Frühling 1946 (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Frühling 1946[1]

Holde Anemone, 
Bist du wieder da 
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne 
Wie Nausikaa?

Windbewegtes Bücken, 
Woge, Schaum und Licht! 
Ach, welch sphärisches Entzücken 
Nahm dem staubgebeugten Rücken
Endlich sein Gewicht?

Aus dem Reich der Kröte 
Steige ich empor,
Unterm Lid noch Plutons Röte 
Und des Totenführers Flöte 
Gräßlich noch im Ohr.

Sah in Gorgos Auge 
Eisenharten Glanz, 
Ausgesprühte Lügenlauge 
Hört ich flüstern, daß sie tauge, 
Mich zu töten ganz.

Anemone! Küssen 
Laß mich dein Gesicht: 
Ungespiegelt von den Flüssen 
Styx und Lethe, ohne Wissen 
Um das Nein und Nicht.

Ohne zu verführen,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren – 
Kind Nausikaa!
 


[1] Für ihre Tochter Cordelia, damals noch in Auschwitz vermißt
Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main