Novellen, Theil 1: Stillleben

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Ein Stillleben

Nicht weit von Breslau, in der Mitte bunter und reicher Berge, zwischen denen durch die üppigen Thäler laufen und ein Fluß sich Bahn gebrochen hat, liegt auf einsamer Höhe, gleich einem Kronjuwel, ein weitläufiges Schloß, dessen Hintergrund das blaue Riesengebirge und dessen Vordergrund kleine Hügelrücken mit schönen Wiesen bilden. Das Schloß, von grauen Quadern gebaut, beherrscht die wunderlichen Formationen. Es hat etwas melancholisch-Abgeschiedenes, für das die wechselnde Landschaft und die Aussicht ins Gebirg Ersatz bieten müssen. Gern wird der Reisende, der vorüberfährt, an der kleinen Kapelle seitwärts rasten, gern auch den Bach betrachten, der in dem parkähnlichen Garten zwischen Erlen behend und

228 silberklar dahinschlüpft. Hier ist die Scenerie äußerst malerisch. Einen Moment der Verklärung hat jede Landschaft. Da wogt es reich, groß und bunt durcheinander und dann kommt der tiefathmende Friede, die wonneverbreitende Ruhe. Das Verlangen schweigt; der Kampf um das Leben hat augenblicklich sein Ende erreicht. Am Wasser, dem Gebirg gegenüber, unter dem freien lichten Himmel, weht eine reine bezaubernde Luft voll Arom und es zieht eine gewisse sinnige Weisheit in die Landschaft, die wie ein geheimnißvoller Gedanke als Abendstern auftaucht.

Je tiefer heute die Sonne sank, desto weiter und größer schien das Schloß. Die Flügelthüren des Mitteleingangs waren geöffnet. Oben auf dem Balkon fegte ein Mädchen im engen Spenzer und weißer Schürze. Unten auf der steinern Bank saß der Haushofmeister mit rauchender Pfeife und einem schwarzen Käppchen.

Siehst du nichts, Dora? fragte er, zum Mädchen gewandt.

Diese blickte vom Balkon auf die tief unten

229 hinlaufende Heerstraße und sagte nach einer Pause: Herr Lambrecht, ich sehe einen Wagen.

Das werden Fremde sein, murmelte Lambrecht, der gewohnt war, das Schloß oft mehr als ein mal am Tage neugierigen Reisenden zu zeigen, klopfte seine Pfeife an der Ecke der Bank aus, steckte sie ein und machte sich empfangfertig. Indem hörte man den Hufschlag der nahenden Pferde und eine Augenblick darauf rollte eine zurückgeschlagene Chaise in den Schloßhof. Der Postillon führte die Pferde vom Sattel. Auf dem Bocke war mäßiges Gepäck geschnallt; ein Herr, ohne Dienerschaft, saß im Wagen. Er hatte eine vornehme Haltung, sein ausgebildete Züge, schwarzes, glänzendes Haar und eine blasse, fast kranke Gesichtsfarbe. Wie die Equipage stille hielt und Lambrecht mit der Mütze in der Hand den Wagenschlag aufmachte, sagte der Fremde freundlich, aber kurz: Der Graf Oran hat mir einen Brief für den Haushofmeister gegeben, da ich hier vorläufig bis zur Ankunft des Grafen wohnen werde.

Der Haushofmeister bin ich, halten zu Gnaden,

230 entgegnete Lambrecht, der die Hand nach dem Briefe ausstreckte.

Der Fremde achtete nicht darauf, war as dem Wagen aufs Portal gesprungen und trat eiligst ins Schloß.

Wollen Sie mir ein Zimmer anweisen? sagte er hastig.

Steh zu Befehl, entgegnete Lambrecht, dem es auf den Lippen brannte, nach dem angekündigten Brief zu fragen. Doch besann er sich, stieg die hohe, innere Treppe hinan, die mit Marmor bekleidet war und über der eine Reihe kleiner Bogenfenster hinlief, schloß im ersten Stock eine Seitenthüre auf und führte den Gast durch die lange Reihe Gemächer in ein kleines, sehr reizendes Zimmer, das die weiteste Aussicht in die Ferne bot. Das Glänzende war hier mit dem Lieblichen verschmolzen. Breite Sophas standen an den Wänden. Ein weicher, schöner Teppich bedeckte den Parkettboden. Am Fenster war ein Schreibtisch gestellt und davor stand ein Lehnstuhl.

Ach! hier wird es sich anmuthig wohnen lassen,

231 bemerkte der Fremde, der anfing, es sich bequem zu machen, seinen dicken Flausrock ablegte und sich nach seinen Sachen umsah. Als diese nicht gebracht wurden und Lambrecht zögernd an der Thüre stehen blieb, blickte der Fremde zerstreut auf und fragte fast gedankenlos: Ward ich erwartet?

Das Schloß ist jederzeit zum Empfang bereit, indeß sprachen der gnädige Herr von einem Brief . . . erwiderte Lambrecht.

Ach so, der Brief, lächelte der Fremde, suchte nach der Brieftasche, holte ein Blatt heraus, gab es dem Haushofmeister und sagte: Hier ist meine Legitimation.

O bitte, bitte recht sehr, murmelte Lambrecht innerlich beruhigt, endlich das Papier zu haben, denn ihm war im Angesicht dieses Fremden ganz unheimlich zu Muthe geworden. Im Vorzimmer schon riß er das Schreiben des Grafen auf: Ich habe Herrn Müller das Schloß bis zu meiner Ankunt zur Verfügung gestellt und wünsche, daß er daselbst bestmöglichst gut aufgenommen werde, hieß es in den flüchtigen Zeilen. Die Unterschrift:

232 Konrad von Oran war so unleserlich als das Ganze geschrieben.

Der Haushofmeister kratzte sich hinter die Ohren. Also ist es ein simpler Herr, kein gnädiger, dachte er schmollend, indem er das Gepäck mit Verachtung die schöne Marmortreppe herauftragen sah. Dann kamen ihm Zweifel, ob der Brief echt sei, dann die Betrachtung: Einem Bürgerlichen wird der Herr doch wol nicht sein ganzes Schloß zur Verfügung stellen? Endlich war er in seiner Weisheit so weit vorgerückt, daß er den Fremden für einen Betrüger, sich selbst für sehr klug hielt und spornstreichs einen Expressen nach Breslau an den Grafen Oran mit der Anfrage abschickte, ob der Brief an ihn wirklich von ihm geschrieben und der Herr Müller identisch mit dem Reisenden, dessen Signalement er beifügte, sei?

Der Graf Oran lachte laut auf, als die wunderliche Botschaft zu ihm drang. Da sehe man die Race der Haushofmeister, sagte er seiner Frau, die neben ihm am eleganten Frühstückstisch saß.

233 Zweifelt der Lambrecht, daß ich einen Bürgerlichen zum Freund haben könnte!

Hast du doch eine Bürgerliche geheirathet, erwiderte die Gräfin nicht ohne sichtbare Beklemmung.

Still, still, rief Oran mit einem feurigen Kuß, daß du mir das Geheimniß gegen Niemard verräthst. Du bist von französischer Abkunft, bist eine Baronin, bist, ich weiß nicht was, aber wahr und wahrhaftig mein treues, heißgeliebtes Weib.

Sie strich ihm bedenklich die weichen blonden Haare von der Stirn, legte die Hand auf sein Haupt und entgegnete weich: Laß uns den Punkt nicht wieder berühren. Geh, schreib Lambrecht, er solle deinen Freund gut besorgen, bis -- wir selbst kommen. Sie stand auf, lehnte die Stirne an die Fensterscheiben und schien es nicht zu bemerken, daß Oran an ihren Tisch getreten war und geschrieben hatte.

Ich bin fertig, sagte er nach zwei Minuten. Der Brief ist geschrieben.

Schon? antwortete die Gräfin, blickte auf den

234 Brief, nahm ihn einen Augenblick aus der Hand ihres Mannes, wollte sprechen, schwieg und gab ihm das Blatt zurück.

Du bist wunderlich, bemerkte er lächelnd.

Mir ist nicht wohl, entgegnete sie freundlich, setzte ihren kleinen Strohhut auf die üppig rieselnden Locken, wickelte sich in ihren Shawl und schlug einen Spaziergang vor.

Indeß sie gingen, sprengte der Expresse nach dem Schlosse zurück. Hier die Antwort von dem Grafen, rief der Reitknecht dem horchenden Lambrecht zu. Dieser las eiligst den Brief. Herr Müller ist mein bester Freund, schrieb der Graf. Sorgen Sie für ihn wie für mich selbst.

Es hat also doch seine Richtigkeit mit ihm, murmelte Lambrecht. Wir sind in einer kuriosen Zeit. Der Vater des jungen Grafen hätte sich eher das Leben genommen als einen Herrn Müller seinen Freund zu nennen. Der wußte noch, was er dem Adel schuldig war. Aber freilich, seit der französischen Revolution . . . .

Müller trat eben aus dem Schlosse heraus.

235 Er hatte vortrefflich geschlafen; die Sonne strahlte ihm warm ins Gesicht; er rief ganz elektrisirt von der Schönheit der Landschaft, die sich vor ihm ausbreitete: Guten Morgen, Herr Lambrecht! Sie leben hier in einem wahren Paradiese. Sagen Sie mir, wo geht man in den Blumengarten, wo hinunter auf Fußwegen ins Thal? Ich will mir Alles ansehen und dann arbeiten. Orientiren Sie mich . . . .

Er that ein paar Schritte vorwärts und Lambrecht folgte, indem er mit der Hand links auf den Garten und rechts nach dem grünenden Abhang zeigte. Danke, danke schön, entgegnete Müller, rückte das Studentenkäppchen auf das Ohr, knöpfte sich den schwarzen Sammtrock zu and eilte von dannen.

Müller war drei Jahre von Deutschland fortgeblieben, hatte sich den Naturstudien gewidmet, weite Reisen nach Afrika und Amerika gemacht und war mit reicher Ausbeute zurück in die Heimat gekommen. Vor fünf Jahren hatte er Oran auf einer Fußreise getroffen und mit ihm Botanik

236 getrieben. Seitdem waren sie hier und da in Correspondenz geblieben. Ein Brief, den er nach seiner Reise poste restante in Dresden fand, meldete ihm Oran's Heirath, der ihm zugleich das Schloß bei Breslau zum Aufenthalt bis zu einer Anstellung anbot. Müller nahm dies Anerbieten dankbar an. Er hatte sich verpflichtet, mehre wissenschaftliche Werke im Druck erscheinen zu lassen, bedurfte Sammlung und Einsamkeit und hielt es für einen Wink des Schicksals, daß Oran seiner freundlich gedacht und ihm seit anderthalb Jahren zum ersten male geschrieben hatte. Von Dresden nach dem Schlosse war er theils zu Fuße, theils zu Wagen gelangt. Die drei Jahre mühevoller Reisen in entfernten Ländern lagen wie ein Traum hinter ihm. Er hatte so ernstliche Studien getrieben, hatte so verschiedenartig wissenschaftliches Material eingesammelt, daß er hoffte, es nun zu einem allgemeinen Zweck verschmelzen zu können. Er war in sich verschlossen, verlangte viel von sich, war ungebeugt und strebend. Nichts bildet den Verstand mehr aus als Reisen. Man ist auf

237 sich und seine Kraft gewiesen; der Blick wird fragend, der Sinn bleibt offen.

Müller hatte, was den ausgezeichneten Menschen eigen ist, eine beseelte Physiognomie, einen anmuthigen Verstand und eine beherrschende Beredtsamkeit; er besaß auch die Eigenschaft, mehr in der Tiefe als in der Breite zu leben und fühlte sich wunderbar leicht, als er aus den deutschen und französischen Klatschereien fort in die afrikanischen Palmenwälder versetzt wurde. Eine neue Welt lag vor ihm. Er hatte in sich die Fähigkeit, sie aufzufassen und zu benutzen. Er dachte: Die Naturkunde ist der Schatz, in dem die guten Menschen graben sollen. Wen die da nicht edel macht, der ist schlecht von Haus aus -- und in dem Gefühl war er mächtig ergriffen. Er las fleißig Geschichte; er studirte die Wilden in ihrer Eigenthümlichkeit. Der bunte, farben- und bilderreiche Verkehr in der Gesellschaft hatte ihn müde gemacht; hier, in der Wüste, förderte er die Wissenschaft, legte Hand an sie, arbeitete an einem gemeinsamen Verständniß und dachte mit Wonne, wie viele neue Pflanzen

238 und Thiere er mit in die Heimat bringen würde. Zum Ueberfluß gab es in der Wüste keine gesellschaftlichen Verpflichtungen, keine zeittödtenden, künstlichen Genüsse, wobei er erst recht eigentlich die Ueberzeugung bekam, das Beste gewählt zu haben. Aber es hatte ihm viel gekostet. Diese, seine selbst gewählte Carrière, war nicht ohne große Opfer eingeschlagen worden. Eine Geliebte hatte er aufgeben, eine Mutter verlassen müssen, ja er hatte eine politische, wohl vorbereitete Carrière seiner Lieblingsstudien wegen nicht angetreten.

Die wilden großartigen Naturschönheiten, das Eindringen in die unentweihten Wunder ergriffen seine poetische Seele dermaßen, daß eine Zeit lang jede Wunde verharrschte und er nur an das Resultat seiner Reise dachte. Jetzt aber wieder auf deutschem Boden, wachten die Erinnerungen wie Geister auf. Seine Mutter war ihm gestorben. Seine Geliebte war verschollen. So viele Mühe er sich von Dresden aus gegeben hatte, ihren Aufenthalt zu erforschen, so war es doch fruchtlos geblieben. Es war ihm, als lege sich bei diesem

239 Verschwinden eine eiskalte Hand aufs Herz, augenblicklich war er wie zerschmettert. War er doch mit dem Gedanken an ein strahlendes Wiedersehen nach Deutschland gekommen! Statt dessen fand er Zerstörung, Schutt und Asche. Das mußte verschmerzt werden. So war es ihm lieb, aus dem Strudel von Schreck und Verwüstung in das stille, von Oran ihm angewiesene Schloß zu flüchten. Er wollte sich an der Arbeit, an den Früchten seiner Reise stärken, wollte wieder Herr seiner selbst werden. Die Erinnerungen an Sonst hatten ihn zu lebhaft ergriffen. Durfte er ihnen nachhängen? Mußte er nicht seinen Zweck unverändert verfolgen? Was sollte er mit den Bildern der Vergangenheit? Was mit einer Sensitivenseele in der Welt anfangen? Nein, er wollte hier auf dem Schlosse fleißig sein, ausruhen, Oran und dessen Frau erwarten und dann sich um die Vacanz einer Professur umsehen. Er dachte das als er in den Blumengarten trat und sich auf eine zierliche Drahtbank im Angesicht der lieblichen Blüten setzte, welche die kalte schwarze Erde mit Frühlingsfarben

240 umwoben hatten. Wunderbar ergriff ihn ein Beet Veilchen, das, sorgsam gepflegt, sich links zum Hügel aufwand. Veilchen waren die Lieblingsblumen seiner verlorenen Geliebten; nach Veilchen hatte ihr Zimmer, wenn er als Student bei ihr eintrat, geduftet, Veilchen hatte sie ihm am Tage des Abschieds ins Knopfloch gesteckt. Die ernste, unscheinbare Blume brachte ihm eine Masse schmerzlicher Erinnerungen; die Vergangenheit übte nochmals ihr dringendes Recht. In diesem Nebel werde ich nun durchs Leben gehen, seufzte Müller wehmüthig, stand auf und durchlief die wohlgeharkten Wege. Ueberall wehte ihm ein zarter, ordender Geist entgegen; er bückte sich, einen Strauß Maiblumen zu pflücken, und die Hand, die er ausstreckte, hatte Lust zu zittern. Was habe ich denn? rief er unwillig, sich seitwärts wendend. Da traf er auf Lambrecht, der ein Kaninchen fütterte. Wer hat die Gartenanlagen hier gemacht? fragte er ihn hastig.

Unsere Frau Gräfin, entgegnete Lambrecht sich aufrichtend. Die Anlagen hier sind nichts gegen

241 die Einrichtung im Schloß. So lange der junge Graf unverheirathet war, ging Alles in Staub und Schutt auf. Seitdem er sich verheirathet hat, sind wir und das Schloß wie umgewandelt. Die Gräfin ist ein Engel.

Woher ist sie denn? fragte Müller gespannt.

Aus Frankreich, glaube ich, entgegnete Lambrecht geschwätzig. Wenigstens hat der Graf sie da geheirathet. Sie ist eine geborene Baronin, bildschön und gut, mit Jedermann freundlich . . . .

Ich will doch das Schloß sehen, sagte Müller und kehrte aus dem Garten um. Innerlich dachte er: Ich will Oran's und seiner Gattin Leben aus ihrer Umgebung herauszufinden suchen, einen Anknüpfungspunkt für meine Phantasie finden, mich vorbereiten auf die Ankunft und das Zusammensein.

Eine Eichenallee führte ins Schloß zurück. Es war Ende April. Die Gebüsche grünten. Müller schritt rasch vorwärts und Lambrecht schob keuchend hinterdrein. Die Vögel sangen. Der Waldbach rauschte. Die großen Gewächshäuser waren

242 von der Sonne gar lieblich beschienen. Dora stand auf dem Balkon und fegte. Lambrecht winkte ihr und alsbald trat sie ihm mit den Schlüsseln entgegen.

