, daß er ihm den Kopf bis auf die Zähne spaltete.  Abrye fiel tot zur Erde.  Gott wollte sich seiner Seele erbarmen, denn er starb unschuldig.  Mayrkar ging zu Abryrs Pferd und hieb auch ihm den Kopf ab.  Genauso wollte er es mit dem Windhund machen, konnte ihn aber nicht erwischen.  Darauf ritt Mayrkar kreuz und quer durch den Wald und suchte die Königin, konnte sie aber nirgends finden.  Seine Absicht war fest darauf gerichtet, sie zu vergewaltigen, wenn er sie finden würde.  Danach wollte er ihr den Kopf abschlagen.  Aber Gott behütete sie, denn er entdeckte sie nirgends.  Als Mayrkar merkte, daß er sie nirgends finden konnte, wurde er sehr zornig und ritt wieder nach Paris, ohne daß es jemand merkte, daß er den Mord begangen hatte.  Der Hund blieb bei seinem Herrn und hütete seinen Leichnam vor den Tieren.  Dafür fraßen die Tiere das Pferd, das tot neben ihm lag.
Die Königin ritt immer weiter und war ganz von Sorge erfüllt, daß Mayrkar immer noch ihr nacheilte.  Sie rief Gott und seine liebe Mutter an und bat ihn, sie zu behüten.  Diese Bitte wurde erfüllt, denn sie blieb sicher.  Sie ritt die ganze Nacht im Wald und kam am Morgen wieder heraus.
 
XVII.  Als die Königin aus dem Wald kam, begann sie zu weinen und sprach:
“Wohin soll ich arme Frau nun?  Wie bin ich so unschuldig in Nachrede gelangt.  Verflucht sei die Stunde, daß der falsche Zwerg je an den Hof kam.”
Dies geschah zu Ostern.  Da begegnete ihr ein großer grober Mensch, dessen eines Auge ganz weiß und das andere ganz schwarz war.  Er trieb einen Esel vor sich hin, auf dem er Holz aus dem Wald holen wollte.  Der Mann hob seinen Kopf und sah die Königin.  Er sagte:
“Nun sei Gott gelobt, hier bin ich auf ein Abenteuer gestoßen, an dem ich mich vergnügen werde.”


Als die Königin den Mann sah, sprach sie:
“Lieber Freund, ich bitte dich, sage mir, wohin willst du das Holz bringen?”
“Herrin,” sagte der Mann, der Teufel hat Euch so früh hierher gebracht.  Ihr seid so hübsch, daß Ihr glücklich sein müßtet.  Wo sind Eure Begleiter, die mit Euch durch die Welt reiten?  Es tut mir gewiß leid, daß Ihr traurig seid, dafür seid Ihr viel zu schön, denn ich sah noch nie eine schönere Frau außer der Königin von Frankreich, die der König vor kurzem hat verbrennen lassen.  Gott möge ihn verfluchen, denn man könnte auf der Erde keinen schlimmeren König finden.  Wenn jemand mit Euch ritte, so glaubte ich, daß Ihr die Königin von Frankreich seid.”
“Es ist doch wahr, daß mich der König verbrennen wollte, und Gott weiß gut die Wahrheit, daß mir großes Unrecht geschah.  Aber seine Fürsten und Ritter haben für mich gebeten.  Mein Herr, der König, befahl Abrye von Mondydire, einem Ritter, daß er mit mir reiten sollte.  Aber der Verräter Mayrkar eilte mir nach und hat mir meinen Begleiter erschlagen.  Während er ihn erschlug, bin ich ihm davongeritten und ich weiß jetzt nicht, wohin ich soll.  Dazu bin ich hochschwanger.  Guter Freund, gebt mir Euren besten Rat, nehmt dafür mein Pferd und alle meine Kleider, verfügt über sie.”
“Herrin,” sprach der Bauer, Ihr sollt nicht mehr allein reiten, denn ich will meine Frau und Kinder allein lassen und will mit Euch nach Konstantinopel, um Euren Vater Richard aufzusuchen. Bei dem wollen wir über den König von Frankreich klagen, daß er Euch so in Schande gebracht hat.  Verflucht sei Euer Vater, wenn er sich nicht an ihm räche.  Und wenn Ihr mit Gottes Hilfe ein Kind gebärt, so braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen, ich will Euch genug beistehen, auf daß Ihr keinen Mangel leidet.”
“Gott gebe Euch Lohn,” sprach die Königin.  “Lieber Freund, wie heißt Ihr?”
Er antwortete:
“Herrin, ich heiße Warakir.”


“Das ist ein komischer Name,” sagte die Königin.  “Lieber Warakir, gibt es nicht hier in der Nähe eine Stadt?  Ich bin sehr hungrig und habe seit zwei Tagen nichts gegessen.  Laßt uns verkaufen, was ich besitze, um davon zu leben.”
Warakir sagte: “Ich will Euch zu einem guten Ziel bringen.”
Damit belud Warakir seinen Esel mit Holz.  Der Esel ging nach Hause, denn er kannte den Weg gut.  Als Warakirs Ehefrau den Esel ohne ihren Mann kommen sah, zitterte ihr Herz und sie dachte sogleich, daß Warakir tot wäre, oder daß die Waldfürsten ihn gefangen hätten.  Da begannen sie und ihre Kinder zu weinen. 
Warakir und die Königin wanderten gemeinsam so lange, bis sie in die Stadt Langers kamen.  Sie ritten zum Markt und sahen dort viele Bürger.
 
XVIII.  “Bauer,” sprachen die Bürger, “wohin führst du die schöne Frau?”
Warakir schwieg und ging weiter.  Die Bürger riefen ihm erneut nach und fragten:
“Hörst du nicht, du böser Bauer?  Wohin willst du mit der Frau?”
“Ihr Herren,” sprach die Königin, “ihr schimpft zu Unrecht mit dem Mann, denn er ist mein Ehemann.”
“Herrin,” sagten die Bürger, “dann hat ihn euch der Teufel gebracht, daß er eine so schöne Frau gewinnen konnte.”
Warakir blieb ganz still und ging so lange, bis er zu einer Gaststätte kam.  Die Königin sprach zum Wirt:
“Lieber Wirt, gebt mir um Gottes Willen Herberge.”
Der Wirt: “Liebe Frau, ich sehe gut, daß Ihr sehr geweint habt.  Ich will Euch gerne sogleich Unterkunft geben und will von Euch nichts dafür nehmen, denn Ihr tut mir sehr leid.”
Dafür dankte sie ihm sehr.  Der Wirt brachte der Königin und Warakir genug zu essen.  Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, ging der Wirt zu Warakir und fragte:
“Lieber Freund, sage mir, ist diese Frau deine Gemahlin?”


“Lieber Wirt,” sagte Warakir, “Ihr seid mein Wirt, darum ist es nur recht, daß ich Euch die Wahrheit sage.  Die Frau ist nicht meine Ehefrau, denn sie ist eine ehrbare Dame von einem fremden Land und ich bin ihr Knecht.  Wir wollten gemeinsam nach Rom auf Wallfahrt gehen, und dabei ist uns die Nahrung ausgegangen.”
“Lieber Freund,” sagte der Wirt, “möge euch Gott helfen.”
Der Wirt bereitete der Königin das Bett.  Sie legte sich gleich nieder, denn sie war sehr müde.  Als es Morgen wurde, sagte die Königin, “Warakir,” wir können es nicht wagen, hier zu bleiben, denn wenn der König herausfindet, daß ich hier bin, bringt er mich zu großen Schanden.”
“Herrin,” antwortete Warakir, “seid ganz ruhig.  Käme der König hierher und sollte ich deswegen aufgehängt werden, wollte ich ihn erstechen.”
“Lieber Warakir,” sagte die Königin, “ich bin hochschwanger und habe nur noch zwei Monate.  Deswegen verkaufe das Maulpferd und meine Kleider, damit wir Zehrung haben.  Denn ich will keine guten Kleider mehr tragen, bis ich wieder nach Konstantinopel zu meinem Vater und meiner Mutter gekommen bin.  Könnten wir uns beeilen, dorthin zu gelangen, ehe mir Gott zu einer Geburt verhilft?”
“Das soll mir recht sein,” sagte Warakir.
Damit verkaufte er, was sie besaß.  Sie verabschiedeten sich vom Wirt und machten sich auf den Weg.  Von ihren Tagereisen berichte ich euch nicht viel, denn sie gingen so lange, bis sie nach Köln kamen.  Dort ruhten sie gute drei Tage.  Dann gingen sie über den Rhein und erkundigten sich nach dem Weg nach Ungarn.  Damit wende ich mich von der Königin und Warakir ab, die bis nach Konstantinopel gingen, und berichte euch vom König von Frankreich.
 
XIX.  Der König saß einstmals mit vielen seiner Herren und Ritter zu Tisch.  Er blickte hin und her und sah Abrye von Mondidire nicht.  Darauf sagte er zu seinen Dienern:
“Ist Abrye von Mondidire wiedergekommen, den ich mit meiner Ehefrau losgeschickt habe?  Wenn ja, dann laßt ihn herholen.”
Als Mayrkar das hörte, sprang er auf und sprach:
“Ich habe gehört, Abrye sei mit Eurer Ehefrau in fremde Länder geritten und habe seinen Willen an ihr erfüllt.”


“Mayrkar,” sagte der König, “sagst du mir die Wahrheit”?
“Ja, Herr, auf meinen christlichen Glauben.  Ihr werdet Abrye nie mehr an Eurem Hof sehen.”
Über diese Nachricht wurde der König sehr zornig und schwor beim allmächtigen Gott, wenn er des Abrye habhaft werden könne, wollte er ihn ganz schmächlich töten lassen.  Leider aber lag Abrye tot bei dem Brunnen, und sein Hund lag bei ihm und hatte schon vier Tage gefastet.  Da stand der Hund wegen seines großen Hungers auf und bedeckte seinen Herrn mit Laub und Erde, damit ihn kein wildes Tier fressen könne.  Darauf lief der Hund nach Paris und kam eben in den Saal des Königs, als dieser zu Tisch saß und sich nach Abrye erkundigte und von Mayrkar die Auskunft erhielt.
 
XX.  Als der Hund Mayrkar erblickte, sprang er über den Tisch auf ihn und warf dabei alles runter, was auf dem Tisch stand.  Er ergriff Mayrkar an der rechten Achsel und biß dort hinein, daß er stark blutete.  Mayrkar schrie laut auf, während die Diener mit Stöcken nach dem Hund warfen.  Der Hund ergriff ein Brot und lief wieder weg zu seinem Herrn im Wald.
“Ihr Herren,” sprach der König, ist das nicht der weiße Windhund, den Abrye immer bei sich hatte?  Das war ein Fehler, daß wir ihn nicht festhielten, als er Mayrkar gebissen hat.”
Der König war traurig darüber, daß Mayrkar so gebissen war.
“Lieber Herr,” sprach Nimo von Bayern, um Mayrkar ist es nicht schade.  Verhaltet Euch nicht so.  Unkraut verdirbt nicht.  Man muß Unkraut auf lange Zeit jäten, bevor man es vertilgen kann.
Als Mayrkar das hörte, meinte er, gleich wahnsinnig zu werden.  Der König ließ für ihn einen Arzt holen.  Mayrkar wurde wieder gesund und kehrte zum König zurück.
“Mayrkar,” sprach der König, “seid Ihr wieder gesund?”
“Ja, Herr,” antwortete Mayrkar.
Während sie miteinander redeten, kam der Windhund erneut nach Paris und ging über den Markt.  Die Bürger sagten zueinander:
“Das ist Abryes Windhund.  Wo mag er herkommen?”


Der Windhund ging weiter, bis er zum Palast kam.  Dort standen der König und Mayrkar und redeten miteinander.  Als Mayrkar den Windhund sah, begann er zu fliehen.  Der Windhund lief ihm nach, aber Mayrkars Freunde verfolgten ihn mit Messern und Stöcken und hätten auch fast den Hund erschlagen, wenn nicht Nimo von Bayern gewesen wäre.  Der rief ihn zu sich und sagte:
“Ihr Herren, erschlagt nicht den Windhund, das befehle ich euch im Namen König Karls.”
“Herr Nimo,” sagten Mayrkars Freunde, “wir wissen nicht, was unsere Schuld gegen Euch ist, denn wir sehen wohl, daß Ihr uns auf alle Weisen unterdrücken wollt.  Der Hund ist tollwütig, das sah man doch, als er unseren Vetter Mayrkar in die Achsel biß.  Ein normaler Hund macht so etwas nicht.”
“Wer weiß,” antwortete der Herzog Nimo, “ob nicht der Hund einen alten oder einen neuen Haß auf Euren Vetter hat.”
Als der Hund sah, daß Nimo ihn schützen wollte, lief er sogleich zu ihm.  Nimo streichelte den Hund und übergab ihn einem Mann namens Gaufra, der sich gut um ihn kümmern mußte.  Der Gaufra war der Vater von Otger von Dänemark.  Als Mayrkar das sah, wurde er sehr zornig.  Nimo  rief Richard von Normandie und Otger von Dänemark und auch Otgers Vater und dazu Sasomon von Britannien und viele andere gute Fürsten herbei.  Sie gingen gemeinsam hin und knieten vor dem König nieder.  Nimo hielt den Windhund an der Hand und sagte zum König:
“Herr, wir waren früher die Vertrautesten im Rat und dazu in allen Sachen, die Ihr zu tun hattet.
 
