An einen guten Freund / Welcher mit der Königin Anna Exempel der Weiber Unbeständigkeit beweisen wolte (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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An einen guten Freund / Welcher mit der Königin Anna[1] Exempel der Weiber Unbeständigkeit beweisen wolte (Poem)
 
Der Weiber Unbestand ist noch nicht gnug bewiesen /
Wenn Englands Anna nur zum Beyspiel dienen soll /
Drum wird / geehrter Freund / dich dieses nicht verdriessen /
Wenn dieser kleine Brieff ihr Thun entschuldgen soll.

Schau die Regierung an / die sie bißher geführet /
Thuts nicht ihr kluger Sinn gar vielen Männern vor?
Sie zeigte ihre Treu / wo sichs mit recht gebühret/
Wenn Ludwig als ein Mann so Schaam als Treu verlohr.

Sie hieß in aller Welt das Wunder dieser Zeiten /
Man wuste keine Frau / die iemahls so regiert /
Sie kunte um das Lob mit vielen Helden streiten /
Weil sie sich ie so klug als tapffer aufgeführt.

Der Friede krönte sie / sie war die Lust des Landes /
Ihr dreyfach grosses Reich war unter ihr recht frey /
Die Völcker freuten sich des angenehmen Bandes /
Weil ihre Königin drey Cronen würdig sey.

Die Nachbarn liebten sie / weil ihre Feinde bebten /
Europa hielte sie vor ein vollkomnes Gut /
Weil durch sie Könige und Fürsten ruhig lebten /
Ja ieder Theil der Welt wust ihren Löwen-Muth.

Kurtz / was der gröste Held und König kan erlangen /
Das traf man wundersam bey unsrer Anna an /
Es kont ihr hohes Haupt mit solchen Gütern prangen /
Die kaum der zehnde Mann mit Müh erlangen kan.

Das machte ihre Treu und ihr beständigs Wesen /
Und daß sie selbst regiert / dahero irrstu dich /
Mein Freund / indem dein Brief das Widerspiel läst lesen /
Es ist ein falscher Rath / nicht sie / veränderlich.

Fürwahr du schlägst dich selbst mit deinen eignen Worten /
Weil du von Annen schreibst / was Männer doch gethan /
Was Bullingbrock[2] verübt / und dessen Schand-Consorten /
Geht nicht die Königin und ihr Gemüthe an.

Sie hat es zwar versehn / daß sie zu viel getrauet /
Doch mein / wer ist wohl frey vor übertünchter List /
Da viele Könige auf Diener Treu gebauet /
Die endlich zum Betrug und Falschheit worden ist.

Ich wolte also wohl mit besserm Rechte sagen /
Das weibliche Geschlecht sey standhafft / fromm und treu /
Man könte über euch mit mehrerm Grunde klagen /
Daß kaum von hunderten ein Mann beständig sey.

Allein ich will das nicht / ich schone dein Geschlechte /
Da du / geehrter Freund / voll Treu und Ehrlichkeit /
Und mache diesen Schluß: Die Treue heist mit Rechte
Bey Manns- und Weibes-Volck die gröste Seltenheit.

Hiemit beschliesse ich die wenigen Gedancken /
Gefallen sie dir nun / so ändre deinen Sinn;
Doch wirst du auch gleich nicht von deiner Meynung wancken /
So wisse / daß ich dir mit Treu ergebenbin[3].


[1] Königin Anna Stuart (1665-1714)
[2] Bolingbroke = engl.  Staatsman und Schriftseller (1678-1751)
[3] s. Anm. 2, S. 98
Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main