Ein wîplîch wîp in zühten sprach (Poetry)

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This text was digitized and graciously donated to Sophie by Dr. Albrecht Classen, University of Arizona. This particular work has been extracted from Classen's Frauen in der deutschen Literaturtgeschichte; the full text is available on this site.

Textprobe des Originals:
 
1. Ein wîplîch wîp in zühten sprach
zir tohter, der si schône phlac:
‘wol mich, daz ich dich ie gesach!
gehœhet sî der süeze tac,
dâ dîn geburt von êrste an lac,
sît ich mit ganzer wârheit wol
mit wîser volge sprechen mac,
dîn anblic sî eins meien zît.
got sul wir immer gerne loben,
     der alsô rîche gâbe gît’

Text: 
1. Eine damenhafte Frau sagte sehr fürsorglich
zu ihrer Tochter, um die sie sich sehr bemühte:
‘ein Glück, daß ich dich je erblickt habe!
gepriesen sei der Tag,
an dem du geboren wurdest,
weil ich völlig aufrichtig
und in kluger Weise sagen kann,
daß dein Anblick wie die Maienzeit wirkt.
Gott müssen wir immer freudig loben,
der solche reiche Gaben verschenkt.’
 
[Tochter]
2. ‘Dem folge ich dir, liebe Mutter,
ich lobe ihn, so gut wie ich kann.
Er soll meinem Verstand helfen,
daß ich mit Ehrfurcht zu ihm emporbli />
wenn dein weibliches Ansehen [Tugend] und  alles andere
durch dein Verhalten untergraben würde.
Gott möge uns beide davor bewahren,
dazu die Kraft seiner lieben Mutter [Maria],
daß du immer von dieser Gesinnung geleitet werden wirst.’
 
[Tochter]
4. ‘Gib Rat, liebe Mutter, und sprich,
was deine Meinung ist:
ich habe mich fest dazu entschlossen,
dir in allem zu folgen.
Die Jugend will froh und frei sein,
von beidem habe ich mich gelöst.
Der Übermut schadet zweifach der Ehre.
Ich will mein Herz demütigen.
Wenn eine Frau ins Gerede kommt,
kann sie nur mühsam ihr Ansehen wieder gewinnen.’
 
[Mutter]
5. ‘Liebes Kind, sei nur frohgemut,
aber lebe dabei tugendhaft,
dann wird dein Ansehen den Besten lieb sein
und wird dein Rosenkranz [Symbol für Keuschheit] gerade sitzen.
Denjenigen, die nach öffentlichem Ansehen streben,
sollst du den ihnen zustehenden Gruß geben,
und bewahre in deinem Herzen
Schamhaftigkeit und Mäßigkeit im steten Bemühen.
Wirf nicht zu viele wilde Blicke um dich,
wenn freche Spione bei dir sind.’
 
[Tochter]
6. ‘Scham und Mäßigkeit sind zwei Tugenden,
durch die wir Frauen hohes Ansehen gewinnen.
Wenn sie mir Gott in meiner Jugend schenken will,
so grünt mein Zweig des Glückes
und kann voll Anstand grau [alt] werden.
Liebe Mutter, unterrichte mich
weiter mit deinenWorten (ich bin nicht klug),
was die wilden Blicke sind,
wie und wo ich sie vermeiden soll,
damit ich nicht durch sie zu kühn werde.’
 
[Mutter]
7. ‘Sie heißen zu recht wilde Blicke,
wie ich es am Hof gelernt habe,
weil eine Frau sich davor hüten soll,
daß sie nicht ihre Blicke frei schweifen läßt,
als ob sie von unsteter Gesinnung wäre,
denn dies geschieht wegen fehlender Mäßigkeit.
Lobpreisung bedeutet [dieser Frau] nichts:
die Spione merken [leicht] unser Verhalten.
Beherrsche deine Augen dafür besser,
das rate ich dir, Tochter, und bitte dich darum.’
 
[Tochter]
8. ‘Wirklich, Mutter, ich muß dir sagen,
wie wenige Jahre ich auch erst zähle,
daß mir die Art nicht gefällt
in der eine Frau mit ihren Augen auf und ab
und überall hin ihre Blicke schweifen läßt wie einen Ball,
und dabei auch viel lacht:
diese Frau macht ihrer Familie Ehre.