XXI.  Nun scheint es uns aber, daß Ihr an Eurem Hof Verräter habt, die immer mehr werden.  Wir warten auf den Tag, an dem Ihr diese Verräter vertreibt, und wir sagen Euch, hütet Euch, denn dies ist für Euch notwendig.”
“Nimo,” sagte König Karl, “ich kann mich nicht selbst schützen, wenn Gott mich nicht schützen will.”


“Amen,” antwortete Nimo.  “Lieber Herr, ich will Euch um etwas bitten.  Herr, ich will Euch verraten, warum ich Euch davon erzählt habe.  Dieser Hund tut niemandem etwas zuleide außer eurem Diener Mayrkar.  Ihr seht Euren Diener Abrye nicht, der mit der Königin hinweggeritten ist.   Ihr müßt wissen, daß Abrye diesen Hund von klein auf erzogen hat und daß der Hund zuletzt und jederzeit mit ihm lief, und daß Abrye ihn um keines Gutes willen zurückgelassen hätte.  Darum, lieber Herr, bitten wir Euch, daß Ihr uns eine Sache gewähren möget.  Setzt Euch auf Euer Pferd und reitet dem Hund nach, wohin er Euch führen wird, denn dadurch könnte man die Wahrheit herausfinden.  Ihr bemerkt ja wohl, daß er nur Mayrkar beißt, dann ein Brot ergreift und davonläuft.  Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen, bis er zuletzt wiederkam.  Herr, in meinem Herzen ahne ich, daß Mayrkar Abrye getötet hat.  Wenn dem nicht so ist, will ich alles verlieren, was ich besitze.  Herr, Abrye war ein tüchtiger Ritter und war niemals in seinem Dienst für Euch nachlässig.  Wenn er nicht ohne Zweifel tot läge, wäre er schon längst zurückgekommen.”
“Nimo,” sagte der König, “Ihr redet weislich.  Ich will hinausreiten und sehen, wohin mich der Hund führt.”
Der Hund sprang am König hoch und begann laut zu heulen, als ob er gerne zu ihm geredet hätte.  Der König setzte sich auf sein Pferd und mit ihm alle Ritter.  Aber der Bösewicht Mayrkar hörte von dieser Unterredung und blieb zu Hause und war sehr besorgt und drohte, er wolle Herzog Nimo töten.
 
XXII.  So ritt König Karl los und der Windhund lief dauernd voran, bis sie in den Wald kamen, und dann sogleich zu seinem Herrn.  Dort legte sich der Hund neben seinen Herrn nieder und begann sehr laut zu heulen.  Als der König das sah, wischte er das Laub und die Erde beiseite.  Da entdeckten sie den toten Abrye.  Der König weinte heftig und sprach zu seinen Rittern:


“Ihr Herren, man sieht genau, daß Mayrkar diesen Mord nicht leugen kann.  Abrye hat den Tot wegen meiner Ehefrau, der Königin, erlitten.  Leider weiß ich nicht, wohin sie gekommen ist.  Ich fürchte, daß es sich um Verrat handelt, aber bei Gott, der alle Dinge geschaffen hat, muß Mayrkar für diesen Mord genug büßen, denn ich will herausfinden, wie diese Sache sich ereignet hat.”
Zunächst ließ der König den Leichnams Abryes in die Stadt Paris tragen.  Der Hund lief voraus und heulte unablässig, wodurch alle Menschen, die zugegen waren, zu Tränen gerührt wurden.  Als der Leichnam nach Paris kam, fingen alle Männer und Frauen zu weinen an, denn sie hatten Abrye sehr lieb gehabt. Der Körper wurde schließlich im Frauenmünster bestattet.  Nimo befahl, daß man den Hund behielt und ihm genug zu fressen und trinken gäbe.  Aber der Hund war so übel dran, daß er weder fressen noch trinken konnte.  König Karl ließ Mayrkar ins Gefängnis werfen.  Darauf ging Karl schlafen und verbrachte so die Zeit bis zum nächsten Morgen.  Nachdem er gegessen und die Messe gehört hatte, sprach er zu seiner Ritterschaft:
“Ihr Herren, überlegt euch nun, welches Urteil ihr wegen des Todes von Abrye von Mondidire aussprechen wollt, dem ich die Königin anvertraut hatte, der aber gestorben ist.  Ich weiß nicht, wo die Königin ist.  Deshalb ließ ich Mayrkar wegen des Hundes gefangen nehmen, denn dieser hat ihn nicht ohne Grund gebissen, während er sonst niemandem etwas getan hat.”
“Herr,” sprach Herzog Nimo, “wir wollen uns darüber beraten.”
Darauf berief Herzog Nimo die zwölf Räte von Frankreich zusamen, und sie zogen sich zurück.  Gallerant von Biacair begann als erster zu sprechen, denn er war ein Verwandter von Mayrkar und schätze ihn auch sehr:


“Ihr Herren, ihr dürft ihn nicht verurteilen, so daß König Karl Mayrkar töten läßt, denn ich kenne am Hof niemanden, er sei Ritter oder Knappe, der bereit dazu wäre, sich zu verpflichten, gegen Mayrkar wegen des Mordes zu kämpfen.  Mayrkar soll sich selbst verteidigen.  Der Grund, warum ihn der Hund gebissen hat, mag leicht darin bestehen, daß er den Hund früher einmal geschlagen hat, und vielleicht ist ihm deswegen der Hund böse gewesen.  Wenn ihr meinem Rat zu folgen bereit seid, wollen wir gemeinsam zum König gehen und ihm sagen, daß er Mayrkar freilassen muß und ihn nicht so schändlich beschuldigen dürfe.  Schließlich besitzt Mayrkar reiche Lehen und ist von hoher Geburt.  Wenn ihn der König so sehr schändet, könnte daraus großer Schaden entstehen. Dies ist der beste Rat, den ich geben kann.”
 
XXIII. Nachdem die anderen elf die Rede Gallerants angehört hatten, war niemand unter ihnen, der gewagt hätte, ein Wort dagegen zu sagen, denn Gallerant und Mayrkar gehörten einem großen und adeligen Geschlecht an.  Nimo stand auf und sprach:
“Nun seid alle still.  Ich will Gallerant antworten.  Gallerant,” sagte Herzog Nimo, “Ihr sagt, daß dies Euch der beste Rat zu sein scheint.  Mir kommt es aber vor, daß wir einen anderen Rat in dieser Sache finden müssen.  Als der König seine Ehefrau vertrieb, vertraute er sie, die Gott behüten möge, Abrye an.  Nun ist Abrye ermordet worden.  Derjenige, der den Mord beging, hat dem König eine große Schande angetan.  Als Abrye die Königin wegführte, da sahen wir alle nur zu gut, daß er von seinem Windhund begleitet wurde, den er sehr lieb hatte.  Laut Merlin besitzt ein Hund eine große Treue.
 
XXIV. Ich will euch etwas erzählen.  Es war einmal ein König, der hatte Merlin gefangen und hatte ihn in einen Turm gesteckt um herauszufinden, ob Merlin wirklich so weise wäre, wie man von ihm sagte.
‘Merlin,’ sagte der König, ‘du sollst mir treulich geloben, daß du mir dein Liebstes und deinen größten Freund und deinen größten Feind bringst.’
‘Herr,’ sagte Merlin, ‘das will ich tun.’
Darauf ging Merlin nach Hause und holte seine Frau, seine Kinder und seinen Hund.  Als Merlin wiederkam, trat er vor den König und sprach:


‘Herr, ich habe gebracht, um was Ihr mich gebeten habt.  Hier steht meine Frau.  Wenn ich alles tue, was sie will, hat sie mich sehr lieb und ich meine dann, daß sie mein bester Freund ist.  Gebe ich ihr aber dann aus Zorn einen Schlag, beschuldigt sie mich eines Mordes und ist sich sicher, daß ich deswegen hängen muß, wie sie sogleich sagt.  Deswegen halte ich sie für meinen Feind.  Herr, dann habe ich hier meinen Sohn, der allezeit mein Trost und meine Freude und das Allerliebste ist, was ich besitze, solange er jung ist und mir nicht davonläuft. Hier ist mein Hund, der ist der Treueste, den ich habe.  Selbst wenn ich all seine Glieder zerschlagen und ihn hinausgejagt hätte, so käme er doch, sobald ich ihn riefe, zu mir zurück.’
 
XXV. Ihr Herren,” sagte Herzog Nimo, “dieses Beispiel habe ich euch erzählt um Abryes und seines Hundes willen.  Nach meiner Einsicht will ich dann auch so urteilen: während Abrye niemand hier besaß außer dem Hund, der für ihn zu kämpfen bereit wäre, so soll Mayrkar zu Fuß stehen und nicht im Kampf auf dem Pferd sitzen.  In seiner Hand soll er einen Stab von eineinhalb Fuß Länge halten und damit gegen den Hund kämpfen.  Er soll auch einen Schild halten, und wenn er den Hund  überwindet, dann wird das sein Vorteil sein, denn er wird dadurch freigesetzt.  Besiegt ihn aber der Windhund durch Gottes Hilfe, dann fälle ich das folgende Urteil nach meinem Gutdünken, daß Mayrkar den Mord begangen hat.  Dieses Urteil gebe ich hiermit kund und weiß nichts Besseres.  Will aber jemand von euch etwas dazu sagen, dann möge er das gerne tun.”
Da standen allesamt auf und sagten:
“Herzog Nimo, Ihr seid ein weiser Mann.  Wir wollen geschlossen Eurem Rat folgen.”
“Weiß Gott,” antwortete Nimo, “wenn Mayrkar den Mord begangen hat, so wird Gott mit dem Windhund ein Wunder im Kampf zeigen.”
Dann standen alle auf, gingen zum König und teilten ihm ihren Entschluß mit.  Der König antwortete:
“Die Entscheidung gefällt mir gut, denn sie scheint mir für beide Seiten gleich zu sein.”
Sogleich ließ man Mayrkar frei und führte ihn zum König.  Herzog Nimo sagte ihm, welchen Entschluß sie gefaßt hatten, worüber Mayrkar sehr froh war und dankte dem König sehr.  Er glaubte, durch solch einen Kampf der Mordanklage ledig zu werden, wie ihr gleich hören werdet.
“Mayrkar,” sagte der König, “wenn dich der Hund besiegt, wirst du aufgehängt.”


“Herr,” antwortete Mayrkar, “Gott soll mir niemals zur Hilfe kommen, wenn ich Abrye jemals ein Leid angetan habe.”
 
XXVI. “Herr,” sagte Mayrkar, “es ist eine große Schande, daß ich gegen einen Hund kämpfen muß.”
“So muß es sein,” antwortete der König, “denn ich habe mit meinen Worten das Urteil gefällt.  Nun geh schnell und bereite dich darauf vor, daß du den Kampf beginnen kannst.”
Mayrkar entfernte sich mit seinen Freunden, die ihm einen Schild in seine Hand drückten, dazu einen Stab von eineinhalb Fuß Länge.  Mayrkars Freunde sagten zu ihm:
“Guter Freund, fürchte dich nicht, wenn der Hund zu dir kommt, gib ihm einen Schlag auf seinen Kopf, daß er tot liegen bleibt.  Wenn dann noch jemand etwas gegen dich sagen will, wird doch unser Verwandter Gallerant dir dagegen helfen.” 
“Mayrkar,” sagten die Verräter, “wenn Ihr den Kampf beendet habt, wollen wir uns daran machen und den König vergiften, dazu auch Nimo von Bayern, denn er mischt sich ständig in unsere Angelegenheiten.  Wir wollen dann endlich den Tod unseres Verwandten Gannolons rächen.  Die Königin ist fort, aber sie ist hochschwanger.  Sie mag einen Sohn gebären, der später in dieses Land kommen könnte. Diesen wollen wir auch vergiften.  Darauf werden wir unseren Vetter Mayrkar zum König machen, wodurch unser Geschlecht erhöht werden wird.  Dann werden wir eine so vornehme Familie sein, daß niemand es wagen wird, etwas gegen uns zu unternehmen.”
So sprachen die Verräter untereinander.  Aber noch bevor es Nacht wurde, wünschte sich Herr Mayrkar, daß er weit weg überm Meer gewesen wäre.  Der König rief ihn und sprach:
“Mayrkar, nun stelle Bürgen dafür, daß du diesen Kampf durchführen wirst.”


Sogleich traten vier Herren vor, die zu Bürgen für Mayrkars Leben und Gut wurden.  Darauf sandte der König nach dem Windhund.  Gaufra Otgers Vater brachte ihn herbei.  König Karl ließ ausrufen, daß, wer auch nur ein Wort während des Kampfes sagen würde, und sei es was auch immer, der würde Leben und Gut verloren haben.  Darauf kamen Bürger und Bürgerinnen, Jung und Alt, Männer und Frauen herbei zum Kampfplatz, so daß niemand in Paris blieb.  Mayrkar wurde auf den Platz geführt, wohin man auch die Reliquie von St. Stephan gebracht hatte.
“Mayrkar,” sagte der König, “küsse die Reliquie, auf daß dir Gott zu deinem Recht verhelfen möge.”
“Herr,” sprach Mayrkar, “ich küsse die Reliquie täglich, und will deswegen Gott nicht darum bitten, mir gegen einen Hund zu helfen.”
Bei diesen Worten begann das ganze Volk sich zu segnen und baten allesamt Gott, daß, wenn Mayrkar den Abrye getötet haben sollte, er ein Wunder bewirken möge und dem Hund helfen solle, Mayrkar zu überwinden.  Mayrkar rief mit lauter Stimme:
“Laßt den Hund herkommen.  Wenn ich ihn nicht mit dem ersten Schlag töte, dann dürft ihr mich verachten.”
“Windhund,” sprach Gaufra Otgers Vater, “du kämpfst jetzt für deinen Herrn.  Wenn Mayrkar den Mord begangen hat, so möge dir Gott dabei helfen, ihn zu besiegen.”
 