Die Zimmer des alten Grafen sind noch so, wie sie damals, als er sie bewohnte, waren, bemerkte Lambrecht, der aufschloß und eine Reihe kalter, öder Gemächer im Erdgeschoß zeigte, die in einer prächtigen Bibliothek endeten. Doch war hier nichts Freudiges, Belebtes zu suchen, deswegen wandte sich Müller ab und fragte nach den neueingerichteten Gemächern. Die sind im ersten Stock, antwortete Lambrecht, den es ärgerte, daß sein Gast nicht mehr Respect vor den Fauteuils des alten Grafen zeigte. Dieser ließ sich jedoch nicht irre machen. Mit zwei Schritten hatte er das weitläufige Billardzimmer hinter sich und war die Treppe hinaufgeeilt. Die traurige Oede unten hatte ihm das Herz beklemmt; oben, in den Wohnzimmern seines Freundes hoffte er auf fröhlichern Eindruck. Als Lambrecht auffschloß, that Müller einen freudigen Athemzug. Vier ineinandergehende

243 Gemächer lagen vor ihm. Das eine war mit grünem Damast tapezirt und bildete die Ecke des Schlosses. Hier war ein einziges Fenster aus einer Scheibe mit einem kleinen Sopha davor und einem Tisch mit Büchern und Albums. Seitwärts stand ein Flügel. Das war das Cabinet der Gräfin, die sich dies Eckzimmer der Aussicht wegen gewählt und eingerichtet hatte. Auf den Büchern war die verschlungene Chiffer J.O.

Wie heißt die Gräfin? fragte Müller, indem er den Blick auf die Aussicht wandte und dem herzstärkenden Brausen des unten in die Tiefe sich stürzenden Wasserfalls zuhorchte.

Sie heißt Jenny, entgegnete Lambrecht. Hier nebenan ist der Empfangssalon und durch diese Thür geht man ins Schlafzimmer.

Jenny? . . . wiederholte Müller träumerisch, indem er in das Schlafzimmer trat und sich langsam umsah. Es war von einfachem Zitz in Form eines Zeltes drapirt, mit bauschigen Portièren , einer Pompadourtoilette , einem breiten Fauteuil zu den Füßen des Bettes und zu den Häupten ein

244 Betschemel mit einem kunstvoll gearbeiteten Kruzifix darüber. Auf dem Stuhl lag ein Gebetbuch. Müller nahm es beklemmt in die Hand. Als er es aufschlug, fielen ihm getrocknete Veilchen entgegen. Kann ich denn nirgend diese Erinnerung beseitigen, seufzte er und trat in das Arbeitscabinet und von da in den Empfangssalon. Dieser war mit lilla Seide ausgeschlagen und hatte schöne Boulemeubels und Vasen von chinesischem Porzellan. Alles ist still und doch voll Leben, dachte Müller, der über die blumigen Teppiche in die Zimmer des Grafen trat. Es überfiel ihn eine nie geahnte Traurigkeit; er mußte sich sein eigenes Leid, seine eigene Einsamkeit denken, mußte an die denken, die er geliebt und verloren hatte. Das Herz war ihm voll Sehnsucht. Indem stand er vor einer verschlossenen Thüre und Lambrecht sagte: In das Zimmer kommt kein Fremder. Das hat der Herr Graf streng verboten. Nur, wenn er selbst anlangt, schließe ich es zum Reinigen auf. Es ist das Arbeitszimmer, und gräfliche Gnaden haben darin viele ihm werthe Papiere und Bücher

245 unverschlossen gelassen. Das kann ich Ihnen nicht zeigen.

Ich will es auch nicht sehen, entgegnete Müller und setzte sich ohne Umstände an ein Fenster. Ein Gewitter hatte sich im Gebirge aufgethürmt. Der Donner rollte langsam über die Höhen. Müller sah in die Ferne. Es war ihm wunderlich zu Sinne; er suchte nach etwas, wie nach verlorenen Träumen und fand nichts. Die Natur hatte einen grauen Anflug, die Bergkette, die sich vor seinen Blicken hinzog, erschien zuweilen in gewaltigen Lichtmassen und dann lösten diese sich wieder auf hinter fliegenden Nebelflören. Eine Stunde mochte er so gesessen haben, da kam Lambrecht und forderte ihn auf zum Frühstück zu kommen. Es war für Müller im Garten bereitet worden. Als er es rasch genommen hatte, ging er, da das Thal wieder im hellen Sonnenschein lag, den Fußweg entlang, kam eine sanfte Höhe hinauf und dann in einen Tannenwald. Alles war still geworden. Nur hier und da rauschte es bisweilen in den Zweigen, wie wenn Vögel von einem Ast zum

246 andern hüpfen oder mit dem Schnabel sich die Federn putzen. Plötzlich tönten Glocken zu ihm auf. Er besann sich, daß esSonntag war. Die Kirche lag an den Berg gelehnt. Ein paar Schritte weiter und Müller hatte sie vor sich. Die Kirchgänger, Frauen, Mädchen und Männer in blauen und rothen Röcken zogen mit dem Gesangbuch und dem weißen Schnupftuch sinnend vorüber, stiegen die schmalen Pfade zwischen Felsen herauf oder kamen herab von noch steilerer Höhe. Auf dem kleinen Kirchhof versammelten sie sich. Dann traten sie in das Gotteshaus. Als nun die Menschenstimmen in hellem Klange sich begegneten, war es Müller, als müsse seine Mutter hinter einem Baume hervortreten und ihn freundlich grüßen; er hatte ein Gefühl des Somnambulismus, das ihn eine große harmonie in der Natur wahrnehmen ließ, den Gesteinen, Metallen und Pflanzen eine Seele verlieh und ihn endlich in ein rein idealisches Reich trug, wo er sich behaglich und ruhig befand. Gegen Abend ging er vergnügt in sein Zimmer. Was er in diesem und den kommenden

247 Tagen gedacht und erlebt hat, zeichnete er nach alter Sitte in sein Tagebuch ein.

Sonntag Abend.

Ich habe mir ein Plätzchen am Fenster zurecht gemacht. Das Stück Ruhe um mich ist mir sehr kostbar. Möchte sie lange andauern. Ich kann mich hier ausbreiten, meine Studien wieder vornehmen. Oran meinte es gut mit mir, als er mir sein Schloß anbot. In der Gesellschaft verschleudert man unnütz sein Leben; in der Einsamkeit kann man sich ein Ziel stecken. Immer steigen, streben, die Wissenschaft durchstöbern, ergreifen was der Anblick bietet, das Unwahre wegwerfen, entbehren, selbst wenn Silberadern am Wege hinlaufen, das ist die Aufgabe seit Jahren. Dabei habe ich freilich Manches eingebüßt.

Warum treibt es mich mit Gewalt zu wissen, wo der Traum meiner Jugend hingerathen ist? Die liebe Gestalt schwebt mir vor Augen, hier besonders in diesem Schloß, wo weibliches Walten vorherrschend ist. Aber wozu hilft's? Ich konnte sie nicht heirathen. Ich mußte wählen zwischen

248 der Wissenschaft und ihr. Entweder, ein hausbackenes Schulmeisterleben oder die weite freie Welt . . . Ich habe lange in mir gewühlt, lange gefragt: Darf ich? Ich habe oft in heißen Thränen gelegen, bis die Ueberzeugung mich kalt und stark gemacht hat. Noch sehe ich das liebliche Mädchen, wie es weinend von mir Abschied nahm, mir Veilchen ins Knopfloch steckte, mich zu reisen beschwor. Was sollst du hier? sagte sie. Was bin ich dir? Du mußt hinaus, mußt wirken. Wir dürfen uns nicht gehören. Es wäre thöricht von dir. Sündig von mir. Ziehe in die Weite . . . Und wie sie so sprach, sauste der Wind bald ferner, bald näher und der verhüllte Mond warf augenblicklich ein traumartiges Licht in die Stube. Die Uhr auf dem Kamin pickte. Die Mutter saß am Spinnrad. Ich traf ans Fenster. Die Welt war mir helle im Entschluß gewesen. Jetzt schwankte ich wieder. Geh, bat mich das heldenmüthige Mädchen. Brich mir nicht das Herz durch einen lang ausgesponnenen Abschied. Ich war heftig bewegt, aber ich ging. Das Haus lag am Ende einer

249 schmalen Gasse. Als ich aus der Hausthüre trat, mußte ich nochmals zurück ins Fenster blicken. Die Mutter spann weiter. Das holde entsagende Mädchen hatte sich an den Tisch gesetzt. Das schwarze Gesangbuch lag vor ihr. Ihre Züge hatten den Ausdruck tiefsten Weh's neben stiller Ruhe. Sie kam mir so verlassen, so einsam vor, daß ich zurück zu ihr wollte, da hob sie den Blick gen Himmel, stand auf, kniete neben der Mutter nieder . . . .

Montag.

