Glas (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.

In einer engen kleinen Hütte
Liegt, marmorbleich und todesmatt, 
Ein sterbend Weib mit edlen Zügen 
Auf einer harten Lagerstatt.

Der Mutter blasses Haupt umschlinget
Ein holdes Mägdlein, zart und weiß; 
Des Kummers bitt're Thränen fallen 
Aus ihrem Auge, schwer und heiß.

Mit bangem Schmerz küßt sie noch einmal 
Der Mutter schmale welke Hand,
Dann eilt sie aus des Elends Wohnung
Den Pfad hinab am Waldesrand.

Zur Hütte eilt sie, wo sie schmelzen 
Das Glas durch heißer Oefen Gluth;
Dort haucht der schwache Kindesodem 
In Formen die geschmolz'ne Fluth.

Der Vater hat in jener Hölle
Die frische Lebenskraft verbraucht, 
Hat seinen letzten schweren Seufzer
Beim heißen Werke ausgehaucht.

Und seit der Treue ihr gestorben, 
Die Mutter aber krank und matt, 
Hat dieses arme Kind erworben 
Erquickung ihr an seiner Statt.

Doch schwankend werden ihre Schritte,
Die einst dem flücht'gen Rehe gleich, 
Und trüber ihre blauen Augen, 
Und ihre Wangen werden bleich.

Jetzt steht sie vor der Thür der Hütte; –
Ob der Versäumniß ist ihr bang, 
Da herrschet zürnend der Fabrikherr:
"Wo bleibst du, Träge, heut so lang!

Schon hast du eine volle Stunde 
An deinem Tagewerk versäumt; 
Heut Abend mußt du sie ersetzen! – 
Nun flink an's Werk und nicht geträumt."

Da spricht sie weinend: "Herr, die Mutter, 
Sie liegt daheim mir sterbenskrank;
Entlaßt nur heute mich der Arbeit, 
Und nehmt dafür des Kindes Dank."

Doch grollend ruft er: "Dich entlassen? 
Und gar bei früher Morgenzeit! 
In voller Gluth steh'n meine Oefen,
Zum Färben ist das Glas bereit. 

Der Masse sollst du Farbe geben 
Durch Borar und durch Antimon;
Im schönsten Purpur muß sie glühen, – 
Sonst kommst du heut' um deinen Lohn.

Denn einen Kelch gilt es zu bilden, 
Wie eine Rose, glühend roth. 
Wenn er vollkommen dir gelinget, 
Wird dir ein extra Stückchen Brod.

Und Perlen gilt es dann zu blasen; 
Wenn jede einem Tropfen gleicht, 
Wie er dort glänzt auf grünem Rasen, 
Schenk' ich die Stunde dir vielleicht."

Mit schwerem Herzen tritt das Mägdlein 
In den erhitzten Hüttenraum, 
Naht zitternd sich dem glüh'nden Ofen,
Entfernt des Glases Erdenschaum, 

Mischt unter die geschmolzne Masse 
Die Farben. Aengstlich und geschwind 
Mit einem Schleier hat das blasse
Gesicht bedeckt das arme Kind;

Wie meine Perlen Thauestropfen,
Schenkt er die Stunde mir vielleicht."

Das Mägdlein strengt zum heißen Werke
Den schwachen Athem an mit Macht; – 
Schon dehnt sich aus die glüh'nde Kugel 
Zu eines Kelches Rosenpracht.

Und doch so bleich und traurig 
Sollst du in Schmerz vergehn?" – 
"Nicht bleich und auch nicht traurig!"
Wie spricht sich das geschwind 
Wo an dem weiten Himmel 
Kein Sternlein mehr ich find'!

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main