XXVII. Gaufra ließ den Hund frei.  Dieser sah überall umher, sah das viele Volk, aber sobald er Mayrkar erblickte, erkannte er ihn sofort wieder.  Ehe Mayrkar seinen Stab ergriffen und seinen Schild vor sich genommen hatte, war der Hund auf ihn gesprungen und hatte ihm aus der Brust ein großes Stück Fleisch rausgerissen.  Darüber wurde Mayrkar sehr zornig und schlug dem Hund auf den Kopf, daß er hinfiel und sehr blutete.  Der Hund sprang wieder auf seine Füße.
 


XXVIII.  Da konnte man einen großen Kampf zwischen Mayrkar und dem Hund sehen.  Viele Menschen standen im Kreis, die zuschauten und alle Gott baten, jedem zu seinem Recht zu verhelfen.  Der Windhund sprang auf Mayrkar und erwischte ihn so hart an seiner Kehle, daß er ihn fast erwürgt hätte.  Mayrkar schlug mit seiner Faust auf den Windhund, so daß dieser ihn freilassen mußte.  Erneut sprang er auf Mayrkar und griff ihn an der Nase, biß ihm diese und die Lippen ab.  Das Blut lief Mayrkar in seinen Hals, so daß er fast daran erstickt wäre.  Da rief Mayrkar mit lauter Stimme:
“Oh, all ihr meine Verwandten und Freunde, wo seid ihr jetzt.  Kommt mir zur Hilfe, denn der Hund wird mich gleich töten.”
Da kamen seine Freunde und wollten den Hund erschlagen.  Als König Karl dies sah, rief er:
“Bei Gott, der alle Dinge geschaffen hat, möge keiner so kühn sein und in den Kreis treten, denn er wird dann aufgehängt.”
Als die Verräter den König hörten, setzten sie sich alle nieder.  Mayrkar saß auf der Erde und klagte jämmerlich, faßte aber wieder Mut und lief auf den Windhund zu, um ihn zu schlagen.  Da machte sich der Windhund auf und biß ihm in die Hand, mit der er den Stab hielt, und hielt ihn so fest, daß er den Stab fallen ließ.  Da schrie und kreischte Mayrkar und schlug mit der anderen Faust hart auf den Hund.  Gallerant rief etwa 100 Leute von seinem Geschlecht zusammen und sagte:
“Ihr guten Freunde, jetzt seht ihr wohl, daß der Hund unseren guten Mayrkar überwinden wird.  Dadurch wird unsere Familie für den Rest unserer Tage geschmäht.  Deswegen will ich mich lieber wappnen und mit meiner Lanze zu ihm in den Kreis reiten, ob es ihnen nun recht oder nicht recht sei, und will den Hund erstechen.  Dann wird mich der König sogleich fangen lassen, aber ihr sollt dem König viele Güter für mich bieten, denn der König liebt das Geld, und wenn er eure Gelübde hört, so wird er mir nichts antun.  Wenn dann der Windhund tot ist, so ist auch Mayrkar erlöst.  So  kommen wir gemeinsam frei.”
Sie sagten:
“Freund, Ihr redet gut.  Wir wollen gerne machen, was Ihr uns gebietet.”
 


XXIX. Darauf bereitete sich Gallerant und kam zu Mayrkar im Kreis und wollte mit seiner Lanze den Hund erstechen.  Aber die Lanze geriet dem Hund zwischen die Beine und blieb in der Erde stecken, so daß sie zerbrach.  Als Gallerant dies sah, wurde er fast tollwütig, zückte sogleich sein Schwert und schlug damit auf den Hund.  Als der Hund dies sah, ließ er Mayrkar los und floh zu den Leuten.  Als König Karl dies sah, wurde er fast wahnsinnig und rief mit lauter Stimme den Leuten zu, die den Kreis bildeten:
“Ihr Herren, wenn ihr diesen Bösewicht aus dem Kreis freilaßt, so will ich euch alle aufhängen, aber wer mir den Schurken Gallerant fängt, dem will ich hundert Mark Silber zu Lohn geben.
Da warfen die Jungen mit Messern und Steinen, denn sie hatten alle gut gehört, was der König gesagt hatte.  Als Gallerant dies bemerkte, wendete er sein Pferd und wollte fliehen, es standen aber so viele Leute um ihn, daß er nicht raus konnte.
 
XXX. Darauf näherte sich ein großer Bauer und schlug Gallerant mit einer schweren Keule, so daß er von seinem Pferd fiel, fing ihn auf und übergab ihn dem König.  Der Bauer erhielt sofort die hundert Mark Silber.  Die Freunde Gallerants gingen aber zum König und sagten:
“Gnädiger Herr, tötet nicht unseren Verwandten.  Daß er seinem Vetter helfen wollte, darf man ihm doch nicht verdenken.  Für das, was er gegen Euch getan hat, wollen wir Euch viel Geld geben.”
“Auf meine Treue,” sprach der König, “ich nehme nicht einen Wagen voll Gold für ihn.”
Der König ließ Gallerant wegführen und in ein Gefängnis stecken.  Darauf entfernten sich alle aus dem Kreis.  Nimo nahm den Windhund und sprach zu ihm:
“Tier, Gott wollte dir heute helfen, daß du für deinen Herrn kämpfst.”
Darauf sprang der Windhund erneut in den Kreis, schaute hier hin und da hin, bis er Mayrkar erblickte.  Dieser bekam große Angst und warf seinen Stab nach ihm, verfehlte ihn aber und traf ihn nicht.  Der Windhund sprang an Mayrkars Hals und zog ihn auf die Erde nieder.  Als Mayrkar merkte, daß seine große Bosheit bestraft werden sollte und er nicht reden konnte, winkte er den ihn umstehenden Leuten zu, damit sie zu ihm kämen.  König Karl ging selbst zu ihm, und dazu seine Fürsten, Herren und auch die ganze Ritterschaft und zogen den Hund weg von ihm, sonst hätte er ihn erwürgt.


“Lieber Herr,” sprach Mayrkar, “ich sehe wohl, daß ich tot bin und nicht entkommen kann.  Darum will ich bekennen, was ich getan habe.  Ich ritt Abrye nach und hätte gerne mit der Königin geschlafen.  Als Abrye das verhindern wollte, griff ich ihn an und tötete ihn.  Während ich ihn erschlug, entfloh mir die Königin.  Ich suchte sie überall, und wenn ich sie gefunden hätte, hätte ich sie zuerst vergewaltigt und sie dann erschlagen.  Herr, beim Allmächtigen, das habe ich getan, und kann auch nichts Böses von der Königin sagen.  Es reut mich sehr, daß ich Abrye erschlagen habe.”
“Hört,” sagte König Karl zu Nimo von Bayern, “was uns der Verräter sagt.  Ach edle Königin,” sagte König Karl, “ich fürchte sehr, daß ihr durch Verrat vertrieben worden seid.”
Der König ließ Gallerant und Mayrkar zusammen binden und zum Galgen schleifen, wo sie beide aufgehängt wurden.  Um seines Herrn willen ließ Karl den Hund gut pflegen.  Aber der Windhund ging zum Grab seines Herrn und heulte und jaulte so lange, bis er auch starb.  Der König befahl, daß man den Windhund nahe beim Friedhof begraben solle.  Damit laß ich den König zurück und erzähle euch von der Königin, die sich zusammen mit Wararkir auf dem Weg nach Konstantinopel befand.  Sie gingen so lange, bis sie in eine Stadt namens Gryman kamen.  Dort nahmen im Haus eines reichen Bürgers Herberge.  Dieser hatte eine ehrbare Hausfrau.  Die Königin war müde und legte sich nieder.  Kaum lag sie im Bett, begannen die Wehen und sie rief:
“Mutter Gottes, komm mir zu Hilfe.”
Sie schrie so lange, bis die Wirtin sie hörte.  Diese rief andere Frauen zusammen und eilten der Königin zu Hilfe, und Gott ließ sie einen Sohn gebären.  Die Frauen wickelten das Kind in weiße Tücher und brachten es Warakir.  Auf der Schulter des Kindes stand ein rotes Kreuz.
“Ewiger Gott,” sagte Warakir, “mögest du das Kind behüten und ihm wieder zu seinem Recht verhelfen.”
Der Wirt ging zur Königin und sprach:
“Liebe Frau, das Kind muß getauft werden.”
Sie antwortete:


“Herr, wann immer Ihr wollt.”
Da nahm Warakir das Kind in seine Arme, und der Wirt und die Wirtin gingen mit ihm zur Kirche.  Der König von Ungarn hielt sich zu dieser Zeit in der Stadt auf und war früh morgens aufgestanden und wollte draußen spazieren reiten.  Da begegnete er dem Kind und fragte den Wirt danach:
“Lieber Wirt, wessen Kind ist das, das ihr zur Kirche tragt?”
“Herr,” sagte der Wirt, “einer armen Frau, die in der Nacht in mein Haus kam und der ich um Gottes Willen Herberge gab.  Jetzt hat ihr unser Herrgott heute nacht einen Sohn geschenkt, für den wir einen Paten suchen, der ihm hilft, Christ zu werden.”
“Um Gottes Willen bin ich dazu bereit,” sagte der König.
Sie trugen das Kind in die Kirche.  Der König nahm das Kind in seine Arme und sah es sich überall genau an und erblickte dabei das rote Kreuz.  Er sagte:
“Ewiger Gott, ich sehe wohl, daß es ein König werden wird, wenn es am Leben bleibt.”
“Wie soll das Kind heißen?,” fragte der Priester.
“Herr,” sprach der König, es soll nach mir Ludwig heißen, denn es ist aus königlichem Geschlecht.  Dies weiß ich sehr gut.  Gott möge ihm Glück und Ehre gewähren.”
Nachdem es getauft war, sagte der König zum Wirt:
“Guter Wirt, kümmert Euch gut um das Kind, und auch um seine Mutter, denn Ihr werdet dann großes Glück durch dieses Kind gewinnen.  Ich bitte Euch, wenn das Kind aufgewachsen ist, bringt es zu mir, so will ich ihm helfen.”
Der König gab für die Königin eine wertvolle Gabe.  Der Wirt trug darauf das Kind wieder heim und Warakir sagte der Königin, wie der König von Ungarn das Kind in der Taufe gehalten habe.  Als die Königin dies hörte, weinte sie sehr und sprach:


“Ewiger Gott, wie bin ich doch so unselig aus meinem Königreich vertrieben worden.  Ewiger Gott, wenn es dein Wille ist, kannst du mir helfen, wieder zu großen Ehren zu kommen, denn ich übergebe all mein Leiden in deine Gewalt.”
Der Wirt und die Wirtin behandelten die Königin sehr gut.  Warakir diente dem Wirt und tat das Beste für das Kind.  Als sie das Kind bis zum zehnten Jahr aufgezogen hatten, sagte Warakir zu ihm:
“Liebes Kind, der hiesige König ist dein Pate, und er hat mir befohlen, dich zu ihm zu bringen, sobald du alt genug zum Hofdienst sein würdest.”
“Vater,” sprach Ludwig, “das will ich gerne tun, wenn es meiner Mutter recht ist.”
Warakir berichtete davon der Königin, die sich sehr darüber freute.  Sie rief ihren Wirt Joseran herbei und sprach:
“Lieber Wirt, ich bitte Euch um Gottes Willen, führt meinen Sohn zum König.”
“Herrin,” antwortete der Wirt, das will ich gerne tun.”
 
