Ruh-beglückte Einsamkeit (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Ruh-beglückte Einsamkeit /
Paradieß der Lebens-Zeit
laß dich von der Daphne grüssen!
Und du schöner Silber-Fluß /
Schenck mir deinen Honig-Guß /
Meine Sorgen zu versüssen!
Zürne nicht / du sanffter Klee!
Wann ich auf und nieder geh'.

Dieser Bäume Schatten-Zelt
Tausend Anmuth in sich hält.
Wer solt unter jenen Linden
Wo der Unschuld Purpur thront
Und des Friedens Scepter wohnt /
Nicht der Sinnen Labsal finden?
Was das Hertz vergnügen kan /
Lächelt hier die Augen an.

Ich erwehle deinen Krantz
Für des Hofes Hoheit-Glantz /
Wo das falsche Wort-Ersinnen
Auf geschminckte List bedacht /
Bis der Geist zum Knecht gemacht:
Hohe Stürtz in hohen Zinnen
Haben vieler Wunsch gefällt
Und verdeckte Netz gestellt.

Leichter ist es hier allein
Der Begierden Herr zu seyn;
Als regieren jene Dächer
Die der Pracht selbst aufgebaut /
Wo die Kunst den Meister schaut
An dem Zierrath der Gemächer:
Da der Armen Thränen-Guß
Allen Kosten zahlen muß.
 
Deiner Kräuter Balsam-Beth
Wird ja noch ein kleine Stätt
Künfftig meiner Hüten weisen
Da nach wilder Wellen-Bahn
Meiner Sehnsucht schwacher Kahn
Kan der Schickung Ufer preisen:
Wo die Falschheit / Neid und List
Nicht des Lebens Band zufrisst.

Holde Gegend gönne mir
Daß ich öffter komm zu dir /
Und erlaube meiner Heerde /
Daß sie deine Matten schau /
Und von dieser Blumen-Au'
Ihre Zung durchzuckert werde:
Speiß in deinem Bunten-Saal
Morgen sie das erste mal.

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main