Lya Ley Interview

Lya Ley

„Wie ich zum Filmen kam?“ fragen Sie mich.  Ja, offen­gestanden, das weiß ich gar nicht mehr so recht.  Das kam so von ganz allein als etwas Selbstverständliches.  Ich bin näm­lich, wenn man unter uns so sagen darf, zwischen den Kulissengeboren worden.  Mein Vater ist Schauspieler; meine Mutter seine Kollegin.  Also!

Was anderen Kindern der Puppenwagen ist, war mir die Bühne.  Schon als kleines Kind fühlte ich mich auf der Bühnesonnig wohl.  Zwar behaupten von meinem Bühnendebut böse Zungen, daß es nicht geradezu begeisternd war; aber dasstörte meinen Ehrgeiz nicht den Bruchteil einer Sekunde.  Ur­teilen Sie selbst, ob der Beginn meiner Laufbahn so unmög­lich war: Ich spielte als ganz kleiner Strolch den »Hansel« (für mich damals Bombenrolle) im »Verschwender«.  Und mein ganzes Verbrechen war, daß ich, bevor ich meine Sätze dem staunenden Publikum offenbart hatte, in die Versenkung fiel.  Es soll lange gedauert haben, bis man mich zwischen alten Requisiten und anderen Lumpen weinend und mit zerschlage­nen Gliedern aufgefunden hatte.  Aber am nächsten Abend stand ich, tapfer den Schmerz verbeißend, wieder an der Stätte meines gestrigen Durchfalls und sprach meine zwanzig Worte so fabelhaft herunter, daß nach meinem Abgang (Sprungdurchs Fenster) das Publikum raste.

Erst zu Hause erfuhr ich, daß ich bei dem Sprung das ganze Fensterkreuz und einen nebenstehenden harmlosen Ofen ein­gerissen hatte.

»Ja, ist denn das eine Beantwortung auf meine Frage, wie Sie zum Filmen kamen?« höre ich Sie höflich aber peinlichzurechtweisend fragen.

Und ich antworte: »Ja!«

Denn ein paar Jahre später stand ich als fünfzehnjähriger Backfisch immer noch auf der Bühne und träumte von FritziMassary-Kränzen und Lucie Höflich-Ehrungen.  Und da bin ich auch schon an dem Moment angelangt, den Sie erfahrensollen: nämlich, wie während einer Vorstellung im Berliner Theater am Nollendorfplatz, wo ich engagiert war, Paul Heide­mann auf mich zutritt und sagt: »Mieze, bist ein hübsches Mädel! Du mußt filmen!« Oh, wie mir da das Herz schlug! Aber lachen Sie doch nicht, lieber Doktor! Bedenken Sie doch mal: an mich kleines Mädel kommt der berühmte »Teddy« heran und sagt mir nicht nur, daß ich hübsch bin, nein! daß ich sogar filmen soll.  Am liebsten hätte ich »immer feste druff«, was wir gerade spielten, immer feste drunter gelassen und wäre stehenden Fußes immer feste druff zum Kurbelkasten gelaufen.  Ich sah schon im Geist, wie der sonst so mürrische Kolonial­warenhändler an der Ecke den Kopf hinter seinen Zuckerdütenhervorstrecken würde, wenn ich vorbeispaziere, und lächelnd vor sich hinsagt: » Schau, schau, das ist die berühmte Lya Ley!« Und in der Schule erst, die Lehrerin müßte mich siezen.  Ppp! Wer kennt denn Fräulein Spensicke?! Ja, das wird ein Name werden!

»Ja, na willst du nun oder nicht?« fragte Teddy – Ver­zeihung! – Paulchen Heidemann.  Und genau so beglückt undverwirrt, als hätte er um meine Hand angehalten, flüsterte ich:

» Sprechen Sie bitte mit Papa!« Mein Vater ist kein Unmensch, sondern im Gegenteil ein reizender goldiger Papa (was Sie übri­gens ja schon aus seiner Tochter erkennen können!).  Fünfund­dreißig Minuten nach der »Konferenz«, die ini CaféFriedrichs­hof an einem kleinen Tischchen stattfand, der mein Lieblings­platz geworden ist, hatte ich mein erstes Filmengagement glückstrahlend in der Tasche.

Wenn ich Sie mal irgendwo erwische, lieber Doktor, dann zeige ich Ihnen, wie hoch ich draußen in der Friedrichstraße vor Freude gesprungen bin.  In Worten kann man diese Meter­zahl nicht ausdrücken.

Kennen Sie die Aufschrift auf den Fünfminutenbrennern? ,Wer sich einmal daran gewöhnt hat, kann schwer davon lassen`,heißt das Motto.  So ging’s mit dem Filmen auch.  Die Rampen­beleuchtung verblaßte vor dem prächtigen Licht der Jupiter­lampen.  Paul Heidemann sorgte dafür, daß »Mieze« (jetzt Lya) immer nette Rollen bekam und aufstieg.

Aber ein wenig enttäuscht war ich doch.  Erstens mal, daß der Kolonialwarenhändler noch nicht freundlicher aufblickte,wenn ich vorbeikam, trotzdem ich doch nun ein Filmstar war; zweitens einmal, daß Fräulein Spensicke nicht im geringstendaran dachte, den Unterschied zwischen beiden – nämlich ihr und mir – durch ein »Sie« festzustellen, und drittens, daß ich bei der Erstaufführung meines ersten Films vor Schreck vor mir selbst aus dem Theater lief.  »Menschenskind,« dachte ich, »du trampelst ja wie ein kleiner Elefant!« Nach dieser Flucht vor mir selbst kam mir doch der Gedanke, daß ich ein­mal ins Kino blicken müsse, um wenigstens für den Applaus zu danken.  Aber o Grausamkeit! Keine Menschenseele rührte sich, wenn ich auf der Leinwand stand.  Nicht einmal der Platz­anweiser schien mich wiederzuerkennen.  » Na, entweder oder!«flüsterte er mir energisch zu, »hier dürfen Sie nicht stehen bleiben!« Also kam ich wieder zu mir und verließ tief gekränkt das Kino.

        Nachdem ich bei meinem ersten Lehrmeister in einer An­zahl Lustspiele mitgewirkt hatte, holte mich Hans Hofer für eine Serie.  Das Drama »Heidenröschen« und das Lustspiel »Der gepumpte Papa« sind wohl damals meine größeren Er­folge gewesen.  Später spielte ich beim Eiko-Film die Detek­tiv Story-Serie, unter der Leitung von Herrn Moest.  Auch einige nette Lustspiel – Ein- und Zweiakter spielte ich dort.  Viele Films bei vielen Firmen stellte ich inzwischen noch fer­tig, bis ich jetzt bei der Kowo-Film-Gesellschaft meine Lya­-Ley-Lustspiel-Serie spiele.  Es sind acht reizende Lustspiele, die mir sehr viel Freude bereiten.

Damit will ich nicht gesagt haben, daß ich in der Komödie lieber spiele als im Drama.  Beide Arten haben meiner Ansichtnach ihre Vorzüge.  Ich kann das schwer feststellen, was ich mehr liebe.  Einmal das Lustspiel, dann das Drama, alles zu seiner Zeit.  Wenn ich aber noch ein bißchen mein Herz frage, dann entscheidet es sich doch für die Komödie.  Wissen Sie,Doktor, Hosenrollen, die liegen mir, daß ich meine helle Freude dran habe.

Jetzt will ich aber Punkt machen.  Sonst schütteln Sie zu lange Ihr Köpfchen und notieren sich in Ihr Büchlein: »Redet gern von sich selbst!« Das ist aber nicht wahr.  Und wenn das doch jemand behauptet, so muß ich Ihnen die Schuld in die Stiefel (haben Sie noch welche?) schieben, denn Sie haben mich ja gefragt.  Aber darum keine Feindschaft.

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