Klagegedicht einer anonymen Dichterin (Graserin) (16. Jh.)

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This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Ein grosse Clag der armen
                                 Leyen. Zü Gott dem Herren          Leyen = Laien
                                    Von der Pfaffen wegen
                                      Zuo ainem Faßnacht.
                                               Kiechlin.
 
 
Die stoltze Graserin hats gemacht
Deren sye gehoffiert hand vff der Kindlin achst. = um der Kinder willen
 
[hierauf folgt ein Holzschnitt mit Gott als thronende Erscheinung über zwei Scharen von Laien]
 
Ach Gott ist es nit ain arm ding
das die Pfaffen so toub vnd blind sint.
Können weder sehen noch hören
vnd sollent vns armen Leyen leeren
thün vns vil bedüten                                                                          5
wie es by Iohannes Hussen Zeitten.                                               
so seltzam vnd wild ergangen ist
vermeinen das wir zü disser frist.
sollen sein so schnel gerist


doctor Martin Luther zuo erkennen                                                 10
vnd jn ein Ketzer nennen.
vartzuo glich jm Lauff verbrennen.                       vartzuo = wobei
on alles überwunden
vnd haben nichts Args an jm funden.
vnd vermeinen in disen Sachen                                                       15
mir Leyen sollent vns des Adels Findt machen          Findt = Feind
als ob Luther wider vns hab gethon
vnd wir es nit konden verston.
dorumb das er von irer Biebery seyt.          Biebery = Buberei/Übeltat
das die heiligen Apostel vß haben geleyt.                                    20
vnd wolten vns in das Spil hetzen
dörffent doch nit jre Zeen wetzen.                             Zeen = Zähne
mit dem Luther vmb ein Zipfel rissen
nit einen Buochstaben vß seiner Leer bissen.
weder in der Schuol noch in Arguwieren Arguwieren = Argumentieren 25
ir keiner kan mit jm disputieren.
allein richtent si es vß mit Boch                                 Boch = Schmutz
als ob Luther wer ein schmutz Koch.
der nit weißt was er seyte                                                seyte= sagte
aber o Herr es ist jnen leyt.                                                          30
das du in hast so wol gelert
er seyts heruß wie es gehört.
vnd bringt sye yetz in Schand [A ii]
das weiß menglich zuo hand.                               menglich =  viele
deßhalb so wolten sye gern                                                              35
der Leer der heiligen Appostlen entbern.
nur das jnen blib ir Stadt                                                 Stadt = Stand
achten nit wie es der Kirchen noch Leyen gadt.
allein sye des Gits vnd Hoffart achten                                 Gits = Gut
und der jungen glatten Huoren Drachten.  
                                              Huoren= Huren; drachten = Kleider 40


wie sye das möchten vß richten schon
sye wolten die Kirchen gern lon.
jn jrem alten Wesen blyben
aber kein Huor von jnen triben.                                  Huor = Hure
sunder bey jrer Byeberey beharren.                                                 45
schwig Luther still sye hielten in für ein Narren.
vnd meinen er hat michs gelert
sunst so er jnen die Worheit für kert.                Worheit = Wahrheit
jr Schand Schmoch vnd Leckery
die jnen alle Zeyt wonet bey.                                                      50
dartzuo ir grosse Symony.
so kumpt ein jeder Pfaff gelauffen
wil sein Schand mit seinem nechsten Fründ verkeuffen
fohet an mit jm zuo haderieren fohen = anfangen; haderieren = handeln
vermeint in mit Gewalt ins Garn zuofieren.                                 55
                                                                          zuofieren = zu führen
als ob er das weren solt
vnd ist in sunst weder trew noch hold.
ist derley schon vß seyner angeborner Art.
dannocht geheyt den Pfaffen die Hoffart.       geheyt = zukommen
vnd thuon die Weltlichen aber verachten                                         60
als ob sye das Vnglück machten.
kemm sollichs von den Leyen für
vff vnser Trew so glauben wir.
die Pfaffen wurden Roeck vnd Mantel wogen
so aber Luther geistlich dörffen sey nit fragen                            65
dann sye erkennen das sye Narren sindt   [A iii a]
vnd wissen minder dan der Affen Kindt.
wir achten aber die Pfaffen haben zamen gesworen
könten sye vß vns machen Thoren.
das wir die Sachen griffen an                                                          70
sye sprächen es hettens die Narren gethon.


