Haben die Frauen politisches Talent

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Frauenzeitung: 16 Oktober 1922
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Zur neuorientierung der Frauenbewegung
Gründung eines neuen Frauenzentrums

Von Gisela Urban

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Neuorintierung! So heibt das Leitmotiv, das die Fortichrittsarbeit auf allen Lebensgebieten durchzieht, seit das Gleichgewicht unserer sozialen und wirstschaftlichen Ordnung durch den grausamen Dämon des Krieges und die noch grausamere Vernichtungsgewalt der Rachkriegszeit zerstört wurde. Auch die Frauenbewegung müß sich neu orientrieren. In den Kämpfen um Recht und Gleichbürgerlichkeit, die in allen zivilisierten Ländern geführt wurden und dort geführt werden, wo die Hörigkeit der Frauen noch besteht, war es die begeisternde Sehnsucht, ein Ziel zu erreichen, die selbst zage Frauenherzen ermutigte und schwachen Frauenkrästen in einem regen Tatendrang unvorhergesehene Schwingen wachsen ließ. Je nach dem nationalen Temperament der Frauen und mehr noch nach den gesellschaftlichen und politischen Konstellationen des betreffenden Landes wurden die Kämpfe unpathetisch oder leidenschaftlich, stets aber opferbereit und wirklichkeitserfüllt geführt. Immer größere Schuren leisteten in diesen Kämpfen Gefolgschaft, immer weitausholdender, vielgestaltiger und vielverschlungener wurden die Probleme, die in diesen Kämpfen von der Frauenbewegung durch ihre Gesamtbetrachtung sozialer und wirtschaftlicher Wandlungen erfaßt und gedeutet wurden. Erst Strom von weiblicher Initiative und Tatkraft, von einer neuen, aus dem Bewußtsein des Sonderwertes der Frau genährten weiblichen Geistigkeit flutete von Land zu Land, durch bedachtsam gegliederte Organisationen fast den Erdball umschlingernd.
     Nun aber ist das Ziel, die bürgerliche Gleichberechtigung der Frauen, in vielen Ländern erreicht. Die Sehnsucht ist verglüht, die Kampfbegeisterung erloschen, die Kräfte sind im zusammenbruch userer Kultur, in der unsaßbaren Enttäuschung, die die Menschheit bereitete, ermattet. Besonders bei uns, wo die bitterste Leidenszeit mit ihrer Ueberlast an häuslicher Arbeit, an Familienaufgaben und an Erwerbspflichten die schmerzlichste äußere Lebensbeschränkung geschaffen hat, wo alles Wollen und Werden sich an dem Stacheldraht der wirtschaftlichen Widrigkeiten und Unüberwindlichkeiten, der allgemeinen seelischen Depression und Hoffnungslosigkeit wundstoßen muß. In unserer staatlichen Ohnmacht, in unserer nationalen Entrwürdigung, in unserer ökonomischen Blutlosigkeit ist auch die Freude am Besiß lang ersehnter Rechte bei den Frauen verblaßt. Viele denken überhaupt, daß die Mission der Frauenbewegung erfüllt sei. Nun erst zeigt sich die verhängnisvolle Verkennung dieser größten aller Kulturströmungen. Den meisten galt sie, wie viele Anschauungen beweisen, nur als eine Interessenvertretung, also ein Kampf um Rechte. Ihre Organisationen, die von den Fraueninteressen die Forderungen ableiteten und durchzuseßen versuchten, wurden als die Frauenbewegung selbst betrachtet, als die Sache, fur die gearbeitet wurde. Was sind aber diese Organisationen in Wirklichkeit? Nichts anderes als Instrumente zur Förderung der Frauenbewegung, als Apparate zur Vermittlung ihrer Ideen, als praktische Vollzugsorgane einer unsichtbaren, nur zu erfühlenden, sich nur in Veränderungen unserer geselschaftlichen Struktur auswirkenden geistigen Macht, die ein Ziel hat: an Stelle des von männlichen Geist und männlicher Initiative geprägten Machtgedankens in unser Gemeinschaftsleben, in unseren kulturellen Ausstieg als Triebkraft den Menschlichkeitsgedanken zu feßen, einen Gedanken, der sich nur durch die Vereinigung der kühnen Objektivität, der einfallsgewaltigen, geistesfunkelnden Sachlichkeit des Mannes mit der intuitiven Subjektitiät, mit dem besonderen Empfinden für alles Lebendige, womit die Frau begnadet ist, formen kann.