Ich war heute im Gebirg. Ich hämmerte an dem grauen Gestein; ich suchte zwischen den Felsen nach Pflanzen. Es war mir wie in der Bibel, wo es heißt: Gott sprach zu ihm. So weltfrei wie hier muß ich sein, um mit Lust einen begeisterten Blick in die Forschung zu werfen. Daß es dem Menschen gelang, positiv auszusprechen; In dem Stein muß Metall, in diesem Krystallisation sein, das ist doch groß, das kräftigt, ermuthigt. Es erquickte mich, als ich heute eine Pflanze fand, die ich vergebens bis jetzt gesucht hatte. Den botanischen Namen wußte ich genau, aber die lebendige

250 Anschauung fehlte mir. Hier in dieser starren, fast trockenen Gebirgsgegend stand sie einsam am Bach; sie war verkümmert, doch habe ich sie begrüßt, wie wenn sie vollkommen schön wäre. Jede Pflanze hat ihre Geschichte voll Selbstverleugnung und Aufopferung. In jeder ist die Sorge für das kommende Geschlecht; in jeder webt auch die Liebe, die Blüte, Frucht und Samen treibt. Dazu gehört gar kein Scharfsinn, keine klügelnde Auffassung, dazu dient nur das Auge, das die Wege der Natur einfach verfolgt. Als ich heimkam, hatte Lambrecht mir eine blühende Narzisse ins Zimmer gestellt. Wohlgerüche, besonders wenn sie von Blumen kommen, haben etwas Bezauberndes für mich. Ich mußte an den Orient, an einen Ritt von Konstantinopel nach den belgradschen Wasserleitungen denken, wo der Jasminduft am Wege fast benebelnd wirkte; ich mußte auch denken, daß die Blume, so lange sie unerschlossen ist, nicht duftet und die geheimnißvolle Bekleidung sie den Einwirkungen des Lichts entzieht. Hat sie sich einmal geöffnet, dann bilden die Blumenblätter

251 gleichsam einen Heiligenschein um das bedeutungsvoll junge Leben. Dieses Aufschließen des duftenden Kelches, dieses Blühen und Verwelken, was sind sie anders als Symbole Eines Geistes, inhaltsvolle Winke der Natur? Die vollendete Blume zerfällt in Staub. Die Hoffnungen des Herzens gleichen der Blüte. Sie verbleichen wie diese. Dennoch dürfen wir nicht klagen, wenn dies reiche Dasein voll Farbe und Duft vor uns und mit uns vergeht. Die Vernichtung einer Pflanze können wir denken, nicht die unsere. Ach, daß der Mensch so selten weiß, wie er in seiner unsichtbaren Welt ewige Frühlinge aus vergangenen Hoffnungen hervorrufen könnte! Das Leben bewahrt große Gedanken. Ist mir das Herz, dem ich in heißer Sehnsucht entgegenflog, gestorben, so ist es doch schön zu glauben, daß die Erinnerung wie ein Samenkorn im Gemüthe ruht und der Sonne der Ewigkeit zur Entfaltung entgegenstrebt. Vielleicht ist es vermessen, zu denken, im Menschen allein sei Gefühl und Verständniß, in der Natur sei nur stumme Hinweisung, aber wie könnte er anders

252 glauben? Wie er auf Erden, in diesem Tempel Gottes wandelt, wie er betrachtend, staunend, forschend in dieser Welt dasteht – immer wird er Andacht, Verklärung und Erhebung austheilen. Auch ist die Natur dankbar, denn je länger man mit ihr umgeht, desto mehr Friede haucht sie in das Gemüth. In ihren Armen fühlen wir die ewige Bestimmung; sie tröstet uns, sie reicht dem Leidenden die Heilpflanze, dem Helden das Lorbeerblatt, dem Liebenden die Rose.

Schon beginnt die Dämmerung. Ein Schmetterling hängt sich schlaftrunken an die Narzisse. Das Heimchen fängt an zu zirpen. Bald werden die Sterne in ewiger Ordnung hervortreten . . . Wohin ich blickte, sehe ich Ruhe. Mir ist, als vernähme ich die leisen Ahnungen, Wünsche und Seufzer, die sich verschlingen, ergänzen und auflösen in das Lied der Liebe. Ach! Warum dauern diese Entzückungen nur Sekunden? Warum drängt der Verstand die Gefühle zurück und zwingt mich zur Prüfung? Warum muß ich eingestehen, daß ich wahre Größe, unerschütterliche Treue nicht gefunden

253 habe? Dies Vorherrschen des Egoismus, dies Rennen nach Ehrgeiz, diese gepriesene Glanzsucht beengen mich. Als wenn es nicht nöthig wäre, die Vorgänge des Lebens würdig aufzufassen, weder zu hart im Haß, noch zu weich in der Liebe zu werden, gerecht und gut, freudig in der Idee, kräftig im Helfen zu sein! Möchte doch Jeder dem ihm angewiesenen Kreise genügen, das Dasein in Einklang mit dem Wollen und Thun bringen, die Zufälligkeiten würdigen, das eigene Verdienst nicht überschätzen!

Dienstag.

Wer möchte behaupten, die Wissenschaft offenbare sich nicht durch ernste Arbeit? Das Fach, dem wir uns weihen, muß uns zum Eigenthum werden; es muß in unser Blut übergegangen sein, ihm müssen wir ausschließlich unsere Kräfte weihen, um uns vor Oberflächlichkeit zu hüten. Das sage ich mir heute, wo ich nach drei Jahre langer Entbehrung zu einem Resultat in der Wissenschaft kommen muß, wo die Folianten sich um mich häufen und ich mit der Lerche in die Luft, mit der

254 Wolke zu der Sonne, mit der Sehnsucht zu der Liebe ziehen möchte. Wenn du in mir bist, schützende Ueberzeugung, wenn du ausgehalten hast im Ringen und nicht Erreichen, wenn du das Vertrauen in die Wissenschaft nicht verloren hast, dann sei auch ferner mit mir in diesen Tagen, wo meine aufgeregten Kräfte mich zum Zweifel in meinen Handlungen drängen. Alle Opfer, die ich brachte, alle Thränen, die um mich geweint wurden, stehen vor mir wie mahnende Geister. Kann ich dich lassen, holde Gefährtin meines Daseins, ernste, mich wie ein sympathetischer Nerv umfassende Wissenschaft? Und ließe ich dich, müßte ich nicht verzweifeln an dir, an mir? Wo ist die Stimme von Oben, die ausruft: Bis hierher und nicht weiter!

Der geheime Verkehr mit der Natur ist wunderthätig. Sie beschwichtigt die Aufregung des Verstandes; sie besänftigt auch mich, wenn ich dem Erinnerungsschmerz unterliege. Ich stehe am Fenster. Es ist ein trüber, dämmeriger Nachmittag. Der alte Lambrecht sitzt auf der Bank. Seine zwei kleinen Mädchen spielen auf der Erde. Die eine

255 hält ihr blondes Haar mit den Fingern in die Höhe, die andere hilft ihr die Locken drehen. Ein englisches Jagdhündchen hat die Vorderpfoten auf die Knie der Sitzenden gelegt. Zwei Truthühner gehen stolz vorüber. Einige Tauben folgen und picken Körner zwischen den Steinen hervor. Lambrecht's Frau zeigt sich in der Thür. Die Schulkinder singen im Dorfe. Das Gebirg sieht wie ein tiefblauer Riesenkrystall aus, über dem die warmen Purpurfluten des Abendroths spielen . . . Ich will ins Freie.

Mitternacht.

Es war schon dunkel, als ich in den Garten und von da an den Wasserfall und in den Wald trat. Ich glaubte mich allein und war erstaunt, als ich plötzlich Menschenstimmen in geringer Entfernung von mir vernahm. Wie ich stehen blieb, hörte ich, daß Dora zu einem Unbekannten sagte: Heinrich! Laß mich nach dem Schlosse zurückgehen. Es ist nicht recht von dir, mich hier in der Dämmerung zurückzuhalten. Heinrich räusperte sich und antworte: Du bist kindisch, Dora! Niemand

256 sieht und sucht dich. Bleib, wir wollen plaudern. Erzähle mir von der Gräfin . . . Wenn ich von der anfange, entgegnete Dora, weißt du schon, daß ich nicht aufhöre. Du bist gescheit, mich auf dies Kapitel zu bringen. Sie lachte. Aber Heinrich ließ sich nicht irre machen. Er schmeichelte: Erzähle, liebe Dora . . . ich hörte, wie er sich näherte, es raschelte wie Küsse, dann sagte Dora: Ich liebe die Gräfin. Aber zuweilen ist es mir wunderlich, daß sie mitten im Glück, an der Seite des Grafen so traurig sein kann. Vor einem Jahre, als mich der Graf nach Brüssel kommen ließ, wo er mit der jungen Frau aus Paris angelangt war, hörte ich sie Abends, als ich noch mit den Kleidern der Gräfin im Zimmer beschäftigt war, auf Französisch sagen: Du bist gut, daß du für mich sorgst, daß du mich, eine arme Waise, geheirathet hast, aber sei nicht böse, daß ich mich vor Deutschland, vor deinem Schlosse, vor dem Gedanken fürchte, daß mich die Heimat unfreundlich begrüßen wird. -- Folglich ist die Gräfin keine Französin, sondern eine Deutsche, folglich ist sie arm gewesen, folglich hat der Graf,

257 was die vornehmen Leute eine Mesalliance nennen, geschlossen.

Du bist erschrecklich klug, bemerkte Heinrich; kannst Französisch und siehst den Leuten ins Herz.

Dafür bin ich die Nichte des französischen Koch und nicht von gestern, entgegnete Dora, nicht ohne Selbstzufriedenheit. Von Brüssel nach Hause reisend, habe ich manches Gespräch zwischen dem Grafen und der Gräfin belauscht und auch einmal unter den Sachen einige Gegenstände gefunden, welche die vornehmen Leute sonst nicht besitzen.

Daß dich . . . murmelte Heinrich überrascht.

Ja, flüsterte Dora, eine Schürze von rothbaumwollenem Zeuge und ein deutsches Gesangbuch aus dem Erzgebirge. Später hat die Gräfin die Sachen in ein Kästchen verschlossen. Da habe ich sie nich wieder gesehen. Ich glaube, sie hatte eine Mutter, die sie sehr liebte, der zu Gefallen sie den Grafen geheirathet und einen Andern aufgegeben hat. Deswegen weint sie zuweilen wie . . . .

Die Stimmen verhallten. Dora entfernte sich. Ich blieb lange wie eingewurzelt stehen.

258 Es ist thöricht von mir, daß ich an meine Verlorene denke und sie und die Gräfin Oran mit einander in Eine Person verschmelze. Ich schelte mich, daß die häusliche Kleidung, deren Dora erwähnte, und das Gesangbuch aus dem Erzgebirge mir Anlaß zu Träumereien geben, und kann doch den Augenblick, wo Oran ankommen und ich von meiner fixen Idee geheilt sein werde, nicht erwarten.

Mittwoch.

Diesen Morgen, während ich am Fenster saß und schrieb, flatterte eine zahme Taube hin und her und setzte sich endlich auf den Rand des Tisches. Sie hatte sich lange auf dem Zweige einer Ulme vor mir gewiegt und mich mit mistrauischem Auge betrachtet. Da ich absichtlich mich nicht um sie zu kümmern schien, kam sie näher und näher und pickte zuletzt Brotkrumen von einem stehengebliebenen Teller fort. Als ich aufsah, schien sie zu erschrecken und fortfliegen zu wollen, aber statt aus dem Fenster, flatterte sie in der Verwirrung in die Tiefe des Zimmers auf und nieder, bis sie einen Schrank als Ruhepunkt fand. Von dem

259 aus betrachtete sie mich im Gefühl ihrer Freiheit und schien durch Girren ein Gespräch mit mir anknüpfen zu wollen, bis Lambrecht kam und, als er die Taube sah, erstaunt rief: Ei sieh, das ist ja die Lieblingstaube der Frau Gräfin. Er stieg auf einen Stuhl; sie ließ sich gutmüthig von ihm greifen. Das Thierchen ist klug, bemerkte er, wenn gräfliche Gnaden hier sind, kommt es Morgens ins Fenster geflogen und pickt ihr das Brot aus der Hand. Er war ans Fenster getreten, ließ die Taube fliegen, nahm das Frühstück und empfahl sich.

Sonderbar, daß mich der Gedanke, daß dies eine Lieblingstaube sei, seltsam ergriff. Ich kann hier arbeiten, studiren, ich bin einsam, wie ich es liebe; ich habe eine herrliche Natur vor mir im Rahmen eines Fensters und nichts hat mich bis jetzt so tief als der Besuch der kleinen Lieblingstaube berührt. Fühle ich einen Zusammenhang? Wie ist mir doch so wunderlich träumerisch, so nichtsnutzig, daß ich nicht arbeiten kann . . . .

Dora fegte im Nebenzimmer. Ich machte mir etwas zu thun und öffnete die Thür.

260 Guten Morgen, Dora!

Guten Morgen, Herr!

So fleißig Dora?

Nicht mehr wie gewöhlinch. Das geht so einen Tag wie den andern ohne Unterbrechung.

Seid ihr nie vom Schlosse fort gewesen? fragte ich.

O ja, entgegnete sie gesprächig, ich war einmal in Brüssel. Der Herr Graf ließen mich kommen, um Kammerjungferndienste bei der Frau Gräfin zu versehen, als sie sich eben verheirathet hatten und die französische Kammerfrau krank geworden war.

Ihr kennt also die Gräfin?

Wie mich selbst.

Ich lächelte und fragte: Wie sieht sie denn aus?

Dora blickte ganz verblüfft auf. Herr Müller sahen die Frau Gräfin noch nicht, sonst würden Sie so nicht fragen, entgegnete sie empfindlich. Sie ist schön wie ein Engel und gut dazu; kohlschwarze Haare und dunkelblaue Augen; eine großgewachsene Figur mit Händen wie aus Wachs,

261 still und ernst wie der heilige Gabriel in der Schloßkapelle.

Sie fegte eifrig fort, putzte den Staub von den Meubeln und kümmerte sich nicht mehr um mich. Als Lambrecht mir um zwei Uhr das Essen brachte, sagte ich anscheinend ganz ruhig, aber innerlich durch und durch gewühlt: Kann ich die Zimmer der Gräfin wol noch ein mal sehen?

Er schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Ich schließe sie ungern auf, indeß da Sie des Grafen Freund sind . . . .

Ich verschlang das einfache Mahl und ging mit Lambrecht quer über das große uns trennende Vorzimmer, durch den Corridor in die Zimmer. Welch ein Zauber in dieser Stille, welche läuternde und erhebende Kraft in dieser Umgebung! Ich glaubte die Gräfin vor mir zu sehen und vertiefte mich in ihr Walten, Weben und Leben. Eine angefangene Arbeit lag sorgfältig zusammengelegt in einem japanischen Körbchen; ein Buch war nebenan mit einem Zeichen versehen. Ob ich die Arbeit berühren, das Buch aufschlagen darf? Ich

262 schlug es auf. Es war Schubert's Reise nach dem Orient. Auf der Bibliothek standen die orientalischen Briefe der Gräfin Hahn und Mehemet Ali vom Fürsten Pückler. Sonderbar, daß der Orient die Bewohnerin dieser Zimmer ausschließend zu beschäftigen schien. Auch ein Bild, die süßen Wasser bei Konstantinopel, war aufgestellt. Die hügelige, wenig bebaute Landschaft, mit einigen Pinien und cederartigen Bäumen auf nahen und fernen Bergen, lag vom zartesten Schmelz übergossen vor mir. Ich hatte den Blick rückwärts auf die Vergangenheit gerichtet. Ich sah den Morgen, an dem ich im Kaik über diese silberige Flut zum Kiosk des Sultans gefahren war. Ach, wie das still war, wohl that, wie der Wust all' dieser geschwätzigen Geschäftigkeit sich in Andacht auflöste! Dort in dem kleinen Boot, nicht weit von den Anfängen des Christenthums, am Gestade des Meers, unter dem tiefblauen Himmel konnte ich ungestört von der Geliebten träumen. Ungetrübt durch die Trennung, frei und heiter habe ich da liebevoll der Heimat, im Gefühl recht gethan zu

263 haben, gedacht. Und heute? Und jetzt? Ich konnte mich von den Zimmern nicht losreißen. Die Schreibtmaterialien auf einem Tische hatten etwas wunderbar Zierliches. Das Fauteuil war auf dem Sitz abschüssig geworden, der blaue Streusand flimmerte voll Goldpunkte, die Tinte war bis auf den Grund vertrocknet. Wozu dieses heimliche Suchen und Sehnen? Wozu diese Unruhe, die mich bis zur Verzweiflung treibt? Wozu diese Wehmuth, diese Sehnsucht, dieses Aufschrecken als eine Thür knarrte, dieses Beben, als die Sonnenstrahlen rosenroth und erwärmend durch die Gardinen brachen? Der Epheu, der äußerlich an dem Fenster emporklimmt, droht die Zimmer in Schatten su fetzen, so groß und stark wird er. Er breitet sich aus, er klammert sich an. Glücklicher Epheu<> da, der die Luft und die Sonne und dies Fenster sucht . . . .

Donnerstag

Ich war den Tag über sehr fleißig. Ich habe mir den Traumstoff aus dem Blute geworfen, will nichts mehr als die Wissenschaft, als die drei Jahre voll Muth und Ergebung denken, die hinter mir

264 liegen. Der kleine Garten ist mir lieb geworden mit den vielen Blüten, die der Frühling darin säet; der grüne Wasserfall, die hohen Schloßmauern, der Wald sind bezaubernd. Auch die Nächte sind heiter. Die Constellation des großen Bärs gewinnt an Umfang. Die Lerche singt ehe der Morgen graut, die Hunde bellen in den entferten Wohnungen. Meine Gedanken tauchen unter im Schlaf, den ich ein gefühltes, ein genossenes Nichts nennen möchte. Ich bin ruhig, weil ich ruhig sein will. Jetzt ist der Tag herunter. Lambrecht hat mir das Abendessen gebracht. Ich habe mir Bücher aus dem untern Stock geholt. Dies Schloß ist in Wahrheit eine Königswohnung des Reichthums, eine Künstlerwohnung des Geschmacks, ein Kloster der Einsamkeit. Ich gehe viel spazieren und bin doch erstaunt, stundenlang keinem menschlichen Wesen zu begegnen. Desto zahlreicher ist das Wild in den Gebüschen. Die Rehe und Hirsche kommen bis an das Schloß; ich werfe ihnen Brot aus dem Fenster, besonders in Mondenschein zu; dazwischen denke ich an Plato, an diesen Riesen

265 der Vorzeit, denke an meine Jugend, an die Entzückungen, die Dichtung und Philosophie mir einflößten. Plato besonders, dieser Vorgänger Christi, dieser Idealitätsphilosoph, hat mich seiner vollendeten Kunstform wegen angezogen. Seltsam, daß das Streben seines Geistes sich von der Mythologie ab zum Montheismus neigte, daß er zwischen dem Endlichen und Unendlichen schwebte, das Materielle von sich wies und eine körperliche Kasteiungsmethode einzuführen strebte, die ihn dann auch antrieb, die Lehre von den Göttern einrahmen zu lassen in verschleierte Formen. Dieser Olymp voll nackter Gestalten war ihm unleidlich; er griff die Dichter, er griff Homer an, er zerfiel mit der nationalen Dichtkunst, blos weil er die Abtraction des Schönen mit Leidenschaft suchte. Täuschte er sich? Sollen wir, deren Ideen vom Schönen entwickelter durch das Christenthum sind, diese nicht mit dem Begriff des Guten, des Wahren, der Tugend vermählen? Was sind unsere Lehren von Selbsterkenntniß, vom Jenseits, vom Lohne und der Strafe, wenn wir nicht den Grund derselben,

266 die Befolgung des einen Weges, der reinen Tufend annehmen? Nach Plato kam zwar Epikur mit seiner Glückseligkeitslehre, aber es kam auch Zeno, der in der Stoa zu Athen gegen die Gewalt der sinnlichen Eindrücke eiferte und auf leidenschaftslose Ruhe antrug. Könnte ich mir diese aneignen und einen Prozeß in mir vornehmen, wo die Goldtheile sich vom nutzlosen Kies trennten! Wäre ich weniger schwach, mehr meinem Beruf, der Zukunft inniger als der Vergangenheit geweiht.

So weit war Müller in seinem Tagebuche vorgerückt, als Lambrecht auf einem silbernen Teller einen Brief vom Grafen Oran an ihn brachte. Gräfliche Gnaden werden in drei Tagen auf dem Schlosse eintreffen, bemerkte er im Fortgehen. Müller lehnte sich zerstreut im Fauteuil zurück, schob die Schreibereien bei Seite, that einen Blick aus dem geöffneten Fenster, löste das Siegel und las:

Lieber Freund, wir werden uns in einigen Tagen sehen. Morgen und übermorgen habe ich noch kleine Geschäfte in Breslau zu beseitigen. Am

267 Montag treffe ich zur Mittagszeit bei dir ein. Ich bin ungeduldig, dich wiederzusehen, glücklich dir meine Frau zeigen zu können. Du wirst sie bewundern. Nicht allein, daß sie schön ist, sie ist auch gut, geistreich und gebildet. Sie hat ein tiefausgeprägtes Gefühl. Wäre sie ein Jahrhundert früher geboren, so hätte sie sich leicht dem Aberglauben hinneigen können, weil ihr Verstand mehr durch das Herz als durch die Subtilitäten des Nachdenkens erleuchtet wird. Es wird ihr schwer, ein ernstes Buch mit Aufmerksamkeit zu lesen, aber gib ihr einen geistreichen Gedanken, wirf ihr eine flammende Sentenz in die Seele, sie wird sie aufgreifen, daran zehren, Kraft und Verständniß aus ihr ziehen.

Wie ich Jenny kennen lernte? Ich habe Jedermann ein Geheimniß daraus gemacht. Ich will nicht, daß meine Frau unter dem Druck eines albernen Vorurtheils schmachte. Ich habe auf mich die Verantwortung einer Lüge genommen, habe Jenny für eine französische Baronin ausgegeben, du weißt, daß man in Frankreich das sein kann,

268 was man sein will, dir aber, dem treuen, verschwiegenen Naturmenschen, dem Jünger der edeln und bessern Gefühle, dem Anhänger des Ideals, dir darf ich ohne Erröthen gestehen, daß Jenny nicht allein nicht adelig, sondern sogar von sehr geringer Abkunft, die Tochter einer armen Wittwe aus Sachsen ist.

Hier strich sich Müller die Haare von der Stirn, blickte vom Papier fort, stand einen Augenblick auf, machte zwei Gänge im Zimmer auf und nieder und las dann weiter:

Ich traf sie im südlichen Frankreich in einem deutschen Hause, wo sie sich mit dem Unterricht kleiner Kinder beschäftigte. Ihre ernste Schönheit machte einen tiefen Eindruck auf mich. Du weißt, daß ich das Leben mit Frauen bis dahin leicht genommen und mir nicht sonderlich viel aus ihnen gemacht habe. Hier war es anders. Jenny ließ Saiten in mir erklingen, die stumm im Gewirr der Welt geblieben waren. Ich fühlte, daß dies vom Egoismus umpanzerte Herz weich wurde, daß ich in Jenny nicht allein mich, sondern sie

269 liebte, sie mit allen ihren gerechten Foderungen ans Glück, sie, die den segenvollsten Einfluß über mich kalten Weltmenschen ausüben mußte. Nun hättest du aber ihre jungfräuliche Schüchternheit beobachten, hättest sehen sollen, wie sie mir auswich. Weil mir das noch nicht vorgekommen war, liebte ich sie leidenschaftlich, die mich, den Beneideten, den Reichen floh. Wenn ich kam, ging sie. Frau von Fernheim, bei der sie war, bemerkte das misfällig. Was hat das sonderbare Mädchen? fragte sie. Warum ist sie so abstoßend? Haben Sie ihr etwas zu Leide gethan? Ich verneinte heftig. Am andern Morgen fand ich sie mit den Kindern im Garten. Sie wollte aufstehen, als sie mich kommen sah. Ich faßte sie bei der Hand und sagte nicht ohne tiefste Bewegung: Warum hassen Sie mich? Sie blieb zitternd an einen Orangenbaum gelehnt stehen. Der Morgenwind wehte über das glänzende Laub, die Düfte der Blüten wiegten sich in den Lüften. Sie müssen mir eine Gnade erweisen, sagte ich dringend, Sie müssen mir vertrauen, müssen mir antworten.

270 Glauben Sie, daß Sie mich . . . lieben könnten?

Jenny's Wangen flammten. Sie schwieg.

Meine Frage ist zudringlich, entgegnete ich nicht ohne Schmerz. Ich will aber die Wahrheit erfahren. Lieben Sie einen Andern?

Sie sah mich mit einem unaussprechlich tiefen Blick an und entgegnete: Ich liebe einen Andern.

Ich fuhr mit der Hand über die Augen. Sie sind fürchterlich wahr, rief ich. Wohlan, seien Sie es bis ans Ende. Ist Ihnen das Schicksal günstig?

Ich habe es von mir gewiesen, entgegnete sie mit heißen Thränen.

Weinen Sie aus Reue oder aus Zärtlichkeit? fragte ich leise.

Sie hob den Kopf auf und antwortete stolz: Es ist eine sonderbare Qual, die Sie mir durch dies unberufene Fragen auferlegen. Sie haben kein Recht an mich. Lassen Sie mich, Graf Oran, ich bitte Sie dringend, lassen Sie mich!

Sie that einige Schritte vorwärts, aber ich

271 war nun einmal entschlossen, Jenny nicht loszulassen. Ich hatte im Gefühl für sie Augenblicke von Verzweiflung und Grimm gehabt, die ich enden wollte. Deswegen griff ich nach ihrer Hand und bat: Beschwichtigen Sie meine Unruhe, geben Sie mir Hoffnung . . . .

Hoffnung? wiederholte sie ernst. Wofür?

Ich war einen Augenblick wie vom Donner gerührt, denn ich fühlte, daß die Liebe zu Jenny ganz sinnlos war. Dann aber flutete die Reinheit ihres Wesens so beseligend über mich, daß ich Alles vergaß und ihr aus der Fülle meines Herzens sagte: Ich glaube an Sie, wie man an die Ideale glaubt. Gesetzt, ich wäre Ihrer Theilnahme völlig unwürdig, wäre ein Sünder, wäre es nicht belohnend, mich dem Guten zuzuführen? Versuchen Sie, mich zu sich zu erheben, mich zu belehren, ich, der unwissend, aber nicht rebellisch bin. Zeigen Sie, daß Sie geduldig sind.

Sie lächelte nicht ohne Ironie und murmelte so etwas wie: Phrasen . . . .

Ich fühlte mich gereizt. Welches Gemüth ist

272 der Liebe unwerth? rief ich. Und dann setzte ich sanfter hinzu: Kann ich Ihnen nützlich sein, Jenny? Gebrauchen Sie mich; lassen Sie mich nicht die Last meines Unvermögens fühlen. Etwas in mir sagt mir, daß wir nicht voneinander scheiden dürfen.

Sie gab das zögernd zu. Sie hatte etwas Heiliges, Unsagbares in ihrem Karmeliteranzug, wie sie es nannte, etwas süß Bescheidenes, das die Frauen der Gesellschaft selten besitzen. Ich sagte ihr, was mein Leben bis jetzt ausgemacht, wie hohl und leer es gewesen, wie ich mich nach Wahrheit und Einfachheit sehne. Es lockt mich zu Ihnen, flüsterte ich ihr zu, zu Ihnen, die ich immer von melancholischen Erinnerungen umgeben wähne.

Ich habe auch freundliche Erinnerungen, antwortete sie sanft. Ich habe eine Mutter, die ich liebe, für die ich Alles thun würde, für die ich Manches gethan habe . . . .

Was? fragte ich hastig.

Sonderbare Frage das, entgegnete sie lächelnd. Als wenn ich die Beweise meiner Liebe wie Zahlen

273 einregistrirt hätte. Doch ja, ich habe einen aufgezeichnet, hier im Herzen; ich habe meiner Mutter wegen auf eine Neigung verzichtet . . . .

Jetzt war ich plötzlich da, wo ich längst zu sein gewünscht hatte. Ich will nichts von der Vergangenheit wissen. Ihre Vergangenheit gehört mir nicht, sagte ich. Aber darf ich fragen, ob Sie den Freund Ihrer Seele wieder zu sehen hoffen?

Niemals, antwortete sie wehmüthig. Wir haben uns fürs Leben getrennt.

Warum dies Extrem?

Unsere Verhältnisse paßten nicht für einander.

Sie sind also frei? fragte ich drigend. Sie könnten also einem Andern gehören?

Gehören – ja! Lieben – nein! entgegnete das wunderliche Mädchen.

Ihre Liebe ist unvernünftig, sagte ich. Sie müssen sie bekämpfen.

Ich habe keine Kraft.

Aber doch den Wunsch?

Nicht einmal den, rief sie stolz. Ich würde meine Pflicht, wenn es noth thäte, mit Schmerz,

274 mit Verzweiflung thun und doch fühlen, daß Liebe frei ist.

Du kannst dir vorstellen, daß mich Jenny's Sprache unruhig und immer leidenschaftlicher machte. Ich war endlich zu dem festen Entschluß gekommen, ihr meine Hand anzutragen. Ich dachte, daß ich mir erringen könnte, was fern lag, daß Jenny nicht halsstarrig bis ans Ende der Tage bleiben könne, daß ich etwas wie Glück und Glanz mit in die Wagschale legen könne. Ich suchte sie am Morgen auf der Terrasse und war so gespannt, daß ich mir keine Einleitung erlaubte, sondern nur entschlossen sagte:

Darf ich Ihrer Mutter schreiben, daß ich um Sie werbe?

Sie sah micht mit blassen Wangen an.

Was erschrecken Sie? fragte ich sie freundlich. Sie mußten meinen Entschluß ahnen, mußten wissen, das ich Sie liebe.

Ich nahm ihre Hand. Sie ließ sie mir. Ich will Ihnen nicht versprechen, was ich nicht halten kann, sagte sie leise.

275 Heist das, daß Sie mich nicht lieben können?

Sie schüttelte traurig mit dem Kopfe. Ich habe einen Freund geliebt, wie sich das nicht ausdrücken läßt; ich habe ihn täglich beweint. Das Gemüth ist mir still geworden, erstickt in seinen Wünschen; ergeben in seinen Anfoderungen, klar in der Ueberzeugung, daß es hienieden entsagen muß.

Sie trauen mir viel Großmuth zu, sagte ich bitter.

Ich weiß nicht, was ich Ihnen zutrauen darf, entgegnete sie, aber ich kann mein Inneres nicht verleugnen. Ich denke an den Verlorenen, wie man an die Todten denkt, denn nicht ein Flecken haftet auf der Erinnerung an ihn.

Aber, um auf meine Frage zurückzukommen, wie sind Sie denn eigentlich für mich gesinnt? fragte ich schwankend vor Ungeduld.

Sie sah mich tief und innerlich an, faltete die Hände und antwortete mit gerührter Stimme: Ich habe Ihnen immer die Wahrheit gesagt, ich will auch jetzt nicht zurückhaltend sein. Wie bei einem

276 Bruder, so fühle ich mich im Schutz bei Ihnen, beruhigt und erfreut . . . .

Jenny, rief ich, bis jetzt hatte ich immer ein Ziel vor Augen, mich selbst. Ich wartete, bis ich gesucht wurde. Jetzt empfinde ich zuerst etwas, was nichts von dem ist, was mir früher unerläßliche Bedingung schien; ich stehe Ihnen beschämt, bittend gegenüber, unser Verhältniß kann meiner Eitelkeit nicht schmeicheln, Sie lieben mich nicht und dennoch haben Sie sich meiner, ich weiß nicht wie, bemeistert; ich bin von jedem Götzendienste geheilt, bin überzeugt, daß der der Glücklichste, welcher der Nützlichste ist, ich meine, der sich für Andere, in Andern vergißt. Sie haben mich gelehrt, in Ihnen meine Zufriedenheit zu schöpfen. Lieben Sie denn den Verlorenen, aber mit mir.

Ach! entgegnete sie mild, ich verdiene Sie nicht, Sie sind zu gut. Sie hielt inne, indeß ich ihre Hand an meine Lippen zog.

Darf ich jetzt bei Ihrer Mutter um Sie werben? fragte ich dringend.

Sie nickte lieblich mit dem Kopfe. Ich war

277 glückselig. Ich schrieb nach Deutschland, ich entwarf mit Jenny den Plan unsers künftigen Lebens. Ich sagte ihr, daß ich mich aus dem Oliven- und Weinlande in mein ernstes Schlesien, in einen bestimmten Wirkungskreis sehne. Ich fühlte mich von der oberflächlichen modernen Bildung, die Reisen geben, angeekelt; ich wollte arbeiten, an der Seite einer geliebten, geachteten Gattin arbeiten. Das Alles wird dir wunderlich vorkommen; du wirst den Wandel der Gefühle kaum an mir begreifen. Du wirst denken: Da hat die Liebe den Oran einmal in eine träumerische Extase versenkt. Das Alles wäre gut, wenn kein Erwachen käme! Ich sage dir aber, lieber, theurer Freund, daß ich dir wachend schreibe, wachend den ernsten Schritt gethan, wachend nach Deutschland an Jenny's Mutter geschrieben habe. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Die gute, alte Frau schrieb jubelnd im Glück, ganz unanständig froh, besonders als sie an das nahe Wiedersehen dachte. Jenny las den Brief mit feuchten Augen. Meine Mutter ist eins der wahrsten und besten Wesen, die es

278 gibt, Gott schütze sie, sagte sie sanft und trieb nun selbst zur Heirath und zur Reise. Frau von Fernheim war so gütig, Jenny bis dahin unter ihren speciellen Schutz zu nehmen. Die edle Frau war durch eine harte Schule des Unglücks durchgegangen, das hatte sie tolerant gemacht. Das Glück ist relativ; am Ende kommt es weniger auf das Glück selbst als auf den Willen an, den wir ihm entgegentragen. Wollt zufrieden sein, so werdet ihr es sein, pflegte sie zu sagen. Sie hatte keine Schroffheit des Alters, kein Vorurtheil des Adels. Sobald Jenny meine Braut ward, suchte sie dieselbe überall ins Licht zu stellen. Es war unmöglich, sich etwas Unmuthigeres als das Verhältniß Jenny's zu Frau von Fernheim zu denken, diesen liebevollen Wettstreit zarter Rücksichten und wohlthueder Wechselwirkungen. Einige Wochen vergingen schnell, in denen ich großen Werth auf Ausbildung von Jenny's musikalischen und sprachlichen Kenntnissen legte und unsere Tage merkwürdig überfüllt waren. Putz und Gesellshaft lagen Jenny fern. Kaum daß ich sie an unserm

279 Hochzeitstage überreden konnte, festlicher als sonst geschmückt zu sein. Sie war weiß wie ihr Kleid, weich wie der Atlas, der sie umfloß. Sie hatte sich entschlossen mein zu sein; sie weinte nicht, zitterte nicht, aber es war mir doch, als sei das ausgesprochene Ja dem Kopfe, nicht dem Herzen entlehnt. Du siehst, lieber Freund, ich bin sehr aufrichtig, so aufrichtig, daß ich dir gestehen will, es überkam mich ein plötzlich überraschender Schmerz, daß ich das Schönste, die Liebe, entbehrte.

Wir reisten nach Deutschland. Je mehr wir uns der Grenze nahten, je unruhiger ward Jenny. Es überfiel sie oft eine wahre Angst, die wol eine schmerzliche Ahnung gewesen sein mag, denn wie wir ohne Dienerschaft, uns allein dem Wohnort der Mutter nahten, klopften wir an eine Sterbehaus.

Nach dem ersten sehr natürlichen Schmerz fühlte ich mich, so hart das klingen mag, nicht ganz unzufrieden mit dem Tode der Mutter. Nicht allein, daß dies mich aller Familienconflicte überhebt, ich habe nun auch das Bewußtsein, daß Jenny mir

280 einzig und allein gehört. Sonderbar ist es, daß sie sich vor jeder neuen Bekanntschaft scheut und förmlich erschrak, als sie von deinem Aufenthalt im Schloß in Kenntniß gesetzt wurde. Du wirst dich zusammennehmen, sehr liebenswürdig sein müssen, um ihre Schüchternheit zu überwinden. Doch, ich weiß, du wirst es, auch begegnest du ihr in der Liebe zur Natur, in der Neigung für den Orient, zu dem sie eine scharf ausgesprochene Sympathie hat. Ich kann dir nicht sagen, wie heimisch es mich jetzt schon im Gedanken an unser Beisammensein anweht. Denke dir die noch fröstelnden Apriltage, das prasselnde Kaminfeuer, die liebe freundliche Lampe am Abend in Jenny's Zimmer, unsere Gespräche und Mittheilungen und freue dich im voraus auf diese liebliche Leben zu Oreien. Auf Wiedersehen denn, mein Freund, mein Gefährte in der Botanik, mein Gast auf dem Stammschlosse. Eben sieht mir Jenny mit ihren schönen traurigen Augen über die Schultern, verklärt wie aus einer bessern Welt, in sich verschlossen, wie immer. Sie will mit mir ins Frei. Konrad v. Oran.

281 Träume ich oder wache ich, seufzte Müller von Frost geschüttelt. Ist diese geschilderte Jenny meine verlorene Geliebte? Nein, nein, rief er schmerzlich, das kann nicht sein!

Er sprang auf und lief über die Marmortreppe in den Garten und von da in den Wald. Die Welt war ihm zu eng, der Himmel zu begrenzt geworden; er wollte Luft, er wollte Bewegung. Auf ein kaltes strenges Leben war plötzlich wie durch Magie ein Augenblick voll Glück, Glanz, voll Ueppigkeit und Erwartung gefolgt. Müller fühlte sich wie überstürzt. Er träumte, er, der sonst nur dachte; er rief sich mit wehmüthiger Wonne die zurück, die er geopfert und verlassen hatte. Wie eine Sonne durchwärmten ihn die Bilder der Vergangenheit; dann verfiel er in einen Zustand der Bangigkeit, der unerträglich wurde. Ich kenne Oran's Frau nicht, sie und meine Verlorene haben nichts miteinander gemein, können nichts miteinander gemein haben, dachte er von nervöser Traurigkeit bestürmt. Ein unentwirrbares Gemisch der bittersten und füßesten Gefühle

282 durchkreuzte ihn. Zuweilen wie gelähmt, zuweilen heftig erregt, verbrachte er den Tag im Freien. Er wollte sich zerstreuen. Aber Alles, was er vornahm, ermüdete ihn. Der Himmel, das Schloß, die Natur -- nichts wirkte belebend. Mit voller Zuversicht hatte er sich hier auf ein friedliches, genußreiches Leben eingerichtet. Und nun, und nun? Dieser wüste Traum mußte ein Ende nehmen, das fühlte er, seinet- und auch Oran's wegen. Er mußte die Gräfin sehen, sich überzeugen, daß er im Fieberwahn gewesen, sich wieder zur Heiterkeit aufranken. Das stand endlich fest in ihm; hatte er doch Uebung, sich zu beherrschen, wollte er doch die Nerven und das Herz nicht erlahmen lassen. Zwei Tage brachte er so hin. Am dritten wurde Oran erwartet.

Indeß waren die Räume geputzt und überall gelüftet worden. Alle Zimmer sollten von Reinlichkeit glänzen, alle Meubel geordnet, die Teppiche abgestäubt werden. Dora stand wieder, wie so oft schon, auf dem Balkon, die feine Leinwandschürze um die Taille gebunden, das enganschließende

283 Mieder mit silbernen Ketten geschnürt. Das Schloß war wie mit einem Netz von Epheu umsponnen. Es rankte sich um den Balkon, um Jenny's Fenster, um eine Säule, die aus der Ecke des Schlosses hervorsprang. In glanzvollen schrägen Strahlen fiel die Sonne über das Gebirge weg, das unter ihr glühte und lebte. Müller war früh aufgestanden. Er ordnete sein Zimmer, seine Sachen; bisweilen ließ er die Arme sinken und verlor sich in das vor ihm aufgerollte Naturbild, dann fuhr er über die träumerischen Augen und dann trat er über die Schwelle, um im Garten Luft zu schöpfen. Wie er das kleine Gemach öffnete, sah er vor sich die Stuben im hellen Sonnenschein, die von Oran und die seiner Frau, von denen die Thüren weit aufgesperrt waren. Unwillkürlich that er einige Schritte über den Corridor und war in Jenny's Zimmer, wie, wußte er selbst nicht. Der Gärtner hatte Blumen gebracht. Der Duft der Hyacinthen und Jonquillen quoll ihm im linden Zugwind entgegen. Der Flügel war aufgeschlagen; im Hintergrund des Zimmers zeichneten

284 sich die Landschaften aus dem Orient scharf, wie auf Goldgrund ab. Alsbald dachte Müller an seine verlorene Braut, an das üppige, glänzende Haar, das von der Stirne gestrichen sich hinten zum Knoten verschlang, and den seelenvollen, tiefsinnigen Blick, mit dem sie ihm ein Lebewohl gesagt hatte. Wehmüthig sah er auf die weltliche, ihn umgebende Herrlichkeit, auf diesen Prunk von Sammt und Seide, auf diese Fülle irdischer Wohlfahrt, die nicht zu seinen Erinnerungen paßte. Nun war er im Wohn-, nun im Empfangzimmer. Oran's bis dahin verschlossen gewesenes Zimmer war offen; auch da hinein hatte der Gärtner, der eben heraustrat, Blumen gebracht. Der Herr wollen in das Cabinet von gräflichen Gnaden, sagte er höflich, indem er Müller hineinließ und sich entfernte. Dieser stand zögernd am Eingang; mit einem Blick hatte er das ihm unbekannte Zimmer durchflogen; an der Wand der Schreibtisch, daneben eine Chaise longue, darüber ein Bild . . . Er blieb wie festgebannt; ein Blitz der Extase fiel vor ihm nieder, ihm schwindelte, er hob die Arme

285 zum Himmel mit leidenschaftlicher Trauer empor. Denn er hatte sie plötzlich wieder, die Geliebte, gleichviel wie, gleichviel wo, aber hier in diesem Bilde hatte er sie wieder. In lichtvoller Sphäre war sie hingezaubert, ihr Auge nach Oben gewandt, demüthig, lieb, unendlich heilig, die Hände ineinandergelegt, die Staffage eine südliche Landschaft, das Ganze lebend, athmend, reizend, in eine Glorie von Reinheit gehüllt.

Gott, mein Gott! rief Müller mit bebender Stimme, indem er auf die Knie sank . . . .

Er blieb lange in dieser Stellung, bewußt- und gedankenlos, das Auge auf das Bild geheftet. Nach und nach kamen die Gedanken, die fürchterlichen, ihn wachschüttelnden Gedanken. Mit dem Schrei: Das ist Oran's Frau! sprang er auf. Eine namenlose Verzweiflung drohte ihm das Herz zu brechen; ein furchtbarer Schmerz durchschütterte ihn. Indem trat Lambrecht hinein. Gelt, das ist ein schönes Bild unserer Frau Gräfin, sagte er geschwätzig, ist in Frankreich gemalt . . . .

Müller hörte nicht mehr. Er war in sein Zimmer

286 geeilt; eine innere Stimme rief ihm laut zu: Nur fort! fort! fort! Er riß ein Blatt Papier heraus, er schrieb mit schwankenden Buchstaben: Ein dringendes Geschäft ruft mich von dannen. Dank für deine Gastfreundschaft, Dank für dein Vertrauen. Sei glücklich, Oran! Gott segne dich und dein Weib!

Er wollte weiter schreiben. Da schmetterte ein Posthorn in der Nähe. Sie kommen, sie kommen, jubelte die versammelte Dienerschaft . . . . Müller flog außer sich die Treppe hinab, kam in den Garten, in den Wald, lief zwei, drei Stunden abwärts ins Thal bis er zur Besinnung, zur Uebersicht seiner Lage kam. Er konnte, durfte Jenny nicht wiedersehen, sie und den Freund nicht stören, er mußte fern bleiben und entsagen. Aus all' den zersplitternden Fragen: Muß ich? Darf ich? behielt er nur die eine Gewißheit, daß er Jenny nicht wiedersehen wollte. Sie wird glücklich an Oran's Seite sein, sie wird mich vergessen, sagte er sich beschwichtigend, als er in der lauer werdenden Luft, in dem immer reiner werdenden Himmel das ferne

287 Schloß dämmerig wie einen Amethyst schimmern sah. Er brach in diesem Augenblick mit der Vergangenheit, er überwand die martervollen Nothwendigkeiten dieses geknickten Wunsches, er fühlte sich stark, denn er hatte das Rechte gewählt.

Als Oran aus dem Wagen sprang und Jenny ihm nach in das Schloß trat, war seine erste Frage nach Müller. Er sei in seinem Zimmer, hieß es. Oran war mit zwei Schritten oben, riß die Thür auf, rief: Müller! . . . . Niemand antwortete ihm. Da fand er das Zettelchen. Sonderbarer Mensch, dachte er ungeduldig und trat damit zu seiner Frau, die, den Hut auf dem Kopf, in der Mitte ihres Zimmers stand.

Da lies, sagte er ganz aufgeregt.

Sie blickte auf das Blatt, auf Oran, zwei Thränen rollten ihr über die Wangen, dann lächelte sie und sagte mit gepreßter Stimme: Dein Freund hat das Beste gewählt. Wir werden uns glücklicher fühlen, wenn wir allein sind.

Ende
Bibliographic Information
Publication Date: 
1849
Publication Place: 
Leipzig
Press: 
F.A. Brockhaus