Lilly Flohr Interview

Lilly Flohr

Ihre Fragen möchte ich gerne so schön der Reihe nach be­antworten, wie Sie dieselben stellen, und glaube ich auch, daßdieses den Geboten der Logik entsprechen würde. – Aber wir Frauen haben unsere eigene Logik, oder – wie die Männerbehaupten – gar keine.  Ich für meinen Teil lege jedenfalls keinen Wert darauf und will einfach meine Lebensgeschichteerzählen und ein bißchen plauschen, dann beantworten sich alle Fragen ganz von selbst, wenn auch ein bißchen durcheinander­gewurschtelt.

Mein Vater, erschrecken Sie nicht, wenn ich so weit aushole, aber das gehört nun einmal zu meiner Geschichte, war einKünstler.  Nicht einer, den man fein säuberlich in einer Rubrik einsortieren kann, ja nicht einmal in ein ausgesprochenes Kunst­fach, sondern einfach eine Künstlernatur: Maler, Sänger, Musiker, Schauspieler, kurz: was man so nennt, ein Genie.

Als echter Wiener nahm er das Leben ein bißchen leicht.  Die Hauptsache war ihm das Schöne im Leben, das er überall suchte, in der Kunst, bei der Frau, in lustiger Gesellschaft guter Freunde.  – War’s Wunder, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fiel, wenn es noch dazu ein echter Wiener Apfel ist.

So trieb es mich schon als Kind zur Bühne.  – Mit acht Jah­ren spielte ich schon am Raimund-Theater in Wien Kinderrollen, mit vierzehn Jahren Soubrettenrollen. – Aber leider lernte ich auch früh auf diese Weise die Kehrseite der Medaille kennen.  – Denn die schönste Kunstbegeisterung verfliegt, wenn man zwei- oder dreihundertmal dieselbe Rolle spielen muß und doch das Zeug in sich fühlt, mehr geben zu können, als von einem verlangt wird.  Was lag da näher, als der Ge­danke an den Film? Da kann man in jeder Saison – – acht bis zehn verschiedene Rollen spielen; man kann alles zeigen, was man in sich hat und was man gestalten kann: Schmerz, Freude, Trauer, Frohsinn, Liebe, Wut, Haß.

So trieb es mich zum Film.  Ich habe immer mit großem Interesse die Antworten verfolgt, die bekannte Künstler auf die oft gestellte Frage gegeben haben, ob sie über oder in ihrer Rolle stehen, und mich immer gewundert, wenn einzelne ganz große Künstler erklärten, sie ständen über ihren Rollen – ich stehe jedenfalls mit meinen beiden Beinen mittendrin, aber nicht nur mit den Beinen, mit Kopf, Herz, kurz mit meinem ganzen Empfinden.  Ich erlebe meine Rolle so, daß ich mit ihr jauchze und weine und kann mir auch gar nicht vorstellen, daß Künstler, die nicht so empfinden, mit ganzer Seele bei ihrer Kunst sind.  Für mich ist meine Kunst nicht Beruf, sondern Lebensnotwendigkeit, die ich brauche wie die Luft zum At­men.  – Ich könnte mir einfach ein Leben ohne sie nicht den­ken.  Ich habe zeitweilig versucht, meine Kunst zu verlassen; aber es zog mich immer wieder mit unwiderstehlicher Macht zurück.  – Ich glaube, daß ich das mit allen Kollegen gemein­sam habe, daß ich mich am stärksten fühle, wenn ich eine Rolle habe, in welcher ich mit meinem ganzen natürlichen Wesen und Empfinden aufgehe.  Und zwar muß ich in der Rolle starke Effekte wiedergeben können: Freude, gemischt mit jauchzen­der Lust, mit ein ganz klein wenig Rührung.  – Also die rich­tige Wiener Mischung.  Ich gebe die Themen für meine Stücke selbst an und verfolge dabei den Gedanken, daß man am Kino etwas bringen muß, das berechnet ist auf die Instinkte der großen Masse, aber auf die »guten«.

Wir haben es ja alle beim Theater erlebt, welche Erfolge die Bestrebungen von Unternehmungen, wie die »Freie Volks­bühne« gehabt haben.  – Wie dankbar ist das Volk, wenn man ihm gute geistige Nahrung in einer ihm verständlichen Fassung darbietet. – Auch das Kino kann erheben, belehren unddoch unterhaltend wirken.  Die deutsche Literatur ist ja so reich, man braucht ja nur hineingreifen und man hat Themata genug, die man für das Kino, welches nun mal das geistige Brot für das Volk ist, umgestalten kann.  So viel Gutes ist da, daß man reichlich geben kann, ohne geistige Brotmarken.

Ich hoffe, daß ich wenigstens einigermaßen zufriedenstellend Ihre Fragen beantwortet habe; wenn nicht, seien Sie mir nichtböse; aber ich bin nun mal keine Schriftstellerin, sondern nur so ein echtes Wiener Madl mit an großen Trum Gefühl.

Bibliographic Information
Author: