Landregen (Poem)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

Hilf Gott, wie ist die Welt so naß! 
Regen, Regen, Regen! 
Schon drei Tag' ohn' Unterlaß 
Schwimmt's auf allen Wegen. 
Um die Hügel spinnt's, 
Von den Dächern rinnt's, 
Und die Leute blau gefroren, 
Wie mit dem Regenschirm geboren. 
Nebel liegt auf See und Land, 
Wie ein graues Packtuch ausgespannt. 
Deutsche Natur, dran erkenn' ich dich,
Wie die Hausfrau sparsam und bürgerlich: 
Diese Wälder und laubigen Höhn 
Wären für alle Tage zu schön, 
Deckst sie mit grauem Segeltuche, 
Sparst sie für seltene Sonntagsbesuche,
Und die Berge, so fern und fahl, 
Steckst du ins Wolkenfutteral.
Drunten im lieben, im goldenen Süd 
Wird die Sonne zu scheinen nicht müd, 
Scheint sich selber zu Lust und Ehr', 
Tut nicht, als ob's was Besonderes wär'.
Dort, ja dort! 
Hier aber plätschert es fort. 
Nach dem Wahlspruch biederer Bürgersleute: 
Wie wir's gestern getrieben, so treiben wir's heute,
Plätschert's aus purer Gewohnheit fort.
Güsse folgen auf Güsse, 
Nordische Sommergenüsse.
Und das Licht der Laternen, das qualmerstickt 
Mit hundert Augen aus Pfützen blickt, 
Die Wiesen Moräste, die Straßen Leim, 
Die ganze Welt wird ein Niflheim.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main