An einen bekannten Freund (Poem)

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This text comes from a collection of German-speaking women's literature entitled "Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Gedichte und Lebensläufe. Herausgegeben und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler." This text was graciously donated to the Sophie library by Gisela Brinker-Gabler.

The Foreword and Introduction may be read HERE.
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Er höre werther Freund / was sich unlängst begeben /
Als ich bey Sonnenschein in unserm Garten saß /
Da sah ich in der Lufft ein kleines Vöglein schweben /
Das senckte sich zu mir hernieder in das Gras.

Ich fieng es eilend auff / mich dessen zu bedienen /
Stat eines Botens / doch es war mir zugeschwind:
Denn ehe ich michs versah / so schwermten unsre Bienen /
Indessen flogs davon / gleich wie der schnelle Wind.

Da war mein Anschlag aus: Was (dacht ich) kanstu machen /
Es ist nu allzuspät / der Bote ist schon fort /
Der mir kan dienlich seyn in so geschwinden Sachen /
Und mir den kleinen Brieff hintragen an den Ort.

Wo Fürst Apollo selbst hat seinen Sitz genommen /
Und wo Minerva kehrt zusampt den Musen ein /
Dahin auch mancher Freund der Pierinnen[1] kommen /
und mein Herr – itzt wird anzutreffen seyn.

Was kan ich nu dafür das mirs nicht angegangen /
Wie ichs bey mir bedacht? Die Schuld ist itzt nicht mein /
Werd' ich den fliegenden Postreuter wieder fangen /
So soll er alsbald in seinen Diensten seyn.

Und über Berg und Thal sich eylend zu Ihm schwingen /
Und wenn er ihm den Gruß und Brief hat zugestellt /
So soll er uns von Ihm auch wieder Zeitung bringen /
Obs ihm noch wohl ergeht / und wie es ihm gefällt[2].
 


[1] Pieriden = Beiname der Musen
[2] Die Stropheneinteilung ist im Original nicht vorgeben; es handelt sich um eine poetische Epistel (Breifgedicht), eine bis ins 19. Jahrhundert übliche Dichtungsform.
Bibliographic Information
Editor: 
Gisela Brinker-Gabler
Publication Date: 
1991
Publication Place: 
Frankfurt am Main