Kind und Tier

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Wien, Mittwoch                Neuen Freien Presse.           (date unknown)           Seite 9-10
Kind und Tier.
Zum 80, Geburtstag desWiener Tierschu­­tz
Vereines.
Von Dr. Eugenie Schwarzwald.

 
Es gibt tierfeindliche Erwachsene, aber nur sehr wenig tierfiendliche Kinder.  Wenn sie nicht aus Unverstand Grausamkeiten begeben oder von törichten Leuten zur Furcht angelert werden, so leben sie mit den tieren in einer Eintracht, wie sie wohl im Paradiese gewaltet haben mag.
            Als Kind war ich mit einer Kuh eng befreundet, die hieβ Lifotschka.  Wie entsetzt war ich, als ich im Volkschullesebuch ein Stück fand, welches überschrieben war „Daβ nütschliste Haustier“.  Da stand zu lesen, wie jeder Teil der Kuh für den Menschen am besten nutzbar zu machen sei.  Gar nicht wie von einem lebendigen Wesen war da die R_be.  Es war mir unmöglich, meine Freundin vom Nützlichkeitsstandpunkt aus anzusehen.
            Als ich anfing, mich mit Kindern berufsmäsig zu beschäftigen, merkte ich , das sie meine Kindheitsempfindungen teilten. 
            Drei Schulaufsätze der Achtjährigen aus dem Jahre 1908.  Annie:  „Warum ich keinen Alkohol trinke.  Einmal haben wir in Baden gewohnt und der Hausherr und die Hausfrau haben immer getrunken, aber in der Nacht haben sie sich immer geschlagen.  Und bei Tag haben sie immer so dumm geredet.  Aber die Tiere sind viel gescheiter.  Das ficht man daraus, weil wir haben unserem Hund Likör geben wollen und er hat ihn nicht getrunken.“  Herbert:  Harry und Daisy, ein Vergleich:  „Harry un Daisy sind Hündchen, beide haben ein schwarzes Fell.  Sie begleiten mich in die Schule.  Aber Harry kann viel mehr Kunststüche als Daisy.  Während Harry auf das erste Wort hört, ist sie manchmal etwas blöd un riesig eigensinnig.  Da Harry nicht sehr gut ficht und oft an den Straβenecken stehn bleibt, holt ihn Daisy beim Ohr-waschel und bringt ihn schwänzeld zurüch.  Vor zwei Wochen bekam sie seiben Junge, wovon leider eines tot war.  Harry fühlt sich stolz als den Jungen ihr Stiefvater.  Das ist er nämlich, denn er hat schon vor Daisy eine andere Frau gehabt.“  Franz:  Mein bester Freund.  „Mein bester Freund ist Caro.  Den habe ich wirklich am liebsten.  Er ist nur ein Pudel und doch habe ich ihn so gern.  Ich habe ihn jetzt schon so lange.  Wenn er sterben wird, werde ich so traurig sein, daβ ich auch sterben werde.  So gern habe ich ihn.  Auβer ihm habe ich gar keinen Freund mehr.“
            Ich weiβ also genau, wie Kinder über Tiere denken.  Darauf gestützt, habe ich mich einmal als junge Schuldirektorin in einer Elternversammlung höchst unbeliebt gemacht.  Man sprach davon, ob man Kinder dazu zwingen solle, ihre Verwandten zu lieben.  Da lieβ ich mich hinreiβen, zu sagen, mir sei kein Wiener Kind bekannt, welches nicht geneigt wäre, seine Tante gegen zwei weiβe Mäuse auszutauschen.   Seither bin ich gereist und habe meine Meinung geändertNunmehr hat die Ueberzeugung in mir Raum gewonnen, daβ zu diesem tausch schon eine weiβe Maus genügt. 
Gewohnt, inTierangelegenheiten mich mit Kindern zu beraten , bin ich letzthin, als ich über den Tierschutzverein schreiben sollte, der seinen achtzigten Geburtztag feiert, in eine Schulklasse, in der kleine Mädchen sitzen, gegangen. 
            So oft ich mich über dumme öffentliche Reden, schädliche politische Maβnahmen, törichte und grausame Weltereignisse errege, gehe ich in eine Klasse.  Dümmer als die Männer, die die Welt regieren, sind diese Kinder auch nicht, dafür aber hübscher und besser. 
