Griechenlied (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Was flammt dort fern so blutigroth im Himmel? 
Wärs Morgenroth? – Nein! blut'ger ist der Schein 
Und heft'ger wogt die Glut im Volksgetümmel; – O möcht' es Morgenroth der Menschheit sein! –
Die Flamme schlägt empor mit wildem Prasseln,
Zu übertönen der Gequälten Laut; 
Dazwischen tönt der Ketten dumpfes Rasseln; 
Ein Altar ist, ein schrecklicher gebaut; –
Sind wir denn werth die Großen zu erheben, 
Die herrlichen Hellenen, ruhmgeweiht? 
Sie, deren hohes thatenreiches Leben 
Zum Leitstern ward für späte Folgezeit.
O steigt vom Himmel nieder, edle Schatten!
Kodrus, Epaminond', Pelopidas! 
Wer nennt die Großen all? – Im Kampf ermatten 
Seht Euer Volk! im Kampf mit Wuth und Haß!
Wie todverachtend, schön dahin gesunken
Leonidas; – und wie mit heiterm Blick
O Socrates, den Giftkelch du getrunken – 
Nehmt Euer Bild vor unserm Aug' zurück!
Ja Heuchelei ist's, wenn bei todten Zeilen
Wir stehn, von der Hellenen Werth entzückt, 
Wenn jetzt ihr Volk wir nicht zu retten eilen; 
Auf ewig sei ihr Lichtglanz uns entrückt!

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main