wie sye sunst mit andern Sachen.
auch vil Hader vnd Zanck machen.
hüpen den Adel zuom höchsten vß                          hüpen = erheben
dartzuo manchen Frummen in seim Hauß.                                  75
lond sich auch des nit beniegen                          beniegen = begnügen
Weib vnd Kind sye Schand zuofiegen.
alles was sye können erdencken
mag es anderst nit sein so thuon sye schencken.
einner alten Kupplerin                                                                     80
zü der wochen zwo oder drey Moß Wein.
die muoß von Leüten Schant sagen    
das sye nie bey allen iren Tagen.
hand in iren Sin genommen
dises Übel thuot alles von den Pfaffen kuommen                       85
auch von Clöstren vnd Stifften
köndten sye vnß armen Leyen vergifften.
das wir kämen in dise pein
dorin die Pfaffen Luthers halben miessen sein.
so wurden sye vnser spotten                                                            90
vnd sich darnoch bald rotten.
die stoltze Graserin singen
aber hundert Jor züm Tüfel springen.                        Tüfel = Teufel
wie sye in den heyligen Festen vnd Tagen
alle Tüfel vnd Münsch hüren vmb jagen.                                    95
wie sye hant gethon seidher des Hussen Zeyt    
der Tüfel laufft in jnn der Heüt.
darumb wir arman Leien
liegen in grossem Spüen. [A iii, b]
sye thuon vnß alle Zeyt blenden                                                    100
wie sye vns köntten schenden.
mit irem vnzalbaren Geyt                                                  Geyt = Geiz
sye achten vns gantz für nüt.                                        nüt = nichts


frogten auch nit wie es vns gieng
wan ir yeder nit meer dann entpfieng.                                       105
des Jors fünff oder sechs hundert Gulden
sye ächten keines Verschulden.
gegen Gott noch der Welt
hetten sye nit meer dann das Gelt.
dorumb sye solten lesen vnd singen                                              110
dann wurden sye aber an den Galgen springen.
gon in den Chor als Pfaffen
können nit meer dann ander Wald Affen.
weder lesen singen noch sagen
man solt inen Dreck in die Müler schlagen.                               115
das sye synd also vngelerdt                                                                
vnd sich nicht dann der Geyt an in Nerdt.               Nerdt = ernährt
o Herr hast du sye das auch gelerdt.
 
 
  CAntwurt von Gott dem Herren den
armen Leyen wider die Pfaffen.                                 
 
 
COr ir lieben gewilligen Armen
zuo sagen wil ich mich eüwer erbarmenn.
Pfi pfi dich ir Pfaffen vnd wiesten Narren         wiesten = wüsten
wann die Leyen wider den Luther wolten beharren
ir solten sagen es gieng sye nicht an                                                   5
sunder Luther wer ein geystlich Man.
vnd sagt von geistlichen Sachen


jr Pfaffen solten das Spil selb vßmachen.
mit der heyligegen Schrifft vnd Leren
die armen Leyen nit also verkeren. [Aiii, a]                                10
den heiligem Christlichen Glauben zieren
mit guoten Wercken vnd heylsamen Studieren.
den rechten Glauben zuo erkennen
nit bald also einen Ketzer nennen.
vnd die Leyen nit also in das Spil hauwen                                       15
vnd so gar vnder die Fuoß Frawen.
dann die Leyen sind eüch zuo schlecht
vnd glauben bald man sag innen recht.
sig wor was ir sagen                                                                sig = sei
thuond darnoch mit Füsten drin schlagen        Füsten = Fäusten 20
das ist wider mich dann ein armer Paur
ist glich als wol mein Creatur.
als ir grossen Pronosen vnd Pfaffen
sehent doch ettlich vnder vch wie die Affen.
mit eüwer Zierd vnd Berden                             Berden = Gebärden 25
die ir triben [wider mich] vff Erden.
hetten jr nit Zins Gült vnd hohe Pferdt
jr wären jnn Orden nit eines Furtz werde.
vnd hand die armen Leyen betrogen
vnd ist doch allsamen erlogen.                                                    30
darumb gebeüt ich vch von wegen der Leyen
thuon sye nit zuo einem Bluotuergiessen bewegen.
dann ich wil sye nit lon
vnd inen allzeit treüwlich beyston.
 
 



[.......................................]
 
Dancksagung Gott dem Herren
von den armen Leyen.
 
 CO Herr das begeren wir alle samen.
vnd sprechen mit Andacht vnsers Hertzen Amen.  [B ii, b]
 
 
 
FRAGEN ZUM TEXT:
 
— Welche Kritik wird gegen die Kleriker erhoben?
 
— Wie verteidigt die Dichterin Martin Luther?
 
— Was sagt sie über die Laien aus?
 
— Inwieweit hat Geld die katholische Kirche verdorben?

Bibliographic Information
Editor: 
Dr. Albrecht Classen