     Diese Verkennung der allgemein-menschlichen Tendenzen der Frauenbewegung zwingt ihre Organisationen, neue Arbeitsmethoden zu suchen, um den wahren Sinn der Ideen, denen sie dienen, überzeugender, hinreißender zu offenbaren. Denn diese Verkennung hindert die Frauen an der durch die Gleichberechtigung ermöglichten, verständnisvollen Erfüllung ihrer Sonderaufgaben bei der Gestaltung neuer Lebensordnungen. Wenn aber die Frauen diese Aufgabe nicht in der erhofften, unvergleichbaren, nur aus dem Wesen ihrer Weiblichkeit fließenden Weise erfüllen, wenn sie die durch Fahrtrausende anerzogene Unfreiheit nicht abstreisen und sich in ihren Betrachtungen und Entschließungen von männlichem Geist beeinflussen lassen, wenn sie sich verleiten lassen, männliche Act nachzuahmen, dann müßte der Tempel, den die Frauenbewegung dem Meschlichkeitsgedanken errichtet hat, einstürzen, dann würde die Welt einseitig bleiben und die Sonderbefähigungen der Frau würden die Gemeinschaftsgestaltungen nicht mitprägen.
     Die Frauen müssen sich im Strom der neuen Entwicklungen als Frauen behaupten und sich dadurch bewähren, daß sie den Lauf und die Ausweitung dieses Stromes durch die bewußte entfaltung der andersartigen weiblichen Kulturkraft mitregulieren. Dieses Ideal läßt sich nicht so klar, so positiv, so bildhaft formen, wie das Ziel, das den Kämpfen um das Fauenstimmrecht voranleuchtete. Die Frauenbewegung hat also jeßt die weit schwierigere Aufgabe zu vollbringen, für Fernziele zu werben, die, wie alle großen Ziele, nur erreict werden können, wenn die allgemeine Sehnsucht sie immer tieser und ’inniger umrankt.
     Die führenden österreichischen Frauenorganisationen mußten in den leßten bösen Fahren unseres Niederganges das schmerzliche Erlebnis einer immer schwächer werdenden anteilnahme seitens ihrer einst wohldisziplinierten Gefolgschaft verzeichnen. Quälendstes Entbehren, der Sumpf der drohenden Verarmung, die Mißachtung des geistigen Schaffens und des kulturellen Lebens, der Triumph des Gewissenlosen Spekulierens und Ausbeutens, der eine eist betörende Weltanschauung verhöhnende Materialismus Herrschender Interessengruppen, alle diese Erlebnisse haben die Seelische Schwungkraft der bürgerlichen Frauen geschwächt, ihr anteilnehmendes Interesse am Kulturfortschritt zermürbt. Wie die Schnecken sich in ihr Gehäufe zurückziehen, wenn sie Gefahr wittern, so zogen sich eist dankenswert wirkende soziale Arbeiterinnen, die davor zittern, daß die Liebesleerheit unserer entgötterten Welt ihnen noch neue Schmerzen auferlegen wird, in ihr verödetes, kahl gewordenes Heim zurück. Diese Frauen ihrer Abgeschlossenheit zu entreißen und auch andere, die sich gegen die Vereinsamung noch mehren, wieder gemeinsamer Arbeit zuzuführen, in allen Frauen die Zuversicht auf eigene Kraft zu stärken, das Mißtrauen und die Kleingläubigkeit zu verscheuchen und den Lebensmut zu erhöhen, das ist wohl eine Aufgabe, die mit Aussicht auf Erfolg nur unternommen werden kann; wenn den Frauenbestrebungen ein Zentrum zur Verfügung steht, wo verschüttetes und halb erloschenes Frauenwollen

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in der Wärme der Schwesterlichkeit und Gemeinsamkeit wieder erstaikt und sich zu neuer, einigender, zeitgemäßer Arbeit zurechtfindet.
     Es ist den Wiener Frauenorganisationen gelungen, ein solches Zentrum erstehen zu lassen. Der Bund österreichischer Frauenvereine, die Reichsorganisation der Hausfrauen und der Verein für politische Fraueninteressen haben eine neue Vereinigung ins Leben gerufen, den Wiener Frauenverband, der einzig und allein die Aufgabe hat, der Frauenbewegung einen neuen Boden zur Pflege ihrer Kräfte zu bereiten. Der Verband hat den Klub des Gewerbevereines zur Verwirtschaftung übernommen und dadurch für die Frauen selbst ein Zentrum geschaffen, von dem gehofft wird, daß es ein gut funktionierender Hebel in dem Streben, die Frauen der Stumpfheit und Gleichgültigkeit zu entreißen und die Ideen der Frauenbewegung zu verbreiten und zu vertiesen, sein wird. Gegenwärtig ist es Ja fast nicht mehr möglich, die Mittel zur Beschaffung von Lokalen zu verschiedenen Veranstaltungen aufzubringen. Nun werden in dem neuen Heim des Verbandes Vorträge und Versammlungen, fachliche, gesellige und künstlerische Veranstaltungen stattfinden. Alle Tagesfragen der Politik und Wirtschaft, alle Probleme des Frauenaufftieges, der Tugend- und Volkswohlfahrt, der Völkerverständigung sollen besprochen werden. Aber auch die unterhaltenden Künste und die Musik, die uns Wienern jede Geselligkeit verklärt, sollen aufgeboten werden, um die Gemeinschaft der Frauen zu verschönern. Hausfrauen und Berufsfrauen, Lehrerinnen, Beamtinnen Angestellte, Künstlerinnen und Frauen der Wissenschaft das auf die Graßtaten der weiblichen Pioniere mit Stolz zurückblickende Alter, die Vollreise der weiblichen Arbeitsbereitschaft und die Jugend, die in den Ideen der Frauenbewegung erzogen werden muß, sollen sich hier zwanglos zusammenfinden, um im Geiste der Solidarität und Kameradschaftlichkeit über die Wirkungsmöglichkeiten der neuen Frauenmacht belehrt zu werden und dieser Macht zu immer intensiverer, fortschrittsfreudigerer und menschheitsbeglückenderer Betätigung zu verhelfen. So soll durch den Sonnenschein der Gemeinschaft der alles Beginnen lähmende Pessimismus bekämpft und der Neuorientierung der Frauenbewegung der Weg geebnet werden.
     Die offizielle Eröffnung des neuen Frauenzentrums wird am 21. Oktober stattfinden. Für diesen Tag ladet der Bund österreichischer Frauenvereine seine Mitarbeiterinnen und Freunde zur ersten Monatsversammlung im neuen Arbeitsjahre ein. Frau Marianne Hainisch, die jedem Frauenunternehmen hilfreich zur Seite steht, wird als Patin die neue Stätte der Frauengemeinschaft ihrer Bestimmung übergeben. Frau Hertha Sprung, die Vorsißende des Bundes, wird über die vorbereitenden Arbeiten zur Generalversammlung dieser Organisation berichten, Frau Ernestine Fürth wird die Ziele des Frauenverbandes auseinanderseßen und Frau Fanni Freund-Marcus wird namens der “Rohö”, die Wirtschaftsleiterin des Zentrums ist, die Gäste begrüßen. Eine gesellige Taufe und musikalische Tarbeitungen werden sich anreihen.
     Der Wiener Frauenverband stellt sein neues Heim allen Frauenorganisationen Für Veranstaltungszwecke zur Verfügung. Auch einzelne Frauen, die infolge der Schweierigkeiten des Beleuchtens, Heizens und des Verkehres darauf verzichten müssen, liebe Freunde im eigenen Heim zu begrüßen, werden diesen Freundiskreis in dem so zentral gelegenen, geschmackvoll ausgestatteten Frauenheim empfangen können. Selbstversändlich können die Frauen das Heim jeden Nachmittag besuchen, um sich dort zu zerstreuen, Zeitungen zu lesen und die Taufe zu nehmen. Ueberaus wertvoll ist es, daß es der neuen Vereinigung möglich ist, das Sichzusammenfinden der Frauen nur mit geringen Kosten für jede einzelne zu belasten. Einen Beweis für die Möglichkeit, Gutes und Schönes für möglichst wenig Geld zu bieten, bildet der Mittagstisch, der, auch Herren offen stehend, zu billigstem Preise durchaus befriedigt.
     Es ist zu hoffen, daß nach der gesellschaftlichen Erstarrung und organisatorischen Oede der leßten Jahre diesem wohlbedacht gegründeten Frauenzentrum neue Segnungen für den Frauenfortschritt entströmen und daß durch die innigere Gemeinsamkeit neue schöpferische Frauenkräfte zu mutigem Wagen reisen werden. Dann werden die Wiener Führerinnen mit Elizabeth Barrett-Browning sagen können: “Niemand ist so kühn wie die Zaghaften, wenn man sierichtig anfweckt.”
Bibliographic Information
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Publication Date: 
1922
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Frauenzeitung