Geister der Windstille (Poem)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

Du bist entronnen, 
Hast dich gerettet, 
In sichrer Freistatt 
Dich weich gebettet,

Wie die Welle vom Ufer wallt, 
Das sie abweist still und gelassen, 
Dürfen Dämonen dich hier nicht fassen,
Hat Geschehnes nicht weiter Gewalt.

Schmerzen versausen, 
Sorgen entschlafen, 
Wütet's auch draußen, 
Hier ist der Hafen,

Hier sind des Schicksals Donner verhallt.
Still im friedlichen Gleichmaß der Tage,
Denkst du, stehe des Daseins Wage.

Aber mitten 
Im Schoße der Ruh 
Huscht's wie von Schritten,
Stimmen erwachen und raunen dir zu.

Leise zuerst, nur halb vernommen
Dringt ihr Laut ans geschärfte Ohr,
Doch in der Öde bang und beklommen 
Wächst und wächst der gefährliche Chor:

Blick' auf das weite Meer, 
Schiffe von Frachten schwer 
Ziehn in die Ferne; 
Welches zum Port sich ringt,
Welches der Sturm verschlingt,
Wissen die Sterne.

Aber freudig die Flagge gehißt!
Leben ist da, wo das Wagnis ist.
Besser mit teuerstem Gute gestrandet, 
Als am Ufer gemach versandet.

Der kühne Schiffer 
Auf Lebenswogen,
Von Nereiden 
Hinabgezogen, 
Den Preis im Sterben
Trägt er davon, 
Sein fröhliches Werben
War selbst der Lohn.

Reize nicht der Mächt'gen Zorn."

Doch aus meines Vaters Flüchen 
Und aus meiner Mutter Tränen, 
Wiederhallt in meinem Herzen 
Nur das eigne tiefe Sehnen – 
Laßt das Schelten, laßt das Klagen, 
Seht, in euren alten Tagen 
Formt sich euer Jugendtraum.

Seht, es nah'n in stolzen Reihen 
Meine Schwestern, meine Brüder; 
Bringen euren alten Herzen 
Eure eigne Jugend wieder. 
Ihren Siegruf hört ihr schallen 
Und die alten Götzen fallen 
Vor dem neuen Morgenrot.

Was dir geboten ist, 
Mußt du verachten,
Nach dem Unmöglichen
Glühend verschmachten,
Ließest verschäumen 
Freuden und Not, 
Trinke aus Träumen
Schleichenden Tod.

Weg, hinweg, Gesellen der Nacht, 
Will euch bannen mit Wortesmacht, 
Will mit Gesängen euch übertäuben 
Wie mit Wassern, die stürzen und stäuben.

Harmonien, entfaltet die Schwingen, 
Helft mir sie zwingen,
Kinder des Lichts! 
Helft mir die Winde, die Wellen erwecken,
Brecht durch des Himmels lastende Decken,
Rauscht und spült sie hinab ins Nichts!  

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main