Einstens lebt ich süsses Leben (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Einstens lebt ich süßes Leben, 
denn mir war, als sey ich plötzlich 
nur ein duftiges Gewölke. 
Über mir war nichts zu schauen 
als ein tiefes blaues Meer 
und ich schiffte auf den Woogen
dieses Meeres leicht umher.

Lustig in des Himmels Lüften 
gaukelt ich den ganzen Tag, 
lagerte dann froh und gaukelnd 
hin mich um den Rand der Erde, 
als sie sich der Sonne Armen 
dampfend und voll Gluth entriß, 
sich zu baden in nächtlicher Kühle, 
sich zu erlaben im Abendwind.
Da umarmte mich die Sonne, 
von des Scheidens Weh ergriffen,
und die schönen hellen Strahlen 
liebten all und küßten mich. 
Farbige Lichter 
stiegen hernieder,
hüpfend und spielend,
wiegend auf Lüften 
duftige Glieder.
Ihre Gewande 
Purpur und Golden 
und wie des Feuers 
tiefere Gluthen.

Aber sie wurden 
blässer und blässer,
bleicher die Wangen, 
sterbend die Augen. 
Plötzlich verschwanden
mir die Gespielen, 
und als ich traurend 
nach ihnen blickte,
sah ich den großen 
eilenden Schatten, 
der sie verfolgte, 
sie zu erhaschen. 
Tief noch im Westen 
sah ich den goldnen
Saum der Gewänder. 
Da erhub ich kleine Schwingen, 
flatterte bald hie bald dort hin,
freute mich des leichten Lebens, 
ruhend in dem klaren Aether.

Sah jetzt in dem heilig tiefen 
unnennbaren Raum der Himmel
wunderseltsame Gebilde 
und Gestalten sich bewegen. 
Ewige Götter 
saßen auf Thronen
glänzender Sterne, 
schauten einander 
seelig und lächelnd. 
Tönende Schilde, 
klingende Speere 
huben gewaltige, 
streitende Helden; 
Vor ihnen flohen 
gewaltige Thiere, 
andre umwanden 
in breiten Ringen 
Erde und Himmel, 
selbst sich verfolgend
ewig im Kreise. 
Blühend voll Anmuth
unter den Rohen 

Hin zu den Kindern 
wollt ich nun flattern,
mit ihnen spielen
und auch der Jungfrau
Sohle dann küssen. 
Und es hielt ein tiefes Sehnen 
in mir selber mich gefangen. 
Und mir war, als hab ich einstens 
mich von einem süßen Leibe
los gerissen, und nun blute
erst die Wunde alter Schmerzen. 
Und ich wandte mich zur Erde, 
wie sie süß im trunknen Schlafe
sich im Arm des Himmels wiegte
Leis erklungen nun die Sterne, 
nicht die schöne Braut zu weken, 
und des Himmels Lüfte spielten 
leise um die zarte Brust.
Da ward mir, als sey ich entsprungen
dem innersten Leben der Mutter,
und habe getaumelt 
in den Räumen des Aethers,
stand eine Jungfrau,
Alle beherrschend.
Liebliche Kinder 
spielten in mitten 
giftiger Schlangen. – 

Farbige Kelche 
duftender Blumen
faßten die Thränen, 
und ich durchdrang sie, 
alle die Kelche, 
rieselte Abwärts
hin durch die Blumen,
tiefer und tiefer, 
bis zu dem Schooße 
hin, der verhüllten 
Quelle des Lebens.

ein irrendes Kind. 
Ich mußte weinen,
rinnend in Thränen 
sank ich hinab zu dem Schooße der Mutter

Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main