Hanni Weisse Interview

Hanni Weisse

„Wie ich zum Film kam?“

Ja! hier hat wirklich einmal der Zufall ein Schicksal bestimmt.  Sie können es mir glauben: es war wirklich lediglich der Zu­fall, der mich in die Arme des Films geführt hat.

Es war im Jahre 1912.  Ich stand im Engagement heim »Königlichen Belvedere« in Dresden, das eine Tournee durch ganz Deutschland unternommen hatte, die mich damals auch nach Berlin führte.  Zufällig kam ich eines Nachmittags ins »Admiral-Café«, um meinen Agenten zu sprechen.  Den traf ich freilich nicht, dafür lernte ich aber Max Mack kennen, der mich sofort für die Vitaskop-Film-Gesellschaft« engagierte, deren Regisseur er damals war, und zwar für einen Film: »Die Zigeunerin«.  Zum ersten Male trat ich hier vor das Objektiv und hatte gleich einen so außerordentlichen Erfolg mit diesem meinem ersten Film, daß mich das Unternehmen unmittelbar darauf auf zwei Jahre fest verpflichtete.  Bald wurde ich zu immer größeren Aufgaben herangezogen.  So war mir die weib­liche Hauptrolle in dem ersten deutschen Autoren film » Der Andere« zugedacht worden, in welchem Albert Bassermann übrigens zum ersten Male gefilmt hat.  Dr. Paul Lindau ist be­kanntlich der Verfasser dieses mit größtem Erfolge über die Filmbühnen des In- und Auslandes gegangenen Werkes.  In diesem Werke hatte ich also meinen ersten Erfolg, dem ich meine weitere Laufbahn verdanke.  Bald wurde ich nach Wien und Budapest geladen, um den Vorführungen dieses Film­werkes persönlich beizuwohnen.  Gern reiste ich dahin und kann, ohne unbescheiden sein zu wollen, mit ruhigem Gewissen behaupten, daß ich dort außerordentlich gefeiert worden bin, wie man in den Tages- und Fachzeitungen von damals nach­lesen kann.  Dieser mein erster Erfolg hat in mir den Willen zum Filmgefestigt, dem ich mich nun vollständig hingab.  Ich ward für die »Vitaskope« engagiert und folgte dieser bei ihremAufgehen in die »Union« dorthin.  Jetzt wirke ich bei der »Deutschen Bioskope G. m. b. H.« So hat also ein einziger Film gewissermaßen mein Schicksal entschieden, er war meines Glückes Stern, ihm verdanke ich es auch, daß ich mich durch­setzte.

Sie fragen nun weiter, „welche Rollen ich am liebsten spiele?“ und werden gewiß nicht überrascht sein, wenn ich Ihnen antworte: realistische; so insbesondere Rollen, in denen ich Kinder aus dem Volke zeigen kann, Rollen, deren Wert und Inhalt in der Natürlichkeit besteht.  Denn stets habe ich für Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit im Film mich eingesetzt, und ich bin der Ansicht, daß nur dann, wenn das Filmdrama Wahrheit spiegelt, die große Zukunft ihm beschieden sein wird, auf die es unbedingt Anspruch hat.  Das mögen vor allem unsere Filmautoren beherzigen, die der Sache des Films und des Kinos unendlichen Schaden zufügen, wenn sie Dinge zu gestalten suchen, die abseits von jeder Wahrscheinlichkeit am Wege liegen, wenn sie auf der Leinewand Szenen, Vor­gänge entwickeln, die ihnen kein Mensch vor der Leinewand glaubt.  Wohl weiß ich allerdings, daß der Lessing des Films noch geboren werden muß – möge er uns bald erstehen! – Wir brauchen große Filmdichter, die im Film und seiner Dra­maturgie wurzeln, in ihm ihren Beruf, ihre Sendung erblicken!

Wenn sich unsere Filmdichter nur stets vor Augen halten, daß nur Natürlichkeit, Wahrscheinlichkeit und Wahrhaftig­keit eine der Voraussetzungen für den Erfolg ihrer Schöpfungen bilden, dann werden sie zugleich auch das Filmdrama auf ein höheres geistiges, literarisches Niveau bringen, wie man es solange schon herbeigewünscht.  Einer Verfilmung von Schöp­fungen der Weltliteratur, z. B. von Romanen, wenn sielebens­echt und lebenswahr sind, stehe ich durchaus sympathisch gegenüber.

Aus diesem Bekenntnis zur Realistik, das der Film meiner Ansicht nach übrigens schon von Hause aus verlangt, ergibt sich die Antwort auf die vierte und letzte Frage, die Sie mir zu stellen die Freundlichkeit hatten:

„Was empfinde ich angesichts meines eigenen Spiels?“

Ich erlebe meine Rolle und durchlebe sie.  Und wenn ich mich dann später selbst im Film sehe, so erlebe ich all das wieder,was ich beim Spielen der Rolle empfunden habe.  Es ist für mich das schönste Bewußtsein, einer Rolle alles das gegeben zu haben, was der Autor in sie hineingelegt hat; nur wer seine Rolle erlebt und durchlebt, kann für andere ein Erlebnis schaffen.

So fasse ich meinen schönen Beruf auf, dem ich in voller Hingabe an die Sache des Films und des Kinos noch lange zu dienen hoffe.

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