Sankt Peter und der Blaustrumpf (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Ein Weiblein klopft an's Himmelsthor,
Sankt Peter öffnet, guckt hervor: – "Wer bist denn du?" – "Ein Strumpf, o Herr . . ."
Sie stockt, und milde mahnet er:
"Mein Kind, erkläre dich genauer,
Was für ein Strumpf?" "Vergieb – ein blauer."
Er aber grollt: "Man trifft die Sorte
Nicht häufig hier an unsrer Pforte.
Seid samt und sonders freie Geister,
Der Teufel ist gar oft nicht dreister,
Geh hin! er dürfte von dir wissen,
Der liebe Herrgott kann dich missen."
– "Das glaub ich wohl – doch ich nicht Ihn,
O Heilger, wolle noch verziehn!"
Sie wagt es, sein Gewand zu fassen,
Hat auf die Knie sich sinken lassen:
"Du starker Hort, verstoß mich nicht,
Laß blicken mich in's Angesicht
Des Ewgen, den ich stets gesucht."–
"In welcher Weise, ward gebucht;
Man strebt ihm nach, wie's vorgeschrieben,
Du bist uns fern und fremd geblieben."
Das Weib blickt flehend zu ihm auf:
"Wär' Dir bekannt mein Lebenslauf,
Du wüßtest, daß in sel'gen Stunden
Ich meinen Herrn und Gott gefunden."
Der Pförtner stutzt: "Allwo? – Sprich klar!"
– "Daselbst, wo ich zu Hause war,
(Mein Handwerk brachte das mit sich)
Im Menschenherzen. Wunderlich
War dort der Höchste wohl umgeben;
Oft blieb von Seines Lichtes Weben
Ein glimmend Fünklein übrig nur,
Und führte doch auf Gottes Spur.
Ob er sich nun auf dem Altare
Den Frommen reicher offenbare –
Das zu entscheiden ist Dein Amt.
Bin ich erlöst? bin ich verdammt?"

(Ein Schildern des Vergangenen glich' aufs Haar 
Der neuen That, hieß' selber mich entehren), 
Deshalb gibt's eins nur: hier sind Waffen, wähle!" 
Sie stellte auf den Tisch ein Kästchen hin 
Und öffnete den Deckel. – –

Lange standen Die beiden Menschen stumm. Er sah sie an, 
Sie hielt das glänzend große Aug' gerichtet 
Fest auf die Waffen.   Plötzlich brach er aus   In lautes Lachen. Da durchglühte feurig 
Ein tiefes Rot die farbenlosen Wangen 
Der jungen Frau. Wie, wenn die ganze Antwort 
Dies Lachen wär'? Sie hätte schreien mögen  

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main