G.B.S., der Freund der Frauen

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Nr.22558      Wien, Sonntag       Neue Freie Presse.     12 Dezember 1926        Seite 15-16
 
G.B.S., der Freund der Frauen.
Von Dr. Eugenie Schwarzwald.

 
            Man hört, daβ Bernard Shaw augenblichlich an einer „Einführung in Sozialismus und Volkswirtschaft für Frauen“ schreibt.  Darauf kann man gespannt sein.  Denn er versteht viel vom Sozialismus und viel von Frauen. 
            Ja, er liebt sie sofar.  Wie alle richtigen Männer hat er keine  besondere Vorliebe füseine Geschlechtsgenossen.  Auβerdem ist er ein Feind der gegenwärtigen Gesellschaft, und da es die Männer waren, die sie aufgebaut haben, macht veranstaltet, sie die törichten Friedensverträge geschlossen, sie sind es, die eine höchst anfechtbare Gerichtsbarkeit unterhalten, ihr Werk ist eine unverständige und unökonomische  Produktion, sie haben eine solsche Gesellschaftsmoral aufgebaut; alles dieses haben die Männer ganz ohne Mitwirkung der Frauen besorgt.  Fast scheint es, daβ er alle Hoffnung auf die Frauen setzt.  Da sie Menschen sind, haben sie Fehler; und die sieht er auch; aber sie haben einen hohen Vorzug: sie sind erdgebunden und daher naturnahe.  Noch sind sie unverbildet und stehen unbefangen im Getriebe des Tages.  Daher hofft er, man könnte ihnen wenigstens das ABC des menschlichen Zusammenlebens beibringen.  Da sie es sind, die das Leben produzieren, hofft er, daβ ihnen daβ Leben ihrer Mitmenschen heilig sein wird, und zwar nicht nur das ökonomische, sondern auch das pychische.  Vor allen Dingen aber meint er, daβ die Frau, von der Natur an ihre Unzulänglichkeit gemahnt, von der Gesellschaft niedergehalten, wenigstens nich jenen Grab von Feierlichkeit erreichen wird, der, den Männern anhastend, die Welt so öde macht.  Er braucht die Frauen für eine Neugestaltung der Welt und deshalb beschäftigt er sich viel und lievevoll mit ihnen.
            Shaw ist eigentlich auf nichts stolz, nich einmal auf den Nobelpreis, von dem er übrigens das Klügste gesagt hat, was man über die Art, wie diese Einrichtung funktionert, sagen kann.  „Dieser Preis“, meint er, „kommt mir vor wie ein Schwimmgürtel, den man dem Schwimmer erst dann zuwirft, wenn er das Ufer schon erreicht hat.“  Aber auf eines ist er doch stolz:  daβ der bewegende Gegenstand seiner Dramen nicht die romantische Erotik allein ist.  Desen Fetisch hat er abgeschafft.  Früh schon  hat er erkannt, daβ es noch wichtigere Probleme gibt als jenes, ob der Hans und die Grete einander wirklich kriegen, oder gar, ob dann noch der Peter dazwischen kommt.  „Die betörte Verliebtheit des neunzehnten Jahrhunderts“, sagt Shaw, „macht es für mich notwendig, zu betonen, daβ „Leben“ un nich „Lieben“ das Wesentliche ist.“  Sicher gehört auch daβ er einmal alle Dichter aufgefordert hat.  Der Fall.  So sehr es Shaw verstanden hat, durch Schweigen und vor allem durch Reden seine wahren Erlebnisse zu verschleiern, so merkt man doch an jedem Wort, daβ er die Frauen kennt, liebt und nach ihrem wahren Wert schätzt.  Aber gerade in ihrem Interesse will er die Liebe aus der Oeffentlichkeit in eine schickliche Abgeschiedenheit führen, wohin sie gehört.  Ihre Abgespieltheit auf tausend Bühnen ist ihm gerade deshalb zuwider, weil ihm der Gegenstand nicht ganz gleichgültig ist. 