XXXI. Darauf brachten Warakir und der Wirt das Kind zum König.  Als sie zum Hof kamen, sprach der König zum Wirt:
“Joseran, wessen Sohn ist dieses schöne Kind?”
“Herr,” antwortete der Wirt, “es ist Euer Patenkind Ludwig.  Sein Vater und seine Mutter, die hier bei mir stehen, haben mich gebeten, es zu Euch zu bringen und Euch zu bitten, daß Ihr das Kind um Gottes Willen erzieht.”
Der König sah Warakir an und dachte in seinem Herzen:
Ich glaube das niemals, daß dieser der Vater des Kindes ist.
Der König antwortete:
“Das will ich gerne tun.”
Sogleich ließ er einen Priester herbeirufen, der das Kind unterrichten sollte.  Ludwig ging oft zu seinem Vater Warakir und zu seiner Mutter, um zu sehen, wie es ihnen ging.  Der Wirt hatte eine schöne Tochter, die einstmals zu Ludwig sprach:


“Lieber Ludwig, als Eure Mutter zuerst hierher kam, war sie eine sehr arme Frau.  Nun haben wir ihr und Eurem Vater, und auch Euch viel Gutes getan und haben Euch aufgezogen.  Ich bitte Euch, nehmt mich als Eure Ehefrau, dann bleibt Ihr für immer wohlhabend und habt für immer genug.  Lieber Ludwig,” sagte die Jungfrau weiter, “habt mich lieb um Gottes Willen.  Ich habe noch nie jemanden so sehr lieb gewonnen wie Euch.”
“Jungfrau,” sprach Ludwig, “ich bin ein armer Mensch und besitze überhaupt nichts.  Euer Vater hat meinen Vater und meine Mutter für zehn Jahre aufgenommen und hat dafür nicht einen Heller von uns genommen.  Wenn Gott mir die Möglichkeit dazu gibt, will ich es ihm wohl vergelten.  Liebe Jungfrau, tut, was richtig ist, Ihr werdet jemanden Euresgleichen finden.”
Als die Jungfrau das hörte, wurde sie sehr traurig.
Ludwig ging immerfort zum Hof des Königs von Ungarn und schaffte es, daß der gesamte Hofstaat ihn schätzte.  Einstmals ging Warakir zur Königin und sagte zu ihr:
“Liebe Herrin, wir sind nun mehr als zehn Jahre hier gewesen.  Euer Sohn ist nun groß.  Es wäre also gut, daß wir weiter bis nach Konstantinopel gingen, um Euren Vater und Eure Mutter zu suchen.”
“Das ist mir recht,” antwortete die Königin.
Damit rief sie ihren Sohn Ludwig zu sich und sagte zu ihm, sie wolle nach Konstantinopel gehen, dort lebten ihr Vater und ihre Mutter, die sie dort suchen wolle.
 
XXXII. Ludwig antwortete:
“Herrin, wann Ihr wollt.”
Die Wirtin sprach zur Königin:
“Gute Frau, Euer Sohn ist mein Pate, und ich traue mir, ihn zu unterstützen, wenn Gott es nicht tut.  Er wird mir wohl vergelten, was ich Euch und ihm gegeben habe.  Deshalb nehmt von meinem Besitz so viel, wie ihr benötigt, das will ich Euch gerne geben.”
“Liebe Frau Wirtin,” antwortete die Königin, “unser Herrgott sei Euer Lohn.  Ich hoffe, es wird Euch vergolten werden.”


Darauf ging Ludwig zum König und verabschiedete sich von ihm.  Warakir besorgte der Königin, Ludwig und auch sich selbst ein Maulpferd.  Warakir war aber ein einfacher Mann.  Er hatte einen Bart, der ihm bis auf seinen Nabel hing.  Seine Beine waren ganz krumm und seine Füße ganz klumpig.  Er hatte wüste Haare, die kraus und schwarz waren, und darauf saß ein Filzhut.  Als Ludwig sah, daß sich Warakir so vorbereitete, dreht er sich um und begann sehr zu lachen.  Die Königin, Ludwig und Warakir verabschiedeten sich vom Wirt und der Wirtin, dankten ihnen sehr dafür, daß sie ihnen so viel Gutes getan hatten und ritten fort.  Sie ritten so lange, bis sie in einen großen Wald kamen, wo zwölf Räuber hausten.  Als Warakir in den Wald kam und die Vögel singen hörte, begann er auch zu singen.  Das vernahm der Räuberhauptmann namens Pinckener und sprach zu seinen Gesellen:
“Ich höre da einen singen, der nie mehr so töricht singen wird, denn ihm mag kein Gold vom Orient helfen, denn er muß sterben.  Warakir sang so laut und lange, bis alle Mörder seine Stimme vernahmen, und das ging so lange, bis sie ihn sahen.  Als Pinckener die Frau erblickte, begehrte es ihn sogleich nach ihr, und er sagte zu seinen Gesellen:
“Die Frau ist überaus schön.  Sie muß noch heute in meinen Armen liegen, und nachdem sie eine Nacht bei mir geschlafen hat, will ich sie euch überlassen, damit ihr auch mit ihr schlafen könnt.  Den alten Bauern wollen wir sogleich totschlagen, und auch das Kind, das mit ihm reitet.
Die anderen Mörder sagten gemeinsam:
“Meister, Ihr habt gut gesprochen.”
 
XXXIII.  Darauf liefen sie alle auf Warakir und die Königin zu und riefen mit lauter Stimme:
“Du alter häßlicher Bauer, du hast heute ein Lied gesungen, das dir deinen Kopf kosten wird.  Wir wollen unseren Willen mit dieser schönen Frau haben.”
Als Ludwig dies vernahm, wurde er ganz rot im Gesicht.  Warakir antwortete:
“Sohn Ludwig, erschrick nicht, ich würde mir nicht wegen dieser Schalke Sorgen machen.”


Damit hob Warakir seine Keule auf und traf damit einen Mörder auf dem Kopf, daß er tot hinfiel.  Ludwig zückte sein Schwert und schlug hart auf die Mörder ein, diese aber verwundeten Warakir und Ludwig sehr, und dazu ihre Maulpferde.
“Ewiger Gott,” rief die Königin, “mögest du heute zu Hilfe kommen gegen diese bösen Menschen!”
Der Räuberhauptmann warf ein Messer auf Warakir, das durch sein Hemd und andere Kleider ging.  Aber es verletzte ihn nicht.  Darauf schlug Warakir den Hauptmann, daß er tot da lag.  Warakir rief:
“Ihr falschen bösen Verräter, ihr müßt hier alle sterben!”
Als die anderen Mörder sahen, daß ihr Hauptmann erschlagen war, begannen sie zu fliehen.  Warakir und Ludwig hatten sechs von ihnen getötet, und die anderen fünf waren schwer verwundet.  Der eine Mörder fiel vor Ludwig auf seine Knie und sagte:
“Lieber Herr, habt Erbarmen mit mir, verschont mein Leben, denn es könnte eine Zeit kommen, daß ihr meiner bedürft.  Ich bin der Klügste Dieb, den es auf der Welt gibt, denn es gibt keinen Schatz, und mag er noch so verborgen sein, ich getraue mich doch, ihn zu stehlen.  Ich kann auch Pferde stehlen und alle Schlösser öffnen.”
Während die zwei miteinander redeten, kam Warakir herbei und sagte:
“Ludwig, lieber Sohn, warum tötest du den Bösewicht nicht?”
“Lieber Vater,” sagte Ludwig, “wenn es wahr ist, was er mir erzählt, so soll er mein guter Freund sein, und ich will ihm kein Leid antun.  Er hat mir gesagt, daß es keinen noch so versteckten Schatz gebe, den er sich nicht zu stehlen getraue, und er könne alle Schlösser öffnen.  Das gefällt mir alles gut.”
Da sprach Warakir zu dem Mörder:
“Wie heißt du?”
“Herr,” sprach er, “ich heiße Grymmener.”
“Bei meiner Treue,” sagte Ludwig, “das ist ein guter Name für einen Mörder.   Kann ich dir auch trauen?,” fragte Ludwig.


“Ja, Herr, beim allmächtigen Gott,” sagte Grymmener.  “Ich will Euch immer treu sein.”
“Nun sage mir,” sagte Ludwig, “wie weit ist es aus dem Wald raus, denn die Frau, die hier reitet, ist sehr erschöpft.”
“Herr,” antwortete Grymmener, “es sind noch sieben Meilen durch den Wald, und dazwischen gibt es weder Dörfer noch Städte.  Aber in drei Meilen gibt es eine schöne Quelle, dort wohnt ein heiliger Bruder [Eremit], der ein Priester ist.  Ich habe seine Messe oft angehört.  Meine Gesellen und ich sind oft zu ihm gegangen, um ihn zu ermorden, aber Gott wollte dies nicht zulassen, denn so oft wir dorthin kamen, konnten wir ihm nichts antun.  Dieser Begarde ist ein hochgeborener Mann.  Er ist der Bruder vom Kaiser von Konstantinopel.  Jener hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.  Die Tochter hat der König von Frankreich geheiratet.”
Als Warakir dies hörte, sah er die Königin an und sah, daß sie bitterlich weinte.  Darauf sagte er leise zu ihr:
“Liebe Herrin, weint nicht, es soll Euer Sohn Ludwig nicht bemerken.”
Darauf ritten sie so lange, bis sie zum Haus des Begarden kamen.
 
XXXIV.  An der Tür des Begarden hing ein Klopfer.  Warakir war der erste und klopfte mit dem Klopfer an.  Der Begarde kam heraus, segnete sich und sprach:
“Seid mit Gott willkommen, liebe Freunde.  Mich wundert es, woher ihr gekommen seid, und wieso euch die Mörder nicht erschlagen haben.  Denn es gibt viele Mörder in diesem Wald.”
“Herr,” sagte Warakir, “ich habe heute ein Urteil über sie gesprochen.”
Der Begarde antwortete:
“In dreißig Jahren sah ich nie einen Menschen, der hierher gekommen wäre, ohne beraubt oder geschlagen worden zu sein.  Wer ist diese schöne Frau?  Es ist sehr erstaunlich, daß sie unverletzt und  ohne Schmach erfahren zu haben so sicher hierher gekommen ist.”


“Herr,” sprach Ludwig, “sie ist meine Mutter, und der alte Mann, der bei ihr steht, ist mein Vater.  Der Mann aber, der mit uns läuft, den haben wir als Diener, der sich um unsere Pferde kümmert.”
“Ihr guten Freunde,” antwortete der Begarde, “ich habe in meinem Haus nicht mehr als ein  Haferbrot, und weiß auch nicht, woher ich etwas leihen soll.  Ich lebe nämlich fern von allen Menschen und besitze auch weder Betten noch Stroh, auf dem ihr heute liegen könntet.”
“Guter Herr,” sagte Ludwig, “beherbergt uns heute, der Herrgott wird uns genug an Nahrung beschaffen.”
“Dann kommt her,” sagte der Begarde.  “Alles, was ich habe, das übergebe ich in Eure Gewalt.”
 
XXXV.  Darauf sprach er zum Ludwig:
“Lieber Freund, du bist ein junger Mann.  Wenn du das Brot essen willst, das ich esse, will ich es dir gerne geben.”
“Herr,” sprach Ludwig, “dafür danke ich Euch sehr.  Bringt Euer Brot her, denn wir wollen alle gerne essen.”
Die Königin ging zum Begarden und sagte:
“Guter Herr, gebt mir guten Rat, denn den brauche ich.”
“Liebe Frau,” sagte der Begarde, “mir scheint, ihr seid von guter Abstammung.  Darum bitte ich Euch, sagt mir, wer Ihr seid.”
“Herr,” antwortete die Königin, “Kaiser Richard von Konstantinopel ist mein Vater und verheiratete mich mit dem König von Frankreich, der mein Ehemann ist.  Böse Verräter haben es geschafft, daß mich der König, mein Ehemann, aus seinem Land verjagt hat.”
Damit sagte sie dem Begarden die ganze Geschichte, wie der Verrat vonstatten gegangen war.


“Herr,” sprach die Königin, “der König hat einen tugendhaften Ritter mitgegeben, der mich durch den Wald leiten sollte.  Aber bald kam einer der Verräter hinter mir her und wollte seinen Willen mit mir haben.  Der brave Ritter wehrte dies, und darum erschlug ihn der Verräter.  In der Zwischenzeit ritt ich so weit weg, daß ich dem Verräter entfloh.  Da fand ich im Wald den frommen Mann, der hier bei mir steht, der Frau und Kinder verlassen und mich bis hierher geführt hat.  Wir kamen in die Stadt Gerbel, wo ich einen Sohn gebar, der hier bei Euch steht.  Diesen Sohn hat für mich der König von Ungarn aus der Taufe gehoben und heißt nach ihm Ludwig.”
Als der Begarde die Königin angehört hatte, begann er heiße Tränen zu weinen und sprach:
“Liebe Frau, Ihr seid meine Nichte.  Euer Vater ist mein Bruder.  Darum will ich diese Klause verlassen und mit Euch nach Konstantinopel zu Eurem Vater ziehen.  Dort will ich mit meinem Bruder besprechen, um viele Leute zusammenzubringen.  Mit denen werden wir zum König von Frankreich ziehen, und wenn Euch dann der König nicht wieder annimmt, wollen wir ihm sein ganzes Land zerstören.  Danach will ich wieder hierher kommen und meine Buße auf mich nehmen.”
Damit wandte sich der Begarde an Warakir.
“Lieber Freund, würdest du uns etwas zu essen und zu trinken holen?”
“Herr,” sprach Warakir, “ich will gerne so lange reiten, bis ich in irgendein Dorf komme, wo ich für uns Nahrung finde.”
Als Grymmener diese Worte vernahm, sprang er vor und sagte:
“Herr, ich will uns genug holen.  Ich kenne alle Wege, und wenn es mir an Geld fehlt, werde ich schon genug finden.”
“Dann geh,” sagte der Begarde, “denn wir wollen alle gerne essen.”
Grymmener ging fort und hatte nicht mehr als zehn Schillinge bei sich.  Er kam in eine Stadt zum Fischmarkt, dort feilschte er um Fische.  Der Fischer bot sie ihm für zwanzig Schillinge.
Ewiger Gott, dachte Grymmener, “nun hast du nicht mehr als zehn Schillinge, damit kannst du nichts machen.
Grymmener verhandelte lange mit dem Fischer, aber der Fischer wollte die Fische nicht anders herausgeben.  Da dachte Grymmener bei sich:
Oh allmächtiger Gott, so komme ich niemals weg von hier, es sei denn, ich habe die Fische und genug andere Nahrungsmittel.
Grymmener rief einen Knecht zu sich und sagte ihm:
“Guter Geselle, sage mir, wer ist der reichste in dieser Stadt?”