            „Warum liebt ihr Tiere?“ frage ich. Alle wollen zu gleicher Zeit antworten.  Endlich löst sich aus dem Verwirr ein zartes Stimmchen:  Lotte.  Sie sagt:  „Eind Pferd ist dankbarer für ein Stückchen  Zucker als ein Mensch für ein gutes Wort.“  Lore:  „Ein Pferd weiβmit den Augen etwas zu sagen, die Menschen schauen meistens sad aus.“  Maria:  „Ich liebe die Tiere, weil man ihnen unrecht tut.“  Hansl:  „Kein Mensch ist so zierlich und munter, wie ein Zeifig.“  Poldi:  „Ich habe alle Tiere gern, nur Katzen kann ich nicht leiben weil sie Vögel, und Menschen nich, weil sie Fleisch fressen.“  Mizzi:  „Ich habe meinen Hund gern, weil er ganz von mir abhängig ist.  Er hat keine originellen Einfälle, deshalb ist er mit meiner Originalität zufrieden.  Alle Leute sagen, ich soll ruhig sein, er liebt es, wenn ich rede.  Bei den anderen Leuten bin ich froh, wenn sie bemerken, daβ ich im Zimmer bin.  Er ist glücklich, wenn ich ihn beachte.“  Franz:  „Ich liebe meinen Hund, weil ich stolz darauf bin, daβer eifersüchtig ist.“  Hedi:  „Wir haben einen Hund, der hat drei veschiedene Beziehungen.  Eine geistige zu meinem Vater, der ist das „Herr“.  Eine geschwisterliche zu mir, weil wir mitsammen spielen.  Und eine gewöhnliche Liebe zu unserem Stubenmädchen, welches ihm Essen gibt.“  Sofi:  „Wir haben zwei Hunde, einer: groβen deutschen Borer, der ist ein Mann und hat einen guten Charakter, und einen kleinen schwarzen Affenpinscher, der ist eine Dame.  Sie ist sehr schön und wachsam und geistreicher als er, aber sie keift und keppelt den ganzen tag und ist überhaupt eine Rivalin.“  Luise:  „UnserBello ist nicht meine erste Hundeliebe, aber er darf es nich wissen, denn er kränktsich, wenn ich einen anderen nur anschaue.“
            Aber nicht alles ist so lustig, was die Kinder sagen.  Liesl:  „Der gröβte Schmerz meines Lebens war, als unser Hund verloren ging.  Wir suchen ihn seit fünf Jahren.“  Mit bedenklicher Miene äuβert sich Toni:  „Ich habe früher Pferde sehr gern gehabt.  An den vorigen Ferien war ich aber auf den Land bei meinem Onkel und habe dort reiten (this piece is cut off, can’t read) aber seither fühle ich mich den Pferden entfremdet.“  Dorri:  „Als wir aus Bosnien abreisten, hat unsere Kuh geweint.“  Grete:  „Unser Nachbar hat seinem Dobermann Schwanz un Ohren stuβen lassen.---Die menschen sind doch zu dumm,“  feβt sie überzeugt hinzu.  Des Schlimmste aber had Erika erlebt:  Ihr alter Onkel kam nach Hause, sien getreuer Hund sah aus dem zweiten Stock zum Fenster nach ihm aus.  Da bekam der Onkel vor der Haustür einen Sclaganfall und stürzte zusammen.  Der Hund sprang ohne Besinnung auf die Straβe und blieb tot liegen. 
            Alle sahen traurig aus.  Um sie auf andere Gedanken zu bringen, fage ich:  „Wiβt Ihr etwas vom Tierschutzverein?“  Alle wissen alles.  Die Antworten übersturzen sich.  Maria reiβt das Wort an sich:  „Ich liebe den Tierschutzverein, weil er aus gewöhnlichen Menschen Tierfreunde macht.“—„Wie macht er das?“ frage ich.  „Er schimpft sie und lobt sie.“  Hedi:  „Ich liebe den Tierschutzverein, weil er Häuschen für Vögel ausstellt.“  Luise:  „Ich liebe den Tierschutzvereine, weil er Futterplättze für Rehe anlegt.“  Jini:  „Der Tierschutzverein ist mein Lieblingsdichter.  Eir hat nämlich ein Buch geschrieben, welches heiβt „Schwarzfellchen“  und das ist mein Lieblingsbuch.“ — „Aber,“ sage ich aufklärend, „diese Bücher gibt er ja nur heraus.  Er hat sie nicht selbst verfaβt.  Ein ganzer Verein kann doch nicht ein Buch schreiben.“ — „Warum,“ ruft Gerda, „voriges Jahr war eine Operette, die haben vier Personen zusammen gemacht.“  Alle lachen.
            Erheitert durch so viel unverbildeten und unbestechlichen Verstand, verlasse ich die Klasse.  Auf dem Gang steht mein dicker Freund Franzl aus der zweiten Volkschulklasse.  Ich spreche ihn an:  „Du Franzl, der Tierschutzverein hat seinen achtzigsten geburtstag.  Was wunschest du ihm denn?“  Die Antwort erfolgt prompt, wie asu der Pistole geschossen:  „Guten Morgen!“
            Diesem Wunsch schlieβe ich mich an.  Möge es in den Herzen un Hirnen der Menschen tagen, dann bricht für den Tierschutzverein ein neuer guter Morgen an.  

Bibliographic Information
Publication Place: 
Wien
Press: 
Neue Freie Presse