Sag mir ein Wort (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Sag mir ein Wort, und ich stampfe dir
aus dem Zement eine Blume heraus, 
denn ich bin mächtig geworden vor Schwäche
und vom sinnlosen Warten,
magneten in allen Sinnen.
Sicher wirst du erscheinen müssen! 
Über dem Bahnhof zittert die Luft,
und die Taubenschwärme erwarten 
den Einbruch der großen Freude. 
Das Licht hat sich sanft auf die Schienen gelegt,
weg von den Haaren der Mädchen 
und aus den Augen der Männer. 
Ich habe aufgehört zu weinen,
aufgehört auch, auf das Wunder zu warten,
denn eines ereignet sich immerwährend 
im Wachstum meiner Schwäche, 
die da steigt und steigt hoch über die Tauben hinauf 
und hinunter in schwarze Brunnen,
wo auch tagsüber noch sichtbar sind 
die verheimlichten Sterne.
Dort unten wechselt nicht Tag und Nacht,
dort unten begehrst du noch ununterbrochen
die sanfte Blume meines Willens.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main