Feuilleton: Heimfehr zu Pfingsten

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Wien, Dienstag, den 25. Mai                                                                                      1926.

Feuilleton
Heimfehr zu Pfingsten.
Von Dr. Eugenie Schwarzwald.

 
            Anhalter Bahnhof, zehn Minuten vor Abgang des Zuges.  Drei Berliner Herren stehen vor einem Coupefenster, um von der Frau aus Wien Abschied zu nehmen, die nach Haufe fährt.  Es herrscht die peinliche, gespannte, teigige Atmosphäre eines Bahnhofabschieds.  Endlich rafft sich die Frau auf und sagt:  „Könntet ihr jetzt nicht weggehen?  Es hat ja gar keinen zweck, daβ ihr dasteht.  Eure sonst wirklich geistreichen Gesichter haben in der letzten Viertelstunde an Bedeutung wesentlich verloren.  Auβerdem wechseln wir miteinander ohne jeden inneren Anlaβ endloslange Bliche wie Senta und der fliegende Holländer, und überdies zittere ich, daβ jetzt einer von euch sagen könnte:  „Grüβ die Tante Eulalia und den Onkel Adolf; vergiβ nicht, daβ die Cousine Emma nächste Woche Geburtstag hat; sperr’ den Emmentaler immer ein, denn die Marie nascht.  Schick die Schmutzwäsche regelmäβig nach Hause.  Richtig, was ich noch sagen wollte:  Das Wechselgeld liegt auf der Kommode hinter dem Aufsatz, den die Eltern zur silbernen Hochzeit bekommen haben.“  Bitte, geht lieber weg oder sagt meniastens etwas was einen Sinn [illegible].“
            Die bisher schlaffen Gesichter der Abschiednehmenden straffen sich und der Jüngste, ein seiner, melancholischer,  junger Kunsthistoriker, sagt: „Grüβ mir dieses wunderbare Wien.  Wenn ich an den Cobenzl, die „Albertina“ und die Staatsoper denke, werde ich furchtbar traurig.  Es ist so entsetzlich, zu wissen, daβ Wien stirbt.“
            „Ja, daran ist kein Zweifel“, sagt der smarte preuβische Industrielle von amerikanischen:  Zuschnitt.  „Es ist ein wahrer Jammer mit euch!  Eure schöne, gediegene Arbeit, niemand will sie haben; in euer wundervolles Land --- ich liebe Tirol und das Salzkammergut! --- will niemand kommen; kein Mensch will euch Geld borgen:  es ist sicher ein groβer Verlust für Europa, aber man muβ sich schon mit dem Gedanken vertraut machen, daβ Oesterreich, vor allem Wien, im Sterben liegt.“
            Der früh ergraute Dritte, der aussieht wie ein moderner, also aufri_chtigen Staatsmann, sagt:  „Und zu denken, daβ ihr selbst daran schuld seid!  Täglich neue Ungeschicklichkeiten! Warum vergiftet ihr euer ganzes Leben mit einer unproduktiven, nutzlosen Politik? Warum gilt bei euch zu Hause das Talent so wenig?  Warum vescheucht ihr alle bedeutenden Leute aus dem Lande?  Eure Stellung in der Welt ist gar nicht übel.  Euch hat man ja gern.  Ihr könntet euch noch retten, aber ihr seid die reinen Selbstmörder.“
            Die Frau will antworten, aber diesmal ist es ihr nicht gegönnt, wie sonst immer das letzte Wort zu behalten.  Der Zug setzt sich in Bewegung und sie kann nur noch mit ihrem [ ]a Schal winken; die drei Männersehen ihr in der [ ]iltung von Leidtragenden nach.  Fehlt nur noch die trauer[ ]islort Zitrone in der Hand.  Leichenbegängnis erster [ ]asse.
            Die Heimkehrende sinkt entmutigt auf ihren Platz so so steht esum Wien.  [illegible] so urteilen die besten Freunde, [ ]ie, die den Anschluβ ersehnen!  Das ist ja ganz entfetzlich.  [ ]e beschlieβt, nicht zu denken und nur auf das Rattern des Zuges zu lauschen, der bekanntlich immer das sagt, was man hören will, also diesmal: „Nach Hause, nach Hause, nach Hause.“
            Aber es denkt sich von selbst.  Warum erklärt man uns igentlich für sterbend?  Es war doch überall Krieg.  Sind dochalle besiegt.  Ja, es ist wahr:  Der Wiener ist besonders schlimm daran.  Er befindet sich in der Lage eines Mannes, der Berg-[w]erke und Industrien, Güter und Ländereien befaβ und dem [ ]chts übrig geblieben ist, als eine wundervolle Villa mit einer shönen Aussicht.