Ich glaube auch, daß die Gesinnung von einer Jungfrau,
die ohne Scham erzogen wird,
sich oft an ihrem Verhalten zeigt.’
 
[Mutter]
9. ‘Wenn kluge Worte die Taten begleiten,
dann sind die Sinne nicht getäuscht,
folgen aber diesen [Worten] keine Taten,
dann sind diese klugen Worte Lügen.
Wenn ein Vogel zu früh vom Nest wegfliegt,
wird er leicht ein Spiel für Kinder:
die Federn werden ihm ausgezogen.
Das kann [auch] dir, liebes Kind, passieren,
wenn du in deiner Jugend [zwar] kluge Worte besitzt
und dich doch töricht in deinem Verhalten zeigst.’
 
[Tochter]
10. ‘Wenn meine Worte klug sind, ohne von Taten getragen zu werden,
dann lobe ich das nicht: es taugt nichts.
Was nützt mir ein goldener Berg,
an dem ich mich nicht erfreuen kann?
Ein helles Auge, das nichts sieht,
weist selten einen guten Weg.
Was, wenn mir das Glück geschieht,
daß ich in beiderlei Hinsicht Erfolg habe
und deiner Lehre so folge,
daß ich mangelhafte Tugend vermeide?’
 
[Mutter]
11. ‘Gott gebe, daß es dir so ergehe,
wonach deine Absicht und deine Gedanken streben.
Welche andere Freude wollte ich dann haben,


wenn dein Ansehen nicht durch dein Fehlverhalten sinkt?
Dafür werden dich die Besten preisen.
Weißt du nicht, wie die süße Jungfrau
Lûnete durch ihre Tugend nach Ansehen strebte?
Auch du kannst das leicht schaffen,
wenn man an dir nicht bemerken wird,
daß du weibliche Tugend mutwillig brichst.’
 
[Tochter]
12. ‘Diese Diskussion möge beendet sein:
überantworten wir sie [die Entscheidung] der Öffentlichkeit,
auf daß diese umso mehr davon profitiere.
Unterrichte mich darin, wie man ein ehrenvolles Leben führt,
wie man sich angemessen verhalten und sprechen soll,
auf daß ich einen guten Eindruck auf die Weisen mache.
Ich würde es mir nie verzeihen,
wenn ich mich nicht nach deinem Willen richte,
dann wärst du von jeglicher [elterlichen] Pflicht entbunden
und wäre ich allein schuldig.’
 
[Mutter]
13. ‘Sei zuversichtlich, liebe Tochter,
daß sich die Sinne um deinen Anstand kümmern werden.
Sei von beständiger Haltung, sei im Herzen gut,
dann bekommst du den Segen von guten Leuten.
Wenn du die Tugend hochschätzt,
wird dir von vielen tüchtigen Männern
alles Gute gewünscht.
Wenn du voll Freuden alt werden solltest,
dann wird wegen deiner Schönheit, die du besitzt,
ein ganzer Wald verschwendet.’
 


[Tochter]
14. ‘Mutter, würde mir das Ehre einbringen,
wenn man wünscht, daß ich auf dem Stroh liege?
Darauf würde ich gar nicht achten,
das geschehe ihm (dem Mann) ganz recht.
Ich will in Anstand froh sein,
wie es meinem Alter zusteht,
will mein Ansehen voll Ehren steigern,
wie es die angesehenen Menschen stets gewollt haben.
Ich will ganz unschuldig daran sein,
wenn man danach verlangt, daß ich auf dem Gras liege.’
 
[Mutter]
15. ‘Gedanken sind bei Menschen frei
und die Wünsche ebenso: weißt du das nicht?
das kannst du daran gut erkennen,
wenn man je eine schönere Frau sieht,
der man in tugendhafter Weise Ehre zuspricht,
dann soll man ihr gratulieren, wenn sie sich nicht weiter vergeben hat. 
Wenn ein Mann irgendwie nach Liebe strebt,
verlangt ein jeder das Allerhöchste.
Wenn man dann oft an dich denkt
und nach dir verlangt, dann bist du es wert.’
 
[Tochter]
16. ‘Ich will mich immer darum bemühen,
die Anerkennung der Würdigen zu gewinnen.
Die Unwürdigen verachte ich,
von denen man sah, wie sie eine schlechte Tat begingen.
Vor einiger Zeit sagte ein kluger Mann:
durch jämmerliche Heimlichkeit wird man krank,
sie bringt Schande und Unwohlsein.


Viele Männer mögen sich um mich bewerben,
wer aber meinen Kranz erhalten soll,
der muß ganz ausgezeichnet sein.’
 
[Mutter]
17. ‘Da sprichst du recht, mein liebes Kind:
ich freue mich über deine klugen Worte.
Wer weiß heute, wo die Standhaften sind?
Die Männer sind ganz unzuverlässig,
sie tragen Tarnkappen.
Die meisten Menschen können
guten Frauen liebliche Worte sagen,
aber größtenteils nicht ohne damit zu schaden.
Wenn dich ihre Kappenseiten schneiden,
mußt du deine Wangen [in Tränen] baden.
 
[Tochter]
18. ‘Was achte ich auf ihre Kappen,
mit denen sie ihre Freunde täuschen?
Ich traue [allein] meinem beständigen Herzen.
Mich täuschen nicht ihre Manöver.
Ich will mein beständiges Herz inständig bitten,
daß es mich vor ihrer bösen Tat schützt.
Ich fürchte nicht ihre glänzenden Schnitte,
denn sie werden mich vorbereitet finden,
auf daß mich nicht ihre frechen Worte trügen.
Gott gebe ihnen allen eine gute Nacht.
 
19. Sie sagen, wir Frauen haben wenig innere Stärke
und alle von uns [tragen] langes Haar.
Viele [Frauen] verhalten sich leider dementsprechend,
und bewahrheiten damit diese Behauptung.


Wie es auch um die Untreue der Männer bestellt sein mag,
so sollten doch wir Frauen beständiger sein
—wenn ich es mit freundlichen Worten zu sagen wage—
und ihnen gegenüber insgesamt Haß empfinden,
die nicht ihren Anstand gegen uns bewahren:
dann würden sie uns eher verschonen.
 
20. Es ist ein althergebrachter Brauch,
der vor vielen Jahren und Tagen gepflegt wurde,
daß man die Frauen freundlich bitten
und Liebe für sie im Herzen empfinden soll.
Deswegen sollen sie [die Frauen] aus Anstand [den Antrag] abschlagen
oder so verständig den Wunsch erfüllen,
daß sie es hernach nicht beklagen müssen.
Späte Reue taugt gar nichts,
folgt ja der Spott der Unbeständigen sogleich nach,
sobald der Schaden eingetreten ist.’
 
[Mutter]
21. ‘Du bist in deinem Denken auf dem richtigen Weg:
darüber freue ich mich, mein liebstes Kind.
Bemüh dich weiterhin um diese Denkweise,
damit dich die Liebe nicht blind macht.
Viele kluge Herzen sind von ihrer Macht
entbrannt, das weiß ich wohl.
Binde diese Worte nicht an die Beine [d.h. mißachte sie nicht].
Willst du dich vor ihrer Macht hüten,
dann muß Gott dein junges Leben
mit seiner Kraft bewahren.’
 
[Tochter]
22. ‘Mein Herz muß ich selbst erkennen:


Die Macht der Liebe ist mir unbekannt.
Ich sage es, ohne dafür gerühmt zu werden,
daß ich noch nie von ihren Strahlen verletzt wurde
und lebe bis heute gesund und frei von jeglicher Not.
Frau Liebe kennt die Herzen gut,
die sie bis in den Grund hinein zwingen kann.
Ich besitze nicht ein solches Herz,
das angesichts der Meisterschaft der Liebe
in seiner Würde verzagt.’
 
[Mutter]
23. ‘Wenn die Kraft von hunderttausend Herzen
in einem Herzen ruhen könnte,
so kann doch ihre unbegrenzte Macht [der Liebe]
in kurzer Zeit siegen.
Sie hat viele starke Herzen überwunden:
So klug auch König Salomon war,
so mußte doch [die Liebe] nicht auf sein Herz verzichten.
Wenn sie sich in dein Herz schleichen will,
dann kannst du dich nicht dagegen wehren,
es sei denn, wenn allein Gott dich davor schützt.’
 