“Freund,” antwortete der Knecht, “das ist eine törichte Frage.  Du kannst es selbst an dem großen Haus mit der goldenen Kuppel sehen.  Der Besitzer ist der reichste Mann in diesem Land, und ist zugleich der Schultheiß dieser Stadt.  Man sagt wirklich, er habe mehr als einen Malter Geld.”
Als Grymmener dies vernommen hatte, ging er in eine Ecke, machte sein Gesicht schwarz, nahm zwei Krücken und ging damit vor das Haus des reichen Mannes, der Schultheiß dieser Stadt war.  Grymmener drückte ein Auge zu, das andere hielt er offen und bat um Gottes Willen um Herberge.  Der Schultheiß saß bei seiner Frau, und viele andere Leute waren bei ihm.  Er sagte:
“Freund, hier gibt es keine Herberge für dich, denn man gibt keinem armen Menschen Unterschlupf in diesem Haus.”
     “Lieber Hauswirt,” sagte die Schultheißin, “gebt diesem armen Mann heute noch um Gottes Willen Herberge.”
“Schweig, Frau,” sagte der Schultheiß.  “Er ist ein schlimmer Mann und könnte uns heute noch alles rauben, was wir besitzen.”
“Lieber Herr,” sagte Grymmener, “das ist eine große Sünde, was Ihr da sagt, denn Ihr seht doch gut, wie mein Körper gestaltet ist.  Ich könnte doch nicht zehn Mark Gold verdienen, selbst wenn ich jetzt zehn Schritte ginge.”
“Kommt rein,” sagte der Schultheiß, “ ich will euch noch heute um Gottes Willen Herberge geben.”


Als Grymmener in das Haus kam, sah er sich überall um und überlegte sich, wo er in der Nacht zu stehlen anfangen wollte.  Der Schultheiß befahl, daß man Grymmener ein gutes Bett bereite.  Dann gingen alle schlafen.  Als Grymmener dachte, daß sie sich alle hingelegt hätten, zauberte er sogleich, daß sie in diesem Haus alle tief einschliefen.  Und sie schliefen so fest, daß man sie hätte wegtragen können, ehe sie aufgewacht wären.  Darauf zündete Grymmener ein Licht an und ging zu einer Kiste, die er öffnete.  Er nahm ein Tuch daraus und breitete es vor sich aus.  Er legte all das silberne Geschirr darauf, das in der Kiste war.  Es war an die fünfzig Mark wert.  Dazu nahm er viel Geld und einen gefütteren Rock und sagte sich, er wollte diesen zu Ludwig bringen.  So trug Grymmener all das Geschirr zusammen und brachte es zum Stadttor, das zugeschlossen war.  Erneut  schafftte er es mit seiner Kunst, daß das Tor aufging.  Grymmener trug all das Gerät raus aufs Feld und verbarg es unter einem großen Felsen, nahm aber soviel Geld, wie er brauchte, um Proviant zu kaufen.  Er veränderte sein Gesicht, wusch sich sehr gründlich, machte einen grünen Kranz auf seinen Kopf und ging wieder in die Stadt.  Dort vernahm er ein großes Gerücht von den Leuten.  Sie sprachen alle davon, daß ein armer Bettler dem Schultheißen großes Gut gestohlen habe.  Einer sagte dem anderen, wie sich der Bettler verstellt habe, als ob er krank gewesen sei, daß er auf Krücken gehen mußte; trotzdem habe er dem Schultheißen so viele Sachen entwendet.  Dennoch war die Gemeinde froh darüber, denn der Schultheiß hatte ihnen oft gegen alles Recht ihr Gut genommen.  Grymmener ging zum Schultheiß und sagte:
“Guter Herr, hat Euch derjenige das viele Gut davongetragen, den ich in der Nacht vor Eurer Tür sah?  Er stand da, als ob er nirgendswohin kriechen könne.  Wirklich, man sollte solchen Kerlen niemals glauben.”
“Lieber Freund,” sagte der Schultheiß, “wie das Sprichwort sagt, wer den Schaden hat, soll auch den Spott dazu haben.  Geh weg und laß mich in Ruhe.”
Grymmener entfernte sich und kaufte genug Fisch, Fleisch und Brot, packte alles zusammen und ging zu dem Felsen, wo er sein Zeug hatte.  Dies nahm er auf seinen Rücken, doch war es so schwer, daß er fast zusammengebrochen wäre.  Da begegnete Grymmener ein armer Mann, der führte einen mit Holz beladenen Esel.  Zu diesem sprach er:
“Freund, verkauft mir den Esel, ich will dir genug Geld dafür geben.”
“Wahrlich,” sagte der arme Mann, “du bemühst dich umsonst, ich verkaufe dir den Esel nicht für all das, was du trägst.”
Über diese Worte wurde Grymmener zornig, legte sein Paket nieder, sagte dem armen Mann ein Wort ins Ohr, wodurch er sofort niedersank und tief einschlief.  Darauf lud Grymmener das Holz vom Esel ab und legte sein Zeug darauf und fuhr sogleich zur Klause.
 


XXXVI.  Als er zur Klause kam, sah er die Königin und ihren Vetter vor der Tür stehen, denn sie und die anderen hätten gerne gegessen.  Als sie Grymmener kommen sahen, freuten sie sich alle und gingen ihm entgegen, während er sich mit dem Esel näherte.
“Mir scheint,” sagte Grymmener, “ihr wollt alle essen.  Seht, ich bringe uns genug Nahrung.”
Damit entlud er seinen Esel, und all das, was er mitgebracht hatte, gab er Ludwig. Dieser bedankte sich sehr. Darauf nahm Grymmener den gefütterten Rock und gab ihn der Frau, wofür sie ihm sehr dankte.  Als Warakir das Gut sah, fragte er Grymmener:
“Auf meine Treue, hast du von irgend jemandem diese Sachen geraubt oder gestohlen?”
Ludwig nahm Grymmener auf die Seite und sprach zu ihm:
“Lieber Grymmener, sage mir, hast du auch niemanden ermordet?”
“Herr,” antwortete Grymmener, “Ihr redet wie ein Tor.  Gott im Himmel hat Euch das Gut gesandt, und da er es Euch gesandt hat, so nehmt es auch fröhlich.”
“Du hast recht,” sagte der Begarde.
Darauf bereiteten sie das Essen und setzten sich zu Tisch.  Der Begarde sprach:
“Nun sei Gott im Himmel gedankt, ich bin in vielen Jahren nie so satt geworden.  Gott möge ihm barmherzig sein, von dem es alles gekommen ist.”
Nachdem sie gegessen hatten, wurde Ludwig schläfrig, legte sich nieder und schlief ein.  Der Begarde beugte sich über Ludwig, küßte ihn auf seinen Mund und vergoß heiße Tränen.  Dann sagte er:
“Ach ewiger Gott, wie konnte König Karl seine Frau verjagen, obwohl sie doch eine so ehrbare Frau ist, so schön ist und auch ein so schönes Kind getragen hat?  Verflucht seien die Verräter, die bei ihm sind.  Ich hoffe bei Gott, daß sie ihren Lohn dafür empfangen.”
Darüber erwachte Ludwig und sah, daß der Begarde bittere Tränen vergoß.  Er sagte:


“Lieber Herr, ich bitte Euch, sagt mir, warum Ihr so heftig weint.”
“Lieber Sohn,” sagte der Begarde, “das will ich Euch sagen.  Ihr glaubt, daß Ihr der Sohn dieses alten Mannes seid.  Aber bei meiner Treue, Ihr stammt nicht von ihm ab, denn Ihr seid der Sohn des Königs von Frankreich, und Eure Mutter ist wegen großer Verräterei vertrieben worden.  Eure Mutter ist die Tochter meines Bruders, und wenn Ihr es hören wollt, so will ich Euch sagen, wie es sich alles ereignet hat.”
Damit begann der Begarde und erzählte Ludwig alle Dinge, wie sich zugetragen hatten.
“Lieber Neffe,” sagte der Eremit, ich will mit Euch zu meinem Bruder reiten, der Euer Großvater ist, dem wollen wir die ganze Sache vorlegen.”
Am Abend gingen sie schlafen, und am frühen Morgen packten sie alles und machten sich auf den Weg.  Ich erzähle euch nichts von ihren Tagereisen, denn sie ritten so lange, bis sie nach Rom kamen, wo sie den Papst in seinem Palast fanden.  Zu dem ging der Begarde und erzählte ihm genau, wie der König von Frankreich seine [des Begarden] Nichte vertrieben habe und wie sich alle Dinge ereignet hatten.  Als der Papst das hörte, war er sehr traurig und sagte, er wollte mit ihnen nach Konstantinopel gehen und wollte dazu beitragen, was er Gutes tun könne.  Der Papst fragte die Königin, wie alles passiert war, was sie ihm genau erzählte.  Der Papst begann sich darüber zu wundern.  Sogleich ließ er ein Schiff bereiten und fuhr mit dem Begarden und den anderen nach Konstantinopel, was sehr lange dauerte.  Dort trafen sie den Kaiser an.
 
XXXVII.  Als der Kaiser vernahm, daß der Papst eingetroffen sei, ging er ihm entgegen und empfing ihn herrlich.  Der Kaiser sah die Tochter lange an und konnte sie kaum erkennen.  Schließlich sprach er:
“Seid Ihr nicht meine Tochter, die ich so lieb hatte?”
“Ja, lieber Herr,” sagte sie, “ich bin es.”
Damit fiel sie ihrem Vater um den Hals, umarmte und küßte ihn und begann heiße Tränen zu vergießen.  Er sagte:


“Liebe Tochter, wie kommt es, daß Dich der König von Frankreich mit so wenig Begleitung hierher geschickte hat.  Wo sind Eure Herren, Ritter und Knappen, die mit Euch geritten sind?”
“Vater,” sprach die Königin, “der König hat böse an mir gehandelt.”
Nun begann der Papst und erzählte dem Kaiser, wie alles zugegangen war.  Als der Kaiser dies hörte, seufzte er tief, ging zu Ludwig und küßste ihn freundlich und sagte zu ihm:
“Lieber Sohn, dein Vater hat mir nicht gehalten, was er mir versprochen hat.  Er hat mir gesagt, daß er meine Tochter freundlich und gütlich behandeln wolle.  Dies hat er nicht getan und  und sich meiner Tochter gegenüber nicht wie ein Ehrenmann verhalten.”
“Lieber Herr,” sagte die Königin, “wenn es Warakir, den tüchtigen Mann, der hier bei mir steht, nicht gegeben hätte, so wäre ich niemals in dieses Land gekommen.”
“Liebe Tochter,” sagte der Kaiser, “das glaube ich Euch gerne.  Darum will ich, so lange ich lebe, diesen tüchtigen Mann nicht mehr fortlassen.” 
“Bruder,” sagte der Begarde, “holt aus Eurem Land alle diejenigen, die einen Harnisch tragen können, sie sollen sich alle versammeln.  Dann laßt uns nach Frankreich ziehen, um dem König alle seine Länder zu zerstören und die Menschen zu töten.  Wenn er meine Nichte nicht wieder annimmt, wollen wir in tatsächlich aus seinem Land vertreiben.”
“Bruder,” sagte der Kaiser, so wie Ihr es gesagt habt, soll es sein.”
Der Kaiser rief in seinem Land aus, daß, wer einen Harnisch tragen könne, sich in einem Monat bei ihm einfinden solle.  Der König von Coine kam zuerst zu ihm und brachte so viele Leute, wie er besaß.  Genauso kamen auch die anderen.  Der Kaiser bereitete seine Schiffe und ließ die Segel aufrichten.  Er, der Papst, die Königin und alle ihre Ritter gingen auf die Schiffe und fuhren übers Meer, bis sie nach Venedig kamen.  Ich erzähle euch nichts von ihren Tagereisen, denn sie ritten so lange, bis sie nach Frankreich kamen.
 


XXXVIII.  Sobald sie in das Land kamen, brannten sie sogleich Burgen und Dörfer nieder, und alles, wessen sie habhaft wurden.  Emmerich von Nerbon ritt mit 200 Lanzenträgern zum König; sein Sohn begleitete ihn, und so auch auch Wilhelm von Dandenays und Böues von Conmercey.  Als sie das Heer sahen, rüsteten sie sich alle.  Ludwig sah sie als erster und zog sogleich mit seinen Haufen gegen sie.  Der erste, auf den er traf, war Emmerich von Nerbon.  Beide stießen so hart aufeinander, daß sie beide auf die Erde fielen.  Sogleich standen sie wieder auf und Emerich sagte zu Ludwig:
“Wer bist du, gegen den ich gerannt bin?”
Ludwig sagte:
“Ich bin der Sohn von König Karl von Frankreich, von wo die falschen Verräter meine Mutter verjagt haben.  Wenn mein Vater, der König Karl, meine Mutter nicht wieder aufnimmt, so werden er und sein Land niemals Frieden von mir gewinnen.”
“Ewiger Gott,” sagte Emmerich, “ich danke deiner göttlichen Gnade, ich habe meinen rechten Herrn wiedergefunden. Lieber Herr,” sagte Emmerich, “ich will jetzt ohne jegliches Falsch von Euch [als Lehen] empfangen, was ich und meine Kinder von Euch zu Lehen haben sollen.  Ich gebe Euch meine Tochter Wißblume als Ehefrau.”
“Dafür danke ich Euch,” sagte Ludwig.
Emmerich war sehr froh, daß er sich mit Ludwig versöhnt hatte.  Sie ließen den Trompeten schmettern und den Frieden verkünden.  Emmerich ritt zur Königin und empfing sie fröhlich.
 
