Lied einer schlesischen Weberin (Poem, 1991)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Wenn's in den Bergen rastet,
Der Mühlbach stärker rauscht,
Der Mond in stummer Klage
Durch's stille Strohdach lauscht;
Wenn trüb die Lampe flackert
Im Winkel auf den Schrein:
Dann fallen meine Hände
Müd in den Schooß hinein.

So hab' ich oft gesessen
Bis in die tiefe Nacht,
Geträumt mit offnen Augen,
Weiß nicht, was ich gedacht;
Doch immer heißer fielen
Die Thränen auf die Händ' –
Gedacht mag ich wohl haben:
Hat's Elend gar kein End? –

Gestorben ist mein Vater, –
Vor Kurzem war's ein Jahr –
Wie sanft und selig schlief er
Auf seiner Todtenbahr'!
Der Liebste nahm die Büchse,
Zu helfen in der Noth;
Nicht wieder ist er kommen,
Der Förster schoß ihn todt. –

Es sagen oft die Leute:
"Du bist so jung und schön,
Und doch so bleich und traurig
Sollst du in Schmerz vergehn?" –
"Nicht bleich und auch nicht traurig!"
Wie spricht sich das geschwind
Wo an dem weiten Himmel
Kein Sternlein mehr ich find'!

Wohl weiß ich, wie die Deinen
In Noth und Kummer sind; 
Drum willst Du bei mir ruhen 
Der Nächte drei und vier, 
Sieh' dieses blanke Goldstück! 
Sogleich gehört es Dir!"

Ich wußt' nicht, was ich hörte – 
Sei Himmel du gerecht 
Und lasse mir mein Elend, 
Nur mache mich nicht schlecht! 
O lasse mich nicht sinken! 
Fast halt' ich's nicht mehr aus,
Seh' ich die kranke Mutter 
Und's Schwesterlein zu Haus'!

Jetzt ruh'n so still sie alle, 
Verloschen ist das Licht, 
Nur in der Brust das Wehe, 
Die Thränen sind es nicht. 
Kannst du, O Gott, nicht helfen,
So lass' uns lieber gehn, 
Wo drunten tief im Thale 
Die Trauerbirken steh'n! –

Jetzt – nur jetzt verlaß' uns nicht! 
Unser Purpur will erbleichen, 
Unsre Macht zerfällt in Scherben; 
Lass' mit Blute sonder Gleichen 
Uns den Purpur wieder färben! –

Mögen sie zum Himmel beten
Und mit neu gestärktem Muth 
Eines Volkes Recht zertreten, 
Pochend auf des Höchsten Huth: 
Taub und schwach sind ihre Götter,
Taugen nur zum Spiel der Spötter; 
Doch der Geist, der ewig freie,
Gibt dem Volk die Siegesweihe!

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main