Lu Synd Interview

„Was empfinde ich angesichts meines eigenen  Spieles?“­ –

Angesichts meines eigenen Spieles empfinde ich teils wie der normale Zuschauer, teils wie der berufsmäßige Kritiker.  Ich kenne ja die Handlung und das Erleben des Darstellers, ist es doch der Ausfluß eigenen künstlerischen Empfindens.  Mein eigen Spiel greift mich an, mehr als das der andern Künstler, denn ich empfinde viel mehr mit meinem eigenen Bilde, mit meinen lachen- oder schmerzerfüllten Zügen, als mit dem Spiel des Partners.  Sehe ich meine Hand sich krampfen in Leid, so weiß mein Herz genau, wie es damals schlug, als ich meine Seele darauf einstellte, den gedachten Schmerz zu empfinden – ihn dem Gesichtsausdruck mitzuteilen und so dem Publikum zu veranschaulichen.  Noch einmal spiele ich die Szene mit – und zugleich kritisiere ich mich, mache mir wohl auch Vorwürfe, oder ich bin mit mir zufrieden, bei allem aber bestrebt nach weiterer Vervollkommnung der seelisch mimischen Bearbeitung des vom Autor Geschaffenen.

„Läßt sich das Kinodrama auf ein höheres geistiges Niveau bringen?“­

In der Tat sehen wir täglich in unserer Umwelt Dinge mehr erkannt und daher gebessert werden, und dies auf jedem Ge­biet.  Warum sollte es nicht möglich sein, das »Drama im Licht­bild«, es ist ja doch die Wiedergabe des Erlebens, auf ein höheres geistiges Niveau zu bringen.

Zweifelsohne ist es außerordentlich schwierig, unvermit­telt Dramen eines hohen geistigen und literarischen Inhaltes vorzuführen, denen das erklärende Moment der wohlgesetzten Sprache fehlt.  Die Feinheiten, Stimmungsvarianten, auslösende Momente werden auf der Bühne durch das gesprochene Wort – das jedem Beschauer geläufig und daher auch in seinen feinen Abstimmungen bekannt zum Ausdruck gebracht, während beim Drama im Lichtbilde all dies durch des Mimen Spiel seinen Ausdruck finden muß.  Aber dieses Spiel der Mienen ist dem Zuschauer viel weniger vertraut als die Aus­drucksfähigkeit des gesprochenen Wortes.  Es wird daher die Entwicklung des Filmdramas bewußt-systematisch und all­mählich vor sich gehen, den Beschauer zur schärferen Beobach­tung, zum Sehen den Künstler zur Vervollkommnung des Mienenspiels erziehen.

In diesem Sinne allmählich-systematisch bemühe ich mich, in den Lu Synd-Spielfilmen nach höherer Entwicklung stre­bend.  Den Literaten wird so die Möglichkeit gegeben wer­den, immer zartere Feinheiten des seelischen Empfindungs­wesens zur mimischen Darstellung zu bringen, mit seinem Geschaffenen erhebend, belehrend, erschütternd, gleich dein gesprochenen Drama, seiner Mitwelt, mächtig sich ver­sichernd.

Das mehrminder Brutal-Realistische wird aus dem Licht­bild verschwinden, und mit dem größeren Einleben der Schauer in das Mienenspiel auf bebilderter Wand wird, wenn erst den Beschauern die vollendetere Sehen-Erfassungsfähigkeit er­wöhnt ist, ein Blick des Spielers weit zartester und mehr­sagender für den Zuschauer sein, als die etwas handfesten Effekte, die zur Zeit noch zur Verwendung teilweise benötigt werden und durch das Auge zum Selbsterleben für den Be­schauer umgestaltet werden.

Sind erst und das wird bald erreicht sein diese Vor­bedingungen erfüllt, was soll es für Schwierigkeiten geben, durchgeistigstes Mienenspiel in des Beschauers Seele zu er­gießen.

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