XXXIX.  Sie zogen so lange weiter, bis sie nach Troye kamen.  Dort schlugen sie ihre Zelte auf.  König Karl erhielt die Nachricht, daß sein Sohn Ludwig und der Kaiser von Konstantinopel mit großer Heermacht in sein Land eingebrochen seien.  Da befahl er seinen Leuten, sich zu versammeln.  Die Männer von Troye wollten nicht gegen Ludwig kämpfen und ließen ihn sogleich in die Stadt und übergaben ihm die Schlüssel.  So gelangten sie unter großen Freuden in die Stadt.  Warakir dachte an seine Frau und seine Kinder und begann heftig zu weinen.  Er sagte:


“Ach ewiger Gott, wie mag es jetzt meiner Frau und meinen Kindern ergehen?  Das muß ich herausfinden, koste es, was es wolle.”
So ging Warakir zu Ludwig und fiel vor ihm auf die Knie und sprach:
“Gnädiger lieber [Herr], ich bitte Euch, laßt mich jetzt meine Frau und meine Kinder sehen.”
“Warakir,” sagte Ludwig, “wenn Ihr jetzt von mir weggeht, so werde ich nie mehr froh, denn wenn Euch die Feinde erwischen, werden sie Euch viel Leid antun.”
“Herr,” sagte Warakir, “darüber macht Euch keine Sorgen, solange ich einen guten Knüppel in der Hand habe.”
Als das die Königin hörte, sagte sie:
“Lieber Warakir, wollt Ihr Euch von uns trennen?”
“Nein, Herrin,” sagte Warakir, ich wäre nur gerne in Amiens und möchte meine Frau und Kinder sehen, denn es ist sehr lange her, daß ich sie sah.”
“Wenn es so ist,” sagte die Königin, “will ich Euch gerne Urlaub gewähren.  Warakir,” sagte die Königin, “sagt Eurer Ehefrau: Wenn Gott mir  hilft, wieder Königin zu werden, werde ich Euch so reich machen, daß davon Eure Kinder ein besseres Leben haben werden.  Nehmt diese zwanzig Mark und diesen Rock und bringt das Eurer Ehefrau.”
Dafür bedankte sich Warakir sehr, nahm von Ludwig und der Königin Urlaub, verkleidete sich als Pilger und so lange, bis er nach Amiens kam.  Als Warakir zu seinem Haus gelangte, die Tür aufmachte und reinging, fand er seine Frau bei den Kindern in großer Armut, und diese sagte zu ihnen:
“Ihr lieben Kinder, wie lieb ich euch habe.  Aber verflucht sei euer Vater, denn er hat mich hier in großer Armut zurückgelassen.  Ich habe weder zu essen noch zu trinken.  Ich sehr nur zu gut, daß es keine größere Trübsal gibt als Armut.”
Damit legte sie ihren Kopf in ihre Hände und begann heftig zu weinen.  Als Warakir seine Ehefrau so sah, begann er auch zu weinen und sagte:
“Gute Hausfrau, gebt mir heute um Gottes Willen Herberge.”
 


XL. “Kommt herein,” sagte die Frau, “ich will Euch um Gottes Willen einen Platz geben, auf daß ich noch vor meinem Tod meinen Mann wiedersehen möge.  Aber ich fürchte, er ist tot. Denn wenn er noch lebte, wäre er längst zurückgekehrt.  Er hatte einen Esel, mit dem er ständig zum Wald ging und so für uns viel Brot verdienten, so daß wir zu essen hatten.  Ich bin jetzt sehr bedrückt, denn ich habe Euch nichts zu essen zu geben.”
“Liebe Frau,” sagte Warakir, “wie heißt Ihr?”
     Sie sagte:
“Ich heiße Merie, und der, von dem ich Euch erzählt habe, hat mir vier kleine Kinder gegeben.  Eins davon habe ich in die Stadt geschickt, um für uns um Brot zu betteln.  Eins ist in den Wald gefahren, um auf dem selben Esel, mit dem auch sein Vater in den Wald fuhr, uns Holz zu holen.”
Da griff Warakir in seinen Beutel und gab seinem Kind Geld und sagte zu ihm:
“Liebes Kind, kannst du uns Wein und Brot kaufen?”
“Ja,” sagte das Kind, “das kann ich wohl.”
 
XLI.  Das Kind nahm das Geld und ging fröhlich davon, denn es war sehr froh, daß es ihm so gut gehen sollte.  Es kaufte Fleisch und Brot, und dazu auch genug Wein.  Warakir nahm Holz und machte ein gutes Feuer.  Inzwischen kamen seine Söhne aus dem Wald mit dem Esel.  Als der Esel Warakir sah, began er sehr zu schreien.  Darüber wunderten sich die Frau und die Kinder sehr.  Warakir bereitete ihnen zu essen, so daß sie alle genug hatten und vergnügt speisten.  Da wurden die Kinder alle froh und sagten:
“Liebe Mutter, wir haben einen anderen Vater gefunden.”
“Lieber Bruder,” sagten die Kinder, “bleibt hier bei uns und geht nicht mehr weg.”
Warakir sah seine Frau and und sagte:
“Liebe Frau, wo soll ich heute nacht liegen?”
Sie sagte:
Ich habe hier unten einen Keller, dorthinein will ich Euch genug Stroh bringen, daß Ihr gut dort liegen könnt.  Ein anderes Bett habe ich nicht.”


“Laßt uns beisammen schlafen.  Ihr habt keinen Mann, und ich habe keine Frau.  Ich will Euch genug Geld geben.  Laßt mich heute nacht bei Euch schlafen.”
Als die Frau das hörte, rief sie:
“Du Schalk und Bösewicht, Gott bringe dir viel Unglück.  Geh gleich aus meinem Haus, und wenn du nicht bald gehst, so will ich meine Nachbarn rufen und dir deine Haut tüchtig schlagen.”
Als Warakir dies hörte, fing er zu lachen an.  Die Frau sah ihn an und fragte:
“Guter Freund, sage mir, wer bist du?”
Er sagte:
“Liebe Frau, ich bin Euer Ehemann Warakir, den Ihr früher sehr lieb gehabt habt.  Mein Esel erkannte mich gut, aber Ihr habt mich nicht erkannt.  Hörtet Ihr nicht, wie er schrie, sobald er mich sah?”
Als die Frau ihren Ehemann hörte, fiel sie ihm weinend um seinen Hals, umarmte und küßte ihn.  Da konnte man Zeichen großer Freude sehen.
“Liebe Frau,” sagte Warakir, “redet nicht davon, denn ich bin jetzt heimlich hier.  Seht, das sind zwanzig Mark Silber und ein Rock, den hat euch heute meine Herrin geschickt.”
Darüber freute sich die Frau sehr, denn sie hatte lange Zeit in Armut gelebt. 
Als Warakir gute zwei Nächte bei seiner Ehefrau gewesen war, sagte er zu ihr:
“Liebe Hausfrau, ich muß nach Paris und die Verräter sehen, die meine Herrin verjagt haben.  Ich möchte den Tag gerne erleben, an dem ich dazu beitragen kann, die Bösewichte aufzuhängen.”
Sie sagte:
“Lieber Ehemann, hütet Euch, daß Ihr nicht in Ihre Hände fallt.”
Er sagte:
“Ich will mich, wenn Gott will, gut vorsehen.”


Damit zog Warakir seinen Pilgerrock an, nahm seinen Stab in die Hand und ging so lange, bis er nach Paris kam.  Als er dort eintraf, sah er eine große Schar Männer, die sich alle rüsteten und mit dem König hinausreiten wollten.  Als Warakir das sah, begann er sehr zu weinen und sagte:
“Ewiger Gott, gib König Karl die Vernunft, daß er seine Ehefrau, die Königin, wieder aufnimmt!”
König Karl ging am Rand des Flusses mit seinen Fürsten und Räten und besprach sich mit ihnen.  Er nahm Nimo von Bayern unter seinen Mantel und sagte:
“Lieber Nimo, was ratet Ihr mir?  Meine Leute sind nun alle gekommen.”
“Herr,” sagte Nimo, “ich will Euch einen guten Rat geben.  Wenn Ihr mir folgen wollt, so rate ich, daß Ihr wieder meine Herrin annehmt, denn ich weiß wirklich, daß ihr Unrecht geschehen ist.  Euer Sohn Ludwig ist jetzt in die Champagne gekommen und führt mit sich seinen Großvater und seinen Onkel sowie ein großes Heer, wie ich gehört habe.  Wenn es zu einem Kampf kommt, so fürchte ich, daß Ihr schlecht davon kommen werdet.  Deshalb, lieber Herr, bitte ich Euch um Gottes Willen, daß Ihr wieder meine Herrin annehmt.  Damit verdient Ihr Euch viel Dank von Gott und der Welt.”
Bei ihnen stand ein Verräter namens Maucion und hörte diese Rede.
“Herr,” sprach Maucion, “wenn Ihr die Herrin wieder aufnehmt, dann seid Ihr nicht ein tapferer Mann, denn ich weiß sehr gut, daß sie sehr gemein ist.  Es gibt keinen Kerl, mit dem sie nicht in den Gräben gelegen hätte und dem sie nicht seinen Willen erfüllt hätte.”
Warakir hörte diese Worte und sagte:
“Du lügst wie ein Schalk und ein Bösewicht, und würde ich jetzt nicht König Karl fürchten, würde ich dich jetzt so schlimm mit meinem Stock schlagen, wie es dich noch nie geschmerzt hat.
Über diese Rede begannen König Karl und die anderen sehr zu lachen.
“Begarde,” sagte König Karl, “woher kommst du?”


“Herr,” sagte Warakir, “ich komme vom Heiligen Grab und bin auf dem Weg beraubt worden.  Ich kam vor die Stadt Troye und habe noch niemals so ein großes Heer gesehen wie das, welches dort lagert.  Man sagt, daß der Kaiser von Konstantinopel da sei und seine Tochter mit sich bringt, dazu ihren Sohn Ludwig, der auch Euer Sohn ist und hier der Erbe sein sollte.  Von dem habe ich gehört, daß er schwor, er wolle die Schurken alle aufhängen, die seine Mutter so verraten hatten.”
 
XLII.  “Begarde,” sagte der König, “drohen die Leute von Konstantinopel meinem Land und mir sehr?”
“Herr,” sagte Maucion, “ich sage Euch fürwahr, der Begarde ist ein Spion. Ich bitte Euch, laß ihm seine Augen ausstechen und dann aufhängen.”
Der König antwortete:
“Das will ich nicht tun, denn ich will mehr erfahren, was er zu machen versteht.”
“Begarde,” sagte der König, “was kannst du?  Kannst du etwas, womit du dich zu ernähren verstehst?”
“Ja, Herr,” sagte Warakir, “ich kann gut mit Pferden umgehen.  Es gibt keine Pferdekrankheit, die ich, sobald ich das Tier untersucht habe, nicht bald erkenne, und ich getraue mich auch, sie mit Gottes Hilfe gut zu heilen.”
“Begarde,” sagte der König, “wenn du diese Kunst verstehst, willst du dann bei mir bleiben, ich will dir auch guten Lohn geben.  Ich haben ein sehr edles Pferd, das so stolz ist, daß es sich nicht anfassen lassen will außer von mir.  Könntest du ihm das austreiben, wollte ich dir eine große Belohnung geben.”
“Herr,” sagte Warakir, “laßt das Pferd bringen, dann will ich schnell erkennen, was ihm fehlt.”
Der König sagte:
“Das soll sogleich geschehen.”
 
XLIII.  Der König ließ sein Pferd holen, und vier Knechte brachten es ihm.  Als das Pferd herbeikam, hob es seinen Kopf und begann laut zu wiehern.  Alle sagten zueinander:
“Wer hat je ein schöneres Pferd gesehen?”
Als Warakir das Pferd sah, dachte er bei sich:


Ach ewiger Gott, gib mir die Kraft, daß ich dieses Pferd meinem Herrn König Ludwig bringen kann.  Wenn ich mich ohne Sattel darauf setze, und habe ich ja noch nie in meinem Leben auf einem Pferd gesessen, sorge ich mich, daß ich falle.  Doch wenn mir Gott hilft, komme ich gut davon.
König Karl befand sich auf einer schönen Wiese und sah sich das Pferd an, das ihm sehr gut gefiel.
“Begarde,” sagte der König, “du bist weit herumgekommen.  Hast du jemals ein schöneres Pferd gesehen?”
“Herr,” sagte Warakir, “wenn Ihr mir einen Sattel bringt und mich darauf sitzen laßt, so werde ich bald herausfinden, wie man ihm helfen kann.”
“Das soll geschehen,” sagte der König.
Man brachte sogleich einen Sattel und legte ihn auf das Pferd.  Als Warakir sich daraufsetzen wollte, schlug das Pferd aus und verhielt sich so gräßlich, daß Warakir fast auf die Erde gefallen wäre.  Alle sprachen zueinander:
“Wir werden hier einen großen Spaß erleben.  Der Begarde wird gleich am Boden liegen.”
Dies hörte Warakir und sagte leise zu sich selbst:
Das werde ich nicht, wenn Gott es so will.
Warakir hielt sich stark am Haar des Pferdes fest und blieb oben.
 
