Lob der schwarzen Kirschen (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Des Weinstocks Saftgewächse ward 
Von tausend Dichtern laut erhoben; 
Warum will denn nach Sängerart 
Kein Mensch die Kirsche loben?

O die karfunkelfarbne Frucht 
In reifer Schönheit ward vor diesen 
Unfehlbar von der Frau versucht, 
Die Milton hat gepriesen.

Kein Apfel reizet so den Gaum 
Und löschet so des Durstes Flammen; 
Er mag gleich vom Chineser-Baum 
In ächter Abkunft stammen.

Der ausgekochte Kirschensaft 
Giebt aller Sommersuppen beste, 
Verleiht der Leber neue Kraft 
Und kühlt der Adern Äste;

Und wem das schreckliche Verboth 
Des Arztes jeden Wein geraubet, 
Der misch ihn mit der Kirsche roth
Dann ist er ihm erlaubet;

Und wäre seine Lunge wund, 
Und seine ganze Brust durchgraben:
So darf sich doch sein matter Mund 
Mit diesem Tranke laben.

Wenn ich den goldenen Rheinstrandwein 
Und silbernen Champagner meide,
Dann Freunde mischt mir Kirschblut drein 
Zur Aug- und Zungenweide:

Dann werd' ich eben so verführt, 
Als Eva, die den Baum betrachtet,
So schön gewachsen und geziert, 
Und nach der Frucht geschmachtet.

Ich trink und rufe dreymal hoch!
Ihr Dichter singt im Ernst und Scherze 
Zu oft die Rose, singet doch 
Einmal der Kirschen Schwärze!

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main