Mein stilles Lied (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Mein Herz ist eine traurige Zeit,
Die tonlos tickt.
Meine Mutter hatte goldene Flügel, 
Die keine Welt fanden.
Horcht, mich sucht meine Mutter, 
Lichte sind ihre Finger und ihre Füße wandernde Träume.
Und süße Wetter mit blauen Wehen
Wärmen meine Schlummer
Immer in den Nächten, 
Deren Tage meiner Mutter Krone tragen.
Und ich trinke aus dem Monde stillen Wein, 
Wenn die Nacht einsam kommt.
Meine Lieder trugen des Sommers Bläue 
Und kehrten düster heim.–
Ihr verhöhntet meine Lippe
Und redet mit ihr. –
Doch ich griff nach euren Händen,
Denn meine Liebe ist ein Kind und wollte spielen.
Und ich artete mich nach euch,
Weil ich mich nach dem Menschen sehnte.
Arm bin ich geworden 
An eurer bettelnden Wohltat.
Und das Meer wird es wehklagen 
Gott.Ich bin der Hieroglyph, 
Der unter der Schöpfung steht
Und mein Auge 
Ist der Gipfel der Zeit;
Sein Leuchten küßt Gottes Saum.

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main