XLIV. Als er oben auf saß, trabte er einmal die Wiese hoch und wieder runter zum König und sagte:
“Herr König, ich bin Warakir, der mit Eurer Ehefrau der Königin weggegangen ist, und ich will Euerm Sohn Ludwig dieses Pferd bringen.  Ich sage Euch: wenn Ihr nicht meine Herrin wieder als Königin annehmt, so wird dieses ganze Land zu Schanden.”
Nach dieser Rede drehte sich Warakir um und ritt davon.  Der König rief:
“Eilt dem Verräter nach, der mir [m]ein Pferd gestohlen hat, denn wer mir mein Pferd wiederbringt, und dazu den Verräter, dem will ich hundert Mark geben.”


Da liefen sowohl Ritter als auch Knappen und Bürger, alle, die reiten konnten, hinterher.  Warakir rief Gott aus ganzem Herzen an, daß er ihn behüten möge und nicht falle.  König Karl und Otger von Dänemark, dazu Nimo von Bayern eilten hinter ihm her mit dreihundert Pferden.  Wen sie begegneten, fragten sie, ob er irgendwo einen alten Mann mit einem schönen Pferd gesehen habe.
“Ja,” sagten sie, “er läuft sehr schnell davon.”
“Eilt hinterher,” rief der König, damit ich den Verräter fange.
Warakir ritt so lange, bis er nach Amiens kam, wo er einem seiner Söhne begegnete und zu ihm sprach:
“Lieber Sohn, grüß mir die Mutter und sage, daß ich sie, wenn es Gott wolle, sofort zu sehen wünsche.”
Darauf versteckte er sich so lange hinter seinem Sohn, daß ihn der König nicht sehen konnte, der nahe an ihm vorbei kam.  Dieser sagte:
“Du alter trügerischer Verräter, du wirst noch, bevor es abend wird, am Galgen hängen.”
“Ich werde es nicht, wenn Gott so will,” sagte Warakir.
Damit trieb Warakir das Pferd mit seinen großen Schuhen an, und dieses rannte behende davon.  Er ritt durch die Nacht bis an den Morgen.  Der König ritt auch die ganze Nacht, und am Morgen kam er in die Stadt Apryemenis.  Dort fragte er die Bürger, ob sie irgendwo einen alten Mann mit einem Pferd gesehen hätten.  Sie sagten nein, sie hätten keinen gesehen. Warakir ritt so lange, bis er zum Heer von Ludwig, König Karls Sohn, kam.  Zu diesem sagte er:
“Herr, seht dieses Pferd bringe ich Euch, das ich Eurem Vater, König Karl, entführt habe.”  Damit erzählte Warakir dem König Ludwig und seinem Heer, wie es ihm ergangen war.
“Wollt Ihr Euren Vater Karl finden, geht, er ist kaum sieben Meilen entfernt.” 
 
 
 


XLV.  “Warakir,” sagte Ludwig, “ist das wahr, was ihr mir berichtet?”
“Ja, Herr,” antwortete Warakir, bei meiner Treue.  Wenn Ihr Euren Vater fangen wollt, dann könnt Ihr das jetzt tun, er kann Euch nicht entgehen.”
“Wohlan, ihr Herren,” rief Ludwig, “ich würde sehr gerne meinen Vater gefangen setzen, auf daß er meine Mutter wieder aufnimmt.”
Darauf wappnete sich das ganze Heer und ritten dem König entgegen.
“Ewiger Gott,” sagte Ludwig, nun gib meinem Vater die Bereitschaft, daß er meine Mutter wieder akzeptiert.”
Nimo von Bayern bemerkte, daß sich der König [Ludwig] mit seinem ganzen Heer näherte.  Deshalb sagte er:
“Herr König, es steht mit uns schlecht, denn Euer Sohn und das ganze Heer kommen auf uns zu.  Wir sind dem alten Schalk zu weit nachgeeilt.  Ihr wollt den Verrätern folgen und Eure Ehefrau nicht wieder aufnehmen, und wenn uns nun etwas deswegen geschieht, dann geschieht es uns ganz zu recht.  Wie sollen wir uns wehren, da wir keinen Harnisch haben, und nur unser nacktes Schwert.  Wir sind niemals in größere Not geraten.  Wir haben nichts zum Essen in diesem Schloß und können uns auch nicht halten.”
“Nimo,” sagte der König, “der Kaiser haßt mich sehr, es ist ratsam, zu fliehen, als sich schandhaft gefangen nehmen zu lassen.”
Ich sage euch mit voller Wahrheit, es gab niemals einen Franzosen, dessen Leib mehr vor Furcht zitterte, denn sie hatten große Angst vor diesem Heer.
“Herr,” sagte Nimo, ich kenne hier in der Nähe ein Schloß ungefähr sieben Meilen entfernt, das sehr stark ist.  Wenn wir dort oben zusammen sind, werden wir wohl eine Weile sicher sein.”
“Wie heißt es?” fragte der König.
“Herr,” sagte Nimo, “es heißt Hattwil.”
“Nun denn,” antwortete der König, “reiten wir dorthin.”
Aber ehe der König dorthin gelangte, traf sein Sohn Ludwig und das ganze Heer ein und eilten ihm nach.  Sie fingen etwa fünfundzwanzig Ritter, unter denen ein Teil der Verräter war, die geraten hatten, daß man die Königin verjagen sollte.  Einer von ihnen hieß Maucion.


“Ihr Herren,” sagte Ludwig, “sagt mir, wer ihr seid.”
“Herr, wir sind Franzosen und bitten Euch in Gottes Namen, daß Ihr unser Leben verschont, denn wir verpflichten uns Euch.”
Da kam Warakir, sah die zwei Verräter und sagte:
“Herr, ich kenne zwei von ihnen gut.  Es sind zwei schlimme Schalke, denn es sind diejenigen, die zum König sagten, daß man mich aufhängen sollte, denn ich wäre ein Spion.  Sie sind es auch, die gesagt hatten, daß meine Herrin die Königin nicht tugendhaft wäre, denn sie gäbe sich mit anderen Männern ab.  Herr, ich bitte Euch, laßt die Schurken zum Galgen schleifen.”
“Das ist mir nur lieb,” sagte Ludwig.
Darauf schleifte man sie sofort hin und hing sie in Richtung zum Schloß auf, wo der König sich aufhielt.
 
XLVI.  Ludwig lagerte sich in der Nähe vom Schloß.  Als König Karl das sah, sagte er:
“Ach ewiger Gott, wie tut es mir leid, daß ich mit eigenen Augen sehen muß, daß meine Männer aufgehängt wurden.”
 
XLVII.  Ludwig sagte zu den anderen Gefangenen:
“Ihr Herren, ich lasse euch frei.  Reitet wieder zu meinem Vater, König Karl, und grüßt mir herzlich Nimo von Bayern und Otger von Dänemark.  Obwohl ich sie nie gesehen habe, so habe ich doch viel Gutes von ihnen gehört.  Ich möchte gerne den Tag erleben, daß ich sie voll Freuden sehen kann.  Sagt ihnen, ich bäte sie um Gottes Willen, daß sie meinem Vater raten, meine Mutter wieder anzunehmen.”
Die Gefangenen dankten Ludwig sehr und ritten zurück zu König Karl.  Als sie zu ihm kamen, sagten sie:


“Herr König, Euer Sohn König Ludwig läßt Euch freundlich grüßen und bittet Euch um Gottes Willen, daß Ihr seine Mutter wieder annehmt.  Wir haben auch gehört, daß der Papst gesagt hat, daß er Euch, wenn Ihr es verlangt, zu Füßen fallen wolle.  Der alte Begarde hat veranlaßt, daß Maucion und seine Brüder aufgehängt wurden.”
“Ach ewiger Gott,” sagte König Karl, “in welche Schande bringt mich der alte Narr.”
Darauf nahm König Karl Otger und Nimo zur Seite und sagte:
“Ihr Herren, was soll ich nach Eurer Meinung tun?”
“Herr,” sagte Nimo, “wir haben hier nicht für einen Heller zu essen.  Ich rate, daß wir hinausreiten.  Vielleicht gibt uns unser Herrgott einen Rat.”
“Dies ist mir recht,” sagte der König, vielleicht kann ich den alten Narr fangen, den ich lieber [in meiner Gewalt] hätte als mein Königreich.”
Darauf ritten sie heimlich den Berg hinab und ritten so lange, bis sie zum Heer kamen.  Dort zogen sie alle ihr Schwert und riefen:
“Montigoy, König Karl!”
Als die Männer von König Ludwig das hörten, wappneten sie sich sogleich.  Als die Franzosen das bemerkten, zogen sie sich zurück, denn sie waren für sie nicht stark genug.  Als die Franzosen wieder zurück ritten, begegneten ihnen König Ludwig, der Kaiser und Warakir, der auch auf einem Pferd saß.  Er näherte sich Otger von Dänemark und schlug ihm heftig mit einem Stock auf seine Hände.  Als Otger den Schlag verspürte, ergriff er Warakir und zog ihn schnell an seinem Bart den Berg hinauf.  Warakir schrie laut:
     “Helft mir, denn wenn ich dorthin komme, muß ich sterben!”
Ludwig und seine Männer hörten das und rannten heftigst hinterher, aber sie kamen nicht rechtzeitig dorthin.  Otger zog [Warakir] in die Burg.  Als Ludwig sah, daß er Warakir nicht befreien konnte, schrie er jämmerlich auf, denn er fürchtete sehr, daß man Warakir töten würde.  Otger führte Warakir vor König Karl.  Die Franzosen liefen ihm alle nach.  Da stand einer namens Alories, der auch einer der Verräter war.  Er sagte zu König Karl:
“Herr, das ist der alte Schalck, der mit Eurem Pferd wegritt, ich kenne ihn sehr gut.”


[Warakir] biß seine Zähne zusammen, rollte mit seinen Augen und schlug dem Verräter ins Gesicht, so daß er vor dem König niederfiel. [Warakir] sagte:
“Du böser Kerl, ich vernehme recht gut, daß du auch einer derjenigen bist, die es zuwege gebracht haben, daß meine Herrin, die Königin, verjagt wurde.  Dafür wird dich mein Herr, König Ludwig, büßen lassen.  Er wird euch Verräter allesamt aufhängen lassen.”
Als der König das sah, wurde er sehr zornig und befahl sogleich, einen Galgen errichten zu lassen und Warakir daran aufzuhängen.  Er sagte:
“Ich werde nicht einen Wagen voll Geld dafür annehmen, daß ich den alten Narren gehen lasse.”
“Ewiger Gott,” sagte Warakir, “der du am Kreuz gestorben bist, nun erbarme dich meiner.  Ach Ludwig, lieber Herr, möge Jesus Euch die Gnade gewähren, daß Ihr Euch wieder mit Eurem Vater versöhnt!”
Sogleich brachte man eine Leiter und warf Warakir ein Seil um den Hals.              “Du alter Schalck,” sagte Alories, “jetzt kann dir weder Gott noch Mann oder Frau helfen.  Du mußt hängen.”
Bei diesen Worten begann Warakir heiße Tränen zu weinen.
 
XLVIII. Warakir bat Gott von ganzem Herzen, daß er ihm barmherzig sein möge.  Unterdessen kamen Nimo von Bayern und Otger von Dänemark herbei.
“Begarde,” sagte Nimo, “du hast dem König sein Pferd gestohlen, dafür mußt du am Galgen hängen.”
“Lieber Herr,” antwortete Warakir, “seid gnädig mit mir, denn ich habe Frau und Kinder verlassen meiner Herrin, der Königin willen.  Ich ging mit ihr bis in die große Stadt Grymmes, wo sie meinen Herrn, König Ludwig, gebar.”
“Begarde,” sagte Nimo, “bist du derjenige, der, wie ich gehört habe, mit der König wegging?”
“Ja, lieber Herr.  Ich ließ meine Arbeit sogleich wegen der Königin fallen.”


