Ich hab nunmehr die lengste zeit

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version
This text was graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona.

1. Ich hab nunmehr die lengste zeit
gelebt allhie auff Erden:
mein Abscheidt, hoff ich, ist nicht weit,
daß ich erlst sol werden
Von frh vnd spat gehabter noth,
viel Kranckheit, Leidt vnd Schmertzen
durch einen sanfften seligen Todt,
des trst ich mich von hertzen.
 
2. Vor vielen Jahren, ein lange zeit,
sind nicht viel stund vergangen,
Da viel vnglück mit allem Neidt
mich Creutzweiß hat vmbfangen
Da Schmertz im Bein, da Grieß vnd Stein,
da Flüsse vnd anders Plagen,
ist selten kommen eins allein,
vnmüglich ists zu sagen.
 
3. Noch hab ich alles gedültiglich
biß anher vberwunden,
Durch Christum, der mir wunderlich
noch hilfft zu allen stunden:
Demselben hab ichs heimgestellt,
mich in sein willen ergeben,
zu handeln wie es jhm gefellt
mit meinem Todt vnd Leben.
 
4. Hab mich allzeit mit Gott getrst,
daß er solch grosse schmertzen
Meinem Madensack anhengen lest

aus Väterlichem hertzen,
Daß ich mich nicht ins zeitlich flicht,
die Welt gar lern verachten,
vnd nur all mein gedancken gericht
dem Himmel nach zu trachten.
 
5. Drumb hab ich in all meiner noth
allein nach Gott verlangen,
Vnd halt nur für ein schlechten koth
die Welt mit jhrem prangen,
Weiß den bescheidt, daß alles leidt,
so groß es sey auff Erden,
der himmelischen Herrligkeit
nicht mag vergleichet werden.
 
6. Verhoff vnd gleub es vnbewegt
daß mir die Kron der Ehren
Durch seine gnad sey beygelegt,
kein vnglück kan das wehren.
Denn kein anstoß, wedr klein noch groß,
wie man es auch kan kennen,
von Gottes Lieb vnd seiner Schoß
die Christen kan abtrennen.
 
7. Drumb Teuffel, Welt vnd alle feind,
euch sol noch mißgelingen!
Wie bß vnd trotzig jhr auch seid,
werdt mir kein schaden bringen:
Braucht nur gewaldt, so helfft jhr baldt,
wie ichs begehr mit frewden,
aus dieser Leibes armen gestalt
von allem leidt zu scheiden.
 
8. Allein HERR Christ, halt du mich steiff
auff deinen guten wegen,
Daß ich dich mehr vnd mehr ergreiff
vnd streck mich dir entgegen,
Thu was dir gefelt, vergesse der Welt,
zugleich mit allen Summen,
Gut, Ehr, gesundheit, glück vnd Gelt,
allein dich zu bekommen,
 

9. An deiner Gnad ohn allen fehl
nahe bey dir zu bleiben,
Marck, Haut vnd Bein, auch Leib vn(d) Seel
grad zu deinm Wort zu treiben,
Finden dein hult in der gedult,
zufellig leidt zu leiden,
Panier der Welt, der Sünden schuldt,
den Teuffel auch zu meiden.
 
10. Die vns das Liedlein hat gemacht,
ist schon beuor genennet:
Im Neunden gesetz man jhr gedacht,
an ersten Silben kennet.
Sie hat ohn frewd zubracht jhr leidt,
jhr leben gar zusammen,
auff jren Abscheidt sie sich frewt,
selig zu sterben. AMEN.

Bibliographic Information
Publication Date: 
1612
Publication Place: 
Hamburg
Press: 
im Christlichen Gesangbuechlein (dort S. 337)