Maria Zelenka Interview

„Wie ich zum Film kam?“­

Ich bin noch sehr kurz dabei.  – Nach zweijähriger Bühnen tätigkeit als erste Sentimentale am Stadttheater in Nürnberg wurde ich an das Hoftheater in Mannheim verpflichtet und zwar für drei Jahre.  Die Position war sehr gut – die Gage schäbig –, aber ich liebte meine Kunst über alles und war bereit, mich einzuschränken, zu sparen, zu hungern – jedes Opfer zu bringen, nur um das eine herrliche Ziel zu erreichen, echte, große Künstlerin zu werden.  – Ich war nach erfolg­reichem Probespiel am k. k. Hofburgtheater in Wien dort­selbst vorgemerkt, und das Hoftheater in München interessierte sich ebenfalls sehr für mich.  Ich wurde allgemein als beson­deres Talent anerkannt und Bühnenkarriere war mir gewiß.

Plötzlich kam ein ganz kleiner Zufall, der anders entschied.

Eine ganz gewöhnliche, alltägliche Annonce fiel mir ins Auge: »Junge hübsche Darstellerin usw. wird von tüchtigem Regisseur zu erstklassiger Filmschauspielerin ausgebildet. «

Ich brachte bis nun dem Film kein anderes Interesse als Neugierde und in erster Linie  »Verdienenwollen « entgegen.

Filmen war in meinen Augen eine ganz geistlose, handwerksmäßige Tätigkeit, und ich wäre empört gewesen, hätte es einer gewagt, von Kunst zu reden.

Ich war den Sommer über frei und beantwortete die An­nonce, um die Filmerei kennen zu lernen und dabei zu ver­dienen.

Das Glück war mir hold.  Ich wurde von den tausend oder noch mehr möglichen und unmöglichen Bewerberinnen als »diejenige auserkoren und probeweise für zwei Monate enga­giert« – es war dies bei der »May-Film-Gesellschft m. b. H.«

Zwei Tage danach lernte ich ahnungslos wieder einen Film­menschen kennen, den Direktor einer neuen Filmgesellschaft, der mich mit aller Gewalt engagieren wollte und mir trotz meiner Verpflichtung gegen eine andere Gesellschaft einen glänzenden zweijährigen Vertrag als Hauptdarstellerin anbot.  – Ich war natürlich schlau genug,  das zweijährige fixe An­gebot dem zweimonatigen probeweisen vorzuziehen und versuchte, meiner ersten Gesellschaft auszureißen.  – Das ging natürlich nicht so schmerzlos ab, und mein zweiter Direktor, der mich um jeden Preis haben wollte, mußte eine mächtige Abfindungssumme für mich erlegen.

So wurde ich eigentlich ohne rechten Willen zum Film und ziemlich ahnungslos die Hauptdarstellerin der »Danny Kadern G. m. b. H.«

„Wie ich mich durchsetzte?”

Ich muß gestehen, daß schon nach einigen Tagen alles, was Film hieß, eine eigentümliche Anziehungskraft auf mich aus­übte und alles ganz anders war, als ich es mir vorstellte.

Vor allem gefiel mir das hastige pulsierende Leben und Treiben, das geschäftige Hin und Her vom Direktor bis zum kleinsten Angestellten herab, – jeder hat seine eigene Be­schäftigung, die ihm sehr wichtig dünkt, jeder ist mit Freude und Eifer bei der Sache, weil jeder seinen Beruf liebt.

Ich kannte die eigentliche Filmerei noch nicht und schon hat mich ein solcher Ehrgeiz erfaßt, es anderen, schon be­kannten Größen gleichzutun – in einigen Jahren sie zu über­flügeln – und große »Filmkünstlerin« zu werden.

Plötzlich leuchtete mir ein, um wieviel dankbarer der Film als das Theater ist, um wieviel wertvoller.  – Wenn man sein ganzes Können mit Lust und Liebe in den Dienst der Sache stellt, dann ist der Film eine bleibende, sicherere Kunst als das Theater. – Man kann sich prüfen, man kann sich kontrol­lieren, – man kann in einigen rasch verflogenen Jahren er­reichen, was man am Theater erst nach jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit erkämpfen muß, denn da gibts nur ein stufenweises Vorwärtskommen.  – Am Theater kann man nur stadtbekannt, am Film aber weltbekannt werden.  – Beim Film kann man mit ehrlichem Können und einem hübschen Gesicht in kurzer Zeit alle Schranken überfliegen und die höchsten Ziele erreichen, die einem Sterblichen wünschenswert sind.  – Beim Theater bleibt alles dies nur Traum.  Beim Theater kann niemals ein solcher Ehrgeiz entwickelt werden wie beim Film, weil die Wirkung am Theater ja doch nur

vorübergehend ist – und ich bin überzeugt, daß jede gute Darstellerin, selbst wenn sie eine geschworene Feindin des Films ist, eine begeisterte Anhängerin desselben wird, wenn sie erst mal Gelegenheit hat, sich selbst zu sehen und die blei­bende Wirkung ihres Spieles zu beobachten.

Mein erster Film war ein Lustspiel – und ich wurde in meinem neuen Idealismus für den Film etwas enttäuscht. 

Ich war von der Bühne her gewohnt, alles, was ich spielte, wirklich mitzuerleben – bei mir war Stimmung alles.