[Tochter]
24. ‘Du sprichst, Mutter, so als ob
dich ihre Kraft getroffen hätte.
So groß auch ihre Gewalt sein mag,
so werde ich mich doch gegen sie wehren.
Ich lasse mich eher zu Grabe tragen,
als daß sie mein Herz gewaltsam
wie der hölzerne Rahmen eines Spiegels erfaßt.
 
 


Wenn sie aber hineinkommt und abschließt,
werde ich es genießen oder ich sterbe,
so sagt mir dann, was ich tun [soll].’
 
[Mutter]
25. ‘Du sagst, sie habe mich früher schon
in meiner Jugend berührt.
Auch wenn es sich so zugetragen hat,
will ich dir nicht viel davon sagen.
Genauso wie wenn der Hund den Hirsch jagen will,
vermag er sich kaum diesem Wunsch entziehen,
falls er irgendeinen Genossen bei sich hat.
Wen die hohe Liebe besiegen will,
der soll schlechtes Verhalten unterlassen
und sich für die Würdigen würdig machen.’
 
[Tochter]
26 ‘Bin ich dir irgendwie lieber,
wenn die Liebe mich beherrscht
und dies gegen meinen Willen geschieht?
Ich will nicht im Zweifel verharren:
sage mir, was du willst,
dafür werde ich dir immer verpflichtet sein.
Wenn es mir gut geht, wirst du Ansehen davon gewinnen.
Ich habe meine Absicht darauf gerichtet,
daß mir das alles gut erscheinen soll,
was dir an mir gut gefällt.’
 
[Mutter]
27. ‘Ich will dir meinen Willen kundtun,
das sollst du gut verstehen:
wenn du ein keusches Herz besitzen willst,


wirst du dafür Lob und Ehre genießen.
Wenn dir die Liebe dies nicht gewährt
und dich mit Gewalt dazu zwingen will,
daß du einen Mann liebst,
der voll Freuden ist und Ehre genießt,
soll der doch nach meiner Meinung
von dir nicht abgewiesen werden.’
 
[Tochter]
28. ‘Ich will dir darauf meine Treue geben,
die die christliche Ehre geschaffen hat,
solange ich [immer noch] einen Tag leben soll,
mißachte ich niemals deinen Rat.
Wenn mich die Liebe nicht verschont,
und sie mag meine Sinne [noch] schlimmer
bedrängen, als es ihrem Anstand gut tut,
so will ich, liebste Mutter,
falls du dieses Verhalten an mir erkennst,
daß du mich mit Schnüren festbindest.’
 
[Mutter]
29. ‘Ich will dich, Tochter, nicht behüten:
deine stete Gesinnung muß dich behüten.
Wenn du von Liebe bezwungen wirst
und der Fuß dich zum Walde lenkt,
dann möge dich deine Standhaftigkeit davon abbringen.
Wenn sie [die Liebe] dich mit ihrer Gewalt besiegt,
dann verdienst du die Anerkennung der werten Menschen.
Die Aufmerksamkeit beachtet oftmals die Gefahr.
Wer sich um etwas anderes kümmert als er soll,
der will die Schande nach Hause einladen.
 


30. Eine reine und tugendhafte Frau,
die sich gut um ihr Ansehen kümmern kann
und nichts anderes als standhafte Treue verlangt,
die soll man sich selbst verteidigen lassen.
Man soll auf diejenige Frau aufpassen,
die von törichter Gesinnung ist
und nicht ihr eigenes Ansehen anstrebt.
Man kann an ihr erkennen,
wohin sie in ihrem Gutdünken strebt,
so daß ihr sogleich etwas Schlimmes passieren kann.
 
31. Die Fürsorge ist keine schwere Last,
wenn ein Freund den Rat eines anderen gerne annehmen will.
Gibt er dies mit dem Herzen zu erkennen,
so daß er solch eine Übeltat verhindert,
die seine Ehre mindern könnte,
dann empfindet der Helfer eine freudige Stimmung,
wenn man seiner Empfehlung folgt.
Derjenige, dessen weiser Rat nicht befolgt wird
und der sich um seinen Freund kümmern soll,
der zähmt leichter wilde Bären.
 