            Und Wien selbst?  Natürlich schlottert um diese abgemagerte Stadt ihr stattliches und kostbares Kleid.  Auch hat das verfluchte S[v]ahlbad in das Wiener Antlitz Stirnsalten gezogen und das Lächeln um den Mund hat an Glaubwürdigkeit und Selbstverständlichkeit verloren.  Es ist auch nicnt zu [ ]eugnen daβ zweihunderttausend Menschen gestorben, ver[d]orben order abgewandert sind und es ist zum Verzweifeln, wenn man denkt, daβ gerade jene, die dem Staate fromm und jede, wahr und offen vertraut haben, jetzt am Hungertuch klagen.  Ach, und die Arbeitslosigkeit!  Die Zollschranken!  Unsere arme Industrie ohne Absatz!  Unser gehemmier Handel!  Unsere provinzialisierten künstlerischen Einrichtungen!  Und die Krawalle der von allen Seiten irregeleiteten Jugend!  Und die allgemein vergiftete Atmosphäre!  Und der schnöde Egoismus!  Vielleicht sind wir wirklich verloren?  Sie sinkt [ ]öllig in sich zusammen.  Ein Ruck.  Der Zug hält in Leipzig. 
            Aber wem geht es denn anders?  Haben nicht alle Kriege geführt?  Liegen nicht alle Völker in Zuckungen?  Kommt nicht an jeden die Zeit der Inflation?  Was wird mit Frankreich?  Wenn wir sterben müssen, dann müβten ja alle sterben.  Ist Europa nach dem Dreiβigjährigen Krieg nicht wieder auferstanden?  Hat sich Deutschland nach den napoleonischen Wirren nicht wieder erholt?  Die menschliche Natur ist ja zauberhafter Kräfte voll, wie würde sonst die Menschheit ihre eigene Dummheit überdauern?  Und stehen uns heute nicht ganz andere technische Mittel zu Gebote, um uns aufzurassen, als jenen Zeiten?  Es geht uns schlecht.  Wie war doch der Saβ, den die Lehrerin Josefine Sorger in ihr Stammbuch geschrieben hatte:  „Vom Unglück zieh erst ab die Schuld, was übrig bleibt, trag in Geduld.“  Nun wohl.  Es geschieht uns recht, denn wozu haben wir Krieg geführt?  Was für uns so gar nicht paβte.  Mag es irgendwo kriegerische Städte geben, Wien ist keine.  Der Wiener will kein Held sein; groβe Gesten und Pathos find ihm verhaSt, im Bösen wie im Guten will er seine Ruh haben.  Jetzt wird er dafür bestraft daβ er gegen seine Natur gefehlt hat.  Aber steht die Tode strafe darauf?  Nein, was er in diesem Augenblick empfindet, sind Rekonvaleszentenschmerzen.  Der abgehackte Fuβ schmerzt, als ob er noch da wäre, die Narben brennen, die heilenden Wunden jucken.  „Blauen!“ ruft der Schaffner. 
            Wien wird nicht sterben.  Wien wird sich einrichten, sein schlottriges Kleid mit seinen geschickten Händen bisserl enger machen, sich auf seine Fehler besinnen, einsehen, daβ seine Hauptaktiven sein Fleiβ und seine Begabung sind.  Es wird sich aus einer stadt des achtzehnten Jahrhunderts, die es bisher war, in eine des zwanzigsten Jahrhunderts verwandeln. 
            Einige Anzeichen sind ja da.  Schon daβ die Kinder lieber zur Schule gehen ist eines.  Neue Landvertschaft, neuartige Biehzucht, Wasserkrafte, elektri[ ]zierte Eisenbahnen, S[ei  ]bahnen, verbesserte Straβen, Wohnbauten mit Spielhöfen und Plantschbecken, Siedlungen, internationale Telephonkabel, eine feste Währung, die allen sich wieder aufbauenden Staaten als Muster gilt.  Sind das Zeichen von Agonie?
            Und ist Wohnungsnot ein Zeichen von Absterben?  Nicht vielmehr, da notorisch weniger menschen sind, ein Beweis von verbesserter lebenslage vieler?  Man sieht halt weniger oft als vor dem Krieg einen Zettel am Tor:  „Hier ist ein Bett zu verlasen.“  Wenn ein Wiener Politiker letzthin eine Zigarette ablehnte mit der Begründung, das Rauchen sei ihm eine zu weibische Beschäf[ ]igung, ist das etwa ein Zeichen, daβ unser persönlicher Konsum zurückgeht?  Es ist sicher gar nicht wahr, daβ wir weniger verbrauchen als vor dem Krieg.  Sonst würden ja die indirekten Steuern nicht steigen.  Es ist ja alles nur ein biβchen anders verteilt.  Es geht beim Mahle weniger üppig zu, weil mehr Leute daran teilnehmen .   .   .   .Was ist denn daβ schon Hof?
