Kommt mit (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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In der weiten, fremden Ferne, 
Wo das jugendstarke Leben 
Fröhlich schlägt den Takt der Tage,
Ihnen Licht und Klang zu geben, 
Draußen, bei des Muts Posaunen, 
Bei der Zukunft leisem Raunen, 
Wohnt das Leben, wohnt das Glück.

Doch ich steh' in dumpfer Werkstatt, 
Zwischen Riemen und Maschinen,
Selber nur ein stummes Rädchen,
Einem fremden Gott zu dienen. 
Einem Götzen, dessen Klauen 
Scharf in meine Muskeln hauen, 
Der mein Blut zu Gold sich münzt.

Ball'n sich mir im Zorn die Hände 
Fängt der Vater an zu fluchen,
Und die Mutter, zagen Sinnes 
Will das alte Lied versuchen: 
"Kümm're dich um andre Sachen,
Du wirst's auch nicht besser machen, 
Reize nicht der Mächt'gen Zorn."

Doch aus meines Vaters Flüchen 
Und aus meiner Mutter Tränen, 
Wiederhallt in meinem Herzen 
Nur das eigne tiefe Sehnen – 
Laßt das Schelten, laßt das Klagen, 
Seht, in euren alten Tagen 
Formt sich euer Jugendtraum.

Seht, es nah'n in stolzen Reihen 
Meine Schwestern, meine Brüder; 
Bringen euren alten Herzen 
Eure eigne Jugend wieder. 
Ihren Siegruf hört ihr schallen 
Und die alten Götzen fallen 
Vor dem neuen Morgenrot.

Laß alles andre hinter dir, 
Ich hab' dich jetzt ans Herz genommen.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main