32. Die Fürsorge schadet dem Ansehen von Frauen,
wo sie mit falscher Absicht durchgeführt wird.
Noch nie ist etwas Gutes daraus entstanden.
Gezwungene Liebe taugt gar nichts,
denn sie verleiht keine frohe Stimmung.
Die Liebe soll vom Herzen kommen
und mit beständiger Treue verbunden sein
auf jeden Verlust und Gewinn.
Die andere Liebe ist schlüpfrig
wie ein Eis, man rutscht hierhin und dorthin.


33. Nun lassen wir die Fürsorge [Erziehungsfragen] sein
und sagen mehr von der Liebe.
Wenn du dich vor ihrer Macht bewahren kannst,
wie du mir vorhin gesagt hast,
dann will ich ihr, deren Kranz schöner steht,
mein Kind, als deiner,
nämlich in der [Gesellschaft], wo man edle Menschen bewundert,
den Vorzug neidlos zugestehen.
Es mag zwar eine Frau noch schöner sein,
es gibt aber keine, die einen besseren Anstand genießt.’
 
[Tochter]
34. ‘Du lobst mich, meine liebe Mutter,
wie eine Mutter ihr Kind loben soll.
Du liebst mich von ganzem Herzen,
und ich bin eine Freude für deine Augen.
Meine Treue zu dir ist auch nicht hohl.
Du bist mir lieber als das Leben.
Mein Herz ist von Liebe erfüllt.
Jetzt sage mir, ob es die Liebe [Minne] gibt
und hier bei uns auf der Erde vorhanden ist
oder über uns in der Luft schwebt.’
 
[Mutter]
35. ‘Ein kluger Mann namens Ovid
berichtet uns von ihren Wundern.
Er sagt, sie sei Venus genannt,
sie verletze süße Herzen
und heile diese ganz nach ihrer Laune
und mache sie darauf wieder krank.
So ist ihr wechselvolles Verhalten alle Zeit.
Man kann ihrem Vorhaben nicht entkommen.


Sie bewegt sich unsichtbar wie ein Geist
und hat weder nachts noch tagsüber jegliche Ruhe.’
 
[Tochter]
36. ‘Da alle Herzen ihrem Gesetz folgen,
will ich ihr nicht meine Anerkennung versagen.
Helle Augen werden leicht rot,
wenn die vom hohen Stand diejenigen vom niederen lieben,
von denen kein Ansehen erworben werden kann.
Sollten aber die Edlen die Unedlen lieben,
dann hat sich Gott etwas Seltsames ausgedacht,
der ihr [der Liebe] so viel Macht verlieh.
Die Edlen sollten Edle lieben,
die Unedlen die Unedlen, das wäre besser.’
 
[Mutter]
37. ‘Auf welchen hohen Pfaden wandelt die vornehme Minne!
Sie bemüht sich nicht ohne Absicht darum:
zeichnen sich die [Nichtadeligen] durch hohe Tugenden aus,
bei denen sie aber merkt, daß sie in ihrer Bildung vornehm sind,
die zieht sie so hoch mit sich,
wodurch sie niedere Gesinnung verschmähen.
Sie unterläßt es auch nicht wegen der Drohung eines Fürsten
und verbindet ein Herz mit einem anderen,
wie es ihr nach ihrem Willen gefällt.
Um die Unwürdigen kümmert sie sich kaum.’
 
[Tochter]
38. ‘Wirklich, sie würde mir Gewalt antun,
wenn sie meine Gesinnung zwingen würde,
so daß mein Herz so keck würde
und mir Schaden an meiner Seligkeit antäte


und auch gegen meine Absicht,
wodurch mein Ansehen geschwächt werden würde,
wovon ich bisher verschont geblieben bin.
Wenn ihre Gewalt mich nicht unberührt lassen will,
so dränge mich dazu, das von ihr herrührende Ansehen zu erwerben:
danach muß ich unterwürfig streben.’
 
[Mutter]
39. ‘Ich will dir, liebe Tochter,
mehr von den hohen Eigenschaften der edlen Liebe sagen,
wie es um ihr Verhalten steht.
Sie will nicht ein Herz unterstützen,
das von falschen Werten bestimmt ist.
Dort hinein will sie ohne Zweifel nicht hingehen
weder in der Nacht noch am Tag.
Das Herz muß innen gereinigt sein,
bevor die Liebe außen anklopft.
Wenn dies der Fall ist, setzt sie sich hinein.’
 