            Woher also die Klage, die bis ins Ausland bringt und alle Leute glauben macht, mit uns sei es aus?  Das kommt daher, weil von diesem schmerzlichen Umstellungsprozeβ, der gegenwärtig vor sich geht, auch jene Kreise betroffen sind, die die öffentliche Meinung ausmachen.  Die groβe Menge war immer lautlos.  Wer den rennstall und die Lage verloren hat, hat eben eine stärkere Stimme, sich zu beklagen, als jener hatte der Huners starb.  Wenn die Besitzenden und gebildeten Stände schwarzseherisch werden, dann senkt sich ein dunkler Nebel übers ganze Land.  Und eins ist sicher:  Wer ihn nicht durchbrechen kann, muβ zugrunde gehen. 
            Aber warum sollte man?  Wenn wir zuviel Inellektuelle haben, dann werden eben künstig mehr Leute des Segens der Handarbeit teilhaftig werden.  Und wie viele Intellektuelle gibt es, die gar keine sind, die nur glauben, sie wären es ihrem toten Groβvater schuldig, einen vorzustellen.  Weniger Intellektuelle heiβt aber bei strengerer Auswahl nach talent, nichr Intellektuelle.  Wie der Hofrat in der Statthalterei sagte, als man ihn fragte, wie viel Beamte er habe:  „Sechs, wenn ich aber den Brinzen mitzähl, nur fünf.“  Auch das ist kein Grund zur Verzweiflung, wenn Banken verschwinden und Kaffeehäusern Platz machen .   .   .   .   Wie schnell das geht:  Regensburg. 
            Es weht ein scharger Wind.  Nur die besten Theater werden sich halten.  Nur die besten Schauspieler werden Engagements finden, nur die guten Konzerte werden besucht sein.  Der Film aber wird nur dann am Leben bleiben, wenn er sich entschlieβt, sich für die Matrosen des Schiffes „Potemkin“ zu interessieren und nicht für das Problem:  „Wie verführe ich meinen Mann?“;  das weiβ ohnehin jede Frau und die Männer dürfen es überhaupt nicht erfahren, sonst ist alle Unbefangenheit hin.  Sollte es mit der Zeit wirklich weniger öffentliche Bälle geben, so wird dafür in luftigen Familien schon am Wochentagmorgen vor dem ersten Frühstück  der Vater mit der Tochter zu Grammophon oder Lautsprecher Charleston tanzen.  Am Sonntag werden dann alle zu Fuβ mit Rodel und Skiern hinausziehen in diese göttliche Wiener Natur, die so gar nichts kostet, wie alles, was wirklich schön ist.  „Passau.“
            „Herr Schaffner, bitte geben Sie für mich ein Telegramm nach Berlin auf:  „Wien wird nicht sterben, denn bei uns ist die Todesstrafe abeschafft.“
            Wie nach groβer körperlicher Anstrengung nickt sie ein und fstert noch im Traum:  Kunstbesitz .   .   .   Bodenschätze .  .  .  Musik  .   .   .  Wille zur Freiheit  .   .   .  Lebenskunst  .   .   .   Frauenschönheit  .   .   .   Humor  .   .   .   Selbstpersififlage  .   .   .Talent zur Lie  .   .   .   Jetzt schläft sie wie ein Kind in der Wiege, denn man ist auf österreichischem Boden. 
            Der Zug rattert durch die nacht tröstend sein herrliches [illegible];  Nach Hause, nach Hause, nach Hause. 
            [illegible]
nur der Kommentar Kraft, den Präsident Glöcken zu dem Ministevialerlasse über die Befragung der Schulkinder gegeben hat.  Die Aufhebung wurde vom Unterrichts ministerium mit der Begründung verfügt, daβ der Religionslehrer bei diese Fragestellung verpflichtet sie, den Kindern und Eltern bekanntzugeben, daβ sie auch die Antwort verweigern können.  Dieser Erlaβ wurde mit der Begründung aufgehoben, daSder Stadtschulratserlaβ dem im Reichsvolkschulgesetz niedergelegten Grundsatze religiössittlicher erziehung widerspreche.
            Das Präsidium des Stadtschulrates erklärt, daβ es ungeachtet deer Aufhebung dieses Erlasses jene Religionslehrer, welche die Fragestellung in einer solchen Weise vornehmen, daβ sich irgendeine Partei dadurch unter einen gewissen Zwang gestellt fühlt, in Disziplinaruntersuchung ziehen und bestrafen werde.  

Bibliographic Information
Publication Date: 
Dienstag, den 25. Mai, 1926
Publication Place: 
Wien