Daran war natürlich nun nicht zu denken.  – Es wurde mit der 30.  Szene begonnen, mit der 4., 27., 41., 15.  Szene usw. fortgesetzt, und ich kam mir wie ein armes Hascherl vor, das sich absolut nicht zurechtfinden konnte.

Es war mir nicht möglich, in Stimmung zu kommen – die grellen Lampen mit ihrem blauen aufdringlichen Licht, das einem erbarmungslos bis in die Seele brannte, die neugierig und müßig herumstehenden Gaffer – und daß ich ohne Text und ohne festgesetzte Worte etwas spielen sollte, das brachte mich vollständig aus dem Geleise.

Ich fand das alles nicht sehr künstlerisch – aber nach einigen Aufnahmen ging es schon ganz gut; ich war nur noch etwas ungeschickt, – machte zu hastige Bewegungen, wen­dete mein Gesicht fast nie dem Objektiv zu, außer wenn der Regisseur mit einem Donnerwetter dazwischenfuhr – bewegte meinen Mund (durch das ausgeprägte Sprechen von der Bühne her gewohnt) zu sehr und so weiter; aber ich entwickelte viel Temperament und Liebenswürdigkeit, so daß die anderen Fehler für den Laien gar nicht bemerkbar waren.

Als der Film vorgeführt wurde, war ich angenehm ent­täuscht, – obwohl mir natürlich kein Fehler von mir entging und ich jetzt schon genau wußte, was das nächstemal nicht mehr vorkommen durfte, – aber mein Aussehen war sehr vorteilhaft, und ich fand bestätigt, was mir Fachleute sagten, daß ich ein richtiges Filmgesicht hätte – das ist natürlich schon sehr viel wert, und ich freute mich kindisch darüber.

Ein bekannter Regisseur einer ganz großen, allerersten Ge­sellschaft hat zufällig der Vorführung des Films beigewohnt und hat mich von meinem Direktor gegen sehr hohe Bezahlung zu einem Drama ausgebeten.  – Das war für mich natürlich eine ganz feine Sache, denn so heiter ich auch im Leben bin, bin ich doch im Grunde meines Wesens eine ganz ernste, sentimentale Natur, wie diese Gegensätze ja häufig bei Schauspie­lern anzutreffen sind.

Es handelte sich um eine prachtvolle Rolle in einem ganz schweren Drama – ein blindes Bauernmädchen;  – ich hatte mit dem Film großen Erfolg.  Der Film war noch nicht fertig und schon bekam mein Direktor von allen Seiten Angebote für mich – er stellte natürlich jetzt kolossale Bedingungen – und so wird preisgetrieben und um die »Ware« gefeilscht.  Aber man ist ja so gern »Ware« in diesem Sinne, – man ist ja so glücklich, wenn geboten und überboten wird.

Ich habe meinen Vertrag mit dem Hoftheater gelöst und der Bühnenlaufbahn vollständig entsagt.

Niemals hätte ich das getan, wenn ich nicht auch in meinem neuen Berufe künstlerische Befriedigung gefunden hätte.

Ich kann Ihnen sagen, sehr verehrter Herr Doktor, ich bin glücklich und stolz auf meinen neuen Beruf – und ich fasse auch diesen Beruf als heilige Sache auf, gebe mein ganzes Kön­nen, mein ganzes Gefühl und Empfinden, gebe alles, was ich bin und habe – und wenn alle ihr Herzblut geben, dann ist der Film nie und nimmer Handwerk, sondern Kunst, edle Kunst.

„Was ich am liebsten spiele?“

Dramen und Schauspiele sind mir am liebsten – das ist halt mein Feld, mein Element; aber ich spiele auch sehr, sehr

gern ganz junge Mädchen, recht übermütige, ausgelassene, zu allen Streichen fähige Backfische, das müssen aber nur ganztolle übermütige Lustspiele sein, wo es sehr wild hergeht und wo sich das Publikum mal wirklich herzlich amüsiert.

Salondamenrollen hasse ich – das ist meiner Idee nach alles geziert und unnatürlich.

„Was empfinde ich angesichts meines eigenen Spiels?“

Ich habe auf der Bühne zwanzigmal die Kriemhild in den Hebbelschen Nibelungen gespielt, und ich habe an der Szene anSiegfrieds Bahre nicht so mitgefühlt und empfunden wie beim Film, als ich das blinde Bauernmädel spielte in einer Szene, wo ein junger Bauernbursch, der mich liebt, von mir Abschied nimmt und in die Fremde geht, weil ich ein Gelübde getan habe, ins Kloster zu gehen, falls ich wieder sehend werde.  – Die Tränen sind mir vor Herzweh über die Wangen gelaufen – und selbst bei der Vorführung auf der Leinwand hat’s mich wieder gepackt.

Wenn man sich erst daran gewöhnt hat, die Handlung ge­nau durchzuleben, auch wenn die einzelnen Szenen auseinander­gerissen sind, dann kann man genau so gefühlvoll und wahr spielen wie auf der Bühne.

Zu dem Thema„Läßt sich das Kinodrama auf ein höheres (geistiges und literarisches) Niveau bringen?“ bemerke ich,daß ich fest überzeugt bin, daß das schon in kurzer Zeit der Fall sein wird; – die bejahende Beantwortung ergibt sich übri­gens schon daraus, daß man daran geht, Goethe, Schiller usw. zu verfilmen und daß Ibsens Sohn bereits mehrere Werke sei­nes Vaters dem Film zugeführt hat.

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