Gedichte an eine Frau (Poem)

Printer-friendly versionPrinter-friendly versionPDF versionPDF version

This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
------------------

I. Seufzer
Gebt mir zu trinken! – 
Amphoren und Krüge fand ich leer: 
Herrlich gemaltes Gefäß. 
Schöpft denn kein Mädchen am Brunnen mehr?
Kein Samariterweib, zärtlich und scheu,
neigte den Krug mir zu. 
Mich dürstet sehr! –

II. Fremdling
Sie haben dich angehalten. 
Dein Kleid ohne Faltenfiel ihnen auf. 

Sie fragten dich: Woher? Wohin? 
Du sprachst: Seht! Hört! ich bin, 
die ich euch scheine.
Meine Gedanken sind reinwie meine Hände. 
Ich trüge mich schlecht zur Schauin hehlenden Faltenwürfen;
ich bin eine selige Frau. 
Die Rede hat allensehr mißfallen. 
Sie sahen sich an und dachten
dabeimancherlei,ihre schlechten Gedanken. 
Sie glauben dir nicht; 
zu einfach und schlichtist dein Gebaren. 

III. Die Hand
Der Sonnenstrahl hängt sich an
deine Hand. Ich seh es: deine
Haut  ist braun gebrannt.

Und lächelnd läßt du ihn von
Herzen gern gewähren; und reif
und voll wie Juliähren
liegt deine Hand im Schoß.

Drum steigt aus deinem Schoß
ein Weiherauch, ein feiner Hauch von
Sandelholz. Wie ein Juwelenschrein schließt
dein brokatenes Gewand die braunen Finger ein.

IV. Frage
Bist du auch so lange, lange
traumhaft deinen Weg gegangen? 
Wagtest nicht, den süßen bangen 
Sehnsuchtsbann zu brechen.

Wagtest nicht, die dunkeln Augen
mit dem goldnen Licht zu füllen? 
Falsche Scham hieß dich verhüllen 
alle schöne Blöße.

Mußte dich die Not erst wecken
und an Lebensbrüste legen? 
O, nun quillt der reiche Segen 
deiner vollen Seele.

V. Sonnenblume
Und eine Sonnenblume 
sprach mir heut von Dir.
Ich brach sie mir 
und sprach mir ihr 
und trug sie dankbar heim.
Nun füllt ihr heller Schein 
mein kleines Zimmer.

An meiner Sonnenblume
sieht still mein Herz sich satt. 
Du strahlst aus jedem Blatt. 
Den goldbraundunklen Früchteschoß
kränzt mildes Feuer. 
Kein Spiegel zeigt 
dein Bild getreuer.
 
VI. Gebet
Gott füllte mich mit Dir
bis an den weiten Rand, 
weil er mein armes Herz 
ganz leer und dunkel fand.

Er füllte deinen Glanz 
tief in mein Herz hinein.
Laß mich, o laß mich, Gott, 
ein reiner Becher sein!
 
VII. Wolken
Die seligen Jungfraun 
wandeln zum Reigen. 
Sie steigen
gleich Wolken 
hinab auf den Schnee 
und baden die Füße
im Alpensee.

Die seligen Jungfraun
umschweben, umwallen
die leuchtenden Firne.

Die Seligste aber, 
die Schönste von Allen, 
trägt ob der Stirne
ein Abendrotkrönlein 
aus Eiskrystallen.
Die seligen Jungfraun 
umwallen, umschweben 
die Schönste von Allen,
und wollen nichts 
als ihr wohlgefallen. 
Sie lassen im Rhythmus beruhigter Wogen 
die Schleier fallen, Silbernebel,
und wandeln heim 
durch den Regenbogen.

VIII. Karyatiden
Prüft nicht, Atlanten, verächtlichen Blickes   
unsre zarten Schultern und Hände. 
Das kleine Werk, wir bringen's am Ende 
den Göttern zum Opfer, wie Ihr das große. 
Tragt ihr stolz auf Simsonslocken   
steinern Gewölbe wie eine Krone, 
seht, empor zum Götterthrone 
heben Wir den krönenden First.   

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main