Hilde Wörner Interview

„Wie ich zum Film kam?“ –

Vor ungefähr Jahresfrist wurde hier am Berliner Theater durch Abgang der Lisa Weise die Stelle einer ersten Sou­brette frei, und ich hatte das Glück, daß die Wahl auf mich fiel.  Hierdurch kam ich im Berliner Theater in eine exponierte Stellung, so daß das Auge der Star suchenden Kinodirektoren leicht auf mich fallen konnte.  Dies geschah dann auch in kür­zester Zeit, indem mich der bekannte Direktor der »OliverFilmgesellschaft«, Herr Bolten-Baeckers, engagierte.  Ich habe hierbei großes Glück gehabt, indem ich nicht den gewöhn­lichen Weg durch kleine Rollen und Kompanserie zurück­legen mußte, sonden gleich als sogenannter Serienstar, dieses ist das höchste, was eine Kinodiva anstrebt, engagiert wurde.

Die zweite Frage, „wie ich mich durchsetzte“, kann ich noch nicht restlos beantworten, da sie noch nicht entschieden ist.

Die dritte Frage, „was ich am liebsten spiele“, möchte ich damit beantworten, daß ich darauf hinweise, was mir am bestenliegt.  Am besten liegt mir im Film das Fach der jugendlichem Salondame  mit abwechselnd sentimentalem und humoristi­schem Einschlag.  Kennen Sie »Die Siebzehnjährige« von Max Dreier? Das ist beispielsweise eine Rolle, die mir sehr gut liegt.

Die vierte Frage, „was empfinde ich angesicht s meines eigenen Spiels?“ ist nicht leicht zu beantworten.  Vor Aufnahmeeiner jeden Szene versuche ich, mich ganz zu absorbieren und vollständig in meiner Rolle, respektiv in die Lage der Person,die ich darzustellen habe, hineinzuversetzen.  Das gelingt mir manches Mal und manches Mal auch nicht.  Gelingt es mir, so habe ich sofort das Gefühl, und es wird mir auch später be­stätigt, daß ich gut war.  Gelingt es mir nicht, so wirkt die Leistung später erkältend und lediglich routiniert.  Ob ich in Stimmung komme, hängt von sehr viel verschiedenen Um­ständen ab.  Vor allem davon, ob es der Regisseur ersteht, mich in Stimmung zu setzen, weiter, ob mein Partner mir sym­pathisch ist und zuletzt, daß die ganze Umgebung mich nicht aus der Stimmung bringt.  Bei den Aufnahmen haben wir meistens Musik und hilft mir diese sehr dazu, in Stimmung zu kommen.

Ihre letzte Frage ist: „Läßt sich das Kino-Drama auf ein höheres (geistiges und literarisches) Niveau bringen?“ Auch diese ist schwer zu beantworten.  Vor allem ist zu berücksich­tigen, daß das Publikum nicht dasselbe ist wie im Theater, sondern sich zum großen Teil aus geistig nicht sehr durch­gebildeten Leuten rekrutiert.  Dadurch ist der Filmfabrikantgezwungen, eine gewisse Kitschigkeit im Kinodrama aufrecht zu erhalten, um seine Films zu verkaufen.  Das Kinopublikumgeht ins Kino und will sich nicht groß geistig anstrengen, sondern will lediglich unterhalten sein.  So habe ich die Be­merkung gemacht, daß am besten unterhaltend entweder spannend ausgebaute Sujets oder sentimentale Rührstückewirken.  Meiner Ansicht nach ist es nun Aufgabe der Kino­dramaturgen, dieses Bedürfnis des Kinopublikums nach einergewissen Kitschigkeit mit einem gewissen literarischen Wert zu verbinden.  Die Lösung dieser Aufgabe ist meines Erach­tens sehr wohl möglich.

Dann schreiben Sie noch eingangs Ihres Briefes über Kino­divas.  Hierzu möchte ich noch einige Worte bemerken.  Im deutschen Filmbetrieb kommen jetzt viel weibliche Stars auf, die lediglich, weil sie hübsch sind oder weil sie irgendeinenfinanziellen Hintergrund haben, als Star herausgemanaget wer­den.  Wenn eine solche Dame keine wirkliche Kinodiva ist, d.  h.  wenn sie nichts kann, so wird sie sich auch mit den größten Mitteln hinter sich nicht halten können, sondern sie wird vom Publikum abgelehnt werden.  Sie können dies oft in der Praxis verfolgen.  Meines Erachtens ist es vor allem unbedingt not­wendig, daß eine Filrndiva, die sich durchsetzen will, erstens über eine starke persönliche Note verfügen muß und zweitens große darstellerische Fähigkeiten haben muß.  In dritter Linie kommt meines Erachtens erst das Äußere.  Das beste Beispiel haben Sie an Asta Nielsen.  Diese ist an und für sich abschrek­kend häßlich.  Sobald die Frau aber zu spielen anfängt, ver­steht sie es, durch ihre fabelhafte Kunst, das Publikum ihr Äußeres vergessen zu machen.

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