            Liebe ist eine Privatangelegenheit, von der er nur ungern spricht; Ehe ist eine Sache der Gesellschaft und kann gar nich genug diskutiert werden, solonge sie so im argen liegt wie jetzt.
Shaw ist kein Ehefeind.  Er ist überzeugt, daβ sie die einzig mögliche Form des Zusammenlebens ist, die man bisher gefunden hat.  Aber er glaubt eben, sie könnte mehr und anderes sein: eine Beziehung, gegründet nicht nur auf Schutz und Hilfe, sondern auch auf Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Verständnis und Zärtlichkeit.  Er kennt die Welt zu genau, um nicht zu wissen, daβ diese Form zwar existiert, aber so selten ist, wie der Durchgang der Venus; daβ manches Heim ein Haus Herzenstod ist; daβ das, was man gemeinhin Familienleben nennt, darin besteht, daβ Männer die Briefe ihrer Frauen öffnen, daβ kein Zimmer abgeschloseen und keine Stunde heilig ist, daβ der Zwang, die egoistische Eifersucht und der Argwohn mit den Ehegatten zusammen hausen, und daβ vor allen Dingen zwischen Eltern und Kindern eine Aluft besteht, gerissen durch eine gegenseitige Geniertheit, deren Urgrund wir nur ahnen können. 
Aber wie soll auch die Ehe, meint Shaw, zu einer mürdigen Gemeinschaft werden, wenn sie doch mit Anlocken, Versorgen und Einfangen des Gatten anfängt?  Gegen eine ganze Welt, die im Mann den naturgemäβen Bewerber sieht, enthüllt Shaw die Geschichte Don Juans, der mager ist als ein armselig Versorgter.  Wer aber vefolgt ihn?  Das ist das Schlimmste.  Nicht die menschenfreundliche Barbara und nicht die kindliche Essie, sondern die kokette Anna und die hysterische Hypatia, denn die wetvollen Frauen sinc zurückhaltend.  Die Folge davon sind jene Ehen, in denen Mann und frau gleicherweise leiden.  Aber hier wendet sich zum erstenmal das Mitgefuhl Shaws dem Manne zu.  Denn die Frau hat wenigstens das Kind.  Auch hätte sie Kraft stärkerer Instinkte nicht nötig gehabt, so mottenhaft ins Verderben zu fliegen, wie der mann.  Eine Frau kann in ehesachen den Klügsten Bischof belehren. 
Gesellschaft, Ehe, Kindererziehung, alles das könnte besser werden, wenn die Frauen würden, was sie sein können, wenn man ihnen Platz lieβe, sich zu entfalten und Gelegenheit, sich zu betätigen.  Wie er die Frauen wünscht?  Viele seiner Heldinnen sind die Antwort auf diese Frage.  Drei liebt er am meisten.  Candida, Cisely und Johanna.  So veschieden sie sind, Shaw liebt sie alle drei und häuft alles, was er an Kleinodien besitzt, um sie herum.
Candida ist die Frau voll mütterlicher Nachsicht:  heitere Stirn und mutige Augen zeichnen sie aus.  Vielleicht hat sie ein trauriges Herz.  Geduld und Güte sind ihre Gehilfen, und so ist sie in ihrer werktägigen Liebesfülle sowohl dem predigenden Gatten als dem dichtenden jungen Verehrer überlegen.  Sie könnte aus ihrer Ehe schon ein Kunstwerk machen, wenn sie einen ebenbürtigen Partner hätte.  Aber hier beginnt der Konflikt:  sie kann keinen brauchen.  Denn ihrer Natur entspricht es, den zu wählen, den sie beschützen, für den sie arbeiten kann; einen Erwachsenen, der doch ein Kind ist, wie die Kinder, die sie zur Welt gebracht hat.  Die Schwäche der anderen erzeugt ihre Stärke, aus der Trostlosigkeit der Umwelt erwächst ihre Heiterkeit.  So erbaut sie die dem Mann durch die geistigen lappen von Abstraktion und Eitelkeit, in die er gehüllt ist, in seine wertvolle Seele blickt, für ihn ein Schloβ von Behaglichkeit, welches auf den goldenen Säulen der Einsicht und Nachsicht ruht, und steht dann ihr ganzes Leben lang als Schildwache davor. 
