Im Grase (Poem)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

Süße Ruh, süßer Taumel im Gras, 
Von des Krautes Arome umhaucht, 
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut, 
Wenn die Wolk am Azure verraucht, 
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab, 
Liebe Stimme säuselt und träuft 
Wie die Lindenblüt auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht, 
Die geschloßne Wimper bewegt, 
Tote Lieb, tote Lust, tote Zeit, 
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flüchtger ihr als der Kuß 
Eines Strahls auf den trauernden See, 
Als das ziehenden Vogels Lied, 
Das mir nieder perlt aus der Höh, 
Als des schillernden Käfers Blitz, 
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der heiße Druck einer Hand, 
Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses eine mir: für das Lied 
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum, 
Jeder warmen Hand meinen Druck, 
Und für jedes Glück meinen Traum.

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main