[Tochter]
40. ‘Obwohl ich den Jahren nach noch ein Kind bin,
habe ich [doch] gehört und gesehen,
was oft in Heimlichkeit geschehen ist,
was zum Teil keine Ehre einbrachte,
auch wenn diese Sachen noch dreimal geschehen.
Wenn die Liebe daran schuld ist,
dann sage ich ihr auch meine Treue auf.
sie soll nicht zulassen, daß ein edles Herz
ein unedles Herz liebt, das der Tugend ermangelt,
und hohe Liebe einem niederen [Herzen] gewähren.’
 
 


[Mutter]
41. ‘Die Keckheit verursacht eine falsche Haltung.
Daran ist die Liebe unschuldig.
Wer seinem eigenen Recht Schuld zufügt,
der vermag sich nicht um sein eigenes Ansehen zu kümmern.
Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg.
Jeder versucht, ob er [den richtigen] finden kann;
dies geschieht sehr schnell.
Wer sich einem Gaukelwerk hingibt,
von dem entfernt sich die Liebe,
denn sie beurteilt die Herzen nach ihrenTugenden.’
 
[Tochter]
42. ‘Wenn die Liebe eine so hochgepriesene Art an sich hat,
wie du mir eben gesagt hast,
dann wäre es ein Fehler,
wenn ich mich noch länger dagegen wehren würde.
Da ihr Hof hohe Anerkennung besitzt,
will ich dort ein Mitglied sein.
Wenn es dein Wille und auch deine Empfehlung ist,
dann belehre mich in ihrer Regel,
falls sie mich in ihre Schule nimmt,
damit es meinem Ansehen guttut.’
 
[Mutter]
43. ‘Du hast es dir vernünftig überlegt:
Den [guten] Ausgang wünsche ich dir sehr.
Wenn du auf meine Rede hin
mit Taten folgen kannst, wäre das gut.
Ich beherrsche alle Minneregeln:
in denen will ich dich unterrichten
und beginne gleich mit der ersten.



Eine Frau, die Ansehen und Anerkennung genießt,
die soll eine andere nicht um [das gleiche] beneiden,
und sie soll auch von bösen Taten frei sein.
 
44. Die andere Regel belehrt uns
(nun achte darauf, was ich dir sagen will):
wir sollen uns jederzeit darum bemühen,
daß wir den weisen Menschen gut gefallen
und uns von den mißgünstigen schlechten Kerlen entfernen,
die auf das Ansehen von Frauen neidisch sind
und Eiter auf der Zunge tragen.
Wir sollen die Worte bedächtig behandeln
und dort grüßen, wo wir grüßen sollen.
Sieh, das ist der Schutz von weiblichem Ansehen.
 
45. Die dritte Regel sagt uns,
daß wir im anständigen Benehmen frohgemut sein sollen,
ganz ohne Neid, ganz ohne Haß,
in weiblicher Sitte, in weiblichen Dingen,
dabei tugendhaft wohlgestimmt.
Wenn wir stets diesem Rat folgen,
dann behütet uns die Glückseligkeit,
so daß uns kein Wetter beschmutzen kann.
Mit Ehren gehen wir zu Bett
und tragen am Tag keinen Schleier.’

FRAGEN ZUM TEXT:
 
— Welche eine Beziehung gestaltet das Mutter–Tochter Gespräch?
 
— Welche Rolle nimmt die Liebe in dem Dialog ein?
 
— Was denkt die Tochter über Liebe?
 
— Was weiß die Mutter von Liebe bzw. welche gesellschaftliche Rolle schreibt sie diesem Phänomen zu?
 
— Welches sind die größten Gefahren für Frauen, ihr Ansehen in der Gesellschaft zu verlieren?
 
— Von wem werden die sozialen Normen bestimmt?  Nach wem soll sich die Tochter in ihrem Verhalten richten?
 
Läßt sich wirklich nicht aufgrund der Textaussage bestimmen, ob eine Frau als die Dichterin bestimmt werden kann?

 
Bibliographic Information
Author: 
Editor: 
Dr. Albrecht Classen
Translator: 
Dr. Albrecht Classen