Fabrikausgang (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.
The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Bleigraue Schatten zittern durch die Luft. 
Aus hohen Essen quillt ein blauer Duft.
Durch Steingefüge dröhnt der Hämmer Ton,
Um Erzgerüst schwirrt dumpf die Transmission, 
Schwirrt stumpf und dumpf, noch eh' die Sonne kam, 
Bis daß der Tag verglüht in Zorn und Scham, 
Bis daß die Nacht barmherzig deckt die Qual. 

Ein Glockenzeichen gellt im Arbeitssaal. 

Da stockt der Lärm – und kreischend geht das Tor:

Ein Jüngling stürmt, ein Knabe fast, hervor; 
Im staubigen Rock, die Mütze tief im Genick,
Ein frohes Leuchten noch im Kinderblick, 
Staunt er die Welt wie neugeboren an – 
Da schiebt ihn seitwärts schon sein Nebenmann.

Da drängt's hervor, wie flügellahme Brut, 
Da wächst und wogt des Elends graue Flut.

Mit bangem Blick die blasse Mutter hier, – 
Zu Hause weint der Säugling schon nach ihr,
Das Mädel dort, Chrisanthemum am Hut, 
In flacher Brust erlogne Liebesglut, – 
Das frech vertraut dem nächsten Burschen nickt, – 
Der Mann, der stieren Auges vor sich blickt, 
Und nun der Greis, der matt nach Hause wankt 
Und für den Hungerlohn dem Schöpfer dankt . . .

Des Landes Mark, der Großstadt Kraft und Glut 
Verschlingt des Elends uferlose Flut.

Mit müdem Schritt, die Stirn gesenkt und schwer, 
Zur Heimstatt zieht der Arbeit Sklavenheer,
Zu kurzer Rast, daß schlafgestärkt die Kraft
Beim nächsten Morgengraun aufs neue schafft.
Mit frischer Gier, mit nie gestillter Wut 
Trinkt die Maschine ihres Herzens Blut, 
Vorüber ziehn in seltsam scheuer Hast, 
Sie an der Arbeitsherren Prunkpalast: 
Den Tisch, der dort vor Überfülle bricht, 
Sie deckten ihn, doch ihnen blüht er nicht . . .

Zwei Männer nur, den Hammer in der Hand, 
Hemmen den Blick und starren unverwandt 
In all den Glast, der Freude goldnen Sitz;
Aus ihren Augen zuckt des Hasses Blitz. –
So blickt der Leu, wenn sich die Schlange regt,
Sie wissen wohl, wohin ihr Fuß sie trägt. 
Sie schau'n ihr Ziel, so sternenlicht und weit...
Und um sie braut die große Einsamkeit 
Die schwere Ruh. –

Vom Himmel dichtgedrängt
Die schwarze Wolkenmasse niederhängt, 
Indes am freien Horizont verloht 
Sturmdunklen Blicks ein blutig Morgenrot.

Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main