Anders Lady Cicely.  Auf den ersten Anblick nichts als eine liebenswürdige, wohnliche Frau mittleren Alters.  Welch eine herrliche lebensgefährtin!  Aber sie mag nicht, obgleich ihr Herz so leicht bewegt ist wie eine Wasserfläche, wenn ein sanfter Wind darüber streicht.  Sie fühlt, daβ ihre Menge von Liebe zu Menschen für einen einzigen zu viel wäre.  Sie könnte übrigens auch keine Ehe schaffen, weil es ihr an jener Behutsamkeit fehlt, die zum Aufbau dieses Kartenhauses notwendig erscheint.  Sie fühlt die Begrenztheit des menschlichen Daseins und wählt infolgedessen das abgekürzte Verfahren.  So beginnt sie ihre Bekanntschaft mit den Menschen dort, wo Männer erst nach dreiβig Jahren zu stehen pflegen.  Aufrichtigkeit hält sie für den Gipfel guter Manieren, eine Ansicht, die sie in der Ehe wahrscheinlich nicht gut durchsetzen könnte.  Für jede komplizierte Sache hat sie eine einfache Erklärung.  Zu einfache, um von Männern verstanden zu werden.  Man sagt ihr, die Eingebornen Afrikas seien gefährlich.  „Warum?“ fragt sie, „hat irgendein Forscher auf sie geschossen?“  Sie behauptet, die erfahrung gemacht zu haben, daβ Kannibalen besonders reizend zu sein pflegen, wenn man sie artig mit „How do you do“ anspricht.  Sie ist stolz darauf, daβ die Könige wilder Volksstämme sie immer haben heiraten wollen.  Trotz ihrer Ehescheu weiβ sie genau, wie man Männer behandelt.  Sie wendet sich einfach an den kleinen Jungen, der in jedem Manne steckt.  Sie lobt die Männer, tadelt sie, muntert sie auf, zwingt sie zu baden, pflegt sie, wenn sie verwundet sind, flickt ihre Kleider und sorgt für ihre Nahrung.  Ihren Rang und ihr Kommando nimmt sie nicht zur Kenntnis.  Sie ändert auf dem fremden Schiff die Schlafordnung der Heizer und zeigt nicht den blassesten Schimmer von Verständnis für das, was man männliche Würde nennt.  Vornehm und gering läβt sie nicht gelten.  Sie weiβ wichtigere Unterschiede.  Ein Untergeordneter will sich auf einen gesellschaftlich Höhergestellten stürzen.  „Sie dürfen doch“, sagt sie, „einem alten Manne nichts tun!“  Alles, was geschieht, führt sie auf einfachste Formeln zurüch.  Der Seeräuber Braβbound und der englische Richter Hallam sind sind natürliche Todfeinde.  Nichts kann sie versühnen.  „Selbstverständlich,“ sagt sie, „sie sind ja Onkel und Neffe.“  Braβbound klagt den Richter der schwersten Amtsvergehungen an.  Cicely gibt alles zu, „aber,“ sagt sie erklärend, „wenn man einen Menschen hernimmt und ihm jährlich fünftausend Pfund dafür bezalt, damit er böse sei, und ihn dann auch noch dafUr belohnt, kann er doch nicht anders.”  Alles, was sie sagt, klingt scherzhaft und beinahe platt-vernünftig.  Man hat das Gefühl, daβ sie alle tiefe Weisheit den Männern überläβt.  Aber hie und da verrät sie sich.  So, wenn sie sagt:  „Als ob irgend jemals irgend jemand die ganze Wahrheit über irgend etwas Wahrheit über irgend etwas wüβte!“  Da spürt man plötzlich, daβ sie klüger ist als ihre Umgebung und welche Mühe es ihr macht, das zu verbergen. 