Als Nimo dies hörte, lief er zu ihm und schnitt ihm mit dem Schwert das Seil ab und band ihm seine Augen auf.  Die Neuigkeit, daß Nimo und Otger verhindert hatten, daß Warakir aufgehängt wurde, gelangte sogleich zum König, der allsbald nach Nimo schickte.  Der König sagte:
“Herr Nimo, sagt mir, wie wagt Ihr es, Euch so zu erkühnen, daß Ihr den alten Narren nicht aufgehängt habt?”
Als Nimo darauf antworten wollte, achtete der König nicht auf ihn, denn er rief zwei andere Diener herbei, denen er ganz streng befahl, daß sie auf Warakir aufpassen sollten.
“Er muß doch hängen,” sagte König Karl, egal, ob es jemandem lieb oder leid sein möge.”
König Ludwig saß [inzwischen] beim Kaiser von Konstantinopel und beim Papst.  Aber er konnte nicht essen vor lauter jammern, so sehr bedauerte er Warakir.
“Lieber Sohn,” sagten der Kaiser und der Papst, “quält Euch nicht so sehr.  Gott wird ihn wohl behüten.”
“Liebe Herren,” antwortete Ludwig, “dann würde ich für den Rest meiner Tage froh sein.”
Während sie so redeten, trat der Dieb Grymmener in das Zelt und sah, daß König Ludwig heiße Tränen weinte.  Dies betrübte ihn sehr und er sagte:
“Herr, wer hat Euch etwas getan, sagt mir das!  Vermag ich es, so will ich es rächen.”
“Das will ich dir sagen,” antwortete Ludwig, “mein Vater hat Warakir gefangen und ich fürchte, er wird ihn töten.”
“Herr,” sagte Grymmener, “trauert deswegen nicht, denn ehe es Morgen sein wird, will ich Euch Warakir zurückbringen.”
“Wenn Ihr das tun könntet,” sagte Ludwig, “will ich Euch dafür hoch belohnen.”
“Ja Herr,” sagte Grymmener, “bevor ich aber zurückgekommen sein werde, will ich an die zwanzig getötet haben.”
Als der Papst dies hörte, sagte er:


“Lieber Sohn, tue dies um Gottes Willen nicht, denn es sind viele gute Leute unter ihnen.  Wenn du aber Warakir retten kannst, wäre das genug.”
Als Grymmener den Papst angehört hatte, drehte er sich sogleich um und ging den Berg rauf.  Aber der Wächter auf dem Tor sah ihn gleich und rief:
“Was suchst du hier oben?  Geh sofort zurück, oder ich erschieße dich.”
Als Grymmener dies vernahm, bewerkstelligte er es mit seiner [Zauber]Kunst, daß der Wächter sogleich tief einschlief.  Darauf trat Grymmener weiter auf die Burg zu.  Da begegneten ihm vor dem Tor zehn Bewaffnete, die er ebenfalls zum Einschlafen brachte, und ging dann weiter hinein und schaffte es mit seiner Kunst, alle, die sich in der Burg aufhielten, sogleich einschlafen zu lassen.  Bald kam er in die Kammer von König Karl, wo er diesen, Nimo und Otger schlafend vorfand, und dazu viele andere Leute.  Dort brannten vier Wachskerzen.
“Ach ewiger Gott,” sagte Grymmener, “wo soll ich nun Warakir suchen, denn beim allmächtigen Gott, “wenn ich ihn nicht finde, so will ich die Burg und alles, was darin ist, sogleich verbrennen.”
Damit suchte er weiter überall in der Burg nach Warakir und fand ihn zuletzt an eine Säule gebunden.  Grymmener weckte ihn auf, und dieser sagte:
“Lieber Herr, habt Gnade mit mir!”
Er meinte nämlich, er sei einer, der ihn töten wolle.
“Warakir,” sagte Grymmener, “steht auf, ich will Euch mit Gottes Hilfe retten.”
“Herr,” sagte Warakir, “redet leise, damit die nicht erwachen, die in der Nähe sind, denn wenn sie erwachen, dann töten sie mich und auch Euch.”
“Kommt mit,” sagte Grymmener, wir wollen gehen und uns den König ansehen.”
“Auf meine Treue,” sagte Warakir, ich nehme nicht [ganz] Paris als Besitz, wenn ich ihn dafür ansehen muß.”
 
XLIX. Darauf ging Grymmener [allein] in die Kammer des Königs und hob dessen Decke auf, so daß er ihm direkt in die Augen sah.


“Ewiger Gott,” sagte Grymmener, der König hat ein Gesicht wie ein grimmiger Löwe.  Herr, gewähre mir deine Gnade, daß er seine Ehefrau wieder annimmt.”
Damit rief er Warakir herbei, aber dieser hatte Angst deswegen gehabt, daß er zum König gegangen war.  Grymmener sah das Schwert von König Karl, nahm es und brachte es [später] König Ludwig.  Grymmener und Warakir verließen die Burg und begegneten [bald] dem Kaiser und König Ludwig.  Als König Ludwig Warakir sah, umarmte und küßte er ihn und sagte:
“Gott sei gelobt, lieber Vater, daß ich Euch wieder habe.”
Grymmener trat hervor und sagte:
“Herr, hier bringe ich das Schwert Eures Vaters.”
König Ludwig antwortete:
“Lieber Grymmener, was du mir Gutes getan hast, das will ich dir alles sehr belohnen.”
Im Heer herrschte große Freude, daß sie Warakir wieder hatten.  Die auf der Burg schliefen so lange, bis es Tag wurde.  Als der Wächter erwachte, sah er, daß das Tor offenstand und rief deswegen:
“Auf ihr Herren, das Tor steht offen.  Wir sind verraten.”  Da griff der König nach seinem Schwert, fand es aber nicht.  Er sagte:
“Ihr Herren, wohin ist mein Schwert gekommen?”
“Herr,” sagte Nimo,” das weiß niemand besser als Ihr.”
Bei diesen Worten kamen die Knechte, die auf Warakir aufpassen mußten und sagten:
“Herr, Warakir ist uns entlaufen.”
“Auf meine Treue,” sagte Karl, “dann hat mir der Schalk auch mein Schwert gestohlen.  Wie ist mir geschehen?  Ich habe noch nie so tief geschlafen.  Ihr aber habt bei meiner Treue töricht gehandelt, daß ihr den alten Narren laufen ließt.  Damit rief er Nimo von Bayern und Otger von Dänemark herbei und sagte:
“Hängt mir diese zwei Kerle auf, sie haben Warakir fliehen lassen.”
Sie wurden sofort aufgehängt.  Darauf sagte König Karl:


“Wer ist unter euch, der für mich heimlich nach Paris zu den Männern reiten will, die mir zur Hilfe kommen?”
“Herr,” sagte Otger, “das will ich tun.”
Damit wappnete sich Otger und ritt hinaus.  Da begegneten ihm die Männer des Kaisers und sagten:
“Ritter, Ihr entkommt uns nicht.”
Otger schwieg, zückte sein Schwert und erstach einen von ihnen.  Die anderen rannten ihm alle nach, aber er entkam ihnen und ritt so lange, bis er nach Paris kam.  Dort fand er ein Heer vor, das gerade bereit war und am nächsten Morgen zum König reiten wollte.
 
L. Otger sagte:
“Ich will zur Normandie reiten und dem Herzog sagen, daß auch er dem König zu Hilfe kommen muß.”
Damit ritt er sogleich zur Normandie und sagte dem Herzog, daß der Kaiser und König Ludwig den König [Karl] auf der Burg Hattwil belagerten.  Da antwortete der Herzog:
“Mir tut es leid, daß der König seine Ehefrau verjagt hatt, denn ich habe gehört, ihr sei großes Unrecht geschehen, und sie habe einen schönen Sohn von ihm.  Lieber Otger, will jetzt der König, daß ich ihm zu Hilfe komme gegen seinen eigenen Sohn, oder ist das Euer Rat?  Ich will meine Leute  nicht zusammenrufen, [statt dessen] will ich zu ihm reiten, ihn trösten und ihm helfen.”
“Otger sagte:
“Lieber Herr, dann bitte ich Euch, daß Ihr jedenfalls zum König reitet und ihn bittet, seine Ehefrau wieder aufzunehmen.”
“Wenn ich irgend etwas Gutes dazu leisten könnte,”sagte der Herzog, “würde ich das gerne tun.”
Damit bereitete er sich sogleich und ritt allein zum König.  Die Franzosen schlugen ihr Lager eine Meile von Hattwil entfernt auf.  Als das der König vernahm, freute er sich sehr darüber.
 


LI. König Ludwig bemerkte die Franzosen und zog ihnen sogleich entgegen, um mit ihnen zu kämpfen.  Der Kampf währte bis in die Nacht, bis auf beiden Seiten sowohl Ludwig als auch die Franzosen große Verluste erlitten hatten.  In der Nacht zogen sich beide Seiten wieder in ihr Lager zurück.   Nimo ging zum König, kniete nieder und sprach:
“Edler König, nehmt Eure Ehefrau wieder an, denn so weit das ganze Land ist, so findet man doch keine schönere und tugendhaftere Frau als sie.”
Als der König Nimo anhörte, begann er heftig zu weinen und sagte:
“Ach ich Armer, ich weiß nicht, was ich tun soll.”
Am Morgen als es graute, hielt der Papst die Messe und rief Ludwig, seine Mutter und ihren Vater, den Kaiser zu sich und sprach:
“Ihr Herren, es steht geschrieben, daß Gott die Demut am meisten liebt.  Wenn ihr mir jetzt folgen wollt, dann wollen wir im Heer ausrufen, daß sich alle Männer bis auf ihr Hemd ausziehen sollen.  So wollen wir zum König gehen, und dann müßt er ein wirklich hartes Herz haben, wenn er nicht seine Ehefrau wieder annimmt.  Denn es ist völlig unangemessen, wenn ein Vater gegen seinen Sohn kämpft.”
Für diesen Rat bedankte sich der Kaiser sehr beim Papst und sagte:
“Dies scheint mir ein gutes Vorhaben zu sein.”
Sogleich ließ man es im ganzen Heer ausrufen.  Als sich alle entkleidet hatten, gingen stets zwei nebeinander zum König Karl.  Der Papst und seine Kardinäle schritten voran.
 
LII.  König Karl sah die Menge auf sich zukommen und sagte:
“Welches Volk ist das.  Schaut hin.  Sind sie wahnsinnig?”
“Herr,” sagte Nimo, “es ist Euer Sohn König Ludwig, der zu Euch mit seinen Männern kommen will.  Er möchte Euch um Gnade bitten.  Mit ihm sind der Papst, der Kaiser und Eure Ehefrau.”
Da fielen die zwölf Räte auf ihre Knie und sagten:
“Edler König, nehmt Eure Ehefrau wieder an, denn es gibt keine tugendhaftere Frau als sie.  Ihr ist Gewalt und Unrecht angetan worden, wie Ihr sehr gut von dem Verräter Mayrkar gehört habt.”


Der König besann sich ein wenig, weinte und trat dann zur Königin.  Sie fiel auf ihre Knie nieder und sagte:
“Herr, laßt Euren Zorn gegen mich arme Frau, denn mir ist Gewalt und Unrecht angetan worden.”
Der König hob sie wieder auf und schlug den Mantel um sie, küßte und umarmte sie vielmals.  Darüber freute sich das Volk.  König Karl ging zu seinem Sohn Ludwig, umarmte und küßte ihn ebenfalls.  Ludwig sah neben sich Warakir.  Er sagte über ihn zu seinen Vater:
“Herr,” das ist derjenige, der meine Mutter im Wald fand, an dem Tag, als Ihr sie aus Frankreich verjagt habt.  Er hat sich stets um meine Mutter gekümmert bis auf den heutigen Tag.  Lieber Herr, deshalb bitte ich Euch, daß Ihr ihm verzeiht, was er gegen Euch gemacht hat.”
Der König sagte:
“Das ist möglich.  Er hat wie ein tüchtiger Mann gehandelt.”
Darauf verzieh ihm der König gänzlich, und rief darauf Nimo und Otger zu sich und sagte:
“Ergreift die Verräter, die sich an mir vergangen haben, bindet jeden an einen Pferdeschwanz und schleift sie zum Galgen und hängt sie alle auf.”
Sie sagten:
“Herr, das wird geschehen.”
Damit suchten und fanden sie an die zehn von ihnen, die sie alle gut kannten.  Es waren aber noch mehr, die jedoch sogleich entflohen.  So wurden König Karl und seine Ehefrau miteinander versöhnt und gewannen danach einen Sohn, der Kaiser zu Rom wurde und Lohir hieß.  Danach hatten sie eine Tochter, die eine Gräfin von Pontue wurde.  Dann hatten sie einen Sohn namens Isenbart.  Er war derjenige, der seinen Vetter König Ludwig aus allen christlichen Ländern vertrieb, wie ihr später erfahren werdet.  Damit kommt das Buch ans Ende.  Gott möge alle Not von uns wenden.
Hier schließt das Buch von König Karl von Frankreich und seiner Ehefrau Sibille, die wegen eines Zwergen verjagt wurde.
 



 
FRAGEN ZUM TEXT:
 
— Welches Schicksal erleidet die Protagonistin?  Sind es typische Schicksale?
 
— Wird die Königin anders behandelt als die männlichen Mitglieder des Hofes?
 
— Von wem erhält sie Hilfe?  Warum kommen diese Personen zu ihrer Hilfe?
 
— Wie wird Karl der Große als Persönlichkeit beurteilt?
 
— Welche politische Situation ergibt sich an Karls Hof?
 
— Welche Rolle übt der Zwerg aus?
 
— Welche Bedeutung besitzt Warakir?
 
— Inwieweit, wenn überhaupt, handelt es sich um einen “typischen” Frauenroman? 
 
— Reflektiert Elisabeths Roman eine eigenständige weibliche Ästhetik?  Wäre solch eine Frage grundsätzlich berechtigt?
 
— Was sagt der Roman über die politischen Verhältnisse im Spätmittelalter aus?
 
— Welche ethischen und moralischen Tugenden finden besondere Berücksichtigung?

 
Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen