Neapel

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Neapel
 
Eine schimmernde Atlasfläche, liegt
Im Mittagssonnenbrande das Meer,
Hier — dort und fernhin tanzt
Auf schäumenden Wogenkämmen
Verstreuter Lichtfunken blitzende Goldsaat,
Und in den Malachitglanz
Der schaukelnden Fluten taucht,
Eine badende Schönheit, das Lichtbild Neapels!
 
Wie dehnt und streckt
Und wiegt sie die blendenden Glieder,
Die Zauberin!  Wie lacht es mit tausend Stimmen
Sirenenhaft-kokett aus ihrer Brust!
 
Verdrossen und zürnend lauert
Zu ihr herüber der finstere Vesuv:
Wie lang ach!  und gern schon hätt´ er
In brünstiger Liebestollheit
Den Schoß der Holden umarmt,
Wie lang ach!  und gern schon
Bewältigt ihre süße, feucht-frohe Schönheit!
Umsonst!  Festschmiedete ihn
Ein grausam Geschick, und aus
Der Ferne nur darf er genießen,
Wonach ihm fiebernde Gier
Den Leib durchschauert....
                                    Sie aber —
Sie jauchzt!
Sie buhlt mit dem Himmel
Und kost mit dem Meer,
Und ihre Kinder klettern
An seinen Lenden empor
Und schaun ihm ins Herz,
Ins heiße, lava-blutende,
Und lachen seiner verschwendeten Gluten
Mit ihrem Lachen: dem sonnig-hellen,
            Dem meergott-heitren Lachen Neapels!

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