Sie ist bemüht, jede Situation zu vermenschlichen.  Ihr gröβter Verehrer kann nicht leugnen, daβ es komisch ist bis an die Grenze der Lächerlichkeit, wenn sie aus einer wilden Eskorte von Wegelagerern oder aus einem Trupp von Kampfwütigen Arabern einen Kindergarten macht, und manchmal fühlt man sogar die Ungeduld des Schwagers Hallam, der sonst ein feierlicher Esel ist, mit, wenn sie über jedes neue Gesicht in Entzücken gerät, jedem Wort Glauben schenkt und einen Mut zeigt, der nur auf Unkenntnis der Gefahr beruht.  Aber das alles gilt nur im Alltag.  Beginnt der Ernst des Lebens, spitzt sich der Kampf dunkler Leidenschaften und trivialer Interessen zu, dann ist es ihre kluge Güte, die alles ins Reine bringt. 
Candida und Cicely sind Shaw sympathisch.  Seine groβe Leidenschaft aber ist Johanna.  Erstaunlich ist schon, daβ der Heldenzerstörer Shaw, der Mann, für den die Worte held, Heldentod und Heldenverehrung einen operettenhaften Klang haben; der Napoleon und Cäsar klein sieht, doch einen Helden hat:  das siebzehnjährige Landmädchen Johanna.  Der Genius, der seiner Epoche vorauseilt, der diese idiotische Zeit un ihre Verireter gegen ihren Willen rettet, von der Meute dafür verkannt und vernichtet wird, also der wahrhaft tragische Held, der im Konflikt mit der Welt um seiner höheren Antriebe willen in den Tod gehen muβ, ist ein kleines Mädchen.  Shaw meint sicher, Cäsar un Napoleon hätten auch anders können.  Johanna aber lebt und stirbt wie sie muβ.  Frei von Eitelheit un Herrschsucht hört sie nur auf ihrer eigenen Seele Flüstern, auf das, was sie ihre „Stimmen“ nennt.  Ihr Gefühl für das Vaterland und den Dauphin ist um so stärker und reiner, als diese Gegenstände des Gefühls unwürdig sind.  Weil sie eine Frau ist und vom Land, ist sie eine wahre Revolutionärin: „Wenn wir im Dorf so einfältig wären, wie Ihr in Euren Höfen und Palästen, würde es bald keinen Weizen geben für Euch Brot zu backen.“  Ihre Kraft beruht darauf, daβ sie alles Gute für mögliche hält, ja für selbstverständlich.  Sie spricht zu Königen als ob sie Menschen wären; kann sich nicht vorstellen, daβjemand das Rechte nicht will, das Verständige nicht versteht:  sie verlangt Unmöliches, sie erreicht alles und muβ es bezahlen.  Mit dem Leben.  Denn nie gestattet die welt, daβ man sie ihrer Dummheit und Schwäche überführe.
Es ist kaum zu glauben, daβ zwischen den mühseligen Emanzipationsbestrebungen Ibsenscher Frauen und der wunderbaren Selbstverständlichkeit, mit der Bernard Shaw seine Frauen handeln läβt.  Erst eine einzige Generation liegt söulichkeiten von eigenem Wert, eigenem Charakter und eigenen Interessen.  Hier wie in vielen anderen Beziehungen nehmen sich bei ihm Personen, Gespräche, Probleme und Diskussion so aus, als lebten wir in einer schon wesentlich besseren Welt.  Es ist ein Trick von Schaw, daβ er so tut, als sei sie schon da.  Dadurch fuggeriert er uns, uns schon jetzt danach zu benehmen.  Da die Frauen besonders fuggestibel sind, lassen sie sich ganz besonders bestimmen.  Er hat eine Reihe wunderbarer und doch erreichbarer Bilder vor uns aufgestellt, denen wir nachleben, ohne es zu wissen.  Schon jetzt gibt es Frauen, die wirken, als wenn sie von Shaw erfunden wären, diesem Genie des gefunden Menschenverstandes.

Bibliographic Information
Publication Date: 
12 Dezember 1926
Publication Place: 
Wien
Press: 
Neue Freie Presse